Walter

Jul 102018
 

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1 Von David.
HERR, schaffe mir Recht, denn ich bin unschuldig!
Ich hoffe auf den HERRN, darum werde ich nicht fallen.
2 Prüfe mich, HERR, und erprobe mich, läutere meine Nieren und mein Herz!
3 Denn deine Güte ist mir vor Augen, und ich wandle in deiner Wahrheit.
4 Ich sitze nicht bei falschen Menschen und habe nicht Gemeinschaft mit den Heuchlern.
5 Ich hasse die Versammlung der Boshaften und sitze nicht bei den Gottlosen.
6 Ich wasche meine Hände in Unschuld und umschreite, HERR, deinen Altar,
7 dir zu danken mit lauter Stimme und zu verkünden alle deine Wunder.
8 HERR, ich habe lieb die Stätte deines Hauses und den Ort, da deine Ehre wohnt.
9 Raffe meine Seele nicht hin mit den Sündern noch mein Leben mit den Blutdürstigen,
10 an deren Händen Schandtat klebt und die gern Geschenke nehmen.
11 Ich aber gehe meinen Weg in Unschuld. Erlöse mich und sei mir gnädig!
12 Mein Fuß steht fest auf rechtem Grund. Ich will den HERRN loben in den Versammlungen.

In diesem Psalm kann man immer noch ganz gut seine Ursprungssituation erkennen: Da ist in Vers 6 vom Altar die Rede, und das weist in den Tempel von Jerusalem. Ebenso Vers 8, wo der Beter sagt, dass er das Haus Gottes liebt. Und der Psalm setzt ein mit der Bitte: schaffe mir Recht, Herr!

Nimmt man das zusammen, dann ist also jemand in den Tempel gegangen mit der Bitte, dass Gott ihm zu seinem Recht verhelfen möge und seine Schuldlosigkeit bestätigen möge. Und in der Tat finden sich an verschiedenen Stellen der Bibel Hinweise auf so etwas wie ein Ritual, bei dem ein unschuldig Verfolgter oder Verleumdeter im Tempel Asyl bekommt und wo er dann durch ein Gotteswort rehabilitiert wird.

Ein Mensch unter Angriff

Wie bei allen Psalmen weist der Text, wie er heute in der Bibel steht, weit über diesen eng begrenzten Zusammenhang hinaus. Die Psalmen haben sich im Laufe der Zeit ein ganzes Stück von ihrer Ursprungssituation entfernt, so dass sich heute viele Menschen dort wiederfinden können, auch wenn sie sich nicht in dieser ganz speziellen Problematik befinden. Trotzdem ist es gut, den ursprünglichen Anlass zu kennen, wie er immer noch in einzelnen Formulierungen durchschimmert.

Da ist also jemand, der beschuldigt wird, etwas Böses getan zu haben. Das ist tatsächlich eine menschliche Standardsituation bis heute: mit Vorwürfen und Anschuldigungen konfrontiert zu sein. Bis heute kannst du jede Versammlung und jede Sitzung aufmischen, wenn du jemanden heftige Vorwürfe machst und ihn einer schlimmen Tat beschuldigst: sofort wird er sich verteidigen, vielleicht wird er dich seinerseits angreifen, und alle im Raum gehen emotional mit. Auch in der öffentlichen Diskussion und in den Nachrichten bekommen solche Konflikte mit Vorwürfen und Beschuldigungen sofort große Aufmerksamkeit. Und auch im Kleinen entfaltet das eine enorme Dynamik: wer ist schuld, und wer muss sich entschuldigen oder etwas wiedergutmachen?

Ausweichen nicht möglich

Und während du heute jemanden, der dir Vorwürfe macht und dich dauernd anschuldigt, relativ einfach aus dem Weg gehen kannst (wenn es nicht gerade ein Familienmitglied, eine Kollegin oder ein Mitschüler ist), war das damals viel schwieriger. Da lebte man in einem überschaubaren Dorf zusammen, jeder kannte jeden, man war aufeinander angewiesen, die Familien kannten sich seit Generationen, alle lebten von ihren Äckern in der gleichen Feldmark, man redete dauernd miteinander und übereinander, weil es ja sonst wenig Themen gab, da kamst du nicht einfach heraus. Und wenn da jetzt ein paar Leute sind, von denen du gemobbt wirst, die über dich erzählen, du wärst ein schlechter Landwirt oder ein heimlicher Ehebrecher oder du wärst religiös nicht zuverlässig, das konnte schnell existenzbedrohend werden.
Und wenn du dich dann an die Dorf- oder Stadtältesten wandtest, die sich im Tor treffen und Streitfälle entscheiden, dann konnte es sein, dass da im Rat auch wieder ein paar von dieser Mobbing-Clique sitzen, oder dass deine Feinde mit denen wirtschaftlich verbunden sind, und dann wäscht eine Hand die andere, oder die Ältesten haben auch Angst, sich mit denen anzulegen, und niemand ist bereit, dir zu helfen.

Zuflucht im Haus Gottes

Für solche Fälle gab es den Tempel. Dort konnte man hingehen und Gott um Hilfe bitten. Und die Priester scheinen dann ein Verfahren gehabt zu haben, mit dem sie einem Menschen tief ins Herz schauten, wo sie einen Gebetsweg mit ihm gegangen sind, und am Ende stand dann die Rehabilitation: im Namen Gottes: dieser Mensch ist gerecht!

Uns wird das heute oft genau andersherum erzählt: Gott oder seine Kirche machen den Menschen angeblich dauernd ein schlechtes Gewissen, sie klagen uns an und drohen mit der Hölle, sobald wir mal einen kleinen schlechten Gedanken hatten. In den Psalmen wird es genau andersherum beschrieben: Menschen klagen an, Menschen beschuldigen, Menschen mobben, aber Gott steht den Beschuldigten zur Seite. Selbst Gewaltstaaten reicht es nicht, ihre Opfer zu beseitigen oder wegzusperren, sie versuchen immer auch, sie moralisch fertigzumachen. Folter und Vorwürfe gehen da oft Hand in Hand. Und Menschen, die Kinder missbrauchen, geben ihnen oft auch noch das Gefühl, dass sie schmutzig und schuldig sind. Beschuldigungen sind gefährliche Waffen.

Rehabilitation

Aber wir sind dagegen nicht ohne Beistand. Wenn Menschen uns angreifen, sollen wir bei Gott Beistand suchen und finden. Er ist gerade nicht der Ober-Ankläger, sondern unser starker Verbündeter, der uns den Rücken stärkt. Der Satan ist es, der im Neuen Testament als »Verkläger der Brüder« (Offenbarung 12,10) bezeichnet wird. Er arbeitet mit Gewissensfummelei. Aber es scheint schon damals im Tempel ganz regelmäßig vorgekommen zu sein, dass von Gott das Wort der Rechtfertigung kam.

Unser Wort »Rechtfertigung« hat seinen Ursprung in solch einem Zuspruch im Tempel: du bist ok, du bist in Gottes Augen gerecht. Vielleicht sprach ein Priester das aus, vielleicht haben aber auch Menschen ganz direkt von Gott diese Botschaft empfangen: ich stehe an deiner Seite! Und die Priester machten das dann nur noch für alle sichtbar, sprachen öffentlich aus, was für eine Antwort dieser Mensch bekommen hatte auf seine Bitte: Schaffe mir Recht, o Herr!
Menschen erlebten also ganz konkret, dass Gott sie verteidigte. Gottes Haus, sein Tempel, war quasi das Obergericht, an das man sich wenden konnte, wenn die lokalen Rechtsinstanzen zu nahe dran und nicht neutral waren. So man heute an den europäischen Gerichtshof appellieren kann, und der ist noch einmal unabhängiger als nationale Gerichte.

Gewissenserforschung, die runterzieht? Im Gegenteil!

