Apr 092018
 
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Schon 2015 waren wir in der Gebläsehalle mit christlich orientierten Iranern in Kontakt gekommen. Sie waren nicht vor Krieg geflohen, sondern vor der Repression in ihrem Heimatland. Hier suchten sie nach Anschluss an eine Gemeinde, und weil sie mich aus dem Camp kannten und unsere Kirche gleich in der Nachbarschaft war, kamen sie auch zu uns in den Gottesdienst.

Ich habe es damals sehr bewundert, dass sie, obwohl sie ja zunächst einmal beinahe nichts verstanden, doch immer wieder im Gottesdienst auftauchten. Zum Glück hatten wir damals schon Kontakt zu zwei Iranern, die bereits länger in Deutschland lebten und gelegentlich übersetzen konnten. Und ich kann mich an erste Bibeldiskussionen in der Gebläsehalle erinnern: in einer der vielen Familienkojen auf dem Boden sitzend, mit Google Translator (der damals Persisch nur sehr andeutungsweise verständlich machte) und natürlich Tee.

Bald hatten wir eine ganze Reihe von guten Kontakten in der Gebläsehalle. Und obwohl der größte Teil der Bewohner aus Syrien kam, hatten wir es bald vor allem mit Iranern zu tun. Wir hatten uns das nicht ausgesucht, es ist einfach so gekommen.

Noch 2015 entschlossen wir uns kurzfristig, in unserer recht flexiblen Gemeinschaft eine internationale Untergruppe einzurichten. Die ersten Male waren chaotisch: einige Familien brachten ihre Kinder mit, die damals in der unsicheren Situation noch sehr unruhig waren und sich verständlicherweise unter den Erwachsenen langweilten. Andere telefonierten zwischendurch und wollten uns mal kurz der Mutter oder dem Cousin im Iran vorstellen. Eben eine Begegnung von zwei unterschiedlichen Kulturen.

Aber nach und nach spielte sich das alles ein. Wir haben in unserer Gemeinschaft eine Eingangsliturgie, die an jedem Abend gleich ist (nach der Liturgie von Iona in Schottland). Jetzt merkten wir, dass es für die Neuankömmlinge sehr hilfreich war, wenn es so ein konstantes Element gab, das sie nach und nach mitsprechen konnten. In den Gruppen arbeiteten wir mit der Bibellteilen-Methode, bei der jeder seine Gedanken beisteuern kann. Ein Problem blieb lange die Sprache. Nicht immer war ein Übersetzer zur Hand. Aber irgendwie haben wir es doch hinbekommen.

Wir haben dann darauf hingearbeitet, dass möglichst viele von unseren guten Bekannten aus dem Camp nach Ilsede oder Peine verteilt wurden. Das war damals recht einfach, weil auch die Behörden ein Interesse hatten, Menschen im Landkreis zu behalten, die schon Kontakte vor Ort hatten.

Am Pfingstmontag 2016 haben wir im Gottesdienst 13 Iraner zwischen 3 und 38 Jahren getauft. Für die Taufgespräche haben wir einen Dolmetscher organisiert. So wurden die iranischen Geschwister für mich immer stärker zu Personen mit einem eigenen Lebensweg und einer je eigenen Art, damit umzugehen. Es ist ja ein wichtiger Schritt, wenn man langsam anfängt, nicht mehr vor allem die kulturellen Unterschiede zu sehen, sondern das persönliche Profil des jeweiligen Menschen.

2016 haben wir insgesamt viel an elementarer Integrationsarbeit geleistet. Es ging dabei oft um einfache Dinge wie z.B. das Bedienen von Bankautomaten, Telefonverträge oder die Funktionsweise des Gesundheitssystems. Besonders nervig waren die Briefe von der Rundfunk-Gebühren-Einzugszentrale, auch wenn sie sich inzwischen „Beitragsservice“ nennt. Und auch wir haben über den Fragebögen der Sozialbehörden gegrübelt und nicht verstanden, was die da wissen wollten und was das jeweils für Folgen hat. Es war auch einiges an Einsatz nötig, bis unsere Leute akzeptable Wohnungen hatten. Gelegentlich musste ich darauf hinweisen, dass Konflikte in Deutschland bitteschön nur mit Worten auszutragen sind. Aber ich hatte auch die Autorität, so etwas zu sagen und wurde gehört. Auch hier: es gäbe viele Geschichten zu erzählen, aber dies soll ja ein Überblick bleiben.

