Apr 242018
 
Alle Posts: |  |  |  |  |  |

Seit 2014 habe ich mich intensiv mit der Offenbarung des Johannes beschäftigt, habe über diese Schrift nachgedacht und über sie gepredigt. Nicht über ausgewählte Häppchen, sondern über den ganzen Text. Und im Lauf der Zeit wuchs in mir die Überzeugung, dass dies in mehrfacher Hinsicht ein Schlüsseltext ist.

Warum?

Zunächst einmal ist das Buch der Abschluss der ganzen christlichen Bibel. Und wenn wir die Bibel als Gesamtheit ernst nehmen, dann sind Anfang und Ende Positionen, die noch einmal ein besonderes Gewicht haben. Für die Schöpfungsgeschichte würden wir das ja auch sofort zugeben. Es ist erstaunlich, wie viele im Vergleich dazu mit der Offenbarung fremdeln.

Damit es nicht bei diesem eher formalen Argument bleibt: In der Offenbarung geht es noch betonter als in vielen anderen Teilen der Schrift um die Gegenwart. Die Offenbarung ist ein Ausblick auch in die nachbiblische Zeit. Die Praxis der Gemeinden in der Zeit nach Jesus ist ausdrücklich das Thema. Deshalb stehen in den Kapiteln 2 und 3 die sieben Sendschreiben an sieben kleinasiatische Gemeinden, die letztlich für die Kirche insgesamt stehen. Die Offenbarung stellt – das ist ihr spezielles Anliegen – die Praxis dieser Gemeinden in einen globalen Horizont. Sie beschreibt die Rahmenbedingungen, unter denen seither christliche Gemeinden leben und arbeiten.

Welche sind das?

Die Offenbarung beschreibt eine Welt, die von dramatischen Erschütterungen und zerstörerischen Konflikten gezeichnet ist. Das war auch der Grund, weshalb ich mich auf den Weg durch dieses Buch gemacht habe: ich wolte den Hintergrund der Konflikte verstehen, die uns – gefühlt vielleicht seit Beginn des neuen Jahrtausends – immer heftiger auf den Leib rücken. Wichtige, aber nicht einzige Wegmarken waren für mich dabei die Finanzkrise von 2008 und der arabische Frühling 2011 mit all seinen Folgen, einschließlich des schrecklichen syrischen Bürgerkrieges. Und natürlich das Aufkommen eines neuen Autoritarismus weltweit und auch in unserem Land.

Als ich Anfang 2014 begann, mich in die Offenbarung einzuarbeiten, erlebten wir gerade aus der noch halbwegs sicheren Ferne die Euromaidan-Proteste in der Ukraine mit. Als ich knapp drei Jahre später im Neuen Jerusalem angekommen war, wurde Donald Trump zum amerikanischen Präsidenten gewählt. Und jedes Mal (wie auch immer wieder zwischendurch) dachte ich: Es ist wirklich an der Zeit, noch einmal ganz neu auf die Offenbarung zu achten.

Für die Offenbarung spricht, dass sie solche Konflikte nicht als Unfälle in einer ansonsten stabilen Welt ansieht, sondern als charakteristisches Merkmal der Welt, in der die christlichen Gemeinschaften leben und oft genug auch zu kämpfen haben. Zu oft haben wir gehört, dass Jesus Frieden bringt. Ich verstehe, was damit gemeint ist. Aber ich glaube, dass wir heute vor allem verstehen müssen, warum er von sich gesagt hat, er sei „gekommen, um ein Feuer auf Erden anzuzünden“ und ungeduldig darauf gewartet hat, dass es endlich zu brennen anfängt (Lukas 12,49ff). Von dieser Art von Konflikten, die Jesus provoziert (und selbst durchlitten) hat, redet die Offenbarung.

Sie bleibt aber nicht bei der Geschichte Jesu von Nazareth stehen, der zu Beginn des 1. Jahrhunderts mit seinen Anhängern durch Galiläa und Judäa zog, die Herrschenden herausforderte und in diesem Konflikt starb. Sie schreibt diese Geschichte fort in eine weltweite Zukunft hinein. Diese Zukunft ist unsere Situation – bis heute. Das Thema der Offenbarung ist die weltweite Ausbreitung des fundamentalen Konflikts, der spätestens bei Jesu Kreuzigung unübersehbar geworden ist. Es ist der Konflikt zwischen dem Gott der Liebe, der in Jesus kommt, um seine Schöpfung zu befreien, und den Mächten des Todes, die unsere Welt beherrschen, aussaugen und – wenn man sie lässt – am Ende zerstören werden.

In diesem Konflikt spielen die christlichen Gruppen eine Schlüsselrolle. Deshalb die Sendschreiben am Anfang der Offenbarung. Sie richten sich an sehr überschaubare Gruppen, die in einer religionssoziologischen Studie über das Kleinasien des 1. Jahrhunderts gar nicht auftauchen würden, weil sie zu klein waren. An eine gesellschaftsprägende Wirkung war überhaupt nicht zu denken. Die waren wahrscheinlich schon froh, wenn sie als Gemeinschaft überlebten.

Trotzdem verortet die Offenbarung sie im Zentrum des Konflikts. Ihre Standhaftigkeit und ihre Fähigkeit, die Differenz zu ihrer Umgebung aufrechtzuerhalten, sich nicht an die imperiale Ideologie zu verkaufen, ist von höchster Bedeutung.

Warum das so ist, und warum Johannes diese merkwürdigen Bilder benutzt, darüber folgt in Kürze mehr. Wer möchte, kann ab heute aber auch mein Buch über die Offenbarung des Johannes lesen.

Alle Posts: |  |  |  |  |  |

Mrz 302018
 

Erzählung zum Karfreitag 2018 (30. März) mit Markus 15,15-39

Niemand hat am Tag des Todes Jesu den genauen Ablauf protokolliert. Erst später wurde aus vielen Einzelerinnerungen eine zusammenhängende Geschichte. Wir haben sie in den vier Versionen der vier Evangelien, die sich in manchen Details unterscheiden. Im Markusevangelium läuft die Geschichte erstaunlicherweise auf den Henker Jesu zu, den römischen Offizier, der die Hinrichtung leitet. Er ist eine geheime Hauptperson, weil an ihm deutlich wird, wie im Tod Jesu sich seine Kraft erst recht entfaltet.