Man kann in dem Psalm sogar noch sehen, wie das ablief. Es beginnt mit dem Appell: schaffe mir Recht, Herr! Und dann gibt es (Vers 2) so etwas wie eine Prüfung, eine Gewissenserforschung, wo einer sich Gott weit öffnet, vielleicht ein tiefgehendes Gespräch hat oder einen Gebetsweg geht und sich der Frage stellt: ist da etwas dran an dem, was sie mir vorwerfen? Und während wir das eher so kennen, dass man immer tiefer ins Grübeln und Selbstzweifeln kommt, was man falsch gemacht haben könnte, ist es hier anders. Diesem Beter wird immer klarer: da ist doch gar nichts dran an den ganzen Beschuldigungen!

Wir sind nämlich im Grunde viel zu schnell zu beeindrucken von Vorwürfen. Im zweiten Schritt verteidigen wir uns dann und verleugnen, was wir vielleicht wirklich getan haben, oder wir antworten mit Gegenvorwürfen, aber zuerst einmal lassen Menschen sich viel zu schnell ein schlechtes Gewissen machen, besonders, wenn die Vorwürfe auch noch von vielen Menschen kommen.

Manipulation mit Schuldgefühlen

Deswegen ist dieser Trick mit den Vorwürfen und Beschuldigungen so perfide, weil er eigentlich immer wirkt, ganz egal, ob die Vorwürfe stimmen oder nicht. Manche Eltern lassen ihre Kinder so aufwachsen, dass die dauernd das Gefühl haben, sie wären nicht gut genug, oder sie würden alles falsch machen. Die stehen dann Jahr um Jahr unter Angriff und kommen davon nicht los. Viele sagen: wenn meine Mutter doch nur einmal sagen würde: das hast du gut gemacht! Vielen Dank! Und sie tun alles dafür, damit sie wenigstens einmal hören: du bist ein gutes Kind! Aber sie hören es nie, obwohl sie vielleicht ein ganzes Leben lang darum kämpfen. Und es ist die entscheidende Hilfe, wenn sie dann Gott begegnen und verstehen: der ist kein Beschuldiger und Gewissensbelaster, sondern der stärkt uns im Gegenteil den Rücken.

Jesus jedenfalls war so sehr mit sich im Reinen, dass er ganz souverän mit Beschuldigungen und Verleumdungen umgehen konnte. Der ließ das an sich abtropfen und sorgte noch dafür, dass es für die Angreifer selbst peinlich wurde. Deshalb sind in der Gemeinde Jesu Beschuldigungen und Vorwürfe tabu. Natürlich gibt es Fälle, wo eine Gemeinde sich mit Fehlverhalten in den eigenen Reihen auseinandersetzen muss, das kommt in der Bibel immer wieder vor, aber das läuft nie darüber, dass man Menschen beschuldigt und ihnen ein schlechtes Gewissen macht. Das ist immer lösungsorientiert.

Schon hier im Psalm sehen wir das. Der Mensch, der sich dort im Tempel einer Prüfung unterzieht, merkt: ich habe mich wirklich nie mit solchen Leuten gemein gemacht, ich hab mich ferngehalten, wenn sie über andere abgelästert haben, ich war nie in Hinterzimmer-Tricksereien verwickelt. Ich habe immer Abstand gehalten.

Frei werden

Wenn du andere beschuldigst, oder dir selbst ihre Vorwürfe anziehst, sogar wenn du dagegen Sturm läufst: dann kommst du nicht von ihnen los. Beschuldigungen binden Menschen aneinander. Frei wird nur, wer selbst nicht damit arbeitet und die Verbindung zu denen kappt, die so etwas machen. Und wenn Sie sich noch an die Lesung vorhin (Matthäus 10,16-20) erinnern: da sagt Jesus seinen Jüngern, dass sie vor Königen und Statthaltern stehen werden und von ihnen angeklagt werden, aber sie sollen dann nicht von sich aus antworten. Sie würden von sich aus vielleicht nur zwecklose Gegenvorwürfe erheben. Stattdessen sollen sie den Heiligen Geist antworten lassen, mit den Worten, die er ihnen dann eingibt. Das ist der schützende Tempel verwandelter Form: Gott selbst verteidigt uns, durch seine Wort in unserem Mund.

Als in unserem Psalm der Beschuldigte so weit ist, dass ihm das alles klar wird, darf er sich zum Zeichen seiner Unschuld die Hände waschen (Vers 6). Uns fällt dabei sofort Pilatus ein, der diese Geste missbrauchte, als er Jesus verurteilte. In Wirklichkeit ist das aber ein Zeichen des Schutzes: ich wasche von meinen Händen das Unrecht ab, mit dem die anderen mich beschmutzen wollten. Man kann sich das ruhig so vorstellen, dass die versucht haben, meine Hände in den Dreck zu ziehen, und dann wasche ich es ab, und nichts bleibt zurück! Gerade weil Beschuldigungen etwas so Elementares sind, deswegen wird da im Tempel diese elementare Geste dagegen gesetzt.

Mit erhobenem Haupt

Und der Rest ist Freude und Erleichterung. Der freigesprochene Mensch umschreitet den Altar, er lobt Gott, er erzählt von dieser Befreiung, er dankt dafür, dass es diesen Ort gibt, wo Gott Freiheit schenkt.

Und von nun an geht er mit erhobenem Haupt seines Weges. Ihm ist ganz deutlich, zu wem er nicht gehört. Ihm ist klar geworden, dass er sich all die Vorwürfe nicht anziehen muss. Er hat neuen Boden unter den Füßen, und er hat eine neue Heimat gefunden: die Gemeinde derer, die raus ist aus dem unheilvollen Kreislauf von Beschuldigung, Verteidigung und Gegenangriff. Die Gemeinschaft derer, die das große Ja Gottes gehört haben und nun erhobenen Hauptes aus dem Haus Gottes in die Welt hinein gehen.

Jul 022018
 

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1 Ein Psalm Davids.

Der HERR ist mein Hirte,
mir wird nichts mangeln.

2 Er weidet mich auf einer grünen Aue
und führet mich zum frischen Wasser.

3 Er erquicket meine Seele.
Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen.

4 Und ob ich schon wanderte im finstern Tal,
fürchte ich kein Unglück;

denn du bist bei mir,
dein Stecken und Stab trösten mich.

5 Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde.
Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein.

6 Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang,
und ich werde bleiben im Hause des HERRN immerdar.

Ob dieser Psalm ganz oder teilweise wirklich von König David stammt, das ist hier genauso ungewiss wie bei den meisten Psalmen, über denen steht »Ein Psalm Davids«. Aber es ist in der Tat ein Psalm mit königlichen Anklängen: die Könige wurden in der alten Zeit als »Hirten« ihrer Völker bezeichnet. Darin ist das Herrscherliche mit dem Fürsorglichen verbunden: die Herrscher sagten, wo es lang geht, aber sie mussten auch dafür sorgen, dass es ihren Völkern gut ging: schon im eigenen Interesse, aber es wurde auch von ihnen erwartet.

Königliche Assoziationen

In Israel hat sich das dann so weiter entwickelt, dass es eine große Enttäuschung über die real regierenden Könige gab. Die Propheten haben oft über die »Hirten Israels« geklagt, die sich selbst weiden und die Herde vernachlässigen. Und deswegen kam dann Gott ins Bild als der eigentliche Hirte seines Volkes. Im Neuen Testament wird das wieder aufgenommen, da sind die Leiter der Gemeinde ihre Hirten, aber Jesus oder Gott ist der eigentliche Hirte der Gemeinde, der sprichwörtliche »Gute Hirte«.

Im 23. Psalm hat nun jemand die Vorstellung vom Volk, das von Gott als seinem Hirten geführt wird, auf einen einzelnen Menschen übertragen. Und man kann sich gut vorstellen, dass tatsächlich mal ein König, vielleicht sogar wirklich David, auf die Idee gekommen ist, zu sagen: ich soll mein Volk wie ein Hirte führen, aber ich brauche selbst auch jemanden, der so auf mich aufpasst, und das kann dann nur Gott sein.

David, Jesus und der Psalm

Und egal, ob es nun historisch stimmt: es passt gut zusammen mit dem, was wir von David wissen. David ist einer der ersten Menschen, von dem wir sehr viel über seine persönliche Gottesbeziehung wissen. Der ist wohl tatsächlich jemand gewesen, der sein Leben immer im Dialog mit Gott geführt und durchdacht hat. Deshalb wurde er von Gott auch als König ausgewählt, weil er einer war, der aus ganz persönlicher Motivation heraus Gott bei allem mitreden ließ.