Aus der Zusammenarbeit mit den Nachbargemeinden entstand das „Ökumenische Integrationsnetz Ilsede“. Der Kirchenkreis bewilligte uns dafür eine halbe Stelle für einen Mitarbeiterin, die die Betreuung der Freiwilligen übernahm, sich um spezielle Einzelfälle kümmerte und auch viele Kontakte zur Kommune und zum Landkreis hielt. Auch ich bin in diesem Jahr gefühlt jede Woche im Rathaus gewesen. Wir haben dabei gemerkt, dass die Arbeit in unseren Dörfer und Ortsteilen anders laufen muss, dezentraler, als in der Stadt, wo es größere Heime und Zentren gibt.

Immer wieder kam natürlich die Frage: wie lange dauert es, bis wir anerkannt sind und uns selbst eine Wohnung suchen können? Einige warteten darauf, ihre Familien nachholen zu können. Ich hatte aus meinen bisherigen Erfahrungen heraus mit einer Frist von etwa einem Jahr bis zur entscheidenden Anhörung beim Bundesamt getippt. Am Ende dauerte es bei den meisten fast doppelt so lange.

Unsere Gemeinde ging unproblematisch mit den neuen internationalen Mitgliedern um. Vielleicht lag das auch daran, dass wir ja schon in den Jahren 2002-2008 Erfahrungen mit einem Kirchenasyl gemacht hatten. Eine Zeit lang wurde der Predigttext im Gottesdienst immer auch auf Persisch vorgelesen. Mehr wäre über unsere Möglichkeiten gegangen. Und allmählich wurden die Deutschkenntnisse auch besser.

2017 war dann das Jahr, in dem es endlich zu den Anhörungen kam.

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Apr 042018
 
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Als ich vor zweieinhalb Jahren hier schrieb, dass Ilsede Standort einer Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge werden würde, ahnte ich schon, dass da einiges an Arbeit auf mich zukommen würde. Aber ich ahnte nicht, wie intensiv das mich und die Gemeinde beschäftigen würde, und vor allem: dass es zweieinhalb Jahre dauern würde, bis ich wieder (abgesehen von der Veröffentlichung einiger Predigten) den Anlauf zum Bloggen schaffe.

Der Vorsatz, regelmäßig aus der Gebläsehalle (dem Standort der Einrichtung, siehe Bild oben) zu berichten, erwies sich als undurchführbar. Der wichtigste Grund dafür war natürlich, dass viel zu wenig Zeit dafür blieb. Es ging dabei aber auch immer um Menschen: Flüchtlinge natürlich, aber auch deutsche Mitarbeiter der vielen Hilfsorganisationen. Begegnungen wären beschädigt worden, wenn ich dabei im Kopf immer schon etwas für den Blog formuliert hätte.

Deswegen kommt nun ein eher summarischer Rückblick in mehreren Teilen.

Die Pionierphase

Am Anfang stand die Pionierphase: es wurde improvisiert, und bis dahin wirdfremde Menschen arbeiteten unproblematisch zusammen. Die Hilfsorganisationen brachten ihr Know-How mit der Unterbringung und Versorgung großer Menschengruppen ein, aber alle Abläufe, die sich speziell auf Flüchtlinge bezogen, mussten erst neu organisiert werden. Auch die Mitarbeiter des Landkreises (der die Trägerschaft des Ganzen hatte) wussten nicht immer genau, wie es weiterging, denn sie waren wiederum vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge abhängig, in dessen Auftrag der Landkreis die Einrichtung betrieb.

In dieser Zeit gab es jeden Tag unvorhergesehene Situationen. Ich hatte meiner Frau z.B. eines Morgens zu berichten, dass wir über Nacht acht syrische Gäste gehabt hatten, die jetzt Frühstück brauchten. Aber wir haben in dieser Zeit viele Dinge unkonventionell gemanagt, die sonst viel mühsamer gewesen wären. Auch mit den Mitarbeitern der verschiedenen Behörden und der Security gab es in der Regel eine gute, konstruktive Zusammenarbeit. Es gab unglaublich viel guten Willen und Vertrauen. Viele einzelne großartige (und auch weniger großartige) Geschichten aus dieser Zeit gibt es, aber man kann sie eigentlich nur persönlich weitererzählen. Ich war wirklich stolz auf unseren Landkreis, der das organisatorisch gut hinbekam, und in dem es so viele engagierte Freiwillige gab.

