Aug 272018
 

Zu Hartmut Rosas Buch „Beschleunigung und Entfremdung“ (Teil 4)

| Teil 1: Motoren der Beschleunigung | Teil 2: Gibt es Gegenkräfte? | Teil 3: Totalitäre Beschleunigungsstrukturen | Teil 4: Zeit ist nicht Geld | Teil 5: Was tun? Was denken?

Rosa bringt ja zunächst einmal eine Beschreibung: die Beschleunigung ist ein Faktor, den eine kritische Theorie der Gesellschaft nicht ignorieren darf. Die Zeit ist ein viel zu wichtiges Thema, als dass man es politisch vernachlässigen dürfte. Letztlich sind auch die ökologischen Probleme Folge der gesellschaftlichen Beschleunigung. Denn durch unsere Geschwindigkeit sind wir für die Natur zu schnell geworden. Wir verbrauchen pro Zeiteinheit mehr, als sie nachliefern kann.

Wie kann aber eine Antwort darauf aussehen?

Das Problem entsteht ja daraus, dass wir die Zeit nutzen, um (auf allen möglichen Gebieten) schneller zu sein als die Konkurrenz. Und das ist inzwischen gar keine bewusste Entscheidung mehr, sondern ein Habitus. Scharf und sicher überspitzt gesagt: Es geht nicht mehr darum, Brot zu backen, Computer zu programmieren, Menschen seelsorgerlich zu beraten, Kunstwerke zu schaffen, Gemeinden zu bauen, und was es noch für schöne Dinge gibt, sondern das alles ist verzerrt vom Konkurrenzkampf, nicht nur dem ökonomischen. Die Konkurrenzlogik frisst die unterschiedlichen Zeiten unterschiedslos in sich hinein.

„Zeit“ oder „Zeiten“?

Die berühmte Stelle im Prediger Salomo (3,1-9) spricht ja nicht von „der“ Zeit, sondern stattdessen von spezifischen „Zeiten“: eine Zeit zum Weinen, eine Zeit zum Lachen, eine Zeit zum Suchen, eine zum Verlieren usw. Zeit ist eben nicht Geld. Ein Euro mag ein Euro sein (obwohl in Wahrheit in jedem Euro eine lange Geschichte menschlicher Beziehungen verborgen ist – Geld ist auch eine Abstraktion wie die chronologische Zeit, aber das verfolgen wir jetzt nicht weiter), aber eine Stunde ist nicht wie die andere. Es gibt immer nur auf besondere Weise gefüllte Zeit. Zeiteinheiten sind nicht gegeneinander zu verrechnen, weil sie immer wieder anders gelebt werden: unter anderen Bedingungen, in unterschiedlichem Geist, mit je anderer innerer Disposition für Konzentration, Arbeit, Ruhe, Beziehungen. Und wer versucht, gegen die Bestimmung der Stunde zu leben, verschwendet sinnlos seine Energie: „Man mühe sich ab, wie man will, so hat man keinen Gewinn davon.“

Diese Gedanken des Predigers stammen aus der Zeit der hellenistischen Durchdringung Alt-Israels, als die „moderne“ Geldwirtschaft engültig daran ging, die Welt der freien Bauern in die Welt der Großgrundbesitzer und Tagelöhner zu verwandeln, die wir aus den Evangelien kennen. Es war eine frühe Zeit der Globalisierung, als man sich nicht mehr auf die herkömmlichen Regeln des Zusammenlebens verlassen konnte. Die politisch-moralisch fundierte „Thorarepublik“ (wie Ton Veerkamp sie nennt) war nicht stark genug, um sich der gewaltsamen Öffnung des Landes zu widersetzen.

Die Antwort des Predigers darauf ist: versuche nicht, im Hamsterrad mitzuhalten, sondern lebe! Leben ist kein ewiger Kampf. Deshalb entzieh dich dem Hamsterrad. Widme dich intensiv der gegenwärtigen Zeit, vor allem, wenn du eine Gelegenheit zur Freude hast. Wer weiß, wann sie wiederkommt? Iss und trink, freue dich am Leben mit deiner geliebten Frau, und wenn die Gelegenheit günstig ist, setz deine Pläne entschlossen um. Aber tu das alles im Bewusstsein, dass es nicht in deiner Macht steht, die Zeiten zu ändern. Gottes Wege sind gut, aber wir verstehen sie nicht wirklich (das ist der leicht depressive Zug in den Gedanken des Predigers).

Um solche Zusammenhänge geht es auch, wenn Paulus oder der Seher Johannes davon sprechen, dass „eine Tür geöffnet wird“: Gelegenheiten, die sich auftun und genutzt werden sollen. Nur der Ton ist viel hoffnungsvoller. Durch die Auferstehung Jesu ist eine andere Zeit angebrochen, Gottes Wege sind weniger verborgen, und es gibt mehr Möglichkeiten, als sich nur in eine Nische zurückzuziehen und sich dort von der irrsinnigen Beschleunigung der Welt so gut wie möglich abzuschirmen. Das bringt für Paulus aber auch mehr Stress: die Beschreibung seiner Belastungen (im Umkreis von 2. Kor. 11,28 etwa) ist eindrucksvoll und hat nichts mehr mit einer ausgewogenen work-life-balance zu tun. Und auch von Jesus wird erzählt, dass sie zeitweise so überlaufen waren, dass die Mahlzeiten ausfallen mussten. Jesus wusste dann aber auch, wann die Zeit gekommen war, gemeinsam mit den Jüngern segeln zu gehen. Also nicht: Gelassenheit vs. Stress, sondern immer noch: Erkenntnis der jeweiligen Zeiten.

Der Gott der Fülle

Das alles bündelt sich in der Bergpredigt Jesu, wenn Jesus in Matth. 6 die Basis seines Handelns enthüllt: die grundlegende Güte des Schöpfers, der seinen Segen bedenkenlos an Gerechte und Ungerechte verschenkt. Nicht der Mangel regiert die Welt, sondern sie lebt aus der Fülle. Die Konsequenz ist: sorget nicht! Gott wird für euch sorgen. Das war damals für eine stärker agrarische Gesellschaft formuliert, der Kampf um die besten Plätze war noch viel offener gewaltförmig, dafür aber auch nicht soo allgegenwärtig. Aber auch damals schon schien solche Sorglosigkeit dem gesunden Menschenverstand widersinnig.

Im Ergebnis steht eine scharfe Alternative im Raum: „Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.“ Gott bringt Fülle, der Mammon Sorge und Mangel. Deshalb war das Zinsverbot über viele Jahrhunderte Konsens in der Kirche, bis die jungen bürgerlichen Rebellen aus der FDP Aufklärung sich gegen diese Einengung ihrer individuellen Freiheit empörten und das „oder“ durch das „und“ ersetzten: nicht mehr die alten, verknöcherten dogmatischen Fronten, sondern ein flexibles „sowohl als auch“.