Und einen langen Zeitraum seines Lebens hat er ja in großer Unsicherheit verbracht: als der Prophet Samuel ihn zum König salbte, da war eigentlich Saul König von Israel, und zwischen den beiden gab es ein – sagen wir – sehr kompliziertes Verhältnis, das eine Zeit lang auch militärisch ausgetragen wurde: Saul versuchte, Davids habhaft zu werden, und der versteckte sich in der Wüste und in Berghöhlen, gemeinsam mit seinen Leuten, die ein wilder, zusammengewürfelter Haufen aus Heimatlosen und Entwurzelten waren.

Es gehörte zu Davids wichtigsten Aufgaben, immer wieder Nahrung zu beschaffen für sich selbst und diesen Haufen wilder Männer, die ihm vertrauten. Sie hatten wenig Sicherheit und waren tatsächlich darauf abgewiesen, dass sie Tag für Tag wieder jemanden fanden, der ihnen etwas abgab zum Lebensunterhalt. Man kann sich sogar vorstellen, dass viel später Jesus sich selbst mit seinen Jüngern in diesem Bild von David und seinen Leuten wiedererkannt hat. Wir haben ja vorhin in der Lesung (Markus 8,14-21) gehört, wie er sie fragt: habt ihr je Mangel gehabt, so lange ihr mir folgt? Und sie bestätigen: nein, du hast immer für uns gesorgt. Und dann ist die Antwort Jesu: also macht euch darum keine Sorge, Essen ist nicht das Problem, aber hütet euch vor dem Sauerteig der Pharisäer! Also: achtet darauf, dass ihr euch von frommen Kontrollettis kein falsches Gottesbild einreden lasst! Und man kann sich gut vorstellen, wie Jesu Vertrauen in den Vater im Himmel, der Menschen und Spatzen mit Nahrung versorgt, aus alttestamentlichen Texten wie dem 23. Psalm gewachsen ist.

Vertrauen, aber nicht romantisch

Denn in der Tat ist dies ein Text über Vertrauen. Die Menschen in der biblischen Zeit waren allerdings besser als wir davor geschützt, das allzu romantisch zu verstehen. Damals konnte man nicht ganz so schnell an niedliche, kuschelige Schäfchen denken, weil die Leute besser wussten, dass es harte Arbeit ist, eine Herde zu beaufsichtigen. Man muss dauernd darauf achten, dass alle beieinanderbleiben, gelegentlich muss man wilde Tiere abwehren, die Schafe haben durchaus einen strengen Geruch, und Wohnwagen mit Dusche waren auch noch nicht erfunden. Romantisch geht anders.

Aber es bleibt, dass hier jemand davon spricht, wie Gott sich um seine Bedürfnisse kümmert. Gott achtet auf einen Menschen, er sieht, was er braucht, er schaut auf seinen Lebensweg und führt ihn so, dass er alles bekommt, was er nötig hat. Die Bilder dafür sind das saftige grüne Gras, das ja im vorderen Orient durchaus nicht überall sprießt und wächst; es sind die Wasserstellen, wo das Wasser nicht schnell weg fließt, sondern ruhig verweilt, so dass man bequem trinken kann.

Eine Welt voller Schrecken und Güte

Hier beschreibt also jemand die Welt als Ort, an dem die belebende Zuwendung Gottes immer wieder zu erfahren ist. Die Welt ist keine seelenlose Maschine, sondern sie ist ansprechbar, in, hinter und unter ihr ist ein Gegenüber zu entdecken, das für uns ist und nicht gegen uns. Die Welt ist nicht einfach so, wie sie ist, sondern sie antwortet unterschiedlich, je nachdem, wie wir sie ansprechen. Jeweils wie man in den Wald hinein ruft, so schallt es auch wieder heraus. Man muss es nicht wahrnehmen, aber in der Welt ist eine freundliche Kraft des Lebens tätig, und wenn wir nach ihr Ausschau halten, wird sie sich uns erschließen.

Das heißt aber nicht, dass uns jemand glauben machen will, dass die Welt eben doch ein Ponyhof ist. Nein, in der Welt gibt es die dunklen Täler, und auch dem Beter dieses Psalms bleiben sie nicht erspart. Es gibt die Feinde, die in den Psalmen wirklich fast überall zu finden sind. Hier in diesem kurzen Psalm ist das nicht in Einzelheiten beschrieben, aber die Feinde bilden einen sehr präsenten Hintergrund, der an prominenter Stelle sichtbar wird. In der Bibel ist es normal, dass Menschen Feinde haben; man muss sich die gar nicht machen, die kommen von allein.

Gott bleibt bei uns

Und die Hoffnung ist nicht, dass Gott uns das alles erspart, sondern dass er mit uns da hindurch geht. Und er tut das »um seines Namens willen«. Der Name sagt etwas über die Person, die ihn trägt und über ihre Geschichte. Wenn Gott sich um uns kümmert, dann tut er das nicht, weil wir ihn genervt haben mit unseren Bitten, und er endlich mal Ruhe haben will, sondern er hat sich aus freien Stücken entschieden, unser Gott zu sein und für uns zu sorgen. Es ist Gottes eigene Sache. Er setzt seine Ehre da hinein, für seine Menschen zu sorgen. Gottes Ehre und Freude sind freie Menschen, die vertrauensvoll und mutig ihren Weg mit ihm gehen. Menschen, die auch in den dunklen Tälern des Lebens sagen: ich fürchte mich nicht, »denn du bist bei mir«.

Das ist der entscheidende Satz, der Dreh- und Angelpunkt des Psalms. Dass Gott mit uns ist, das ist der Grund allen Vertrauens. Dass Gott auch durch die finsteren Zonen der Welt begleitet, das lässt Menschen mutig in die Dunkelheiten der Welt hineingehen. In diesem Vertrauen ist Jesus aufs Kreuz zugegangen und ist nicht geflohen. Und so sollen wir lernen, dass unsere Sicherheit in dem Satz liegt, dass Gott mit uns ist und nicht in den vielen Sicherheiten, auf die wir uns normalerweise ganz routinemäßig verlassen.

Aber Gott ist nicht berechnbar

Und so sind Menschen immer wieder auch in Leid und Anfeindung Gott begegnet, so haben Menschen auch in Gefängnissen und Lagern erlebt, dass Gott bei ihnen ist, dass er sie getröstet und auch beschützt hat, dass er sie davor bewahrt hat, zerstört zu werden. Es gibt die Zeugnisse von Christen, die davon sprechen, wie sie zuerst völlig überwältigt waren und Gott nicht gefunden haben, als sie in die Gewalt von Geheimpolizei und Sicherheitskräften kamen, aber dann irgendwie doch auf Gott stießen mitten in Gewalt und Dunkelheit. Wir, denen das bisher erspart geblieben ist, können uns nicht wirklich vorstellen, wie das gehen soll. Wir können es nur ahnen. Es ist auch kein Automatismus, keine selbstverständliche oder berechenbare Erfahrung, und bei mir muss das überhaupt nicht so ablaufen wie bei jemanden, von dem ich gelesen oder gehört habe.

Man kann das vielleicht ein wenig hochrechnen von weniger dramatischen Situationen der Hilfe, die wir erlebt haben; man kann versuchen, sich zu erinnern, wie es war, wenn Gott einen anspricht und deutlich macht: ich bin da! Fürchte dich nicht! Und wenn wir dann trotz allem gut schlafen konnten, dann ist das ein Hinweis darauf, dass Gottes Nähe die entscheidende Hilfe ist, egal, wie das dann genau aussieht. Wenn einer das erlebt, das muss gar nicht jeden Tag neu passieren, sondern das kann einen auch für lange zeit stützen und begleiten.

Und wir sollen auch für Menschen beten, die in grauenvollen Umständen leben müssen, in den syrischen Foltergefängnissen zum Beispiel, und wir sollen wenigstens nicht mitleidlos die Augen verschließen vor all denen, die in die Gewalt von grausamen Feinden geraten sind. Wenigstens das sollen wir tun.