Auf der anderen Seite war es für alle Beteiligten enorm beanspruchend. Ich selbst war so gut wie jeden Tag in der Einrichtung. Auf Bitten des Landkreises haben wir uns um die Kinderbetreuung gekümmert. Wir, das waren im Kern außer mir die Kollegin aus der Nachbargemeinde und später eine Mitarbeiterin, die wir aus landeskirchlichen Mitteln anstellen konnten; dazu eine recht große Gruppe von immer wieder wechselnden Freiwilligen. Auch da gab es ein tolles Engagement. Wir hatten den Vorteil, dass wir mit unserer kirchlichen Mitarbeiterkultur viele Einzelheiten der Zusammenarbeit nicht erst erfinden mussten. Trotzdem gab es immer wieder neue Situationen, in denen wir flexibel reagieren mussten. Ich weiß nicht mehr, wie oft wir mit unserer Spielzone umgezogen sind. Aber es war toll zu erleben, dass wir auch ohne große Diskussionen oder Absprachen in die gleiche Richtung arbeiteten und uns 100%ig aufeinander verlassen konnten.

Ich selbst erlebte mich ein wenig als Seelsorger in der Einrichtung. Ich sprach mit Flüchtlingen (oft mehr mit Gesten als mit Worten), mit der Leitung, mit anderen Freiwilligen aus unterschiedlichsten Hintergründen, mit den Mitarbeitern der Hilfsorganisationen und der Security. Für viele war das eine sehr intensive Zeit, beanspruchend, aber auch eindrucksvoll. Manche waren froh, dass sie hier wieder einen guten Job gefunden hatten. Die Flüchtlingsbetreuung hat ja auch viele Arbeitsplätze geschaffen, und es wundert mich gar nicht, dass Deutschland sich seit dem Herbst 2015 einer langanhaltenden guten Konjunktur erfreut.

Sechs intensive Monate

Nach einigen Wochen war ich tief erschöpft und bin erst einmal ein paar Tage krank geworden. Danach kam Weihnachten, wo ich dann vor allem in meinem Hauptjob gebunden war.

Als ich danach wieder im „Camp“ (so nannten es die Flüchtlinge, und wir nahmen ihren Sprachgebrauch auf) war, spürte ich, dass es inzwischen eine klimatische Veränderung gegeben hatte. Es war jetzt alles viel geregelter, aber auch weniger flexibel. Personen hatten gewechselt. Es gab eine Menge Vorschriften. Die Pionierphase war vorbei. Natürlich muss sich irgendwann eine gewisse Regelmäßigkeit und Berechenbarkeit einstellen. Aber es war schon schade, dass nun langsam wieder der Alltag einkehrte, mit bürokratischen Prozeduren und Menschen, die wieder stärker auf die Zuständigkeiten schauten.

Zu Beginn des Jahres 2016 begann der Zustrom an Flüchtlingen zurückzugehen. Die prinzipiell vorhandenen 600 Plätze sind sowieso nie ausgeschöpft worden, aber nun funktionierte die Verteilung der Flüchtlinge auf die Kommunen besser. Es mussten nicht mehr so viele Menschen kurzfristig aufgenommen und beherbergt werden. Im März war die Einrichtung so gut wie leer. Im April 2016 wurde sie geschlossen.

Inzwischen dient die Gebläsehalle wieder als Veranstaltungsort für Konzerte, Ausstellungen, Partys und andere Events mit bis zu 2000 Personen.

Für uns in der Flüchtlingsarbeit Engagierte begann ein neuer Abschnitt.

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Okt 172015
 
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Seit gestern ist Groß Ilsede Standort einer Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge, die vom Landkreis Peine in Amtshilfe für das Land Niedersachsen organisiert wird. Bis zu 300 Flüchtlinge sollen in der ehemaligen Gebläsehalle auf dem Hüttengelände unterkommen (zur Klarheit: die Menschen werden erst anschließend Kommunen zugewiesen; sie sind z.Zt. noch in der Aufnahmeprozedur).

Als Ortsgemeinde fühlen wir uns natürlich in der Mitverantwortung für die Menschen dort. Gemeinsam mit Pfarrer Mogge von der katholischen St. Bernward-Gemeinde und Pastorin Schmager aus Oberg war ich vorgestern und gestern auf dem Gelände, um zu schauen, was da auf unseren Ort zukommt. Heute morgen haben wir in Absprache mit dem Landkreis begonnen, eine Kinderzone im Foyer der Gebläsehalle einzurichten.

Der erste Eindruck: es ist beeindruckend, dass die Hilfsorganisationen quasi über Nacht ein Projekt für 300 Leute auf die Beine stellen können. Ich zähle jetzt mal keine Beteiligten auf, damit ich niemand übergehe. Es war bestimmt eine zweistellige Zahl von Diensten und Organisationen, die beteiligt waren. Toll, dass wir auf solche unerwarteten Situationen vorbereitet sind: Es gibt Material dafür, es gibt Freiwillige, es gibt Organisationsstrukturen. Das ist schon beruhigend, wenn man denkt, dass man ja auch selbst mal auf so was angewiesen sein könnte (Naturkatastrophen, Bombenräumung …).

