Walter

Sep 172018
 

Predigt am 9. September 2018 zu Psalm 36

1 Von David, dem Knecht des HERRN, vorzusingen.
2 Auflehnung raunt tief im Herzen des Frevlers, *
er kennt kein Erschrecken vor Gott.
3 Er schmeichelt Gott vor dessen Augen und findet doch seine Strafe für seinen Hass.
4 Die Worte seines Mundes sind Unheil und Trug,,
verständig und gut handelt er nicht mehr.
5 Er trachtet auf seinem Lager nach Schaden und steht fest auf dem bösen Weg und scheut kein Arges.
6 HERR, deine Güte reicht, so weit der Himmel ist, und deine Wahrheit, so weit die Wolken gehen.
7 Deine Gerechtigkeit steht wie die Berge Gottes / und dein Recht wie die große Tiefe.
HERR, du hilfst Menschen und Tieren.
8 Wie köstlich ist deine Güte, Gott, dass Menschenkinder unter dem Schatten deiner Flügel Zuflucht haben!
9 Sie werden satt von den reichen Gütern deines Hauses, und du tränkst sie mit Wonne wie mit einem Strom.
10 Denn bei dir ist die Quelle des Lebens, und in deinem Lichte sehen wir das Licht.
11 Breite deine Güte über die, die dich kennen, und deine Gerechtigkeit über die Frommen.
12 Lass mich nicht kommen unter den Fuß der Stolzen, und die Hand der Frevler vertreibe mich nicht!
13 Siehe, da sind gefallen die Übeltäter, sind gestürzt und können nicht wieder aufstehen.

In diesem Psalm gibt es einige ganz bekannte und starke Bibelworte: »Herr, deine Güte reicht, so weit der Himmel ist, und deine Wahrheit, so weit die Wolken gehen.« »Denn bei dir ist die Quelle des Lebens, und in deinem Lichte sehen wir das Licht.« Oder der Gedanke von der Zuflucht »unter dem Schatten deiner Flügel«, wobei damit die Flügel der Cherubimfiguren im Tempel gemeint sind. Genauso der Gedanke von der kosmischen Reichweite der Gerechtigkeit Gottes: »Deine Gerechtigkeit steht wie die Berge Gottes und dein Recht wie die große Tiefe«. Hier sind beeindruckende Bilder dafür gesammelt, wie die Güte Gottes die ganze Schöpfung durchwaltet. Und man kann sich vorstellen, dass Jesus diesen Psalm gut gekannt hat und aus ihm Inspiration für seine Worte gezogen hat, wenn er z.B. in der Bergpredigt sagt: »Gott lässt es regnen über Gerechte und Ungerechte.«

Die helle Mitte und der dunkle Rand

Bild: Pexels via pixabay, Lizenz: creative commons CC0

Diese starken Sätze sind die Mitte des Psalms. Aber nun besteht der Psalm nicht nur aus dieser starken, hellen Mitte, sondern diese helle Mitte hat einen dunklen Rahmen: Eine Schilderung der Bösen, der Frevler, der Zerstörer. Menschen, die mit ihren Worten um sich herum Unheil verbreiten. Menschen, die selbst in der Nacht noch darüber nachdenken, wie sie Schaden anrichten können. Und die Bitte, dass Gott einen vor diesen Menschen beschützt.

Im Gesangbuch sind ja hinten auch Psalmen abgedruckt, und wenn Sie da nach Psalm 36 schauen, dann würden Sie sehen, dass man da diesen dunklen Rand einfach weggelassen hat. So kann man es natürlich auch machen. Aber ich glaube, dass man so mit der Bibel nicht umgehen darf: sich die hellen Stellen raussuchen, mit denen man schöne Poster und Postkarten gestalten kann, und die Stellen ignorieren, wo ungemütliche Wahrheiten ausgesprochen werden.

Denn der Psalm 36 lebt genau von dieser Spannung: dass da die Zerstörungskräfte in der Welt und in den Menschen benannt, beschrieben und nicht ignoriert werden, dass der Grundkonflikt im Hintergrund der Welt deutlich erkennbar wird, dass aber die Liebe Gottes diesen dunklen Rand deutlich und positiv überstrahlt. Und man kann wohl sagen, dass sich dieser Konflikt zwischen der überwältigenden Güte Gottes und den Unheilstiftern, die diese gute Schöpfung verderben wollen, durch die ganze Bibel zieht, von der Schlange im Paradies an, bis zum Höhepunkt der Kreuzigung Jesu, wo der Konflikt zwischen der Liebe Gottes und ihren Feinden am klarsten sichtbar wird, bis zu den Monstern der Offenbarung am Ende der Bibel.