Gottes freies Geschenk

Dietrich Bonhoeffer, der ja selbst viel an Druck und Feindschaft ertragen musste, hat gesagt: Gott gibt uns das alles, Kraft und Schutz und Beistand, aber er gibt es nicht im Voraus, damit wir nicht denken, es käme aus unseren Möglichkeiten. Gottes Nähe ist nicht immer gleichmäßig da, sondern sie ereignet sich, immer wieder, als sein freies Geschenk, und auch in Reaktion auf unsere Bitten.

An dieser Stelle wandelt sich dann auch das Bild im Psalm: Gott erscheint als ein fürsorglichen Gastgeber, der seinem Gast den Tisch deckt, ihn mit wohlriechendem Öl salbt und ihm im Überfluss einschenkt. Wahrscheinlich denkt da jemand an Mahlzeiten im Schutzraum des Tempels – der Tempel war ja früher auch eine Art Asylraum, wo Menschen vor Feinden und Verfolgern sicher waren. Die Feinde waren nicht verschwunden, sondern sie wurden sogar noch Zeuge, wie der, den sie in die Zange nehmen wollten, in dem Schutzraum Gottes aufgenommen und versorgt wird. Und wer die Fürsorge Gottes selbst erlebt hat, der bildet dann hoffentlich auch wieder selbst einen Schutzraum, in dem andere der Güte und Gegenwart Gottes begegnen. Gott spricht manchmal sehr direkt zu uns und manchmal durch das, was andere in seinem Auftrag tun, ob sie es wissen oder nicht.

Jun 252018
 

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Ich schäme mich des Evangeliums nicht; denn es ist die Kraft Gottes, die alle rettet, die glauben, die Juden zuerst und ebenso die Griechen.

Paulus schneidet ein Thema an, über das nicht oft gesprochen wird, obwohl es gar nicht so selten ist: dass Christen sich für das Evangelium schämen, dass sie nicht mit Selbstbewusstsein und Sicherheit daherkommen, sondern sich eher entschuldigen dafür, dass sie immer auch noch diese Botschaft mitbringen.

Warum sollte aber einer wie Paulus sich für das Evangelium schämen? Weil er aus der Provinz nach Rom schreibt, ins Zentrum der damaligen Welt, in die Stadt, die sich den Rest der bekannten Welt rund ums Mittelmeer unterworfen hatte. In Rom tobte das Leben, da fielen die Entscheidungen für den Rest der Welt – politisch, wirtschaftlich, kulturell, stilistisch und auch religiös. Und dann kommt ein Jude aus dem Osten nach Rom und denkt, er hätte den Schlüssel zur Welt in der Tasche: das Evangelium vom jüdischen Messias Jesus, der an einem römischen Kreuz gestorben ist. Ist das nicht peinlich? Ist das anmaßend? Aber Paulus kommt mit erhobenem Haupt in die große Stadt und sagt: ich bringe den Schlüssel zur ganzen Welt und zu allem mit – die Kraft der Rettung, die jeder braucht.

Sich nicht unter Wert verkaufen

Paulus hat viel dafür getan, dass er das Evangelium so weitergibt, dass Menschen es verstehen können und es nicht eine tote dogmatische Formel bleibt. Aber er hat sich und seine Botschaft nie klein gemacht, er hat sie nie unter Wert angeboten. Wer sich dafür entschuldigt, dass es jetzt leider noch mal für 5 Minuten religiös wird, der soll es lieber ganz lassen. Christen müssen wissen, dass ihnen die entscheidende Botschaft anvertraut ist, die immer wieder den Lauf der Weltgeschichte und den Fortgang einzelner Lebensgeschichten entscheidend beeinflusst. Wenn es eng und schwierig wird, wenn vielen anderen die Worte wegbleiben, dann haben wir noch etwas Starkes zu sagen.

Und es ist klar, dass es ganz besonders vom Vorstand einer Gemeinde abhängt, ob es da dieses fröhliche Selbstbewusstsein gibt: vielleicht sind wir nicht viele, aber wir bringen die Kraft Gottes mit, die lebt unter uns, und deshalb sind wir der wichtigste Faktor in unserem Ort, in unserem Land und in der Welt. Das alles aber bitte ganz ohne Arroganz, ohne den Anspruch, dass die anderen deshalb auf uns hören müssten, ohne den Wunsch, den anderen unsere Vorstellungen vom Leben aufzuzwingen. Einfach in dem ruhigen Selbstbewusstsein, mit dem Paulus nach Rom kam und wusste: was ich mitbringe, das wird seinen Weg machen, das wird sein Werk tun, es wird nichts mehr so bleiben wie früher.

Ich kann mich noch an Zeiten erinnern, als Christen das Evangelium peinlich war, weil es angeblich nicht mit der modernen Wissenschaft zusammenpasste und allein deswegen schon längst überholt sein müsste. Das ist heute etwas seltener geworden, dafür schämen sich Christen heute schon eher, dass die Kirchen so viel falsch gemacht haben und machen und immer irgendwie nicht richtig auf der Höhe der Zeit sind und nicht im richtigen Stil daherkommen.

Ein Gott für eine Welt

Heute kann man aber ahnen, dass das Christentum in Zukunft noch ganz anderes unter Druck kommen wird: nämlich weil der christliche Gott der eine Gott der ganzen Welt ist, der Gott aller Menschen, der seine Sonne gleichermaßen aufgehen lässt über Böse und Gute, aber auch über Menschen aus allen Kulturen und allen Nationen, und der immer ein ganz besonderes Herz für die Armen hat, für alle, die von anderen benachteiligt und klein gehalten werden, für alle die in Not sind. Er denkt immer auch für die anderen mit, für die auf der anderen Seite der Grenze. Egal, was für eine Grenze das ist. In Kriegen steht er auf keiner Seite, sondern leidet mit den Opfern menschlicher Unbarmherzigkeit. Er ist kein National- oder Stammesgott, und wenn Menschen versucht haben, ihn so zu missbrauchen, „Gott mit uns!“ auf die Koppelschlösser der Soldaten zu schreiben, dann ist das immer schief gegangen.

Aber die Stimmen werden lauter, die sagen, dass wir es uns nicht leisten können, uns um die Probleme der ganzen Welt zu kümmern, und in Wahrheit ist gemeint, dass wir uns überhaupt nicht um die Probleme anderer kümmern sollten, sondern nur sehen, dass es uns selbst gut geht. Amerika first!, Deutschland first! (und vielleicht auch noch: Bayern first!). Und eigentlich ist gemeint: ich, ich ich, wir, wir, wir. Das nennt man Egoismus. Kluge Menschen haben immer gewusst, dass der großen Schaden anrichtet, und Jesus hat gesagt: dein Nächster ist genau so wichtig wir du, Gott liebt ihn so, wie er dich liebt, und du solltest das auch tun. Seid barmherzig, wie euer Vater im Himmel barmherzig ist. Und in der berühmten Geschichte vom Barmherzigen Samariter macht Jesus dann deutlich, dass Nächstenliebe über die Grenzen der eigenen Gruppe hinausgeht. Wir sollen unser Herz jedem Menschen in Not zuwenden, egal, ob er zu »uns« gehört oder nicht. Und an einer anderen berühmten Stelle sagt Jesus: ob du in den Himmel kommst, das hängt davon ab, ob du die Liebe Gottes zu den Armen teilst, ob du die Hungrigen speist, die Gefangenen besuchst, die Fremden aufnimmst und so weiter.

Wenn biblische Selbstverständlichkeiten zu politischen Statements werden

Und ich hätte nie gedacht, dass mal eine Zeit kommen würde, wo diese schlichten biblischen Sätze unmittelbar zu einer politischen Stellungnahme werden. Man muss überhaupt nicht groß darüber diskutieren, ob die Kirche politisch sein soll, darf, muss oder kann, sondern schlichte biblische Selbstverständlichkeiten werden von selbst zu politischen Statements.