Die Evangelien sind gerade bei der Passionsgeschichte sparsam mit Deutungen und machen eher durch ihr Erzählen deutlich, worum es ihnen geht. Ich möchte es hier ähnlich machen, indem ich die Geschichte aus der Perspektive dieses römischen Offiziers erzähle. Was kann er uns sagen?

»Normalerweise bin ich nicht in Jerusalem stationiert, sondern in Cäsarea am Meer. Aber wenn in Jerusalem die großen Feste anstehen, dann begibt sich der Gouverneur dorthin und übernimmt selbst das Kommando. Diesmal begleitete auch ich mit meinen Leuten Pilatus nach Jerusalem.

Die Feste der Judäer bedeuten für uns immer Stress. Jerusalem ist voll mit aufgeregten Menschen, und aus einem kleinen Funken kann schnell ein Flächenbrand werden. In den Tagen nach unserer Ankunft merkten wir, dass Spannungen und heftige Diskussionen auch dieses Fest prägten. Trotzdem wäre es für mich wohl ein unbedeutender Einsatz geblieben, wenn der Chef mich nicht am Ende der Festwoche kurzfristig zu einer Hinrichtung eingeteilt hätte.

Hinrichtungen an sich sind für uns nichts Besonderes. Immer mal wieder kommt es vor, dass wir die Ordnung und den Frieden mit drakonischen Maßnahmen aufrecht erhalten müssen. Unsere römischen Truppen in Syrien und Judäa sind eigentlich viel zu schwach, um eine so große und unruhige Provinz zu beherrschen. Einem ernsthaften Aufstand könnten wir nur wenig entgegensetzen. Deshalb müssen wir auch der kleinsten Widersetzlichkeit sofort mit aller Härte entgegentreten. Die Leute sollen Angst vor uns haben. Sie hassen uns sowieso, und sie verachten uns. Das sehe ich, wenn ich mit meinen Leuten durch die Straßen marschiere. Ich war auch schon im Norden an der germanischen Grenze, aber da kann man unbesorgt in ein Gasthaus der Einheimischen gehen. Hier kann man dabei plötzlich einen Dolch zwischen den Rippen haben.

Die Judäer sind anders als die anderen Völker des Imperiums: unruhig, fanatisch – sie haben sich nie damit abgefunden, dass sie nur noch eine Provinz unseres Reiches sind. Es gibt keine Götterbilder, noch nicht mal Statuen des Kaisers, der schließlich auch ein Sohn der Götter ist. Aber gut, das ist Politik. Solange sie Steuern zahlen, lassen wir ihnen ihre merkwürdigen Bräuche.

Aber ich wollte von der Hinrichtung erzählen. Am Tag vor dem Fest brachten morgens die Oberpriester einen Gefangenen zum Chef, angeblich ein Rebell, der sich selbst zum König Israels ausrufen wollte wie schon einige vor ihm. Sie verlangten die Todesstrafe für ihn. Pilatus verhandelte lange mit ihnen; er hatte anscheinend den Verdacht, dass es ihnen in Wirklichkeit um etwas ganz anders ging, und wahrscheinlich hatte er Recht. Aber irgendwie schlossen sie einen Deal miteinander, und der Chef ließ mich holen und beauftragte mich mit der Durchführung der Exekution.

Wenn wir schon einen Rebellen hinrichten, dann bekommt er auch das volle Programm: auspeitschen, kreuzigen, und dann bleibt er da hängen, bis die Vögel sich über ihn hermachen. Sollen die Leute ruhig sehen, was ihnen blüht, wenn sie den römischen Frieden infrage stellen!

Also ließ ich ihn auspeitschen, aber nur so, dass er danach noch lebte und gehen konnte. Wenn man nicht rechtzeitig aufhört, bleibt da kaum noch was übrig, was man kreuzigen kann. Während ich noch einiges vorbereitete, durften die Soldaten dann ihren gewohnten Spaß mit ihm haben. Die sind ja alle frustriert, dass sie in diesem barbarischen Land ihren Dienst tun müssen, zwischen Leuten, die sie hassen, wo es sogar schwierig ist, Wein oder Frauen zu bekommen. Da sind sie froh, wenn sie mal einen von diesen Leuten in die Finger kriegen.

Schon da fiel mir kurz auf, wie wenig ihn das zu beeindrucken schien. Klar, jedem tut es weh, wenn er geschlagen wird. Am Ende blutete er aus der Nase und von den Dornenzweigen, die sie ihm um den Kopf geschlungen haben wie eine Krone. Aber er blieb unbeeindruckt von den Spielchen, die sie mit ihm machten, und eigentlich sind die sonst für meine Leute der größte Spaß. Dieses Good Cop – Bad Cop–Theater, das den Gefangenen normalerweise ihren letzten emotionalen Halt raubt, wenn sie also zwischendurch freundlich und sogar ehrerbietig behandelt werden, nur um sich anschließend um so grausamer entwürdigt zu fühlen: das schien ihn nicht zu beeindrucken.

Das fällt mir aber erst im Rückblick auf. Damals war ich viel zu beschäftigt. Es sollte ja alles schnell gehen. Als ich mit den Vorbereitungen fertig war, suchte ich fünf zuverlässige Leute aus, die so etwas nicht zum ersten Mal machten. Sie luden ihm den Balken auf, und dann ging es los.

Obwohl es noch früh war, waren die Straßen voll. Die Nachricht von der Hinrichtung hatte sich herumgesprochen. Wir kamen nur langsam voran. Und dann brach der Delinquent auch noch zusammen. Da hatten sie wohl doch mit der Peitsche zu viel des Guten getan. Wenn das so weiterging, würden wir den ganzen Tag mit dieser Hinrichtung vertrödeln. Zum Glück stand da an der Straße ein kräftiger Mann; ich ließ ihn von zweien meiner Leute greifen und ihm den Balken aufladen. So ging es schneller.

