Jul 162018
 

Predigt am 15. Juli 2018 zu Lukas 9,10-17

10 Und die Apostel kamen zurück und erzählten Jesus, wie große Dinge sie getan hatten. Und er nahm sie zu sich und zog sich mit ihnen allein in eine Stadt zurück, die heißt Betsaida. 11 Als die Menge das merkte, zog sie ihm nach. Und er ließ sie zu sich und sprach zu ihnen vom Reich Gottes und machte gesund, die der Heilung bedurften. 12 Aber der Tag fing an, sich zu neigen. Da traten die Zwölf zu ihm und sprachen: Lass das Volk gehen, dass sie hingehen in die Dörfer und Höfe ringsum und Herberge und Essen finden; denn wir sind hier an einer einsamen Stätte. 13 Da sprach er zu ihnen: Gebt ihr ihnen zu essen. Sie aber sprachen: Wir haben nicht mehr als fünf Brote und zwei Fische, es sei denn, dass wir hingehen sollen und für dieses ganze Volk Essen kaufen. 14 Denn es waren etwa fünftausend Männer. Er sprach aber zu seinen Jüngern: Lasst sie sich lagern in Gruppen zu je fünfzig. 15 Und sie taten das und ließen alle sich lagern. 16 Da nahm er die fünf Brote und zwei Fische und sah auf zum Himmel und segnete sie, brach die Brote und gab sie den Jüngern, dass sie dem Volk austeilten. 17 Und sie aßen und wurden alle satt; und es wurde aufgesammelt, was ihnen an Brocken übrig blieb, zwölf Körbe voll.

Jesus ist dabei, seine Jünger zu trainieren, damit sie mit der Welt so umgehen können, wie er es tut. Kurz vor unserer Geschichte hat er sie ins ganze Land geschickt, damit sie selbst ausprobieren, wie es ist, wenn man das Evangelium verkündet und Menschen gesund macht. Und ganz besonders hatte er ihnen eingeschärft, dass sie nicht für ihren Lebensunterhalt vorsorgen sollten, weder Proviant noch Geld sollten sie dabei haben. Aus Gottes Hand kommt nicht nur Heilung, sondern auch Brot. Und so hatten sie immer genug zu essen, während sie den Menschen das Reich Gottes verkündeten.

Eine alte Erfahrung

Das ist eine Erfahrung, die das Volk Gottes von Anfang an immer wieder gemacht hat: die Welt ist von Segen erfüllt. Es ist genug für alle da. Das zeigt sich auf ganz unterschiedliche Weise, aber das Ergebnis ist immer: sie wurden alle satt. Das Volk Israel hat schon lange Zeit vorher bei seiner Flucht aus der ägyptischen Sklaverei erlebt, dass Gott sie versorgt. Wir haben das vorhin in der Lesung (2. Mose 16,2-18) gehört: auf ihrer Wüstenwanderung sandte Gott ihnen Wachteln und Manna. Selbst in der Wüste findet Gott Wege, damit seine Leute nicht hungern müssen.

Als die Jünger dann auf ihrer Tour durchs Land sind, da werden sie von den Menschen eingeladen, die sie mit ihrer Botschaft erreicht oder mit ihrem Gebet gesund gemacht haben. Was sie brauchen, das wird ihnen geschenkt. Das ist für unser Gefühl leichter erklärlich als wunderbares Brot, das vom Himmel fällt.

Später, in der ersten Gemeinde, wurden die Menschen alle satt, weil sie teilten. Es gab keine Armen unter ihnen. Auch das leuchtet uns einigermaßen ein, aber eigentlich ist das natürlich auch ein totales Wunder, wenn Menschen keine Angst mehr haben, dass es für sie selbst nicht reichen könnte. Es ist ein Wunder, wenn Menschen nicht meckern und murren wie das Volk Israel in der Wüste, wenn Menschen nicht um einen Platz in der Welt kämpfen, sondern darauf vertrauen, dass Gott ihnen den schon geben wird. Wer denkt, das wäre kein Wunder und das wäre leicht, der soll das erstmal probieren: Menschen von ihrer Angst vor dem zu-kurz-Kommen zu befreien.

Auch für große Menschenmengen

Und nun sorgt Jesus dafür, dass seine Jünger auf eine noch ganz andere, neue Weise Gott als Versorger kennenlernen. Sie haben gerade durch ihre Reisen dafür gesorgt, dass immer mehr Menschen zu Jesus kommen. Aber als sie dann das Ergebnis sehen, die riesige Menge von 5000 Menschen, da kommt es ihnen nicht in den Sinn, dass Gott auch für die sorgen könnte. Da denken sie eher an die praktische Lösung, die Menschen rechtzeitig wegzuschicken, damit sie sich noch etwas kaufen können. Selbst das wäre aber schwierig geworden, denn die Dörfer waren klein und so viel Vorräte wären da gar nicht gewesen. Wir wissen ja auch alle, wie schnell Aldi vor Weihnachten leergekauft ist. Aber vor allem hätten sie so dieses neue Beziehungsnetz, das da entstanden ist, gleich wieder zerrissen.

Deshalb geht Jesus einen anderen Weg. Er lässt sich bringen, was da ist, er dankt für das, was da ist, er segnet die Speise, er bricht das Brot, er lässt es austeilen – das erinnert alles schon irgendwie an das Abendmahl. Und tatsächlich geschieht das Wunder, dass sie alle satt werden. Am Ende ist noch viel übrig, und es wird sorgfältig in fünf Körben eingesammelt. Auch wenn genug für alle da ist, ist das kein Freibrief, Nahrung zu verschwenden.

Eine sehr besondere Erfahrung …

An dieser Stelle wäre es falsch, sich eine scheinbar vernünftige Erklärung zurecht zu legen, so auf die Art: das eigentliche Wunder bestand darin, dass sie alle angefangen haben zu teilen, und dann reichte das Mitgebrachte. Ja, so hat das in den ersten christlichen Gemeinden funktioniert. Aber hier passierte etwas anderes. Die Leute damals hatten zwar noch keine Computer, aber blöd waren sie nicht. Die konnten schon unterscheiden, ob da bloß einige ihre versteckten Butterbrote rausholten, oder ob – nun ja, ob das Brot sich auf eine Weise vermehrt hat, die sonst nicht die Regel ist. So etwas wird ja aus der Frühzeit des Christentums nicht wieder erzählt, das ist so nur bei Jesus passiert. So wie auch nur von Jesus erzählt wird, dass er auf dem Wasser gegangen ist oder einen Sturm zum Schweigen gebracht hat. Ich glaube, wir müssen damit rechnen, dass Gott manchmal unser normales Vorstellungsvermögen ein wenig durcheinander bringen will.

Aber Gott benutzt dabei nicht ein Schema F. Er macht es immer mal wieder anders. In diesem Fall vermehrt er Brot und Fische auf wunderbare Weise, ein andermal lässt er sein Volk durch die Natur mit Wachteln und Manna versorgen, dann wieder bewegt er die Herzen der Menschen, so dass sie die Jünger zum Abendessen einladen, und oft entfacht er die Solidarität der Christen, untereinander und mit anderen. Es sieht immer wieder anders aus, aber es bleibt dabei: Gott sorgt für seine Leute, und auch für viele andere.

… mit Gottes schöpferischer Kraft

Was sich durch all diese Geschichten ebenfalls hindurchzieht, das ist, dass er dabei auch immer Menschen zusammen bringt. In diesem Fall sammelt er sie in einer unbewohnten Gegend, irgendwo in der Nähe von Bethsaida, in einer Art Niemandsland. Da sind keine Kritiker, mit denen er sich herumstreiten muss. Da sind die Leute aus ihrem normalen Alltag herausgeholt, da ist das bis dahin Selbstverständliche nicht mehr selbstverständlich, da sind sie offen für ganz andere Lebensentwürfe. Und Jesus lässt sie die Erfahrung machen, wie Gottes schöpferische Kraft dafür sorgt, dass das Leben ganz anders funktioniert, als sie es bis dahin für selbstverständlich gehalten haben.

Bis dahin war es für sie selbstverständlich, dass Mangel herrscht, dass das Leben hart ist, dass man sein Brot im Schweiße seines Angesichts essen muss. Jetzt machen sie die Erfahrung, dass der Segen Gottes und seine Fülle nicht mehr verborgen sind, dass das Leben nicht mehr mühsam ist, dass Fülle da ist und nicht Mangel regiert.

Mangel ist nicht selbstverständlich

Wie gesagt, das hat es so nur bei Jesus gegeben, und auch da wohl nur zwei Mal. Aber es ist ein starkes Signal, dass wir uns den normalen Mustern für das, was wir vom Leben erwarten, nicht beugen sollten. Und wenn einer es nicht glauben mag, dass Gott wirklich so etwas tun kann und Menschen auf ganz wunderbare Weise versorgt, dann kann er sich ja auch an das halten, was eher der christliche Normalfall ist: dass Menschen miteinander teilen, dass Menschen die Angst verlieren, sie könnten zu kurz kommen. Das ist auch schon ganz schön wunderbar, und wenn das unter uns real wird, das ist doch auch schon etwas sehr Schönes.

Also, für alle, die sich nicht vorstellen können, dass sich Nahrung auf solche ganz wunderbare Weise vermehrt: dann seht die Geschichte jedenfalls als Hinweis darauf, dass die Welt ein reicher Ort wird, wenn Menschen teilen und nicht mehr denken, sie müssten um ihr Lebensrecht kämpfen.

Zerstörerische Überzeugungen

Es ist nämlich ein grundlegender Unterschied, ob man sich die Welt als einen Ort des Mangels vorstellt, wo Menschen um ihren Anteil kämpfen müssen, oder ob man vom Segen her denkt, der dafür sorgt, dass alle genug haben. Wer sich die Welt als eine Welt voller Mangel und Kampf vorstellt, der arbeitet daran, dass es auch so kommt. Wer den Menschen einredet, es sei nicht genug da, der produziert Angst und Gier. Wenn es nicht reicht, dann ist jeder sich selbst der Nächste. Dann heißt es: ich zuerst! Mein Land zuerst! Lasst uns kämpfen, dass wir uns ein großes Stück vom Kuchen sichern!

Wir erleben das ja im Augenblick an allen möglichen Fronten, wie Menschen ganz offen sagen: ich zuerst! Wir zuerst! Und dann gibt es Krieg: heiße Kriege, kalte Kriege, Handelskriege, Kulturkriege. Und gerade Kriege jeder Art sorgen für Not. Eigentlich ist genug für alle da, aber Angst, Gier und die Erbitterung, die daraus wächst, sorgen dafür, dass es trotzdem nicht reicht. Segen kann nur gedeihen, wenn Menschen miteinander verbunden sind und füreinander sorgen. Segen erschließt sich nur gemeinsam, wenn man anfängt, um ihn zu konkurrieren, dann verdirbt er.

Niemand muss glauben, dass Jesus einfach so auf wunderbare Weise Brot vermehrt hat. Es ist müßig, darüber große Debatten zu führen. Aber es wäre gut, wenn sich die Botschaft dieser Geschichte und vieler anderer ausbreiten würde: Unsere Welt ist reich und gesegnet, und die Fülle Gottes liegt für uns bereit. Niemand muss Angst haben, dass es für ihn nicht reicht. Aber die Voraussetzung dafür ist Verbundenheit, Barmherzigkeit, Solidarität, Freundlichkeit.

Harte Herzen sind schlimmer als harte Böden

Es gibt keinen Grund zur Sorge, denn Jesus steht in der Mitte der Menschen und segnet das Brot. Es gibt keinen Grund zum Kampf, denn Jesus teilt die Menschen in Tischgemeinschaften ein, sorgt dafür, dass jeder seinen Platz bekommt und alle miteinander Gottes Gaben empfangen. Und es gibt keinen Grund zur Verschwendung, denn er sorgt dafür, dass auch mit den Resten sorgfältig umgegangen wird – das ist überhaupt nicht banal, wenn man daran denkt, dass ein großer Teil unserer Lebensmittel auf dem Weg vom Feld auf den Teller verloren geht, verdorben, vernichtet, weggeworfen. Manche sagen, es wäre die Hälfte – ich weiß nicht, was stimmt, aber es ist auf jeden Fall zu viel.

Für uns heute ist das eine Herausforderung an unsere Art, die Welt zu sehen. Die Menschheit war noch nie so reich wie heute, niemand müsste hungern, wenn wir gleichmäßig teilen würden. Nicht harte, unfruchtbare Bösen sind das Problem, sondern harte, unfruchtbare Herzen. Und die Weltbilder, die harte Herzen zu ihrer Selbstrechtfertigung produzieren. Aber wir sind so gewöhnt an diese »Es reicht nicht für alle«-Parolen, dass es eine echte Herausforderung ist, anders zu denken. Wir sind ein bisschen in der Lage der Jünger, als Jesus sie ohne Geld und Proviant auf den Weg schickte: ein Weg ins Ungewisse und Unbekannte. Aber als sie sich auf den Weg machten, erlebten sie: es geht! Es funktioniert! Gottes Segen ist nicht kalkulierbar, aber er fließt wirklich!

Jul 102018
 

Predigt am 8. Juli 2018 zu Psalm 26

1 Von David.
HERR, schaffe mir Recht, denn ich bin unschuldig!
Ich hoffe auf den HERRN, darum werde ich nicht fallen.
2 Prüfe mich, HERR, und erprobe mich, läutere meine Nieren und mein Herz!
3 Denn deine Güte ist mir vor Augen, und ich wandle in deiner Wahrheit.
4 Ich sitze nicht bei falschen Menschen und habe nicht Gemeinschaft mit den Heuchlern.
5 Ich hasse die Versammlung der Boshaften und sitze nicht bei den Gottlosen.
6 Ich wasche meine Hände in Unschuld und umschreite, HERR, deinen Altar,
7 dir zu danken mit lauter Stimme und zu verkünden alle deine Wunder.
8 HERR, ich habe lieb die Stätte deines Hauses und den Ort, da deine Ehre wohnt.
9 Raffe meine Seele nicht hin mit den Sündern noch mein Leben mit den Blutdürstigen,
10 an deren Händen Schandtat klebt und die gern Geschenke nehmen.
11 Ich aber gehe meinen Weg in Unschuld. Erlöse mich und sei mir gnädig!
12 Mein Fuß steht fest auf rechtem Grund. Ich will den HERRN loben in den Versammlungen.

In diesem Psalm kann man immer noch ganz gut seine Ursprungssituation erkennen: Da ist in Vers 6 vom Altar die Rede, und das weist in den Tempel von Jerusalem. Ebenso Vers 8, wo der Beter sagt, dass er das Haus Gottes liebt. Und der Psalm setzt ein mit der Bitte: schaffe mir Recht, Herr!

Nimmt man das zusammen, dann ist also jemand in den Tempel gegangen mit der Bitte, dass Gott ihm zu seinem Recht verhelfen möge und seine Schuldlosigkeit bestätigen möge. Und in der Tat finden sich an verschiedenen Stellen der Bibel Hinweise auf so etwas wie ein Ritual, bei dem ein unschuldig Verfolgter oder Verleumdeter im Tempel Asyl bekommt und wo er dann durch ein Gotteswort rehabilitiert wird.

Ein Mensch unter Angriff

Wie bei allen Psalmen weist der Text, wie er heute in der Bibel steht, weit über diesen eng begrenzten Zusammenhang hinaus. Die Psalmen haben sich im Laufe der Zeit ein ganzes Stück von ihrer Ursprungssituation entfernt, so dass sich heute viele Menschen dort wiederfinden können, auch wenn sie sich nicht in dieser ganz speziellen Problematik befinden. Trotzdem ist es gut, den ursprünglichen Anlass zu kennen, wie er immer noch in einzelnen Formulierungen durchschimmert.

Da ist also jemand, der beschuldigt wird, etwas Böses getan zu haben. Das ist tatsächlich eine menschliche Standardsituation bis heute: mit Vorwürfen und Anschuldigungen konfrontiert zu sein. Bis heute kannst du jede Versammlung und jede Sitzung aufmischen, wenn du jemanden heftige Vorwürfe machst und ihn einer schlimmen Tat beschuldigst: sofort wird er sich verteidigen, vielleicht wird er dich seinerseits angreifen, und alle im Raum gehen emotional mit. Auch in der öffentlichen Diskussion und in den Nachrichten bekommen solche Konflikte mit Vorwürfen und Beschuldigungen sofort große Aufmerksamkeit. Und auch im Kleinen entfaltet das eine enorme Dynamik: wer ist schuld, und wer muss sich entschuldigen oder etwas wiedergutmachen?