Eine Frage des Weltbilds

In seriöserer Formulierung: Am Beginn der Neuzeit stand u.a. der Glaube, dass man mit dem Mammon einen Pakt schließen, ihn zähmen und in Dienst nehmen könne. Man müsse gar nicht im traditionell-christlichen Sinn gut sein (also das Interesse des Nächsten im Sinn haben). Denn die Verfolgung des je eigenen Interesses auf dem Markt ergebe am Ende durch die Regie einer „unsichtbaren Hand“ einen viel größeren Nutzen für alle als eine noch so altruistische Moral (und also wohl auch Politik). Seit damals gelten Moralisten (heute sind das die „Gutmenschen“) als Toren oder Schlimmeres. Die aktuelle Fortschreibung dieses Glaubens ist die neoliberale Überzeugung, dass „die Märkte“ es schon richten werden, und dass man die politisch-moralische Sphäre deshalb schrumpfen möge, damit von dort aus die Märkte kaum noch kontrolliert werden können. Und so bringt die Konkurrenz aller mit allen inzwischen nicht nur die Menschen aus dem Takt, sondern nun auch die Biosphäre in gefährliches Ungleichgewicht.

Am Ende ist es eine Frage des Weltbildes: gehe ich von einer Konkurrenz aller gegen alle aus, wo der Gewinn der Einen der Verlust der Anderen ist? Oder sehe ich eine grundlegende Verbundenheit aller Geschöpfe, die aus der fundamentalen Liebe des Schöpfers entspringt? Ist mein Gegenüber der Markt, der keine Gnade kennt, oder der Vater im Himmel, der auch über Ungerechte regnen lässt?

Nun, das ist jetzt für manche vielleicht nicht praktisch genug. Obwohl in der protestantischen Tradition ja eigentlich der Glaube (und damit die Frage, welche Realität wir voraussetzen) vor den Werken kommen sollte. Aber deshalb lasse ich noch einen fünften Post zum Thema folgen.

| Teil 1: Motoren der Beschleunigung | Teil 2: Gibt es Gegenkräfte? | Teil 3: Totalitäre Beschleunigungsstrukturen | Teil 4: Zeit ist nicht Geld | Teil 5: Was tun? Was denken?
Aug 242018
 

Zu Hartmut Rosas Buch „Beschleunigung und Entfremdung“ (Teil 3)

| Teil 1: Motoren der Beschleunigung | Teil 2: Gibt es Gegenkräfte? | Teil 3: Totalitäre Beschleunigungsstrukturen | Teil 4: Zeit ist nicht Geld | Teil 5: Was tun? Was denken?

Für Rosa ist die Beschleunigung ein Schlüsselfaktor zum Verständnis der Machtstrukturen der Gesellschaft. Sie weist Merkmale einer totalitären Herrschaft auf, allerdings nicht im Sinn der Herrschaft einer Klasse oder Gruppe, sondern als allgemeines Prinzip, das die ganze Gesellschaft durchdringt und dem sich niemand entziehen kann. In totalitären Systemen alter Art gibt es fast immer auch Lebenssphären, die vom Regime nicht kontrolliert werden; die Beschleunigung dagegen durchdringt die ganze Gesellschaft. Dabei erscheint sie gerade nicht als sozial konstruiertes Zwangsregime, sondern als quasi „natürlich“.

Die Zeit ist nämlich – bisher jedenfalls – eine jenseits der Politik verortete Größe,

  • obwohl die atemberaubende Geschwindigkeit sozialer Interaktion die Fähigkeit der Gesellschaft zur Selbstreproduktion untergräbt,
  • obwohl sie den Spielraum für die langwierigen Prozesse demokratischer Willensbildung immer mehr verkürzt und
  • obwohl sie Menschen permanent unter Druck setzt, weil keine soziale Position mehr als sicher gelten kann.

Im Gegenteil: die neoliberale Politik hat gerade die Instrumente politischer Gestaltung, die die Beschleunigung steuern könnten (z. B. durch Regulierung der immer schnelleren Finanzströme) reduziert, privatisiert oder abgeschafft.

Weil die Beschleunigung ungefragt akzeptiert und nicht als Druck realisiert wird, erleben sich die Menschen als so frei von sozialen, religiösen oder kulturellen Normen wie in keiner anderen Gesellschaft zuvor. Paradoxerweise fühlen sie sich aber um so stärker beherrscht von stetig zunehmenden Sachzwängen. Eine „Rhetorik des Müssens“ durchdringt und reguliert die Alltagspraktiken: wir „müssen“ ein Projekt zu Ende bringen, etwas für die Fitness tun, informationell auf dem Laufenden sein, die Steuererklärung abgeben, und schließlich müssen wir auch noch etwas unternehmen, um mehr zur Ruhe zu kommen. Menschen fühlen sich am Ende nicht wegen Verstößen gegen göttliche Anordnungen schuldig fühlen, sondern aufgrund des überquellenden Mail-Postfachs, wegen nicht abgearbeiteter ToDo-Listen, oder weil sie Arbeit und Familie nicht mehr unter einen Hut bekommen (inzwischen das Problem der KommissarInnen gefühlt in mindestens jedem zweiten Tatort). Die dazu führenden Normen funktionieren als verdeckte, stumme Kraft; sie sorgen rigide für soziale Regulation und machen es der Gesellschaft dennoch möglich, sich als frei und ethisch nur minimal restriktiv wahrzunehmen.

Ursprünglich sollte die moderne Dynamisierung des Lebens es Menschen erlauben, autunom und unabhängig von gesellschaftlichen Konventionen ihren individuellen Platz im Leben einzunehmen. Der Kapitalismus versprach, dass seine Leistungsfähigkeit am Ende allen die Freiheit geben würde, ihre Lebenspläne und Träume zu verwirklichen. Dieses Versprechen hat seine Glaubwürdigkeit verloren, weil die Beschleunigung des Lebens nun gerade Autonomie verhindert: individuell wie gesellschaftlich wird die Konkurrenzfähigkeit zum Hauptziel persönlicher wie politischer Gestaltung. Das Ziel der Selbstbestimmung wird von den strukturellen Bedingungen systematisch unterlaufen.