Schließlich kamen wir an die Stelle, wo die senkrechten Balken für die Kreuzigungen standen. Wir geben den Delinquenten vorher noch Wein mit betäubenden Zusätzen zu trinken, damit sie etwas ruhiger sind beim Annageln. Auch wenn wir so etwas gewöhnt sind, selbst für uns ist es nicht schön, diese schrecklichen Schreie zu hören, wenn die Schmerzen anfangen, die noch etwas ganz anderes sind als die Schmerzen, die die Peitsche verursacht. Aber, und da fiel er mir zum zweiten Mal auf, er probierte einen Schluck, und dann schüttelte er den Kopf. Ganz ruhig und klar. Gut, das war nicht der Moment für Diskussionen. Ich ließ ihn also ohne Wein annageln. Danach zogen sie den Querbalken hoch, bis er in der richtigen Höhe war, und dann kamen noch die Füße dran.

Ich hatte vom Chef die Tafel mit der Kurzfassung des Urteils mitbekommen: »Jesus von Nazareth, König der Juden«, in drei Sprachen. Wir leben in einer globalisierten, vielsprachigen Welt. Pilatus legte Wert darauf, klarzustellen, dass es hier um eine politische Sache ging. Wahrscheinlich musste er sich gegenüber irgend jemandem absichern. Auch Gouverneure sind nicht allmächtig, obwohl die meisten das nicht glauben würden. Ich ließ die Tafel oben am Kreuz anbringen. Immerhin wusste ich jetzt, wie der Mann hieß: Jesus, aus dem Ort Nazareth, aus Galiläa.

Dann kam das lange Warten auf den Tod. Meine Leute vertrieben sich die Zeit mit Würfeln. Sie hatten sich darauf geeinigt, die Tunika dieses Jesus nicht zu zerteilen, sondern sie ganz zu lassen und lieber darum zu spielen.

Währenddessen begann auf einmal diese merkwürdige Prozession von einheimischen Würdenträgern. Das waren nicht die normalen Gaffer, die zu allen Hinrichtungen kommen. Ich sah in ihren Augen denselben Hass, mit denen die Leute sonst uns anschauen. Es ist schon erstaunlich, wie sehr Menschen sich gegenseitig hassen können, obwohl sie beinahe in derselben Lage sind. Wäre es anders, dann hätten wir es viel schwerer mit der römischen Herrschaft, wo wir die Einen gegen die anderen ausspielen. Aber ich sah bei diesen Honoratioren, die unsere Verbündeten sind, noch etwas anderes als nur Hass. Er war zu meiner Verwunderung vermischt mit einer Art Angst. Es war, als ob sie von ihm die Bestätigung hören mussten, dass er gescheitert war. Sie versuchten tatsächlich noch mit ihm zu diskutieren. »Tu ein Wunder und komm runter vom Kreuz!« – das hörte ich ein paar Mal. Und es klang mir so, als ob sie insgeheim befürchteten, er könnte es vielleicht wirklich tun. Aber er antwortete nicht.

Das war das dritte, was mir an ihm auffiel: dass er stumm blieb. Ich habe ja schon viele so sterben sehen. Die Einen brechen zusammen und schreien nur noch »Nein, Nein!« Sie flehen und bitten, und wir müssen sie mit aller Gewalt festhalten, bis die Nägel das übernehmen. Die anderen fluchen und rufen den Zorn ihrer Götter auf uns herab. Die machen uns weniger Ärger, und was den Zorn der Götter betrifft, so haben sich unsere römischen Götter bisher immer noch als die stärkeren erwiesen.

Er aber sagte gar nichts. Er reagierte nicht auf den Hass, der ihm entgegenschlug. Und ich sah auch in seinen Augen nichts davon. Wenn sie auf eine Antwort von ihm gehofft hatten: sie bekamen keine. Als ob sie für ihn gar keine Rolle spielten. Das war seltsam, denn er war noch nicht so weit, dass er nichts mehr mitbekommen hätte, das sah ich.

Gegen Mittag gab es dann eine Sonnenfinsternis. Das war natürlich Zufall, aber irgendwie war ich froh, dass er wenigstens nicht auch noch nackt den höllischen Sonnenstrahlen ausgesetzt war. Und als die Sonne zurückkam, so gegen drei Uhr, da redete er zum ersten Mal. Später habe ich es mir übersetzen lassen. Aber obwohl ich damals nicht verstand, dass er in seiner barbarischen Sprache gerufen hatte »Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?« – es war genau das, was ich empfand, als ich ihn hörte. In diesem Moment verstand ich, dass sein barbarischer judäischer Gott die ganze Zeit lang sein Gegenüber gewesen war, nicht die Gaffer und die Hasser, noch nicht mal wir, seine Henker. Aber anscheinend auch nicht dieser fürchterliche, grausame Schmerz, den wir ihm bereitet hatten, und den er doch die ganze Zeit über spüren musste. Die ganze Zeit über war dieser fremdartige Gott der Mittelpunkt seiner Existenz geblieben. Kann es so etwas geben?

Ich gehe ja auch mit meinen Leuten in den Tempel und opfere da den verschiedenen Göttern. Seit kurzem gehören nicht nur die verstorbenen Kaiser dazu, sondern auch der jeweils regierende. Gut. das mache ich so, wie ich zu Hause unseren Hausgöttern opfere. Aber auch wenn mir in einem Kampf ein feindlicher Speer die Eingeweide aufreißt, würde ich nie auf den Gedanken kommen, mit einem unserer Götter so zu reden wie er das tat. Ich würde hoffen, dass meine Söhne mich als tapferen Soldaten in Erinnerung behalten und am Hausaltar an mich denken, so wie ich es mit unseren Vätern getan habe. Aber kann ein Mann so mit seinem Gott zusammenhängen, dass alles andere zweitrangig wird? Selbst dann, wenn dieser Gott ihm nicht hilft?

Der Kaiser, so sagen sie, ist ein Sohn der Götter, ein Sohn Jupiters sogar. Aber ich glaube nicht, dass er an Jupiter denken wird, wenn seine Leibgarde wieder einmal putscht und ihn vom Leben zum Tod befördert. Wenn einer in Wahrheit ein Sohn Gottes ist, dann war es der hier, Jesus aus dem unbedeutenden Nazareth im unbedeutenden Galiläa.

Ich weiß nicht, was das bedeutet. Bisher war der Imperator derjenige, dem ich gedient habe, für den ich gelebt und für den ich getötet habe. Auf sein Feldzeichen habe ich geschworen. Er ist ein Sohn Gottes. Aber wenn in Wirklichkeit der hier der wahre Sohn Gottes war: wem will ich in Zukunft dienen?

