Jun 022009
 

Dritter Teil einer Reihe über die Exerzitien von Franz Jalics Teil 1 | Teil 2

Es ist nicht unwichtig, dass Jalics Mitglied des Jesuitenordens ist. Die Jesuiten sind gegenüber den klassischen Orden eine vergleichsweise junge Gründung (1540). Jesuiten tragen keine Ordenskleidung, sie leben nicht in klassischen Klöstern. Sie üben kein gemeinsames Chorgebet. Der Schwerpunkt ihrer Tätigkeit liegt auf Bildung und Seelsorge. Die Grundbewegung ist nicht Abkehr von der Welt, sondern Hinwendung zu ihr. Damit sind die Jesuiten eine deutlich neuzeitlich geprägte Gründung, im Unterschied zu den eher mittelalterlich zu verortenden älteren Orden.

Auch die Tradition der von Ignatius, dem Ordensgründer, erfundenen Exerzitien ist ein neuer Weg. Sie ist stärker intellektuell als liturgisch geprägt. Jedoch ist das Ziel eine ganzheitliche Prägung des Lebens. Exerzitien sind ein Weg vom Kopf ins Herz, mit Hilfe durchdachter Methodologie. Sie sind gleichzeitig ein individueller Weg: es geht um das Potential und die geistliche Reife des Einzelnen – aber dieser Weg macht ihn in höherem Maß gemeinschaftsfähig.

Wenn wir in der monastischen Tradition des Volkes Gottes nach Impulsen für die Gegenwart suchen, dann sind diese Unterscheidungen nicht unwichtig. Die jesuitische Tradition steht uns näher, weil sie von ihrer Entstehung her neuzeitlich ist. Da ist die Zuwendung zur Welt von Anfang an angelegt, nicht nachträglich hinzugefügt. Genauso ist der neuzeitliche Individualismus schon aufgenommen – und den möchte doch eigentlich keiner im Ernst aufgeben (auch nicht in der Postmoderne). Ebenso die denkerische Durchdringung der Welt, die Aufnahme anderer Kulturen. Die Zuwendung zu neuen Medien (die Jesuiten bedienten sich z.B. des damals fortgeschrittensten Mediums: Theateraufführungen).

Meine Überlegung dabei ist: ob nicht diese neuzeitlichen Prägungen auch näher am Neuen Testament sind als die eher mittelalterlichen Traditionen? Paulus mit seiner strategischen Mission in Schlüsselmetropolen der Antike – steht der nicht einem Jesuiten näher als dem ortsfesten Mitglied eines benediktinischen Konvents mit einem geregelten, spirituell geprägten Tagesablauf?

Klar, die Jesuiten waren auch Träger der Gegenreformation. Aber kann man es nicht auch so sehen: erst in der Bedrohung durch die Reformation öffnete sich die katholische Kirche einem Mann wie dem Ordensgründer Ignatius, der sonst vielleicht eher der Inquisition zum Opfer gefallen wäre. Und nur durch das Gegeneinander der Konfessionen hatten Reformer wie Luther und Ignatius überhaupt eine Chance.

Ich verstehe jetzt, warum ich zu den Anleitungen von Franz Jalics einen besseren Zugang habe als zu den älteren Mystikern. Vielleicht hilft mir Jalics, eines Tages auch sie besser zu verstehen. Vielleicht aber auch nicht.

Jan 192009
 

Hier findest du den ersten Teil meiner Überlegungen zum geistlichen Weg nach Franz Jalics.

Heute möchte ich versuchen, die „Kontemplativen Exerzitien“ theologisch einzuordnen. Das wird, ich sage es gleich, theologisch im engeren Sinn werden – Theologie ist nun mal mein Job. In den nächsten Posts wird es dann wieder erfahrungsorientierter.

In seiner Anleitung „Kontemplative Exerzitien“ schreibt Franz Jalics relativ wenig zur Theologie, die hinter den Übungen steht. Ausführlichere theologische Überlegungen finden sich in dem kleinen Band „Der kontemplative Weg„. Ich muss sagen, dass mich dieses Buch weniger überzeugt hat als die Anleitungen zu den Exerzitien selbst. Vielleicht liegt es daran, dass Jalics natürlich im Bezugssystem katholischer Theologie spricht, mit dem ich nicht vertraut bin. Nicht, dass es keinen Sinn machen würde oder falsch wäre. Vielleicht ist es das Denken in einer Kontinuität zwischen verschiedenen Stufen (Philosophie und Theologie, verschiedene aufeinander folgende Gnaden), das mich befremdet, weil ich eher von einer Theologie des Bruchs zwischen Wort Gottes und Welt herkomme. Die Verbindung würde ich dann eher als Beziehung, als Dialog und Begegnung sehen, nicht als Übergang zwischen verschiedenen Stufen.

Jedenfalls hatte ich den Eindruck: von meiner theologischen Herkunft her müsste man anders ansetzen. Ich will nicht sagen „das müsste man besser machen“, aber mit meinem Hintergrund muss ich da anders rangehen. Und ich war im Nachhinein froh, dass ich zuerst die praktischen Anleitungen in den „Kontemplativen Exerzitien“ gelesen habe und erst dann die theologischen Hintergründe. So hatte ich schon ganz unbefangen überlegt, wie ich diese Übungen verorten kann.