Eine sehr aktuelle Beschreibung

Und natürlich ist dieser Konflikt nach dem Abschluss der Bibel nicht vom Tisch, sondern er geht weiter. Wir leben mitten drin. Ich weiß nicht, ob Sie in der letzten Woche auch diese Meldung gehört oder gelesen haben: als die Deutschen wie jedes Jahr in diesem Sommer nach ihren größten Ängsten befragt wurden, da landete zum Erstaunen der Meinungsforscher auf Platz 1 der amerikanische Präsident: dass wir durch irgendeine Trump‘sche Laune in einen gefährlichen Konflikt geraten könnten. Und man kann nur sagen: die Menschen sind nicht dumm. Das ist eine echte Gefahr. Wenn man ein Beispiel dafür sucht, dass die Bibel uns auch nach 2000 oder 3000 Jahren sehr aktuelles zu sagen hat, dann schaut nach Washington ins Weiße Haus. Da kann man sehr deutlich sehen, was gemeint ist mit den »Frevlern« – den Menschen, die nach Schaden trachten, deren Worte Unheil stiften und die sich keine Gedanken darüber machen, wie Gott darauf reagieren wird.

Aber natürlich gibt es das genauso im viel kleineren Format. Wenn man ein wenig überlegt, dann fallen einem viele Beispiele dafür ein, wie Einzelne und ganze Gruppen leiden unter einem oder wenigen Menschen, die überall Sand ins Getriebe streuen, die um sich herum blöde Stimmungen verbreiten, wo man schon vorher weiß, dass es Probleme geben wird. Menschen, die dafür verantwortlich sind, dass Grundschulkinder morgens mit Bauchweh aufwachen, dass Erwachsene mit einem schlechten Gefühl zur Arbeit gehen oder sich krank schreiben lassen. Vorgesetzte oder Lehrer, Kollegen oder Mitschüler, wo man denkt: ach, jetzt habe ich schon wieder mit der oder mit dem zu tun. Zum Glück sind es nicht so viele, zum Glück sind sie nicht alle so richtig fies, aber wenn Menschen aus ihrer Firma, der Schule, aus einem Heim oder anderswie Bedrückendes erzählen, dann sind es ganz häufig solche Personen, die um sich herum allen das Leben schwer machen. Solche Menschen gibt es im weltpolitischen Format genauso wie im Mini-Format in einer Familie oder einer Ehe und auf allen Ebenen dazwischen.

Es gibt sie, die Unheilstifter

Und die Bibel hilft uns – z.B. mit dem 36. Psalm – dass wir dann nicht denken: wie kann das nur sein? So etwas kann es doch nicht geben! Mit mir selbst muss was nicht stimmen, wenn ich so denke. Aber die Bibel stärkt uns den Rücken und sagt: trau deiner Wahrnehmung! Ja, es gibt solche Menschen, du hast was Richtiges gesehen, du liegst nicht falsch mit deinen Gedanken.

Als wir in den letzten Jahren immer mehr über das Thema Missbrauch gehört und gelernt haben, da fand ich mit am Erschreckendsten dieses Phänomen, dass Missbrauchsopfer sich oft auch noch selbst schuldig fühlen und dass es für sie eine große Befreiung ist, zu verstehen: ja, da bin ich tatsächlich in die Hände eines bösen Menschen geraten, das war nicht mein Fehler, es ist nicht so, dass jeder irgendwie was falsch macht. Der war schuld und nicht ich. Das war einer von denen, die hier in der Bibel Frevler genannt werden. Endlich habe ich ein Wort dafür. In etwas aktuellerer Sprache könnte man übersetzen: Unheilstifter, Zerstörer. Und wir tun gerade ihren Opfern keinen Gefallen, wenn wir diese Realität ignorieren und aus der Bibel nur die hellen, positiven Zusagen lesen.

Und hier im Psalm wird versucht, dieses Phänomen des Unheilstifters genauer zu ergründen. Warum macht der das? Wir stehen ja oft ratlos davor und fragen uns: was denkt so ein Mensch? Wenn einer dauernd Worte voll Lug und Trug in die Welt setzt und um sich herum alles das Leben schwer macht, am Ende vielleicht sich selbst schadet – was geht in dem vor? Was ist bloß sein Antrieb?

Warum tun die das?