Dez 172013
 

Dies ist die dritte Folge von Gedanken aus meinem Psalmenworkshop beim Emergent Forum 2013. | Teil 1 | Teil 2 |

Bhs_psalm1Jede Beschäftigung mit den Psalmen stößt eher früher als später auf die Strafwünsche gegen übermächtige Feinde. An einigen Stellen, den sogenannten „Rachepsalmen“ (z.B. Psalm 58) wird das sehr intensiv ausgemalt. Aber auch in vielen anderen Psalmen taucht die Bedrohung durch böswillige und gottlose Feinde auf – mit dem entsprechenden Appell an Gott, er möge diese Gegner scheitern lassen und sie darüber hinaus mindestens das erleiden lassen, was sie dem Bedrohten anzutun planten bzw. antaten.

Mit diesen Psalmen tun wir uns in der Moderne traditioneller Weise schwer. Wie passen diese Erwartungen an Gott mit dem Bild eines „lieben“, vergebenden, sanften, gewaltfreien usw. Gottes zusammen, den wir unseren Mitmenschen nahebringen wollen? Und – schwierigere Frage – wie passen sie mit der Feindesliebe zusammen, die Jesus beschrieb und lebte?

Leider habe ich erst nach dem Workshop einen Post auf dem Mosaik-Blog entdeckt, wo es um genau diese Frage geht. Ein paar Zitate daraus:

Der Text ist für Menschen, die unterdrückt werden. Der Text ist für die Menschen, deren Lage uns ein mulmiges Gefühl vermittelt.

und weiter:

Wie geht man mit Bibelstellen um, die Hoffnung auf Genugtuung, Vergeltung, Wut und Rache an Stelle derer ausdrücken, deren Stimmen nicht einmal bis zu uns heranreichen?  Diese Stellen werden
ignoriert
angezweifelt
verbildlicht
vergeistlicht
verniedlicht
für ungültig erklärt
stumm geschaltet.
Diese Stellen haben keinen Platz in der Anbetungszeit am Sonntag. Man druckt sie auch nicht auf Kalender oder postet sie mit einem kitschigen Bild auf Facebook. Diese Verse finden nicht statt.

Wie die Menschen, von denen sie handeln. Wir sollten lieber den Sicherheitsabstand einhalten. Unterdrückung, Ausbeutung, Ungerechtigkeit, Gewalt – das hat mit uns nicht zu tun. Warum sollten wir uns damit abgeben?

und schließlich:

Wir brauchen diese Texte ebenfalls. Unbedingt. Und das nächste Mal, wenn ein Text mir vorkommt, als beschreibe er eine andere dunkle Welt, dann möchte ich mich fragen  Was muss ein Mensch erlebt haben, um so etwas zu schreiben?

Das ist also die erste Antwort – eher eine Rückfrage: in solchen Psalmen kommt eine Wirklichkeit zur Sprache, die uns in der Regel sehr fremd ist. Und vielleicht zeigt sich in der Abwehr der Vergeltungsgedanken weniger, dass uns die Feindesliebe Jesu schon in Fleisch und Blut übergegangen ist.  Könnte es nicht eher sein, dass es die Realität der Unterdrückung und des brutalen Unrechts ist (ich spare mir drastische Blitzlichter – im Prinzip weiß jeder, worum es geht), die Menschen aus dem modernen,  zivilisierten Westen erschreckt, wenn sie sich in den Psalmen sehr deutlich ausspricht?

Und würde es nicht auch im bürgerlich-zivilisierten Westen zur Klarheit beitragen, wenn heftige Konflikte auch wahrgenommen würden, anstatt unter den Teppich eines „Wir wollen ja alle das Beste, nur auf unterschiedlichen Wegen“-Feelings gekehrt zu werden?

Hinzufügen will ich noch zwei andere Gedanken:

zum einen ist ja gerade charakteristisch, dass die Rache bzw. Strafe in den Psalmen Gott überlassen wird. Das bedeutet aber auch, dass Menschen damit überfordert sind und die Finger davon lassen sollten. Natürlich kann man sich auch unter diesem Vorzeichen immer noch als „Werkzeug“ des vergeltenden Gottes verstehen – aber das liegt außerhalb der legitimen Interpretationsspannweite der Psalmen.

Zum anderen können hier die Gedanken aus meinem vorigen Post zu den Psalmen zum Tragen kommen: im Psalter stehen unterschiedliche Wahrheiten nebeneinander, ohne sich gegenseitig aufzuheben und ohne, dass eine Art arithmetisches Mittel gebildet wird. Das arithmetische Mittel aus Hass und Feindesliebe wäre Nettigkeit: Abneigung, die die Formen wahrt. Ist es wirklich das, was Jesus mit Feindesliebe meinte?

Ich glaube eher, dass beides im vollen Maße wahr ist: ja, es gibt massives Unrecht, rücksichtslosen Missbrauch, schamlose Lüge. Und es ist natürlich, menschlich, angemessen, darauf so zu reagieren, dass man sagt: „Gott, mach ihn platt. Tu ihm an, was er mir tun wollte. Lass sie in der Hölle schmoren.“ Gut, wenn du und ich das noch nicht in dem Maß erleben mussten, aber es ist Realität. Es muss ausgesprochen werden dürfen. Und wer sich da überhaupt nicht reindenken kann, der weiß sehr wenig über die Realität der Welt. Es gibt den Schrei nach Vergeltung, der alle Argumente auf seiner Seite hat, und die Psalmen geben ihm Raum und Worte.

Erst wenn das klar ist, kann man im vollen Sinn von Feindesliebe sprechen. Nicht in dem Sinn, dass man sie aus sicherem Abstand den Opfern nahelegt, damit ihre Erfahrung weniger (ver)störend wirkt. Sondern im Wissen, dass Hass auch den auffrisst und zerstört, der ihn aus gutem Grund empfindet. Im Wissen, dass durch Rache die Täter sich auch noch in den Opfern fortpflanzen. Als Bereitschaft, Gott das Problem der vergeltenden Gerechtigkeit zu überlassen, weil es für Menschen mindestens eine Nummer zu groß ist.

