Jun 182018
 

Predigt im Besonderen Gottesdienst am 17. Juni 2018 mit Matthäus 5,13-16 und Römer 11,1-7

 

Einleitung:

In der Einleitung wurden verschiedene historische Beispiele vorgestellt, wie Juden und Christen als Minderheiten dennoch erheblichen Einfluss auf ihre Umwelt, sogar auf den Gang der Weltgeschichte hatten.

Predigt:

Zwei Lesungen bildeten den Ausgangspunkt für die Predigt:

Römer 11,1-7:
Paulus schreibt: 1 Ich frage also: Hat Gott sein Volk verstoßen? Keineswegs! Denn auch ich bin ein Israelit, ein Nachkomme Abrahams, aus dem Stamm Benjamin. 2 Gott hat sein Volk nicht verstoßen, das er einst erwählt hat. Oder wisst ihr nicht, was die Schrift von Elija berichtet? Elija führte Klage gegen Israel und sagte: 3 Herr, sie haben deine Propheten getötet und deine Altäre zerstört. Ich allein bin übrig geblieben, und nun trachten sie auch mir nach dem Leben. 4 Gott aber antwortete ihm: Ich habe siebentausend Männer für mich übrig gelassen, die ihr Knie nicht vor Baal gebeugt haben. 5 Ebenso gibt es auch in der gegenwärtigen Zeit einen Rest, der aus Gnade erwählt ist – 6 aus Gnade, nicht mehr aufgrund von Werken; sonst wäre die Gnade nicht mehr Gnade. 7 Das bedeutet: Was Israel erstrebt, hat nicht das ganze Volk, sondern nur der erwählte Rest erlangt; die übrigen wurden verstockt.

Matthäus 5,13-16:
Jesus sprach: 13 »Ihr seid das Salz der Erde. Wenn jedoch das Salz seine Kraft verliert, womit soll man sie ihm wiedergeben? Es taugt zu nichts anderem mehr, als weggeworfen und von den Leuten zertreten zu werden. 14 Ihr seid das Licht der Welt. Eine Stadt, die auf einem Berg liegt, kann nicht verborgen bleiben. 15 Auch zündet niemand eine Lampe an und stellt sie dann unter ein Gefäß. Im Gegenteil: Man stellt sie auf den Lampenständer, damit sie allen im Haus Licht gibt. 16 So soll auch euer Licht vor den Menschen leuchten: Sie sollen eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.«

Zwei Bibeltexte haben wir gehört: als letztes die eindrückliche Stelle aus der Bergpredigt, wo Jesus seinen Jüngern sagt, sie seien das Licht der Welt und das Salz der Erde. Die beiden Bilder sind ähnlich, aber nicht deckungsgleich, und sie ergänzen sich: »Licht der Welt« beschreibt, wie die Gemeinschaft der Nachfolgerinnen und Nachfolger Jesu Träger der ganzen Welt die Augen öffnen soll, Orientierung geben soll, und sie können das, weil Jesus ihnen seine Botschaft anvertraut. Unter den Jüngerinnen und Jüngern wird die Wahrheit darüber sichtbar, dass die Welt vom göttlichen Segen lebt, der umsonst gegeben und geschenkt wird, und den sollen Menschen ebenfalls weitergeben und nicht wie eine Beute an sich reißen. So entsteht Gerechtigkeit. Das ist die Grundlage von allem.

Auch das Bild vom »Salz« der Erde erinnert daran, dass der Welt etwas Entscheidendes fehlen würde ohne die Botschaft, die mit der Christenheit verbunden ist. Wenn das Salz in der Suppe fehlen würde, dann wäre es keine Freude mehr, sie zu essen.

Toynbees Studien zu kreativen Minoritäten

Aber dieses Bild vom Salz sagt auch etwas darüber, wie die kleine Gruppe, der das Evangelium anvertraut ist, ihren Einfluss ausüben kann – eben als »kreative Minderheit«, die alles um sich herum beeinflusst, gerade weil sie ganz anders ist als der Rest der Gesellschaft.

Dieses Wort von der »Kreativen Minderheit« stammt eigentlich vom englischen Historiker Arnold Joseph Toynbee, der davon ausging, dass Kulturen immer in kleinen Gruppen entstehen, und die Mehrheit schließt sich dem dann an. Diese Minderheiten sind die Eliten, und solange sie kreativ bleiben, geht es der Kultur gut. Wenn sie aber keine Antworten mehr für die Herausforderungen der Welt haben, dann stirbt die Kultur. »Kulturen werden nicht ermordet, sondern begehen Selbstmord« hat er einmal geschrieben.

Wer hat Lösungen?

Dieser Gedanke zeigt uns, wie tatsächlich kleine Gruppen wichtig für das Ganze werden können: nicht durch ihre Größe oder ihre Macht, sondern dadurch, dass sie gute Lösungen für Probleme der ganzen Gesellschaft anbieten. Wenn die Gesellschaft in Schwierigkeiten gerät, dann ist die entscheidende Frage, wer Lösungen anbieten kann.

Und tatsächlich sind im christlichen Umfeld häufig solche Lösungen für die Probleme der Gegenwart entstanden. Manchmal auch ganz ohne dass das beabsichtigt gewesen wäre: die Quäker etwa wollten dem Heiligen Geist Raum geben und nicht einen Beitrag zur modernen Demokratie leisten; aber durch ihre Art der Gemeindeversammlungen haben sie trotzdem genau das getan.

Macht oder Kreativität?

In einem Punkt passt Toynbees Konzept der »Kreativen Minderheiten« allerdings nicht gut zum Christentum: er stellt sich vor, dass diese Minderheiten dann auch die Gesellschaft regieren. Und das hat es auch immer wieder gegeben, dass Christen in Krisenzeiten die Leitung der Gesellschaft übernommen haben, ganz oder teilweise. Am Ende des römischen Imperiums sind oft die Bischöfe in die Rolle von politischen Vertretern einer Stadt hineingerutscht, einfach, weil sonst keiner da war, der das konnte. Oder: am Ende der DDR haben viele Christen in der Übergangszeit wichtige staatliche Aufgaben übernommen, weil man ihnen Vertrauen entgegen gebracht hat und weil sie Erfahrungen mit der Organisation von Gruppen hatten.

Aber es ist gut, wenn sich Christen dann auch wieder von der Macht zurückziehen, weil sich Macht und Kreativität häufig nicht so gut miteinander vertragen. Weltliche Macht bekommt der Kirche nicht; die Versuchung ist zu groß, durch Macht der Gesellschaft etwas aufzuzwingen, anstatt gute, plausible Lösungen aufzuzeigen. Wer Menschen etwas vorschreiben will, und sei es die beste, christlichste, biblischste Lebensweise, wird sie nicht wirklich gewinnen.

Leitbilder und ihre Wirkungen

Das bringt uns dazu, über unser Leitbild von Kirche nachzudenken. Wir kennen Kirche vor allem als eine Institution, der prinzipiell alle Glieder der Gesellschaft angehören. Und selbst heute, wo z.B. bei uns noch etwa gut eine Hälfte der Menschen zu einer christlichen Kirche gehört, würden sich auch viele Nichtmitglieder irgendwie doch noch zugehörig fühlen. Leitbilder sind ja so etwas wie Orientierungsmarken, und wir orientieren uns immer noch an diesem Bild von einer oder auch zwei Kirchen für die ganze Gesellschaft. Und dann geht es immer um die Frage: darf die Kirche den Menschen oder dem Staat etwas vorschreiben, und was, und dann gibt es die Vertreter christlicher Sitte und Ordnung, und es gibt Rebellen gegen die autoritäre Kirche, und es gibt die Witze darüber, wie der kleine Mann unter dem kirchlichen Autoritätsanspruch wegtaucht, und das sind alles einfach keine guten Rollenmodelle. Das sind ganz unfruchtbare, unerfreuliche Konflikte, die entstehen, wenn wir uns an dem Leitbild der Kirche als religiöser und sittlicher Instanz für die ganze Gesellschaft orientieren.

Das Leitbild vom Salz der Erde, der kreativen Minderheit, die Alternativen entwickelt und lebt und Lösungen anbietet, ist da viel produktiver. Es ist aber auch anspruchsvoller. Christlicher Einfluss ist dann nicht ein für allemal festgeschrieben, er ist kein Anspruch, auf den man pochen könnte, sondern er hängt davon ab, ob man liefert. Ob die Jüngerinnen und Jünger Jesu wirklich etwas Gutes anzubieten haben. Es hängt ab von den Diskussionen und Nachdenkprozessen in den Synagogen und Gemeinden, den Reflexionsräumen Gottes, es hängt ab von den guten Ideen vieler einfacher Christen. Es hängt davon ab, ob sich in diesem ganzen Ökosystem des Nachdenkens und des solidarischen Miteinanders das Evangelium tatsächlich in überzeugende Lösungen umsetzt. Und das ist nur begrenzt kontrollierbar. Das hängt auch immer vom unverfügbaren Heiligen Geist ab. Und davon, ob die Gesellschaft gute Lösungen auch erkennt und akzeptiert.

Ein mutigeres Modell

Das ist auf den ersten Blick viel unsicherer als das Modell einer Kirche als religiöse Instanz für die ganze Gesellschaft. Es ist aber viel näher dran an dem Wort Jesu vom Salz der Erde. Und es gibt viel mehr Freiheit. Bei diesem Leitbild muss man nicht immer gleich überlegen, wie man möglichst viele Menschen erreicht, sondern man kann erst einmal versuchen, seine eigene Sache möglichst gut zu machen. Und welche Resonanz das dann findet, kann man getrost Gott überlassen.

Das passt auch gut zusammen mit der Beobachtung, dass sich im Neuen Testament ganz viele Hinweise dazu finden, wie man miteinander lebt, wie man Liebe übt gegen jedermann, wie man die geistliche Stärke einer Gemeinde erhält und wie man sich von Gott immer wieder neu inspirieren lassen soll. Dagegen gibt es so gut wie keine Anweisungen dazu, dass man als Gemeinde versuchen soll, zu wachsen, größer und stärker zu werden und mehr Einfluss zu bekommen. Das kommt dann dazu oder nicht, darum kümmert sich Gott. Es ist nichts, worum wir uns kümmern müssten.

Werdet Hoffnungsträger!

Das passt nun gut zusammen mit der zweiten Bibelstelle, die wir vorhin gehört haben. Erinnern Sie sich noch? Paulus legt im Römerbrief die alte Geschichte vom Propheten Elia aus, der sich bei Gott bitter darüber beklagt, dass Israel sich dem Götzen Baal zugewandt hat. Ja, das kann sogar im Volk Gottes passieren, dass die Mehrheit Gott verfälscht oder gar nichts mehr von ihm wissen will. Aber dann antwortet Gott dem verbitterten Elia: es gibt 7000 Menschen, die treu geblieben sind, dafür habe ich gesorgt. Schau lieber auf die als auf die verirrte Mehrheit!

Selbst in der Minderheit des Volkes Gottes gibt es also noch eine Minderheit, auf die es ankommt. Und man kann es noch weiter zuspitzen: am Ende bestand diese treue Minderheit nur noch aus Jesus, selbst seine Jünger hatten sich am Tag seiner Kreuzigung aus dem Staub gemacht. Aber diese Ein-Mann-Minderheit hat das Entscheidende erreicht. Also Elia, also Paulus, also ihr verzagten Christen zu allen Zeiten: hört auf, die Köpfe zu zählen, hört auf mit dem Jammer darüber, dass die Jugend nicht den Glauben der Mütter und Väter übernimmt, konzentriert euch darauf, eure eigene Sache gut zu machen. Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes, durchdenkt sein Wort, durchdenkt euer Leben, lebt miteinander inspiriert von seinem Wort, investiert Zeit, Geld und Kraft, und dann wird Gott euch das Nötige dazugeben.

So lange Gott in seiner Gnade dafür sorgt, dass es da noch einen klaren Rest gibt, eine mutige und zuversichtliche Minderheit, so lange hat Gott die Hoffnung noch nicht aufgegeben. Und dann sollten wir es auch nicht tun. Gott bringt durch seine kreativen Minderheiten eine ungeheure Dynamik in die Weltgeschichte. Und da wirken nicht nur edle und lautere Motive, es wirken auch fragwürdige Beweggründe wie Neid und Hass. Aber selbst damit kann Gott etwas bewirken. Selbst feindselige Reaktionen auf die Menschen Gottes bringen Gottes Sache voran. Auch Paulus war schließlich einmal ein Feind der Christen, bis Jesus ihn gestoppt hat.

Eine Perspektive nach vorn

Wir sollten uns an einem neuen Leitbild orientieren. Wenn wir am Bild von einer Kirche, zu der alle gehören, festhalten, dann schauen wir depressiv auf die schrumpfenden Zahlen und können nicht viel mehr tun als eine schrumpfende Kirche möglichst effektiv abzuwickeln. Wenn wir uns aber am Bild der kreativen Minderheit orientieren, dann sieht es ganz anders aus. Dann geht es um die Frage: haben wir Lösungen für die Gegenwart? Haben wir etwas zu sagen zu den verbitterten und enttäuschten Menschen, die sich in Feindseligkeit flüchten? Welche Lebensziele kann man verfolgen, die nicht immer mehr Müll, Gift und Feindschaft zur Folge haben? Was ist wirkliche Gerechtigkeit? Bei der Fähigkeit, uns solchen Fragen zu stellen, da haben wir durchaus zugelegt. Da stehen wir gar nicht so schlecht da, und wir können etwas dafür tun, dass es noch besser wird. Da können wir mit dem Heiligen Geist zusammenarbeiten, da sind wir nicht ohnmächtig.

Kreativ bedeutet wörtlich: schöpferisch. Gott hat uns als Mitschöpfer gewollt. Er erschafft mitten unter uns seine neue Welt, und er möchte, dass wir dabei sind. Wenn das auch unsere Priorität ist, dann wird er uns alles dazugeben, was wir brauchen.

Jun 122018
 

Predigt am 10. Juni 2018 mit 1. Korinther 9,16-23

16 Mein Ruhm besteht ja nicht darin, dass ich das Evangelium verkünde. Das ist schließlich eine Verpflichtung, der ich nicht ausweichen kann – wehe mir, wenn ich sie nicht erfülle! 17 Hätte ich diese Aufgabe aus eigenem Antrieb übernommen, könnte ich einen Lohn dafür erwarten. Ich habe sie aber nicht gewählt; sie ist mir übertragen worden: Gott hat mir die Aufgabe anvertraut, seine Botschaft zu verkünden.  18 Heißt das dann, dass ich überhaupt keinen Lohn bekomme? O doch: Mein Lohn besteht genau darin, dass ich das Evangelium unentgeltlich verkünde und keinerlei Gebrauch von dem Recht mache, das ich als Verkündiger dieser Botschaft habe.
19 Ich bin also frei und keinem Menschen gegenüber zu irgendetwas verpflichtet. Und doch habe ich mich zum Sklaven aller gemacht, um möglichst viele ´für Christus` zu gewinnen. 20 Wenn ich mit Juden zu tun habe, verhalte ich mich wie ein Jude, um die Juden zu gewinnen. Wenn ich mit denen zu tun habe, die dem Gesetz des Mose unterstehen, verhalte ich mich so, als wäre ich ebenfalls dem Gesetz des Mose unterstellt (obwohl das nicht mehr der Fall ist); denn ich möchte auch diese Menschen gewinnen. 21 Wenn ich mit denen zu tun habe, die das Gesetz des Mose nicht kennen, verhalte ich mich so, als würde ich es ebenfalls nicht kennen; denn auch sie möchte ich gewinnen. (Das bedeutet allerdings nicht, dass mein Leben mit Gott nicht doch einem Gesetz untersteht; ich bin ja an das Gesetz gebunden, das Christus uns gegeben hat.) 22 Und wenn ich mit Menschen zu tun habe, deren Gewissen empfindlich ist, verzichte ich auf meine Freiheit, weil ich auch diese Menschen gewinnen möchte. In jedem einzelnen Fall nehme ich jede nur erdenkliche Rücksicht auf die, mit denen ich es gerade zu tun habe, um jedes Mal wenigstens einige zu retten. 23 Das alles tue ich wegen des Evangeliums; denn ich möchte an dem Segen teilhaben, den diese Botschaft bringt.