Der zweite Eindruck: es war eine gute Entscheidung des Landkreises, die Gebläsehalle auszuwählen. Massenquartiere sind nichts Schönes, aber die Gebläsehalle ist aus vielen Gründen gut geeignet. Sie liegt zentral, sanitäre Einrichtungen sind da, und es ist ringsum viel Platz vorhanden, um auch mal draußen zu sein (wenn das Wetter wieder besser ist als heute). Und es ist leichter zu verschmerzen, wenn Konzerte und Veranstaltungen ausfallen, als wenn Turnhallen nicht mehr benutzt werden können.

Am Abend kamen die Flüchtlinge per Bus. Anscheinend stammen sie vor allem aus Syrien, Irak und anderen Ländern der Region. Viele Familien, eine ganze Menge Kinder dabei. Die meisten ziemlich erschöpft. Mir fallen jetzt dauernd Geschichten ein, die ich oft bei Beerdigungsgesprächen gehört habe: wie nach dem Krieg hier Züge mit Flüchtlingen aus dem Osten ankamen, die nur hatten, was sie auf dem Leibe trugen, und die dann auf die Gemeinden aufgeteilt wurden. Sicher war es damals noch viel dramatischer, weil die Versorgung für alle nicht gesichert war. Aber ich glaube, ich kann mich jetzt besser in diese Geschichten hineindenken, die für mich ja bisher eine ferne Vergangenheit waren.

Heute morgen haben wir dann begonnen, eine Kinderzone mit Spielzeug einzurichten. Es war ganz toll, wie lauter Leute spontan vorbeikamen und Sachen dafür brachten. Und dann war es schön. wie die Kinder das Angebot annahmen. Ich ahne nur, was die alles hinter sich haben, aber jetzt waren sie unbeschwert und mit Begeisterung dabei. Und als dann noch Bälle kamen, wurde im Foyer munter gekickt; auch die Leute von der Security waren dabei. Wie Kinder sich an der Gegenwart freuen können! Natürlich kann ich hier keine Fotos posten, aber es war einfach schön zu sehen, wie manchmal von einem Moment zum anderen das Licht in einem Kindergesicht anging. An alle, die dazu beigetragen haben: es bewirkt wirklich etwas. Vielen Dank!

Die Erwachsenen sind deutlich stiller. Einer wollte von mir wissen, wie lange sie hier bleiben müssen. Ich musste ihm sagen, dass das wahrscheinlich im Moment niemand genau weiß. Im Augenblick geht es erstmal um die aktuelle Versorgung. Aber die Unsicherheit über die Zukunft ist bei den Erwachsenen wohl das Belastendste.

Ende nächster Woche soll die Halle voll belegt sein. Das wird natürlich deutlich schwieriger werden. Wir hoffen aber, dass wir auch dann für die Kinder eine Zone freihalten können, wo sie einfach Kinder sein können. Wir möchten dafür regelmäßig Ansprechpartner vor Ort haben. Wer also dabei mithelfen möchte, möge sich bei mir melden – per Mail, Telefon, Facebook, wie auch immer. Im Moment kann ich noch nichts Genaues dazu sagen, aber in den nächsten Tagen wird es sich klarer herauskristallisieren. Auch Kinderspielzeug brauchen wir weiterhin, aber es ist z.Zt. nicht ganz dringend. Wenn dann nächste Woche die Halle voll belegt ist, werden wir alles brauchen.

Übrigens sucht das Rote Kreuz, das dort eine Kleiderstube eingerichtet hat, vor allem noch Kleidung in kleineren Männergrößen. Sachen konnten heute direkt am Eingang der Halle bei der Security abgegeben werden; die bringen es dann dem Roten Kreuz. Bitte habt aber Verständnis dafür, dass man in der Regel nicht reingelassen wird.

Dank an alle, die so toll mitgemacht haben! Und ich werde hoffentlich die Zeit finden, euch hier auf dem Laufenden zu halten.

Diese Hoffnung hat getrogen. Erst 2,5 Jahre später bin ich wieder zum Bloggen gekommen.

