Apr 092018
 
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Schon 2015 waren wir in der Gebläsehalle mit christlich orientierten Iranern in Kontakt gekommen. Sie waren nicht vor Krieg geflohen, sondern vor der Repression in ihrem Heimatland. Hier suchten sie nach Anschluss an eine Gemeinde, und weil sie mich aus dem Camp kannten und unsere Kirche gleich in der Nachbarschaft war, kamen sie auch zu uns in den Gottesdienst.

Ich habe es damals sehr bewundert, dass sie, obwohl sie ja zunächst einmal beinahe nichts verstanden, doch immer wieder im Gottesdienst auftauchten. Zum Glück hatten wir damals schon Kontakt zu zwei Iranern, die bereits länger in Deutschland lebten und gelegentlich übersetzen konnten. Und ich kann mich an erste Bibeldiskussionen in der Gebläsehalle erinnern: in einer der vielen Familienkojen auf dem Boden sitzend, mit Google Translator (der damals Persisch nur sehr andeutungsweise verständlich machte) und natürlich Tee.

Bald hatten wir eine ganze Reihe von guten Kontakten in der Gebläsehalle. Und obwohl der größte Teil der Bewohner aus Syrien kam, hatten wir es bald vor allem mit Iranern zu tun. Wir hatten uns das nicht ausgesucht, es ist einfach so gekommen.

Noch 2015 entschlossen wir uns kurzfristig, in unserer recht flexiblen Gemeinschaft eine internationale Untergruppe einzurichten. Die ersten Male waren chaotisch: einige Familien brachten ihre Kinder mit, die damals in der unsicheren Situation noch sehr unruhig waren und sich verständlicherweise unter den Erwachsenen langweilten. Andere telefonierten zwischendurch und wollten uns mal kurz der Mutter oder dem Cousin im Iran vorstellen. Eben eine Begegnung von zwei unterschiedlichen Kulturen.

Aber nach und nach spielte sich das alles ein. Wir haben in unserer Gemeinschaft eine Eingangsliturgie, die an jedem Abend gleich ist (nach der Liturgie von Iona in Schottland). Jetzt merkten wir, dass es für die Neuankömmlinge sehr hilfreich war, wenn es so ein konstantes Element gab, das sie nach und nach mitsprechen konnten. In den Gruppen arbeiteten wir mit der Bibellteilen-Methode, bei der jeder seine Gedanken beisteuern kann. Ein Problem blieb lange die Sprache. Nicht immer war ein Übersetzer zur Hand. Aber irgendwie haben wir es doch hinbekommen.

Wir haben dann darauf hingearbeitet, dass möglichst viele von unseren guten Bekannten aus dem Camp nach Ilsede oder Peine verteilt wurden. Das war damals recht einfach, weil auch die Behörden ein Interesse hatten, Menschen im Landkreis zu behalten, die schon Kontakte vor Ort hatten.

Am Pfingstmontag 2016 haben wir im Gottesdienst 13 Iraner zwischen 3 und 38 Jahren getauft. Für die Taufgespräche haben wir einen Dolmetscher organisiert. So wurden die iranischen Geschwister für mich immer stärker zu Personen mit einem eigenen Lebensweg und einer je eigenen Art, damit umzugehen. Es ist ja ein wichtiger Schritt, wenn man langsam anfängt, nicht mehr vor allem die kulturellen Unterschiede zu sehen, sondern das persönliche Profil des jeweiligen Menschen.

2016 haben wir insgesamt viel an elementarer Integrationsarbeit geleistet. Es ging dabei oft um einfache Dinge wie z.B. das Bedienen von Bankautomaten, Telefonverträge oder die Funktionsweise des Gesundheitssystems. Besonders nervig waren die Briefe von der Rundfunk-Gebühren-Einzugszentrale, auch wenn sie sich inzwischen „Beitragsservice“ nennt. Und auch wir haben über den Fragebögen der Sozialbehörden gegrübelt und nicht verstanden, was die da wissen wollten und was das jeweils für Folgen hat. Es war auch einiges an Einsatz nötig, bis unsere Leute akzeptable Wohnungen hatten. Gelegentlich musste ich darauf hinweisen, dass Konflikte in Deutschland bitteschön nur mit Worten auszutragen sind. Aber ich hatte auch die Autorität, so etwas zu sagen und wurde gehört. Auch hier: es gäbe viele Geschichten zu erzählen, aber dies soll ja ein Überblick bleiben.

Aus der Zusammenarbeit mit den Nachbargemeinden entstand das „Ökumenische Integrationsnetz Ilsede“. Der Kirchenkreis bewilligte uns dafür eine halbe Stelle für einen Mitarbeiterin, die die Betreuung der Freiwilligen übernahm, sich um spezielle Einzelfälle kümmerte und auch viele Kontakte zur Kommune und zum Landkreis hielt. Auch ich bin in diesem Jahr gefühlt jede Woche im Rathaus gewesen. Wir haben dabei gemerkt, dass die Arbeit in unseren Dörfer und Ortsteilen anders laufen muss, dezentraler, als in der Stadt, wo es größere Heime und Zentren gibt.

Immer wieder kam natürlich die Frage: wie lange dauert es, bis wir anerkannt sind und uns selbst eine Wohnung suchen können? Einige warteten darauf, ihre Familien nachholen zu können. Ich hatte aus meinen bisherigen Erfahrungen heraus mit einer Frist von etwa einem Jahr bis zur entscheidenden Anhörung beim Bundesamt getippt. Am Ende dauerte es bei den meisten fast doppelt so lange.