Paulus hat immer sehr genau darauf geachtet, dass man ihm nicht nachsagen konnte, er hätte die Gemeinden ausgenutzt. Wir kennen ja alle die Geschichten über amerikanische Prediger und Fernsehevangelisten, die sich von ihren Gemeinden ein Luxusleben finanzieren lassen, und solche Geschäftsmodelle gab es damals natürlich auch schon. In Philosophie und Religion geht es immer auch um Geld. Und um nicht mit windigen Starrednern und Lohndenkern verwechselt zu werden, hat Paulus sich von den Gemeinden nicht bezahlen lassen, sondern sein eigenes Geld verdient. Einzige Ausnahme war die Gemeinde in Philippi, mit der er ganz eng verbunden gewesen sein muss. Aber selbst da betont er immer wieder, dass es ihm nicht um ihr Geld geht, und dass ihr Verhältnis unberührt bleiben soll von allen Finanzfragen.

Der Kern der Identität

Aber manchen kann man es nicht recht machen, und so kam dann aus der Gemeinde von Korinth der Vorwurf, er würde sich anscheinend für was Besseres halten, wenn er sich von ihnen nicht unterstützen ließe. Und deswegen legt er hier ausführlich dar, was seine Motive sind. Und er versucht zu erklären: alles was ich mache kommt aus dem Freiheitskern, den Gott mir eingepflanzt hat. Nur weil ich den habe, kann ich das alles schaffen, was ich tue.

Bild: Capri23auto via pixabay, Lizenz: creative commons CC0

Dieser Freiheitskern ist Paulus implantiert worden, als Jesus ihn berufen hat: Jesus hat ihn gestoppt, hat ihn buchstäblich umgehauen und ihn auf eine neue Spur gesetzt. Und immer wieder sagt Paulus: das war eine Sache exklusiv zwischen Jesus und mir. Kein Mensch hat mich überredet. Ich war ja der schlimmste Feind der christlichen Gemeinden, ich hätte auf niemanden gehört, wenn mir nicht Jesus selbst begegnet wäre.

Das ist von da an der innerste Kern, von dem her Paulus lebt, denkt und arbeitet. Er ist niemanden außer Jesus selbst verpflichtet. Deswegen lässt er sich nicht bezahlen, um zuerst vor sich selbst und dann vor anderen deutlich zu machen: es ist meine ureigenste Angelegenheit, das Evangelium zu verbreiten und Menschen zu gewinnen. Ich mache das nicht, um irgendetwas dafür zu bekommen, sondern ich mache das, weil ich Paulus bin. Ich könnte gar nicht anders. Ich ziere mich nicht, ich bin nur ehrlich: ich habe selbst das meiste davon.

Lebendiges Evangelium

Wir kennen das ja, dass Menschen so eine komplizierte Bescheidenheit an den Tag legen und sagen: nein, das war doch gar nichts Großes, was ich gemacht habe, das ist doch nicht erwähnenswert, aber man merkt, dass es für sie eigentlich schon wichtig ist, wahrgenommen zu werden. So einer war Paulus nicht. Der wusste durchaus, was er geleistet hatte, aber er konnte es gerade deswegen ganz sachlich zur Kenntnis nehmen, weil das keine Bedeutung für sein Selbstbewusstsein hatte. Dass er keinen Beifall brauchte und keinen Preis für besondere Verdienste um das Gemeinwesen, das war keine Redensart. Er brauchte es wirklich nicht.

Damit die Korinther das verstehen können, legt er ausführlich seine Motivation dar: er möchte so intensiv wie möglich mit dem Evangelium zu tun haben, weil er es so am besten kennenlernt. Das Evangelium ist ja keine Sammlung von Katechismussätzen, die man einmal auswendig lernt, und dann hat man für jede Situation den richtigen Spruch. Das Evangelium drückt sich immer wieder in neuen Formulierungen aus, man lernt es immer tiefer kennen, je öfter man damit zu tun hat. Immer wieder will es in einer neuen Situation anders verstanden und ausgesprochen werden. Man hat es nicht ein für alle mal, sondern man entdeckt immer wieder andere Seiten daran, wenn man es mit anderen Menschen teilt.

Kommunikationsfähig in alle Richtungen

Das schildert Paulus beispielhaft an seinen Begegnungen mit Juden und Heiden: Wenn er sich in einem jüdischen Umfeld bewegt, dann hält er sich an jüdische Sitten, beachtet genau den Sabbat und die Speisegebote, damit sie ihn nicht gleich in die Schublade »Heide« stecken. Und er taucht ein in den jüdischen Denkhorizont und orientiert sich an dem, wie ein Jude die Welt sieht und welche Fragen er hat. Er argumentiert mit der Bibel, weil die Schrift für Juden die entscheidende Instanz ist. Und jedes Mal versteht er die Bibel und das jüdische Denken mit seinen Stärken und Schwächen wieder etwas besser.

Wenn Paulus sich aber unter Heiden bewegt, also in der griechisch-römischen Mehrheitsgesellschaft, dann verzichtet er auf die jüdischen Sitten, damit er nicht gleich den Stempel »engstirniger Fanatiker« aufgedrückt bekommt. Er argumentiert nicht mit der Bibel, sondern zieht gerne auch mal die griechischen Philosophen heran, die für Heiden Autorität haben. Das ist keine charakterlose Anpassung, sondern es geht ihm darum, dass er gesprächsfähig bleibt, damit er jedem das Evangelium so sagen kann, wie der es braucht. Seine Gesprächspartner müssen ja nicht wissen, dass er parallel dazu die philosophischen Argumente immer auch daraufhin durchdenkt, ob sich in ihnen die Wahrheit über Israels Gott spiegelt. Und jedes Mal lernt er die heidnische Gedankenwelt in ihrer ganzen Ambivalenz wieder ein bisschen besser kennen und genauso entdeckt er die Seiten das Evangeliums, die in diesem heidnischen Kontext plötzlich wichtig werden.

Also, wir würden heute sagen: Paulus war enorm kommunikationsfähig, er konnte sich in so ziemlich jedem Milieu und in jeder Kultur bewegen. Das lag aber nicht daran, dass er jedem sagte, was der hören wollte, sondern er verkörperte mit Haut und Haar die Botschaft, die Jesus ihm aufgetragen hatte. Gerade weil es ihm um das Evangelium und die Menschen ging, darum wurde alles andere unbedeutend. Er konnte sich auf jede Gedankenwelt einlassen, weil sie alle Chancen für die Verkündigung bieten und alle irgendwie auch ihre ganz speziellen Widerstände gegen Gott entwickeln.

Ein unabhängiger Mensch

Paulus konnte sich weit aus dem Fenster lehnen, weil er einen ganz sicheren Stand hatte. Wer genau weiß, wer er selbst ist, der muss keine Angst vor den Anderen oder den Fremden haben. Einer wie Paulus kann mit jedem freundlich reden, kann ihm helfen und ihm zuhören, kann sich auf seine Weltsicht einlassen, weil er diesen starken Jesus-Freiheitskern in sich trägt. Und dieser Kern wird immer stärker, je mehr er sich auf die anderen einlässt.

Das ist ja der Zusammenhang, den Paulus nicht müde wird, zu beschreiben: gerade weil er unabhängig von Menschen ist, kann er für Menschen da sein. Gerade weil er seine Berufung direkt von Jesus empfangen hat, kann er ein Segen für Menschen sein. Gerade weil er die Wahrheit kennt, kann er geduldig auf Menschen hören und ihnen antworten. Gerade weil Jesus ihn zur Freiheit berufen und einen Freiheitskern in ihn gelegt hat, deshalb kann er sich zum Diener aller machen, wörtlich: zum Sklaven.

Viele denken, so ein unabhängiger Mensch wäre gefährlich und man müsste ihn doch irgendwie einbinden, ihn abhängig machen, und sei es, indem man ihn irgendwie bezahlt. Aber genau das ist es, was Paulus auf jeden Fall vermeiden will. Das würde ihm ja genau den Kern seiner Berufung nehmen.

Angst aus Unsicherheit

Nur wer nicht weiß, wer er ist, der muss sich von anderen fernhalten, der entwickelt Angst vor Überfremdung, der sucht sich Feinde, der fühlt sich permanent angegriffen und zurückgesetzt. Diejenigen, die heute Angst um das angeblich christliche Abendland haben, sind ja oft seit Jahrzehnten nicht mehr in einem Gottesdienst gewesen. Oder sie sind ängstliche Christen, weit weg von diesem sicheren Selbstbewusstsein des Paulus, der sagt: wo seid ihr, ihr Menschen aller Kulturen und Religionen? Wenn ihr nicht zu mir kommt, komme ich zu euch. Je fremder ihr seid, um so mehr lerne ich durch euch über Gottes Wege in seiner Welt!

Man muss jetzt sagen, dass Paulus sicher ein ganz besonderer Fall war. Er war nicht nur direkt von Jesus berufen, sondern er muss auch eine ganz enorme Intelligenz gehabt haben. Der hatte in seinem Kopf Platz für so viele Gedanken gleichzeitig, dass bis heute ganze Heerscharen von Gelehrten damit beschäftigt sind, das auseinander zu nehmen und nachzuvollziehen. Also, wir können nicht alle ein Paulus werden, noch nicht mal ein kleiner Paulus.

Keine Angst vor Widerständen

Aber etwas von dieser fröhlichen Zuversicht des Paulus, die hat er der Christenheit zum Glück vererbt. Wir müssen doch keine Angst vor der bösen Welt da draußen haben! Die Christenheit hat mal mit ein paar Hundert oder Tausend durchschnittlicher Menschen angefangen: eine winzige Minderheit. Paulus und eine Handvoll Freunde haben das halbe römische Imperium mit Gemeinden infiltriert, gegen die drei Jahrhunderte später kein Kaiser mehr regieren konnte. Und heute können sich manche noch nicht mal mehr vorstellen, wie man ohne Kirchensteuer die Kirche aufrechterhalten könnte. Aber wenn Jesus einen Feind wie Paulus um 180 Grad drehen kann, dann kann er noch ganz andere Dinge durch seine Leute tun.

Wir haben von Anfang an in unseren geistlichen Genen den eingebauten Mechanismus, dass Widerstände uns dazu bringen, noch tiefer ins Evangelium einzutauchen und Gottes Willen immer klarer zu verstehen. Das ist mit Mühe und Arbeit verbunden, manchmal mit Gefahren, manchmal auch mit Leiden, aber das ist der Weg, wie wir mehr von Gottes Gedanken verstehen. Die wenigsten christlichen Gedanken sind in der ruhigen Studierstube entwickelt worden. Die meisten und tiefsten Gedanken sind entstanden in Kämpfen und Konflikten, großen und kleinen. Auch die Bibel ist zu großen Teilen Kampfliteratur, aufgeschrieben, damit man Orientierung hat und nicht zurückschreckt vor den scheinbar alternativlosen Mächten dieser Welt.

Deswegen: wenn wir uns auf Menschen einlassen, die anders sind als wir selbst, die anders denken, andere Selbstverständlichkeiten haben, dann ist das jedes Mal eine Chance, mehr über Gott zu lernen. Wir selbst sind es, die am meisten davon haben. Wir tun das natürlich auch für die anderen, aber zuerst sind wir es, die davon am meisten profitieren.

Jun 042018
 

Predigt am 3. Juni 2018 zu Psalm 22

1 Ein Psalm Davids, vorzusingen,
nach der Weise »die Hirschkuh der Morgenröte«.

2 Mein Gott, mein Gott,
warum hast du mich verlassen?

Ich schreie,
aber meine Hilfe ist ferne.

3 Mein Gott, des Tages rufe ich, doch antwortest du nicht,
und des Nachts, doch finde ich keine Ruhe.

4 Aber du bist heilig,
der du thronst über den Lobgesängen Israels.

5 Unsere Väter hofften auf dich;
und da sie hofften, halfst du ihnen heraus.

6 Zu dir schrien sie und wurden errettet,
sie hofften auf dich und wurden nicht zuschanden.

7 Ich aber bin ein Wurm und kein Mensch,
ein Spott der Leute und verachtet vom Volk.

8 Alle, die mich sehen, verspotten mich,
sperren das Maul auf und schütteln den Kopf:

9 »Er klage es dem HERRN, der helfe ihm heraus
und rette ihn, hat er Gefallen an ihm.«

10 Du hast mich aus meiner Mutter Leibe gezogen;
du ließest mich geborgen sein an der Brust meiner Mutter.

11 Auf dich bin ich geworfen von Mutterleib an,
du bist mein Gott von meiner Mutter Schoß an.

12 Sei nicht ferne von mir, denn Angst ist nahe;
denn es ist hier kein Helfer.

13 Gewaltige Stiere haben mich umgeben,
mächtige Büffel haben mich umringt.

14 Ihren Rachen sperren sie gegen mich auf
wie ein brüllender und reißender Löwe.

15 Ich bin ausgeschüttet wie Wasser,
alle meine Gebeine haben sich zertrennt;

mein Herz ist in meinem Leibe
wie zerschmolzenes Wachs.

16 Meine Kräfte sind vertrocknet wie eine Scherbe, / und meine Zunge klebt mir am Gaumen,
und du legst mich in des Todes Staub.

17 Denn Hunde haben mich umgeben, / und der Bösen Rotte hat mich umringt;
sie haben meine Hände und Füße durchgraben.

18 Ich kann alle meine Gebeine zählen;
sie aber schauen zu und weiden sich an mir.

19 Sie teilen meine Kleider unter sich
und werfen das Los um mein Gewand.

20 Aber du, HERR, sei nicht ferne;
meine Stärke, eile, mir zu helfen!

21 Errette mein Leben vom Schwert,
mein einziges Gut von den Hunden!

22 Hilf mir aus dem Rachen des Löwen / und vor den Hörnern der wilden Stiere –
du hast mich erhört!

23 Ich will deinen Namen kundtun meinen Brüdern,
ich will dich in der Gemeinde rühmen:

24 Rühmet den HERRN, die ihr ihn fürchtet; ehrt ihn, all ihr Nachkommen Jakobs,
und scheut euch vor ihm, all ihr Nachkommen Israels!

25 Denn er hat nicht verachtet
noch verschmäht das Elend des Armen

und sein Antlitz vor ihm nicht verborgen;
und da er zu ihm schrie, hörte er’s.

26 Dich will ich preisen in der großen Gemeinde,
ich will mein Gelübde erfüllen vor denen, die ihn fürchten.

27 Die Elenden sollen essen, dass sie satt werden; / und die nach dem HERRN fragen, werden ihn preisen;
euer Herz soll ewiglich leben.

28 Es werden gedenken und sich zum HERRN bekehren aller Welt Enden
und vor ihm anbeten alle Geschlechter der Völker.

29 Denn des HERRN ist das Reich,
und er herrscht unter den Völkern.

30 Ihn allein werden anbeten alle Großen auf Erden;
vor ihm werden die Knie beugen alle, / die zum Staube hinabfuhren und ihr Leben nicht konnten erhalten.
31 Er wird Nachkommen haben, die ihm dienen;

vom Herrn wird man verkündigen Kind und Kindeskind. 32 Sie werden kommen und seine Gerechtigkeit predigen dem Volk, das geboren wird.
Denn er hat’s getan.

Wenn wir heute diesen Psalm hören, dann können wir das nicht tun, ohne daran zu denken, dass Jesus als letztes vor seinem Tod den Anfang dieses Psalms zitiert hat. Nach dem Markusevangelium hat er danach nur noch einen letzten unverständlichen Schrei getan und ist danach gestorben.

Und auch sonst finden sich in dem Psalm viele Einzelheiten, bei denen man an die Kreuzigung Jesu denken muss: die Spötter in Vers 8 und 9, die den Leidenden auch noch verhöhnen, sogar das Kopfschütteln findet sich hier. Und dann der Vers 19, wo sie schon die Kleider des noch Lebenden verteilen, wie später die Soldaten unter dem Kreuz; im Johannesevangelium wird diese Verbindung sogar ausdrücklich hergestellt.