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Jul 132012
 

Predigt im Trauergottesdienst für Pia, Noah, Lean und Lio am 23. Juni 2012

In der Nacht zum 15. Juni 2012 wurden in unserer Gemeinde vier Kinder vom eigenen Vater getötet. Dies ist die Ansprache aus dem Trauergottesdienst am 23. Juni. Sie folgte auf eine Erinnerung an die vier Kinder, die durch große Porträts vertreten waren.
Wir sind hier beieinander, weil in unserem Ort ein großes Unheil geschehen ist, das uns alle erschreckt und erschüttert hat. Wir sind daran erinnert worden, dass es in unserer Welt entsetzliche Dunkelheiten gibt, von denen wir nichts geahnt haben. Sie wohnen verborgen in menschlichen Herzen, manchmal direkt neben uns. Und wir haben es nicht gewusst.Jesus hat gesagt, dass alles Unheil im menschlichen Herzen beginnt. Da wohnen die Enttäuschungen, die Ängste, die Verletzungen, und manchmal mischt sich das alles, und daraus wird Wut und der Wunsch zu zerstören. Ich glaube nicht, dass irgendeiner und irgendeine von uns davor sicher ist. Aber bei den Allermeisten von uns geht das vorüber – Gott sei Dank! – und irgendwann erinnern wir uns noch nicht einmal mehr selbst daran.

Aber dann gibt es diese wenigen, schrecklichen Augenblicke, in denen mörderische Gedanken es schaffen, zur Realität zu werden, zur Tat. Und warum das jetzt ausgerechnet hier unter uns geschehen ist, das kann keiner sagen. Natürlich wird es Gründe dafür geben, vielleicht wird es irgendwann eine Gerichtsverhandlung geben, die Erklärungen zu Tage fördert. Aber im Ernst: müssen wir das wirklich wissen, müssen wir das in allen Einzelheiten wissen?

Ich glaube, für die Allermeisten von uns reicht es aus, zu wissen, dass wir alle auf unser Herz achten müssen, damit darin das Leben wohnt und nicht der Tod. Wir müssen uns nicht so direkt der Begegnung mit dieser grauenvollen Tat aussetzen wie die Polizisten und Rettungskräfte, die das für uns alle tun und denen wir dafür wirklich ganz großen Dank schulden. Wir sind auch nicht verpflichtet, uns in unseren Gedanken mit den Einzelheiten dieser Tat beschäftigen. Damit werden die Juristen, Psychologen und Seelsorger noch genug zu tun haben.

Aber wir sollen jeder an seinem Ort unser Teil dazu beitragen, dass gute Worte gesprochen werden, dass gesegnet wird und nicht beschuldigt, dass die Ausstrahlung dieser Tat gestoppt wird, dass Wunden geheilt werden und wieder ein gutes Leben möglich wird.

Liebe Freunde, besonders ihr aus Groß Ilsede, lasst uns alle miteinander hinarbeiten auf den Tag, an dem »Tanja S.« einfach wieder nur eine Bürgerin unseres Ortes ist, eine Nachbarin, jemand, über die es nicht mehr dauernd heißt: das ist die, deren Kinder damals getötet worden sind. Lasst uns nach vorne schauen zu dem Tag, an dem es stattdessen vielleicht über sie heißt: das ist die Tanja, die so schöne Bilder malt, ganz fröhlich, aber ein klein bisschen Traurigkeit ist fast immer auch dabei. Und wir treffen sie morgens oft, wenn sie ihre Runden läuft, die hat ganz schön Kondition. Wenn all das eines Tages wieder in den Vordergrund rückt, dann haben wir es richtig gemacht.

Bis dahin ist es noch ein weiter Weg, und es ist ein schwerer Weg. Natürlich vor allem für die, die da ganz nah dran sind. Alle, die so etwas aus der Nähe miterleben müssen, die wird das von nun an begleiten. Aber es muss nicht für immer als Schatten über dem Leben liegen.

Selbst jetzt ist Tanja immer noch viel mehr als das, was man ihr angetan hat. Und wir wollen sie nicht auf die schrecklichen Ereignisse in diesen Tagen festlegen, sondern wir wollen offen bleiben für das, was morgen aus ihr werden soll. Sie soll in Ruhe ihren Weg finden, und wir halten uns mit Ratschlägen zurück. Aber lasst uns alle für sie beten. Sie braucht jetzt Zeit, um ihr Leben zurückzugewinnen. Und dafür braucht sie einen sicheren, geschützten Ort.

Und das gilt auch für die ganze Familie, für die Nachbarn und Freunde und viele andere. Lasst uns hier ein sicherer Ort werden für uns und für alle, die in diesen Tagen besonders verletzt und erschreckt worden sind. Und das geschieht ja schon. In all diesem Dunkel gibt es doch so viel Hilfsbereitschaft, so viel Hoffnung, so viel Verantwortung und Verbundenheit. In diesen schlimmen Tagen zeigt sich auch, wie viel Gutes unter uns wohnt.