Unsere Gemeinde ging unproblematisch mit den neuen internationalen Mitgliedern um. Vielleicht lag das auch daran, dass wir ja schon in den Jahren 2002-2008 Erfahrungen mit einem Kirchenasyl gemacht hatten. Eine Zeit lang wurde der Predigttext im Gottesdienst immer auch auf Persisch vorgelesen. Mehr wäre über unsere Möglichkeiten gegangen. Und allmählich wurden die Deutschkenntnisse auch besser.

2017 war dann das Jahr, in dem es endlich zu den Anhörungen kam.

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Apr 042018
 
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Als ich vor zweieinhalb Jahren hier schrieb, dass Ilsede Standort einer Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge werden würde, ahnte ich schon, dass da einiges an Arbeit auf mich zukommen würde. Aber ich ahnte nicht, wie intensiv das mich und die Gemeinde beschäftigen würde, und vor allem: dass es zweieinhalb Jahre dauern würde, bis ich wieder (abgesehen von der Veröffentlichung einiger Predigten) den Anlauf zum Bloggen schaffe.

Der Vorsatz, regelmäßig aus der Gebläsehalle (dem Standort der Einrichtung, siehe Bild oben) zu berichten, erwies sich als undurchführbar. Der wichtigste Grund dafür war natürlich, dass viel zu wenig Zeit dafür blieb. Es ging dabei aber auch immer um Menschen: Flüchtlinge natürlich, aber auch deutsche Mitarbeiter der vielen Hilfsorganisationen. Begegnungen wären beschädigt worden, wenn ich dabei im Kopf immer schon etwas für den Blog formuliert hätte.

Deswegen kommt nun ein eher summarischer Rückblick in mehreren Teilen.

Die Pionierphase

Am Anfang stand die Pionierphase: es wurde improvisiert, und bis dahin wirdfremde Menschen arbeiteten unproblematisch zusammen. Die Hilfsorganisationen brachten ihr Know-How mit der Unterbringung und Versorgung großer Menschengruppen ein, aber alle Abläufe, die sich speziell auf Flüchtlinge bezogen, mussten erst neu organisiert werden. Auch die Mitarbeiter des Landkreises (der die Trägerschaft des Ganzen hatte) wussten nicht immer genau, wie es weiterging, denn sie waren wiederum vom Bundesamt für Migration und Flüchtlinge abhängig, in dessen Auftrag der Landkreis die Einrichtung betrieb.

In dieser Zeit gab es jeden Tag unvorhergesehene Situationen. Ich hatte meiner Frau z.B. eines Morgens zu berichten, dass wir über Nacht acht syrische Gäste gehabt hatten, die jetzt Frühstück brauchten. Aber wir haben in dieser Zeit viele Dinge unkonventionell gemanagt, die sonst viel mühsamer gewesen wären. Auch mit den Mitarbeitern der verschiedenen Behörden und der Security gab es in der Regel eine gute, konstruktive Zusammenarbeit. Es gab unglaublich viel guten Willen und Vertrauen. Viele einzelne großartige (und auch weniger großartige) Geschichten aus dieser Zeit gibt es, aber man kann sie eigentlich nur persönlich weitererzählen. Ich war wirklich stolz auf unseren Landkreis, der das organisatorisch gut hinbekam, und in dem es so viele engagierte Freiwillige gab.

Auf der anderen Seite war es für alle Beteiligten enorm beanspruchend. Ich selbst war so gut wie jeden Tag in der Einrichtung. Auf Bitten des Landkreises haben wir uns um die Kinderbetreuung gekümmert. Wir, das waren im Kern außer mir die Kollegin aus der Nachbargemeinde und später eine Mitarbeiterin, die wir aus landeskirchlichen Mitteln anstellen konnten; dazu eine recht große Gruppe von immer wieder wechselnden Freiwilligen. Auch da gab es ein tolles Engagement. Wir hatten den Vorteil, dass wir mit unserer kirchlichen Mitarbeiterkultur viele Einzelheiten der Zusammenarbeit nicht erst erfinden mussten. Trotzdem gab es immer wieder neue Situationen, in denen wir flexibel reagieren mussten. Ich weiß nicht mehr, wie oft wir mit unserer Spielzone umgezogen sind. Aber es war toll zu erleben, dass wir auch ohne große Diskussionen oder Absprachen in die gleiche Richtung arbeiteten und uns 100%ig aufeinander verlassen konnten.

Ich selbst erlebte mich ein wenig als Seelsorger in der Einrichtung. Ich sprach mit Flüchtlingen (oft mehr mit Gesten als mit Worten), mit der Leitung, mit anderen Freiwilligen aus unterschiedlichsten Hintergründen, mit den Mitarbeitern der Hilfsorganisationen und der Security. Für viele war das eine sehr intensive Zeit, beanspruchend, aber auch eindrucksvoll. Manche waren froh, dass sie hier wieder einen guten Job gefunden hatten. Die Flüchtlingsbetreuung hat ja auch viele Arbeitsplätze geschaffen, und es wundert mich gar nicht, dass Deutschland sich seit dem Herbst 2015 einer langanhaltenden guten Konjunktur erfreut.

Sechs intensive Monate

Nach einigen Wochen war ich tief erschöpft und bin erst einmal ein paar Tage krank geworden. Danach kam Weihnachten, wo ich dann vor allem in meinem Hauptjob gebunden war.