Ausweichen nicht möglich

Und während du heute jemanden, der dir Vorwürfe macht und dich dauernd anschuldigt, relativ einfach aus dem Weg gehen kannst (wenn es nicht gerade ein Familienmitglied, eine Kollegin oder ein Mitschüler ist), war das damals viel schwieriger. Da lebte man in einem überschaubaren Dorf zusammen, jeder kannte jeden, man war aufeinander angewiesen, die Familien kannten sich seit Generationen, alle lebten von ihren Äckern in der gleichen Feldmark, man redete dauernd miteinander und übereinander, weil es ja sonst wenig Themen gab, da kamst du nicht einfach heraus. Und wenn da jetzt ein paar Leute sind, von denen du gemobbt wirst, die über dich erzählen, du wärst ein schlechter Landwirt oder ein heimlicher Ehebrecher oder du wärst religiös nicht zuverlässig, das konnte schnell existenzbedrohend werden.
Und wenn du dich dann an die Dorf- oder Stadtältesten wandtest, die sich im Tor treffen und Streitfälle entscheiden, dann konnte es sein, dass da im Rat auch wieder ein paar von dieser Mobbing-Clique sitzen, oder dass deine Feinde mit denen wirtschaftlich verbunden sind, und dann wäscht eine Hand die andere, oder die Ältesten haben auch Angst, sich mit denen anzulegen, und niemand ist bereit, dir zu helfen.

Zuflucht im Haus Gottes

Für solche Fälle gab es den Tempel. Dort konnte man hingehen und Gott um Hilfe bitten. Und die Priester scheinen dann ein Verfahren gehabt zu haben, mit dem sie einem Menschen tief ins Herz schauten, wo sie einen Gebetsweg mit ihm gegangen sind, und am Ende stand dann die Rehabilitation: im Namen Gottes: dieser Mensch ist gerecht!

Uns wird das heute oft genau andersherum erzählt: Gott oder seine Kirche machen den Menschen angeblich dauernd ein schlechtes Gewissen, sie klagen uns an und drohen mit der Hölle, sobald wir mal einen kleinen schlechten Gedanken hatten. In den Psalmen wird es genau andersherum beschrieben: Menschen klagen an, Menschen beschuldigen, Menschen mobben, aber Gott steht den Beschuldigten zur Seite. Selbst Gewaltstaaten reicht es nicht, ihre Opfer zu beseitigen oder wegzusperren, sie versuchen immer auch, sie moralisch fertigzumachen. Folter und Vorwürfe gehen da oft Hand in Hand. Und Menschen, die Kinder missbrauchen, geben ihnen oft auch noch das Gefühl, dass sie schmutzig und schuldig sind. Beschuldigungen sind gefährliche Waffen.

Rehabilitation

Aber wir sind dagegen nicht ohne Beistand. Wenn Menschen uns angreifen, sollen wir bei Gott Beistand suchen und finden. Er ist gerade nicht der Ober-Ankläger, sondern unser starker Verbündeter, der uns den Rücken stärkt. Der Satan ist es, der im Neuen Testament als »Verkläger der Brüder« (Offenbarung 12,10) bezeichnet wird. Er arbeitet mit Gewissensfummelei. Aber es scheint schon damals im Tempel ganz regelmäßig vorgekommen zu sein, dass von Gott das Wort der Rechtfertigung kam.

Unser Wort »Rechtfertigung« hat seinen Ursprung in solch einem Zuspruch im Tempel: du bist ok, du bist in Gottes Augen gerecht. Vielleicht sprach ein Priester das aus, vielleicht haben aber auch Menschen ganz direkt von Gott diese Botschaft empfangen: ich stehe an deiner Seite! Und die Priester machten das dann nur noch für alle sichtbar, sprachen öffentlich aus, was für eine Antwort dieser Mensch bekommen hatte auf seine Bitte: Schaffe mir Recht, o Herr!
Menschen erlebten also ganz konkret, dass Gott sie verteidigte. Gottes Haus, sein Tempel, war quasi das Obergericht, an das man sich wenden konnte, wenn die lokalen Rechtsinstanzen zu nahe dran und nicht neutral waren. So man heute an den europäischen Gerichtshof appellieren kann, und der ist noch einmal unabhängiger als nationale Gerichte.

Gewissenserforschung, die runterzieht? Im Gegenteil!

Man kann in dem Psalm sogar noch sehen, wie das ablief. Es beginnt mit dem Appell: schaffe mir Recht, Herr! Und dann gibt es (Vers 2) so etwas wie eine Prüfung, eine Gewissenserforschung, wo einer sich Gott weit öffnet, vielleicht ein tiefgehendes Gespräch hat oder einen Gebetsweg geht und sich der Frage stellt: ist da etwas dran an dem, was sie mir vorwerfen? Und während wir das eher so kennen, dass man immer tiefer ins Grübeln und Selbstzweifeln kommt, was man falsch gemacht haben könnte, ist es hier anders. Diesem Beter wird immer klarer: da ist doch gar nichts dran an den ganzen Beschuldigungen!

Wir sind nämlich im Grunde viel zu schnell zu beeindrucken von Vorwürfen. Im zweiten Schritt verteidigen wir uns dann und verleugnen, was wir vielleicht wirklich getan haben, oder wir antworten mit Gegenvorwürfen, aber zuerst einmal lassen Menschen sich viel zu schnell ein schlechtes Gewissen machen, besonders, wenn die Vorwürfe auch noch von vielen Menschen kommen.

Manipulation mit Schuldgefühlen

Deswegen ist dieser Trick mit den Vorwürfen und Beschuldigungen so perfide, weil er eigentlich immer wirkt, ganz egal, ob die Vorwürfe stimmen oder nicht. Manche Eltern lassen ihre Kinder so aufwachsen, dass die dauernd das Gefühl haben, sie wären nicht gut genug, oder sie würden alles falsch machen. Die stehen dann Jahr um Jahr unter Angriff und kommen davon nicht los. Viele sagen: wenn meine Mutter doch nur einmal sagen würde: das hast du gut gemacht! Vielen Dank! Und sie tun alles dafür, damit sie wenigstens einmal hören: du bist ein gutes Kind! Aber sie hören es nie, obwohl sie vielleicht ein ganzes Leben lang darum kämpfen. Und es ist die entscheidende Hilfe, wenn sie dann Gott begegnen und verstehen: der ist kein Beschuldiger und Gewissensbelaster, sondern der stärkt uns im Gegenteil den Rücken.

Jesus jedenfalls war so sehr mit sich im Reinen, dass er ganz souverän mit Beschuldigungen und Verleumdungen umgehen konnte. Der ließ das an sich abtropfen und sorgte noch dafür, dass es für die Angreifer selbst peinlich wurde. Deshalb sind in der Gemeinde Jesu Beschuldigungen und Vorwürfe tabu. Natürlich gibt es Fälle, wo eine Gemeinde sich mit Fehlverhalten in den eigenen Reihen auseinandersetzen muss, das kommt in der Bibel immer wieder vor, aber das läuft nie darüber, dass man Menschen beschuldigt und ihnen ein schlechtes Gewissen macht. Das ist immer lösungsorientiert.

Schon hier im Psalm sehen wir das. Der Mensch, der sich dort im Tempel einer Prüfung unterzieht, merkt: ich habe mich wirklich nie mit solchen Leuten gemein gemacht, ich hab mich ferngehalten, wenn sie über andere abgelästert haben, ich war nie in Hinterzimmer-Tricksereien verwickelt. Ich habe immer Abstand gehalten.

Frei werden

Wenn du andere beschuldigst, oder dir selbst ihre Vorwürfe anziehst, sogar wenn du dagegen Sturm läufst: dann kommst du nicht von ihnen los. Beschuldigungen binden Menschen aneinander. Frei wird nur, wer selbst nicht damit arbeitet und die Verbindung zu denen kappt, die so etwas machen. Und wenn Sie sich noch an die Lesung vorhin (Matthäus 10,16-20) erinnern: da sagt Jesus seinen Jüngern, dass sie vor Königen und Statthaltern stehen werden und von ihnen angeklagt werden, aber sie sollen dann nicht von sich aus antworten. Sie würden von sich aus vielleicht nur zwecklose Gegenvorwürfe erheben. Stattdessen sollen sie den Heiligen Geist antworten lassen, mit den Worten, die er ihnen dann eingibt. Das ist der schützende Tempel verwandelter Form: Gott selbst verteidigt uns, durch seine Wort in unserem Mund.

Als in unserem Psalm der Beschuldigte so weit ist, dass ihm das alles klar wird, darf er sich zum Zeichen seiner Unschuld die Hände waschen (Vers 6). Uns fällt dabei sofort Pilatus ein, der diese Geste missbrauchte, als er Jesus verurteilte. In Wirklichkeit ist das aber ein Zeichen des Schutzes: ich wasche von meinen Händen das Unrecht ab, mit dem die anderen mich beschmutzen wollten. Man kann sich das ruhig so vorstellen, dass die versucht haben, meine Hände in den Dreck zu ziehen, und dann wasche ich es ab, und nichts bleibt zurück! Gerade weil Beschuldigungen etwas so Elementares sind, deswegen wird da im Tempel diese elementare Geste dagegen gesetzt.

Mit erhobenem Haupt

Und der Rest ist Freude und Erleichterung. Der freigesprochene Mensch umschreitet den Altar, er lobt Gott, er erzählt von dieser Befreiung, er dankt dafür, dass es diesen Ort gibt, wo Gott Freiheit schenkt.

Und von nun an geht er mit erhobenem Haupt seines Weges. Ihm ist ganz deutlich, zu wem er nicht gehört. Ihm ist klar geworden, dass er sich all die Vorwürfe nicht anziehen muss. Er hat neuen Boden unter den Füßen, und er hat eine neue Heimat gefunden: die Gemeinde derer, die raus ist aus dem unheilvollen Kreislauf von Beschuldigung, Verteidigung und Gegenangriff. Die Gemeinschaft derer, die das große Ja Gottes gehört haben und nun erhobenen Hauptes aus dem Haus Gottes in die Welt hinein gehen.

Jul 022018
 

Predigt am 1. Juli 2018 zu Psalm 23

1 Ein Psalm Davids.

Der HERR ist mein Hirte,
mir wird nichts mangeln.

2 Er weidet mich auf einer grünen Aue
und führet mich zum frischen Wasser.

3 Er erquicket meine Seele.
Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen.

4 Und ob ich schon wanderte im finstern Tal,
fürchte ich kein Unglück;

denn du bist bei mir,
dein Stecken und Stab trösten mich.

5 Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde.
Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein.

6 Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang,
und ich werde bleiben im Hause des HERRN immerdar.

Ob dieser Psalm ganz oder teilweise wirklich von König David stammt, das ist hier genauso ungewiss wie bei den meisten Psalmen, über denen steht »Ein Psalm Davids«. Aber es ist in der Tat ein Psalm mit königlichen Anklängen: die Könige wurden in der alten Zeit als »Hirten« ihrer Völker bezeichnet. Darin ist das Herrscherliche mit dem Fürsorglichen verbunden: die Herrscher sagten, wo es lang geht, aber sie mussten auch dafür sorgen, dass es ihren Völkern gut ging: schon im eigenen Interesse, aber es wurde auch von ihnen erwartet.

Königliche Assoziationen

In Israel hat sich das dann so weiter entwickelt, dass es eine große Enttäuschung über die real regierenden Könige gab. Die Propheten haben oft über die »Hirten Israels« geklagt, die sich selbst weiden und die Herde vernachlässigen. Und deswegen kam dann Gott ins Bild als der eigentliche Hirte seines Volkes. Im Neuen Testament wird das wieder aufgenommen, da sind die Leiter der Gemeinde ihre Hirten, aber Jesus oder Gott ist der eigentliche Hirte der Gemeinde, der sprichwörtliche »Gute Hirte«.

Im 23. Psalm hat nun jemand die Vorstellung vom Volk, das von Gott als seinem Hirten geführt wird, auf einen einzelnen Menschen übertragen. Und man kann sich gut vorstellen, dass tatsächlich mal ein König, vielleicht sogar wirklich David, auf die Idee gekommen ist, zu sagen: ich soll mein Volk wie ein Hirte führen, aber ich brauche selbst auch jemanden, der so auf mich aufpasst, und das kann dann nur Gott sein.

David, Jesus und der Psalm

Und egal, ob es nun historisch stimmt: es passt gut zusammen mit dem, was wir von David wissen. David ist einer der ersten Menschen, von dem wir sehr viel über seine persönliche Gottesbeziehung wissen. Der ist wohl tatsächlich jemand gewesen, der sein Leben immer im Dialog mit Gott geführt und durchdacht hat. Deshalb wurde er von Gott auch als König ausgewählt, weil er einer war, der aus ganz persönlicher Motivation heraus Gott bei allem mitreden ließ.

Und einen langen Zeitraum seines Lebens hat er ja in großer Unsicherheit verbracht: als der Prophet Samuel ihn zum König salbte, da war eigentlich Saul König von Israel, und zwischen den beiden gab es ein – sagen wir – sehr kompliziertes Verhältnis, das eine Zeit lang auch militärisch ausgetragen wurde: Saul versuchte, Davids habhaft zu werden, und der versteckte sich in der Wüste und in Berghöhlen, gemeinsam mit seinen Leuten, die ein wilder, zusammengewürfelter Haufen aus Heimatlosen und Entwurzelten waren.

Es gehörte zu Davids wichtigsten Aufgaben, immer wieder Nahrung zu beschaffen für sich selbst und diesen Haufen wilder Männer, die ihm vertrauten. Sie hatten wenig Sicherheit und waren tatsächlich darauf abgewiesen, dass sie Tag für Tag wieder jemanden fanden, der ihnen etwas abgab zum Lebensunterhalt. Man kann sich sogar vorstellen, dass viel später Jesus sich selbst mit seinen Jüngern in diesem Bild von David und seinen Leuten wiedererkannt hat. Wir haben ja vorhin in der Lesung (Markus 8,14-21) gehört, wie er sie fragt: habt ihr je Mangel gehabt, so lange ihr mir folgt? Und sie bestätigen: nein, du hast immer für uns gesorgt. Und dann ist die Antwort Jesu: also macht euch darum keine Sorge, Essen ist nicht das Problem, aber hütet euch vor dem Sauerteig der Pharisäer! Also: achtet darauf, dass ihr euch von frommen Kontrollettis kein falsches Gottesbild einreden lasst! Und man kann sich gut vorstellen, wie Jesu Vertrauen in den Vater im Himmel, der Menschen und Spatzen mit Nahrung versorgt, aus alttestamentlichen Texten wie dem 23. Psalm gewachsen ist.

Vertrauen, aber nicht romantisch

Denn in der Tat ist dies ein Text über Vertrauen. Die Menschen in der biblischen Zeit waren allerdings besser als wir davor geschützt, das allzu romantisch zu verstehen. Damals konnte man nicht ganz so schnell an niedliche, kuschelige Schäfchen denken, weil die Leute besser wussten, dass es harte Arbeit ist, eine Herde zu beaufsichtigen. Man muss dauernd darauf achten, dass alle beieinanderbleiben, gelegentlich muss man wilde Tiere abwehren, die Schafe haben durchaus einen strengen Geruch, und Wohnwagen mit Dusche waren auch noch nicht erfunden. Romantisch geht anders.

Aber es bleibt, dass hier jemand davon spricht, wie Gott sich um seine Bedürfnisse kümmert. Gott achtet auf einen Menschen, er sieht, was er braucht, er schaut auf seinen Lebensweg und führt ihn so, dass er alles bekommt, was er nötig hat. Die Bilder dafür sind das saftige grüne Gras, das ja im vorderen Orient durchaus nicht überall sprießt und wächst; es sind die Wasserstellen, wo das Wasser nicht schnell weg fließt, sondern ruhig verweilt, so dass man bequem trinken kann.

Eine Welt voller Schrecken und Güte

Hier beschreibt also jemand die Welt als Ort, an dem die belebende Zuwendung Gottes immer wieder zu erfahren ist. Die Welt ist keine seelenlose Maschine, sondern sie ist ansprechbar, in, hinter und unter ihr ist ein Gegenüber zu entdecken, das für uns ist und nicht gegen uns. Die Welt ist nicht einfach so, wie sie ist, sondern sie antwortet unterschiedlich, je nachdem, wie wir sie ansprechen. Jeweils wie man in den Wald hinein ruft, so schallt es auch wieder heraus. Man muss es nicht wahrnehmen, aber in der Welt ist eine freundliche Kraft des Lebens tätig, und wenn wir nach ihr Ausschau halten, wird sie sich uns erschließen.

Das heißt aber nicht, dass uns jemand glauben machen will, dass die Welt eben doch ein Ponyhof ist. Nein, in der Welt gibt es die dunklen Täler, und auch dem Beter dieses Psalms bleiben sie nicht erspart. Es gibt die Feinde, die in den Psalmen wirklich fast überall zu finden sind. Hier in diesem kurzen Psalm ist das nicht in Einzelheiten beschrieben, aber die Feinde bilden einen sehr präsenten Hintergrund, der an prominenter Stelle sichtbar wird. In der Bibel ist es normal, dass Menschen Feinde haben; man muss sich die gar nicht machen, die kommen von allein.

Gott bleibt bei uns

Und die Hoffnung ist nicht, dass Gott uns das alles erspart, sondern dass er mit uns da hindurch geht. Und er tut das »um seines Namens willen«. Der Name sagt etwas über die Person, die ihn trägt und über ihre Geschichte. Wenn Gott sich um uns kümmert, dann tut er das nicht, weil wir ihn genervt haben mit unseren Bitten, und er endlich mal Ruhe haben will, sondern er hat sich aus freien Stücken entschieden, unser Gott zu sein und für uns zu sorgen. Es ist Gottes eigene Sache. Er setzt seine Ehre da hinein, für seine Menschen zu sorgen. Gottes Ehre und Freude sind freie Menschen, die vertrauensvoll und mutig ihren Weg mit ihm gehen. Menschen, die auch in den dunklen Tälern des Lebens sagen: ich fürchte mich nicht, »denn du bist bei mir«.