Man hat sich das dann entweder so erklärt, dass dies eine prophetische Weissagung des Todes Jesu sei, oder man hat behauptet, dass die ganze Kreuzigungsgeschichte einfach nach diesem Psalm gestaltet hat. Beides ist zu plump. In Wirklichkeit ist es wohl so, dass der Psalm einfach von innen beschreibt, wie es ist, wenn ein Mensch in bedrängter Lage an Gott festhält, aber Gott scheint zu schweigen, er greift anscheinend nicht ein.

Wartenmüssen: eine Standardsituation des Glaubens

Diese Situation, dass jemand in der Not auf Gott hofft, aber die Hilfe scheint nicht zu kommen, sie verzögert sich immer mehr, das ist kein unbegreiflicher Skandal, der Gott und den Glauben in Frage stellt und in der Neuzeit dann Anlass zu jeder Menge intellektuellen Zweifels gegeben hat, sondern das ist schon in der Bibel durchdacht und in Worte gefasst worden. Das ist sozusagen eine Standardsituation des Glaubens, dass man auf Gottes Eingreifen scheinbar endlos warten muss. Schon lange vor Jesus hat das jemand hier im Psalm in aller Härte beschrieben, und er schaut zurück auf die Generationen vor ihm, die »Väter«, die auch schon auf Gott vertraut haben, und er möchte, dass seine Erfahrung auch den nächsten Generationen weitergegeben wird. Er steht in der langen Reihe derer, die gegen alle Plausibilität auf Gott vertraut haben und deren Vertrauen sich am Ende als gerechtfertigt herausstellte. Und auch Jesus hat sich mit seinen letzten Worten am Kreuz ausdrücklich in diese Reihe hineingestellt.

Tatsächlich kann man im Rückblick immer wieder sehen, wie Vertrauen auf Gott bestätigt worden ist. Aber das ist natürlich in einer akuten Not keine Garantie dafür, dass es diesmal auch wieder gut ausgeht. Und so sieht es für den Verfasser des Psalms so aus, als ob Gott zwar den Vätern geholfen hat, aber ihn lässt er warten. Bei den »Vätern« denkt er vielleicht an die Sklaverei in Ägypten, aus der Gott sein Volk durch Mose befreit hat. Da haben sie zwar auch lange warten müssen, bis sie endlich in die Freiheit aufbrechen konnten, aber im Rückblick verliert man diese lange Wartezeit aus den Augen und sieht nur noch Anfang und Ende: wir waren in großer Not, und Gott hat geholfen.

Unter doppeltem Angriff

Der Psalm 22 ist sozusagen ein authentisches Signal aus der Zeit dazwischen, in der sich noch nicht herausgestellt hat, dass die Geschichte gut ausgeht. Da hilft auch die Erinnerung an die Erfahrungen der Väter nur begrenzt.

Der Mensch dessen Stimme wir hier hören, scheint in einer doppelten Bedrängnis zu sein. Er leidet körperlich, ab Vers 15 kann man das sehen: er hat alle Kraft verloren, er fühlt sich wie Wasser, das auf die Erde geschüttet ist und versickert. Sein Herz schmilzt wie Wachs, die Zunge klebt ihm am Gaumen – vielleicht hat er über lange Zeit hohes Fieber, so dass er schon ganz abgemagert ist, Durst hat und nur noch Haut und Knochen ist.

Aber zu diesen Schmerzen kommen noch die nicht näher zu identifizierenden »Feinde« hinzu: Menschen, die ihn in seinem Unglück schadenfroh betrachten und spöttisch sagen: da siehst du mal, wohin du mit deinem Gottvertrauen kommst! Jetzt kann dein Gott mal zeigen, ob er dir noch helfen kann! Du warst doch immer sein Liebling, dann sollte er dir doch jetzt schnell seine Gunst erweisen! Und sie stehen um ihn herum, gucken ihn schamlos an und warten schon darauf, dass er endlich und endgültig tot ist.

Der Kern des Konflikts

Und es scheint so zu sein, als ob genau diese Frage des Vertrauens der Kern des Konflikts ist: die Feinde scheinen Menschen zu sein, die es einfach nicht ertragen, dass jemand sich partout nicht in die Tatsachen und Machtverhältnisse einfügt, sondern daran festhält, dass Gott die ganzen Machtverhältnisse auf den Kopf stellen kann. Und sogar im Volk Gottes ist das nicht selbstverständlich, sondern auch da bekommt man mit dieser Einstellung Probleme.

Genau um diese Frage ging es auch wieder bei Jesus: kann und darf denn ein Mensch unter Berufung auf Gott einfach so tun, als ob man alles anders machen könnte, die Regeln und Vorschriften außer Kraft setzen und sich dabei auch noch auf Gott berufen.

An Jesus wird dieser Konflikt aus Psalm 22 im vollen Umfang erkennbar. Er hat ja auch die Feindschaft auf sich gezogen, weil er sich im Vertrauen auf Gott und unter Berufung auf ihn nicht den Regeln der gottlosen Welt gebeugt, sondern neue Regeln eingeführt hat. Und dafür haben ihn alle gehasst, die sich mit der Welt und ihren Regeln arrangiert haben, alle, die sich im Sichtbaren eingerichtet haben und das Unsichtbare als unrealistisch abtun.

Bedroht von Ungeheuern

Es gibt bis heute Länder in unserer Welt, wo du sehr schnell im Gefängnis landen kannst und dich nackt und zusammengeschlagen auf dem Betonboden einer Gefängniszelle wiederfindest, wenn du zu erkennen gibst, dass du dich den Regeln dieser Welt und des Staates, in dem du lebst, nicht einfügen willst. Und man könnte den Psalm auch lesen als die Beschreibung eines Menschen, der nicht an einer Krankheit leidet, sondern gefoltert worden ist, dem man lange Zeit Essen und Trinken verweigert hat und dessen Peiniger sehen, dass er kurz davor ist, endgültig zerstört zu werden. Und dann wäre dieser Psalm noch näher dran an dem zu Tode gefolterten Jesus.

All das zusammen, die Schmerzen und die Schwäche, und dazu noch die Spötter, das ist so ein feindseliger Andrang, dass dieser Mensch sich vorkommt, als ob er von wilden Untieren umgeben wäre: von Kampfhunden und reißenden Löwen, und immer wieder von wilden Stieren, die mit ihren Hörnern auf ihn losgehen.

Die entscheidende Wende

Und dann kommt es zu einem Umschwung, am Ende von Vers 22. Wir wissen nicht, was es war. Wir wissen noch nicht einmal, ob es eine äußere Veränderung war oder eine innere. Vielleicht ist er durch irgendein Ereignis frei gekommen oder geheilt worden. Vielleicht ist aber auch irgendwie eine Botschaft von Gott in sein Herz gekommen: du wirst leben! Und vielleicht war es so, dass zuerst diese Gewissheit in sein Herz kam: du wirst leben!, und sie war so klar und stark, dass er sich gar nicht wirklich gewundert hat, als es dann tatsächlich so kam. Wer sich umschaut in den Lebensbeschreibungen vieler Männer und Frauen Gottes, der entdeckt oft solche Momente der Klarheit, die den entscheidenden Weichenstellungen vorangingen. Und wahrscheinlich gibt es das noch viel öfter, nur schreibt nicht jeder das auf, wenn er solch einen kostbaren Moment erlebt hat. Und auch hier im Psalm wird das ja nur angedeutet, nicht in allen Einzelheiten ausgemalt. Dieser Ruf »Du hast mich erhört!«, der die Wende anzeigt, der ist im Hebräischen nur ein einziges Wort. Gott hat eingegriffen, wir wissen nicht genau wie, und jetzt ist nichts mehr so wie früher.

Dieses »Du hast mich erhört!« ist der Mittelpunkt des ganzen Psalms. Vorher herrschten Schmerz und Skepsis, jetzt will der Beter des Psalms selbst dafür sorgen, dass alle anderen, die auf Gott vertrauen, durch seine Geschichte neu inspiriert werden. Er ist nach diesem Erlebnis sicher, dass der Gott, der dieses Machtwort sprechen kann, am Ende der König der ganzen Welt sein wird. Seine Macht muss sogar bis in die Sphäre der Toten reichen, denn auch »alle, die in den Staub gesunken sind« (30), werden ihn anbeten. Und auch die kommenden Generationen sollen davon hören, das Volk, das »erst noch geboren wird« (32).

Zeugnisse der Hoffnung

Mir fallen dazu die Überlebenden der Konzentrationslager ein, die vor Besuchern und oft eben auch Schulklassen von ihren Erlebnissen erzählen und damit ja nicht nur zeigen, zu welchen Grausamkeiten Menschen fähig sind, sondern auch Zeugnis ablegen von der Liebe zum Leben und dem Mut, der nicht unbelohnt bleibt.

Und so ist ja die Geschichte von Jesus die endgültige Mutmachgeschichte, weil seine Kreuzigung und seine Auferstehung diesen Konflikt Gottes mit den Todesmächten in ganzer Klarheit sichtbar gemacht hat: die volle Brutalität der Todesmächte und ihrer Handlanger, und auf der anderen Seite Gottes Macht des Lebens, die zuletzt alle verzweifelten Anstrengungen der Feinde zunichte macht, als Jesus auferstanden ist.

Die Stimmen von Skepsis und Zynismus

Wir leben heute zum Glück in zivilisierteren Gegenden unserer Welt, und von uns ist zur Zeit nur gefordert, dass wir uns derer annehmen, die vor den brutalen Verhältnissen in ihren Ländern zu uns fliehen. Wir sind weltweit privilegiert, und Privilegien bedeuten immer eine Verpflichtung. Wir stehen auch längst noch nicht so stark unter dem Druck dieser Stimmen, die sagen: trennt euch von eurem blöden Gottvertrauen, das ist unrealistisch, in der Welt zählt nur die Macht! Das kann sich aber ändern. Vielleicht gehen wir Zeiten entgegen, in denen andere uns sehr viel brutaler sagen werden: trennt euch von euren sinnlosen Träumen von Fairness und Menschenwürde, trennt euch von dem Gott, der angeblich Barmherzigkeit übt und zu den Armen hält, betet mit uns den großartigen Gott an, der uns selbst großartig macht, bei dem wir selbst zuerst kommen, der Gott, der auf die Starken schaut, und dem die Schwachen und die Anderen egal sind!

Es können auch wieder solche Zeiten kommen. Der Gott Israels, der Vater Jesu Christi hat lange eine gewisse zivilisierende Wirkung auf die Völker und Staaten ausgeübt, aber die Barbarei unter der Oberfläche ist nie wirklich ausgetrieben worden, und sie lauert auf den Moment, wo sie ihr Gesicht wieder unverhüllt zeigen kann. Wir sollten uns darüber nicht wundern. Um so wichtiger ist es, dass wir Gottes Macht kennen: dass er in einem winzigen Moment die ganze Situation drehen kann.

Aber vorher gibt es die Zeiten des Wartens, in denen man denkt: warum greift er denn nicht ein? Was können wir den Leuten sagen, die uns herausfordern und fragen: wo ist denn nun euer Gott? Jetzt müsste er eure Behauptungen doch mal bestätigen! Na los, jetzt müsst ihr liefern!

Niemand wartet gerne

Es gibt diese Zeiten des Wartens, in denen man gar nichts sagen kann, wo man die billigen Sprüche der Skeptiker und Zyniker einfach nur ertragen muss und ohne Beweise daran festhalten soll, dass sie schief liegen. Auch Jesus hat am Kreuz nicht diskutiert, sondern auf Gott vertraut. Sein Schweigen war sein deutlichstes Zeugnis.

Warten gehört mit zu den wirklich unangenehmen Dingen, egal, ob es an der Ampel ist, an der Kasse, oder ob du auf das Untersuchungsergebnis vom Arzt wartest oder auf einen lebenswichtigen Bescheid, der einfach nicht kommt. Wir warten bei großen und kleinen Gelegenheiten darauf, dass es gut ausgeht. Und auch in der Geschichte des Volkes Gottes und in der Geschichte einzelner Menschen Gottes hat es immer die Wartezeiten gegeben, in denen scheinbar gar nichts passiert. Wenn wir so warten müssen, dann sollen wir uns damit trösten, dass wir nicht die einzigen sind. Wartenmüssen unter dem Angriff der Skeptiker ist kein Zeichen dafür, dass mit uns etwas nicht stimmt.

Wir sollen uns daran erinnern, dass Gott in einem Augenblick alles verändern kann. Wir lassen die Bedenkenträger reden und warten auf den Moment Gottes, der bisher noch immer gekommen ist.

Gott ist treu.

Mai 272018
 

Predigt am 27. Mai 2018 zu Psalm 19

1 Für den Chormeister. Ein Psalm Davids.

2 Die Himmel erzählen die Herrlichkeit Gottes und das Firmament kündet das Werk seiner Hände. 3 Ein Tag sagt es dem andern, eine Nacht tut es der andern kund, 4 ohne Rede und ohne Worte, ungehört bleibt ihre Stimme. 5 Doch ihre Botschaft geht in die ganze Welt hinaus, ihre Kunde bis zu den Enden der Erde. Dort hat er der Sonne ein Zelt gebaut. 6 Sie tritt aus ihrem Gemach hervor wie ein Bräutigam; sie frohlockt wie ein Held, ihre Bahn zu laufen. 7 Am einen Ende des Himmels geht sie auf und läuft bis ans andere Ende; nichts kann sich vor ihrer Glut verbergen.

8 Die Weisung des HERRN ist vollkommen, sie erquickt den Menschen. Das Zeugnis des HERRN ist verlässlich, den Unwissenden macht es weise. 9 Die Befehle des HERRN sind gerade, sie erfüllen das Herz mit Freude. Das Gebot des HERRN ist rein, es erleuchtet die Augen. 10 Die Furcht des HERRN ist lauter, sie besteht für immer. Die Urteile des HERRN sind wahrhaftig, gerecht sind sie alle. 11 Sie sind kostbarer als Gold, als Feingold in Menge. Sie sind süßer als Honig, als Honig aus Waben. 12 Auch dein Knecht lässt sich von ihnen warnen; reichen Lohn hat, wer sie beachtet. 13 Versehentliche Fehler, wer nimmt sie wahr? Sprich mich frei von verborgenen Sünden! 14 Verschone deinen Knecht auch vor vermessenen Menschen; sie sollen nicht über mich herrschen! Dann bin ich vollkommen und frei von schwerer Sünde.

15 Die Worte meines Munds mögen dir gefallen; was ich im Herzen erwäge, stehe dir vor Augen, HERR, mein Fels und mein Erlöser.

Vielleicht haben Sie gemerkt, dass dieser Psalm aus zwei ganz verschiedenen Abschnitten besteht: zuerst eine Beschreibung davon, wie der Kosmos Gottes Lob singt. Und dann anschließend ein Lob des Gesetzes Gottes, das den Menschen auf seiner Bahn hält. Die beiden Teile sind sehr unterschiedlich, und wahrscheinlich sind sie ursprünglich auch mal zwei verschiedene Lieder gewesen. Wahrscheinlich ist das erste Lied auch viel älter, der zweite Teil ist deutlich jünger.

Aber irgendwann sind diese ganz unterschiedlichen Texte in einem Psalm verbunden worden. Irgendwer hat gedacht, dass die sich gut ergänzen, ja, dass sie einander brauchen. Vielleicht war der äußere Anlass dafür, dass sie beide beim gleichen Fest gesungen worden sind. Aber es muss ja auch einen inneren Grund geben, warum man so unterschiedliche Texte zusammengefügt hat.

Der Blick auf den Kosmos

Fangen wir mit dem ersten Teil an: Da ist vom Kosmos die Rede, von den Himmeln und vom Himmelsgewölbe, von Tagen und Nächten und von den äußersten Grenzen der Erde. Man merkt deutlich, dass das aus einer Zeit stammt, wo die Physik noch nicht so weit fortgeschritten war. Man hatte sich noch nicht mal klargemacht, dass die Sonne irgendwie hinter der Erde herumlaufen muss, um am Morgen wieder aufzugehen, sondern das Lied spricht davon, dass Gott ihr eine Art Zelt gibt, wo die Sonne die Nacht verbringt. Erst der griechische Philosoph Anaximander hat – vermutlich eine ganze Zeit nach der Entstehung dieses Liedes – überlegt, dass die Sonne ja eigentlich irgendwie unter der Erde wieder vom Westen zum Osten zurückkehren müsste und hat daraus geschlossen, dass die Erde eine Kugel ist.