Als ich danach wieder im „Camp“ (so nannten es die Flüchtlinge, und wir nahmen ihren Sprachgebrauch auf) war, spürte ich, dass es inzwischen eine klimatische Veränderung gegeben hatte. Es war jetzt alles viel geregelter, aber auch weniger flexibel. Personen hatten gewechselt. Es gab eine Menge Vorschriften. Die Pionierphase war vorbei. Natürlich muss sich irgendwann eine gewisse Regelmäßigkeit und Berechenbarkeit einstellen. Aber es war schon schade, dass nun langsam wieder der Alltag einkehrte, mit bürokratischen Prozeduren und Menschen, die wieder stärker auf die Zuständigkeiten schauten.

Zu Beginn des Jahres 2016 begann der Zustrom an Flüchtlingen zurückzugehen. Die prinzipiell vorhandenen 600 Plätze sind sowieso nie ausgeschöpft worden, aber nun funktionierte die Verteilung der Flüchtlinge auf die Kommunen besser. Es mussten nicht mehr so viele Menschen kurzfristig aufgenommen und beherbergt werden. Im März war die Einrichtung so gut wie leer. Im April 2016 wurde sie geschlossen.

Inzwischen dient die Gebläsehalle wieder als Veranstaltungsort für Konzerte, Ausstellungen, Partys und andere Events mit bis zu 2000 Personen.

Für uns in der Flüchtlingsarbeit Engagierte begann ein neuer Abschnitt.

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Okt 172015
 
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Seit gestern ist Groß Ilsede Standort einer Erstaufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge, die vom Landkreis Peine in Amtshilfe für das Land Niedersachsen organisiert wird. Bis zu 300 Flüchtlinge sollen in der ehemaligen Gebläsehalle auf dem Hüttengelände unterkommen (zur Klarheit: die Menschen werden erst anschließend Kommunen zugewiesen; sie sind z.Zt. noch in der Aufnahmeprozedur).

Als Ortsgemeinde fühlen wir uns natürlich in der Mitverantwortung für die Menschen dort. Gemeinsam mit Pfarrer Mogge von der katholischen St. Bernward-Gemeinde und Pastorin Schmager aus Oberg war ich vorgestern und gestern auf dem Gelände, um zu schauen, was da auf unseren Ort zukommt. Heute morgen haben wir in Absprache mit dem Landkreis begonnen, eine Kinderzone im Foyer der Gebläsehalle einzurichten.

Der erste Eindruck: es ist beeindruckend, dass die Hilfsorganisationen quasi über Nacht ein Projekt für 300 Leute auf die Beine stellen können. Ich zähle jetzt mal keine Beteiligten auf, damit ich niemand übergehe. Es war bestimmt eine zweistellige Zahl von Diensten und Organisationen, die beteiligt waren. Toll, dass wir auf solche unerwarteten Situationen vorbereitet sind: Es gibt Material dafür, es gibt Freiwillige, es gibt Organisationsstrukturen. Das ist schon beruhigend, wenn man denkt, dass man ja auch selbst mal auf so was angewiesen sein könnte (Naturkatastrophen, Bombenräumung …).

Der zweite Eindruck: es war eine gute Entscheidung des Landkreises, die Gebläsehalle auszuwählen. Massenquartiere sind nichts Schönes, aber die Gebläsehalle ist aus vielen Gründen gut geeignet. Sie liegt zentral, sanitäre Einrichtungen sind da, und es ist ringsum viel Platz vorhanden, um auch mal draußen zu sein (wenn das Wetter wieder besser ist als heute). Und es ist leichter zu verschmerzen, wenn Konzerte und Veranstaltungen ausfallen, als wenn Turnhallen nicht mehr benutzt werden können.

Am Abend kamen die Flüchtlinge per Bus. Anscheinend stammen sie vor allem aus Syrien, Irak und anderen Ländern der Region. Viele Familien, eine ganze Menge Kinder dabei. Die meisten ziemlich erschöpft. Mir fallen jetzt dauernd Geschichten ein, die ich oft bei Beerdigungsgesprächen gehört habe: wie nach dem Krieg hier Züge mit Flüchtlingen aus dem Osten ankamen, die nur hatten, was sie auf dem Leibe trugen, und die dann auf die Gemeinden aufgeteilt wurden. Sicher war es damals noch viel dramatischer, weil die Versorgung für alle nicht gesichert war. Aber ich glaube, ich kann mich jetzt besser in diese Geschichten hineindenken, die für mich ja bisher eine ferne Vergangenheit waren.

Heute morgen haben wir dann begonnen, eine Kinderzone mit Spielzeug einzurichten. Es war ganz toll, wie lauter Leute spontan vorbeikamen und Sachen dafür brachten. Und dann war es schön. wie die Kinder das Angebot annahmen. Ich ahne nur, was die alles hinter sich haben, aber jetzt waren sie unbeschwert und mit Begeisterung dabei. Und als dann noch Bälle kamen, wurde im Foyer munter gekickt; auch die Leute von der Security waren dabei. Wie Kinder sich an der Gegenwart freuen können! Natürlich kann ich hier keine Fotos posten, aber es war einfach schön zu sehen, wie manchmal von einem Moment zum anderen das Licht in einem Kindergesicht anging. An alle, die dazu beigetragen haben: es bewirkt wirklich etwas. Vielen Dank!