Es sind schon denkwürdige Zeiten, in denen wir leben. Wahrscheinlich werden bald in Europa die ersten Menschen ins Gefängnis kommen, weil sie das biblisch Selbstverständliche getan und Flüchtlingen geholfen haben. Und man kann ja im Moment gar nichts mehr ausschließen – vielleicht wird das irgendwann auch in unserem Land passieren. Gott möge das verhüten! Und, ja, er hat viele Wege, auf denen er das tun kann, aber seine erste Wahl sind immer viele lebendige Gemeinden an der Basis, Gemeinschaften von ganz normalen Menschen, die miteinander Barmherzigkeit lernen und leben. Ein berühmter Kollege von mir trägt das wie ein Mantra vor sich her und wiederholt das immer wieder: die Ortsgemeinde ist die Hoffnung der Welt. Das ist der gleiche Geist eines demütigen Selbstbewusstseins, wie man es an Paulus lernen kann, wenn er sagt: ich schäme mich nicht, es ist mir nicht peinlich, wenn ich in die Hauptstadt der Welt komme und nichts anderes mitbringe als das Evangelium, das die Gerechtigkeit Gottes enthüllt, und ein paar Menschen, die davon restlos überzeugt sind.

Gottes Gerechtigkeit ist seine Treue zur Welt

So schreibt es Paulus nämlich weiter: »ich schäme mich des Evangeliums nicht, weil in ihm die Gerechtigkeit Gottes enthüllt wird«. Gottes Gerechtigkeit besteht darin, dass er seinem Bund treu bleibt: dem Bund mit seinem Volk, mit den Menschen und mit der Erde, auch wenn wir uns von ihm abgewandt haben, auch wenn wir unsere Seele verkaufen und die anderen Geschöpfe gleich mit dazu. Aber Gott bleibt treu und sendet uns Jesus als den treuen Menschen, der bis zum Kreuz, bis in den Tod hinein treu bleibt und so der Anfang einer neuen Menschheit wird, die es besser macht als die alte, eine neue Menschheit, die barmherzig ist wie unser Vater im Himmel barmherzig ist. Das ist Gottes Weg, und das enthüllt das Evangelium.

In einer Welt mit nicht wenigen Menschen, denen andere egal sind, die auch noch einen Unfall mit Toten und Verletzten filmen und den Rettungskräften im Weg stehen, da muss es Menschen geben, die sich ihrer Barmherzigkeit nicht schämen, denen es nicht peinlich ist, wenn sie sich vom Leid anderer anrühren lassen, die sich nicht von Sprüchen ins Bockshorn jagen lassen, sondern die sich sicher sind, dass Jesus der Weg des Lebens ist und das andere der Weg der herzlosen Torheit.

Für Leute mit Stehvermögen

So eine Sicherheit – Luther hätte gesagt: so eine Glaubensgewissheit – die kann für viele ein Anstoß und Ärgernis werden, und alle, die in kirchlicher Leitungsverantwortung stehen, die sollen bereit sein, das zu ertragen, fest zu stehen und nicht zurückzuweichen, bis Gott die Hilfe schickt, die er uns verspricht und auf die wir hoffen. Und der Lohn für alle, die da dabei sind, ist, dass man auf diese Weise erst wirklich Gottes Treue und seine Kraft kennen lernt und darauf vertrauen lernt. Luther hat am Ende seines Lebens gemeint, dass das die beste Art ist, um die Bibel verstehen zu lernen.

Aber alle Blicke in die Zukunft sind immer nur Hilfskonstruktionen, die wir brauchen, aber nicht zu ernst nehmen sollten. Als ich noch mal zurückgeschaut habe auf die vergangenen sechs Jahre seit der Einführung des jetzt scheidenden Kirchenvorstandes, da ist mir deutlich geworden, dass die größten Herausforderungen überhaupt nicht vorhersehbar waren. Und das hat ja auch etwas Tröstliches: wir müssen uns nicht auf jeden erdenklichen Fall vorbeireiten. Es kommt sowieso immer anders. Es reicht zu wissen, dass Gott treu ist und dass er uns mit den Herausforderungen auch die Kraft schickt, um sie zu bestehen.

Wir sollen uns nur nicht des Evangeliums schämen, weil genau da die Kraft verborgen ist, die wir brauchen. Als wir neulich im Kirchenvorstand zur Vorbereitung der dann ausgefallenen Visitation miteinander überlegt haben, was denn das charakteristische Profil unserer Gemeinde ist, da haben die anderen Mitglieder des Vorstandes gesagt: dass bei uns das Leben und das Geistliche, der Glaube, nicht zwei Bereiche sind, die nebeneinander stehen und konkurrieren, sondern dass sich das durchdringt und verknüpft und gegenseitig bestärkt.

Ich bin da gar nicht drauf gekommen, aber als ich es hörte, dachte ich: ja, das stimmt. Und wir haben viele Menschen, die das auch gar nicht anders wollen. Und das ist schon mal ein guter Anfang für die nächsten sechs Jahre.

Jun 182018
 

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Einleitung:

In der Einleitung wurden verschiedene historische Beispiele vorgestellt, wie Juden und Christen als Minderheiten dennoch erheblichen Einfluss auf ihre Umwelt, sogar auf den Gang der Weltgeschichte hatten.

Predigt:

Zwei Lesungen bildeten den Ausgangspunkt für die Predigt:

Römer 11,1-7:
Paulus schreibt: 1 Ich frage also: Hat Gott sein Volk verstoßen? Keineswegs! Denn auch ich bin ein Israelit, ein Nachkomme Abrahams, aus dem Stamm Benjamin. 2 Gott hat sein Volk nicht verstoßen, das er einst erwählt hat. Oder wisst ihr nicht, was die Schrift von Elija berichtet? Elija führte Klage gegen Israel und sagte: 3 Herr, sie haben deine Propheten getötet und deine Altäre zerstört. Ich allein bin übrig geblieben, und nun trachten sie auch mir nach dem Leben. 4 Gott aber antwortete ihm: Ich habe siebentausend Männer für mich übrig gelassen, die ihr Knie nicht vor Baal gebeugt haben. 5 Ebenso gibt es auch in der gegenwärtigen Zeit einen Rest, der aus Gnade erwählt ist – 6 aus Gnade, nicht mehr aufgrund von Werken; sonst wäre die Gnade nicht mehr Gnade. 7 Das bedeutet: Was Israel erstrebt, hat nicht das ganze Volk, sondern nur der erwählte Rest erlangt; die übrigen wurden verstockt.

Matthäus 5,13-16:
Jesus sprach: 13 »Ihr seid das Salz der Erde. Wenn jedoch das Salz seine Kraft verliert, womit soll man sie ihm wiedergeben? Es taugt zu nichts anderem mehr, als weggeworfen und von den Leuten zertreten zu werden. 14 Ihr seid das Licht der Welt. Eine Stadt, die auf einem Berg liegt, kann nicht verborgen bleiben. 15 Auch zündet niemand eine Lampe an und stellt sie dann unter ein Gefäß. Im Gegenteil: Man stellt sie auf den Lampenständer, damit sie allen im Haus Licht gibt. 16 So soll auch euer Licht vor den Menschen leuchten: Sie sollen eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.«

Zwei Bibeltexte haben wir gehört: als letztes die eindrückliche Stelle aus der Bergpredigt, wo Jesus seinen Jüngern sagt, sie seien das Licht der Welt und das Salz der Erde. Die beiden Bilder sind ähnlich, aber nicht deckungsgleich, und sie ergänzen sich: »Licht der Welt« beschreibt, wie die Gemeinschaft der Nachfolgerinnen und Nachfolger Jesu Träger der ganzen Welt die Augen öffnen soll, Orientierung geben soll, und sie können das, weil Jesus ihnen seine Botschaft anvertraut. Unter den Jüngerinnen und Jüngern wird die Wahrheit darüber sichtbar, dass die Welt vom göttlichen Segen lebt, der umsonst gegeben und geschenkt wird, und den sollen Menschen ebenfalls weitergeben und nicht wie eine Beute an sich reißen. So entsteht Gerechtigkeit. Das ist die Grundlage von allem.