Aber die Physik ändert sich, inzwischen wissen wir auch wieder mehr als Anaximander. Was aber bis heute geblieben ist, das ist das Gefühl für die Großartigkeit des Kosmos, das in diesem frühen Lied eingefangen ist. Das können wir heute noch ganz anders nachvollziehen, denn wir sehen inzwischen nicht nur die unendlichen Räume über uns, wenn wir zum Himmel hinauf schauen. Wir blicken mit Teleskopen und Radioteleskopen und Satelliten heute weiter und tiefer ins Weltall hinein als jemals zuvor, und diese gigantischen Räume haben sich noch einmal unglaublich geweitet.

Unvorstellbare Räume

Unsere Sonne mit ihren Planeten ist ein winziger Teil der Milchstraße, man nennt sie auch die Galaxis. Allein in unserer Galaxis gibt es ungefähr 300 Milliarden Sonnen, und viele davon sind wesentlich größer als die Sonne. Unser nächster Nachbar im All ist die Andromeda-Galaxis, ungefähr zweieinhalb Millionen Lichtjahre entfernt. Das ist sozusagen unsere Nachbarschaft. Milchstraßen treten meistens in Haufen auf, dazu können ein paar Tausend Galaxien gehören. Im ganzen Weltall gibt es aber nach den neuesten Schätzungen etwa 50 Milliarden Galaxien; so viele könnte man jedenfalls theoretisch beobachten, vielleicht gibt es aber auch noch mehr. Wir haben ja schon Probleme damit, wenn wir uns die Entfernungen innerhalb des Sonnensystems vorstellen sollen, aber diese Dimensionen eines Weltalls von 50 Milliarden Galaxien mit vielleicht jeweils 300 Milliarden Sonnensystemen sprengt im Grunde jede Vorstellungskraft. Und all diese Galaxien bilden Strukturen, wirken aufeinander ein, senden Dichtewellen aus, klumpen zu Haufen zusammen und kommunizieren miteinander.

Wahrscheinlich ist das noch längst nicht das Ende der wissenschaftlichen Entwicklung. Aber es bleibt die Erfahrung, die die Menschen schon immer gemacht haben, und die in diesem Lied aus dem alten Israel eingefangen ist: das Erlebnis, wenn einer in der Nacht unter dem hohen Himmel steht und hinaufschaut in diese unendlichen Räume und merkt, wie klein wir sind. Und dazu gehört der Eindruck: das alles ist nicht stumm und tot, sondern da kommt eine Botschaft auf uns zu. Aber vielleicht sind wir gar nicht die eigentlichen Adressaten, sondern wir sind nur Zeugen eines Gesprächs, das wir nicht wirklich verstehen. So wie man vielleicht in einem großen Saal mit vielen Menschen das Geräusch ihrer Gespräche hört, aber man versteht nichts.

Eine Botschaft, nicht für uns bestimmt

So jedenfalls sagt es der Psalm: die Milchstraßen singen Gottes Ruhm. Die Sonne freut sich, wenn sie ihre Bahn zieht rings um das Zentrum unserer Galaxie. Jeder Ort im Universum hat seine eigenen Zeit, das wissen wir durch Albert Einstein, aber nichts ist isoliert, alles hängt mit allem zusammen, und sie grüßen sich auch über alle Abgründe und Unterschiede hinweg, auch wenn wir es nicht verstehen. Man kann jetzt sagen: da tragen wir menschliche Vorstellungen ins Universum hinein. Aber wie sollte es denn anders gehen? Wir können nicht nachvollziehen, wie Sterne und Galaxien miteinander kommunizieren. Wir können manches mathematisch beschreiben, aber das heißt noch längst nicht, dass wir es auch verstehen oder nachvollziehen könnten. Wir sind draußen vor, wenn Sterne miteinander kommunizieren.

Unter dem hohen Himmel

Deswegen sagt der Psalm: das Universum redet ohne Worte und ohne vernehmbare Stimme. Es gibt Schwingungen und Wellen, Resonanzen und Zusammenhänge, aber wir sind an diesem Gespräch nicht beteiligt, wir kriegen gerade mal mit, dass da was abläuft, mehr nicht. Das Universum redet auf seine Weise von Gott, wir ahnen es, heute dank Radioteleskopen und anderen technischen Wundern präziser als früher, aber verstehen tun wir es trotzdem nicht. Im Gegenteil, man könnte auch sagen: weil wir heute viel seltener unter dem hohen Himmel stehen, weil wir viel mehr Zeit drinnen verbringen als die Menschen früher, weil das Licht unserer Städte den Glanz der Sterne überstrahlt, deswegen bekommen wir heute viel weniger mit von der Botschaft des Weltalls als etwa ein Nomade, der nur einen Schritt aus seinem Zelt tun musste, um nachts unter dem hohen Himmel zu stehen. Diese Botschaft des Universums redet heute viel indirekter zu uns als früher.

Deswegen: setzt euch doch wenigstens ab und zu mal dieser Botschaft aus: sucht euch einen Platz, wo der Himmel nachts nicht vom Kunstlicht verschmutzt wird, und schaut eine Zeit in den hohen Himmel hoch, hört auf die Stille und macht euch klar, dass wir da Zeugen eines Gesprächs sind, das nicht für uns bestimmt ist, das unabhängig von uns ist, aber ein bisschen davon kommt dann doch auch bei uns an.

Die Botschaft an uns

So, und weil sie wohl damals schon gemerkt haben, dass da eine Lücke bleibt, deshalb haben sie den zweiten Teil des Psalms dazu gesetzt. Da geht es um eine Botschaft, die an uns gerichtet ist, die wir verstehen können und sollen. Die Weisung Gottes, die Thora, von Gott offenbart und festgehalten in der Schrift, ist die entscheidende Botschaft Gottes an uns. Für uns hat Gott seine Botschaft so formuliert, dass sie zu Menschen passt. Und tatsächlich haben die Worte der Schrift die Fähigkeit, Menschen in allen Zeiten zu erreichen und zu verwandeln. Wenn heute Menschen in neuzeitlicher Arroganz sagen: was kann denn ein jahrtausendealter Text uns modernen Menschen noch sagen, dann ist das pure Ahnungslosigkeit. Dass ein Buch über Jahrhunderte und Jahrtausende hinweg immer wieder zu Menschen gesprochen und den Lauf der Weltgeschichte verändert hat – das soll erstmal einer nachmachen. Und das schafft schon gar nicht dieser ganze Textmüll, der heute Tag für Tag produziert wird und am nächsten Tag vergessen ist, ins Altpapier gewandert oder in irgendwelche Datenspeicher, wo wir nie wieder nachschauen.

Freude an der Weisung Gottes

Von wie vielen Texten würde man das ernsthaft behaupten, dass sie den Menschen und seine Seele erquicken? Dass sie die Unverständigen weise machen können? Das sie das Herz mit Freude erfüllen? Dass sie gerecht sind? Da liegt die Messlatte schon ziemlich hoch. Wir spüren in diesen Worten immer noch die Freude einer Begegnung mit der Wahrheit: wie das Herz erquickt wird, wenn es Worte hört, die gut tun, die Freude, wenn die Welt entschlüsselt wird durch Worte, die alles an seinen Platz stellen, so dass es passt und das Leben transparent wird, übersichtlich wird, klar und einsichtig. Da kommt ein Gegenüber in unser Leben, eine Stimme, die die Welt durchschaubar macht und uns sagt, wie gutes Leben aussieht.

Diese Weisung Gottes, die Thora, das Gesetz, das begleitet die Juden jetzt schon seit mindestens dreitausend Jahren und hat dafür gesorgt, dass sie als Volk geblieben sind. Seit zweitausend Jahren ist es in der Nachfolge Jesu in der ganzen Welt verbreitet worden. Ohne dieses Buch wäre die Weltgeschichte völlig anders gelaufen.

Aufatmen als Erkennungszeichen

Natürlich ist dieses Buch auch missbraucht worden; wir kennen das vor allem aus der Lebensgeschichte Martin Luthers, der das zuerst als eine niederdrückende Tradition kennengelernt hat, die ihn bedroht hat und ihm das Leben schwer gemacht hat. Er hat das dann später das »Gesetz« genannt und hat immer gesagt: das wichtigste in der Theologie ist es, zu unterscheiden und gut darauf acht zu geben, dass aus der beglückenden Weisung Gottes nicht ein Herrschaftsinstrument wird, das Menschen einschüchtert, niederdrückt und ihnen das Leben unnötig schwer macht. Wenn aus der Thora ein Stock wird, mit dem man auf andere einprügelt, dann produziert das bis heute seelisch Behinderte oder Rebellen, oft beides in einem.

Aber hier im Psalm lernen wir: die Weisung Gottes macht das Leben leichter, sie befreit das Herz, sie lässt aufatmen, und sie sagt uns alles über die Welt, was uns das stumme Gespräch des Universums nicht sagen kann. Die Sterne haben für uns keine Botschaft, aber das Gesetz Gottes sagt uns, wie alles zusammenhängt. Erst aus dem Gesetz Gottes wissen wir, dass die Milchstraßen ihn loben. Erst aus der Schrift hören wir von der Freude der Sonne, wenn sie aufbricht zu ihrem Weg.

Die Antwort von der Erde aus

Die Schrift warnt uns auch, wenn wir gegen die innere Logik der Schöpfung verstoßen. Vorhin haben wir in der Lesung aus der Bergpredigt (Matthäus 6,24-33) gehört, wie Jesus diese Logik der Fülle und des Überflusses beschreibt. Es erquickt das Herz, wenn wir davon hören, dass die Welt nicht arm und kärglich ist, sondern reich und bunt. Der große Lobgesang der Milchstraßen übersetzt sich für uns in das Lob der Erde, die genug für alle hervorbringt und uns die Güte und Großzügigkeit des Vaters im Himmel verkündet. Und das soll unser Herz erquicken, es klüger und furchtloser machen, klarer und freier. Es soll uns davor bewahren, dass wir auf trügerische Menschen hereinfallen, auf leeres Gerede und nutzlose Diskussionen.

Und am Ende antwortet der Beter und stellt sich selbst mit hinein in den großen Gesang der Schöpfung: Lass dir gefallen die Worte meines Mundes! Mögen die Gedanken meines Herzens zu dir gelangen, Gott! Ich bin keine Stern und keine Galaxie, aber du hast dich mir zugewandt und hast verständlich zu mir gesprochen, und auf meine Weise stimme ich ein in den großen Lobgesang deiner Schöpfung!

Mai 202018
 

Predigt am 20. Mai 2018 (Pfingsten) mit 4. Mose 11,11-25

10 Als nun Mose das Volk weinen hörte, alle Geschlechter miteinander, einen jeden in der Tür seines Zeltes, da entbrannte der Zorn des HERRN sehr. Und auch Mose verdross es. 11 Und Mose sprach zu dem HERRN: Warum bekümmerst du deinen Knecht? Und warum finde ich keine Gnade vor deinen Augen, dass du die Last dieses ganzen Volks auf mich legst? 12 Hab ich denn all das Volk empfangen oder geboren, dass du zu mir sagen könntest: Trag es in deinen Armen, wie eine Amme ein Kind trägt, in das Land, das du ihren Vätern zugeschworen hast? 13 Woher soll ich Fleisch nehmen, um es all diesem Volk zu geben? Sie weinen vor mir und sprechen: Gib uns Fleisch zu essen. 14 Ich vermag all das Volk nicht allein zu tragen, denn es ist mir zu schwer. 15 Willst du aber doch so mit mir tun, so töte mich lieber, wenn anders ich Gnade vor deinen Augen gefunden habe, damit ich nicht mein Unglück sehen muss.

16 Und der HERR sprach zu Mose: Sammle mir siebzig Männer unter den Ältesten Israels, von denen du weißt, dass sie Älteste im Volk und seine Amtleute sind, und bringe sie vor die Stiftshütte und stelle sie dort vor dich, 17 so will ich herniederkommen und dort mit dir reden und von deinem Geist, der auf dir ist, nehmen und auf sie legen, damit sie mit dir die Last des Volks tragen und du nicht allein tragen musst. 18 Und zum Volk sollst du sagen: Heiligt euch für morgen, so sollt ihr Fleisch zu essen haben; denn euer Weinen ist vor die Ohren des HERRN gekommen, die ihr sprecht: »Wer gibt uns Fleisch zu essen? Denn es ging uns gut in Ägypten.« Darum wird euch der HERR Fleisch zu essen geben, 19 nicht nur einen Tag, nicht zwei, nicht fünf, nicht zehn, nicht zwanzig Tage lang, 20 sondern einen Monat lang, bis ihr’s nicht mehr riechen könnt und es euch zum Ekel wird, weil ihr den HERRN verworfen habt, der unter euch ist, und weil ihr vor ihm geweint und gesagt habt: Warum sind wir aus Ägypten gegangen? 21 Und Mose sprach: Sechshunderttausend Mann Fußvolk sind es, mit denen ich lebe, und du sprichst: Ich will ihnen Fleisch geben, dass sie einen Monat lang zu essen haben. 22 Kann man so viele Schafe und Rinder schlachten, dass es für sie genug sei? Oder kann man alle Fische des Meeres einfangen, dass es für sie genug sei?

23 Der HERR aber sprach zu Mose: Ist denn die Hand des HERRN zu kurz? Aber du sollst jetzt sehen, ob sich mein Wort an dir erfüllt oder nicht. 24 Und Mose ging heraus und sagte dem Volk die Worte des HERRN und versammelte siebzig Männer aus den Ältesten des Volks und stellte sie rings um die Stiftshütte. 25 Da kam der HERR hernieder in der Wolke und redete mit ihm und nahm von dem Geist, der auf ihm war, und legte ihn auf die siebzig Ältesten. Und als der Geist auf ihnen ruhte, gerieten sie in Verzückung wie Propheten und hörten nicht auf.

Das ist eine Geschichte aus der Wüstenzeit Israels, als sie aus der ägyptischen Sklaverei aufgebrochen waren und auf dem Weg in das Land waren, wo sie als freies Volk leben sollten. Es ist die Ursituation des Wegs in die Freiheit, und da haben sie im Prinzip alles schon einmal durchexerziert, was dann im Rest der Bibel immer wieder in neuer Gestalt begegnet: auf die Befreiung durch Gott folgt der lange Weg, auf dem sie dann auch wirklich selbst freie Menschen werden sollen. Und das ist eine ganz mühsame Angelegenheit.

Sehnsucht nach der guten alten Unfreiheit

Den ehemaligen Sklaven steckt die Sklaverei immer noch in den Knochen, und im Rückblick verklären sie die Zeit im Ägypten und sagen: eigentlich war das doch gar nicht so schlecht! Wenn man mal von der Arbeit absieht, hatten wir da wenigstens zu essen: Fische und Gurken und Melonen und Lauch und Zwiebeln und Knoblauch, ah, lecker war das, gar kein Vergleich zu dem eintönigen Manna hier in der Wüste. Dieses Manna ist eklig. Da breitet sich eine Stimmung aus, wie wenn auf der Klassenfahrt das Essen nicht schmeckt. Oder wie wenn manche Leute früher sagten: Hitler hat wenigstens die Autobahnen gebaut, und da herrschte noch Zucht und Ordnung! Wenn man mal vom verlorenen Krieg absieht, war das damals eine tolle Zeit!

Bild: Papafox via pixabay, Lizenz: creative commons CC0

Es ist eine erstaunliche Erfahrung, wie hartnäckig Menschen festhalten an der guten alten Unfreiheit, sobald der Weg in die Freiheit anstrengend oder unangenehm wird. Ein paar Jahrhunderte später wird das Volk sagen: wir wollen einen König wie die anderen Völker auch, wir wollen nicht immer diese Sonderrolle, anders sein zu müssen und anders zu leben als die anderen, wir wollen doch auch mal royal weddings haben, diese tollen Hochzeiten!