Die Erwachsenen sind deutlich stiller. Einer wollte von mir wissen, wie lange sie hier bleiben müssen. Ich musste ihm sagen, dass das wahrscheinlich im Moment niemand genau weiß. Im Augenblick geht es erstmal um die aktuelle Versorgung. Aber die Unsicherheit über die Zukunft ist bei den Erwachsenen wohl das Belastendste.

Ende nächster Woche soll die Halle voll belegt sein. Das wird natürlich deutlich schwieriger werden. Wir hoffen aber, dass wir auch dann für die Kinder eine Zone freihalten können, wo sie einfach Kinder sein können. Wir möchten dafür regelmäßig Ansprechpartner vor Ort haben. Wer also dabei mithelfen möchte, möge sich bei mir melden – per Mail, Telefon, Facebook, wie auch immer. Im Moment kann ich noch nichts Genaues dazu sagen, aber in den nächsten Tagen wird es sich klarer herauskristallisieren. Auch Kinderspielzeug brauchen wir weiterhin, aber es ist z.Zt. nicht ganz dringend. Wenn dann nächste Woche die Halle voll belegt ist, werden wir alles brauchen.

Übrigens sucht das Rote Kreuz, das dort eine Kleiderstube eingerichtet hat, vor allem noch Kleidung in kleineren Männergrößen. Sachen konnten heute direkt am Eingang der Halle bei der Security abgegeben werden; die bringen es dann dem Roten Kreuz. Bitte habt aber Verständnis dafür, dass man in der Regel nicht reingelassen wird.

Dank an alle, die so toll mitgemacht haben! Und ich werde hoffentlich die Zeit finden, euch hier auf dem Laufenden zu halten.

Diese Hoffnung hat getrogen. Erst 2,5 Jahre später bin ich wieder zum Bloggen gekommen.

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Jan 282014
 

Gerade hab ich ein paar Tweets zum Thema „Übernahme von Internet-Predigten“ rausgehauen und merkte, dass das auf Resonanz stieß. Deswegen will ich es noch mal im Zusammenhang schreiben (und nicht im Twitterformat). Darf man fremde Texte in Predigten einbauen, und das auch noch ohne Quellenangabe?

Das erste, was man dazu sagen muss, ist: das hat es schon immer gegeben. In Zeiten, als es noch kein Internet gab, hatte man – auch als Theologe – gedruckte Predigtsammlungen. Es gab angeblich auch Sammlungen mit Beispielgeschichten für Predigten. Nach dem Vikariat habe ich noch lange mit geschätzten Kollegen kopierte Predigten ausgetauscht (per Snail Mail) und dabei manches sowohl gelernt als auch übernommen. Ich habe die Ordner immer noch und benutze sie manchmal. Manche, die sich zur Übernahme von Predigten äußern, sehen das als Problem des Internet („Verführung durchs Internet?“). Aber wenn ich von einem Kollegen zum fünften Mal mit großem Pathos höre, dass „Christus keine Hände hat, nur unsere Hände“, dann ist das kein Problem des Internet. Oder zu Weihnachten Angelus Silesius. Oder die „kleinen Dinge“, an denen sich zu freuen man wieder lernen muss. Das ist ein Problem mit nicht zu Ende gedachter Theologie. Oder mit dem kleinbürgerlichen Horizont. Da stellen sich mir manchmal wirklich die Nackenhaare hoch, aber das liegt nicht am bösen Internet.

Das zweite ist: Wer den Gottesdienst hält, ist dafür verantwortlich, dass es ein guter, erfüllter, starker Gottesdienst wird (vorsichtshalber für alle Lutheraner das Mantra: WIR können das nicht machen und so). Wie er das hinkriegt, ist sein Problem. Wenn sie irgendwo abkupfert, soll es mir recht sein, wenn es denn am Ende ein Gottesdienst wird, in dem etwas Starkes … passiert. Gut auswählen ist auch eine Kunst. Wenn du etwas öffentlich vorträgst, ist es dein Text, egal, wo er her ist. Punkt. Ich bin tatsächlich öfter mal erschrocken, wie wenig Hoffnung und Leidenschaft sich für manche mit ihrer Ortsgemeinde verbinden, aber das ist ein anderes Thema. Manchmal wäre es nicht schlecht, wenn man da wenigstens eine kluge Predigt aus dem Internet vorgelesen bekäme.

Drittens: Predigten sind Open Source. Wer was von Software versteht, weiß, warum Open Source oft besser ist als proprietäre (nicht nachvollziehbare) Programme. Wenn einer auf dem anderen aufbaut, wächst die Qualität. Warum nicht tolle Formulierungen übernehmen, die man selbst so nicht hingekriegt hätte? Ich hab viel gelernt von Theologen und Theologinnen, mit deren Büchern ich eine Zeit lang vertrauten Umgang gepflegt habe. Irgendwann war dann ein anderer dran, aber sie alle begleiten mich bis heute. Die unterschwellige Vorstellung, Predigten müssten etwas Originelles und Einmaliges sein, ist daneben. Predigten sind Gebrauchstexte. Predigten sind auch keine Doktorarbeiten. Schon Paulus hat sich bei allen möglichen anderen bedient, ganz ohne Quellenangabe. Wenn du Texte von einer anderen übernimmst, würdigst du sie. Du machst dir ihr Anliegen zu eigen. Was kann ihr Besseres passieren?