Auch das Bild vom »Salz« der Erde erinnert daran, dass der Welt etwas Entscheidendes fehlen würde ohne die Botschaft, die mit der Christenheit verbunden ist. Wenn das Salz in der Suppe fehlen würde, dann wäre es keine Freude mehr, sie zu essen.

Toynbees Studien zu kreativen Minoritäten

Aber dieses Bild vom Salz sagt auch etwas darüber, wie die kleine Gruppe, der das Evangelium anvertraut ist, ihren Einfluss ausüben kann – eben als »kreative Minderheit«, die alles um sich herum beeinflusst, gerade weil sie ganz anders ist als der Rest der Gesellschaft.

Dieses Wort von der »Kreativen Minderheit« stammt eigentlich vom englischen Historiker Arnold Joseph Toynbee, der davon ausging, dass Kulturen immer in kleinen Gruppen entstehen, und die Mehrheit schließt sich dem dann an. Diese Minderheiten sind die Eliten, und solange sie kreativ bleiben, geht es der Kultur gut. Wenn sie aber keine Antworten mehr für die Herausforderungen der Welt haben, dann stirbt die Kultur. »Kulturen werden nicht ermordet, sondern begehen Selbstmord« hat er einmal geschrieben.

Wer hat Lösungen?

Dieser Gedanke zeigt uns, wie tatsächlich kleine Gruppen wichtig für das Ganze werden können: nicht durch ihre Größe oder ihre Macht, sondern dadurch, dass sie gute Lösungen für Probleme der ganzen Gesellschaft anbieten. Wenn die Gesellschaft in Schwierigkeiten gerät, dann ist die entscheidende Frage, wer Lösungen anbieten kann.

Und tatsächlich sind im christlichen Umfeld häufig solche Lösungen für die Probleme der Gegenwart entstanden. Manchmal auch ganz ohne dass das beabsichtigt gewesen wäre: die Quäker etwa wollten dem Heiligen Geist Raum geben und nicht einen Beitrag zur modernen Demokratie leisten; aber durch ihre Art der Gemeindeversammlungen haben sie trotzdem genau das getan.

Macht oder Kreativität?

In einem Punkt passt Toynbees Konzept der »Kreativen Minderheiten« allerdings nicht gut zum Christentum: er stellt sich vor, dass diese Minderheiten dann auch die Gesellschaft regieren. Und das hat es auch immer wieder gegeben, dass Christen in Krisenzeiten die Leitung der Gesellschaft übernommen haben, ganz oder teilweise. Am Ende des römischen Imperiums sind oft die Bischöfe in die Rolle von politischen Vertretern einer Stadt hineingerutscht, einfach, weil sonst keiner da war, der das konnte. Oder: am Ende der DDR haben viele Christen in der Übergangszeit wichtige staatliche Aufgaben übernommen, weil man ihnen Vertrauen entgegen gebracht hat und weil sie Erfahrungen mit der Organisation von Gruppen hatten.

Aber es ist gut, wenn sich Christen dann auch wieder von der Macht zurückziehen, weil sich Macht und Kreativität häufig nicht so gut miteinander vertragen. Weltliche Macht bekommt der Kirche nicht; die Versuchung ist zu groß, durch Macht der Gesellschaft etwas aufzuzwingen, anstatt gute, plausible Lösungen aufzuzeigen. Wer Menschen etwas vorschreiben will, und sei es die beste, christlichste, biblischste Lebensweise, wird sie nicht wirklich gewinnen.

Leitbilder und ihre Wirkungen

Das bringt uns dazu, über unser Leitbild von Kirche nachzudenken. Wir kennen Kirche vor allem als eine Institution, der prinzipiell alle Glieder der Gesellschaft angehören. Und selbst heute, wo z.B. bei uns noch etwa gut eine Hälfte der Menschen zu einer christlichen Kirche gehört, würden sich auch viele Nichtmitglieder irgendwie doch noch zugehörig fühlen. Leitbilder sind ja so etwas wie Orientierungsmarken, und wir orientieren uns immer noch an diesem Bild von einer oder auch zwei Kirchen für die ganze Gesellschaft. Und dann geht es immer um die Frage: darf die Kirche den Menschen oder dem Staat etwas vorschreiben, und was, und dann gibt es die Vertreter christlicher Sitte und Ordnung, und es gibt Rebellen gegen die autoritäre Kirche, und es gibt die Witze darüber, wie der kleine Mann unter dem kirchlichen Autoritätsanspruch wegtaucht, und das sind alles einfach keine guten Rollenmodelle. Das sind ganz unfruchtbare, unerfreuliche Konflikte, die entstehen, wenn wir uns an dem Leitbild der Kirche als religiöser und sittlicher Instanz für die ganze Gesellschaft orientieren.

Das Leitbild vom Salz der Erde, der kreativen Minderheit, die Alternativen entwickelt und lebt und Lösungen anbietet, ist da viel produktiver. Es ist aber auch anspruchsvoller. Christlicher Einfluss ist dann nicht ein für allemal festgeschrieben, er ist kein Anspruch, auf den man pochen könnte, sondern er hängt davon ab, ob man liefert. Ob die Jüngerinnen und Jünger Jesu wirklich etwas Gutes anzubieten haben. Es hängt ab von den Diskussionen und Nachdenkprozessen in den Synagogen und Gemeinden, den Reflexionsräumen Gottes, es hängt ab von den guten Ideen vieler einfacher Christen. Es hängt davon ab, ob sich in diesem ganzen Ökosystem des Nachdenkens und des solidarischen Miteinanders das Evangelium tatsächlich in überzeugende Lösungen umsetzt. Und das ist nur begrenzt kontrollierbar. Das hängt auch immer vom unverfügbaren Heiligen Geist ab. Und davon, ob die Gesellschaft gute Lösungen auch erkennt und akzeptiert.

Ein mutigeres Modell

Das ist auf den ersten Blick viel unsicherer als das Modell einer Kirche als religiöse Instanz für die ganze Gesellschaft. Es ist aber viel näher dran an dem Wort Jesu vom Salz der Erde. Und es gibt viel mehr Freiheit. Bei diesem Leitbild muss man nicht immer gleich überlegen, wie man möglichst viele Menschen erreicht, sondern man kann erst einmal versuchen, seine eigene Sache möglichst gut zu machen. Und welche Resonanz das dann findet, kann man getrost Gott überlassen.

Das passt auch gut zusammen mit der Beobachtung, dass sich im Neuen Testament ganz viele Hinweise dazu finden, wie man miteinander lebt, wie man Liebe übt gegen jedermann, wie man die geistliche Stärke einer Gemeinde erhält und wie man sich von Gott immer wieder neu inspirieren lassen soll. Dagegen gibt es so gut wie keine Anweisungen dazu, dass man als Gemeinde versuchen soll, zu wachsen, größer und stärker zu werden und mehr Einfluss zu bekommen. Das kommt dann dazu oder nicht, darum kümmert sich Gott. Es ist nichts, worum wir uns kümmern müssten.

Werdet Hoffnungsträger!

Das passt nun gut zusammen mit der zweiten Bibelstelle, die wir vorhin gehört haben. Erinnern Sie sich noch? Paulus legt im Römerbrief die alte Geschichte vom Propheten Elia aus, der sich bei Gott bitter darüber beklagt, dass Israel sich dem Götzen Baal zugewandt hat. Ja, das kann sogar im Volk Gottes passieren, dass die Mehrheit Gott verfälscht oder gar nichts mehr von ihm wissen will. Aber dann antwortet Gott dem verbitterten Elia: es gibt 7000 Menschen, die treu geblieben sind, dafür habe ich gesorgt. Schau lieber auf die als auf die verirrte Mehrheit!

Selbst in der Minderheit des Volkes Gottes gibt es also noch eine Minderheit, auf die es ankommt. Und man kann es noch weiter zuspitzen: am Ende bestand diese treue Minderheit nur noch aus Jesus, selbst seine Jünger hatten sich am Tag seiner Kreuzigung aus dem Staub gemacht. Aber diese Ein-Mann-Minderheit hat das Entscheidende erreicht. Also Elia, also Paulus, also ihr verzagten Christen zu allen Zeiten: hört auf, die Köpfe zu zählen, hört auf mit dem Jammer darüber, dass die Jugend nicht den Glauben der Mütter und Väter übernimmt, konzentriert euch darauf, eure eigene Sache gut zu machen. Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes, durchdenkt sein Wort, durchdenkt euer Leben, lebt miteinander inspiriert von seinem Wort, investiert Zeit, Geld und Kraft, und dann wird Gott euch das Nötige dazugeben.