Das ist der entscheidende Satz, der Dreh- und Angelpunkt des Psalms. Dass Gott mit uns ist, das ist der Grund allen Vertrauens. Dass Gott auch durch die finsteren Zonen der Welt begleitet, das lässt Menschen mutig in die Dunkelheiten der Welt hineingehen. In diesem Vertrauen ist Jesus aufs Kreuz zugegangen und ist nicht geflohen. Und so sollen wir lernen, dass unsere Sicherheit in dem Satz liegt, dass Gott mit uns ist und nicht in den vielen Sicherheiten, auf die wir uns normalerweise ganz routinemäßig verlassen.

Aber Gott ist nicht berechnbar

Und so sind Menschen immer wieder auch in Leid und Anfeindung Gott begegnet, so haben Menschen auch in Gefängnissen und Lagern erlebt, dass Gott bei ihnen ist, dass er sie getröstet und auch beschützt hat, dass er sie davor bewahrt hat, zerstört zu werden. Es gibt die Zeugnisse von Christen, die davon sprechen, wie sie zuerst völlig überwältigt waren und Gott nicht gefunden haben, als sie in die Gewalt von Geheimpolizei und Sicherheitskräften kamen, aber dann irgendwie doch auf Gott stießen mitten in Gewalt und Dunkelheit. Wir, denen das bisher erspart geblieben ist, können uns nicht wirklich vorstellen, wie das gehen soll. Wir können es nur ahnen. Es ist auch kein Automatismus, keine selbstverständliche oder berechenbare Erfahrung, und bei mir muss das überhaupt nicht so ablaufen wie bei jemanden, von dem ich gelesen oder gehört habe.

Man kann das vielleicht ein wenig hochrechnen von weniger dramatischen Situationen der Hilfe, die wir erlebt haben; man kann versuchen, sich zu erinnern, wie es war, wenn Gott einen anspricht und deutlich macht: ich bin da! Fürchte dich nicht! Und wenn wir dann trotz allem gut schlafen konnten, dann ist das ein Hinweis darauf, dass Gottes Nähe die entscheidende Hilfe ist, egal, wie das dann genau aussieht. Wenn einer das erlebt, das muss gar nicht jeden Tag neu passieren, sondern das kann einen auch für lange zeit stützen und begleiten.

Und wir sollen auch für Menschen beten, die in grauenvollen Umständen leben müssen, in den syrischen Foltergefängnissen zum Beispiel, und wir sollen wenigstens nicht mitleidlos die Augen verschließen vor all denen, die in die Gewalt von grausamen Feinden geraten sind. Wenigstens das sollen wir tun.

Gottes freies Geschenk

Dietrich Bonhoeffer, der ja selbst viel an Druck und Feindschaft ertragen musste, hat gesagt: Gott gibt uns das alles, Kraft und Schutz und Beistand, aber er gibt es nicht im Voraus, damit wir nicht denken, es käme aus unseren Möglichkeiten. Gottes Nähe ist nicht immer gleichmäßig da, sondern sie ereignet sich, immer wieder, als sein freies Geschenk, und auch in Reaktion auf unsere Bitten.

An dieser Stelle wandelt sich dann auch das Bild im Psalm: Gott erscheint als ein fürsorglichen Gastgeber, der seinem Gast den Tisch deckt, ihn mit wohlriechendem Öl salbt und ihm im Überfluss einschenkt. Wahrscheinlich denkt da jemand an Mahlzeiten im Schutzraum des Tempels – der Tempel war ja früher auch eine Art Asylraum, wo Menschen vor Feinden und Verfolgern sicher waren. Die Feinde waren nicht verschwunden, sondern sie wurden sogar noch Zeuge, wie der, den sie in die Zange nehmen wollten, in dem Schutzraum Gottes aufgenommen und versorgt wird. Und wer die Fürsorge Gottes selbst erlebt hat, der bildet dann hoffentlich auch wieder selbst einen Schutzraum, in dem andere der Güte und Gegenwart Gottes begegnen. Gott spricht manchmal sehr direkt zu uns und manchmal durch das, was andere in seinem Auftrag tun, ob sie es wissen oder nicht.

Jun 252018
 

Gottesdienst am 24. Juni 2018 mit Einführung des neuen Kirchenvorstandes und Predigt zu Römer 1,16-17

Ich schäme mich des Evangeliums nicht; denn es ist die Kraft Gottes, die alle rettet, die glauben, die Juden zuerst und ebenso die Griechen.

Paulus schneidet ein Thema an, über das nicht oft gesprochen wird, obwohl es gar nicht so selten ist: dass Christen sich für das Evangelium schämen, dass sie nicht mit Selbstbewusstsein und Sicherheit daherkommen, sondern sich eher entschuldigen dafür, dass sie immer auch noch diese Botschaft mitbringen.

Warum sollte aber einer wie Paulus sich für das Evangelium schämen? Weil er aus der Provinz nach Rom schreibt, ins Zentrum der damaligen Welt, in die Stadt, die sich den Rest der bekannten Welt rund ums Mittelmeer unterworfen hatte. In Rom tobte das Leben, da fielen die Entscheidungen für den Rest der Welt – politisch, wirtschaftlich, kulturell, stilistisch und auch religiös. Und dann kommt ein Jude aus dem Osten nach Rom und denkt, er hätte den Schlüssel zur Welt in der Tasche: das Evangelium vom jüdischen Messias Jesus, der an einem römischen Kreuz gestorben ist. Ist das nicht peinlich? Ist das anmaßend? Aber Paulus kommt mit erhobenem Haupt in die große Stadt und sagt: ich bringe den Schlüssel zur ganzen Welt und zu allem mit – die Kraft der Rettung, die jeder braucht.

Sich nicht unter Wert verkaufen

Paulus hat viel dafür getan, dass er das Evangelium so weitergibt, dass Menschen es verstehen können und es nicht eine tote dogmatische Formel bleibt. Aber er hat sich und seine Botschaft nie klein gemacht, er hat sie nie unter Wert angeboten. Wer sich dafür entschuldigt, dass es jetzt leider noch mal für 5 Minuten religiös wird, der soll es lieber ganz lassen. Christen müssen wissen, dass ihnen die entscheidende Botschaft anvertraut ist, die immer wieder den Lauf der Weltgeschichte und den Fortgang einzelner Lebensgeschichten entscheidend beeinflusst. Wenn es eng und schwierig wird, wenn vielen anderen die Worte wegbleiben, dann haben wir noch etwas Starkes zu sagen.

Und es ist klar, dass es ganz besonders vom Vorstand einer Gemeinde abhängt, ob es da dieses fröhliche Selbstbewusstsein gibt: vielleicht sind wir nicht viele, aber wir bringen die Kraft Gottes mit, die lebt unter uns, und deshalb sind wir der wichtigste Faktor in unserem Ort, in unserem Land und in der Welt. Das alles aber bitte ganz ohne Arroganz, ohne den Anspruch, dass die anderen deshalb auf uns hören müssten, ohne den Wunsch, den anderen unsere Vorstellungen vom Leben aufzuzwingen. Einfach in dem ruhigen Selbstbewusstsein, mit dem Paulus nach Rom kam und wusste: was ich mitbringe, das wird seinen Weg machen, das wird sein Werk tun, es wird nichts mehr so bleiben wie früher.

Ich kann mich noch an Zeiten erinnern, als Christen das Evangelium peinlich war, weil es angeblich nicht mit der modernen Wissenschaft zusammenpasste und allein deswegen schon längst überholt sein müsste. Das ist heute etwas seltener geworden, dafür schämen sich Christen heute schon eher, dass die Kirchen so viel falsch gemacht haben und machen und immer irgendwie nicht richtig auf der Höhe der Zeit sind und nicht im richtigen Stil daherkommen.

Ein Gott für eine Welt

Heute kann man aber ahnen, dass das Christentum in Zukunft noch ganz anderes unter Druck kommen wird: nämlich weil der christliche Gott der eine Gott der ganzen Welt ist, der Gott aller Menschen, der seine Sonne gleichermaßen aufgehen lässt über Böse und Gute, aber auch über Menschen aus allen Kulturen und allen Nationen, und der immer ein ganz besonderes Herz für die Armen hat, für alle, die von anderen benachteiligt und klein gehalten werden, für alle die in Not sind. Er denkt immer auch für die anderen mit, für die auf der anderen Seite der Grenze. Egal, was für eine Grenze das ist. In Kriegen steht er auf keiner Seite, sondern leidet mit den Opfern menschlicher Unbarmherzigkeit. Er ist kein National- oder Stammesgott, und wenn Menschen versucht haben, ihn so zu missbrauchen, „Gott mit uns!“ auf die Koppelschlösser der Soldaten zu schreiben, dann ist das immer schief gegangen.

Aber die Stimmen werden lauter, die sagen, dass wir es uns nicht leisten können, uns um die Probleme der ganzen Welt zu kümmern, und in Wahrheit ist gemeint, dass wir uns überhaupt nicht um die Probleme anderer kümmern sollten, sondern nur sehen, dass es uns selbst gut geht. Amerika first!, Deutschland first! (und vielleicht auch noch: Bayern first!). Und eigentlich ist gemeint: ich, ich ich, wir, wir, wir. Das nennt man Egoismus. Kluge Menschen haben immer gewusst, dass der großen Schaden anrichtet, und Jesus hat gesagt: dein Nächster ist genau so wichtig wir du, Gott liebt ihn so, wie er dich liebt, und du solltest das auch tun. Seid barmherzig, wie euer Vater im Himmel barmherzig ist. Und in der berühmten Geschichte vom Barmherzigen Samariter macht Jesus dann deutlich, dass Nächstenliebe über die Grenzen der eigenen Gruppe hinausgeht. Wir sollen unser Herz jedem Menschen in Not zuwenden, egal, ob er zu »uns« gehört oder nicht. Und an einer anderen berühmten Stelle sagt Jesus: ob du in den Himmel kommst, das hängt davon ab, ob du die Liebe Gottes zu den Armen teilst, ob du die Hungrigen speist, die Gefangenen besuchst, die Fremden aufnimmst und so weiter.

Wenn biblische Selbstverständlichkeiten zu politischen Statements werden

Und ich hätte nie gedacht, dass mal eine Zeit kommen würde, wo diese schlichten biblischen Sätze unmittelbar zu einer politischen Stellungnahme werden. Man muss überhaupt nicht groß darüber diskutieren, ob die Kirche politisch sein soll, darf, muss oder kann, sondern schlichte biblische Selbstverständlichkeiten werden von selbst zu politischen Statements.

Es sind schon denkwürdige Zeiten, in denen wir leben. Wahrscheinlich werden bald in Europa die ersten Menschen ins Gefängnis kommen, weil sie das biblisch Selbstverständliche getan und Flüchtlingen geholfen haben. Und man kann ja im Moment gar nichts mehr ausschließen – vielleicht wird das irgendwann auch in unserem Land passieren. Gott möge das verhüten! Und, ja, er hat viele Wege, auf denen er das tun kann, aber seine erste Wahl sind immer viele lebendige Gemeinden an der Basis, Gemeinschaften von ganz normalen Menschen, die miteinander Barmherzigkeit lernen und leben. Ein berühmter Kollege von mir trägt das wie ein Mantra vor sich her und wiederholt das immer wieder: die Ortsgemeinde ist die Hoffnung der Welt. Das ist der gleiche Geist eines demütigen Selbstbewusstseins, wie man es an Paulus lernen kann, wenn er sagt: ich schäme mich nicht, es ist mir nicht peinlich, wenn ich in die Hauptstadt der Welt komme und nichts anderes mitbringe als das Evangelium, das die Gerechtigkeit Gottes enthüllt, und ein paar Menschen, die davon restlos überzeugt sind.

Gottes Gerechtigkeit ist seine Treue zur Welt

So schreibt es Paulus nämlich weiter: »ich schäme mich des Evangeliums nicht, weil in ihm die Gerechtigkeit Gottes enthüllt wird«. Gottes Gerechtigkeit besteht darin, dass er seinem Bund treu bleibt: dem Bund mit seinem Volk, mit den Menschen und mit der Erde, auch wenn wir uns von ihm abgewandt haben, auch wenn wir unsere Seele verkaufen und die anderen Geschöpfe gleich mit dazu. Aber Gott bleibt treu und sendet uns Jesus als den treuen Menschen, der bis zum Kreuz, bis in den Tod hinein treu bleibt und so der Anfang einer neuen Menschheit wird, die es besser macht als die alte, eine neue Menschheit, die barmherzig ist wie unser Vater im Himmel barmherzig ist. Das ist Gottes Weg, und das enthüllt das Evangelium.

In einer Welt mit nicht wenigen Menschen, denen andere egal sind, die auch noch einen Unfall mit Toten und Verletzten filmen und den Rettungskräften im Weg stehen, da muss es Menschen geben, die sich ihrer Barmherzigkeit nicht schämen, denen es nicht peinlich ist, wenn sie sich vom Leid anderer anrühren lassen, die sich nicht von Sprüchen ins Bockshorn jagen lassen, sondern die sich sicher sind, dass Jesus der Weg des Lebens ist und das andere der Weg der herzlosen Torheit.

Für Leute mit Stehvermögen

So eine Sicherheit – Luther hätte gesagt: so eine Glaubensgewissheit – die kann für viele ein Anstoß und Ärgernis werden, und alle, die in kirchlicher Leitungsverantwortung stehen, die sollen bereit sein, das zu ertragen, fest zu stehen und nicht zurückzuweichen, bis Gott die Hilfe schickt, die er uns verspricht und auf die wir hoffen. Und der Lohn für alle, die da dabei sind, ist, dass man auf diese Weise erst wirklich Gottes Treue und seine Kraft kennen lernt und darauf vertrauen lernt. Luther hat am Ende seines Lebens gemeint, dass das die beste Art ist, um die Bibel verstehen zu lernen.

Aber alle Blicke in die Zukunft sind immer nur Hilfskonstruktionen, die wir brauchen, aber nicht zu ernst nehmen sollten. Als ich noch mal zurückgeschaut habe auf die vergangenen sechs Jahre seit der Einführung des jetzt scheidenden Kirchenvorstandes, da ist mir deutlich geworden, dass die größten Herausforderungen überhaupt nicht vorhersehbar waren. Und das hat ja auch etwas Tröstliches: wir müssen uns nicht auf jeden erdenklichen Fall vorbeireiten. Es kommt sowieso immer anders. Es reicht zu wissen, dass Gott treu ist und dass er uns mit den Herausforderungen auch die Kraft schickt, um sie zu bestehen.

Wir sollen uns nur nicht des Evangeliums schämen, weil genau da die Kraft verborgen ist, die wir brauchen. Als wir neulich im Kirchenvorstand zur Vorbereitung der dann ausgefallenen Visitation miteinander überlegt haben, was denn das charakteristische Profil unserer Gemeinde ist, da haben die anderen Mitglieder des Vorstandes gesagt: dass bei uns das Leben und das Geistliche, der Glaube, nicht zwei Bereiche sind, die nebeneinander stehen und konkurrieren, sondern dass sich das durchdringt und verknüpft und gegenseitig bestärkt.

Ich bin da gar nicht drauf gekommen, aber als ich es hörte, dachte ich: ja, das stimmt. Und wir haben viele Menschen, die das auch gar nicht anders wollen. Und das ist schon mal ein guter Anfang für die nächsten sechs Jahre.

Jun 182018
 

Predigt im Besonderen Gottesdienst am 17. Juni 2018 mit Matthäus 5,13-16 und Römer 11,1-7

 

Einleitung:

In der Einleitung wurden verschiedene historische Beispiele vorgestellt, wie Juden und Christen als Minderheiten dennoch erheblichen Einfluss auf ihre Umwelt, sogar auf den Gang der Weltgeschichte hatten.

Predigt:

Zwei Lesungen bildeten den Ausgangspunkt für die Predigt:

Römer 11,1-7:
Paulus schreibt: 1 Ich frage also: Hat Gott sein Volk verstoßen? Keineswegs! Denn auch ich bin ein Israelit, ein Nachkomme Abrahams, aus dem Stamm Benjamin. 2 Gott hat sein Volk nicht verstoßen, das er einst erwählt hat. Oder wisst ihr nicht, was die Schrift von Elija berichtet? Elija führte Klage gegen Israel und sagte: 3 Herr, sie haben deine Propheten getötet und deine Altäre zerstört. Ich allein bin übrig geblieben, und nun trachten sie auch mir nach dem Leben. 4 Gott aber antwortete ihm: Ich habe siebentausend Männer für mich übrig gelassen, die ihr Knie nicht vor Baal gebeugt haben. 5 Ebenso gibt es auch in der gegenwärtigen Zeit einen Rest, der aus Gnade erwählt ist – 6 aus Gnade, nicht mehr aufgrund von Werken; sonst wäre die Gnade nicht mehr Gnade. 7 Das bedeutet: Was Israel erstrebt, hat nicht das ganze Volk, sondern nur der erwählte Rest erlangt; die übrigen wurden verstockt.