Viertens: Wer fremde Texte ganz oder teilweise übernimmt, muss sie sich trotzdem erst aneignen. Auch das ist ein kreativer Prozess. Wer nicht merkt, wenn die fremde Sprache (oder Theologie) in ihrem Mund blechern klingt, muss noch viel lernen. Sich am Sonntagmorgen schnell was auszudrucken und vorzulesen, geht vermutlich daneben. Ich weiß aber von niemandem, der das macht (was nicht heißt, dass es das nicht gibt). Aber wenn doch: Kriterium ist, was am Ende dabei rauskommt. Siehe oben Punkt 2.

Fünftens: Gegen Internet-Ressourcen fürs Predigen sprechen allerdings zwei ganz andere Punkte. Einmal finde ich es zu anstrengend, mich durch eine Unzahl mittelmäßiger Predigten durchzulesen. Ich weiß nicht, ob andere das auch so erleben, oder ob das bloß mein Problem ist, aber mir ist das meiste, was ich im Netz finde, nicht gut genug. Ich hab mal ein bisschen in den großen Portalen geschnuppert und hatte dann keine Lust mehr. Die eine Perle darunter zu suchen, die dann auch noch zu mir passt, ist mir schlicht zu aufwändig. Es gibt ein paar Leute, von denen ich gern was lese, aber dann ist es auch gut. Der ganze Mainstream frustriert mich einfach zu sehr. Ich weiß, so was sagt man nicht. Nennt mich arrogant.

Sechstens: Der zweite Grund gegen die Übernahme von theologischen Internet-Produkten ist ein kirchenstrategischer. Ich halte viel von dezentralen Strukturen und hoffe sehr, dass es nicht irgendwann dazu kommt, dass überall die Predigten von Bischof/Oberkirchenrat X, Professorin Y oder landeskirchlicher Arbeitsstelle Z verlesen werden (Freikirchler mögen entsprechendes einsetzen). Wir brauchen an der Basis Gemeinde, wo selbständig theologisch gedacht wird. Mit oder ohne Internet. Ich erlebe das Internet da eher als hilfreich. Aber das soll jede so halten, wie es für sie passt.

Summa: Wer seinen Kopf gebraucht, hat nichts zu fürchten.

Mai 302012
 

Kabel aufrollen für Profis

Heute mal was ganz anderes: Endlich zeigt mir jemand, wie man ordentlich Kabel aufrollen kann, ohne dass sie sich heillos verheddern. Da hätte man schon längst selbst drauf kommen können. Allerdings muss man sich das Video wohl ein paar Mal ansehen. Aber es lohnt sich. Danke für den Link an Daniel Weber!

httpv://www.youtube.com/watch?v=pEd7ru24Vx0

 

Feb 162012
 

Mike Breen beschreibt in einem längeren Post, wie sich Missional Communities (MC’s) in der St. Thomas-Gemeinde in Sheffield entwickelt haben. Am Anfang stand das gelegentliche Treffen von 3-4 Kleingruppen, die sich für Projekte zu einem „Cluster“ zusammenschlossen. Dies stellte sich als eine sehr gute Größe heraus. Die Kleingruppen kamen gern und häufig als Cluster von 20-50 Personen zusammen. Gleichzeitig entwickelte die Gemeinde eine Kultur gegenseitiger persönlicher Verantwortlichkeit. Beides zusammen ergab heftiges Gemeindewachstum. Für die so gewachsene Gemeinde brauchten sie schließlich eine ehemalige Riesen-Disko als Versammlungsraum.

Und nun beschreibt Breen, wie er sich entscheiden musste, in welche Richtung es weitergehen sollte: eine Megachurch bauen oder ein Netzwerk von Gemeinschaften, die nicht mehr von Hauptamtlichen geleitet werden, sondern von den Mitgliedern der Gemeinschaften selbst. Er beschloss gemeinsam mit seinen Mitarbeitern, den Fokus auf die Entwicklung der mittelgroßen Gemeinschaften zu legen, die mittlerweile „Missional Communities“ hießen.

Das war eine unkonventionelle, aber weise Entscheidung.

Denn ein Jahr später stellte sich heraus, dass die ehemalige Disko gravierende Baumängel hatte und nicht mehr zu nutzen war. Von einem Sonntag zum anderen hatte die Gemeinde kein Gottesdienstgebäude mehr und überlebte in Form der MC’s, die sich an allen möglichen Orten in der Stadt trafen. Sie wurden von Gemeindegliedern geleitet; die Hauptamtlichen hatten eine Unterstützerrolle. Diese improvisierte Situation sorgte noch einmal für schnelles Wachstum. Später konnte die Gemeinde wieder ein zentrales Gebäude als Trainingszentrum und Gottesdienstraum nutzen, aber der Grundansatz hatte sich geändert: in St.Thomas wird die Größe der Gemeinde nicht mehr nach Gottesdienstteilnahmen, sondern nach MC-Mitgliedern gezählt.

Das ist ein anderes Modell von Gemeinde. Wir kennen es so, dass der Gottesdienst die zentrale Veranstaltung ist, und – je nach Engagement der Gemeinden – kommen dann noch Gruppen, Hauskreise usw. hinzu. In St. Thomas wurde dieses Muster anscheinend umgedreht: zentrale Veranstaltung sind die MC’s, und wer mag, geht auch (manchmal) zum Gottesdienst. Ein entscheidender Vorteil dieses Modells dürfte zunächst sein, dass es deutlich kostengünstiger ist, denn eine Gottesdienst-zentrierte Gemeinde braucht in der Regel Hauptamtliche, einen festen Raum, Musiker, Technik – und das alles kostet viel Geld. Gleichzeitig macht es die Gemeinde unflexibel: man braucht für das alles feste, verlässliche Strukturen.