Und wenn ihr Tanja helfen wollt, dann sagt ihr: du darfst mich ansprechen, wenn du Hilfe brauchst. Oder sagt ihr: du kannst mich anrufen, wenn du jemanden zum Reden brauchst. Und wenn es passt, dann wird sie es tun. Und wenn sie sich nicht meldet, dann seid ihr nicht böse deswegen – vielleicht gibt es ja einfach so viele Helfer, dass sie nicht allen antworten kann. Denn sogar das – glaubt es mir – kostet Kraft.

Aber niemand ist verpflichtet, solche Hilfe anzubieten. Hilfe ist es auch schon, wenn man normal und freundlich auf sie zu geht. Natürlich sind wir jetzt alle befangen. Natürlich sind viele unsicher, wie man sich jetzt verhalten soll. Aber habt keine Angst, wenn ihr ihr begegnet. Wenn man den ersten Schritt tut, dann ergibt sich das andere. Drückt ihr einfach die Hand ein bisschen länger als sonst.

Wir sind nicht ohnmächtig. Wir können nicht ungeschehen machen, was passiert ist, aber wir sind nicht ohnmächtig. Wir können alle ein großes oder kleines Zeichen aufrichten gegen die Mächte der Zerstörung und des Todes. Keinem von uns ist die Kraft Gottes fern, sein Leben, seine Liebe. Überall in der Welt wartet sie darauf, dass wir sie wahrnehmen, uns für sie öffnen und aus ihr leben.

Denn unsere Welt besteht aus Himmel und Erde. Seit langer Zeit ist der Himmel verborgen, damit er nicht auch noch von unseren Finsternissen verdunkelt werden kann. Er ist jetzt noch die verborgene Seite der Welt. Aber immer wieder erreichen uns von dort Zeichen und Signale. Gott sendet seine Engel vom Himmel auf die Erde, seine guten Mächte, damit sie die Zerstörung begrenzen, die Menschen hier immer wieder anrichten, im Großen und im Kleinen. Und ich kann wirklich sagen, dass wir diese Bewahrung in den vergangenen Tagen immer wieder erlebt haben.

Als größtes und klarstes Zeichen ist Jesus Christus zu uns allen gekommen. Er hat unter uns ein Leben gelebt, das ganz von den Kräften des Himmels erfüllt war. Er ist dem Tod in jeder Gestalt entgegengetreten und ist nicht zurückgewichen. Und als er selbst sterben musste, da war die Macht Gottes stärker als die Macht des Todes, und Gott hat ihn auferweckt, und der Tod musste zurückweichen. Von Jesus sollen wir lernen: damit wir auch Menschen des Lebens sind, bewegt von den Kräften des Himmels, und in Solidarität verbunden mit allen, die uns brauchen.

Alles, was daraus wächst, wird bleiben. Jedes freundliche Wort, jede Geste der Anteilnahme, jedes aufrichtige Gebet, und alle Tränen der Liebe werden bleiben. Gott bewahrt sie auf in der unsichtbaren Welt, im Himmel. »Sammle meine Tränen in deinen Krug; ohne Zweifel, du zählst sie« heißt es im 56. Psalm. Gott kennt alle Tränen, und er vergisst keine. Der Krug, in dem er sie sammelt – auch das ist ein Bild für die verborgene Seite der Welt, wo Gottes Wille schon jetzt geschieht. Wie sollten wir davon anders reden als in Bildern?

Und in seiner verborgenen Welt behütet Gott jetzt auch diese vier Kinder, damit sie am Ende doch noch ihren vollen Platz finden, den Platz, den er ihnen von Anfang an zugedacht hat: in der kommenden Welt, wenn alle Tränen abgewischt werden, und wenn Himmel und Erde wieder zusammen kommen. Gott setzt der Zerstörung die sanfte, ausdauernde Kraft seiner Liebe entgegen – und deshalb tun wir es auch.

Wir bewahren das Bild dieser Kinder in unseren Herzen, weil wir wissen, dass sie selbst geborgen sind in der guten und geliebten Hand Gottes.

Jun 162012
 

Wir sind erschüttert und tief betroffen von den schrecklichen Geschehnissen in unserer Gemeinde. Wir trauern um vier Kinder, die zum Leben geschaffen waren und nicht zum Sterben.
Wir haben sie gekannt aus der Kinderarbeit und dem Konfirmandenunterricht. Wir können es noch kaum glauben, dass sie uns in Zukunft fehlen werden.
Wir beten für ihre Familie und unterstützen sie mit unseren Möglichkeiten.
Wir danken der Polizei und den Rettungskräften für ihre Unterstützung und Hilfe in der gegenwärtigen Situation.
Wir teilen die Trauer in unserem Ort; wir beten für Groß Ilsede und bieten bei Gottesdiensten und Andachten die Kirche an als einen sicheren Ort, wo Trauer zum Ausdruck kommen und von der Liebe Gottes berührt werden kann.