Mir drängte sich nämlich beim Lesen sofort die Verbindung zum „In Christus – Sein“ auf, zur „Unio cum Christo“, die ich als zentralen Begriff zuerst bei Karl Barth (Kirchliche Dogmatik IV/3, § 71.3) und zuletzt wieder bei Scot McKnight kennen gelernt habe. Dieses „In Christus – Sein“ ist, recht verstanden, die Quelle aller christlichen Güter und Segnungen. Aus einer unauflöslichen Verbindung mit Christus (Luther in der Auslegung zu Johannes 17,11 von 1528: „eins“ bedeutet nicht nur: concors, einträchtig, sondern una res, ein Ding, Kuchen, Leib) fließen alle anderen Gaben des christlichen Lebens: Rechtfertigung, Vergebung, Heiligung, Gehorsam usw.

Karl Barth beschreibt dieses Verhältnis der Christen zu Christus allgemein als Leben durch Glauben, nämlich

ihr sie zugleich befreiendes und bindendes tätiges Wissen darum, dass alle Menschen und so auch sie zu ihm [Jesus Christus] gehören. In dem tätigen Wissen dieses ihres Glaubens antizipieren die Christen die Existenzform, die einst und dort die aller Menschen sein soll. (KD IV/3, 605)

Dass alle Menschen zu Jesus Christus gehören, wissen also vorerst nur
einige. Trotzdem ist die Beziehung auf Jesus Christus der zentrale,
wenn auch unbekannte, Faktor in jedem Menschenleben. Von hier aus ist
jeder Mensch zu verstehen und zu beschreiben. Diese Beziehung auf Christus ist die Mitte jedes Menschen.

Wenn Jalics nun schreibt

Haben wir in uns irgendwo einen Ort, eine Mitte oder einen Grund, in dem wir nur Geist sind (…) ?
(…) In diesem Zentrum trennt uns nur ein hauchdünner Vorhang von der Gegenwart Gottes. Von der Erfahrung dieses reinen Geistes her ordnet sich alles von innen her (…) .
Der kontemplative Weg 27-29 (pass.)

dann würde ich diese Mitte nicht so sehr als vorhandene Instanz im Menschen, sondern von der Beziehung zu Christus her beschreiben. Aber das sind (notwendige) Feinheiten, die vielleicht nur Theologen schätzen.

Wichtiger ist, dass diese Beziehung auf Christus als intensives, enges Miteinander zu denken ist (Luther: nicht nur „einträchtig“, sondern „ein Ding, Kuchen, Leib“). Trotzdem bleibt dabei die Eigenständigkeit jeder Person bewahrt (an diesem Punkt stellt Karl Barth in KD IV/3, 620 Anfragen an die Mystik, die aber Jalics nicht unbedingt treffen). Als Vorbild für dieses enge Miteinander in Eigenständigkeit müsste man wahrscheinlich die Trinität sehen.

Für mich stellen nun die kontemplativen Übungen nach Jalics einen Weg dar, dieses Verhältnis zunächst einmal wahrzunehmen, ohne es sofort wieder zu instrumentalisieren (für Vergebung, Heiligung, Gehorsam, Wachstum etc.).

In meinen Augen ist nämlich das Problem der reformatorischen Theologie, dass sie – obwohl von Luther her eigentlich die „Einheit mit Christus“ als Quelle alles Weiteren klar sein müsste – stärker an den Gaben Christi orientiert war als am Geber selbst. Der Herr selbst wurde weniger wichtig als seine Vergebung und Rechtfertigung. Und daher kommt dann ein nachträgliches Zusammenflicken von Gnade und Ethik, Zuspruch und Anspruch, Sein und Sollen, Indikativ und Imperativ, das nie wirklich funktioniert (vgl. hierzu auch KD IV/3, 631f, wo das alles noch reicher gesagt ist).

Die Ursache unserer gegenwärtigen Schwäche liegt deshalb meines Erachtens nicht im Bereich der Konsequenzen des Glaubens, sondern unsere häufige Inkonsequenz in der Umsetzung hängt mit der Schwächung der Quelle zusammen, aus der eigentlich alles fließen müsste.

Diese Instrumentalisierung der Beziehung zu Christus auf praktische Konsequenzen (vor allem: auf die Sündenvergebung) hin ist vielleicht schon ein spezifisch moderner Zug in der reformatorischen Theologie. Erst jetzt fangen wir langsam an, ihn zu problematisieren. Dann stellt sich aber dringend die Frage, wie diese Beziehung zu Christus selbst (nicht ihre Konsequenzen!) zu praktizieren – wahrzunehmen, zu gestalten, zu feiern – ist.

Darüber mehr im nächsten Post.