An dieser Stelle führt Rosa die Kategorie der Entfremdung ein, weil Menschen durch die Wettbewerbs- und Beschleunigungsgesellschaft von ihren ursprünglichen Zielen abgebracht werden, sich gezwungen fühlen, Dinge zu tun, die sie „eigentich“ nicht tun wollen, und dann in der Regel ihre „eigentlichen“ Absichten vergessen. Menschen werden entfremdet

  • vom Raum (wegen häufiger Ortswechsel im Dienst der Flexibilität eignet man sich Orte nicht mehr wirklich an),
  • von den Dingen (man beherrscht das neue Smartphone nicht mehr, weil es nach kurzer Zeit sowieso durch ein neues Modell ersetzt wird; Windows XP hat man noch verstanden, Windows Vista nicht mehr. Die Dinge werden immer smarter, die Menschen kommen nicht mehr mit),
  • von ihren eigenen Handlungen (weil die Entscheidungen so komplex sind, dass niemand sich gut genug informiert fühlt; weil Menschen dauernd Dinge tun müssen, die sie von ihren Kernaufgaben abhalten – Mails, Verwaltung und Mittelbeschaffung statt Arbeit mit Menschen oder an kreativen Projekten); Menschen verlieren das Gespür für das ihnen Wichtige oder Authentische, weil sie mit dem Abarbeiten von ToDo-Listen und deren Kompensation durch „instant-gratification“-Aktivitäten (wie Shoppen, TV oder Computerspielen) beschäftigt sind.
  • von der Zeit: eigentlich vergeht Zeit schnell, wenn man intensive Erfahrungen macht, an die man sich lange erinnert. Wenn Zeit langsam vergeht (weil sie mit Warten und anderen langweiligen Aktivitäten verbracht wird), vergessen wir sie auch schnell. In den digitalen Medien hat sich ein neues Muster herausgebildet: wir erleben intensiv, die Zeit vergeht schnell, aber wir vergessen diese leeren Erlebnisse auch schnell wieder. Wir integrieren sie nicht mit unserem Leben. Sie bleiben Erlebnisse und werden nicht zu Erfahrungen. Das Leben ist erlebnisreich, aber erfahrungsarm.
  • von anderen: wir kennen durch soziale Medien und technische Hilfsmittel viele Menschen, zu denen wir aber keine richtigen Beziehungen mehr entwickeln. Es reicht zu professioneller Zusammenarbeit, aber nicht für eine gemeinsame Geschichte. Da unsere Identität aber mit solchen Geschichten gebaut wird, entfemden wir uns auch von uns selbst.

Durch all diese Facetten von Entfremdung zieht sich das Muster, dass das beschleunigte Leben unsere Fähigkeit zerstört, uns etwas „anzuverwandeln“. Die Ratlosigkeit über das, was uns tatsächlich wichtig ist, führt zu einer Unsicherheit darüber, wer wir sind. Weltentfremdung und Selbstentfremdung sind zwei Seiten einer Medaille. Die „Resonanzachsen“ zwischen Selbst und Welt verstummen. Religion und Kunst (vor allem Musik) haben in früheren Zeiten versucht, diese Verbindung zu sichern. Die Wiederkehr religiöser Formen ebenso wie die „Musikalisierung“ der Welt (überall dudelt Hintergrundmusik, Menschen schaffen sich per Kopfhörer ihre eigene musikalische Umgebung) könnten darauf hindeuten, dass es in der Spätmoderne ein Resonanzdesaster gibt.

Soweit die Diagnosen von Rosa. Was sagt uns das, und wie sollen wir auf diese Beschreibung antworten? Dazu werde ich im vierten und letzten Post etwas schreiben. Dabei wird natürlich „Religion“ deutlich wichtiger werden als bei Rosa, der sie aus freundlicher Distanz beobachtet.

| Teil 1: Motoren der Beschleunigung | Teil 2: Gibt es Gegenkräfte? | Teil 3: Totalitäre Beschleunigungsstrukturen | Teil 4: Zeit ist nicht Geld | Teil 5: Was tun? Was denken?
Aug 222018
 

Zu Hartmut Rosas Buch „Beschleunigung und Entfremdung“ (Teil 2)

| Teil 1: Motoren der Beschleunigung | Teil 2: Gibt es Gegenkräfte? | Teil 3: Totalitäre Beschleunigungsstrukturen | Teil 4: Zeit ist nicht Geld | Teil 5: Was tun? Was denken?

Wenn die Beschleunigung im Herzen der modernen Gesellschaft selbst angesiedelt ist, dann stellt sich natürlich die Frage, ob es wirksame Gegenkräfte der Entschleunigung gibt. Und tatsächlich beschreibt Rosa 5 entschleunigende Faktoren, die jedoch (um es gleich vorwegzunehmen) nicht gegen die beschleunigende Dynamik des Wettbewerbs ankommen.

  • Natürliche Geschwindigkeitsgrenzen: Als Beispiele führt Rosa etwa die Dauer einer Schwangerschaft oder einer Erkältung an. Es ist bis jetzt noch nicht gelungen, diese und andere Prozesse wirksam zu beschleunigen. Aber in vielen anderen Fällen hat die Moderne tatsächlich scheinbar „natürliche“ Geschwindigkeitsbegrenzungen auf spektakuläre Weise überwunden.
  • Entschleunigungsoasen: In manchen Nischen scheint tatsächlich „die Zeit stehengeblieben“ zu sein; manche Konsumgüter besetzen solche Nischen mit dem Hinweis, dass sie auf traditionelle Art mit Zeit zum Reifen hergestellt seien. Aber die meisten dieser Entschleunigungsoasen geraten in der Spätmoderne verstärkt unter Beschleunigungsdruck und müssten ggf. bewusst geschützt werden.
  • Entschleunigung als Dysfunktionalität: Als Nebenfolge der Beschleunigung entstehen an manchen Orten dysfunktionale Verlangsamungen, wie etwa Staus, aber auch Depressionen.
  • Beabsichtigte Entschleunigung: Bei dieser Art von Entschleunigung kann es sich um systemimmanente Auszeiten ( … Manager im Kloster, Yogastunden … ) handeln, die Menschen fit machen sollen für die nächste Runde im Hamsterrad; möglich ist aber auch eine funktionale Entschleunigung, die davon ausgeht, dass ein stabiler Rahmen die Voraussetzung für jede Weiterentwicklung ist. Um die Zukunft der Gesellschaft nicht zu untergraben, muss dieser stabile Rahmen vor weiterer Dynamisierung geschützt werden. Ein Beispiel für eine solche gezielte Entschleunigung wäre z.B. die Kontrolle der Kapitalflüsse durch Regeln oder eine Tobinsteuer. Es ist aber auch bezeichnend, dass es bis jetzt nicht gelungen ist, solche Regeln durchzusetzen.
  • Erstarrung als Rückseite der Beschleunigung: Die Beschleunigung könnte die utopische Energie der Gesellschaft aufzehren und so das ganze System in eine rasende Orientierungslosigkeit versetzen. Wenn sich die Entwicklung nicht mehr in ein sinnvolles Narrativ („Fortschritt“) kleiden lässt, kann sich das wie das Ende der Geschichte anfühlen.