Dass das kostengünstigere Modell auch theologisch vieles für sich hat, beschreibt Breen ausführlich. Ich empfehle, seinen Post zu lesen, den ich hier nur selektiv zusammengefasst habe.

Über unsere eigenen Erfahrungen mit Clustern, also Gemeinschaften mittlerer Größe, die in Untergruppen gegliedert sind, habe ich hier, hier, hier und hier etwas geschrieben (schon damals mit Hinweis auf St. Thomas Sheffield, obwohl mir damals die ganze Entwicklung nicht bekannt war).

Okt 242011
 

Spiritualität ist in aller Munde (auch ich habe darüber vor einiger Zeit gebloggt). Die Quellen dieser Spiritualität liegen aber oft in außereuropäischen kulturellen und religiösen Zusammenhängen oder in bestimmten Stationen der Kirchengeschichte. Insofern ist die Fragestellung nach einer ausdrücklich biblischen Spiritualität besonders im Protestantismus schon länger dran. Klara Butting ist in ihrem neuen Buch „unterwegs“ dazu. Sie beschreibt Grundlinien einer biblischen Theologie und fragt von dort ausgehend nach Zugängen zu spirituellen Erfahrungen.
Dieser Anmarschweg bringt einen signifikant anderen Erfahrungshintergrund ins Spiel als die üblichen Stille- und Naturmeditationen. Zentrales spirituelles Muster ist für Butting die gemeinschaftliche Lektüre biblischer Texte. Das klingt zunächst nicht besonders aufregend, insbesondere für Leute mit ausgeprägter Bibelkreis-Erfahrung. Aber Butting hat einen intensiven bibeltheologischen Ansatz, der noch in der Lage ist, sich von den Texten überraschen zu lassen, anstatt bloß theologische Standardsätze abzurufen. Und sie arbeitet mit einer Methode gemeinschaftlicher Bibellektüre, die dem Prozess unter den Teilnehmern vertraut und im Prinzip dem besser bekannten „Bibelteilen“ sehr ähnlich ist. Im Ergebnis führt das zu einer anderen Art spiritueller Erfahrung, die tatsächlich der Bibel viel angemessener ist. Ich fand den Unterschied in den folgenden Sätzen schön beschrieben:

Wenn ich z.B. eine Formulierung wie „die Mitte finden“ höre, denke ich an Leute, die  – wie wir bei den Bibel-Lese-Tagungen – im Kreis an Tischen sitzen. Ich denke an Situationen, in denen ein Gespräch gelungen ist, unerwartete Begegnungen stattgefunden haben, in denen ich von Gottes Vision der Einen Welt berührt wurde. Immer wieder habe ich während der Bibel-Lese-Wochen diese Erfahrungen gemacht, dass ich gerufen wurde, an Gottes Engagement für eine bewohnte Erde teilzunehmen und mich neu an Gottes Verheißungen auszurichten.

Butting beschreibt dann, dass dieses Achtsamwerden ausstrahlt in andere Bereiche hinein. Spiritualität hat ja immer irgendwie mit Wegen zu tun, auf denen Wahrnehmung – das Hinschauen und Hinhören – neu eingeübt wird. Bei einer biblischen Spiritualität ist dieses Übungsfeld die gemeinsame Wahrnehmung der Bibeltexte und der Stimme, die sich in ihnen erhebt. Dies kann durchaus auch zu intensiven geistlichen Erfahrungen führen, aber das ist keine Pflicht. Diese Einübung wird sich jedenfalls auch in anderen Lebensbereichen bemerkbar machen. Und bei solch einer biblischen Spiritualität sind die Anderen von Anfang an mit dabei. Sie müssen nicht nachträglich irgendwie noch integriert werden, denn gerade durch die unterschiedlichen Beteiligten wird die Bibellektüre unvorhersehbar und deshalb frisch, und sie führt auf Praxis hin. Buttings zentraler Praxisbezug und Erfahrungsmodell ist die Woltersburger Mühle, ein Arbeitslosen- und Qualifizierungsprojekt bei Uelzen, zu dem gleichzeitig ein Zentrum für biblische Spiritualität gehört.

Dieser Versuch, Spiritualität schon an der Wurzel mit Bibellektüre, Gemeinschaft und befreiender Praxis zu verknüpfen, scheint mir unbedingt nötig und sehr hoffnungsvoll. Gleichzeitig wird durch diese Aufgabenbeschreibung aber auch deutlich, dass das Buch zunächst so etwas wie eine Zwischenstation sein muss. Butting sucht in der biblischen Überlieferung nach Spuren der Spiritualität und wird an vielen Stellen fündig. Die oft beschriebene mystische Erfahrung der Einheit bringt sie z.B. zusammen mit dem Bekenntnis Israels, dass Gott Einheit ist, keine widerstreitende Vielzahl wie die heidnischen Götter und Mächte. So ist das Buch auch Einführung in eine biblische Theologie, die jenseits der allzu bekannten Paradigmen die Texte sehr profiliert zur Sprache bringt. Die Autorin greift dabei – eine von mehreren Parallelen zu NT Wright – stark auf die ganze Bibel zurück und und lässt den alttestamentlichen Bezugsrahmen, auch im Gespräch mit jüdischen Erfahrungen, deutlich werden.