Und der Psalm fängt damit an, dass er sagt: Im Herzen solcher Menschen steckt ganz unten eine Quelle, aus der immer wieder Gedanken und Worte aufsteigen, die sich gegen Gott empören. Das entscheidende Motiv ist der Wunsch, niemanden über sich zu haben, der einem Regeln gibt, vor dem man sich verantworten muss, der einem was sagen kann. Ich habe eine katholische Übersetzung gefunden, in der ich das am treuesten wiedergegeben fand: »Auflehnung raunt tief im Herzen des Frevlers.«

Das ist die Wurzel. Eine Stimme, die uns sagt: Auf niemand kannst du dich verlassen, auch Gott kümmert sich nicht um deine Interessen, der schikaniert dich bloß mit irgendwelchen Vorschriften, sorg selbst für dich, lass dir nicht dauernd was sagen, ein Aufpasser wie Gott kann dir gestohlen bleiben, mach dein eigenes Ding, mach dich frei von dieser Fremdbestimmung! Wir alle hören diese Stimme des Versuchers, seit er im Paradies Adam und Eva auf seinen Weg lockte. Aber wir schenken dieser Stimme nicht in gleicher Weise Gehör. Einige, die Frevler, sind da offener als andere, vielleicht sind manche auch weniger beschützt als andere, wieso auch immer.

Und was dann am Ende in der Realität daraus wird, das hängt von vielen Umständen ab. Der eine schikaniert bloß seine Kollegen, und der andere treibt Millionen Menschen in Tod und Verderben, wie wir das jetzt in Syrien gesehen haben und wohl leider Gottes auch weiter sehen werden. Aber tief im Herzen des Zerstörers liegt diese Auflehnung dagegen, durch Gott und die Realität der Schöpfung in irgendeiner Weise begrenzt zu werden, sich von ihm gängeln zu lassen und Grenzen zu akzeptieren. Deswegen ignorieren Menschen so oft Fakten und Realitäten und machen sich ihre eigene Traumwelt so zurecht, wie sie es gern möchten: weil sie sich in ihren Entscheidungen nicht von Tatsachen irritieren lassen wollen.

Gottes Güte ist größer

Was setzt der Psalm diesem Raunen der Auflehnung entgegen? Es ist das große, helle Bild von der überfließenden Güte Gottes, die die Schöpfung erfüllt, und aus der wir alle leben. Das Geschenk des Lichts, das wir aus Gottes Hand entgegennehmen. Der Reichtum der Schöpfung, die große Freude an allem Lebendigem, das Glück, in Freundschaft mit Gott leben zu dürfen, der sich als treu und wahr erweist, der uns nicht begrenzt und gängelt, sondern frei und stark macht. Die Unheilstifter erleben es als Einschränkung ihrer Freiheit, immer in diesem Gegenüber zu Gott und den Menschen leben zu sollen. Aber wer Gott kennt, für den ist das die Quelle der Freude. Gegen die wirkt die Verbissenheit der Auflehnung armselig.

Da hat uns einer ins Leben gerufen, hat uns gewollt, beschenkt uns, erfüllt die Schöpfung mit Überfluss, Schönheit und Glanz, möchte in Gemeinschaft mit uns stehen, spart nicht, wenn er uns etwas Gutes tun kann, ist treu und bleibt beständig so, trotz des dunklen Rahmens. Und der Strom seines Segens wird am Ende diesen dunklen Rand einfach zur Seite spülen und hinter sich lassen. Am Ende fallen die Zerstörer auf den Bauch und bleiben liegen. Wir erleben es zwar, dass wir uns fragen: wieso darf einer so lange immer wieder Unheil anrichten? Aber ich glaube, dass es auch sehr viele Beispiele gibt, wo wir im Großen und Kleinen erleben, wie das Böse sich selbst zerstört. Ich jedenfalls möchte nicht in der Haut von Frevlern stecken. Das ist mitunter lebensgefährlich. Aber nicht daraus kommt unsere Kraft, sondern aus der Fülle des Guten.

Vorhin in der Lesung haben wir gehört, wie Jesus mit dem Hinweis auf die Fülle des Segens antwortete, als Petrus ein wenig ängstlich darauf hinwies, was sie alles verlassen haben um Jesu willen: ja, sagt Jesus, ihr habt wegen mir Dinge und Menschen verloren, aber ihr bekommt es tausendfach zurück, nicht erst in der kommenden Welt, sondern jetzt schon, mitten in Konflikten. Wer die Konflikte nicht sehen will, der sieht auch nicht die Fülle Gottes mitten in dieser angegriffenen und misshandelten Welt. Wer den dunklen Rand wegschneidet und nur die leuchtende Mitte haben möchte, der bekommt nur noch ein handzahmes, reduziertes Evangelium.