Dez 032011
 

Ansprache zum Volkstrauertag am 13. November 2011 in Groß Ilsede

Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,

wir begehen den Volkstrauertag in einem Jahr, das wie kaum ein anderes von Umwälzungen und Erschütterungen geprägt ist. Es hat begonnen mit dem arabischen Frühling, mit den Volkserhebungen in Tunesien, Ägypten, Libyen und Syrien. Dann wurden wir Zeuge, wie in Fukushima die Atomkraft ihre ganze zerstörerische Kraft zeigte, ausgerechnet in diesem leidgeprüften Land, das am Ende des zweiten Weltkrieges die Erfahrung von zwei Atombombenabwürfen machen musste. In Norwegen sahen wir mit Schrecken, zu welcher mörderischen Energie der Hass gegen alles Fremde und Unvertraute fähig ist, auch hier in Europa. Und schließlich erleben wir Woche für Woche, wie die Welt von den wirtschaftlichen Gewalten hin und her getrieben wird, die Menschen von ihren Fesseln befreit haben und nun nicht mehr bändigen können. Wer erinnert sich heute noch an die Lebensmittelskandale am Anfang des Jahres oder an Ministerrücktritte, die uns beschäftigt haben? Es ist, als ob das alles schon ewig zurückliegt, so viel ist inzwischen schon wieder passiert. Und das Jahr ist noch nicht zu Ende.

Mitten in diesen Unsicherheiten und Umwälzungen ist heute also der Volkstrauertag und erinnert uns daran, dass die Weltgeschichte auf die eine oder andere Weise schnell zu blutigem Ernst werden kann, eine Erfahrung, die uns in den vergangenen 66 Jahren hier in Europa durch unverdiente Gnade erspart geblieben ist. Zwei Drittel eines Jahrhunderts ohne Krieg und vergleichbare Katastrophen in unserem Land – ich wüsste nicht, dass es das jemals zuvor in unserer Geschichte gegeben hat.

Aber das hängt wohl auch damit zusammen, dass die Völker Europas nach den beiden großen Kriegen des vergangenen Jahrhunderts wirklich etwas gelernt haben: dass Krieg nichts sein darf, was immer mal wieder kommt, womit man sich abfindet und was man als letzte Möglichkeit gelegentlich in Kauf nehmen muss. Nein, Krieg darf nicht sein.

Deshalb haben unsere Väter und Mütter sich damals zwischen Gräbern und Ruinen geschworen: nie wieder Krieg, und sie haben es ins Grundgesetz geschrieben, und immer wieder haben wir es bekräftigt: von deutschem Boden darf nie wieder Krieg ausgehen. Und es mag sein, dass in der Weltpolitik die Deutschen da als zögerlich und unsicher gelten, aber diese Erfahrung der mörderischen Kriege hat uns mit gutem Grund sehr zurückhaltend gemacht in Bezug auf Krieg und Gewalt. Das ist ein kostbares, teuer erkauftes Erbe, dass viele Menschen in unserem Land sich ganz sicher darin sind, dass es wenige irdische Güter gibt, die wichtiger sind als Frieden.

Aber zum Frieden gehört nicht nur diese Zurückhaltung gegenüber militärischer Gewalt. Zu den besten europäischen Traditionen gehört die Überzeugung, dass es auf den Geist ankommt, auf die Werte, von denen man lebt, auf die Stärke des Mitleidens, und dass diese innere Stärke auf lange Sicht mehr erreicht als militärische Macht. Der Fall der Mauer und die Umwälzungen in Osteuropa vor mehr als zwei Jahrzehnten haben uns das noch einmal deutlich bestätigt. In der Freiheitsliebe und Opferbereitschaft junger Menschen in den arabischen Ländern, in der erstaunlichen Gewaltlosigkeit auch im Angesicht tyrannischer Regime begegnen uns heute unsere eigenen besten Traditionen, und wir sind gefragt, ob wir sie wiedererkennen und um diese zarte Pflanze bangen, die da völlig überraschend aufgeblüht ist.