Unter der Voraussetzung, dass sich in diesen fünf Kategorien alle relevanten entschleunigenden Faktoren finde, scheint es tatsächlich in modernen Gesellschaften zu einem massiven Ungleichgewicht zwischen Be- und Entschleunigung zu kommen. Denn keiner dieser fünf entschleunigenden Faktoren ist eine echte Gegenkraft.

Welche Folgen das laut Rosa für unser Selbst- und Weltverhältnis hat, darüber im nächsten Post.

| Teil 1: Motoren der Beschleunigung | Teil 2: Gibt es Gegenkräfte? | Teil 3: Totalitäre Beschleunigungsstrukturen | Teil 4: Zeit ist nicht Geld | Teil 5: Was tun? Was denken?
Aug 202018
 

Zu Hartmut Rosas Buch „Beschleunigung und Entfremdung“ (Teil 1)

| Teil 1: Motoren der Beschleunigung | Teil 2: Gibt es Gegenkräfte? | Teil 3: Totalitäre Beschleunigungsstrukturen | Teil 4: Zeit ist nicht Geld | Teil 5: Was tun? Was denken?

Über Zeit und persönliche Zeitökonomie denke ich nach, seit ich beruflich arbeite. Einer meiner ersten Aha-Erlebnisse im Pfarramt war: es gibt jede Menge guter Möglichkeiten – nicht die Ideen sind der begrenzende Faktor, sondern die (fehlende) Zeit, um sie umzusetzen. Aber warum ist das so, welche Mechanismen stecken hinter der allgegenwärtigen Zeitknappheit, die ja wahrlich nicht nur ich empfinde?

Soziologische Zeitforschung

In diesem Urlaub habe ich mit großer Begeisterung „Beschleunigung und Entfremdung“ von Hartmut Rosa gelesen. Rosa schreibt sonst wesentlich dickere Bücher als dieses Bändchen von knapp 150 Seiten. Und das Thema Zeit und Beschleunigung beschäftigt ihn schon lange. Vermutlich ist dies Buch so etwas wie die Quintessenz seiner Arbeit zum Thema. Und tatsächlich folgt bei ihm eine hilfreiche Einsicht auf die andere.

Zunächst geht er der Frage nach: ist der Eindruck überhaupt zutreffend, dass die Welt sich im Großen und im Kleinen immer mehr beschleunigt? Und ist das überall gleichermaßen der Fall? Rosa unterscheidet zwischen technischer Beschleunigung (… vom Reiter zum Jet …), Beschleunigung des sozialen Wandels (… früher ein Leben lang bei einer Firma, heute noch nicht ml ein Leben lang denselben Beruf …) und Beschleunigung des Lebenstempos (… immer mehr in immer weniger Zeit erledigen …). Wie schon oft bemerkt, müsste die technische Beschleunigung eigentlich zu einer Zunahme der Zeitressourcen führen. Tut sie aber nicht. Warum? Weil die Wachstumsrate dessen, was wir tun, die Zeitersparnis durch technischen Beschleunigung mehr als auffrisst (… die Waschmaschine erspart mit dem wöchentlichen Waschtag jede Menge Arbeit, dafür wechseln wir die Wäsche nun viel häufiger …).

Der Beschleunigungs-Kreislauf und seine Motoren

Rosa beschreibt einen Kreislauf dieser drei Arten von Beschleunigung: die Beschleunigung des Lebenstempos lässt uns nach technischen Hilfsmitteln Ausschau halten, die Zeit ersparen. Diese technische Beschleunigung führt zu einer Beschleunigung des sozialen Wandels (Paradebeispiel: gesellschaftliche Verschiebungen durch Computer/Internet), und wer mit diesem beschleunigten Tempo mithalten will, muss dazu wiederum sein Lebenstempo erhöhen. Dieser Zirkel ist ein geschlossenes, sich selbst beschleunigendes System.

Dabei kann keine der drei Beschleunigungsarten als Ursache identifiziert werden. Eine bedingt die andere. Die eigentlichen Motoren für die soziale Beschleunigung sitzen woanders. Es ist vor allem der Wettbewerbsdruck des kapitalistischen Marktsystems, der die Beschleunigung befeuert: Wer sich eine Pause gönnt, oder wer es versäumt, die neuesten Errungenschaften der technischen Entwicklung zu implementieren, der fällt zurück. Beschleunigung führt zu Wettbewerbsvorteilen. Da aber alle beschleunigen, hält man im Durchschnitt seine Position. Ist man etwas besser (=schneller) als der Durchschnitt, dann zieht man an anderen vorbei, ist man zu langsam, dann fällt man zurück.

Prägendes Wettbewerbs-Paradigma

Diese Logik des Wettbewerbs ist inzwischen aber nicht mehr auf die Wirtschaft beschränkt, sondern frisst sich gerade in alle Bereiche der Gesellschaft hinein. Es gibt einen Konkurrenzkampf um Bildungsabschlüsse und Jobs, um Güter des demonstrativen Konsums (Autos, Urlaubsfotos auf Facebook, …), Erfolg der Kinder, Attraktivität (eigene und des Partners), gelesene Bücher, gesehene Filme usw. Wettbewerb wird zum vorherrschenden Prinzip der Allokation von Ressourcen in allen Bereichen des sozialen Lebens. Auch Kunst und Religion sind davon nicht mehr ausgenommen.

Flankiert wird der Wettbewerb von der modernen weltanschaulichen Entscheidung, dem Leben vor dem Tod die entscheidende Bedeutung zuzuschreiben. Damit wird das Leben zur letzten Gelegenheit, die man dann auch möglichst intensiv nutzen, d.h. mit möglichst vielen Qualitätserfahrungen füllen möchte. Beschleunigung ist ein Mittel dazu und wird so zu einem Äquivalent für die Verheißung des ewigen Lebens. Es ist allerdings ein eher dürftiger Ersatz, denn das Verhältnis zwischen den realisierten und den verpassten möglichen Optionen unseres Lebens wird am Ende des Tages durch die Beschleunigung eher schlechter sein.

In jedem Fall wird durch die Ausbreitung des Wettbewerbs-Paradigmas die ganze Gesellschaft zur Beschleunigungsgesellschaft, weil alle sich dauernd in vielen Lebensbereichen auf einem „rutschenden Hang“ vorfinden, wo Stillstand zu Rückschritt wird. Gibt es aber Gegenkräfte der Entschleunigung? Dazu mehr im nächsten Post.