So lange Gott in seiner Gnade dafür sorgt, dass es da noch einen klaren Rest gibt, eine mutige und zuversichtliche Minderheit, so lange hat Gott die Hoffnung noch nicht aufgegeben. Und dann sollten wir es auch nicht tun. Gott bringt durch seine kreativen Minderheiten eine ungeheure Dynamik in die Weltgeschichte. Und da wirken nicht nur edle und lautere Motive, es wirken auch fragwürdige Beweggründe wie Neid und Hass. Aber selbst damit kann Gott etwas bewirken. Selbst feindselige Reaktionen auf die Menschen Gottes bringen Gottes Sache voran. Auch Paulus war schließlich einmal ein Feind der Christen, bis Jesus ihn gestoppt hat.

Eine Perspektive nach vorn

Wir sollten uns an einem neuen Leitbild orientieren. Wenn wir am Bild von einer Kirche, zu der alle gehören, festhalten, dann schauen wir depressiv auf die schrumpfenden Zahlen und können nicht viel mehr tun als eine schrumpfende Kirche möglichst effektiv abzuwickeln. Wenn wir uns aber am Bild der kreativen Minderheit orientieren, dann sieht es ganz anders aus. Dann geht es um die Frage: haben wir Lösungen für die Gegenwart? Haben wir etwas zu sagen zu den verbitterten und enttäuschten Menschen, die sich in Feindseligkeit flüchten? Welche Lebensziele kann man verfolgen, die nicht immer mehr Müll, Gift und Feindschaft zur Folge haben? Was ist wirkliche Gerechtigkeit? Bei der Fähigkeit, uns solchen Fragen zu stellen, da haben wir durchaus zugelegt. Da stehen wir gar nicht so schlecht da, und wir können etwas dafür tun, dass es noch besser wird. Da können wir mit dem Heiligen Geist zusammenarbeiten, da sind wir nicht ohnmächtig.

Kreativ bedeutet wörtlich: schöpferisch. Gott hat uns als Mitschöpfer gewollt. Er erschafft mitten unter uns seine neue Welt, und er möchte, dass wir dabei sind. Wenn das auch unsere Priorität ist, dann wird er uns alles dazugeben, was wir brauchen.

Jun 122018
 

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16 Mein Ruhm besteht ja nicht darin, dass ich das Evangelium verkünde. Das ist schließlich eine Verpflichtung, der ich nicht ausweichen kann – wehe mir, wenn ich sie nicht erfülle! 17 Hätte ich diese Aufgabe aus eigenem Antrieb übernommen, könnte ich einen Lohn dafür erwarten. Ich habe sie aber nicht gewählt; sie ist mir übertragen worden: Gott hat mir die Aufgabe anvertraut, seine Botschaft zu verkünden.  18 Heißt das dann, dass ich überhaupt keinen Lohn bekomme? O doch: Mein Lohn besteht genau darin, dass ich das Evangelium unentgeltlich verkünde und keinerlei Gebrauch von dem Recht mache, das ich als Verkündiger dieser Botschaft habe.
19 Ich bin also frei und keinem Menschen gegenüber zu irgendetwas verpflichtet. Und doch habe ich mich zum Sklaven aller gemacht, um möglichst viele ´für Christus` zu gewinnen. 20 Wenn ich mit Juden zu tun habe, verhalte ich mich wie ein Jude, um die Juden zu gewinnen. Wenn ich mit denen zu tun habe, die dem Gesetz des Mose unterstehen, verhalte ich mich so, als wäre ich ebenfalls dem Gesetz des Mose unterstellt (obwohl das nicht mehr der Fall ist); denn ich möchte auch diese Menschen gewinnen. 21 Wenn ich mit denen zu tun habe, die das Gesetz des Mose nicht kennen, verhalte ich mich so, als würde ich es ebenfalls nicht kennen; denn auch sie möchte ich gewinnen. (Das bedeutet allerdings nicht, dass mein Leben mit Gott nicht doch einem Gesetz untersteht; ich bin ja an das Gesetz gebunden, das Christus uns gegeben hat.) 22 Und wenn ich mit Menschen zu tun habe, deren Gewissen empfindlich ist, verzichte ich auf meine Freiheit, weil ich auch diese Menschen gewinnen möchte. In jedem einzelnen Fall nehme ich jede nur erdenkliche Rücksicht auf die, mit denen ich es gerade zu tun habe, um jedes Mal wenigstens einige zu retten. 23 Das alles tue ich wegen des Evangeliums; denn ich möchte an dem Segen teilhaben, den diese Botschaft bringt.

Paulus hat immer sehr genau darauf geachtet, dass man ihm nicht nachsagen konnte, er hätte die Gemeinden ausgenutzt. Wir kennen ja alle die Geschichten über amerikanische Prediger und Fernsehevangelisten, die sich von ihren Gemeinden ein Luxusleben finanzieren lassen, und solche Geschäftsmodelle gab es damals natürlich auch schon. In Philosophie und Religion geht es immer auch um Geld. Und um nicht mit windigen Starrednern und Lohndenkern verwechselt zu werden, hat Paulus sich von den Gemeinden nicht bezahlen lassen, sondern sein eigenes Geld verdient. Einzige Ausnahme war die Gemeinde in Philippi, mit der er ganz eng verbunden gewesen sein muss. Aber selbst da betont er immer wieder, dass es ihm nicht um ihr Geld geht, und dass ihr Verhältnis unberührt bleiben soll von allen Finanzfragen.

Der Kern der Identität

Aber manchen kann man es nicht recht machen, und so kam dann aus der Gemeinde von Korinth der Vorwurf, er würde sich anscheinend für was Besseres halten, wenn er sich von ihnen nicht unterstützen ließe. Und deswegen legt er hier ausführlich dar, was seine Motive sind. Und er versucht zu erklären: alles was ich mache kommt aus dem Freiheitskern, den Gott mir eingepflanzt hat. Nur weil ich den habe, kann ich das alles schaffen, was ich tue.

Bild: Capri23auto via pixabay, Lizenz: creative commons CC0

Dieser Freiheitskern ist Paulus implantiert worden, als Jesus ihn berufen hat: Jesus hat ihn gestoppt, hat ihn buchstäblich umgehauen und ihn auf eine neue Spur gesetzt. Und immer wieder sagt Paulus: das war eine Sache exklusiv zwischen Jesus und mir. Kein Mensch hat mich überredet. Ich war ja der schlimmste Feind der christlichen Gemeinden, ich hätte auf niemanden gehört, wenn mir nicht Jesus selbst begegnet wäre.

Das ist von da an der innerste Kern, von dem her Paulus lebt, denkt und arbeitet. Er ist niemanden außer Jesus selbst verpflichtet. Deswegen lässt er sich nicht bezahlen, um zuerst vor sich selbst und dann vor anderen deutlich zu machen: es ist meine ureigenste Angelegenheit, das Evangelium zu verbreiten und Menschen zu gewinnen. Ich mache das nicht, um irgendetwas dafür zu bekommen, sondern ich mache das, weil ich Paulus bin. Ich könnte gar nicht anders. Ich ziere mich nicht, ich bin nur ehrlich: ich habe selbst das meiste davon.

Lebendiges Evangelium

Wir kennen das ja, dass Menschen so eine komplizierte Bescheidenheit an den Tag legen und sagen: nein, das war doch gar nichts Großes, was ich gemacht habe, das ist doch nicht erwähnenswert, aber man merkt, dass es für sie eigentlich schon wichtig ist, wahrgenommen zu werden. So einer war Paulus nicht. Der wusste durchaus, was er geleistet hatte, aber er konnte es gerade deswegen ganz sachlich zur Kenntnis nehmen, weil das keine Bedeutung für sein Selbstbewusstsein hatte. Dass er keinen Beifall brauchte und keinen Preis für besondere Verdienste um das Gemeinwesen, das war keine Redensart. Er brauchte es wirklich nicht.