Und später bei Jesus verabschieden sich eine ganze Menge Jünger zwischendurch, weil es ihnen zu hart erscheint, was er von ihnen verlangt, zu anspruchsvoll, vor allem aber: zu weit weg von dem, was alle anderen denken. Oder aber sie wollen es einfach nicht begreifen, was Jesus vor hat, und er sagt dann: wie lange muss ich denn noch bei euch sein, bis ihr endlich versteht?

Ermüdendes Gemecker

Und da ist Jesus ganz nah bei Mose, der sich hier in der Geschichte bei Gott beklagt: womit habe ich das verdient, dass ich mich mit diesen Idioten herumschlagen muss, mit diesen Leuten, die so schnell vergessen, was sie dir verdanken? Ich habe die Nase voll von diesem ewigen Gemecker und Gejammer, das ist zu viel für mich, ich kündige! Und wahrscheinlich ist es so ziemlich jedem Verantwortlichen im Volk Gottes schon mal so gegangen, dass er Gott im Stillen gesagt hat: womit habe ich das verdient, dass ich diese Bande auf Kurs halten soll?

So, das war ein langer Anmarsch, vielleicht haben Sie schon gedacht, ich hätte vergessen, dass heute Pfingsten ist, das Fest des Heiligen Geistes. Aber wir mussten erst die Frage verstehen, auf die der Geist dann die Antwort ist.

Liebe zur Freiheit, Liebe zum Leben

Also: es geht darum, wie Gott es schafft, dass Menschen seine Freiheit als ihre eigene Sache ansehen, dass sie nicht immer wieder erst mühsam erinnert und überzeugt werden müssen, sondern dass sie für Gottes Freiheit um ihrer selbst willen eintreten, nicht weil die Freiheit profitabler oder bequemer wäre, sondern weil sie den befreienden Gott lieben, um seiner selbst willen, nicht weil er ihnen ein besseres Leben gibt, sondern weil Gott so ist, wie er ist. Wir wären doch auch irgendwie nicht zufrieden, wenn jemand zu uns sagt: ich liebe dich von ganzem Herzen, weil deine Bratkartoffeln immer so köstlich schmecken. Ok, Liebe geht bekanntlich durch den Magen, aber irgendwie würden wir uns doch unbehaglich fühlen, wenn wir nur deswegen geliebt würden, weil wir ein Händchen für Bratkartoffeln haben.

Und so möchte Gott eigentlich auch um seiner selbst willen geliebt werden, für das, was er im Herzen trägt, und nicht, weil er uns das Leben immer so schön leicht und mühelos macht oder uns mit anderen Prämien versorgt. Aber wie geht das? Wie soll er das schaffen? Das ist das Problem, auf das der Geist von Pfingsten die Antwort ist. Gott sendet seinen Geist. Gott zieht Menschen auf die andere Seite, auf seine Seite. Gott sorgt dafür, dass er hier auf der Erde Menschen hat, die auch diese Liebe zur Freiheit und die Liebe zum Leben entwickeln wie er.

Mit brennendem Herzen

Mose war so einer. Dem hat die Liebe zum Leben und zur Freiheit von Anfang an im Blut gesteckt. Das hat ihn am Anfang zum Terroristen gemacht, und Gott musste auch ihn erst für eine Zeit in die Wüste schicken, bis er so weit war, dass er sein Volk in die Freiheit führen konnte. Aber diese Liebe zur Freiheit war sein großes Plus. In der Wüste hat er schließlich verstanden, von wem diese Freiheit kommt. Aber dafür gebrannt hat er sein ganzes Leben lang. Das war der Geist, der auf Mose lag.

Aber selbst jemand mit diesem starken Geist kann irgendwann so weit sein, dass er alles hinschmeißen will. Irgendwann ist man es leid, wenn man immer wieder so einen Haufen auf Linie halten soll, dem die Sklavenmentalität hartnäckig in den Knochen sitzt. Und dann sagt Mose, mit vielen anderen Verantwortlichen im Volk Gottes: Gott, kümmer du dich drum, es war schließlich deine Idee und nicht meine. Du hast dieses Projekt Freiheit ins Leben gerufen, nicht ich.

Ausgebrannte Verantwortliche

So verschleißen im Volk Gottes viele Leiter, weil es so mühsam ist, die Motivation anderer mit der eigenen zu stützen.

Mose benutzt dafür zwei ganz zentrale Bilder: das vom Ernähren und vom Tragen. Die Menschen erscheinen ihm wie unmündige Babies, die immer nur versorgt werden wollen, haben wollen, und wenn sie es nicht bekommen, dann schreien sie. Und bis heute ist es ja so, dass Menschen im Volk Gottes dieses Bild benutzen und sagen: wir wollen geistlich ernährt werden! Und genauso dieses Bild vom Tragen: dass Menschen nicht selbst losgehen und sich auf den Weg in die Freiheit machen, sondern dass sie am liebsten jemanden haben möchten, der ihnen diese Mühe abnimmt und sie motiviert und ihnen gut zuredet, und sie immer wieder daran erinnert, worum es geht, so dass sie möglichst nicht selbst diese Energie der Entscheidung aufbringen müssen. Sie bedienen sich an der Energie der Gottesmänner und -frauen.

Und die Lösung Gottes für dieses Problem ist, dass er auch noch anderen von dem Geist des Mose gibt, siebzig Ältesten, die scheinbar schon gewohnt sind, Verantwortung zu tragen. Und dann ist Mose jedenfalls nicht mehr der Einzige, sondern er hat Verstärkung bekommen, andere, die seine Lage teilen. So wie Jesus seit Pfingsten die weltweite Christenheit hat, die er auf seine Seite gezogen hat, die seine Liebe zum Leben und zur Freiheit teilt, aber damit auch diese prekäre Situation, dass man andere mit viel gutem Zureden, mit Schieben und Ziehen in die Richtung bringt, die gut für sie ist, obwohl sie selbst es gar nicht unbedingt wollen.

Gottes Mühe teilen

Vielleicht ist das auch manchmal der tiefste Grund, weshalb Menschen zögern, sich auf ein Leben mit Jesus Christus einzulassen. Sie ahnen, dass sie dann auch diesen Teil seiner Rolle ein Stück weit auf sich nehmen müssen: andere Menschen zu tragen auf dem Weg in die Freiheit, ein Weg, den sie selbst eigentlich nicht wirklich wollen, wenn er mühsam wird.

Man kann sagen: Gott selbst leidet daran, dass Menschen so sind, wie sie sind. Manchmal scheint das auch in der Bibel auf, dass Gott selbst müde wird, weil er seinen Menschen den Weg freigemacht hat, und sie müssten ihn nur noch gehen, und dann sagen sie: ach nee, ich weiß nicht. Und so hat zum Leiden Jesu nicht nur das Kreuz gehört, sondern auch das hartnäckige Festhalten seiner Jünger an den allgemeinen Denkmustern.

Deswegen der Geist. Der Geist pflanzt die Motivation in Menschen ein, dass sie die Sehnsucht Gottes selbst im Herzen haben, dass sie aus eigenem Antrieb die Freiheit im Herzen tragen, und nicht, weil es ihnen jemand vorgeschrieben oder eingeredet hat. Das ist immer ein Wunder, wenn Gott Menschen auf seine Seite zieht, wenn er dafür sogt, dass sie selbst für seine Sache brennen und sich nicht bloß vom fremden Feuer wärmen lassen wollen.

Ein Umbau mit heftigen Nebenwirkungen

Und weil das Menschen so vom Kopf auf die Füße stellt, deshalb ist das manchmal mit heftigen Nebenwirkungen verbunden. Die 70 würdigen Ältesten »gerieten in Verzückung«, wie Luther es übersetzt. Sie gerieten in eine Art Ekstase, sie redeten in Zungen, sie tanzten oder sangen, sie ließen auf jede Art ihre Ehrwürdigkeit hinter sich, weil bei ihnen im Kopf alles durcheinander ging. So ähnlich wie in der Pubertät, wo ja auch vorm menschlichen Gehirn ein Schild hängt »Wegen Umbau außer Betrieb«, so war auch bei denen kurzfristig die Selbstkontrolle wegen Überlastung ausgefallen. Auch das finden wir in der Bibel immer wieder: je mehr Gottes Geist umbauen muss, um so heftiger sind die Reaktionen. Einen wie Paulus musste Gott erst brachial aus dem Verkehr ziehen – Bumm! Bei Maria Magdalena reichte ein kurzes Antippen, und alles war klar.

Kreative Minorität

Gott macht es bei jedem wieder anders, aber am Ende hat er dann Menschen, die sein Herz und seine Leidenschaft teilen. Menschen, die bereit sind, auch diese Last auf sich zu nehmen, die er trägt, die Last der ganzen Menschheit, die sich von ihm abgewandt hat und in ihr Verderben läuft. Gott beeinflusst die Welt durch seine kreativen Minderheiten, die nie die Mehrheit haben, aber von der Wahrheit bewegt sind. Die Wahrheit lässt uns leben, die Wahrheit öffnet uns die Augen dafür, wer wir sind und zu welcher Herrlichkeit wir berufen sind. Aber man kann sie nicht haben, ohne die Last Gottes zu teilen, seine Mühe, wenn er die Welt zurückholen will, und auch das Leid, mit dem Gott an Gewalt und Lüge in der Welt leidet.

Pfingsten ist es geschehen, dass Gott einen fulminanten Anfangspunkt gesetzt hat. Da hat er eine große Menge Menschen auf seine Seite gezogen, eine kritische Masse gebildet, die von nun an die Wahrheit und die Freiheit Gottes in ihre Umgebung hinein ausstrahlt. Menschen, in deren Herz ein Stück von Gottes Herzen gepflanzt war und die deshalb auch bereit sind, Gottes Last mit der Welt auf sich zu nehmen.

Das Menschen so auf eine andere Spur geraten, das können sie vorher nicht planen. Das können sie vorher noch nicht einmal wollen. Im Nachhinein sind wir froh darüber. Aber damit es soweit kommt, braucht es immer wenigstens ein klein bisschen Überwältigung. Im Rückblick sagen wir dann: das war der Heilige Geist. Ohne ihn wäre ich nicht da, wo er mich hingezogen hat.

Mai 132018
 

Predigt am 13. Mai 2018 mit Johannes 14,15-19

Jesus sprach zu seinen Jüngern: 15 Wenn ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote halten. 16 Und ich werde den Vater bitten und er wird euch einen anderen Beistand geben, der für immer bei euch bleiben soll, 17 den Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann, weil sie ihn nicht sieht und nicht kennt. Ihr aber kennt ihn, weil er bei euch bleibt und in euch sein wird. 18 Ich werde euch nicht als Waisen zurücklassen, ich komme zu euch. 19 Nur noch kurze Zeit und die Welt sieht mich nicht mehr; ihr aber seht mich, weil ich lebe und auch ihr leben werdet.

Das sagt Jesus im Johannesevangelium in der Nacht vor seinem Tod. Während die anderen Evangelien davon erzählen, wie Jesus als letzten Willen seinen Jüngern das Abendmahl hinterlässt, erzählt Johannes, wie er seinen Jüngern die Füße wäscht. Damit fängt der Abend an. Und um dieses Zeichen der Fußwaschung kreisen dann die weiteren Gespräche.
Anderen die Füße zu waschen war damals eine niedrige Sklavenarbeit. Mit den Füßen ist man schließlich auf der Straße rumgelaufen, wo sich der ganze Dreck und der Kot von Menschen und Tieren sich sammelt. Bis heute gilt in den vorderasiatischen Kulturen alles als besonders niedrig, was mit Schuhen und Füßen zu tun hat. In Syrien hängen die Soldaten des Regimes Militärstiefel an Stangen und halten sie über die Busse, wenn Menschen aus irgendeinem umkämpften Gebiet abtransportiert werden. Das ist ein demütigendes Zeichen dafür, dass sie verloren haben und jetzt wieder unter den Stiefel der Militärs zurück müssen.

Eine hierarchiefreie Gemeinschaft

Im Israel der Zeit Jesu war noch nicht mal ein jüdischer Sklave verpflichtet, seinem Herrn die Füße zu waschen. Und genau diese Arbeit sucht sich Jesus aus, und er konterkariert damit die Vorstellung, dass der Chef von solchen dreckigen Arbeiten befreit ist.

Bild: Stevebidmead via pixabay, Lizenz: creative commons CC0

Normalerweise ist es ein Statussymbol, wenn man das nicht mehr machen muss. Wer das hinter sich hat, der ist in der Hierarchie schon ein Stück aufgestiegen. Im christlichen Umfeld kann man das aber nie ungebrochen durchhalten, weil Jesus das untergraben hat. Christliche Chefs müssen mindestens so tun, als ob sie ihren Untergebenen dienen. Auch der Papst wäscht an Gründonnerstag Menschen die Füße, traditionell den Kardinälen, aber Papst Franziskus wäscht Strafgefangenen die Füße, womit dieses Symbol erst so richtig Kraft bekommt.

Jesus selbst deutet dieses Symbol und sagt: wie ich mich für euch alle zum Sklaven gemacht habe, so sollt ihr euch auch untereinander die Füße waschen und damit Einer zum Sklaven des Anderen werden. Wenn aber alle Sklaven sind, dann ist es keiner mehr.

Dieser Gedanke einer hierarchielosen Gemeinschaft findet sich in allen Traditionssträngen des Neuen Testaments. Das ist einer der stärksten und deutlichsten Impulse, die Jesus immer wieder gesetzt hat: die Absage an eine patriarchalische Ordnung, wo die Väter das Sagen haben. »So ist es unter euch nicht« hat er den Jüngern eingeschärft, und so hat er seine Gemeinde angelegt als Gemeinschaft von Brüdern, die nicht von einem Vater regiert werden. Und heute ist uns deutlich, dass dazu auch die Schwestern gehören, die auch nicht mehr unter der Fuchtel der jeweils ältesten Mutter stehen.

Beistand für eine Gemeinschaft unter Druck

Das stärkste Symbolbild dafür ist immer noch Jesus, wie er freiwillig die Dreckarbeit annimmt und seinen Jüngern die Füße wäscht. Und es ist kein Zufall, dass sich dieses Bild gerade im Johannesevangelium findet, weil Johannes anscheinend zu einer Gruppe gehört hat, die extrem isoliert war. Die waren eine kleine jüdische Zelle in einem jüdischen Umfeld, das sie ablehnte. Sie standen enorm unter Druck, sowohl vom römischen Imperium als auch von der Seite der jüdischen Offiziellen, die sich mit dem Imperium arrangiert hatten.

Und in dieser Lage hören sie nun durch Johannes, wie Jesus ihnen sagt: ich sende euch den Geist der Wahrheit, den die Welt nicht kennt und deshalb auch nicht empfangen kann. Mit Welt ist hier nicht die gute Schöpfung Gottes gemeint, sondern die Weltordnung, das römische Gewaltsystem, das alles infiltriert und den Menschen einbläut, dass man aufsteigen muss, Karriere machen muss, Macht über andere haben muss. So zerstört es den Zusammenhalt der Menschen, ihre Solidarität miteinander, und spielt alle gegen alle aus. Die »Welt« im Sinne des Johannes ist das genaue Gegenteil von der Gemeinschaft, die Jesus im Sinn hatte.

Johannes sagt also: an seinem letzten Abend hat Jesus die Weichen gestellt für eine alternative Gemeinschaft, die von gegenseitiger Liebe und der Abwesenheit von Herrschaft geprägt ist. Und damit die Nachfolgerinnen und Nachfolger Jesu das auch durchhalten können in einer Umgebung, die ganz anders funktioniert, dafür sendet er ihnen den Heiligen Geist, den Geist der Wahrheit.

Was ist Wahrheit?