Erst beides zusammen ergibt das volle Bild. Die Psalmen üben mit uns, die ganze Realität zu sehen: ungeschönt und ungezähmt, und trotzdem (gerade so!) voller Hoffnung und Hilfe.

Dez 052013
 

Dies ist die zweite Folge von Gedanken aus meinem Psalmenworkshop beim Emergent Forum 2013. | Teil 1 | Teil 3 |

Bhs_psalm1Wer die Psalmen einfach in der Reihenfolge liest, wie sie im Psalter angeordnet sind, macht einige Entdeckungen. Z.B. antworten benachbarte Psalmen aufeinander bzw. setzen den Gedankengang durch Einführung neuer Gesichtspunkte fort. Auf den äußerst selbstkritischen Rückblick auf die Geschichte des Gottesvolkes in Ps. 78 folgt  Psalm 79, in dem es um die Feinde geht, die die Schwäche des Volkes brutal ausnutzen und das Land zerstört haben. Schließlich wird in Ps. 80 Gott an den Bund erinnert und um Wiederherstellung Israels gebeten.

Drei unterschiedliche Gesichtspunkte, die nicht gegeneinander ausgespielt werden, sondern jeder auf seine Art wahr sind. Die eigenen Irrwege und die Brutalität der Zerstörer können nicht irgendwie miteinander ausgeglichen werden. Es gibt weder ein schadenfrohes „selbst schuld“ noch ein entschuldigendes „die anderen sind viel schlimmer“. Was in diesen drei Psalmen steht, das muss alles gesagt und gehört werden, ohne dass es sich gegenseitig relativiert, ausbalanciert oder wegerklärt.

Keine große Koalition

Diese betrachtende Weise, die Welt wahrzunehmen, ohne sie schnell auf eine griffige Einheitsformel zu bringen, zeigt sich vor allem im Umgang mit der Herrlichkeit und der Zerrissenheit der Welt. Die Welt ist ein Ort voller Wunder und ein Ort voller Bedrückung. Sie ist ein Ort, wo Menschen und Gott ein nahes und inniges Verhältnis voller Vertrauen und Treue zueinander entwickeln, und sie ist ein Ort des verzweifelten Wartens auf irgendein Signal, das das Schweigen Gottes durchbricht. Sie ist ein Ort, wo Menschen sich rücksichtslos auf Kosten anderer Menschen profilieren, und sie ist ein Ort, an dem Menschen solidarisch und gemeinsam in Jubel über Gott ausbrechen. All das steckt in den Psalmen, und damit sind sie eine zutreffende Beschreibung der Realität, in der wir leben.

Aber die Psalmen gleichen das nicht aus, indem sie daraus irgendeinen Durchschnitt bilden, irgendeine Weltformel, irgendeine Mitte zwischen den Extremen. Das wäre Große Koalition, und von dieser mittelmäßigen Mitte sind unsere Politik und unsere Kultur, unsere Kirchen und unsere Gesellschaft  schon viel zu lange geprägt. Die Psalmen halten die widersprüchlichen Erfahrungen in ihrer ganzen Spannweite aus und fest. Machmal ist das eine da und manchmal das andere – so wie es Kohelet sagt: Alles hat seine Zeit.

Aber es sind keine statischen, ewigen Widersprüche, denen wir nie entkommen werden, sondern sie sind umgriffen von Hoffnung. Und diese Hoffnung gründet in der Gewissheit, dass Gott gehandelt hat und wieder handeln wird. Wie kannst du in einer finsteren Zeit mutlos werden, wenn du die Psalmen betest und merkst, dass es vielen anderen lange vor dir ebenso gegangen ist?

Psalmen sind Radikale

So sind die Psalmen Worte, die bereitliegen, bis ihre Zeit gekommen ist. Und bis dahin liest, rezitiert, singt, studiert man sie, damit der Geist die richtigen Worte vorfindet, wenn er sie braucht. Als Jesus starb, zitierte er den Beginn des 22. Psalms: »Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?«. Er tat das sicher nicht, um einen Schriftbeweis zu führen, sondern dieser Psalm, den er vermutlich schon unzählige Male gehört hatte, gab ihm die richtigen Worte für diesen Moment. Und gleichzeitig stellte er sich damit in den Hoffnungsrahmen, den der 22. Psalm auch hat. Denn im 25. Vers heißt es dort: »Er (Gott) hat sein Antlitz nicht vor ihm verborgen und hat gehört, als er zu ihm schrie.« Tod und Leben, Kreuz und Auferstehung – beides in einem Psalm. Und keine kuschelige Mitte dazwischen.

Paul Michael Zulehner hat gerade über den neuen Papst gesagt, der sei kein Rechter und kein Linker, sondern ein Radikaler. Vielleicht kann man so auch die Psalmen am besten kennzeichnen: sie sehen die Erde und die Menschen radikal bedroht, beschmutzt, ausgebeutet, zerrissen. Und gleichzeitig beschreiben sie den Himmel, der auf den unwahrscheinlichsten Wegen die Erde radikal segnet, heilt, ernährt und erneuert. Beide Male radikal, aber insgesamt in einer Perspektive der Hoffnung. Und vielleicht besteht der wahre Gegensatz zwischen den Radikalen der Hoffnung und den Wohltemperierten, die es weder mit dem Schrecken noch mit der Hoffnung übertreiben wollen.

Dez 022013
 

In lockerer Folge poste ich Gedanken aus meinem Psalmen-Workshop beim Emergent Forum am 1.12.2013 in Berlin.
|Teil 2|

Ein stereoskopischer Zugang zur Welt

Bhs_psalm1Die Grundstruktur der Psalmen ist ein Parallelismus: immer zwei Zeilen gehören zusammen und sagen beinahe das Gleiche, aber nicht ganz. Sie sagen es mit unterschiedlichen Worten oder aus unterschiedlicher Perspektive. Das wird dadurch verstärkt, dass die Psalmen im Gottesdienst wohl von mindestens zwei Gruppen gesprochen/gesungen wurden. Erst die unterschiedlichen Sichtweisen unterschiedlicher Gruppen ergeben also das ganze Bild. Das übt eine meditative Grundhaltung ein: die Dinge müssen zunächst in ihrer Fülle wahrgenommen werden. Zudem wird in der klassischen Psalmenrezitation zwischen den beiden Zeilen eine Pause eingelegt: eine Unterbechung, die ebenfalls betrachtend verweilen lässt.

