Apr 242018
 

Seit 2014 habe ich mich intensiv mit der Offenbarung des Johannes beschäftigt, habe über diese Schrift nachgedacht und über sie gepredigt. Nicht über ausgewählte Häppchen, sondern über den ganzen Text. Und im Lauf der Zeit wuchs in mir die Überzeugung, dass dies in mehrfacher Hinsicht ein Schlüsseltext ist. Warum? Zunächst einmal ist das Buch der Abschluss der ganzen christlichen Bibel. Und wenn wir die Bibel als Gesamtheit ernst nehmen, dann sind Anfang und Ende Positionen, die noch einmal ein besonderes Gewicht haben. Für die Schöpfungsgeschichte würden wir das ja auch sofort zugeben. Es ist erstaunlich, wie viele im Vergleich dazu mit der Offenbarung fremdeln. Damit es nicht bei diesem eher formalen Argument bleibt: In der Offenbarung geht es noch betonter als in vielen anderen Teilen der Schrift um die Gegenwart. Die Offenbarung ist ein Ausblick auch in die nachbiblische Zeit. Die Praxis der Gemeinden in der Zeit nach Jesus ist ausdrücklich das Thema. Deshalb stehen in den Kapiteln 2 und 3 die sieben Sendschreiben an sieben kleinasiatische Gemeinden, die letztlich für die Kirche insgesamt stehen. Die Offenbarung stellt – das ist ihr spezielles Anliegen – die Praxis dieser Gemeinden in einen globalen Horizont. Sie beschreibt die Rahmenbedingungen, unter denen seither christliche Gemeinden leben und arbeiten. Welche sind das? Die Offenbarung beschreibt eine Welt, die von dramatischen Erschütterungen und zerstörerischen Konflikten gezeichnet ist. Das war auch der Grund, weshalb ich mich auf den Weg durch dieses Buch gemacht habe: ich wolte den Hintergrund der Konflikte verstehen, die uns – gefühlt vielleicht seit Beginn des neuen Jahrtausends – immer heftiger auf den Leib rücken. Wichtige, aber nicht einzige Wegmarken waren für mich dabei die Finanzkrise von 2008 und der arabische Frühling 2011 mit all seinen Folgen, einschließlich des schrecklichen syrischen Bürgerkrieges. Und natürlich das Aufkommen eines neuen Autoritarismus weltweit und auch in […]

Apr 092018
 
Rückblick auf 2 1/2 Jahre mit Geflüchteten (2):<br />Internationale Gemeinde auf dem Land

Schon 2015 waren wir in der Gebläsehalle mit christlich orientierten Iranern in Kontakt gekommen. Sie waren nicht vor Krieg geflohen, sondern vor der Repression in ihrem Heimatland. Hier suchten sie nach Anschluss an eine Gemeinde, und weil sie mich aus dem Camp kannten und unsere Kirche gleich in der Nachbarschaft war, kamen sie auch zu uns in den Gottesdienst. Ich habe es damals sehr bewundert, dass sie, obwohl sie ja zunächst einmal beinahe nichts verstanden, doch immer wieder im Gottesdienst auftauchten. Zum Glück hatten wir damals schon Kontakt zu zwei Iranern, die bereits länger in Deutschland lebten und gelegentlich übersetzen konnten. Und ich kann mich an erste Bibeldiskussionen in der Gebläsehalle erinnern: in einer der vielen Familienkojen auf dem Boden sitzend, mit Google Translator (der damals Persisch nur sehr andeutungsweise verständlich machte) und natürlich Tee. Bald hatten wir eine ganze Reihe von guten Kontakten in der Gebläsehalle. Und obwohl der größte Teil der Bewohner aus Syrien kam, hatten wir es bald vor allem mit Iranern zu tun. Wir hatten uns das nicht ausgesucht, es ist einfach so gekommen. Noch 2015 entschlossen wir uns kurzfristig, in unserer recht flexiblen Gemeinschaft eine internationale Untergruppe einzurichten. Die ersten Male waren chaotisch: einige Familien brachten ihre Kinder mit, die damals in der unsicheren Situation noch sehr unruhig waren und sich verständlicherweise unter den Erwachsenen langweilten. Andere telefonierten zwischendurch und wollten uns mal kurz der Mutter oder dem Cousin im Iran vorstellen. Eben eine Begegnung von zwei unterschiedlichen Kulturen. Aber nach und nach spielte sich das alles ein. Wir haben in unserer Gemeinschaft eine Eingangsliturgie, die an jedem Abend gleich ist (nach der Liturgie von Iona in Schottland). Jetzt merkten wir, dass es für die Neuankömmlinge sehr hilfreich war, wenn es so ein konstantes Element gab, das sie nach und nach mitsprechen konnten. In den […]

Apr 042018
 
Rückblick auf 2 1/2 Jahre mit Geflüchteten (1):<br /> In der Gebläsehalle

Als ich vor zweieinhalb Jahren hier schrieb, dass Ilsede Standort einer Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge werden würde, ahnte ich schon, dass da einiges an Arbeit auf mich zukommen würde. Aber ich ahnte nicht, wie intensiv das mich und die Gemeinde beschäftigen würde, und vor allem: dass es zweieinhalb Jahre dauern würde, bis ich wieder (abgesehen von der Veröffentlichung einiger Predigten) den Anlauf zum Bloggen schaffe. Der Vorsatz, regelmäßig aus der Gebläsehalle (dem Standort der Einrichtung, siehe Bild oben) zu berichten, erwies sich als undurchführbar. Der wichtigste Grund dafür war natürlich, dass viel zu wenig Zeit dafür blieb. Es ging dabei aber auch immer um Menschen: Flüchtlinge natürlich, aber auch deutsche Mitarbeiter der vielen Hilfsorganisationen. Begegnungen wären beschädigt worden, wenn ich dabei im Kopf immer schon etwas für den Blog formuliert hätte. Deswegen kommt nun ein eher summarischer Rückblick in mehreren Teilen. Die Pionierphase Am Anfang stand die Pionierphase: es wurde improvisiert, und bis dahin wirdfremde Menschen arbeiteten unproblematisch zusammen. Die Hilfsorganisationen brachten ihr Know-How mit der Unterbringung und Versorgung großer Menschengruppen ein, aber alle Abläufe, die sich speziell auf Flüchtlinge bezogen, mussten erst neu organisiert werden. Auch die Mitarbeiter des Landkreises (der die Trägerschaft des Ganzen hatte) wussten nicht immer genau, wie es weiterging, denn sie waren wiederum vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge abhängig, in dessen Auftrag der Landkreis die Einrichtung betrieb. In dieser Zeit gab es jeden Tag unvorhergesehene Situationen. Ich hatte meiner Frau z.B. eines Morgens zu berichten, dass wir über Nacht acht syrische Gäste gehabt hatten, die jetzt Frühstück brauchten. Aber wir haben in dieser Zeit viele Dinge unkonventionell gemanagt, die sonst viel mühsamer gewesen wären. Auch mit den Mitarbeitern der verschiedenen Behörden und der Security gab es in der Regel eine gute, konstruktive Zusammenarbeit. Es gab unglaublich viel guten Willen und Vertrauen. Viele einzelne großartige (und […]