Das ursprüngliche Wort, das wir mit »Wahrheit« übersetzen, kommt vom gleichen Wortstamm wie das Wort »Amen«. »Amen« ist ja eine Bestätigung: ja, so soll es sein, das ist gewisslich wahr. Das meine ich ganz ernst. Dabei bleibt es. »Wahrheit« in diesem Sinn geht also in Richtung von Beständigkeit, ja von Treue. Die Wahrheit, von der die christlichen Johannesleute leben, ist die unverbrüchliche Zuwendung Gottes zu seinem Volk. Wenn am nächsten Tag Jesus vor Pilatus stehen wird und ihm sagt: ich spreche von der Wahrheit, also von dem Beständigen, von der Treue, dann wird dieser Funktionär des Imperiums antworten: »Was ist schon Wahrheit?« Wenn man die Macht hat, kann man die Wahrheit drehen und wenden, wie man will. In der Zone der Macht gibt es keine verlässliche Treue, weder zu Menschen, noch zu Grundsätzen, und auch nicht zu Verträgen, wie wir ja jetzt wieder vom amerikanischen Präsidenten deutlich vorgeführt bekommen haben.

Gerade deswegen ist für diese kleinen christlichen Zellen der »Geist der Wahrheit« so wichtig. Sie leben von der unverbrüchlichen Treue Gottes. Ihre einzige Hoffnung ist, dass Gott sein Volk nicht im Stich lässt. Und deshalb sollen sie auch einander nicht im Stich lassen. Die Wahrheit Gottes ist ihre einzige Inspiration. Anders könnten sie es gar nicht durchhalten. Für einen Handlanger der Macht wie Pilatus ist das völlig unzugänglich und undenkbar. Leute wie er sind verschlossen und unempfänglich für den Geist, der diese Gemeinschaften inspiriert. Aber in diesen Gruppen wissen sie, dass das die Kraft ist, durch die sie überleben.

Überleben in Wahrheit

Man kann daran sehen, wie sehr Johannes in der Defensive ist, ganz zurückgedrängt auf den Kern, das Wesentliche. Anscheinend waren die Johannesleute noch weit stärker unter Druck als die Christen sowieso schon. Missionarisch zu sein, oder große Außenwirkung zu erzielen, das ist in seiner Situation gar keine realistische Perspektive. Die sind froh, wenn sie überhaupt als Gruppe einigermaßen überleben. Und ihre einzige Chance ist dieser Geist der Treue und Beständigkeit, der Geist, der die göttliche Wahrheit in die Gemeinschaft bringt und ihr damit ein Widerstandspotential gibt, für das die Pilatus-Ordnung blind ist, weil sie es weder begreift noch für möglich hält. Johannes nennt das oft »Liebe«, aber er meint damit gar nicht die ganzen Emotionen, die für uns in diesem Wort mitschwingen. Bei Johannes bringt Jesus »Liebe« ganz oft mit dem Halten der Gebote zusammen. Es geht nicht darum, welche Gefühle die christlichen Brüder und Schwestern einander entgegenbringen, sondern ob sie bereit sind, einander die Füße zu waschen, füreinander da zu sein, ihre Lebensenergie mit den anderen zu teilen und aneinander festzuhalten. Deswegen ist für uns heute das Wort »Solidarität« die treffendere Übersetzung für das, was Johannes mit dem Wort »Liebe« meint.

Bisher hat Jesus für diesen Zusammenhalt unter seinen Leuten gesorgt. Aber Jesus wird am nächsten Tag sterben, und dann wird die Pilatus-Ordnung natürlich davon ausgehen, dass er ein für allemal erledigt ist. Aber Jesus wird Gott bitten, seinen Leuten einen anderen Helfer zu geben, der in Zukunft sein Werk unter ihnen fortsetzt. Pilatus legt den Fall Jesus ad acta, aber in Wirklichkeit geht es jetzt erst richtig los. Auch wenn die Gruppen, für die Johannes schreibt, ums Überleben kämpfen müssen: in ihnen lebt der Funke einer neuen Welt, die Revolution des Reiches Gottes, und dieser Funke hat das Potential, alles vom Kopf auf die Füße zu stellen und die Welt zurückzuholen in den Gehorsam zu Gott.

Schutz gegen den falschen Glanz

Vielleicht merken Sie, wie weit weg das ist von dem, was Menschen sich landläufig unter Kirchen und Christlichkeit vorstellen. Die einen sagen: ich bin ein anständiger Mensch, weil ich noch keinen umgebracht habe, und deswegen auch ein Christ. Die anderen sagen: ich habe mich immer an die zehn Gebote gehalten! Und dann gibt es noch die Kirche als gesellschaftliche Großorganisation, die Angst bekommt, wenn die Zahlen nach unten gehen und die sich gar nicht vorstellen kann, wie Christentum denn funktionieren kann ohne teuren Verwaltungsapparat, ohne Sitzungen, ohne regelmäßige Einnahmen, und ohne möglichst häufige Präsenz in den Medien.

Solche Vorstellungen sind ziemlich weit weg von dem Bild, das Johannes beschreibt: eine Gemeinschaft von Menschen, wo keiner Macht hat, anderen Lebensenergie zu rauben, wo man aber seine Lebenskraft freiwillig mit anderen teilt. Eine Gruppe von Menschen, die inspiriert ist von dem Bild eines alternativen Miteinanders, das Jesus ihnen hinterlassen hat. Eine Gruppe, die nicht durch die gemeinsame Kultur oder die gesellschaftliche Stellung definiert wird, weder durch Nationalität noch durch Bildung, sondern durch die gemeinsame Hoffnung auf die Treue Gottes, der an seiner Schöpfung und an seinem Volk festhält. Eine Zone der Unabhängigkeit, wo man immun wird gegen die imperiale Propaganda, wo man sich nicht beeindrucken lässt vom falschen Glanz, der von der Ausbeutung fremder Lebenskraft zehrt.

Die Welt braucht inspiriertes Leben

Weltweit betrachtet sind wir hier Menschen auf der Sonnenseite der Welt, auch wenn wir persönlich jeder sein Päckchen zu tragen haben. Aber kaum jemand sonst lebt so sicher wie wir, so geschützt gegen alle möglichen Gefahren. Wir sind alle in Versuchung, uns an eine imperiale Lebensweise zu gewöhnen, die nur auf Kosten anderer möglich ist, auf Kosten der Schöpfung und auf Kosten der Zukunft. Wir sind alle in Versuchung, uns vom imperialen Glanz beeindrucken zu lassen, vom Stil und von der Haltung, denen scheinbar alle nacheifern.

Wir werden uns dem nur dann wirklich entziehen können, wenn wir in solchen inspirierten Gemeinschaften verankert sind wie denen, für die Johannes schreibt. Selbst die muss er immer wieder erinnern an den unglamourösen Jesus, der anderen die stinkenden, verdreckten Füße gewaschen hat. Aber dort, sagt Johannes, ist Gott zu finden, nur dort.

Wir wissen alle nicht, wie die Zukunft aussieht. Aber wir machen uns berechtigte Sorgen. Unsere Welt braucht es dringend, dass es überall solche inspirierten Gemeinschaften gibt, die sich dem Sog von Macht und Glanz entziehen. Aber zuerst brauchen wir selbst es, dass wir das wahre Leben kennen, das in solchen Gemeinschaften zu finden ist. Wir wollen doch nicht so verschlossen und ahnungslos werden wie Pilatus und all die anderen, die nicht über den Tellerrand der imperialen Weltordnung hinaussehen können.

Mai 102018
 

Predigt am 10. Mai 2018 (Christi Himmelfahrt) im Rahmen des Regionalgottesdienstes auf dem Groß Ilseder Hüttengelände mit Offenbarung 5,1-5

Wenn Sie schon einige Himmelfahrtsgottesdienste miterlebt haben, dann wissen Sie, dass Himmelfahrt nichts mit Raketen und Raumfahrt zu tun hat. Aber die Frage bleibt ja immer noch: Was will Jesus da oben eigentlich?

Das Problem dabei ist: man kann darüber am besten in Bildern sprechen. In unserer modernen Humorlosigkeit haben wir vergessen, dass es Realitäten gibt, die sich fast nur in Bildern ausdrücken lassen. Aber deshalb sind sie nicht weniger real. Wir sagen ja auch zu unseren Partnern und Partnerinnen »Schatz« oder »meine Rose« und nicht »meine derzeitige Lebensabschnittsgefährtin, zu der ich eine singuläre Bindung entwickelt habe«. Gut, manche sagen auch »Mausi« oder »Scheißerchen«, aber das ändert das Prinzip nicht: über manche Dinge kann man nur bildhaft reden, und dazu gehört auch der Himmel und alles, was da passiert.

Die Offenbarung des Johannes ist der Teil der Bibel, wo wir die meisten Bilder über den Himmel finden; fast die Hälfte des Buches spielt im Himmel. Und ein zentrales Bild dabei ist das Buch mit den sieben Siegeln, bis heute ein sprichwörtliches Bild für etwas, was man nicht versteht. Aber wenn man das einfach mal liest, dann merkt man: wenn Jesus in den Himmel kommt, ist es gerade seine zentrale Aufgabe, das Buch mit den sieben Siegeln zu öffnen.

In diesem Buch steht die geheime Geschichte der Welt, die Tiefengeschichte Gottes und der Menschen, die Auflösung aller Rätsel und Dunkelheiten der Weltgeschichte. Es ist das Buch mit den geheimen Erinnerungen der Menschheit: alles was versiegelt und verschlossen werden muss, damit wir weiterleben können. Alles, was sich manchmal noch in den Nachtgedanken meldet, aber was wir selbst da kaum ertragen können: Schrecken, Schmerzen, Enttäuschungen, abgeschnittene Wege, Trauer, aber auch ungelebtes Leben, Möglichkeiten, die nicht zur Realität wurden, geheime Weichenstellungen, die alles Weitere überschattet haben. Und auch wenn das versiegelt und weggeschlossen ist, es ist doch noch da.

Viele Geschichten darüber gäbe es zu erzählen; ich bin neulich auf den Artikel einer jungen Journalistin gelesen, die auf dem Boden des elterlichen Hauses auf die Briefe gestoßen ist, die sich ihr Großvater und ihre Großmutter geschrieben haben, von der ersten zarten Bekanntschaft bis zu den Feldpostbriefen aus dem zweiten Weltkrieg. Und sie sagt: ich habe meine verstorbene Oma von einer Seite kennengelernt, von der ich vorher nichts, aber auch gar nichts ahnte. Ich habe sie in Erinnerung als ein geschlechtsloses Wesen, das sich immer beige kleidete, eine gesetzte ältere Dame, die sonntags mit ihrem Kränzchen im Cafe ein Stück Mokka-Bisquit aß und ein Kännchen Kaffee Hag trank. Und jetzt lese ich diese Briefe, und es sind Liebesbriefe: voll Hingabe und Lust, voll Erotik und Humor, die überhaupt nicht passen zu dieser älteren Dame, die sich nur bei den Kirschlikör-Pralinen ein ganz klein wenig gehen ließ. Und sogar Fotos von dem Mann liegen dabei, ein schöner Mann, und auf zwei Fotos hat er gar nichts an, und die Enkelin fragt sich: wie oft hat sich die Oma diese Bilder wohl sehnsüchtig angeguckt, als er im Krieg war?

Und dann findet sie einen Brief von ihrer Oma, wo sie dem geliebten Mann Rosenblätter an die Front geschickt hat. Aber der Brief ist zurückgekommen. Und auch alle weiteren Feldpostbriefe sind zurückgekommen, weil niemand mehr wusste, wo dieser Soldat war. Er ist verschollen. 40 Jahre später stellte sich heraus, dass er wahrscheinlich in einem Kriegsgefangenenlager im Kaukasus gestorben ist.

Solche Geschichten meine ich, wenn ich von der geheimen Geschichte dieser Welt spreche, von dem Buch mit den sieben Siegeln. In diesem Fall ein beiges, unauffälliges Siegel, mit dem die Großmutter ihren Schmerz und ihre Trauer versiegelt und weggeschlossen hat, aber damit hat sie auch die Erinnerung an die Zeit weggeschlossen, als sie mit Lust und Liebe eine junge Frau voller Leben und Begeisterung war. Und das alles gab es für sie irgendwann nicht mehr.

Können Sie sich vorstellen, wie viele solche Siegel auf menschlichen Herzen gedrückt worden sind, weil man nicht gewusst hat, wie man mit solchen Erinnerungen weiterleben soll? Und wie viele Erinnerungen bis heute so versiegelt werden, jeden Tag, schreckliche Erinnerungen? Wie sollen all diese Siegel jemals wieder geöffnet werden? Auch damit die Lebenskraft frei wird, die da mit eingesperrt ist, die Freude, Lust und Liebe?

Und in der Offenbarung (5,4) heißt es: der Seher Johannes weinte, weil es niemanden gab, der die sieben Siegel an diesem Buch öffnen konnte. Es ist zu schlimm. Keiner kann sich da rantrauen. Es ist ein schrecklicher, trauriger Moment, wo die Möglichkeit sichtbar wird, dass all diese Siegel nie geöffnet werden könnten. Aber dann kommt das Lamm und öffnet die Siegel, eins nach dem anderen. Und als moderner Mensch kann ich mich jetzt natürlich darüber aufregen, wie denn ein Lamm mit seinen Hufen die Siegel an einem Buch aufmachen kann. Aber das ist ein Bild, und wir müssen wieder lernen, Bilder zu lesen. Es ist ein Bild für Jesus, der sich als Einziger an diese Gewalt- und Leidgeschichte der Menschheit herantraut.

Er hat sich am Kreuz selbst in die Gewalt- und Todesgeschichte hineingestellt, hat sie auf sich genommen und getragen. Und deshalb kann das jetzt geheilt werden. Jesus hat ja selbst nichts zu dieser Schreckensgeschichte beigetragen, er war gewaltlos, er hat nicht zu denen gehört, die Leid ummünzen in Erbitterung, Empörung und Gewalt, sondern er hat das alles auf sich genommen und getragen, und deshalb kann er dieses verschlossene Buch der Rätsel und Abgründe öffnen. Er kann das mit Gottes Verheißung für seine Welt zusammenbringen und es so heilen. Er öffnet die Siegel, damit das Verschlossene geheilt wird.

Das ist es, was Jesus im Himmel macht. Das ist der Weg, wie er die Welt regiert. Seit damals werden in seinem Namen Siegel geöffnet, die beigen ebenso wie die blutroten. Die Siegel, mit denen das Leben der Völker und Klassen genauso versperrt und verriegelt ist wie das Leben von Frauen, Männern, Kindern und Familien. Im Himmel sieht man deutlich, was auf der Erde bisher nur vorläufig und im Verborgenen geschieht. Aber vom Himmel her infiltriert Jesus die Erde. Er regiert sie durch seine Leute, die sich, von ihm inspiriert, herantrauen an die Dunkelheiten und Abgründe, mindestens ein Stück weit: an Siegel, mit denen die Lebenden sich plagen und an die Siegel, unter denen die Toten begraben liegen. Die Welt kommt in Bewegung, wo die Siegel gebrochen und Menschen lebendig werden, wo das alte Unrecht und die alten Schmerzen sich wieder melden, aber auch die gefangene Lebenskraft wieder frei wird. Bei Einzelnen wie bei ganzen Völkern. Das ist kein Spaß, es ist nicht feierlich, wenn Jesus herauskommt aus dem Gefängnis der Harmlosigkeit, in das Menschen ihn (und sich selbst) zu oft gesperrt haben.

Jesus, das Lamm, heißt beim Seher Johannes auch »der Löwe«, der Löwe von Juda. Und Löwen sind nicht zahm. Vom Himmel aus infiltriert Jesus die Welt, und er würde sich freuen, wenn du dabei mitmachst.

Apr 242018
 
Alle Posts: |  |  |  |  |  |

Seit 2014 habe ich mich intensiv mit der Offenbarung des Johannes beschäftigt, habe über diese Schrift nachgedacht und über sie gepredigt. Nicht über ausgewählte Häppchen, sondern über den ganzen Text. Und im Lauf der Zeit wuchs in mir die Überzeugung, dass dies in mehrfacher Hinsicht ein Schlüsseltext ist.

Warum?