Das führt aber nicht zu Beliebigkeit, sondern der Sachverhalt wird dadurch gerade viel klarer und reicher beschrieben. Wenn es z.B. heißt (Ps. 5,6):

»Stolze kommen dir nicht vor die Augen –
du hassest alle, die Unrecht tun.«

dann wird die Grundausrichtung damit nicht relativiert oder abgemildert, sondern sie wird reicher entfaltet. Man verpackt die Realität nicht abschließend in einen Begriff und klebt ein Etikett daran, sondern man bleibt dabei und umkreist ein Stück Welt und klopft es ab auf die Bedeutungen, die es in sich trägt. Der Blick bekommt Tiefenschärfe. Die Welt ist nicht einfach das, was sie ist, sondern sie birgt in ihrer Mitte ein Geheimnis.

Spiritualität als leerer Ort

Mit der Grundstruktur des Parallelismus halten die Psalmen also die Differenz fest zwischen unseren Begriffen und Worten und der Sache, die wir bezeichnen. Indem sie den Sachverhalt von mehreren Seiten umkreisen, halten sie zwischen sich einen leeren Raum frei – ähnlich wie der Jerusalemer Tempel in seiner Mitte einen leeren Raum barg, die Wohnung des unsichtbaren Gottes. Das lässt uns verstehen, worum es in der (jüdischen und christlichen) Spiritualitat überhaupt geht: es wird ein Ort geschaffen, in dem es zur Begegnung mit der unverfügbaren Realität Gottes kommen soll.

Der Tempel schafft einen solchen leeren Ort im Raum. Der Sabbat schafft einen ebensolchen Ort in der Zeit. Die Psalmen bauen ein Heiligtum in der Sprachwelt. Es sind Worte, die zwischen sich Raum schaffen für das Unsagbare. Biblische Spiritualität ist deswegen keine wortlose Spiritualität, sondern eine wortgeprägte. Die Worte der Psalmen sind keine Bedrohung für das Geheimnis der Welt, so dass man besser auf sie verzichten sollte, sondern sie ermöglichen gerade Begegnung. Denn es ist kein beliebiges Unsagbares, auf das wir warten, sondern es geht um den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, den Vater Jesu Christi.

Biblische Spiritualität geht davon aus, dass die Wirklichkeit nicht einfach das ist, was sie ist. sondern sie birgt in sich ein Geheimnis, sie hat eine Tiefendimension, eine verborgene Seite: den Himmel, den Bereich Gottes. Gott überlässt seine Schöpfung nicht sich selbst, sondern belebt, segnet und durchwaltet sie auch weiterhin. In der biblischen Spiritualität geht es darum, mit dieser verborgenen Tiefendimension in Berührung zu kommen. Einen Raum zu schaffen, wo diese Begegnung möglich wird. Dafür sind die Psalmen da.

Sep 182007
 

Markus beschreibt schon in der Ouvertüre seines Werkes den Interessenkonflikt, der immer wieder zwischen Jesus und dem Volk entsteht: während die Menschen sich auf seine Heilungen fixieren, möchte er sie als Ausfluss von etwas Größerem verstanden wissen. Erste Sollbruchstellen zeichnen sich ab.

29 Und alsbald gingen sie aus der Synagoge und kamen in das Haus des Simon und Andreas mit Jakobus und Johannes. 30 Und die Schwiegermutter Simons lag darnieder und hatte das Fieber; und alsbald sagten sie ihm von ihr. 31 Da trat er zu ihr, fasste sie bei der Hand und richtete sie auf; und das Fieber verließ sie und sie diente ihnen. 32 Am Abend aber, als die Sonne untergegangen war, brachten sie zu ihm alle Kranken und Besessenen. 33 Und die ganze Stadt war versammelt vor der Tür. 34 Und er half vielen Kranken, die mit mancherlei Gebrechen beladen waren, und trieb viele böse Geister aus und ließ die Geister nicht reden; denn sie kannten ihn. 35 Und am Morgen, noch vor Tage, stand er auf und ging hinaus. Und er ging an eine einsame Stätte und betete dort. 36 Simon aber und die bei ihm waren, eilten ihm nach. 37 Und als sie ihn fanden, sprachen sie zu ihm: Jedermann sucht dich. 38 Und er sprach zu ihnen: Lasst uns anderswohin gehen, in die nächsten Städte, dass ich auch dort predige; denn dazu bin ich gekommen. 39 Und er kam und predigte in ihren Synagogen in ganz Galiläa und trieb die bösen Geister aus.

Kurze Verschnaufpause bei Simon-Petrus und Andreas, so dass wir erfahren können, dass der (zukünftige) erste Papst verheiratet war. Dann geht es voll weiter mit Heilungen, und sofort (in der Ouvertüre tauchen alle Motive des ganzen Werkes schon mal auf) gibt es auch einen Dissens mit den Menschen, denen Jesus hilft: sie umstellen ihn förmlich, möchten ihn in ihrer Mitte behalten, in ihre Lebenslogik einbauen. Aber Jesus ist nicht gekommen, um der Hausarzt von Kapernaum zu werden.
Nach diesem Tag, der sicher auch für ihn anstrengend und beeindruckend war, tut er das einzig Richtige: raus aus der Stadt, zu sich selbst und zu Gott kommen, hören, die Dinge, die er erlebt hat, einordnen. Anscheinend geht das in der Stadt mit den vielen Menschen nicht. Deshalb geht er raus in die Berge, betet und erlebt dort den Sonnenaufgang. So bleibt er unabhängig, orientiert sich an seinem Vater im Himmel. Und der sagt ihm: Zeit zum Weiterziehen!
Ist das „Stille Zeit“? Auf jeden Fall bekommt Jesus hier nicht „Kraft für den Tag“, sondern Rückendeckung, um den Tag zu ändern. Gott macht ihn konfliktfähig.
Die Jünger stehen in dieser Auseinandersetzung auf der anderen Seite, machen sich zum Sprachrohr der Kapernaiten (was für ein Wort …). Und das mit dem dümmsten aller Argumente: Wenn alle dich suchen – dann musst du doch kommen. Sie müssen noch viel lernen.
Jesus denkt gar nicht daran, sich dem Diktat der „alle“ zu beugen. Alles, was er tut, steht unter dem Vorzeichen, dass das Reich Gottes kommt und ausgebreitet werden muss. Wenn er in Kapernaum bleibt, bis alle geheilt sind, wird das nie was. Also: Aufbruch. Wem das nicht reicht, der kann ja mitkommen.
Ortswechsel gehört zur Strategie Jesu: so muss er sich nicht in den Rahmen anderer einfügen, sondern formt eine Gemeinschaft, die ihrer eigenen Logik folgt. Seiner Logik des Reiches Gottes.