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Apr 242018
 
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Seit 2014 habe ich mich intensiv mit der Offenbarung des Johannes beschäftigt, habe über diese Schrift nachgedacht und über sie gepredigt. Nicht über ausgewählte Häppchen, sondern über den ganzen Text. Und im Lauf der Zeit wuchs in mir die Überzeugung, dass dies in mehrfacher Hinsicht ein Schlüsseltext ist.

Warum?

Zunächst einmal ist das Buch der Abschluss der ganzen christlichen Bibel. Und wenn wir die Bibel als Gesamtheit ernst nehmen, dann sind Anfang und Ende Positionen, die noch einmal ein besonderes Gewicht haben. Für die Schöpfungsgeschichte würden wir das ja auch sofort zugeben. Es ist erstaunlich, wie viele im Vergleich dazu mit der Offenbarung fremdeln.

Damit es nicht bei diesem eher formalen Argument bleibt: In der Offenbarung geht es noch betonter als in vielen anderen Teilen der Schrift um die Gegenwart. Die Offenbarung ist ein Ausblick auch in die nachbiblische Zeit. Die Praxis der Gemeinden in der Zeit nach Jesus ist ausdrücklich das Thema. Deshalb stehen in den Kapiteln 2 und 3 die sieben Sendschreiben an sieben kleinasiatische Gemeinden, die letztlich für die Kirche insgesamt stehen. Die Offenbarung stellt – das ist ihr spezielles Anliegen – die Praxis dieser Gemeinden in einen globalen Horizont. Sie beschreibt die Rahmenbedingungen, unter denen seither christliche Gemeinden leben und arbeiten.

Welche sind das?

Die Offenbarung beschreibt eine Welt, die von dramatischen Erschütterungen und zerstörerischen Konflikten gezeichnet ist. Das war auch der Grund, weshalb ich mich auf den Weg durch dieses Buch gemacht habe: ich wolte den Hintergrund der Konflikte verstehen, die uns – gefühlt vielleicht seit Beginn des neuen Jahrtausends – immer heftiger auf den Leib rücken. Wichtige, aber nicht einzige Wegmarken waren für mich dabei die Finanzkrise von 2008 und der arabische Frühling 2011 mit all seinen Folgen, einschließlich des schrecklichen syrischen Bürgerkrieges. Und natürlich das Aufkommen eines neuen Autoritarismus weltweit und auch in unserem Land.

Als ich Anfang 2014 begann, mich in die Offenbarung einzuarbeiten, erlebten wir gerade aus der noch halbwegs sicheren Ferne die Euromaidan-Proteste in der Ukraine mit. Als ich knapp drei Jahre später im Neuen Jerusalem angekommen war, wurde Donald Trump zum amerikanischen Präsidenten gewählt. Und jedes Mal (wie auch immer wieder zwischendurch) dachte ich: Es ist wirklich an der Zeit, noch einmal ganz neu auf die Offenbarung zu achten.

Für die Offenbarung spricht, dass sie solche Konflikte nicht als Unfälle in einer ansonsten stabilen Welt ansieht, sondern als charakteristisches Merkmal der Welt, in der die christlichen Gemeinschaften leben und oft genug auch zu kämpfen haben. Zu oft haben wir gehört, dass Jesus Frieden bringt. Ich verstehe, was damit gemeint ist. Aber ich glaube, dass wir heute vor allem verstehen müssen, warum er von sich gesagt hat, er sei „gekommen, um ein Feuer auf Erden anzuzünden“ und ungeduldig darauf gewartet hat, dass es endlich zu brennen anfängt (Lukas 12,49ff). Von dieser Art von Konflikten, die Jesus provoziert (und selbst durchlitten) hat, redet die Offenbarung.

Sie bleibt aber nicht bei der Geschichte Jesu von Nazareth stehen, der zu Beginn des 1. Jahrhunderts mit seinen Anhängern durch Galiläa und Judäa zog, die Herrschenden herausforderte und in diesem Konflikt starb. Sie schreibt diese Geschichte fort in eine weltweite Zukunft hinein. Diese Zukunft ist unsere Situation – bis heute. Das Thema der Offenbarung ist die weltweite Ausbreitung des fundamentalen Konflikts, der spätestens bei Jesu Kreuzigung unübersehbar geworden ist. Es ist der Konflikt zwischen dem Gott der Liebe, der in Jesus kommt, um seine Schöpfung zu befreien, und den Mächten des Todes, die unsere Welt beherrschen, aussaugen und – wenn man sie lässt – am Ende zerstören werden.

In diesem Konflikt spielen die christlichen Gruppen eine Schlüsselrolle. Deshalb die Sendschreiben am Anfang der Offenbarung. Sie richten sich an sehr überschaubare Gruppen, die in einer religionssoziologischen Studie über das Kleinasien des 1. Jahrhunderts gar nicht auftauchen würden, weil sie zu klein waren. An eine gesellschaftsprägende Wirkung war überhaupt nicht zu denken. Die waren wahrscheinlich schon froh, wenn sie als Gemeinschaft überlebten.

Trotzdem verortet die Offenbarung sie im Zentrum des Konflikts. Ihre Standhaftigkeit und ihre Fähigkeit, die Differenz zu ihrer Umgebung aufrechtzuerhalten, sich nicht an die imperiale Ideologie zu verkaufen, ist von höchster Bedeutung.

Warum das so ist, und warum Johannes diese merkwürdigen Bilder benutzt, darüber folgt in Kürze mehr. Wer möchte, kann ab heute aber auch mein Buch über die Offenbarung des Johannes lesen.

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Okt 062015
 

Miroslav Volf: Öffentlich glauben in einer pluralistischen Gesellschaft

Seit kurzer Zeit kann man das 2011 erschienene Buch „A Public Faith“ von Miroslav Volf in der deutschen Überstzung von Peter Aschoff lesen: „Öffentlich glauben in einer pluralistischen Gesellschaft“. Gerade noch zur richtigen Zeit, könnte man sagen: als Landesbischof und EKD-Ratsvorsitzender Bedford-Strohm für das Vorwort den Satz schrieb

„Unsere Vorstellung menschlichen Gedeihens wieder viel kraftvoller und authentischer in die Gesellschaft einzubringen, könnte der Keim für eine Erneuerung der Ausstrahlungskraft der Kirchen in zunehmend säkular werdenden Gesellschaften sein“,

ahnte wohl noch keiner, welche Herausforderungen in diesem Sommer mit den Flüchtlingen auf uns zukommen würde.