Verschwiegen werden soll allerdings nicht, dass im Vergleich zur biblischen Thematik die Konkretionen der Spiritualität eher skizzenhaft sind. Wer geistliche Übungen o.ä. sucht, wird enttäuscht werden. Vielleicht kann das auch (zur Zeit noch) nicht anders sein. Immerhin gibt es gute Zugänge zum Abendmahl, zum Gebet und zum Ruhetag/Sabbat. Die eigentliche geistliche Übung – so kann man Butting wohl verstehen – ist die Teilnahme am messianischen Lebenswerk Jesu: der Befreiung aller Kreatur aus Unterdrückung und Gewalt.

Ich verkneife es mir, hier eine ausführlichere Inhaltsangabe des Buches zu geben. Dafür ist es einfach zu dicht gepackt mit guten, substanziellen Durchblicken. Der Grundansatz erweist seine Fruchtbarkeit in vielen einzelnen hilfreichen Klärungen. Man sollte das Buch tatsächlich lesen. Mit 107 Seiten überfordert es nicht. Vielleicht werde ich in der nächsten Zeit aber noch ein paar Zitate bloggen. Leider ist das Buch z.Zt. nicht bei Amazon erhältlich. Man kann es direkt bestellen bei Erev-Rav, die Lieferung erfolgt umgehend.

Ein Hinweis zum Schluss: die Autorin hat an der „Bibel in gerechter Sprache“ mitgearbeitet und gibt den alttestamentlichen Gottesnamen beinahe immer in weiblicher Form (die Ewige, die Eine) wieder. Wen das stört, der sollte an diesen Stellen einfach in Gedanken eine ihm vertraute männliche Form einsetzen. Die Substanz und Qualität des Buches wird dadurch keinen Schaden nehmen.

Mrz 132008
 

Ryan Bell hat auf dem Allelon-Blog „The Missional Journey“ die Probleme der traditionellen Bibelstudien-Gruppen beschrieben und überlegt, was in seiner Gemeinschaft an deren Stelle treten könnte.

Er geht von der Beobachtung aus, dass man in solchen Gruppen normalerweise austauscht, was man so denkt, „was der Text bedeutet“. Die Frage, was der Text eigentlich erreichen sollte (bei Jesus oder gar bei den Evangelisten), taucht kaum auf. Und was er aktuell bei seinen Lesern erreichen soll, diese Frage stellt sich auch nicht. Es geht nur um Information, aber nicht um Formation. Die Folge: Langeweile und Frustration.

Was tritt in Bells Gemeinschaft an die Stelle von Bibelstudiengruppen? Sie arbeiten dort mit „missional action teams“, die danach fragen, was Gott für ihre Nachbarschaft bedeutet. In diesem Zusammenhang wird es lebensnotwendig, in der Bibel zu leben. Solche Teams entwickeln eine „missionale Hermeneutik“. Dazu gehört etwas, was sie „dwelling in scripture“ nennen, also ein „Bewohnen“, ein In-der-Bibel-leben. Manche Gruppen haben zwei Jahre lang mit einer bestimmten Passage gelebt und sich immer wieder gefragt: „wie formt dieser Text uns als Volk Gottes, damit wir in unserem Ort seine Zeugen sein können?“ Damit bekommt der Text eine ganz andere Verbindlichkeit. Und genauso entsteht eine Verbindlichkeit unter denen, die sich entschlossen haben, gemeinsam Volk Gottes vor Ort zu sein.

Wenn die Bibel so gebraucht wird, dann – so haben sie es jedenfalls erfahren – rücken sehr elementare Texte wie die Bergpredigt, die Aussendung der Jünger oder die Begegnung Jesu mit der Samariterin am Brunnen in den Vordergrund.

Es bleiben Fragen: wie geht man mit der Bibel um in einem Kontext von biblischen Analphabetentum? Wie öffnet man denen einen neuen Weg zur Bibel, die aus ihrem christlichen Hintergrund schon jede Menge Bibelinformationen mitbringen, aber ein ganzes Christenleben lang nur die „informative“ Art des Bibelstudiums kennengelernt haben? Und wie hilft man Neubekehrten, erst gar nicht damit anzufangen?

Ich finde das sehr wichtige Fragen und Anstöße. Auch für uns muss es eine missionale Hermeneutik geben. Erst im Zusammenhang von Praxis wird die Bibel ihre wirklichen Qualitäten entfalten.

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Mrz 112008
 

Unser Gottesdienst gestern stand unter dem Thema „Christen und das Kreuz“. Die Teilnehmer des Ü10-Gottesdienstes am Samstag vorher hatten die Kirche mit einem großen Kreuz und Bildern von heutigem Leid und gegenwärtiger Zerstörung gestaltet – von Hurricans über die Ausrottung von Tierarten bis zur Todesstrafe.

Benny, Rene und Tom zeigten am Anfang eine (ein bisschen gewalttätige) Szene, die aus Markus 3,27 heraus entwickelt war: man kann die Kunstgegenstände im Haus eines Schwergewichtsboxers erst klauen, wenn man den Besitzer vorher irgendwie außer Gefecht gesetzt hat. Da redet Jesus selbst davon, dass es eine entscheidende Begegnung gab, bei der die Machtfrage geklärt wurde. Anschließend konnte er (und später seine Jünger, wir) dann den Einfluss des Bösen an vielen Stellen zurückdrängen. Es gibt also eine einmalige, strategische Entscheidung, die erst einen Raum öffnet, in dem man dann der konkreten Zerstörung entgegentreten kann.