Ein Konflikt bis zum Ende dieser Welt

Aber mitten in den Konflikten, die es ja tatsächlich gibt, erleben wir die Bewahrung. Der Verfasser des Psalms hat die im Tempel gefunden, »unter dem Schatten deiner Flügel«. Das ist der Ort, wo Gott uns das ganze Bild sehen lässt und uns dadurch sagt: Gott beschirmt seine Welt. Heute ist es die Gemeinde, in der wir uns aus der Schrift den Blick auf die Welt erneuern lassen. Da werden uns die Augen neu geöffnet für den Reichtum der Liebe Gottes, dem wir uns anvertrauen sollen. Was Paulus über diese Liebe denkt, das haben wir vorhin im Taufspruch für Ida Mozhgan gehört: »Ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch irgendein anderes Geschöpf uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn.«

Von diesem Reichtum der Liebe Gottes spricht die ganze Bibel. Nichts und niemand kann uns davon trennen. Eines Tages wird auch der dunkle Rand nicht mehr sein. Aber bis dahin wird die Liebe Gottes diesen dunklen Rand nicht los, und deshalb sollen auch wir davor nicht die Augen verschließen. Erst so verstehen wir, wie groß Gottes Treue zu seiner Welt in Wahrheit ist.

Sep 122018
 

Predigt am 2. September 2018 zu Psalm 32

1 Von David. Ein Weisheitslied.
Selig der, dessen Frevel vergeben *
und dessen Sünde bedeckt ist.
2 Selig der Mensch, dem der HERR die Schuld nicht zur Last legt*
und in dessen Geist keine Falschheit ist.
3 Solang ich es verschwieg, zerfiel mein Gebein, *
den ganzen Tag musste ich stöhnen.
4 Denn deine Hand liegt schwer auf mir bei Tag und bei Nacht;*
meine Lebenskraft war verdorrt wie durch die Glut des Sommers.
[Sela]
5 Da bekannte ich dir meine Sünde *
und verbarg nicht länger meine Schuld vor dir.
Ich sagte: Meine Frevel will ich dem HERRN bekennen. *
Und du hast die Schuld meiner Sünde vergeben.
[Sela]
6 Darum soll jeder Fromme zu dir beten; *
solange du dich finden lässt.
Fluten hohe Wasser heran, *
ihn werden sie nicht erreichen.
7 Du bist mein Schutz, /
du bewahrst mich vor Not *
und rettest mich und hüllst mich in Jubel.
[Sela]
8 Ich unterweise dich /
und zeige dir den Weg, den du gehen sollst. *
Ich will dir raten, über dir wacht mein Auge.
9 Werdet nicht wie Ross und Maultier, die ohne Verstand sind./
Mit Zaum und Zügel muss man ihr Ungestüm bändigen, *
sonst bleiben sie nicht in deiner Nähe.
10 Der Frevler leidet viele Schmerzen, *
doch wer dem HERRN vertraut, den umfängt seine Liebe.
11 Freut euch am HERRN und jauchzt, ihr Gerechten, *
jubelt alle, ihr Menschen mit redlichem Herzen!

Dieser Psalm ist noch mal wieder anders als die, auf die wir bisher gehört haben. Die Kirche hat ihn später zu den sieben »Bußpsalmen« gezählt, d.h. es geht in diesem Psalm um das Thema Schuld. Und viele Menschen würden wahrscheinlich sagen, dass Sünde, Schuld und Vergebung ja zu den religiösen Kernthemen gehören. Um so bemerkenswerter ist es, dass man von den 150 Psalmen nur 7 zu den Bußpsalmen zählt. Das Thema »Schutz vor skrupellosen Feinden« ist weitaus häufiger vertreten, und trotzdem assoziiert man es viel seltener mit Religion.

Was ist das Thema von Religion?

Stattdessen gibt es viel mehr Geschichtchen und Anekdoten rund um Religion und Sünde. In einer dieser Geschichten kommt ein Mann aus dem Gottesdienst nach Hause, und seine Frau fragt ihn: »worüber hat denn der Pfarrer heute gepredigt?« Und was kommt als Antwort? Etwa: »über fiese Feinde und wie Gott einem gegen sie beisteht«? Natürlich nicht. Stattdessen antwortet er selbstverständlich: »Über die Sünde«. Aber der Frau reicht das nicht, und sie fragt weiter: »Was meinte er denn dazu?« Und der Mann sagt: »Er war dagegen.«

Jetzt wissen Sie also schon mal, was Sie sagen können, wenn Sie heute noch gefragt werden, worum es im Gottesdienst ging.