Aber das ist das Anliegen Volfs: die langlebigen alternativen Visionen menschlichen Gedeihens, die in den großen Religionen, insbesondere dem Christentum, enthalten sind, für die Gegenwart fruchtbar zu machen. Er ist dabei im Gespräch mit sehr unterschiedlichen Partnern, die dieses Anliegen kritisch sehen, es bis zur Unkenntlichkeit verzerren oder es mehr oder weniger wirkungsvoll behindern. Man kann diese Gesprächspartner in drei Gruppen sortieren:

Säkularismus

Der moderne Säkularismus möchte religiöse Standpunkte aus dem öffentlichen Diskurs von vornherein ausschließen. In seinen Augen trägt die Ausklammerung von Religion aus dem öffentlichen Diskurs zur Vermeidung von zerstörerischen Konflikten bei. Diese den europäischen Religionskriegen des 16. und 17. Jahrhunderts geschuldete Sicht stößt aber zunehmend an ihre Grenzen, wenn weltweit Angehörige unterschiedlicher Religionen darauf bestehen, auch in Öffentlichkeit und Arbeit ihren Glauben nicht auszuklammern. Dabei entpuppt sich der Säkularismus lediglich als eine weitere Perspektive auf die Welt, die nur vorgibt, eine Position jenseits weltanschaulicher Streitigkeiten einzunehmen, in Wahrheit aber selbst ein Mitspieler ist. Und spätestens seit Hitler, Stalin und Mao hat auch er eine bemerkenswerte Kriminalgeschichte vorzuweisen.

So lebt der Säkularismus vor allem von der Abgrenzung gegenüber den „Fehlfunktionen des Glaubens“, wie Volf sie nennt. Fehlfunktionen des Glaubens entstehen immer dann, wenn religiöse Menschen sich nicht auf einen tiefen, „dicken“ Glauben einlassen, der die Lebensweise prägt und den Verstand beansprucht. Die Fehlfunktionen des Glaubens entstehen in der Regel nicht durch zuviel, sondern durch zu wenig Glauben, durch einen flachen, „dünnen“ Glauben, der nur eine dünne Oberfläche auf einem Leben darstellt, das im Übrigen von ganz anderen Motiven bewegt wird. Damit kommen wir zum zweiten Gesprächspartner:

Dünner Glaube

Volfs Kernthese gegenüber der liberalen Unterstellung ist dabei, dass Menschen nicht durch einen tiefen, „dicken“ Glauben religiös unduldsam werden, sondern gerade dann, wenn sie sich nicht auf eine intensive Beschäftigung mit ihrer Religion einlassen. „Fanatisch“, wie das in bürgerlicher Lesart heißt, wird man am leichtesten dann, wenn man oberflächliche religiöse Versatzstücke in eine ansonsten anders motivierte Persönlichkeitsstruktur einbaut.

Volf konnte beim Schreiben des Buches noch nicht den „Islamischen Staat“ und seine Jünger vor Augen haben, die oft nach einer nur sehr kurzen und eher „dünnen“ Beschäftigung mit dem Islam zur mörderischen Tat schreiten. Um so mehr bestätigen sie Volfs These.

Fehlgeleitete Zwillinge: Übergriffigkeit und Untätigkeit

Der dünne Glaube kommt in zwei Spielarten daher: als Übergriffigkeit (Volf setzt sich dazu exemplarisch mit dem islamistischen Denker Sayyid Qutb auseinander, der aber – wie Volf betont – keineswegs repräsentativ für den heutigen Islam ist) und als Untätigkeit. Untätiger Glaube benutzt Religion als Ressource für eine Lebensweise, die von anderen Faktoren motiviert wird: er ist dann nur Antrieb und Reparatur, gibt aber weder Orientierung noch Leitung und lässt Menschen mit einem Gefühl des Unerfülltseins zurück.

Schlimmer noch ist, dass untätiger Glaube den Weg für den übergriffigen Glauben bereitet (und umgekehrt). Beide rechtfertigen sich durch den Verweis auf den jeweils anderen und entpuppen sich so als zusammengehörig.

Wohltuend ist in diesem Zusammenhang Volfs unaufgeregte Einordnung der Fehlfunktionen des Glaubens in die theologische Struktur des christlichen (bzw. „prophetischen“) Glaubens. Fern von allen alarmistischen Debatten und erregten Scheinalternativen beschreibt er quast eine theologische Landkarte und markiert auf ihr gelassen die möglichen Sackgassen und Engpässe. Es ist ihm gelungen, dazu in Auseinandersetzung mit vielen unterschiedlichen Positionen eine überraschend einfache Struktur zu entwickeln, die auch ohne theologisches Studium zugänglich sein dürfte. Allein schon diese erhellende Einordnung der Fehlfunktionen des Glaubens lohnt die Lektüre.

Diese Bearbeitung der Fehlfunktionen des Glaubens ist aber eher eine ausführliche Vorbereitung, die den Weg freimachen soll, um zur eigentlich aktuellen Aufgabe vorzustoßen. Denn das eigentliche Gegenüber, mit dem Volf sich immer wieder auseinandersetzt (und in diese Auseinandersetzung lädt er auch andere Religionen ein), ist

Befriedigung als zentrales Lebensziel

Im Herzen der erhofften Zukunft, die vom Gott der Liebe kommt, steht das Gedeihen von Menschen und Gemeinschaften, letztlich des ganzen Planeten. Demgegenüber hat sich im (post)modernen Westen der Erwartungshorizont auf die „spießige Hoffnung“ persönlicher Befriedigung verengt. Das gute Leben wird nur noch durch die befriedigenden Erfahrungen des Einzelnen definiert. Das geschah in mehreren Schritten:

  • zunächst wurde der Bezug menschlichen Lebens auf Gott abgeschüttelt;
  • es blieb noch der Gedanke einer universalen Solidarität zurück,
  • der aber im späten 20. Jahrhundert ebenfalls verschwand, so dass
  • am Ende nur die Sorge um sich selbst und der Wunsch, Befriedigung zu erleben, übrig blieben. Damit reduziert sich Hoffnung auf das Maß der Selbstverhätschelung.

Damit ist nur noch eine ziemlich armselige Vorstellung von erfülltem Leben übrig geblieben. Sie ist schon in sich selbst so widersprüchlich, dass sie nicht zur Erfüllung führt; außerdem ist sie (im Gegensatz zu so ziemlich allen anderen Denkansätzen) nicht in einer umfassenden Vorstellung von der Struktur der Welt verankert und führt so zu einem wirklichkeitswidrigen Leben.