Direkt im Anschluss ans Credo sang unser Musikteam ein modernes Glaubensbekenntnis.

Im folgenden Predigtteil habe ich um das Kreuz und die Bilder ein Absperrband herumgelegt, als Zeichen dafür, dass niemand freiwillig diese Zone von Leid und Gefahr betreten möchte.

Etwas später bekamen alle einen Stein – nicht zum Aussuchen, sondern zugeteilt: als Symbol für unseren Anteil am Schweren in der Welt, den wir uns nicht aussuchen können. Die Anteile sind unterschiedlich groß, sie sehen so unterschiedlich aus und fühlen sich so unterschiedlich an wie die Steine. Keiner weiß, wieso er gerade diesen Anteil bekommen hat. In einer Zeit der Stille konnten alle ihrem Stein einen Namen geben – ihn verbinden mit dem Bedrückenden, Belastenden oder Beängstigenden in ihrem Leben.

Anschließend waren alle eingeladen, ihren Stein zum Kreuz nach vorn zu bringen. Aber das bedeutete auch, die Linie zu übertreten und Jesus zu folgen in den dunklen Bereich der Welt. „Sich für Jesus zu entscheiden“ ist nicht zu haben ohne Nachfolge in diesen dunklen Bereich hinein. Auch wer tröstet oder hilft, bleibt davon nicht unberührt.

Es war schön, dass dann viele gekommen sind.

Auf dem Weg zurück bekamen sie von den den dreien aus dem Ü10-Gottesdienst eine „Medaille“, mit dem Kreuz auf der einen und dem leeren Grab am Auferstehungsmorgen auf der anderen Seite. Sie soll als Erinnerungszeichen dienen: damit wir in der kommendenZeit darauf achten, was aus den Dingen geworden ist, die wir zum Kreuz gebracht haben.

Mit einem Gebet haben wir den Predigtteil beschlossen.

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Mai 202007
 

Nachdem ich in den vorigen beiden Posts (hier und hier) über die Organisation unseres Clusters geschrieben habe, kommen hier die Grundsätze, also die Gedanken dahinter. Es wird dann noch einen weiteren Post über Perspektiven und Probleme geben.

Grundsätze der Gruppe „HorizonT“

Wir haben diese Grundsätze vor einigen Jahren so beschlossen. Manches ist vielleicht ein bisschen umständlich formuliert, aber bisher haben sie uns recht gut als Richtlinie gedient. Ob wir unserem Anspruch immer gerecht werden, ist eine andere Frage. Aber die Grundsätze zeigen die Richtung, in die wir gehen wollen.
Die kurzen Erläuterungen dazwischen habe ich jetzt gerade für den Blog geschrieben.

  1. Es geht um ein gemeinsames Entdecken der Nachfolge Jesu und des Lebens im Heiligen Geist.
    „Gemeinsames Entdecken“ – also: wir sind gemeinsam auf der Suche. Was Nachfolge ist, was Heiliger Geist, das steht nicht selbstverständlich fest, sondern muss in unserer Zeit erst wieder neu entdeckt werden.
  2. Es geht nicht um Sammlung und Betreuung der Erlösten, sondern um offensive Durchdringung der Welt.
    Wir wollen keine defensive christliche Kultur aufbauen, in der man bis zum Tod oder dem Ende der Welt
    überwintert. Eine defensive Kultur wird keine Ausstrahlung entwickeln.
  3. HorizonT soll lebensverändernd, bedeutungsvoll und echt sein.
    HorizonT ist kein Hobby, sondern es geht um wirkliche Lebensveränderung. Dazu müssen wir uns echt begegnen.
  4. Wir wollen uns gegenseitig im Alltag begleiten.
    Kommentar unnötig.
  5. Wir wollen Menschen mit dem und für das gewinnen, was wir wirklich sind und tun.
    Also keine Trennung in tolle missionarische Aktivitäten und das dann vielleicht enttäuschende Gruppenleben.
  6. Zur Gruppe sollen jederzeit neue Teilnehmer auf allen Stationen ihrer geistlichen Reise dazustoßen können.
    Und so soll
    auch an ganz normalen Abenden das Programm gestaltet sein.
  7. Wir entwickeln eine befreiende Kultur des christlichen Glaubens. Dazu gestalten wir auch Details bewusst.
    Wir wollen uns hüten vor engen und bevormundenden Stilen, die einige von uns schmerzlich erlebt haben und vor Ritualen, die Selbstzweck geworden sind. „Kultur“ bedeutet: es geht nicht nur um die grundsätzlichen Fragen, sondern die sollen sich auch in den Details der Gruppenkultur ausdrücken. Daran arbeiten wir permanent.
  8. Wir bleiben unabhängig von anderen christlichen Traditionen, aber wir übernehmen alles, was hilfreich und sinnvoll ist.
    Lernen kann man überall. Ganz viel haben wir uns bei den unterschiedlichsten Gemeinden abgeguckt. Aber wir prüfen genau, was zu uns passt und was nicht. Wir sind nicht die Ortsgruppe von Bewegung XY.
  9. Wir wollen mit Jesus Schritt halten – deshalb reflektieren wir regelmäßig den Weg der Gruppe und wollen flexibel bleiben.
    Wir wissen, dass wir noch einen weiten Weg vor uns haben. Wir wollen Innovation in die Gene der Gruppe einbauen. Deshalb besprechen wir immer wieder den Weg der Gruppe im ganzen Cluster und in den Teams.

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