Und genauso sind wir gefragt, ob wir auch angesichts weltbewegender Krisen und Umwälzungen an unseren Überzeugung festhalten wollen. Wir haben Werte und Erfahrungen, die nicht nur für die Schönwettersituationen gedacht sind, sondern die uns gerade in schwierigen Zeiten Orientierung geben. Sie sind kein Luxus, sondern Überlebensausrüstung. Ein Volk ohne Vision geht zugrunde, heißt es in der Weisheit des Königs Salomo. Gerechtigkeit und Solidarität, Freiheit und Mitleid, sie sind Geschwister des Friedens, und es sind die unsicheren Zeiten, in denen sie sich bewähren werden, wenn wir ihnen trauen.

In diesem Sinn: Gott behüte unser Land und lasse uns im Frieden leben!

Jan 292007
 

Wer sich im Internet umschaut, merkt: Es gibt viele grundlegend neue Gedanken über die Gemeinde der Zukunft. Skizzenhaft oft noch, aber mit der Bereitschaft, Gemeinde noch einmal ganz neu zu denken. Weg von dem, was wir als die Gesellschaft dominierendes Christentum kennen. Wie aber sieht das aus in der norddeutschen Tiefebene?

Unter einem Stichwort wie „emerging church“ denken international viele unterschiedliche Christen darüber nach, wie zukunftsfähige christliche Gemeinschaften aussehen können: ohne den Ballast aufwändiger und teurer Organisation, dafür echt, an Menschen orientiert, der sozialen Gerechtigkeit und einem freundlichen Umgang mit der Schöpfung verpflichtet. Orientiert an den ersten drei Jahrhunderten der Christenheit, die ohne staatliche Unterstützung (unter staatlichem Druck) ein enormes missionales Potential entfaltete. Inspirierende neue Gedanken kommen dabei vor allem aus dem englischsprachigen Raum – England, Australien, auch USA. Bücher sind oft (noch) nicht übersetzt, und vieles wird erst einmal im Internet formuliert und diskutiert. In Weblogs finden sich viele Mosaiksteine. Als jemand, der in einer eher ländlichen Situation lebt und arbeitet, interessiert mich vor allem, wie das alles in meiner Umgebung funktionieren kann.

Denn viele Überlegungen und Experimente sind sehr deutlich von städtischer Kultur und deren Möglichkeiten geprägt. So viel Sympathie ich auch dafür habe – ich würde doch gern wissen, wie Gemeinde aussehen kann in einem Umfeld, in dem (noch?) sehr viel mehr Homogenität vorhanden ist, und wo die (auch vorhandenen) unterschiedlichen Kulturen und Lebensstile sehr viel durchlässiger sind.

Und dieses Umfeld ist keine aussterbende Kultur, sondern stellt einen erheblichen Anteil der deutschen Bevölkerung und Wirtschaftsleistung. So schrieb neulich (17.1.07) die Frankfurter Rundschau:

Rein numerisch hat der ländliche Raum noch ein großes Gewicht: Gut die Hälfte der Bevölkerung und 90 Prozent der Fläche des Staats gehören zum ländlichen Raum. Auch ökonomisch ist der ländliche Raum nicht von vornherein das Armenhaus der Nation. Natürlich gibt es viele ländliche Gebiete, die von hoher Arbeitslosigkeit und Abwanderung betroffen sind. Auf der anderen Seite stehen jedoch reiche oder aufstrebende Agrarlandschaften mit baulich und infrastrukturell attraktiven und intakten Dörfern.

und weiter:

Dörfer und ländliche Regionen sind äußerst vielfarbig und tiefgründig zugleich. Ihre ausgeprägten regionalen und lokalen Individualitäten, ihre vielschichtigen Potenziale und Probleme entziehen sich einer einfachen Darstellung und Generalisierung.

Aber auch auf dem Land bleibt die Zeit nicht stehen:

Als neuer Trend ist zu beobachten, dass – fast unsichtbar – moderne private Dienstleistungen wie Versicherungen, Steuer- und Unternehmensberatung, Soft- und Hardwareentwicklung ins Dorf Eingang gefunden haben.

Also: die gesellschaftlichen Trends kommen – mit einer gewissen Verzögerung – auch hier an. Aber sie mischen sich stärker in den Mainstream, werden unaufgeregt eingebaut. Was bedeutet das für die Zukunft der Gemeinde hier bei uns?

Diesem Thema möchte ich hier nachgehen – und auf der anderen Seite die motivierendsten Ideen zur Gemeinde der Zukunft sammeln und kommentieren. Ich finde es faszinierend, wie seit einigen Jahren ein ungeheuer beschleunigter Fluss von Gedanken und Ideen Christen verbindet, die geografisch manchmal Hunderte und Tausende von Kilometern voneinander entfernt sind. Ohne große Organisation, einfach indem man sich von einer Website zur anderen, von einem Blog zum nächsten hangelt. Und hiermit startet auch mein Beitrag dazu.