Zunächst einmal ist das Buch der Abschluss der ganzen christlichen Bibel. Und wenn wir die Bibel als Gesamtheit ernst nehmen, dann sind Anfang und Ende Positionen, die noch einmal ein besonderes Gewicht haben. Für die Schöpfungsgeschichte würden wir das ja auch sofort zugeben. Es ist erstaunlich, wie viele im Vergleich dazu mit der Offenbarung fremdeln.

Damit es nicht bei diesem eher formalen Argument bleibt: In der Offenbarung geht es noch betonter als in vielen anderen Teilen der Schrift um die Gegenwart. Die Offenbarung ist ein Ausblick auch in die nachbiblische Zeit. Die Praxis der Gemeinden in der Zeit nach Jesus ist ausdrücklich das Thema. Deshalb stehen in den Kapiteln 2 und 3 die sieben Sendschreiben an sieben kleinasiatische Gemeinden, die letztlich für die Kirche insgesamt stehen. Die Offenbarung stellt – das ist ihr spezielles Anliegen – die Praxis dieser Gemeinden in einen globalen Horizont. Sie beschreibt die Rahmenbedingungen, unter denen seither christliche Gemeinden leben und arbeiten.

Welche sind das?

Die Offenbarung beschreibt eine Welt, die von dramatischen Erschütterungen und zerstörerischen Konflikten gezeichnet ist. Das war auch der Grund, weshalb ich mich auf den Weg durch dieses Buch gemacht habe: ich wolte den Hintergrund der Konflikte verstehen, die uns – gefühlt vielleicht seit Beginn des neuen Jahrtausends – immer heftiger auf den Leib rücken. Wichtige, aber nicht einzige Wegmarken waren für mich dabei die Finanzkrise von 2008 und der arabische Frühling 2011 mit all seinen Folgen, einschließlich des schrecklichen syrischen Bürgerkrieges. Und natürlich das Aufkommen eines neuen Autoritarismus weltweit und auch in unserem Land.

Als ich Anfang 2014 begann, mich in die Offenbarung einzuarbeiten, erlebten wir gerade aus der noch halbwegs sicheren Ferne die Euromaidan-Proteste in der Ukraine mit. Als ich knapp drei Jahre später im Neuen Jerusalem angekommen war, wurde Donald Trump zum amerikanischen Präsidenten gewählt. Und jedes Mal (wie auch immer wieder zwischendurch) dachte ich: Es ist wirklich an der Zeit, noch einmal ganz neu auf die Offenbarung zu achten.

Für die Offenbarung spricht, dass sie solche Konflikte nicht als Unfälle in einer ansonsten stabilen Welt ansieht, sondern als charakteristisches Merkmal der Welt, in der die christlichen Gemeinschaften leben und oft genug auch zu kämpfen haben. Zu oft haben wir gehört, dass Jesus Frieden bringt. Ich verstehe, was damit gemeint ist. Aber ich glaube, dass wir heute vor allem verstehen müssen, warum er von sich gesagt hat, er sei „gekommen, um ein Feuer auf Erden anzuzünden“ und ungeduldig darauf gewartet hat, dass es endlich zu brennen anfängt (Lukas 12,49ff). Von dieser Art von Konflikten, die Jesus provoziert (und selbst durchlitten) hat, redet die Offenbarung.

Sie bleibt aber nicht bei der Geschichte Jesu von Nazareth stehen, der zu Beginn des 1. Jahrhunderts mit seinen Anhängern durch Galiläa und Judäa zog, die Herrschenden herausforderte und in diesem Konflikt starb. Sie schreibt diese Geschichte fort in eine weltweite Zukunft hinein. Diese Zukunft ist unsere Situation – bis heute. Das Thema der Offenbarung ist die weltweite Ausbreitung des fundamentalen Konflikts, der spätestens bei Jesu Kreuzigung unübersehbar geworden ist. Es ist der Konflikt zwischen dem Gott der Liebe, der in Jesus kommt, um seine Schöpfung zu befreien, und den Mächten des Todes, die unsere Welt beherrschen, aussaugen und – wenn man sie lässt – am Ende zerstören werden.

In diesem Konflikt spielen die christlichen Gruppen eine Schlüsselrolle. Deshalb die Sendschreiben am Anfang der Offenbarung. Sie richten sich an sehr überschaubare Gruppen, die in einer religionssoziologischen Studie über das Kleinasien des 1. Jahrhunderts gar nicht auftauchen würden, weil sie zu klein waren. An eine gesellschaftsprägende Wirkung war überhaupt nicht zu denken. Die waren wahrscheinlich schon froh, wenn sie als Gemeinschaft überlebten.

Trotzdem verortet die Offenbarung sie im Zentrum des Konflikts. Ihre Standhaftigkeit und ihre Fähigkeit, die Differenz zu ihrer Umgebung aufrechtzuerhalten, sich nicht an die imperiale Ideologie zu verkaufen, ist von höchster Bedeutung.

Warum das so ist, und warum Johannes diese merkwürdigen Bilder benutzt, darüber folgt in Kürze mehr. Wer möchte, kann ab heute aber auch mein Buch über die Offenbarung des Johannes lesen.

Alle Posts: |  |  |  |  |  |

Apr 222018
 

Predigt am 22. April 2018 zu Psalm 8

1 DEM MUSIKMEISTER. AUF DER GITTIT. EIN DAVIDSPSALM.
2 HERR, unser Herrscher‚*
wie herrlich ist dein Name auf der ganzen Erde!
Deine Hoheit zeigst du weit über die Himmel hin.*
3 Mit der Kinder und Säuglinge Mund
hast du eine Feste gegründet, deinen Gegnern zum Trotz,*
zum Schweigen zu bringen den Feind und den Rächer.
4 Schaue ich deinen Himmel, das Werk deiner Finger‚*
Mond und Sterne, die du befestigt hast:
5 Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst,*
des Menschen Kind, dass du seiner dich annimmst?
6 Du hast ihn nur wenig geringer gemacht als Gott‚*
hast ihn gekrönt mit Herrlichkeit und Pracht.
7 Du hast ihn als Herrscher gesetzt über das Werk deiner Hände‚*
alles legtest du ihm unter die Füße:
8 die Schafe und Ziegen und Rinder‚*
und auch die Tiere des Feldes,
9 die Vögel des Himmels und die Fische im Meer,*
und ihn, der dahinzieht die Pfade der Meere.
10 HERR, unser Herrscher‚*
wie herrlich ist dein Name auf der ganzen Erde!

Dieser Psalm fängt an als Lob Gottes und setzt sich fort als Lobpreis des Menschen. Der ganze Mittelteil ist ein Staunen über das menschliche Potential, dass dieses geringe Menschengeschöpf von Gott so überaus erhöht wird. Aber dieses Lob des Menschen ist gerahmt vom Lobpreis Gottes, der das alles erstaunlicher Weise genau so gewollt hat.

Großer Gott — kleiner Mensch?

Wir kennen ja vielleicht Traditionen, in denen Gott dadurch erhöht wird, dass man den Menschen möglichst klein macht. Luther z.B. hat von sich selbst immer mal wieder als von einem »fetten, stinkenden Madensack« gesprochen. Und immer mal wieder hören wir, dass wir als Menschen nichts tun können, dass wir ohnmächtig sind und Gott an unserer Stelle und für uns handeln muss. Und man glaubt, damit Gott besonders zu rühmen.

Hier im Psalm ist der Ton völlig anders. Die Herrlichkeit Gottes zeigt sich gerade darin, dass er den Menschen groß macht. Das ist es, worüber der Psalmsänger total erstaunt ist, wenn es sich klar macht: Gott hat die unendlichen Weiten des Weltalls geschaffen, er hat den Mond und die Sterne auf ihre Bahnen gesetzt, wir würden heute sagen: er die Milliarden und Abermilliarden Galaxien geschaffen, und wenn wir nachts unter dem Sternenhimmel stehen, dann wird uns erst bewusst, wie klein wir sind. Und trotzdem hat er sich in ganz besonderem Maß dem schwachen und äußerlich so unscheinbaren Menschen zugewandt. Wie kann das sein? Der Schöpfer des Universums schaut – auf uns?? In gewisser Weise sind wir doch wirklich nur nackte Affen. Warum sind ausgerechnet wir die Zentralfigur der Schöpfung? Warum schaut Gott vor allem auf uns, wenn er seine Schöpfung anschaut? Was ist denn an uns Besonderes? Sind nicht vielleicht viele, viele Planeten im weiten Weltall bewohnt wie die Erde?

Auf der Suche nach dem spezifisch Menschlichen

Es hat viele Theorien darüber gegeben, was das eigentlich Besondere am Menschen ist. Die einen sagen: die Vernunft ist das Einzigartige am Menschen, anderen meinen: es ist die Sprache. Oder es ist der Gebrauch von Werkzeugen. Oder es ist Freiheit von vielen Instinkten – wir bauen unsere Nester nicht instinktiv wie die Ameisen oder die Vögel, sondern planen unsere Häuser vorher, haben vorher ein Bild vom Ergebnis im Kopf. Oder ist es vielleicht die Fähigkeit zur Kooperation, dass wir gemeinsame Projekte anpacken können? Oder könnte es sein, dass das spezifisch Menschliche darin besteht, dass wir die Zukunft in Gedanken vorwegnehmen können, dass wir auch wissen, dass wir eines Tages sterben müssen?

Aber immer wenn jemand so eine Theorie darüber entwickelt, was das spezifisch Menschliche ist, dann kommt ein Forscher und sagt: Das ist aber kein grundsätzlicher Unterschied zu den Tieren. Auch Tiere können zielgerichtet handeln. Auch Tiere verständigen sich mit Signalen. Auch manche Tiere haben eine Ahnung von ihrer Sterblichkeit. Auch manche Tiere benutzen so etwas wie Werkzeuge, um sich Nüsse aufzuklopfen. Und viele Tierhalter sind fest davon überzeugt, dass ihr Hund sie zutiefst versteht und eigentlich sowieso der bessere Mensch ist.

Wenn wir jetzt noch einmal auf den Psalm schauen, dann können wir sehen, wie dort zwar beschrieben wird, dass der Mensch eine besondere Stellung gegenüber den Tieren hat. Aber der Mensch wird nicht in Abgrenzung zu den Tieren definiert. Dass der Mensch anders ist als die Tiere, dass er sie sogar beherrscht, das wird hier schlicht als Fakt vorausgesetzt. Aber das macht den Menschen nicht zum Menschen. Wir sind nicht deshalb etwas Besonderes, weil wir besser oder schlauer sind als die Tiere, sondern weil Gott sich aus Gründen, die wir nicht durchschauen, ausgerechnet uns zugewandt hat.

Der Mensch ist angeredet

Genau darüber staunt der Psalm: »Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, und des Menschen Kind, dass du seiner dich annimmst?« Man könnte sogar sagen: die Sonderstellung des Menschen ist nicht darin begründet, dass wir vernünftig sind oder sprechen können, sondern gerade andersherum: weil Gott uns angeredet hat, deshalb konnten wir Sprache entwickeln. Weil Gott sich auf besondere Weise unserer angenommen hat, deshalb können wir seine Gedanken verstehen und sind etwas Besonderes.

Es ist wie bei vielen anderen Überlegungen: nimm Gott raus aus dem Bild, und alles kommt aus dem Gleichgewicht, es wird schief und problematisch. Wenn wir das Besondere des Menschen nicht wie der Psalm in der Erwählung durch Gott sehen, sondern in Abgrenzung zu den Tieren bestimmen, was folgt daraus? Dann müssen wir die Tiere klein machen, um uns groß zu machen. Sie kennen das vielleicht, dass reiche Leute gern auf Großwildjagd gehen, die letzten Elefanten oder Löwen abknallen, und man hat das Gefühl: die brauchen das, weil sie sich so bestätigen, dass sie noch stärker sind als Löwe oder Elefant. Wer sein eigenes Wesen in der Abgrenzung zu anderen sieht, der muss die anderen klein halten, weil sonst seine eigene Größe und seine Identität bedroht wäre.

Wenn wir aber einfach konstatieren, dass Gott uns unbegreiflicher Weise als etwas Besonderes gewollt hat, ohne dass wir irgendetwas dazu getan hätten, dann empfangen wir unser Wesen und unsere Sonderstellung von Gott und müssen uns nicht immer wieder unsere Überlegenheit bestätigen, indem wir die Tiere klein halten.

Der freie Mensch ist Gottes Ruhm

Gott braucht es ja auch nicht, dass er immer wieder bestätigt bekommt, wie viel stärker oder größer er ist als wir. Seine Herrlichkeit zeigt sich im Gegenteil gerade in der Größe seines Geschöpfes, des Menschen. Gottes Herrlichkeit zeigt sich an freien Menschen, die aus seiner Zuwendung leben und in Freiheit und Verantwortlichkeit die Schöpfung gestalten. Die wahre Größe des Menschen preist Gott.

Deswegen heißt es nicht: wie herrlich ist deine Schöpfung! Sondern: wie herrlich ist dein Name auf der ganzen Erde! Die Erwähnung des Namens Gottes erinnert immer daran, dass Gott sich ansprechbar gemacht hat, dass er mit uns in eine Beziehung eintritt. Die volle Herrlichkeit erreicht die Schöpfung also dann, wenn dort Wesen sind, die mit Gott kommunizieren, die von ihm angesprochen werden und ihm antworten. Erst damit ist die Schöpfung vollständig. Und diese Wesen, die Menschen, die hat Gott nur ein klein wenig geringer gemacht als sich selbst. Er wollte Wesen, mit denen er auf Augenhöhe, oder jedenfalls beinahe auf Augenhöhe kommunizieren kann.

Wenn man das auf unser Verhältnis zu den Tieren anwendet, dann würde das bedeuten: wir erreichen unsere wahre Größe als Menschen gerade dann, wenn wir die Tiere in ihrem ganzen Potential fördern, vielleicht Dinge an ihnen entdecken, von denen jetzt noch niemand ahnt, sie in jedem Fall nicht in Tierfabriken einsperren und als Anhängsel einer seelenlosen Maschinerie weit unter ihren Möglichkeiten vernutzen.

Aus dem Mund der Kleinen …

Und nun steht ganz am Anfang eine merkwürdige Zeile, die im Alten Testament ganz einzigartig ist. Aber wir haben vorhin in der Lesung gehört, dass Jesus sie zitiert (Matthäus 21,16), als die Priester sich bei ihm beschweren, weil die Kinder im Tempel »Hosianna dem Sohn Davids« schreien. Und da entgegnet Jesus mit dieser Stelle: »Aus dem Munde der Unmündigen und Säuglinge hast du dir Lob bereitet«.

Der Zusammenhang hier im Psalm scheint zu sein: es gibt Mächte der Zerstörung, die nicht zulassen wollen, dass Gottes Herrlichkeit sich in seinem Geschöpf, dem Menschen, widerspiegelt. Es gibt schon von Anbeginn der Schöpfung an die Stimme der Skepsis, die sagt: so gut kann es doch gar nicht sein! Wir wollen doch nicht alle Hurrajubler sein. Einer muss doch mal ein bisschen Wasser in den Wein gießen. Alles hat zwei Seiten, und auch die Welt muss ihre dunkle Seite haben. Und diese Stimme der Skepsis, man könnte auch sagen: die Stimme des Meckerns und der Unzufriedenheit, die sucht Verbündete. Nichts wäre für sie schlimmer, als wenn alle anderen sagen würden: wunderbar! Herrlich! Gott hat es richtig toll hingekriegt! Dann käme nämlich heraus, dass nicht Gott das Problem ist, sondern der ewige Skeptiker selbst. Und deshalb versucht er, die Ehre Gottes zu beschädigen, indem er den Menschen beschädigt.