Matthäus 5,13-16:
Jesus sprach: 13 »Ihr seid das Salz der Erde. Wenn jedoch das Salz seine Kraft verliert, womit soll man sie ihm wiedergeben? Es taugt zu nichts anderem mehr, als weggeworfen und von den Leuten zertreten zu werden. 14 Ihr seid das Licht der Welt. Eine Stadt, die auf einem Berg liegt, kann nicht verborgen bleiben. 15 Auch zündet niemand eine Lampe an und stellt sie dann unter ein Gefäß. Im Gegenteil: Man stellt sie auf den Lampenständer, damit sie allen im Haus Licht gibt. 16 So soll auch euer Licht vor den Menschen leuchten: Sie sollen eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.«

Zwei Bibeltexte haben wir gehört: als letztes die eindrückliche Stelle aus der Bergpredigt, wo Jesus seinen Jüngern sagt, sie seien das Licht der Welt und das Salz der Erde. Die beiden Bilder sind ähnlich, aber nicht deckungsgleich, und sie ergänzen sich: »Licht der Welt« beschreibt, wie die Gemeinschaft der Nachfolgerinnen und Nachfolger Jesu Träger der ganzen Welt die Augen öffnen soll, Orientierung geben soll, und sie können das, weil Jesus ihnen seine Botschaft anvertraut. Unter den Jüngerinnen und Jüngern wird die Wahrheit darüber sichtbar, dass die Welt vom göttlichen Segen lebt, der umsonst gegeben und geschenkt wird, und den sollen Menschen ebenfalls weitergeben und nicht wie eine Beute an sich reißen. So entsteht Gerechtigkeit. Das ist die Grundlage von allem.

Auch das Bild vom »Salz« der Erde erinnert daran, dass der Welt etwas Entscheidendes fehlen würde ohne die Botschaft, die mit der Christenheit verbunden ist. Wenn das Salz in der Suppe fehlen würde, dann wäre es keine Freude mehr, sie zu essen.

Toynbees Studien zu kreativen Minoritäten

Aber dieses Bild vom Salz sagt auch etwas darüber, wie die kleine Gruppe, der das Evangelium anvertraut ist, ihren Einfluss ausüben kann – eben als »kreative Minderheit«, die alles um sich herum beeinflusst, gerade weil sie ganz anders ist als der Rest der Gesellschaft.

Dieses Wort von der »Kreativen Minderheit« stammt eigentlich vom englischen Historiker Arnold Joseph Toynbee, der davon ausging, dass Kulturen immer in kleinen Gruppen entstehen, und die Mehrheit schließt sich dem dann an. Diese Minderheiten sind die Eliten, und solange sie kreativ bleiben, geht es der Kultur gut. Wenn sie aber keine Antworten mehr für die Herausforderungen der Welt haben, dann stirbt die Kultur. »Kulturen werden nicht ermordet, sondern begehen Selbstmord« hat er einmal geschrieben.

Wer hat Lösungen?

Dieser Gedanke zeigt uns, wie tatsächlich kleine Gruppen wichtig für das Ganze werden können: nicht durch ihre Größe oder ihre Macht, sondern dadurch, dass sie gute Lösungen für Probleme der ganzen Gesellschaft anbieten. Wenn die Gesellschaft in Schwierigkeiten gerät, dann ist die entscheidende Frage, wer Lösungen anbieten kann.

Und tatsächlich sind im christlichen Umfeld häufig solche Lösungen für die Probleme der Gegenwart entstanden. Manchmal auch ganz ohne dass das beabsichtigt gewesen wäre: die Quäker etwa wollten dem Heiligen Geist Raum geben und nicht einen Beitrag zur modernen Demokratie leisten; aber durch ihre Art der Gemeindeversammlungen haben sie trotzdem genau das getan.

Macht oder Kreativität?

In einem Punkt passt Toynbees Konzept der »Kreativen Minderheiten« allerdings nicht gut zum Christentum: er stellt sich vor, dass diese Minderheiten dann auch die Gesellschaft regieren. Und das hat es auch immer wieder gegeben, dass Christen in Krisenzeiten die Leitung der Gesellschaft übernommen haben, ganz oder teilweise. Am Ende des römischen Imperiums sind oft die Bischöfe in die Rolle von politischen Vertretern einer Stadt hineingerutscht, einfach, weil sonst keiner da war, der das konnte. Oder: am Ende der DDR haben viele Christen in der Übergangszeit wichtige staatliche Aufgaben übernommen, weil man ihnen Vertrauen entgegen gebracht hat und weil sie Erfahrungen mit der Organisation von Gruppen hatten.

Aber es ist gut, wenn sich Christen dann auch wieder von der Macht zurückziehen, weil sich Macht und Kreativität häufig nicht so gut miteinander vertragen. Weltliche Macht bekommt der Kirche nicht; die Versuchung ist zu groß, durch Macht der Gesellschaft etwas aufzuzwingen, anstatt gute, plausible Lösungen aufzuzeigen. Wer Menschen etwas vorschreiben will, und sei es die beste, christlichste, biblischste Lebensweise, wird sie nicht wirklich gewinnen.

Leitbilder und ihre Wirkungen

Das bringt uns dazu, über unser Leitbild von Kirche nachzudenken. Wir kennen Kirche vor allem als eine Institution, der prinzipiell alle Glieder der Gesellschaft angehören. Und selbst heute, wo z.B. bei uns noch etwa gut eine Hälfte der Menschen zu einer christlichen Kirche gehört, würden sich auch viele Nichtmitglieder irgendwie doch noch zugehörig fühlen. Leitbilder sind ja so etwas wie Orientierungsmarken, und wir orientieren uns immer noch an diesem Bild von einer oder auch zwei Kirchen für die ganze Gesellschaft. Und dann geht es immer um die Frage: darf die Kirche den Menschen oder dem Staat etwas vorschreiben, und was, und dann gibt es die Vertreter christlicher Sitte und Ordnung, und es gibt Rebellen gegen die autoritäre Kirche, und es gibt die Witze darüber, wie der kleine Mann unter dem kirchlichen Autoritätsanspruch wegtaucht, und das sind alles einfach keine guten Rollenmodelle. Das sind ganz unfruchtbare, unerfreuliche Konflikte, die entstehen, wenn wir uns an dem Leitbild der Kirche als religiöser und sittlicher Instanz für die ganze Gesellschaft orientieren.

Das Leitbild vom Salz der Erde, der kreativen Minderheit, die Alternativen entwickelt und lebt und Lösungen anbietet, ist da viel produktiver. Es ist aber auch anspruchsvoller. Christlicher Einfluss ist dann nicht ein für allemal festgeschrieben, er ist kein Anspruch, auf den man pochen könnte, sondern er hängt davon ab, ob man liefert. Ob die Jüngerinnen und Jünger Jesu wirklich etwas Gutes anzubieten haben. Es hängt ab von den Diskussionen und Nachdenkprozessen in den Synagogen und Gemeinden, den Reflexionsräumen Gottes, es hängt ab von den guten Ideen vieler einfacher Christen. Es hängt davon ab, ob sich in diesem ganzen Ökosystem des Nachdenkens und des solidarischen Miteinanders das Evangelium tatsächlich in überzeugende Lösungen umsetzt. Und das ist nur begrenzt kontrollierbar. Das hängt auch immer vom unverfügbaren Heiligen Geist ab. Und davon, ob die Gesellschaft gute Lösungen auch erkennt und akzeptiert.

Ein mutigeres Modell

Das ist auf den ersten Blick viel unsicherer als das Modell einer Kirche als religiöse Instanz für die ganze Gesellschaft. Es ist aber viel näher dran an dem Wort Jesu vom Salz der Erde. Und es gibt viel mehr Freiheit. Bei diesem Leitbild muss man nicht immer gleich überlegen, wie man möglichst viele Menschen erreicht, sondern man kann erst einmal versuchen, seine eigene Sache möglichst gut zu machen. Und welche Resonanz das dann findet, kann man getrost Gott überlassen.

Das passt auch gut zusammen mit der Beobachtung, dass sich im Neuen Testament ganz viele Hinweise dazu finden, wie man miteinander lebt, wie man Liebe übt gegen jedermann, wie man die geistliche Stärke einer Gemeinde erhält und wie man sich von Gott immer wieder neu inspirieren lassen soll. Dagegen gibt es so gut wie keine Anweisungen dazu, dass man als Gemeinde versuchen soll, zu wachsen, größer und stärker zu werden und mehr Einfluss zu bekommen. Das kommt dann dazu oder nicht, darum kümmert sich Gott. Es ist nichts, worum wir uns kümmern müssten.

Werdet Hoffnungsträger!

Das passt nun gut zusammen mit der zweiten Bibelstelle, die wir vorhin gehört haben. Erinnern Sie sich noch? Paulus legt im Römerbrief die alte Geschichte vom Propheten Elia aus, der sich bei Gott bitter darüber beklagt, dass Israel sich dem Götzen Baal zugewandt hat. Ja, das kann sogar im Volk Gottes passieren, dass die Mehrheit Gott verfälscht oder gar nichts mehr von ihm wissen will. Aber dann antwortet Gott dem verbitterten Elia: es gibt 7000 Menschen, die treu geblieben sind, dafür habe ich gesorgt. Schau lieber auf die als auf die verirrte Mehrheit!

Selbst in der Minderheit des Volkes Gottes gibt es also noch eine Minderheit, auf die es ankommt. Und man kann es noch weiter zuspitzen: am Ende bestand diese treue Minderheit nur noch aus Jesus, selbst seine Jünger hatten sich am Tag seiner Kreuzigung aus dem Staub gemacht. Aber diese Ein-Mann-Minderheit hat das Entscheidende erreicht. Also Elia, also Paulus, also ihr verzagten Christen zu allen Zeiten: hört auf, die Köpfe zu zählen, hört auf mit dem Jammer darüber, dass die Jugend nicht den Glauben der Mütter und Väter übernimmt, konzentriert euch darauf, eure eigene Sache gut zu machen. Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes, durchdenkt sein Wort, durchdenkt euer Leben, lebt miteinander inspiriert von seinem Wort, investiert Zeit, Geld und Kraft, und dann wird Gott euch das Nötige dazugeben.

So lange Gott in seiner Gnade dafür sorgt, dass es da noch einen klaren Rest gibt, eine mutige und zuversichtliche Minderheit, so lange hat Gott die Hoffnung noch nicht aufgegeben. Und dann sollten wir es auch nicht tun. Gott bringt durch seine kreativen Minderheiten eine ungeheure Dynamik in die Weltgeschichte. Und da wirken nicht nur edle und lautere Motive, es wirken auch fragwürdige Beweggründe wie Neid und Hass. Aber selbst damit kann Gott etwas bewirken. Selbst feindselige Reaktionen auf die Menschen Gottes bringen Gottes Sache voran. Auch Paulus war schließlich einmal ein Feind der Christen, bis Jesus ihn gestoppt hat.

Eine Perspektive nach vorn

Wir sollten uns an einem neuen Leitbild orientieren. Wenn wir am Bild von einer Kirche, zu der alle gehören, festhalten, dann schauen wir depressiv auf die schrumpfenden Zahlen und können nicht viel mehr tun als eine schrumpfende Kirche möglichst effektiv abzuwickeln. Wenn wir uns aber am Bild der kreativen Minderheit orientieren, dann sieht es ganz anders aus. Dann geht es um die Frage: haben wir Lösungen für die Gegenwart? Haben wir etwas zu sagen zu den verbitterten und enttäuschten Menschen, die sich in Feindseligkeit flüchten? Welche Lebensziele kann man verfolgen, die nicht immer mehr Müll, Gift und Feindschaft zur Folge haben? Was ist wirkliche Gerechtigkeit? Bei der Fähigkeit, uns solchen Fragen zu stellen, da haben wir durchaus zugelegt. Da stehen wir gar nicht so schlecht da, und wir können etwas dafür tun, dass es noch besser wird. Da können wir mit dem Heiligen Geist zusammenarbeiten, da sind wir nicht ohnmächtig.

Kreativ bedeutet wörtlich: schöpferisch. Gott hat uns als Mitschöpfer gewollt. Er erschafft mitten unter uns seine neue Welt, und er möchte, dass wir dabei sind. Wenn das auch unsere Priorität ist, dann wird er uns alles dazugeben, was wir brauchen.

Jun 122018
 

Predigt am 10. Juni 2018 mit 1. Korinther 9,16-23

16 Mein Ruhm besteht ja nicht darin, dass ich das Evangelium verkünde. Das ist schließlich eine Verpflichtung, der ich nicht ausweichen kann – wehe mir, wenn ich sie nicht erfülle! 17 Hätte ich diese Aufgabe aus eigenem Antrieb übernommen, könnte ich einen Lohn dafür erwarten. Ich habe sie aber nicht gewählt; sie ist mir übertragen worden: Gott hat mir die Aufgabe anvertraut, seine Botschaft zu verkünden.  18 Heißt das dann, dass ich überhaupt keinen Lohn bekomme? O doch: Mein Lohn besteht genau darin, dass ich das Evangelium unentgeltlich verkünde und keinerlei Gebrauch von dem Recht mache, das ich als Verkündiger dieser Botschaft habe.
19 Ich bin also frei und keinem Menschen gegenüber zu irgendetwas verpflichtet. Und doch habe ich mich zum Sklaven aller gemacht, um möglichst viele ´für Christus` zu gewinnen. 20 Wenn ich mit Juden zu tun habe, verhalte ich mich wie ein Jude, um die Juden zu gewinnen. Wenn ich mit denen zu tun habe, die dem Gesetz des Mose unterstehen, verhalte ich mich so, als wäre ich ebenfalls dem Gesetz des Mose unterstellt (obwohl das nicht mehr der Fall ist); denn ich möchte auch diese Menschen gewinnen. 21 Wenn ich mit denen zu tun habe, die das Gesetz des Mose nicht kennen, verhalte ich mich so, als würde ich es ebenfalls nicht kennen; denn auch sie möchte ich gewinnen. (Das bedeutet allerdings nicht, dass mein Leben mit Gott nicht doch einem Gesetz untersteht; ich bin ja an das Gesetz gebunden, das Christus uns gegeben hat.) 22 Und wenn ich mit Menschen zu tun habe, deren Gewissen empfindlich ist, verzichte ich auf meine Freiheit, weil ich auch diese Menschen gewinnen möchte. In jedem einzelnen Fall nehme ich jede nur erdenkliche Rücksicht auf die, mit denen ich es gerade zu tun habe, um jedes Mal wenigstens einige zu retten. 23 Das alles tue ich wegen des Evangeliums; denn ich möchte an dem Segen teilhaben, den diese Botschaft bringt.

Paulus hat immer sehr genau darauf geachtet, dass man ihm nicht nachsagen konnte, er hätte die Gemeinden ausgenutzt. Wir kennen ja alle die Geschichten über amerikanische Prediger und Fernsehevangelisten, die sich von ihren Gemeinden ein Luxusleben finanzieren lassen, und solche Geschäftsmodelle gab es damals natürlich auch schon. In Philosophie und Religion geht es immer auch um Geld. Und um nicht mit windigen Starrednern und Lohndenkern verwechselt zu werden, hat Paulus sich von den Gemeinden nicht bezahlen lassen, sondern sein eigenes Geld verdient. Einzige Ausnahme war die Gemeinde in Philippi, mit der er ganz eng verbunden gewesen sein muss. Aber selbst da betont er immer wieder, dass es ihm nicht um ihr Geld geht, und dass ihr Verhältnis unberührt bleiben soll von allen Finanzfragen.

Der Kern der Identität

Aber manchen kann man es nicht recht machen, und so kam dann aus der Gemeinde von Korinth der Vorwurf, er würde sich anscheinend für was Besseres halten, wenn er sich von ihnen nicht unterstützen ließe. Und deswegen legt er hier ausführlich dar, was seine Motive sind. Und er versucht zu erklären: alles was ich mache kommt aus dem Freiheitskern, den Gott mir eingepflanzt hat. Nur weil ich den habe, kann ich das alles schaffen, was ich tue.

Bild: Capri23auto via pixabay, Lizenz: creative commons CC0

Dieser Freiheitskern ist Paulus implantiert worden, als Jesus ihn berufen hat: Jesus hat ihn gestoppt, hat ihn buchstäblich umgehauen und ihn auf eine neue Spur gesetzt. Und immer wieder sagt Paulus: das war eine Sache exklusiv zwischen Jesus und mir. Kein Mensch hat mich überredet. Ich war ja der schlimmste Feind der christlichen Gemeinden, ich hätte auf niemanden gehört, wenn mir nicht Jesus selbst begegnet wäre.

Das ist von da an der innerste Kern, von dem her Paulus lebt, denkt und arbeitet. Er ist niemanden außer Jesus selbst verpflichtet. Deswegen lässt er sich nicht bezahlen, um zuerst vor sich selbst und dann vor anderen deutlich zu machen: es ist meine ureigenste Angelegenheit, das Evangelium zu verbreiten und Menschen zu gewinnen. Ich mache das nicht, um irgendetwas dafür zu bekommen, sondern ich mache das, weil ich Paulus bin. Ich könnte gar nicht anders. Ich ziere mich nicht, ich bin nur ehrlich: ich habe selbst das meiste davon.