Aug 242007
 

Bei seinem ersten öffentlichen Auftritt ist Jesus sofort voll präsent. Für seine Zuhörer völlig unerwartet – Schock! Und gleich die erste Konfrontation.

21 Und sie gingen hinein nach Kapernaum; und alsbald am Sabbat ging er in die Synagoge und lehrte. 22 Und sie entsetzten sich über seine Lehre; denn er lehrte mit Vollmacht und nicht wie die Schriftgelehrten. 22 Und alsbald war in ihrer Synagoge ein Mensch, besessen von einem unreinen Geist; der schrie: 24 Was willst du von uns, Jesus von Nazareth? Du bist gekommen, uns zu vernichten. Ich weiß, wer du bist: der Heilige Gottes! 25 Und Jesus bedrohte ihn und sprach: Verstumme und fahre aus von ihm! 26 Und der unreine Geist riss ihn und schrie laut und fuhr aus von ihm. 27 Und sie entsetzten sich alle, sodass sie sich untereinander befragten und sprachen: Was ist das? Eine neue Lehre in Vollmacht! Er gebietet auch den unreinen Geistern und sie gehorchen ihm! 28 Und die Kunde von ihm erscholl alsbald überall im ganzen galiläischen Land.

Jesus hat eine lange Zeit der Vorbereitung hinter sich. Zuletzt noch die Taufe, der Empfang des Heiligen Geistes, seine Zeit in der Wüste. Jetzt ist er voll da. Er hat geschwiegen, bis seine Zeit gekommen ist. Und jetzt „entsetzen sich“ die Leute. Eine wahnsinnige Differenz zu dem, was sie bisher gehört haben. Vollmacht, also Worte, die eingreifen und verändern. Worte haben Kraft. Es gibt natürlich auch kraftlose, geschwätzige, ratlose und überflüssige Worte. Mehr als genug. Aber wenn die Welt verändert wird, dann durch Worte in Vollmacht. Faust glaubte nicht an die Macht von Worten. Jesus hatte sie. Töricht, wer glaubt, dass Worte nichts ausrichten können. Vielleicht schließt er nur von sich selbst auf alle anderen.
Jesus redet entsprechend der damaligen Gepflogenheiten und den Berichten der anderen Evangelien über einen Bibeltext. Das tun die Schriftgelehrten auch, und vermutlich auch bibeltreu. Aber das reicht nicht. Aus den Schriften soll sich neues Leben erheben. Nicht biblische Wahrheit bringt Menschen in Bewegung, sondern lebendige Wahrheit. Das alte Wort Gottes muss neu erwachen in einem lebendigen Menschen.
In der Synagoge ist ein böser Geist präsent. Warum auch nicht – es gibt genug Gotteshäuser, in denen sich so einer ganz wohl fühlt. Er ahnt nicht, was ihn heute erwartet. Wahrscheinlich hat er bis dahin ziemlich ungestraft Ärger und Streitereien produziert. Aber jetzt wird er kalt erwischt von dieser Predigt. Er hört Worte, die er nicht aushält. Wahrheit und Liebe in so einer Dosis tun ihm wahrscheinlich geradezu körperlich weh (wenn das bei Dämonen möglich ist). Er steht mit dem Rücken zur Wand und geht zum verzweifelten, hoffnungslosen Gegenangriff über. Eine der ganz wenigen Situationen, wo Jesus von einem Dämon angegriffen wird. Aber er geht souverän damit um, und noch einmal haben die Leute Gelegenheit, einen Schrecken zu bekommen.
Mit diesem einen Auftritt ist Jesus eine öffentliche Person. Wer im richtigen Moment die richtige Botschaft hat, der muss sich um Öffentlichkeitsarbeit keine Gedanken machen.

Aug 232007
 

Der neue Weg soll offen für andere sein. Das zeigt sich daran, dass Jesus Jünger beruft.

16 Als er aber am Galiläischen Meer entlangging, sah er Simon und Andreas, Simons Bruder, wie sie ihre Netze ins Meer warfen; denn sie waren Fischer. 17 Und Jesus sprach zu ihnen: Folgt mir nach; ich will euch zu Menschenfischern machen! 18 Sogleich verließen sie ihre Netze und folgten ihm nach. 19 Und als er ein wenig weiterging, sah er Jakobus, den Sohn des Zebedäus, und Johannes, seinen Bruder, wie sie im Boot die Netze flickten. 20 Und alsbald rief er sie und sie ließen ihren Vater Zebedäus im Boot mit den Tagelöhnern und folgten ihm nach.

Kaum hat Jesus sein Grundsatzprogramm verkündet, da beruft er schon die ersten Jünger. Von Anfang an sorgt er dafür, dass andere auf seinem Weg dabei sind. Das zeigt: sein Leben ist nicht exklusiv. Es ist auf Ausdehnung angelegt; wir sollen nicht nur seine Früchte bekommen, sondern an ihm teilnehmen. Wie das neue Leben in den Jüngern Wurzeln schlägt und wie Jesus daran arbeitet, das ist ein Hauptstrang der Erzählung.