Wir wissen aus der Schöpfungsgeschichte, dass ihm das leider gelungen ist: er hat sein eigenes Misstrauen in den Menschen, das herrliche Geschöpf Gottes, eingepflanzt. Und jetzt sagt der Psalm: aber bei den Kindern und Säuglingen ist ihm das nicht gelungen. Die schreien ihre Lebensfreude heraus, und im Tempel scheren sie sich nicht um die heiligen Vorschriften der Priester, sondern nennen Jesus bedenkenlos den »Sohn Davids«. Der Feind hat vieles verdorben in der Welt, aber jede neue Generation muss er erst wieder neu mit Misstrauen infizieren, er muss ihnen mühsam die Freude am Leben austreiben. Und an den Kindern bekommen auch die Erwachsenen wieder eine Ahnung von der einfachen Freude am Sein, am Leben. Und immer wieder werden auch die Erwachsenen neu verzaubert von dem Augenblick, wenn ein neuer Mensch seine Lungen entfaltet und mit lauten Schreien die Welt begrüßt. Und für die Stimme der Skepsis ist das jedes Mal wieder ein Schlag ins Gesicht. Gottes Größe zeigt sich daran, dass er gerade durch die Kleinsten verherrlicht wird.

Alle tragen gleichermaßen Gottes Bild

So groß wird im Alten Testament vom Menschen gesprochen. Und das wird noch erstaunlicher, wenn man weiß, dass in der alten Welt bei den anderen Völkern so nur von den Königen gesprochen wurde. Der König, der war das Bild Gottes, der war der Inbegriff göttlicher Herrlichkeit. In wessen Adern königliches Blut floss, der war etwas ganz anderes als alle anderen. Aber hier wird vom Menschen gesprochen, von der ganzen Menschheit und von jedem einzelnen Menschen. Wir alle gemeinsam und auch jeder Einzelne haben die Herrlichkeit und Würde, die bei den anderen Völkern nur dem König zukam und seine Herrschaft begründete.

Es ist wahr, dass Menschen beschädigt sind in ihrem Auftrag, Bild Gottes zu sein. Es ist wahr, dass Menschen ihre Sonderstellung falsch verstanden und missbraucht haben, dass wir vergessen haben, dass diese Stellung ein Geschenk ist, auf das kein Recht haben, ein Auftrag, über den wir Rechenschaft ablegen müssen.

Gottes Grundentscheidung ändert sich nicht

Aber trotz allem bleibt diese Entscheidung Gottes gültig, dass die Menschen Stellvertreter Gottes in der Schöpfung und seine Ansprechpartner auf der Erde sind. Das ist unsere wahre Berufung. Und als Menschen sich immer weiter von dieser Berufung entfernten, da hat Gott selbst dafür gesorgt, dass mit Jesus ein Mensch lebte, der dieser Berufung gerecht wurde. Er erinnert uns an unsere wahre Wirklichkeit. Er ist der Anfang der neuen Menschheit, die sich von der Skepsis getrennt hat und voller Freude vor Gott auf seiner Erde lebt.

Dieser Psalm ist ein Aufruf, unsere wahre Größe in Gott zu entdecken und nicht gegen Gott oder ohne Gott. Eine Einladung, dankbar teilzunehmen am Staunen darüber, dass Gott gerade uns begnadet und berufen hat, gerade uns es zutraut, mit unserem Leben und unserem Lob seine Herrlichkeit zu vollenden.

Apr 082018
 

Predigt am 8. April 2018 zu Markus 16,9-20


Wir hören heute auf die letzten Verse des Markusevangeliums, Kapitel 16, die Verse 9-20. Dieser Abschnitt ist in vielen Bibeln als irgendwie besonders gekennzeichnet, weil er vermutlich ein späterer Zusatz ist. Das Markusevangelium endet davor in Vers 8 mit dem rätselhaften Satz, dass die Frauen, die den auferstandenen Jesus sahen, niemandem davon erzählten, »denn sie fürchteten sich«. Punkt, Evangelium zu Ende.

Es gibt viele Theorien darüber, weshalb das Markusevangelium so merkwürdig endet; einige glauben, dass schlicht das letzte Blatt verloren gegangen ist, andere haben sich tiefsinnige Gedanken darüber gemacht. Man kann es letztlich nicht mit Gewissheit sagen. Und schon ganz früh scheint man das als ein Problem empfunden zu haben, jedenfalls hat irgendjemand nachträglich die Verse 9-16 hinzugefügt, vermutlich jemand aus der zweiten Generation der Nachfolger Jesu, und man merkt da deutlich, dass er sich bei den Geschichten bedient haben muss, die auch in den anderen Evangelien erzählt werden. Aber man erkennt diese Geschichten nur so ungefähr wieder; es muss damals eine ganze Menge von Auferstehungsgeschichten gegeben haben, die nur mündlich und in verschiedenen Versionen im Umlauf waren.

9 Als aber Jesus auferstanden war früh am ersten Tag der Woche, erschien er zuerst Maria Magdalena, von der er sieben Dämonen ausgetrieben hatte. 10 Und sie ging hin und verkündete es denen, die mit ihm gewesen waren, die da Leid trugen und weinten. 11 Und als diese hörten, dass er lebe und ihr erschienen sei, glaubten sie nicht. 12 Danach offenbarte er sich in anderer Gestalt zweien von ihnen unterwegs, als sie aufs Feld gingen. 13 Und die gingen auch hin und verkündeten es den andern. Aber auch denen glaubten sie nicht. 14 Zuletzt, als die Elf zu Tisch saßen, offenbarte er sich ihnen und schalt ihren Unglauben und ihres Herzens Härte, dass sie nicht geglaubt hatten denen, die ihn gesehen hatten als Auferstandenen. 15 Und er sprach zu ihnen: Gehet hin in alle Welt und predigt das Evangelium aller Kreatur. 16 Wer da glaubt und getauft wird, der wird selig werden; wer aber nicht glaubt, der wird verdammt werden. 17 Die Zeichen aber, die folgen werden denen, die da glauben, sind diese: In meinem Namen werden sie Dämonen austreiben, in neuen Zungen reden, 18 Schlangen mit den Händen hochheben, und wenn sie etwas Tödliches trinken, wird’s ihnen nicht schaden; Kranken werden sie die Hände auflegen, so wird’s gut mit ihnen. 19 Nachdem der Herr Jesus mit ihnen geredet hatte, wurde er aufgehoben gen Himmel und setzte sich zur Rechten Gottes. 20 Sie aber zogen aus und predigten an allen Orten. Und der Herr wirkte mit ihnen und bekräftigte das Wort durch die mitfolgenden Zeichen.

Jesus ist auferstanden, und die Menschen fangen an, ungewöhnliche Dinge zu tun. Das ist der grundlegende Zusammenhang. Die Kraft der Auferstehung Jesu übersetzt sich in eine ungewöhnliche Lebenspraxis. Vorhin in der Lesung (Epheser 1,18-23) haben wir es gehört: Ihr sollt erkennen, heißt es da, »mit was für einer überwältigend großen Kraft Gott unter uns, den Glaubenden, am Werk ist. Es ist dieselbe gewaltige Stärke, mit der er am Werk war, als er Christus von den Toten auferweckte.«

Eine Kraft für alle

Was da im Epheserbrief begrifflich gesagt wird, das wird hier erzählt: es ist ein und dieselbe Kraft, mit der Gott Jesus von den Toten auferweckte, und mit der er im Leben all derer wirkt, die an Jesus glauben. Jesus hat Maria Magdalena von sieben bösen Geistern befreit, und jetzt gehen seine Nachfolger los und treiben auch böse Geister aus. Jesus hat Kranke gesund gemacht, und genauso machen das jetzt auch andere, die an ihn glauben.

Und wenn wir das jetzt auf uns anwenden, dann heißt das: in deinem Leben soll sich dieselbe Kraft entfalten, die Jesus aus dem Reich des Todes befreit hat. Jesus will aus deinem Leben eine befreite Zone machen, in der nichts mehr bestehen bleiben soll, was nach Tod riecht. Der Fürst der Finsternis ist überwunden, seine Macht ist gebrochen, und deshalb können wir ihn rausschmeißen aus unserem Umfeld. Ganz normale Menschen können ihn angreifen und überwinden. Er ist nur noch ein Pappkamerad.

Das Problem ist, dass es leider viele Leute gibt, die auch noch vor einem Pappkameraden stramm stehen. Menschen, die innerlich nicht loskommen von ihrem Respekt vor all den Mächten, die die Welt im Griff haben. Menschen, die sich selbst in ihren Gedanken begrenzen, die sich selbst ängstlich einfügen in den Denkrahmen, der ihnen vorgegeben wird von ihrer Familie, von ihrer Firma, von der Behörde, in der sie arbeiten, von ihrem Freundeskreis oder den Trends in der Gesellschaft überhaupt.

Wahrscheinlich haben es viele von uns z.B. schon beim Kontakt mit Behörden erlebt, dass es da zwei Sorten von Mitarbeitern gibt: die einen kleben an einer wörtlichen Auslegung ihrer Vorschriften, verbieten sich jeden Gedanke, der diesen Rahmen überschreitet, und sagen im Zweifelsfall vorsichtshalber erst mal: das geht nicht! Die anderen versuchen, eine Lösung zu finden, die niemandem schadet und für alle akzeptabel ist. Die einen gehen souverän mit der gegebenen Lage um, die anderen haben Angst.

Neue Souveränität

Die Kraft hinter der Auferstehung Jesu zielt immer darauf ab, dass Menschen souverän mit ihrem Leben und der Welt umgehen, sich nicht einschüchtern lassen, ein klares Gespür für Gut und Böse haben, ungewöhnliche Lösungen für alte Probleme haben, Ausbeutung und Raub von Lebensenergie in jeder Form nicht beschönigen, komplizierte Zusammenhänge überschauen und aushalten können und auf einer sehr tiefen Ebene nach einem anderen Schema denken als ihre Umgebung. Es geht nicht um Zwergenaufstände und oberflächliche Rebellionen, das macht heute jeder. Es geht um einen fundamentalen Konflikt in der Sicht auf die Welt: ist der Tod eine unhinterfragbare Tatsache, oder ist dieser Grundstein allen menschlichen Zusammenlebens relativiert, begrenzt, in Frage gestellt?

Wenn in uns die Kraft lebt, die Jesus von den Toten auferweckt hat, dann wird unser Leben ein umkämpftes Gebiet, wo Tod und Leben sich um die Herrschaft streiten. Wir bekommen nicht weniger Konflikte, aber andere, fruchtbarere. Die neue Logik der Auferstehung Jesu und die Logik des Machtsystems, in dem wir leben, die geraten in Konflikte. Wenn Jesus Dämoninnen und Dämonen austrieb, dann gab es Geschrei und heftige Reaktionen zwischen ihm und seinem Gegenüber. Bei uns läuft in der Regel die Frontlinie mitten durch uns selbst und unser Leben hindurch. Auf einmal melden sich die Leichen im Keller. Deshalb lassen sich viele Menschen nicht allzu sehr auf das Auferstehungsleben ein, weil sie ahnen, dass dann auch in ihnen selbst Konflikte beginnen würden.

Überrascht von der Auferstehung

Dass die Jünger Jesu zuerst nicht glaubten, dass er lebt, das lag aber vermutlich daran, dass das ein ganz neuer Gedanke war. Die Juden haben wohl an die Auferstehung am Ende der Zeiten geglaubt, aber dass ein Mensch jetzt schon auferstehen könne, und dass diese Kraft des neuen Lebens jetzt schon unter Menschen präsent sein könnte, das sprengte ihren ganzen Denkrahmen. Es stellte ihre Vorstellung davon in Frage, was realistisch ist und was nicht.

Um diese Grenze bei den Jüngern zu durchbrechen, reichte es nicht, dass sie von Begegnungen mit dem auferstandenen Jesus hörten. Eine Frau als Zeugin reichte nicht. Zwei Männer als Zeugen reichten nicht. Jesus musste selbst kommen. Und die vielen verschiedenen Berichte in den Evangelien lassen vermuten, dass er in den ersten Wochen nach der Auferstehung wieder und wieder zu ihnen gekommen ist. Einmal reichte nicht, das hätten sie sich im Nachhinein immer noch als kollektive Einbildung erklären können.

Die kritische Masse

Nein, sie mussten das als ganze Gruppe erleben, sie mussten untereinander darüber sprechen, es musste Zeit vergehen, es musste wiederholt passieren, bis eine ziemlich große Gruppe endlich völlig überzeugt war, dass die Auferstehung keine Fata Morgana war. Aber am Ende gab es eine kritische Masse von Menschen, die sich nicht mehr ausreden ließ, was sie mit ihren eigenen Augen gesehen hatte. Es musste eine Gegenöffentlichkeit entstehen, durch die der Einzelne Rückhalt bekam, damit er sich traute, die Welt anders anzuschauen.

Und aus dieser anderen Weltsicht entsteht dann auch eine veränderte Praxis. Wenn die Welt in ihren Grundlagen erschüttert und verändert ist, wenn der Tod nicht mehr die absolute, unhinterfragte Macht ist, dann muss das auch die ganze Welt wissen. Das kommt nicht von allein. Die Jünger und Jüngerinnen machen sich auf den Langen Marsch durch die Welt, damit überall sichtbar wird, dass die Welt wirklich eine andere geworden ist. Auf den großen Durchbruch Jesu folgen viele kleine Durchbrüche, durch die die neue Welt an vielen Orten sichtbar wird. Menschen sollen nicht nur davon hören, dass die Todesmacht besiegt ist, sondern sie sollen dabei sein, sie sollen es miterleben direkt vor ihrer Haustür.

7 Wochen für Aufbrüche

Und deshalb ist die Zeit nach Ostern die Zeit, wo wir uns Neues trauen sollen, wo wir ungewöhnliche Wege des Lebens entdecken sollen. Eigentlich ist diese Zeit noch viel wichtiger als die Passionszeit, weil es da um das Neue geht, das auf uns zu kommt, und nicht das Alte, von dem wir ja abwenden sollten. Sieben Wochen von Ostern bis Pfingsten mit Neuaufbrüchen, mit Mut und Fantasie, sieben Wochen mit der Freude der Auferstehung im Rücken – ich wundere mich, wieso so wenige diese Zeit bewusst leben.

Und dieser unbekannte Christ aus der zweiten Generation, der dem Markusevangelium den fehlenden Schluss angefügt hat, der schreibt da ausdrücklich, dass die Wunder und Machttaten Jesu weitergehen. Dämonenaustreibungen, Heilungen, Zungenreden, und wenn er davon spricht, dass die Boten Jesu vor Schlangen geschützt sind, dann denkt er wahrscheinlich an Paulus, der mal unbeschadet einen Schlangenbiss überstanden hat. Und das bedeutet: das muss tatsächlich so gewesen sein, denn hätte er das geschrieben, wenn es nicht auch in seiner Gegenwart so gewesen wäre? Gerade dieser spätere Nachtrag zu Markus zeigt uns also, dass in der ersten Christenheit die Wunder Jesu weitergegangen sind. Vielleicht nicht dauernd und jeden Tag, aber doch so, dass das eine deutliche Erfahrung war.

Kein Stress!

Wir müssen heute, glaube ich, eher entspannt mit der Frage umgehen, weshalb unsere christliche Praxis nicht in diesem Maß von Wundern begleitet wird. Ich habe da keine Theorie zu, aber einige denkbare Gründe. Die laufen letztlich alle auf eins hinaus: dass wir eben nicht mehr dieselbe Kirche wie damals sind. Und dann ist natürlich auch vieles anders, egal wie man das findet. Aber einen Plan dazu habe ich nicht. Manchmal gibt es einfach noch keine Antwort, in keine Richtung. Manche Dinge muss man stehen lassen und abwarten, bis es so weit ist, dass Gott uns eine Antwort schenkt. So wie man auch manche Bibelstellen nicht versteht und sie dann eben zur Seite legen und abwarten muss, bis sie eines Tages heller werden.

Jesus machte den Jüngern Vorwürfe wegen ihres Unglaubens und ihrer Herzenshärte. Aber er kam dann auch zu ihnen und zeigte sich ihnen. Er machte beides: er hielt fest, dass sie eigentlich gleich Maria und den beiden Jüngern hätten glauben sollen. Aber er glich auch ihre Schwäche aus, kam zu ihnen und half ihnen, eine Gemeinschaft der Auferstehung zu werden. Jesus ist da nicht konsequent und streng, er hat auch nicht Verständnis für alles, sondern er ist erfrischend ungrundsätzlich, pragmatisch. Wir haben die Hoffnung, dass er auch mit uns und unserer Herzenshärte fantasievoll und richtig umgeht.