Damit die Korinther das verstehen können, legt er ausführlich seine Motivation dar: er möchte so intensiv wie möglich mit dem Evangelium zu tun haben, weil er es so am besten kennenlernt. Das Evangelium ist ja keine Sammlung von Katechismussätzen, die man einmal auswendig lernt, und dann hat man für jede Situation den richtigen Spruch. Das Evangelium drückt sich immer wieder in neuen Formulierungen aus, man lernt es immer tiefer kennen, je öfter man damit zu tun hat. Immer wieder will es in einer neuen Situation anders verstanden und ausgesprochen werden. Man hat es nicht ein für alle mal, sondern man entdeckt immer wieder andere Seiten daran, wenn man es mit anderen Menschen teilt.

Kommunikationsfähig in alle Richtungen

Das schildert Paulus beispielhaft an seinen Begegnungen mit Juden und Heiden: Wenn er sich in einem jüdischen Umfeld bewegt, dann hält er sich an jüdische Sitten, beachtet genau den Sabbat und die Speisegebote, damit sie ihn nicht gleich in die Schublade »Heide« stecken. Und er taucht ein in den jüdischen Denkhorizont und orientiert sich an dem, wie ein Jude die Welt sieht und welche Fragen er hat. Er argumentiert mit der Bibel, weil die Schrift für Juden die entscheidende Instanz ist. Und jedes Mal versteht er die Bibel und das jüdische Denken mit seinen Stärken und Schwächen wieder etwas besser.

Wenn Paulus sich aber unter Heiden bewegt, also in der griechisch-römischen Mehrheitsgesellschaft, dann verzichtet er auf die jüdischen Sitten, damit er nicht gleich den Stempel »engstirniger Fanatiker« aufgedrückt bekommt. Er argumentiert nicht mit der Bibel, sondern zieht gerne auch mal die griechischen Philosophen heran, die für Heiden Autorität haben. Das ist keine charakterlose Anpassung, sondern es geht ihm darum, dass er gesprächsfähig bleibt, damit er jedem das Evangelium so sagen kann, wie der es braucht. Seine Gesprächspartner müssen ja nicht wissen, dass er parallel dazu die philosophischen Argumente immer auch daraufhin durchdenkt, ob sich in ihnen die Wahrheit über Israels Gott spiegelt. Und jedes Mal lernt er die heidnische Gedankenwelt in ihrer ganzen Ambivalenz wieder ein bisschen besser kennen und genauso entdeckt er die Seiten das Evangeliums, die in diesem heidnischen Kontext plötzlich wichtig werden.

Also, wir würden heute sagen: Paulus war enorm kommunikationsfähig, er konnte sich in so ziemlich jedem Milieu und in jeder Kultur bewegen. Das lag aber nicht daran, dass er jedem sagte, was der hören wollte, sondern er verkörperte mit Haut und Haar die Botschaft, die Jesus ihm aufgetragen hatte. Gerade weil es ihm um das Evangelium und die Menschen ging, darum wurde alles andere unbedeutend. Er konnte sich auf jede Gedankenwelt einlassen, weil sie alle Chancen für die Verkündigung bieten und alle irgendwie auch ihre ganz speziellen Widerstände gegen Gott entwickeln.

Ein unabhängiger Mensch

Paulus konnte sich weit aus dem Fenster lehnen, weil er einen ganz sicheren Stand hatte. Wer genau weiß, wer er selbst ist, der muss keine Angst vor den Anderen oder den Fremden haben. Einer wie Paulus kann mit jedem freundlich reden, kann ihm helfen und ihm zuhören, kann sich auf seine Weltsicht einlassen, weil er diesen starken Jesus-Freiheitskern in sich trägt. Und dieser Kern wird immer stärker, je mehr er sich auf die anderen einlässt.

Das ist ja der Zusammenhang, den Paulus nicht müde wird, zu beschreiben: gerade weil er unabhängig von Menschen ist, kann er für Menschen da sein. Gerade weil er seine Berufung direkt von Jesus empfangen hat, kann er ein Segen für Menschen sein. Gerade weil er die Wahrheit kennt, kann er geduldig auf Menschen hören und ihnen antworten. Gerade weil Jesus ihn zur Freiheit berufen und einen Freiheitskern in ihn gelegt hat, deshalb kann er sich zum Diener aller machen, wörtlich: zum Sklaven.

Viele denken, so ein unabhängiger Mensch wäre gefährlich und man müsste ihn doch irgendwie einbinden, ihn abhängig machen, und sei es, indem man ihn irgendwie bezahlt. Aber genau das ist es, was Paulus auf jeden Fall vermeiden will. Das würde ihm ja genau den Kern seiner Berufung nehmen.

Angst aus Unsicherheit

Nur wer nicht weiß, wer er ist, der muss sich von anderen fernhalten, der entwickelt Angst vor Überfremdung, der sucht sich Feinde, der fühlt sich permanent angegriffen und zurückgesetzt. Diejenigen, die heute Angst um das angeblich christliche Abendland haben, sind ja oft seit Jahrzehnten nicht mehr in einem Gottesdienst gewesen. Oder sie sind ängstliche Christen, weit weg von diesem sicheren Selbstbewusstsein des Paulus, der sagt: wo seid ihr, ihr Menschen aller Kulturen und Religionen? Wenn ihr nicht zu mir kommt, komme ich zu euch. Je fremder ihr seid, um so mehr lerne ich durch euch über Gottes Wege in seiner Welt!

Man muss jetzt sagen, dass Paulus sicher ein ganz besonderer Fall war. Er war nicht nur direkt von Jesus berufen, sondern er muss auch eine ganz enorme Intelligenz gehabt haben. Der hatte in seinem Kopf Platz für so viele Gedanken gleichzeitig, dass bis heute ganze Heerscharen von Gelehrten damit beschäftigt sind, das auseinander zu nehmen und nachzuvollziehen. Also, wir können nicht alle ein Paulus werden, noch nicht mal ein kleiner Paulus.

Keine Angst vor Widerständen

Aber etwas von dieser fröhlichen Zuversicht des Paulus, die hat er der Christenheit zum Glück vererbt. Wir müssen doch keine Angst vor der bösen Welt da draußen haben! Die Christenheit hat mal mit ein paar Hundert oder Tausend durchschnittlicher Menschen angefangen: eine winzige Minderheit. Paulus und eine Handvoll Freunde haben das halbe römische Imperium mit Gemeinden infiltriert, gegen die drei Jahrhunderte später kein Kaiser mehr regieren konnte. Und heute können sich manche noch nicht mal mehr vorstellen, wie man ohne Kirchensteuer die Kirche aufrechterhalten könnte. Aber wenn Jesus einen Feind wie Paulus um 180 Grad drehen kann, dann kann er noch ganz andere Dinge durch seine Leute tun.

Wir haben von Anfang an in unseren geistlichen Genen den eingebauten Mechanismus, dass Widerstände uns dazu bringen, noch tiefer ins Evangelium einzutauchen und Gottes Willen immer klarer zu verstehen. Das ist mit Mühe und Arbeit verbunden, manchmal mit Gefahren, manchmal auch mit Leiden, aber das ist der Weg, wie wir mehr von Gottes Gedanken verstehen. Die wenigsten christlichen Gedanken sind in der ruhigen Studierstube entwickelt worden. Die meisten und tiefsten Gedanken sind entstanden in Kämpfen und Konflikten, großen und kleinen. Auch die Bibel ist zu großen Teilen Kampfliteratur, aufgeschrieben, damit man Orientierung hat und nicht zurückschreckt vor den scheinbar alternativlosen Mächten dieser Welt.

Deswegen: wenn wir uns auf Menschen einlassen, die anders sind als wir selbst, die anders denken, andere Selbstverständlichkeiten haben, dann ist das jedes Mal eine Chance, mehr über Gott zu lernen. Wir selbst sind es, die am meisten davon haben. Wir tun das natürlich auch für die anderen, aber zuerst sind wir es, die davon am meisten profitieren.