Nachtrag: ich sehe gerade, dass francis schon Ende letzten Jahres über den „Kontemplativen Weg“ geschrieben hat. Ich entnehme der folgenden Diskussion, dass es nicht für alle ok ist, sich auf die Brüder von der anderen Fraktion einzulassen …

Jan 132009
 

Über den Elia-Blog bin ich auf das Buch „Kontemplative Exerzitien“ von Franz Jalics gestoßen. Wie der Titel vermuten lässt, ist Jalics Jesuit und steht in der Tradition des Ignatius v. Loyola. Aber man soll ja ruhig mal auch Unvertrautes anschauen.

Franz Jalics ist Ungar. Weichenstellungen in seinem Leben waren die Zeit des 2. Weltkrieges (in der er ungarischer Offiziersanwärter war und dadurch kurz vor Kriegsende zur Ausbildung nach Deutschland kam) einschließlich der Nachkriegszeit (in der er zunächst einfach nur auf die Rückkehr nach Ungarn warten musste, um anschließend dort unter großen Druck durch die kommunistische Regierung zu kommen) und eine fünfmonatige Entführung durch eine argentinische Todesschwadron 1976.

Jalics bietet den Lesern seines Buches an, entweder nur Leser zu sein oder anhand der Anleitungen im Buch für sich selbst Exerzitien zu halten. Diese Anleitungen sind sozusagen die Quintessenz aus über 700 Kursen, die Jalics bisher gegeben hat. Ich habe mich zunächst für das Lesen entschieden. Dabei bin ich seinen Gedanken mit großem Interesse und vielen Aha-Erlebnissen nachgegangen. Ich gebe hier einige Grundlinien wieder, wobei es sich nicht nur um ein Referat, sondern auch schon um meine Interpretation und Deutung handelt:

  • Grundgedanke ist, die Aufmerksamkeit zu stärken. Dahinter steht die Überlegung, dass sich im Prozess der Zivilisation das Schwergewicht der Geistestätigkeiten zunehmend auf Kosten der Wahrnehmung zum Denken und Tun verlagert hat. Das menschliche Gehirn, das sowieso von seiner Konstruktion her vor allem mit sich selbst spricht, reduziert den Anteil der von außen kommenden Impulse im Gefolge der Moderne immer mehr. Dieser Entwicklung wirken die Übungen entgegen, indem sie den Schwerpunkt auf die Wahrnehmung legen, das Denken aber nicht bekämpfen (das würde ja wieder Denken bedeuten), sondern sozusagen ignorieren.
  • Weil es sich hierbei um Verarbeitungsgewohnheiten handelt, die uns als die einzig möglichen erscheinen, braucht es Übungen und eine längere Zeitspanne, um diese Selbstverständlichkeiten in Frage zu stellen und andere Zugänge zur Wirklichkeit zu stärken.
  • Die Erwartung dabei ist, dass diese Stärkung der Wahrnehmung auch ein größeres Fenster öffnet für die Wahrnehmung Gottes. Es geht aber nicht um die Produktion von Vorstellungen und Gedanken, die religiöse Gefühle auslösen (diesen Eindruck habe ich oft im charismatischen Bereich gehabt), sondern gerade um eine Befreiung vom sofortigen Etikettieren und Vernutzen des Wahrnehmungs-Rohstoffs.
  • Die Exerzitien beginnen mit Übungen zur Wahrnehmung der äußeren Natur, wo diese Grundhaltung am leichtesten eingeübt werden kann. Sie setzen sich fort mit Wahrnehmungsübungen am Atem und im Körper, bis sie sich in der zweiten Hälfte des Kurses endgültig auf die Wahrnehmung der Handflächen fokussieren. Parallel dazu gibt es Einführungsvorträge, Anweisungen zur Meditation und Einzelgespräche, von denen eine große Zahl abgedruckt sind. Diese Gespräche beschreiben typische Probleme und Anfragen sowie Jalics Hilfestellung dazu.
  • Im Verlauf dieses Weges kommt es immer wieder zur Wahrnehmung eigener psychischer Engpässe und Verwundungen. Sie werden jedoch nicht analysiert oder aufgearbeitet, sondern nur kurz wahrgenommen und dann mit dem heilenden Zentrum der Person in Verbindung gebracht.
  • Es ist Jalics‘ Überzeugung, dass im Zentrum der Person eine Begegnung mit Gott möglich ist. Dies gelingt aber nur, wenn der Panzer geöffnet wird, den wir uns im Laufe unseres Lebens zugelegt haben, und der uns vor Schmerzen und Ängsten schützen soll. Weil dort im Zentrum der Person auch diese Schmerzen warten, suchen wir das Zentrum nicht auf und gelangen so auch nicht zur Begegnung mit Gott. Werden die Schmerzen jedoch wahrgenommen, dann können sie durch die Begegnung mit dem Personzentrum nach und nach geheilt werden.
  • Die Exerzitien helfen, sich langsam diesem inneren Raum anzunähern. Jalics nennt ihn auch „die Gegenwart“. Nur die Gegenwart können wir unmittelbar erleben, Zukunft und Vergangenheit dagegen lediglich als Konstrukte unseres Hirns. Nur in der Gegenwart können wir auch Gott als echtem lebendigen Gegenüber begegnen.

So weit erst einmal zur Einführung, im nächsten Post mache ich mir Gedanken zur theologischen Einordnung.