Der Beitrag der Christen

Es ist deshalb entscheidend wichtig, dass Christen (und auch die Angehörigen anderer Religionen) ihre Vorstellungen von gutem Leben und menschlichem Gedeihen in die gesellschaftliche Diskussion einbringen. Inhaltlich orientiert sich Volf dabei zentral am Doppelgebot der Liebe, das auch mit den besten Traditionen der anderen Religionen kompatibel ist: Gott und den Nächsten zu lieben muss als Schlüssel zum menschlichen Gedeihen für alle Lebensbereiche durchdacht und ins Zentrum gerückt werden.

Dies – so kann man Volf verstehen – ist der zentrale Beitrag der Christen zur gesellschaftlichen Diskussion; dazu will Volf die Christen motivieren und die anderen großen Religionen als Bündnispartner gewinnen. Sie müssen sich ihres Beitrages nicht schämen, sondern können dem (post)modernen Hedonismus gegenübertreten im Bewusstsein, dass sie ein reicheres und zutreffenderes Bild der Wirklichkeit einzubringen haben.

Wie das gelingen kann und was nach Volf dabei zu bedenken ist, darüber schreibe ich im zweiten Teil dieses Posts.

Sep 192013
 

ntwright-psalmesN.T. Wright, der englische Neutestamentler und ehemalige anglikanische Bischof, hat kürzlich ein Buch über die Psalmen veröffentlicht  („The Case for the Psalms. Why they are essential“), in dem er etwas Wesentliches über seinen eigenen Hintergrund verrät: seit langer Zeit liest er täglich fünf Psalmen, also einmal im Monat den ganzen Psalter. Immer mal wieder spürt man in diesem Buch auch den Hintergrund der anglikanischen Tradition des liturgischen Psalmgesangs. Wright hält die Psalmen für unentbehrliche Quellen christlicher Anbetung – sie sind wie ein „tiefer, schnell fließender Fluss, der Tag für Tag und Stunde für Stunde die Stufen der Kirche reinigt“. Gottesdienstmusik und -Texte werden oberflächlich, wenn sie diese Quellen ignorieren oder nur als Steinbruch nutzen.

Warum sie unentbehrlich sind

Wright beschreibt zunächst, dass Israel in der Antike in seiner Weltsicht Psalmen-geprägt war; und das gilt ganz eindeutig auch für Jesus. Wer hinschaut, entdeckt im Neuen Testament jede Menge psalmgeprägter Argumentationen. Solche direkten oder indirekten Zitate sind nicht als legitimierende „Beweisstellen“ zu verstehen, sondern als Ausdruck des Argumentationsrahmens, in dem sich auch das Neue Testament bewegt. Die Psalmen, die Israel durch die Jahrhunderte begleiteten, stellen eine Weltsicht eigener Art zur Verfügung und üben in sie ein: weder ist die Welt in sich göttlich (Pantheismus), noch haben uninteressierte Götter den Kosmos sich selbst überlassen (Epikuräismus/Deismus), sondern der Gott Israels hat die Welt erschaffen und bleibt auch weiter in Beziehung mit ihr, um sie schlussendlich zu der Herrlichkeit zu erneuern, die von Anfang an seine Absicht war.

Diese Weltsicht legen die Psalmen aber nicht als theologischen Traktat dar, sondern üben durch regelmäßigen Gebrauch in sie ein. Indem sie Poesie sind (und im Regelfall gesungene Poesie), haben sie das Potential, Menschen nicht nur zu belehren, sondern zu transformieren.

Zeit, Raum, Materie

Wright beschreibt diese spezielle Weltsicht der Psalmen als ein Dazwischenstehen: als eine Position an der Grenze von Vergangenheit und Zukunft; an dem Ort, wo Himmel und Erde sich übereinander schieben; und wo die neue Schöpfung in die alte einbricht. Die enorme Spannweite der Psalmen (von untröstlicher Klage bis zum felsenfesten Vertrauen) erklärt sich aus ihrem Ort inmitten dieser Widersprüche. So beschreiben sie das Geheimnis der Welt besser als alle Versuche, die Welt auf (hoffnungsvolle oder depressive) Eindeutigkeiten zu reduzieren. Sie helfen, sich in der realen Welt zu orientieren, die hin und her gerissen ist zwischen ihrem göttlichen Ursprung, ihrer (Selbst)Zerstörung und der Verheißung ihres künftigen Erneuerung. Als Leitfaden dienen Wright dabei die Stichworte Zeit, Raum und Materie:

  • Die Psalmen stellen den Beter dahin, wo Damals, Einmal und Jetzt sich überschneiden. Deswegen stehen Siegespsalmen und Klagepsalmen direkt nebeneinander (die Reihenfolge der Psalmen ist lt. Wright keine zufällige – deswegen solte man den Psalter im Zusammenhang lesen). Und so lernt die Beterin, die Schrecken der Gegenwart im Licht der großen Taten Gottes in der Vergangenheit zu sehen und unter der Verheißung der neuen Schöpfung. Dieser Schnittpunkt von unserer Zeit und Gottes Zeit ist ein Ort intensiven Schmerzes und intensiver Freude, und vielleicht können nur Musik und Poesie das angemessen ausdrücken.
  • Die Psalmen wissen, dass Gott sich einen Ort gesucht hat, von dem aus er die Welt regieren will: Zion, Jerusalem, den Tempel. Gott bleibt nicht im Ungefähr, sondern sucht sich einen konkreten Ort. Für neuzeitliches bürgerliches Denken ist das ein Unding. Diese Bindung ist aber ein Zeichen, dass es Gott nicht darum geht, seine Leute aus der Welt herauszuholen. Stattdessen will er die Welt von innen heraus erneuern und dann endgültig dort wohnen. Deshalb ist der Tempel als symbolisches Abbild der Welt gestaltet. So wie Gott in diesem Abbild wohnt, so will er schließlich die ganze Schöpfung mit seiner Herrlichkeit erfüllen.
    Innerhalb der Psalmen ist aber eine Entwicklung erkennbar, in der die Tempeltheologie übertragen wird auf die Gegenwart Gottes unter seinen die Tora studierenden Leuten überall auf der Welt. Damit war eine Basis vorbereitet, von der aus die Christen von Gottes Gegenwart in Jesus und durch den Heiligen Geist in seinem Volk sprechen konnten.
  • Die Psalmen preisen die materielle, physische Welt als gute Schöpfung Gottes und treten so einer platonisierenden Weltverachtung entgegen. Sie sehen, dass die materielle Schöpfung das Lob Gottes singt und verbinden den menschlichen Gottesdienst mit diesem Lobpreis. Sie erwarten, dass auch die Materie transformiert wird, wenn Gott die Welt mit seiner Herrlichkeit flutet. Und das wird dann dazu führen, dass einerseits die Schöpfung zur vollen Lebendigkeit erwacht und andererseits die menschliche Gesellschaft von Gerechtigkeit und Fülle geprägt ist. Die Materie ist nicht ein vorübergehendes Ornament der Schöpfung, sondern dazu bestimmt, von Gottes Herrlichkeit erfüllt zu werden. So stellen uns die Psalmen auch hier wieder in die Hoffnung auf die in Herrlichkeit erneuerte Schöpfung (wie Paulus sie in Römer 8 beschreibt) und leiten uns an, jetzt schon im Licht dieser kommenden Welt zu leben und so (fern jeder Weltflucht) die ganze Schöpfung zum Lobpreis Gottes zu rufen.
    Die Konsequenz dieser Treue Gottes zu seiner Schöpfung ist Auferstehung. Und tatsächlich fassen einige Psalmen die ins Auge.