Lebendiges Evangelium

Wir kennen das ja, dass Menschen so eine komplizierte Bescheidenheit an den Tag legen und sagen: nein, das war doch gar nichts Großes, was ich gemacht habe, das ist doch nicht erwähnenswert, aber man merkt, dass es für sie eigentlich schon wichtig ist, wahrgenommen zu werden. So einer war Paulus nicht. Der wusste durchaus, was er geleistet hatte, aber er konnte es gerade deswegen ganz sachlich zur Kenntnis nehmen, weil das keine Bedeutung für sein Selbstbewusstsein hatte. Dass er keinen Beifall brauchte und keinen Preis für besondere Verdienste um das Gemeinwesen, das war keine Redensart. Er brauchte es wirklich nicht.

Damit die Korinther das verstehen können, legt er ausführlich seine Motivation dar: er möchte so intensiv wie möglich mit dem Evangelium zu tun haben, weil er es so am besten kennenlernt. Das Evangelium ist ja keine Sammlung von Katechismussätzen, die man einmal auswendig lernt, und dann hat man für jede Situation den richtigen Spruch. Das Evangelium drückt sich immer wieder in neuen Formulierungen aus, man lernt es immer tiefer kennen, je öfter man damit zu tun hat. Immer wieder will es in einer neuen Situation anders verstanden und ausgesprochen werden. Man hat es nicht ein für alle mal, sondern man entdeckt immer wieder andere Seiten daran, wenn man es mit anderen Menschen teilt.

Kommunikationsfähig in alle Richtungen

Das schildert Paulus beispielhaft an seinen Begegnungen mit Juden und Heiden: Wenn er sich in einem jüdischen Umfeld bewegt, dann hält er sich an jüdische Sitten, beachtet genau den Sabbat und die Speisegebote, damit sie ihn nicht gleich in die Schublade »Heide« stecken. Und er taucht ein in den jüdischen Denkhorizont und orientiert sich an dem, wie ein Jude die Welt sieht und welche Fragen er hat. Er argumentiert mit der Bibel, weil die Schrift für Juden die entscheidende Instanz ist. Und jedes Mal versteht er die Bibel und das jüdische Denken mit seinen Stärken und Schwächen wieder etwas besser.

Wenn Paulus sich aber unter Heiden bewegt, also in der griechisch-römischen Mehrheitsgesellschaft, dann verzichtet er auf die jüdischen Sitten, damit er nicht gleich den Stempel »engstirniger Fanatiker« aufgedrückt bekommt. Er argumentiert nicht mit der Bibel, sondern zieht gerne auch mal die griechischen Philosophen heran, die für Heiden Autorität haben. Das ist keine charakterlose Anpassung, sondern es geht ihm darum, dass er gesprächsfähig bleibt, damit er jedem das Evangelium so sagen kann, wie der es braucht. Seine Gesprächspartner müssen ja nicht wissen, dass er parallel dazu die philosophischen Argumente immer auch daraufhin durchdenkt, ob sich in ihnen die Wahrheit über Israels Gott spiegelt. Und jedes Mal lernt er die heidnische Gedankenwelt in ihrer ganzen Ambivalenz wieder ein bisschen besser kennen und genauso entdeckt er die Seiten das Evangeliums, die in diesem heidnischen Kontext plötzlich wichtig werden.

Also, wir würden heute sagen: Paulus war enorm kommunikationsfähig, er konnte sich in so ziemlich jedem Milieu und in jeder Kultur bewegen. Das lag aber nicht daran, dass er jedem sagte, was der hören wollte, sondern er verkörperte mit Haut und Haar die Botschaft, die Jesus ihm aufgetragen hatte. Gerade weil es ihm um das Evangelium und die Menschen ging, darum wurde alles andere unbedeutend. Er konnte sich auf jede Gedankenwelt einlassen, weil sie alle Chancen für die Verkündigung bieten und alle irgendwie auch ihre ganz speziellen Widerstände gegen Gott entwickeln.

Ein unabhängiger Mensch

Paulus konnte sich weit aus dem Fenster lehnen, weil er einen ganz sicheren Stand hatte. Wer genau weiß, wer er selbst ist, der muss keine Angst vor den Anderen oder den Fremden haben. Einer wie Paulus kann mit jedem freundlich reden, kann ihm helfen und ihm zuhören, kann sich auf seine Weltsicht einlassen, weil er diesen starken Jesus-Freiheitskern in sich trägt. Und dieser Kern wird immer stärker, je mehr er sich auf die anderen einlässt.

Das ist ja der Zusammenhang, den Paulus nicht müde wird, zu beschreiben: gerade weil er unabhängig von Menschen ist, kann er für Menschen da sein. Gerade weil er seine Berufung direkt von Jesus empfangen hat, kann er ein Segen für Menschen sein. Gerade weil er die Wahrheit kennt, kann er geduldig auf Menschen hören und ihnen antworten. Gerade weil Jesus ihn zur Freiheit berufen und einen Freiheitskern in ihn gelegt hat, deshalb kann er sich zum Diener aller machen, wörtlich: zum Sklaven.

Viele denken, so ein unabhängiger Mensch wäre gefährlich und man müsste ihn doch irgendwie einbinden, ihn abhängig machen, und sei es, indem man ihn irgendwie bezahlt. Aber genau das ist es, was Paulus auf jeden Fall vermeiden will. Das würde ihm ja genau den Kern seiner Berufung nehmen.

Angst aus Unsicherheit

Nur wer nicht weiß, wer er ist, der muss sich von anderen fernhalten, der entwickelt Angst vor Überfremdung, der sucht sich Feinde, der fühlt sich permanent angegriffen und zurückgesetzt. Diejenigen, die heute Angst um das angeblich christliche Abendland haben, sind ja oft seit Jahrzehnten nicht mehr in einem Gottesdienst gewesen. Oder sie sind ängstliche Christen, weit weg von diesem sicheren Selbstbewusstsein des Paulus, der sagt: wo seid ihr, ihr Menschen aller Kulturen und Religionen? Wenn ihr nicht zu mir kommt, komme ich zu euch. Je fremder ihr seid, um so mehr lerne ich durch euch über Gottes Wege in seiner Welt!

Man muss jetzt sagen, dass Paulus sicher ein ganz besonderer Fall war. Er war nicht nur direkt von Jesus berufen, sondern er muss auch eine ganz enorme Intelligenz gehabt haben. Der hatte in seinem Kopf Platz für so viele Gedanken gleichzeitig, dass bis heute ganze Heerscharen von Gelehrten damit beschäftigt sind, das auseinander zu nehmen und nachzuvollziehen. Also, wir können nicht alle ein Paulus werden, noch nicht mal ein kleiner Paulus.

Keine Angst vor Widerständen

Aber etwas von dieser fröhlichen Zuversicht des Paulus, die hat er der Christenheit zum Glück vererbt. Wir müssen doch keine Angst vor der bösen Welt da draußen haben! Die Christenheit hat mal mit ein paar Hundert oder Tausend durchschnittlicher Menschen angefangen: eine winzige Minderheit. Paulus und eine Handvoll Freunde haben das halbe römische Imperium mit Gemeinden infiltriert, gegen die drei Jahrhunderte später kein Kaiser mehr regieren konnte. Und heute können sich manche noch nicht mal mehr vorstellen, wie man ohne Kirchensteuer die Kirche aufrechterhalten könnte. Aber wenn Jesus einen Feind wie Paulus um 180 Grad drehen kann, dann kann er noch ganz andere Dinge durch seine Leute tun.

Wir haben von Anfang an in unseren geistlichen Genen den eingebauten Mechanismus, dass Widerstände uns dazu bringen, noch tiefer ins Evangelium einzutauchen und Gottes Willen immer klarer zu verstehen. Das ist mit Mühe und Arbeit verbunden, manchmal mit Gefahren, manchmal auch mit Leiden, aber das ist der Weg, wie wir mehr von Gottes Gedanken verstehen. Die wenigsten christlichen Gedanken sind in der ruhigen Studierstube entwickelt worden. Die meisten und tiefsten Gedanken sind entstanden in Kämpfen und Konflikten, großen und kleinen. Auch die Bibel ist zu großen Teilen Kampfliteratur, aufgeschrieben, damit man Orientierung hat und nicht zurückschreckt vor den scheinbar alternativlosen Mächten dieser Welt.

Deswegen: wenn wir uns auf Menschen einlassen, die anders sind als wir selbst, die anders denken, andere Selbstverständlichkeiten haben, dann ist das jedes Mal eine Chance, mehr über Gott zu lernen. Wir selbst sind es, die am meisten davon haben. Wir tun das natürlich auch für die anderen, aber zuerst sind wir es, die davon am meisten profitieren.

Jun 042018
 

Predigt am 3. Juni 2018 zu Psalm 22

1 Ein Psalm Davids, vorzusingen,
nach der Weise »die Hirschkuh der Morgenröte«.

2 Mein Gott, mein Gott,
warum hast du mich verlassen?

Ich schreie,
aber meine Hilfe ist ferne.

3 Mein Gott, des Tages rufe ich, doch antwortest du nicht,
und des Nachts, doch finde ich keine Ruhe.

4 Aber du bist heilig,
der du thronst über den Lobgesängen Israels.

5 Unsere Väter hofften auf dich;
und da sie hofften, halfst du ihnen heraus.

6 Zu dir schrien sie und wurden errettet,
sie hofften auf dich und wurden nicht zuschanden.

7 Ich aber bin ein Wurm und kein Mensch,
ein Spott der Leute und verachtet vom Volk.

8 Alle, die mich sehen, verspotten mich,
sperren das Maul auf und schütteln den Kopf:

9 »Er klage es dem HERRN, der helfe ihm heraus
und rette ihn, hat er Gefallen an ihm.«

10 Du hast mich aus meiner Mutter Leibe gezogen;
du ließest mich geborgen sein an der Brust meiner Mutter.

11 Auf dich bin ich geworfen von Mutterleib an,
du bist mein Gott von meiner Mutter Schoß an.

12 Sei nicht ferne von mir, denn Angst ist nahe;
denn es ist hier kein Helfer.

13 Gewaltige Stiere haben mich umgeben,
mächtige Büffel haben mich umringt.

14 Ihren Rachen sperren sie gegen mich auf
wie ein brüllender und reißender Löwe.

15 Ich bin ausgeschüttet wie Wasser,
alle meine Gebeine haben sich zertrennt;

mein Herz ist in meinem Leibe
wie zerschmolzenes Wachs.

16 Meine Kräfte sind vertrocknet wie eine Scherbe, / und meine Zunge klebt mir am Gaumen,
und du legst mich in des Todes Staub.

17 Denn Hunde haben mich umgeben, / und der Bösen Rotte hat mich umringt;
sie haben meine Hände und Füße durchgraben.

18 Ich kann alle meine Gebeine zählen;
sie aber schauen zu und weiden sich an mir.

19 Sie teilen meine Kleider unter sich
und werfen das Los um mein Gewand.

20 Aber du, HERR, sei nicht ferne;
meine Stärke, eile, mir zu helfen!

21 Errette mein Leben vom Schwert,
mein einziges Gut von den Hunden!

22 Hilf mir aus dem Rachen des Löwen / und vor den Hörnern der wilden Stiere –
du hast mich erhört!

23 Ich will deinen Namen kundtun meinen Brüdern,
ich will dich in der Gemeinde rühmen:

24 Rühmet den HERRN, die ihr ihn fürchtet; ehrt ihn, all ihr Nachkommen Jakobs,
und scheut euch vor ihm, all ihr Nachkommen Israels!

25 Denn er hat nicht verachtet
noch verschmäht das Elend des Armen

und sein Antlitz vor ihm nicht verborgen;
und da er zu ihm schrie, hörte er’s.

26 Dich will ich preisen in der großen Gemeinde,
ich will mein Gelübde erfüllen vor denen, die ihn fürchten.

27 Die Elenden sollen essen, dass sie satt werden; / und die nach dem HERRN fragen, werden ihn preisen;
euer Herz soll ewiglich leben.

28 Es werden gedenken und sich zum HERRN bekehren aller Welt Enden
und vor ihm anbeten alle Geschlechter der Völker.

29 Denn des HERRN ist das Reich,
und er herrscht unter den Völkern.

30 Ihn allein werden anbeten alle Großen auf Erden;
vor ihm werden die Knie beugen alle, / die zum Staube hinabfuhren und ihr Leben nicht konnten erhalten.
31 Er wird Nachkommen haben, die ihm dienen;

vom Herrn wird man verkündigen Kind und Kindeskind. 32 Sie werden kommen und seine Gerechtigkeit predigen dem Volk, das geboren wird.
Denn er hat’s getan.

Wenn wir heute diesen Psalm hören, dann können wir das nicht tun, ohne daran zu denken, dass Jesus als letztes vor seinem Tod den Anfang dieses Psalms zitiert hat. Nach dem Markusevangelium hat er danach nur noch einen letzten unverständlichen Schrei getan und ist danach gestorben.

Und auch sonst finden sich in dem Psalm viele Einzelheiten, bei denen man an die Kreuzigung Jesu denken muss: die Spötter in Vers 8 und 9, die den Leidenden auch noch verhöhnen, sogar das Kopfschütteln findet sich hier. Und dann der Vers 19, wo sie schon die Kleider des noch Lebenden verteilen, wie später die Soldaten unter dem Kreuz; im Johannesevangelium wird diese Verbindung sogar ausdrücklich hergestellt.

Man hat sich das dann entweder so erklärt, dass dies eine prophetische Weissagung des Todes Jesu sei, oder man hat behauptet, dass die ganze Kreuzigungsgeschichte einfach nach diesem Psalm gestaltet hat. Beides ist zu plump. In Wirklichkeit ist es wohl so, dass der Psalm einfach von innen beschreibt, wie es ist, wenn ein Mensch in bedrängter Lage an Gott festhält, aber Gott scheint zu schweigen, er greift anscheinend nicht ein.

Wartenmüssen: eine Standardsituation des Glaubens

Diese Situation, dass jemand in der Not auf Gott hofft, aber die Hilfe scheint nicht zu kommen, sie verzögert sich immer mehr, das ist kein unbegreiflicher Skandal, der Gott und den Glauben in Frage stellt und in der Neuzeit dann Anlass zu jeder Menge intellektuellen Zweifels gegeben hat, sondern das ist schon in der Bibel durchdacht und in Worte gefasst worden. Das ist sozusagen eine Standardsituation des Glaubens, dass man auf Gottes Eingreifen scheinbar endlos warten muss. Schon lange vor Jesus hat das jemand hier im Psalm in aller Härte beschrieben, und er schaut zurück auf die Generationen vor ihm, die »Väter«, die auch schon auf Gott vertraut haben, und er möchte, dass seine Erfahrung auch den nächsten Generationen weitergegeben wird. Er steht in der langen Reihe derer, die gegen alle Plausibilität auf Gott vertraut haben und deren Vertrauen sich am Ende als gerechtfertigt herausstellte. Und auch Jesus hat sich mit seinen letzten Worten am Kreuz ausdrücklich in diese Reihe hineingestellt.

Tatsächlich kann man im Rückblick immer wieder sehen, wie Vertrauen auf Gott bestätigt worden ist. Aber das ist natürlich in einer akuten Not keine Garantie dafür, dass es diesmal auch wieder gut ausgeht. Und so sieht es für den Verfasser des Psalms so aus, als ob Gott zwar den Vätern geholfen hat, aber ihn lässt er warten. Bei den »Vätern« denkt er vielleicht an die Sklaverei in Ägypten, aus der Gott sein Volk durch Mose befreit hat. Da haben sie zwar auch lange warten müssen, bis sie endlich in die Freiheit aufbrechen konnten, aber im Rückblick verliert man diese lange Wartezeit aus den Augen und sieht nur noch Anfang und Ende: wir waren in großer Not, und Gott hat geholfen.

Unter doppeltem Angriff

Der Psalm 22 ist sozusagen ein authentisches Signal aus der Zeit dazwischen, in der sich noch nicht herausgestellt hat, dass die Geschichte gut ausgeht. Da hilft auch die Erinnerung an die Erfahrungen der Väter nur begrenzt.

Der Mensch dessen Stimme wir hier hören, scheint in einer doppelten Bedrängnis zu sein. Er leidet körperlich, ab Vers 15 kann man das sehen: er hat alle Kraft verloren, er fühlt sich wie Wasser, das auf die Erde geschüttet ist und versickert. Sein Herz schmilzt wie Wachs, die Zunge klebt ihm am Gaumen – vielleicht hat er über lange Zeit hohes Fieber, so dass er schon ganz abgemagert ist, Durst hat und nur noch Haut und Knochen ist.

Aber zu diesen Schmerzen kommen noch die nicht näher zu identifizierenden »Feinde« hinzu: Menschen, die ihn in seinem Unglück schadenfroh betrachten und spöttisch sagen: da siehst du mal, wohin du mit deinem Gottvertrauen kommst! Jetzt kann dein Gott mal zeigen, ob er dir noch helfen kann! Du warst doch immer sein Liebling, dann sollte er dir doch jetzt schnell seine Gunst erweisen! Und sie stehen um ihn herum, gucken ihn schamlos an und warten schon darauf, dass er endlich und endgültig tot ist.