Dies alles spielt sich ab in Galiläa, an der Grenze Israels, wo die ganze Lage offener ist, uneindeutiger, vermischter. Die griechisch-hellenistischen Einflüsse sind stark. In Sepphoris, keine sechs Kilometer von Nazareth, gab es ein Theater mit 5000 Plätzen, in dem vermutlich – in Ermangelung anderer Stoffe – griechische Stücke gespielt wurden. Die Straßenverbindungen waren gut. Waren, Nachrichten und Ideen reisten schnell. Jesus kam nicht aus einer verschlafenen Provinz. Vermutlich sprach er drei Sprachen. Er hatte das jüdische Bildungssystem durchlaufen, das für eine breite und gute Volksbildung sorgte. Damals war es wahrscheinlich das weltweit beste.
Aus Jerusalemer Sicht war Galiläa zwar ein fragwürdiges Grenzland. Man könnte es aber genauso auch als weltoffen, pluralistisch und multikulturell bezeichnen. Auf jeden Fall war es politisch eine Gemengelage mit verschiedenen Herrschaften, Volksgruppen, Interessen. So ein Durcheinander geht oft mit besonderer Kreativität einher – nichts ist selbstverständlich. Jeder muss sehen, wie er sich sein Lebenspuzzle zusammensetzt. Die Gegend war eine Zone, in der sich Neues entwickeln konnte, ohne gleich von der dominierenden Macht abgewürgt zu werden. Von Jerusalem aus Provinz – aber auch: das Abseits als sicherer Ort.

Seine ersten Jünger kommen übrigens nicht aus dem Kreis der „Mühseligen und Beladenen“. Als Fischer gehören sie eher zum wohlhabenden Mittelstand. Fisch aus dem See Genezareth wurde – gepökelt – bis nach Rom transportiert. Die üblichen Fischerboote waren keine primitiven Kähne, sondern sorgfältig gebaute Modelle für eine Besatzung von etwa 14-16 Personen. Zebedäus arbeitete deshalb nicht nur mit seinen Familienangehörigen, sondern auch mit Lohnarbeitern. Es gehörte einiges dazu, so einen mittelständischen Betrieb zu führen. Man musste nicht nur etwas von Fischen verstehen, sondern auch von Handelswegen, politischen Entwicklungen und Menschenführung. Johannes‘ und Jakobus‘ Lebensperspektive war, das väterliche Geschäft zu übernehmen. Jesus holt sich also gleich am Anfang Unternehmertypen in seine Kernmannschaft.

Aug 222007
 

Jesus selbst ist der Inhalt seiner Botschaft: eine neue Lebensmöglichkeit tut sich auf – der Weg Jesu. Verlasst eure falschen Wege und ergreift diese neue Möglichkeit!

14 Nachdem aber Johannes gefangen gesetzt war, kam Jesus nach Galiläa und predigte das Evangelium Gottes 15 und sprach: Die Zeit ist erfüllt und das Reich Gottes ist herbeigekommen. Tut Buße Kehrt um und glaubt an das Evangelium!

Hier wird die Botschaft Jesu in ihrem Kern zusammengefasst, im Griechischen sind es 15 meist kurze Worte. Das Reich Gottes ist gekommen, weil (und indem) Jesus gekommen ist. Es geht um die neue Schöpfung, das neue Leben, das in ihm präsent ist. Nun haben Menschen die Möglichkeit, mit ihm bzw. in seinen Fußspuren auf diesem alternativen Weg zu gehen. Das Imperium ist nicht mehr alternativlos, obwohl es inzwischen global ist.

Dass diese Möglichkeit „nahe“ ist, ist nicht zeitlich zu verstehen (… es dauert nicht mehr lange, bis es so weit ist), sondern räumlich: diese neue Möglichkeit ist „mitten unter euch“, weil Jesus sie als Mensch, inkarniert, in unserer Mitte lebt. Sie ist von nun an eine reale Möglichkeit.
Die zeitliche Dimension könnte in dem Sinne mitgemeint sein, dass Jesu Weg erst von seinem Ende her wirklich zu verstehen ist. Dieser Zusammenhang wird uns noch öfter begegnen (das sogenannte „Messiasgeheimnis“).

Glauben ist die Abkehr von den bisherigen falschen Wegen und die Hinwendung zu dem neuen Leben in Jesus. Was das genau bedeutet, wird der Fortgang der Geschichte zeigen. Wir sind immer noch in der Ouvertüre. Aber hier erklingen schon einmal alle Motive, die dann im Weiteren entfaltet werden.

Aug 212007
 

Der Beginn der Jesusgeschichte weist zurück auf die Paradiesgeschichte. Jesus macht da weiter, wo Adam gescheitert ist – nun aber unter wesentlich schlechteren Startbedingungen.

9 Und es begab sich zu der Zeit, dass Jesus aus Nazareth in Galiläa kam und ließ sich taufen von Johannes im Jordan. 10 Und alsbald, als er aus dem Wasser stieg, sah er, dass sich der Himmel auftat und der Geist wie eine Taube herabkam auf ihn. 11 Und da geschah eine Stimme vom Himmel: Du bist mein lieber Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen. 12 Und alsbald trieb ihn der Geist in die Wüste; 13 und er war in der Wüste vierzig Tage und wurde versucht von dem Satan und war bei den wilden Tieren, und die Engel dienten ihm.

Jetzt geht es wirklich los. Jesus kommt und lässt sich taufen. Und sein Zeichen der Umkehr wird von höchster Stelle bestätigt. Sein Weg findet Gottes Zustimmung. Mit dieser Zustimmung im Rücken stellt sich Jesus seiner Aufgabe. Sie gibt ihm in allen Konfrontationen (und es wird viele geben) die nötige Sicherheit. Am Ende dieses Weges wird das Urteil wiederholt werden: von seinem Henker.
Anschließend kommt die erwartete Kraft des Neuen tatsächlich zu Jesus. Es geschieht eine Neuschöpfung aus dem Heiligen Geist. Wie bei der ersten Schöpfung. Bei Markus erinnert die Versuchung Jesu deutlich an die Paradiesgeschichte: er „war bei den wilden Tieren“ – das schreibt nur Markus. Der Mensch, die Tiere, der Versucher, die Engel: das Personal der Paradiesgeschichte ist wieder beieinander. Nur dass die Welt inzwischen kein Paradies mehr ist, sondern (im Vergleich dazu) eine Wüste.
Im Paradies war es leicht, der Versuchung zu widerstehen. Es wäre leicht gewesen, das Vertrauen in den guten Gott zu bewahren. In einer Welt voller Herrschaft und Gewalt, einer Welt voller Kreuze ist das viel schwerer. Trotzdem: Jesus macht da weiter, wo Adam gescheitert ist. Und er besteht die Prüfung.
Jesus geht nicht nur bis zum babylonischen Exil zurück, sondern bis zum Anfang der Welt. Und Gott sagt sein deutliches Ja dazu. Diesmal wird es gelingen.