Wenn Menschen in den Psalmen leben, werden sie transformiert, weil diese Weltsicht allmählich zu ihrer zweiten Natur wird. Und weil Leib und Seele nicht voneinander zu trennen sind, ist das auch eine Transformation unseres materiellen Körpers. Sie zeigt sich in „holiness, wisdom, gentleness and firmness of the heart“ und weist voraus auf die Erneuerung der ganzen Schöpfung, zu der auch die Verwandlung unserer Körper in die Gestalt Jesu gehört. Und die Psalmen weisen auf diese Transformation nicht nur hin, sondern sind auch ein Mittel dazu.

 Konsequenzen für die Kirchen

Wright hat dieses Buch offensichtlich geschrieben, weil er die überall aufbrechenden Erneuerungsbewegungen davor bewahren möchte, sich ohne diesen Rückhalt des Psalters auf den Weg zu machen. Seine Hoffnung ist, dass  die musikalische Kreativität dieser Erneuerungsbewegungen und die Psalmen zusammenfinden. So werden Menschen erleben, dass der Heilige Geist die vertrauten Worte der Psalmen nimmt und sie dadurch je und je zu aktuellen Einsichten finden lässt. In einem persönlichen Schlusskapitel beschreibt Wright deshalb den kontnuierlichen Einfluss der Psalmen auf sein Leben.

Ich selbst, der ich in musikalischer Hinsicht eher abschreckende Beispiele von Psalmgesang in Erinnerung habe, freue mich darauf, in einem Workshop des Emergent Forums 2013 (29.11.-1.12.2013 in Berlin) vielleicht auch mit einigen meiner Leser darüber nachzudenken, wie wir in Deutschland zu einer neuen und hilfreichen, auch musikalischen Begegnung mit den Psalmen kommen können.

Hinweis:
Hier findet sich ein Auszug aus dem Buch, und
hier ein Interview mit N.T. Wright zum Buch (empfehle ich zur ergänzenden Lektüre).

Nov 022012
 
einfach emergent Band 1

Der erste Band der neuen Reihe „einfach emergent“ ist in diesen Tagen erschienen und bietet einen ausgewogenen Zugang zur emergenten Bewegung. Er verzichtet auf dramatische Parolen oder Zuspitzungen und beschreibt stattdessen aus der Kenntnis von Beteiligten, weshalb sich in der ganzen Welt Christen aufgemacht haben, um das Christentum neu zu entdecken:

Tobias Künkler, Tobias Faix, Arne Bachmann:
Emerging Curch verstehen. Eine Einladung zum Dialog (Verlag der Francke-Buchhandlung)

Nach einer Einführung, die am Anfang einigen gern verbreiteten Verkürzungen vorbeugen soll, benennen die Autoren als Ausgangspunkt für das emergente Denken den gesellschaftlichen Wandel, der uns an den Übergang von der Moderne zur Postmoderne gebracht hat. In dieser Situation werden die Defizite der modernen Versionen des Christentums (seien sie liberal oder konservativ) sichtbar. Diese modernen Christentumsvarianten sind aber weltweit verbreitet, so dass auch weltweit spontan ähnliche Suchbewegungen nach einem neuen Verständnis von Evangelium, Glaube und Gemeinde eingesetzt haben. Die Autoren beschreiben, wie diese weltweite Bewegung (vor allem in den Industrie- und Schwellenländern) in Deutschland aufgenommen und weiterentwickelt wurde.

Einen Schwerpunkt bildet das fünfte Kapitel, in dem die Themen benannt werden, an denen es zu theologischen Verschiebungen, Diskussionen und Neuansätzen kommt. Dies ist ein gute Orientierung in den Fragen, um die es bei der aktuellen theologischen Arbeit im emergenten Umfeld geht. Das folgende, eher praxisorientierte Kapitel beschreibt einige Folgerungen aus diesen Neuansätzen und stellt ein Praxisbeispiel (die Mosaik-Gottesdienste) ausführlicher dar. Im Schlusskapitel deuten sich vorsichtig einige mögliche Antworten auf die Fragen an, die durch den emergenten Dialog aufgeworfen werden. Vor allem aber werden dort für alle, die sich an diesem Dialog beteiligen möchten, geeignete Schnittstellen und Andockmöglichkeiten benannt.

Durchgängig fällt die Ausgewogenheit auf, mit der hier einzelne steile, möglicherweise missverständliche Thesen aus der emergenten Diskussion in ihren Zusammenhang gestellt und so zumindest nachvollziehbar werden.  Wer sich in Zukunft an der Diskussion um Emergent Deutschland beteiligt, wird um dieses Buch nicht herumkommen, wenn er als seriös wahrgenommen werden will. Schrille Alarmrufe, die mit der Emerging Church ein weiteres Mal das Ende des christlichen Abendlandes heraufziehen sehen, bleiben deutlich unterhalb der hier erreichten Reflexionshöhe. Natürlich kann ein 90 Seiten – Büchlein nicht alle Themen erschöpfend behandeln. Die „einfach-emergent“-Reihe ist bewusst kurz gehalten, um einen schnellen (und preisgünstigen) Einstieg in das Thema zu ermöglichen. Für alle, die tiefer in die Thematik einsteigen wollen, endet das Buch mit einem ausführlichen Literaturverzeichnis.

Am Ende der Werbeblock:
empfehlenswert ist natürlich auch der  zweite Band der Reihe, „Evangelium. Gottes langer Marsch durch seine Welt„. Dazu habe ich hier schon etwas geschrieben.

Okt 162012
 

Heute hab ich doch tatsächlich völlig unerwartet von Wolfgang das Buch von Peter und mir zugeschickt bekommen und habe es jetzt zum ersten Mal auch in analoger Form in der Hand. Eine Super-Überraschung! Und auch wenn die Zeit der Arbeit daran jetzt schon ein bisschen zurückliegt: ich mag es immer noch wie während des Schreibens. Danke, Wolfgang! Jetzt muss ich es doch nicht extra beim Francke-Verlag bestellen.