Der Kern des Konflikts

Und es scheint so zu sein, als ob genau diese Frage des Vertrauens der Kern des Konflikts ist: die Feinde scheinen Menschen zu sein, die es einfach nicht ertragen, dass jemand sich partout nicht in die Tatsachen und Machtverhältnisse einfügt, sondern daran festhält, dass Gott die ganzen Machtverhältnisse auf den Kopf stellen kann. Und sogar im Volk Gottes ist das nicht selbstverständlich, sondern auch da bekommt man mit dieser Einstellung Probleme.

Genau um diese Frage ging es auch wieder bei Jesus: kann und darf denn ein Mensch unter Berufung auf Gott einfach so tun, als ob man alles anders machen könnte, die Regeln und Vorschriften außer Kraft setzen und sich dabei auch noch auf Gott berufen.

An Jesus wird dieser Konflikt aus Psalm 22 im vollen Umfang erkennbar. Er hat ja auch die Feindschaft auf sich gezogen, weil er sich im Vertrauen auf Gott und unter Berufung auf ihn nicht den Regeln der gottlosen Welt gebeugt, sondern neue Regeln eingeführt hat. Und dafür haben ihn alle gehasst, die sich mit der Welt und ihren Regeln arrangiert haben, alle, die sich im Sichtbaren eingerichtet haben und das Unsichtbare als unrealistisch abtun.

Bedroht von Ungeheuern

Es gibt bis heute Länder in unserer Welt, wo du sehr schnell im Gefängnis landen kannst und dich nackt und zusammengeschlagen auf dem Betonboden einer Gefängniszelle wiederfindest, wenn du zu erkennen gibst, dass du dich den Regeln dieser Welt und des Staates, in dem du lebst, nicht einfügen willst. Und man könnte den Psalm auch lesen als die Beschreibung eines Menschen, der nicht an einer Krankheit leidet, sondern gefoltert worden ist, dem man lange Zeit Essen und Trinken verweigert hat und dessen Peiniger sehen, dass er kurz davor ist, endgültig zerstört zu werden. Und dann wäre dieser Psalm noch näher dran an dem zu Tode gefolterten Jesus.

All das zusammen, die Schmerzen und die Schwäche, und dazu noch die Spötter, das ist so ein feindseliger Andrang, dass dieser Mensch sich vorkommt, als ob er von wilden Untieren umgeben wäre: von Kampfhunden und reißenden Löwen, und immer wieder von wilden Stieren, die mit ihren Hörnern auf ihn losgehen.

Die entscheidende Wende

Und dann kommt es zu einem Umschwung, am Ende von Vers 22. Wir wissen nicht, was es war. Wir wissen noch nicht einmal, ob es eine äußere Veränderung war oder eine innere. Vielleicht ist er durch irgendein Ereignis frei gekommen oder geheilt worden. Vielleicht ist aber auch irgendwie eine Botschaft von Gott in sein Herz gekommen: du wirst leben! Und vielleicht war es so, dass zuerst diese Gewissheit in sein Herz kam: du wirst leben!, und sie war so klar und stark, dass er sich gar nicht wirklich gewundert hat, als es dann tatsächlich so kam. Wer sich umschaut in den Lebensbeschreibungen vieler Männer und Frauen Gottes, der entdeckt oft solche Momente der Klarheit, die den entscheidenden Weichenstellungen vorangingen. Und wahrscheinlich gibt es das noch viel öfter, nur schreibt nicht jeder das auf, wenn er solch einen kostbaren Moment erlebt hat. Und auch hier im Psalm wird das ja nur angedeutet, nicht in allen Einzelheiten ausgemalt. Dieser Ruf »Du hast mich erhört!«, der die Wende anzeigt, der ist im Hebräischen nur ein einziges Wort. Gott hat eingegriffen, wir wissen nicht genau wie, und jetzt ist nichts mehr so wie früher.

Dieses »Du hast mich erhört!« ist der Mittelpunkt des ganzen Psalms. Vorher herrschten Schmerz und Skepsis, jetzt will der Beter des Psalms selbst dafür sorgen, dass alle anderen, die auf Gott vertrauen, durch seine Geschichte neu inspiriert werden. Er ist nach diesem Erlebnis sicher, dass der Gott, der dieses Machtwort sprechen kann, am Ende der König der ganzen Welt sein wird. Seine Macht muss sogar bis in die Sphäre der Toten reichen, denn auch »alle, die in den Staub gesunken sind« (30), werden ihn anbeten. Und auch die kommenden Generationen sollen davon hören, das Volk, das »erst noch geboren wird« (32).

Zeugnisse der Hoffnung

Mir fallen dazu die Überlebenden der Konzentrationslager ein, die vor Besuchern und oft eben auch Schulklassen von ihren Erlebnissen erzählen und damit ja nicht nur zeigen, zu welchen Grausamkeiten Menschen fähig sind, sondern auch Zeugnis ablegen von der Liebe zum Leben und dem Mut, der nicht unbelohnt bleibt.

Und so ist ja die Geschichte von Jesus die endgültige Mutmachgeschichte, weil seine Kreuzigung und seine Auferstehung diesen Konflikt Gottes mit den Todesmächten in ganzer Klarheit sichtbar gemacht hat: die volle Brutalität der Todesmächte und ihrer Handlanger, und auf der anderen Seite Gottes Macht des Lebens, die zuletzt alle verzweifelten Anstrengungen der Feinde zunichte macht, als Jesus auferstanden ist.

Die Stimmen von Skepsis und Zynismus

Wir leben heute zum Glück in zivilisierteren Gegenden unserer Welt, und von uns ist zur Zeit nur gefordert, dass wir uns derer annehmen, die vor den brutalen Verhältnissen in ihren Ländern zu uns fliehen. Wir sind weltweit privilegiert, und Privilegien bedeuten immer eine Verpflichtung. Wir stehen auch längst noch nicht so stark unter dem Druck dieser Stimmen, die sagen: trennt euch von eurem blöden Gottvertrauen, das ist unrealistisch, in der Welt zählt nur die Macht! Das kann sich aber ändern. Vielleicht gehen wir Zeiten entgegen, in denen andere uns sehr viel brutaler sagen werden: trennt euch von euren sinnlosen Träumen von Fairness und Menschenwürde, trennt euch von dem Gott, der angeblich Barmherzigkeit übt und zu den Armen hält, betet mit uns den großartigen Gott an, der uns selbst großartig macht, bei dem wir selbst zuerst kommen, der Gott, der auf die Starken schaut, und dem die Schwachen und die Anderen egal sind!

Es können auch wieder solche Zeiten kommen. Der Gott Israels, der Vater Jesu Christi hat lange eine gewisse zivilisierende Wirkung auf die Völker und Staaten ausgeübt, aber die Barbarei unter der Oberfläche ist nie wirklich ausgetrieben worden, und sie lauert auf den Moment, wo sie ihr Gesicht wieder unverhüllt zeigen kann. Wir sollten uns darüber nicht wundern. Um so wichtiger ist es, dass wir Gottes Macht kennen: dass er in einem winzigen Moment die ganze Situation drehen kann.

Aber vorher gibt es die Zeiten des Wartens, in denen man denkt: warum greift er denn nicht ein? Was können wir den Leuten sagen, die uns herausfordern und fragen: wo ist denn nun euer Gott? Jetzt müsste er eure Behauptungen doch mal bestätigen! Na los, jetzt müsst ihr liefern!

Niemand wartet gerne

Es gibt diese Zeiten des Wartens, in denen man gar nichts sagen kann, wo man die billigen Sprüche der Skeptiker und Zyniker einfach nur ertragen muss und ohne Beweise daran festhalten soll, dass sie schief liegen. Auch Jesus hat am Kreuz nicht diskutiert, sondern auf Gott vertraut. Sein Schweigen war sein deutlichstes Zeugnis.

Warten gehört mit zu den wirklich unangenehmen Dingen, egal, ob es an der Ampel ist, an der Kasse, oder ob du auf das Untersuchungsergebnis vom Arzt wartest oder auf einen lebenswichtigen Bescheid, der einfach nicht kommt. Wir warten bei großen und kleinen Gelegenheiten darauf, dass es gut ausgeht. Und auch in der Geschichte des Volkes Gottes und in der Geschichte einzelner Menschen Gottes hat es immer die Wartezeiten gegeben, in denen scheinbar gar nichts passiert. Wenn wir so warten müssen, dann sollen wir uns damit trösten, dass wir nicht die einzigen sind. Wartenmüssen unter dem Angriff der Skeptiker ist kein Zeichen dafür, dass mit uns etwas nicht stimmt.

Wir sollen uns daran erinnern, dass Gott in einem Augenblick alles verändern kann. Wir lassen die Bedenkenträger reden und warten auf den Moment Gottes, der bisher noch immer gekommen ist.

Gott ist treu.

Mai 272018
 

Predigt am 27. Mai 2018 zu Psalm 19

1 Für den Chormeister. Ein Psalm Davids.

2 Die Himmel erzählen die Herrlichkeit Gottes und das Firmament kündet das Werk seiner Hände. 3 Ein Tag sagt es dem andern, eine Nacht tut es der andern kund, 4 ohne Rede und ohne Worte, ungehört bleibt ihre Stimme. 5 Doch ihre Botschaft geht in die ganze Welt hinaus, ihre Kunde bis zu den Enden der Erde. Dort hat er der Sonne ein Zelt gebaut. 6 Sie tritt aus ihrem Gemach hervor wie ein Bräutigam; sie frohlockt wie ein Held, ihre Bahn zu laufen. 7 Am einen Ende des Himmels geht sie auf und läuft bis ans andere Ende; nichts kann sich vor ihrer Glut verbergen.

8 Die Weisung des HERRN ist vollkommen, sie erquickt den Menschen. Das Zeugnis des HERRN ist verlässlich, den Unwissenden macht es weise. 9 Die Befehle des HERRN sind gerade, sie erfüllen das Herz mit Freude. Das Gebot des HERRN ist rein, es erleuchtet die Augen. 10 Die Furcht des HERRN ist lauter, sie besteht für immer. Die Urteile des HERRN sind wahrhaftig, gerecht sind sie alle. 11 Sie sind kostbarer als Gold, als Feingold in Menge. Sie sind süßer als Honig, als Honig aus Waben. 12 Auch dein Knecht lässt sich von ihnen warnen; reichen Lohn hat, wer sie beachtet. 13 Versehentliche Fehler, wer nimmt sie wahr? Sprich mich frei von verborgenen Sünden! 14 Verschone deinen Knecht auch vor vermessenen Menschen; sie sollen nicht über mich herrschen! Dann bin ich vollkommen und frei von schwerer Sünde.

15 Die Worte meines Munds mögen dir gefallen; was ich im Herzen erwäge, stehe dir vor Augen, HERR, mein Fels und mein Erlöser.

Vielleicht haben Sie gemerkt, dass dieser Psalm aus zwei ganz verschiedenen Abschnitten besteht: zuerst eine Beschreibung davon, wie der Kosmos Gottes Lob singt. Und dann anschließend ein Lob des Gesetzes Gottes, das den Menschen auf seiner Bahn hält. Die beiden Teile sind sehr unterschiedlich, und wahrscheinlich sind sie ursprünglich auch mal zwei verschiedene Lieder gewesen. Wahrscheinlich ist das erste Lied auch viel älter, der zweite Teil ist deutlich jünger.

Aber irgendwann sind diese ganz unterschiedlichen Texte in einem Psalm verbunden worden. Irgendwer hat gedacht, dass die sich gut ergänzen, ja, dass sie einander brauchen. Vielleicht war der äußere Anlass dafür, dass sie beide beim gleichen Fest gesungen worden sind. Aber es muss ja auch einen inneren Grund geben, warum man so unterschiedliche Texte zusammengefügt hat.

Der Blick auf den Kosmos

Fangen wir mit dem ersten Teil an: Da ist vom Kosmos die Rede, von den Himmeln und vom Himmelsgewölbe, von Tagen und Nächten und von den äußersten Grenzen der Erde. Man merkt deutlich, dass das aus einer Zeit stammt, wo die Physik noch nicht so weit fortgeschritten war. Man hatte sich noch nicht mal klargemacht, dass die Sonne irgendwie hinter der Erde herumlaufen muss, um am Morgen wieder aufzugehen, sondern das Lied spricht davon, dass Gott ihr eine Art Zelt gibt, wo die Sonne die Nacht verbringt. Erst der griechische Philosoph Anaximander hat – vermutlich eine ganze Zeit nach der Entstehung dieses Liedes – überlegt, dass die Sonne ja eigentlich irgendwie unter der Erde wieder vom Westen zum Osten zurückkehren müsste und hat daraus geschlossen, dass die Erde eine Kugel ist.

Aber die Physik ändert sich, inzwischen wissen wir auch wieder mehr als Anaximander. Was aber bis heute geblieben ist, das ist das Gefühl für die Großartigkeit des Kosmos, das in diesem frühen Lied eingefangen ist. Das können wir heute noch ganz anders nachvollziehen, denn wir sehen inzwischen nicht nur die unendlichen Räume über uns, wenn wir zum Himmel hinauf schauen. Wir blicken mit Teleskopen und Radioteleskopen und Satelliten heute weiter und tiefer ins Weltall hinein als jemals zuvor, und diese gigantischen Räume haben sich noch einmal unglaublich geweitet.

Unvorstellbare Räume

Unsere Sonne mit ihren Planeten ist ein winziger Teil der Milchstraße, man nennt sie auch die Galaxis. Allein in unserer Galaxis gibt es ungefähr 300 Milliarden Sonnen, und viele davon sind wesentlich größer als die Sonne. Unser nächster Nachbar im All ist die Andromeda-Galaxis, ungefähr zweieinhalb Millionen Lichtjahre entfernt. Das ist sozusagen unsere Nachbarschaft. Milchstraßen treten meistens in Haufen auf, dazu können ein paar Tausend Galaxien gehören. Im ganzen Weltall gibt es aber nach den neuesten Schätzungen etwa 50 Milliarden Galaxien; so viele könnte man jedenfalls theoretisch beobachten, vielleicht gibt es aber auch noch mehr. Wir haben ja schon Probleme damit, wenn wir uns die Entfernungen innerhalb des Sonnensystems vorstellen sollen, aber diese Dimensionen eines Weltalls von 50 Milliarden Galaxien mit vielleicht jeweils 300 Milliarden Sonnensystemen sprengt im Grunde jede Vorstellungskraft. Und all diese Galaxien bilden Strukturen, wirken aufeinander ein, senden Dichtewellen aus, klumpen zu Haufen zusammen und kommunizieren miteinander.

Wahrscheinlich ist das noch längst nicht das Ende der wissenschaftlichen Entwicklung. Aber es bleibt die Erfahrung, die die Menschen schon immer gemacht haben, und die in diesem Lied aus dem alten Israel eingefangen ist: das Erlebnis, wenn einer in der Nacht unter dem hohen Himmel steht und hinaufschaut in diese unendlichen Räume und merkt, wie klein wir sind. Und dazu gehört der Eindruck: das alles ist nicht stumm und tot, sondern da kommt eine Botschaft auf uns zu. Aber vielleicht sind wir gar nicht die eigentlichen Adressaten, sondern wir sind nur Zeugen eines Gesprächs, das wir nicht wirklich verstehen. So wie man vielleicht in einem großen Saal mit vielen Menschen das Geräusch ihrer Gespräche hört, aber man versteht nichts.

Eine Botschaft, nicht für uns bestimmt

So jedenfalls sagt es der Psalm: die Milchstraßen singen Gottes Ruhm. Die Sonne freut sich, wenn sie ihre Bahn zieht rings um das Zentrum unserer Galaxie. Jeder Ort im Universum hat seine eigenen Zeit, das wissen wir durch Albert Einstein, aber nichts ist isoliert, alles hängt mit allem zusammen, und sie grüßen sich auch über alle Abgründe und Unterschiede hinweg, auch wenn wir es nicht verstehen. Man kann jetzt sagen: da tragen wir menschliche Vorstellungen ins Universum hinein. Aber wie sollte es denn anders gehen? Wir können nicht nachvollziehen, wie Sterne und Galaxien miteinander kommunizieren. Wir können manches mathematisch beschreiben, aber das heißt noch längst nicht, dass wir es auch verstehen oder nachvollziehen könnten. Wir sind draußen vor, wenn Sterne miteinander kommunizieren.

Unter dem hohen Himmel

Deswegen sagt der Psalm: das Universum redet ohne Worte und ohne vernehmbare Stimme. Es gibt Schwingungen und Wellen, Resonanzen und Zusammenhänge, aber wir sind an diesem Gespräch nicht beteiligt, wir kriegen gerade mal mit, dass da was abläuft, mehr nicht. Das Universum redet auf seine Weise von Gott, wir ahnen es, heute dank Radioteleskopen und anderen technischen Wundern präziser als früher, aber verstehen tun wir es trotzdem nicht. Im Gegenteil, man könnte auch sagen: weil wir heute viel seltener unter dem hohen Himmel stehen, weil wir viel mehr Zeit drinnen verbringen als die Menschen früher, weil das Licht unserer Städte den Glanz der Sterne überstrahlt, deswegen bekommen wir heute viel weniger mit von der Botschaft des Weltalls als etwa ein Nomade, der nur einen Schritt aus seinem Zelt tun musste, um nachts unter dem hohen Himmel zu stehen. Diese Botschaft des Universums redet heute viel indirekter zu uns als früher.

Deswegen: setzt euch doch wenigstens ab und zu mal dieser Botschaft aus: sucht euch einen Platz, wo der Himmel nachts nicht vom Kunstlicht verschmutzt wird, und schaut eine Zeit in den hohen Himmel hoch, hört auf die Stille und macht euch klar, dass wir da Zeugen eines Gesprächs sind, das nicht für uns bestimmt ist, das unabhängig von uns ist, aber ein bisschen davon kommt dann doch auch bei uns an.

Die Botschaft an uns

So, und weil sie wohl damals schon gemerkt haben, dass da eine Lücke bleibt, deshalb haben sie den zweiten Teil des Psalms dazu gesetzt. Da geht es um eine Botschaft, die an uns gerichtet ist, die wir verstehen können und sollen. Die Weisung Gottes, die Thora, von Gott offenbart und festgehalten in der Schrift, ist die entscheidende Botschaft Gottes an uns. Für uns hat Gott seine Botschaft so formuliert, dass sie zu Menschen passt. Und tatsächlich haben die Worte der Schrift die Fähigkeit, Menschen in allen Zeiten zu erreichen und zu verwandeln. Wenn heute Menschen in neuzeitlicher Arroganz sagen: was kann denn ein jahrtausendealter Text uns modernen Menschen noch sagen, dann ist das pure Ahnungslosigkeit. Dass ein Buch über Jahrhunderte und Jahrtausende hinweg immer wieder zu Menschen gesprochen und den Lauf der Weltgeschichte verändert hat – das soll erstmal einer nachmachen. Und das schafft schon gar nicht dieser ganze Textmüll, der heute Tag für Tag produziert wird und am nächsten Tag vergessen ist, ins Altpapier gewandert oder in irgendwelche Datenspeicher, wo wir nie wieder nachschauen.

Freude an der Weisung Gottes

Von wie vielen Texten würde man das ernsthaft behaupten, dass sie den Menschen und seine Seele erquicken? Dass sie die Unverständigen weise machen können? Das sie das Herz mit Freude erfüllen? Dass sie gerecht sind? Da liegt die Messlatte schon ziemlich hoch. Wir spüren in diesen Worten immer noch die Freude einer Begegnung mit der Wahrheit: wie das Herz erquickt wird, wenn es Worte hört, die gut tun, die Freude, wenn die Welt entschlüsselt wird durch Worte, die alles an seinen Platz stellen, so dass es passt und das Leben transparent wird, übersichtlich wird, klar und einsichtig. Da kommt ein Gegenüber in unser Leben, eine Stimme, die die Welt durchschaubar macht und uns sagt, wie gutes Leben aussieht.

Diese Weisung Gottes, die Thora, das Gesetz, das begleitet die Juden jetzt schon seit mindestens dreitausend Jahren und hat dafür gesorgt, dass sie als Volk geblieben sind. Seit zweitausend Jahren ist es in der Nachfolge Jesu in der ganzen Welt verbreitet worden. Ohne dieses Buch wäre die Weltgeschichte völlig anders gelaufen.

Aufatmen als Erkennungszeichen

Natürlich ist dieses Buch auch missbraucht worden; wir kennen das vor allem aus der Lebensgeschichte Martin Luthers, der das zuerst als eine niederdrückende Tradition kennengelernt hat, die ihn bedroht hat und ihm das Leben schwer gemacht hat. Er hat das dann später das »Gesetz« genannt und hat immer gesagt: das wichtigste in der Theologie ist es, zu unterscheiden und gut darauf acht zu geben, dass aus der beglückenden Weisung Gottes nicht ein Herrschaftsinstrument wird, das Menschen einschüchtert, niederdrückt und ihnen das Leben unnötig schwer macht. Wenn aus der Thora ein Stock wird, mit dem man auf andere einprügelt, dann produziert das bis heute seelisch Behinderte oder Rebellen, oft beides in einem.

Aber hier im Psalm lernen wir: die Weisung Gottes macht das Leben leichter, sie befreit das Herz, sie lässt aufatmen, und sie sagt uns alles über die Welt, was uns das stumme Gespräch des Universums nicht sagen kann. Die Sterne haben für uns keine Botschaft, aber das Gesetz Gottes sagt uns, wie alles zusammenhängt. Erst aus dem Gesetz Gottes wissen wir, dass die Milchstraßen ihn loben. Erst aus der Schrift hören wir von der Freude der Sonne, wenn sie aufbricht zu ihrem Weg.

Die Antwort von der Erde aus

Die Schrift warnt uns auch, wenn wir gegen die innere Logik der Schöpfung verstoßen. Vorhin haben wir in der Lesung aus der Bergpredigt (Matthäus 6,24-33) gehört, wie Jesus diese Logik der Fülle und des Überflusses beschreibt. Es erquickt das Herz, wenn wir davon hören, dass die Welt nicht arm und kärglich ist, sondern reich und bunt. Der große Lobgesang der Milchstraßen übersetzt sich für uns in das Lob der Erde, die genug für alle hervorbringt und uns die Güte und Großzügigkeit des Vaters im Himmel verkündet. Und das soll unser Herz erquicken, es klüger und furchtloser machen, klarer und freier. Es soll uns davor bewahren, dass wir auf trügerische Menschen hereinfallen, auf leeres Gerede und nutzlose Diskussionen.

Und am Ende antwortet der Beter und stellt sich selbst mit hinein in den großen Gesang der Schöpfung: Lass dir gefallen die Worte meines Mundes! Mögen die Gedanken meines Herzens zu dir gelangen, Gott! Ich bin keine Stern und keine Galaxie, aber du hast dich mir zugewandt und hast verständlich zu mir gesprochen, und auf meine Weise stimme ich ein in den großen Lobgesang deiner Schöpfung!

Mai 202018
 

Predigt am 20. Mai 2018 (Pfingsten) mit 4. Mose 11,11-25

10 Als nun Mose das Volk weinen hörte, alle Geschlechter miteinander, einen jeden in der Tür seines Zeltes, da entbrannte der Zorn des HERRN sehr. Und auch Mose verdross es. 11 Und Mose sprach zu dem HERRN: Warum bekümmerst du deinen Knecht? Und warum finde ich keine Gnade vor deinen Augen, dass du die Last dieses ganzen Volks auf mich legst? 12 Hab ich denn all das Volk empfangen oder geboren, dass du zu mir sagen könntest: Trag es in deinen Armen, wie eine Amme ein Kind trägt, in das Land, das du ihren Vätern zugeschworen hast? 13 Woher soll ich Fleisch nehmen, um es all diesem Volk zu geben? Sie weinen vor mir und sprechen: Gib uns Fleisch zu essen. 14 Ich vermag all das Volk nicht allein zu tragen, denn es ist mir zu schwer. 15 Willst du aber doch so mit mir tun, so töte mich lieber, wenn anders ich Gnade vor deinen Augen gefunden habe, damit ich nicht mein Unglück sehen muss.

16 Und der HERR sprach zu Mose: Sammle mir siebzig Männer unter den Ältesten Israels, von denen du weißt, dass sie Älteste im Volk und seine Amtleute sind, und bringe sie vor die Stiftshütte und stelle sie dort vor dich, 17 so will ich herniederkommen und dort mit dir reden und von deinem Geist, der auf dir ist, nehmen und auf sie legen, damit sie mit dir die Last des Volks tragen und du nicht allein tragen musst. 18 Und zum Volk sollst du sagen: Heiligt euch für morgen, so sollt ihr Fleisch zu essen haben; denn euer Weinen ist vor die Ohren des HERRN gekommen, die ihr sprecht: »Wer gibt uns Fleisch zu essen? Denn es ging uns gut in Ägypten.« Darum wird euch der HERR Fleisch zu essen geben, 19 nicht nur einen Tag, nicht zwei, nicht fünf, nicht zehn, nicht zwanzig Tage lang, 20 sondern einen Monat lang, bis ihr’s nicht mehr riechen könnt und es euch zum Ekel wird, weil ihr den HERRN verworfen habt, der unter euch ist, und weil ihr vor ihm geweint und gesagt habt: Warum sind wir aus Ägypten gegangen? 21 Und Mose sprach: Sechshunderttausend Mann Fußvolk sind es, mit denen ich lebe, und du sprichst: Ich will ihnen Fleisch geben, dass sie einen Monat lang zu essen haben. 22 Kann man so viele Schafe und Rinder schlachten, dass es für sie genug sei? Oder kann man alle Fische des Meeres einfangen, dass es für sie genug sei?

23 Der HERR aber sprach zu Mose: Ist denn die Hand des HERRN zu kurz? Aber du sollst jetzt sehen, ob sich mein Wort an dir erfüllt oder nicht. 24 Und Mose ging heraus und sagte dem Volk die Worte des HERRN und versammelte siebzig Männer aus den Ältesten des Volks und stellte sie rings um die Stiftshütte. 25 Da kam der HERR hernieder in der Wolke und redete mit ihm und nahm von dem Geist, der auf ihm war, und legte ihn auf die siebzig Ältesten. Und als der Geist auf ihnen ruhte, gerieten sie in Verzückung wie Propheten und hörten nicht auf.

Das ist eine Geschichte aus der Wüstenzeit Israels, als sie aus der ägyptischen Sklaverei aufgebrochen waren und auf dem Weg in das Land waren, wo sie als freies Volk leben sollten. Es ist die Ursituation des Wegs in die Freiheit, und da haben sie im Prinzip alles schon einmal durchexerziert, was dann im Rest der Bibel immer wieder in neuer Gestalt begegnet: auf die Befreiung durch Gott folgt der lange Weg, auf dem sie dann auch wirklich selbst freie Menschen werden sollen. Und das ist eine ganz mühsame Angelegenheit.

Sehnsucht nach der guten alten Unfreiheit

Den ehemaligen Sklaven steckt die Sklaverei immer noch in den Knochen, und im Rückblick verklären sie die Zeit im Ägypten und sagen: eigentlich war das doch gar nicht so schlecht! Wenn man mal von der Arbeit absieht, hatten wir da wenigstens zu essen: Fische und Gurken und Melonen und Lauch und Zwiebeln und Knoblauch, ah, lecker war das, gar kein Vergleich zu dem eintönigen Manna hier in der Wüste. Dieses Manna ist eklig. Da breitet sich eine Stimmung aus, wie wenn auf der Klassenfahrt das Essen nicht schmeckt. Oder wie wenn manche Leute früher sagten: Hitler hat wenigstens die Autobahnen gebaut, und da herrschte noch Zucht und Ordnung! Wenn man mal vom verlorenen Krieg absieht, war das damals eine tolle Zeit!

Bild: Papafox via pixabay, Lizenz: creative commons CC0

Es ist eine erstaunliche Erfahrung, wie hartnäckig Menschen festhalten an der guten alten Unfreiheit, sobald der Weg in die Freiheit anstrengend oder unangenehm wird. Ein paar Jahrhunderte später wird das Volk sagen: wir wollen einen König wie die anderen Völker auch, wir wollen nicht immer diese Sonderrolle, anders sein zu müssen und anders zu leben als die anderen, wir wollen doch auch mal royal weddings haben, diese tollen Hochzeiten!

Und später bei Jesus verabschieden sich eine ganze Menge Jünger zwischendurch, weil es ihnen zu hart erscheint, was er von ihnen verlangt, zu anspruchsvoll, vor allem aber: zu weit weg von dem, was alle anderen denken. Oder aber sie wollen es einfach nicht begreifen, was Jesus vor hat, und er sagt dann: wie lange muss ich denn noch bei euch sein, bis ihr endlich versteht?

Ermüdendes Gemecker

Und da ist Jesus ganz nah bei Mose, der sich hier in der Geschichte bei Gott beklagt: womit habe ich das verdient, dass ich mich mit diesen Idioten herumschlagen muss, mit diesen Leuten, die so schnell vergessen, was sie dir verdanken? Ich habe die Nase voll von diesem ewigen Gemecker und Gejammer, das ist zu viel für mich, ich kündige! Und wahrscheinlich ist es so ziemlich jedem Verantwortlichen im Volk Gottes schon mal so gegangen, dass er Gott im Stillen gesagt hat: womit habe ich das verdient, dass ich diese Bande auf Kurs halten soll?

So, das war ein langer Anmarsch, vielleicht haben Sie schon gedacht, ich hätte vergessen, dass heute Pfingsten ist, das Fest des Heiligen Geistes. Aber wir mussten erst die Frage verstehen, auf die der Geist dann die Antwort ist.

Liebe zur Freiheit, Liebe zum Leben

Also: es geht darum, wie Gott es schafft, dass Menschen seine Freiheit als ihre eigene Sache ansehen, dass sie nicht immer wieder erst mühsam erinnert und überzeugt werden müssen, sondern dass sie für Gottes Freiheit um ihrer selbst willen eintreten, nicht weil die Freiheit profitabler oder bequemer wäre, sondern weil sie den befreienden Gott lieben, um seiner selbst willen, nicht weil er ihnen ein besseres Leben gibt, sondern weil Gott so ist, wie er ist. Wir wären doch auch irgendwie nicht zufrieden, wenn jemand zu uns sagt: ich liebe dich von ganzem Herzen, weil deine Bratkartoffeln immer so köstlich schmecken. Ok, Liebe geht bekanntlich durch den Magen, aber irgendwie würden wir uns doch unbehaglich fühlen, wenn wir nur deswegen geliebt würden, weil wir ein Händchen für Bratkartoffeln haben.

Und so möchte Gott eigentlich auch um seiner selbst willen geliebt werden, für das, was er im Herzen trägt, und nicht, weil er uns das Leben immer so schön leicht und mühelos macht oder uns mit anderen Prämien versorgt. Aber wie geht das? Wie soll er das schaffen? Das ist das Problem, auf das der Geist von Pfingsten die Antwort ist. Gott sendet seinen Geist. Gott zieht Menschen auf die andere Seite, auf seine Seite. Gott sorgt dafür, dass er hier auf der Erde Menschen hat, die auch diese Liebe zur Freiheit und die Liebe zum Leben entwickeln wie er.

Mit brennendem Herzen

Mose war so einer. Dem hat die Liebe zum Leben und zur Freiheit von Anfang an im Blut gesteckt. Das hat ihn am Anfang zum Terroristen gemacht, und Gott musste auch ihn erst für eine Zeit in die Wüste schicken, bis er so weit war, dass er sein Volk in die Freiheit führen konnte. Aber diese Liebe zur Freiheit war sein großes Plus. In der Wüste hat er schließlich verstanden, von wem diese Freiheit kommt. Aber dafür gebrannt hat er sein ganzes Leben lang. Das war der Geist, der auf Mose lag.

Aber selbst jemand mit diesem starken Geist kann irgendwann so weit sein, dass er alles hinschmeißen will. Irgendwann ist man es leid, wenn man immer wieder so einen Haufen auf Linie halten soll, dem die Sklavenmentalität hartnäckig in den Knochen sitzt. Und dann sagt Mose, mit vielen anderen Verantwortlichen im Volk Gottes: Gott, kümmer du dich drum, es war schließlich deine Idee und nicht meine. Du hast dieses Projekt Freiheit ins Leben gerufen, nicht ich.

Ausgebrannte Verantwortliche

So verschleißen im Volk Gottes viele Leiter, weil es so mühsam ist, die Motivation anderer mit der eigenen zu stützen.

Mose benutzt dafür zwei ganz zentrale Bilder: das vom Ernähren und vom Tragen. Die Menschen erscheinen ihm wie unmündige Babies, die immer nur versorgt werden wollen, haben wollen, und wenn sie es nicht bekommen, dann schreien sie. Und bis heute ist es ja so, dass Menschen im Volk Gottes dieses Bild benutzen und sagen: wir wollen geistlich ernährt werden! Und genauso dieses Bild vom Tragen: dass Menschen nicht selbst losgehen und sich auf den Weg in die Freiheit machen, sondern dass sie am liebsten jemanden haben möchten, der ihnen diese Mühe abnimmt und sie motiviert und ihnen gut zuredet, und sie immer wieder daran erinnert, worum es geht, so dass sie möglichst nicht selbst diese Energie der Entscheidung aufbringen müssen. Sie bedienen sich an der Energie der Gottesmänner und -frauen.

Und die Lösung Gottes für dieses Problem ist, dass er auch noch anderen von dem Geist des Mose gibt, siebzig Ältesten, die scheinbar schon gewohnt sind, Verantwortung zu tragen. Und dann ist Mose jedenfalls nicht mehr der Einzige, sondern er hat Verstärkung bekommen, andere, die seine Lage teilen. So wie Jesus seit Pfingsten die weltweite Christenheit hat, die er auf seine Seite gezogen hat, die seine Liebe zum Leben und zur Freiheit teilt, aber damit auch diese prekäre Situation, dass man andere mit viel gutem Zureden, mit Schieben und Ziehen in die Richtung bringt, die gut für sie ist, obwohl sie selbst es gar nicht unbedingt wollen.

Gottes Mühe teilen

Vielleicht ist das auch manchmal der tiefste Grund, weshalb Menschen zögern, sich auf ein Leben mit Jesus Christus einzulassen. Sie ahnen, dass sie dann auch diesen Teil seiner Rolle ein Stück weit auf sich nehmen müssen: andere Menschen zu tragen auf dem Weg in die Freiheit, ein Weg, den sie selbst eigentlich nicht wirklich wollen, wenn er mühsam wird.

Man kann sagen: Gott selbst leidet daran, dass Menschen so sind, wie sie sind. Manchmal scheint das auch in der Bibel auf, dass Gott selbst müde wird, weil er seinen Menschen den Weg freigemacht hat, und sie müssten ihn nur noch gehen, und dann sagen sie: ach nee, ich weiß nicht. Und so hat zum Leiden Jesu nicht nur das Kreuz gehört, sondern auch das hartnäckige Festhalten seiner Jünger an den allgemeinen Denkmustern.

Deswegen der Geist. Der Geist pflanzt die Motivation in Menschen ein, dass sie die Sehnsucht Gottes selbst im Herzen haben, dass sie aus eigenem Antrieb die Freiheit im Herzen tragen, und nicht, weil es ihnen jemand vorgeschrieben oder eingeredet hat. Das ist immer ein Wunder, wenn Gott Menschen auf seine Seite zieht, wenn er dafür sogt, dass sie selbst für seine Sache brennen und sich nicht bloß vom fremden Feuer wärmen lassen wollen.

Ein Umbau mit heftigen Nebenwirkungen

Und weil das Menschen so vom Kopf auf die Füße stellt, deshalb ist das manchmal mit heftigen Nebenwirkungen verbunden. Die 70 würdigen Ältesten »gerieten in Verzückung«, wie Luther es übersetzt. Sie gerieten in eine Art Ekstase, sie redeten in Zungen, sie tanzten oder sangen, sie ließen auf jede Art ihre Ehrwürdigkeit hinter sich, weil bei ihnen im Kopf alles durcheinander ging. So ähnlich wie in der Pubertät, wo ja auch vorm menschlichen Gehirn ein Schild hängt »Wegen Umbau außer Betrieb«, so war auch bei denen kurzfristig die Selbstkontrolle wegen Überlastung ausgefallen. Auch das finden wir in der Bibel immer wieder: je mehr Gottes Geist umbauen muss, um so heftiger sind die Reaktionen. Einen wie Paulus musste Gott erst brachial aus dem Verkehr ziehen – Bumm! Bei Maria Magdalena reichte ein kurzes Antippen, und alles war klar.

Kreative Minorität

Gott macht es bei jedem wieder anders, aber am Ende hat er dann Menschen, die sein Herz und seine Leidenschaft teilen. Menschen, die bereit sind, auch diese Last auf sich zu nehmen, die er trägt, die Last der ganzen Menschheit, die sich von ihm abgewandt hat und in ihr Verderben läuft. Gott beeinflusst die Welt durch seine kreativen Minderheiten, die nie die Mehrheit haben, aber von der Wahrheit bewegt sind. Die Wahrheit lässt uns leben, die Wahrheit öffnet uns die Augen dafür, wer wir sind und zu welcher Herrlichkeit wir berufen sind. Aber man kann sie nicht haben, ohne die Last Gottes zu teilen, seine Mühe, wenn er die Welt zurückholen will, und auch das Leid, mit dem Gott an Gewalt und Lüge in der Welt leidet.

Pfingsten ist es geschehen, dass Gott einen fulminanten Anfangspunkt gesetzt hat. Da hat er eine große Menge Menschen auf seine Seite gezogen, eine kritische Masse gebildet, die von nun an die Wahrheit und die Freiheit Gottes in ihre Umgebung hinein ausstrahlt. Menschen, in deren Herz ein Stück von Gottes Herzen gepflanzt war und die deshalb auch bereit sind, Gottes Last mit der Welt auf sich zu nehmen.

Das Menschen so auf eine andere Spur geraten, das können sie vorher nicht planen. Das können sie vorher noch nicht einmal wollen. Im Nachhinein sind wir froh darüber. Aber damit es soweit kommt, braucht es immer wenigstens ein klein bisschen Überwältigung. Im Rückblick sagen wir dann: das war der Heilige Geist. Ohne ihn wäre ich nicht da, wo er mich hingezogen hat.

Mai 132018
 

Predigt am 13. Mai 2018 mit Johannes 14,15-19

Jesus sprach zu seinen Jüngern: 15 Wenn ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote halten. 16 Und ich werde den Vater bitten und er wird euch einen anderen Beistand geben, der für immer bei euch bleiben soll, 17 den Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann, weil sie ihn nicht sieht und nicht kennt. Ihr aber kennt ihn, weil er bei euch bleibt und in euch sein wird. 18 Ich werde euch nicht als Waisen zurücklassen, ich komme zu euch. 19 Nur noch kurze Zeit und die Welt sieht mich nicht mehr; ihr aber seht mich, weil ich lebe und auch ihr leben werdet.

Das sagt Jesus im Johannesevangelium in der Nacht vor seinem Tod. Während die anderen Evangelien davon erzählen, wie Jesus als letzten Willen seinen Jüngern das Abendmahl hinterlässt, erzählt Johannes, wie er seinen Jüngern die Füße wäscht. Damit fängt der Abend an. Und um dieses Zeichen der Fußwaschung kreisen dann die weiteren Gespräche.
Anderen die Füße zu waschen war damals eine niedrige Sklavenarbeit. Mit den Füßen ist man schließlich auf der Straße rumgelaufen, wo sich der ganze Dreck und der Kot von Menschen und Tieren sich sammelt. Bis heute gilt in den vorderasiatischen Kulturen alles als besonders niedrig, was mit Schuhen und Füßen zu tun hat. In Syrien hängen die Soldaten des Regimes Militärstiefel an Stangen und halten sie über die Busse, wenn Menschen aus irgendeinem umkämpften Gebiet abtransportiert werden. Das ist ein demütigendes Zeichen dafür, dass sie verloren haben und jetzt wieder unter den Stiefel der Militärs zurück müssen.

Eine hierarchiefreie Gemeinschaft

Im Israel der Zeit Jesu war noch nicht mal ein jüdischer Sklave verpflichtet, seinem Herrn die Füße zu waschen. Und genau diese Arbeit sucht sich Jesus aus, und er konterkariert damit die Vorstellung, dass der Chef von solchen dreckigen Arbeiten befreit ist.

Bild: Stevebidmead via pixabay, Lizenz: creative commons CC0

Normalerweise ist es ein Statussymbol, wenn man das nicht mehr machen muss. Wer das hinter sich hat, der ist in der Hierarchie schon ein Stück aufgestiegen. Im christlichen Umfeld kann man das aber nie ungebrochen durchhalten, weil Jesus das untergraben hat. Christliche Chefs müssen mindestens so tun, als ob sie ihren Untergebenen dienen. Auch der Papst wäscht an Gründonnerstag Menschen die Füße, traditionell den Kardinälen, aber Papst Franziskus wäscht Strafgefangenen die Füße, womit dieses Symbol erst so richtig Kraft bekommt.

Jesus selbst deutet dieses Symbol und sagt: wie ich mich für euch alle zum Sklaven gemacht habe, so sollt ihr euch auch untereinander die Füße waschen und damit Einer zum Sklaven des Anderen werden. Wenn aber alle Sklaven sind, dann ist es keiner mehr.

Dieser Gedanke einer hierarchielosen Gemeinschaft findet sich in allen Traditionssträngen des Neuen Testaments. Das ist einer der stärksten und deutlichsten Impulse, die Jesus immer wieder gesetzt hat: die Absage an eine patriarchalische Ordnung, wo die Väter das Sagen haben. »So ist es unter euch nicht« hat er den Jüngern eingeschärft, und so hat er seine Gemeinde angelegt als Gemeinschaft von Brüdern, die nicht von einem Vater regiert werden. Und heute ist uns deutlich, dass dazu auch die Schwestern gehören, die auch nicht mehr unter der Fuchtel der jeweils ältesten Mutter stehen.

Beistand für eine Gemeinschaft unter Druck

Das stärkste Symbolbild dafür ist immer noch Jesus, wie er freiwillig die Dreckarbeit annimmt und seinen Jüngern die Füße wäscht. Und es ist kein Zufall, dass sich dieses Bild gerade im Johannesevangelium findet, weil Johannes anscheinend zu einer Gruppe gehört hat, die extrem isoliert war. Die waren eine kleine jüdische Zelle in einem jüdischen Umfeld, das sie ablehnte. Sie standen enorm unter Druck, sowohl vom römischen Imperium als auch von der Seite der jüdischen Offiziellen, die sich mit dem Imperium arrangiert hatten.

Und in dieser Lage hören sie nun durch Johannes, wie Jesus ihnen sagt: ich sende euch den Geist der Wahrheit, den die Welt nicht kennt und deshalb auch nicht empfangen kann. Mit Welt ist hier nicht die gute Schöpfung Gottes gemeint, sondern die Weltordnung, das römische Gewaltsystem, das alles infiltriert und den Menschen einbläut, dass man aufsteigen muss, Karriere machen muss, Macht über andere haben muss. So zerstört es den Zusammenhalt der Menschen, ihre Solidarität miteinander, und spielt alle gegen alle aus. Die »Welt« im Sinne des Johannes ist das genaue Gegenteil von der Gemeinschaft, die Jesus im Sinn hatte.

Johannes sagt also: an seinem letzten Abend hat Jesus die Weichen gestellt für eine alternative Gemeinschaft, die von gegenseitiger Liebe und der Abwesenheit von Herrschaft geprägt ist. Und damit die Nachfolgerinnen und Nachfolger Jesu das auch durchhalten können in einer Umgebung, die ganz anders funktioniert, dafür sendet er ihnen den Heiligen Geist, den Geist der Wahrheit.

Was ist Wahrheit?

Das ursprüngliche Wort, das wir mit »Wahrheit« übersetzen, kommt vom gleichen Wortstamm wie das Wort »Amen«. »Amen« ist ja eine Bestätigung: ja, so soll es sein, das ist gewisslich wahr. Das meine ich ganz ernst. Dabei bleibt es. »Wahrheit« in diesem Sinn geht also in Richtung von Beständigkeit, ja von Treue. Die Wahrheit, von der die christlichen Johannesleute leben, ist die unverbrüchliche Zuwendung Gottes zu seinem Volk. Wenn am nächsten Tag Jesus vor Pilatus stehen wird und ihm sagt: ich spreche von der Wahrheit, also von dem Beständigen, von der Treue, dann wird dieser Funktionär des Imperiums antworten: »Was ist schon Wahrheit?« Wenn man die Macht hat, kann man die Wahrheit drehen und wenden, wie man will. In der Zone der Macht gibt es keine verlässliche Treue, weder zu Menschen, noch zu Grundsätzen, und auch nicht zu Verträgen, wie wir ja jetzt wieder vom amerikanischen Präsidenten deutlich vorgeführt bekommen haben.

Gerade deswegen ist für diese kleinen christlichen Zellen der »Geist der Wahrheit« so wichtig. Sie leben von der unverbrüchlichen Treue Gottes. Ihre einzige Hoffnung ist, dass Gott sein Volk nicht im Stich lässt. Und deshalb sollen sie auch einander nicht im Stich lassen. Die Wahrheit Gottes ist ihre einzige Inspiration. Anders könnten sie es gar nicht durchhalten. Für einen Handlanger der Macht wie Pilatus ist das völlig unzugänglich und undenkbar. Leute wie er sind verschlossen und unempfänglich für den Geist, der diese Gemeinschaften inspiriert. Aber in diesen Gruppen wissen sie, dass das die Kraft ist, durch die sie überleben.

Überleben in Wahrheit

Man kann daran sehen, wie sehr Johannes in der Defensive ist, ganz zurückgedrängt auf den Kern, das Wesentliche. Anscheinend waren die Johannesleute noch weit stärker unter Druck als die Christen sowieso schon. Missionarisch zu sein, oder große Außenwirkung zu erzielen, das ist in seiner Situation gar keine realistische Perspektive. Die sind froh, wenn sie überhaupt als Gruppe einigermaßen überleben. Und ihre einzige Chance ist dieser Geist der Treue und Beständigkeit, der Geist, der die göttliche Wahrheit in die Gemeinschaft bringt und ihr damit ein Widerstandspotential gibt, für das die Pilatus-Ordnung blind ist, weil sie es weder begreift noch für möglich hält. Johannes nennt das oft »Liebe«, aber er meint damit gar nicht die ganzen Emotionen, die für uns in diesem Wort mitschwingen. Bei Johannes bringt Jesus »Liebe« ganz oft mit dem Halten der Gebote zusammen. Es geht nicht darum, welche Gefühle die christlichen Brüder und Schwestern einander entgegenbringen, sondern ob sie bereit sind, einander die Füße zu waschen, füreinander da zu sein, ihre Lebensenergie mit den anderen zu teilen und aneinander festzuhalten. Deswegen ist für uns heute das Wort »Solidarität« die treffendere Übersetzung für das, was Johannes mit dem Wort »Liebe« meint.

Bisher hat Jesus für diesen Zusammenhalt unter seinen Leuten gesorgt. Aber Jesus wird am nächsten Tag sterben, und dann wird die Pilatus-Ordnung natürlich davon ausgehen, dass er ein für allemal erledigt ist. Aber Jesus wird Gott bitten, seinen Leuten einen anderen Helfer zu geben, der in Zukunft sein Werk unter ihnen fortsetzt. Pilatus legt den Fall Jesus ad acta, aber in Wirklichkeit geht es jetzt erst richtig los. Auch wenn die Gruppen, für die Johannes schreibt, ums Überleben kämpfen müssen: in ihnen lebt der Funke einer neuen Welt, die Revolution des Reiches Gottes, und dieser Funke hat das Potential, alles vom Kopf auf die Füße zu stellen und die Welt zurückzuholen in den Gehorsam zu Gott.

Schutz gegen den falschen Glanz

Vielleicht merken Sie, wie weit weg das ist von dem, was Menschen sich landläufig unter Kirchen und Christlichkeit vorstellen. Die einen sagen: ich bin ein anständiger Mensch, weil ich noch keinen umgebracht habe, und deswegen auch ein Christ. Die anderen sagen: ich habe mich immer an die zehn Gebote gehalten! Und dann gibt es noch die Kirche als gesellschaftliche Großorganisation, die Angst bekommt, wenn die Zahlen nach unten gehen und die sich gar nicht vorstellen kann, wie Christentum denn funktionieren kann ohne teuren Verwaltungsapparat, ohne Sitzungen, ohne regelmäßige Einnahmen, und ohne möglichst häufige Präsenz in den Medien.

Solche Vorstellungen sind ziemlich weit weg von dem Bild, das Johannes beschreibt: eine Gemeinschaft von Menschen, wo keiner Macht hat, anderen Lebensenergie zu rauben, wo man aber seine Lebenskraft freiwillig mit anderen teilt. Eine Gruppe von Menschen, die inspiriert ist von dem Bild eines alternativen Miteinanders, das Jesus ihnen hinterlassen hat. Eine Gruppe, die nicht durch die gemeinsame Kultur oder die gesellschaftliche Stellung definiert wird, weder durch Nationalität noch durch Bildung, sondern durch die gemeinsame Hoffnung auf die Treue Gottes, der an seiner Schöpfung und an seinem Volk festhält. Eine Zone der Unabhängigkeit, wo man immun wird gegen die imperiale Propaganda, wo man sich nicht beeindrucken lässt vom falschen Glanz, der von der Ausbeutung fremder Lebenskraft zehrt.

Die Welt braucht inspiriertes Leben

Weltweit betrachtet sind wir hier Menschen auf der Sonnenseite der Welt, auch wenn wir persönlich jeder sein Päckchen zu tragen haben. Aber kaum jemand sonst lebt so sicher wie wir, so geschützt gegen alle möglichen Gefahren. Wir sind alle in Versuchung, uns an eine imperiale Lebensweise zu gewöhnen, die nur auf Kosten anderer möglich ist, auf Kosten der Schöpfung und auf Kosten der Zukunft. Wir sind alle in Versuchung, uns vom imperialen Glanz beeindrucken zu lassen, vom Stil und von der Haltung, denen scheinbar alle nacheifern.

Wir werden uns dem nur dann wirklich entziehen können, wenn wir in solchen inspirierten Gemeinschaften verankert sind wie denen, für die Johannes schreibt. Selbst die muss er immer wieder erinnern an den unglamourösen Jesus, der anderen die stinkenden, verdreckten Füße gewaschen hat. Aber dort, sagt Johannes, ist Gott zu finden, nur dort.

Wir wissen alle nicht, wie die Zukunft aussieht. Aber wir machen uns berechtigte Sorgen. Unsere Welt braucht es dringend, dass es überall solche inspirierten Gemeinschaften gibt, die sich dem Sog von Macht und Glanz entziehen. Aber zuerst brauchen wir selbst es, dass wir das wahre Leben kennen, das in solchen Gemeinschaften zu finden ist. Wir wollen doch nicht so verschlossen und ahnungslos werden wie Pilatus und all die anderen, die nicht über den Tellerrand der imperialen Weltordnung hinaussehen können.