Bisher haben wir also in den Psalmen öfter mal von Menschen gehört, die unter anderen leiden, weil sie von denen verleumdet oder gemobbt werden und das allmählich existenzbedrohend wurde. In solchen Fällen scheint der Tempel von Jerusalem so etwas wie eine Berufungsinstanz gewesen zu sein, an die man sich wenden kann, um eine Ehrenerklärung zu bekommen und rehabilitiert zu werden. Dieser Psalm hier ist der Rückblick eines Menschen, der anscheinend früher einmal auf der anderen Seite gestanden hat. Wir erfahren leider auch hier wieder nicht, was da genau passiert ist. Aber wenn es im ersten Psalm heißt:

Selig der Mensch, der nicht dem Rat der Frevler folgt, /
der nicht betritt den Weg der Sünder‚*
nicht sitzt im Kreise der Spötter

dann scheint der Verfasser unseres 32. Psalms irgendwie in diese Kreise gekommen zu sein. Er scheint zu denen gehört zu haben, denen im 4. Psalm gesagt wird:

Ihr Mächtigen, wie lange noch schmäht ihr meine Ehre‚*
wie lang liebt ihr das Nichtige und sucht die Lüge?

Und ich glaube, dass bis heute Sünde vor allem durch Worte, durch Gesinnungen und Gruppenstile geschieht. Das wenigste davon landet vor Gericht. Wenn Menschen beraubt, verletzt oder getötet wurden, dann erfahren wir natürlich aus der Zeitung davon, und deswegen denken wir wahrscheinlich auch oft an Gesetzesverstöße, wenn von Sünde die Rede ist. Und wir wissen, dass es in anderen Teilen der Welt sehr viel an krasser Gewalt gibt. Besonders da, wo Krieg herrscht, ist ein Menschenleben wenig wert, und deshalb sind ja auch viele Menschen zu uns geflohen, weil wir hier in unserem Alltag zum Glück nur sehr selten mit solchen krassen Formen von Sünde zu tun haben. Der andere Bereich, an den man beim Thema Sünde vor allem denkt, ist sexuelle Unmoral, wie auch immer man die definiert. Und auch die erreicht nur selten solche Dimensionen, dass sich Gerichte damit befassen müssen, oder dass die Zeitung darüber schreibt.

Deswegen denke ich, im Alltag haben wir es vor allem mit sündig verzerrter Kommunikation zu tun, um es mal so zu sagen: Mobbing im weitesten Sinn, Demontage eines Menschen durch Gerede, Demoralisierung von Menschen durch offene oder versteckte Beleidigungen, Verbreiten eines negativen Klimas mit Beschuldigungen, Gemeinheiten und Abwertungen. Der Psalm spricht von einem Herzen oder Geist voll Falschheit. All das kann am Ende zu richtig schlimmen Handlungen führen, aber zum Glück gehen Menschen diesen Weg nicht immer bis zum Ende, jedenfalls in unserem Teil der Welt. Hoffen wir sehr, dass es so bleibt.

Leben verdorrt

Irgendwie muss der Beter dieses Psalms auch an so einer sündig verzerrten Kommunikation teilgenommen haben, und das hat ihm nicht gut getan. Er spricht im Rückblick davon, dass »Gottes Hand schwer auf ihm lag«, und dass er »verdorrte« wie das Gras im heißen Sommer. Die genaue Bedeutung ist an dieser Stelle nicht ganz klar, aber es ist schon deutlich, dass das Bild von Hitze redet, die alles austrocknen lässt. Wir brauchen aber zum Leben Wasser. Ohne Feuchtigkeit kommt alles Leben zum Stillstand. Und Wasser ist deshalb auch ein Bild für die Kraft und den Segen, der von Gott her alles Lebendige am Leben erhält.

Man kann dieses Bild also am besten so verstehen, dass die Lebenskraft dieses Menschen verfiel, dass sich dieser Mensch durch eigene Schuld von der Liebe Gottes abgeschnitten hat, und dass er dadurch an Leib und Seele verkümmerte. Vielleicht ist er sogar krank geworden. Die Vorstellung dahinter ist, dass wir einen ständigen Zufluss an Gottes Lebensenergie brauchen, um unsere Lebendigkeit zu behalten. Andere Menschen können unsere Lebensenergie klein machen oder rauben, wenn uns etwa Nahrung oder Zuwendung genommen wird, aber wir können uns auch selbst davon abschneiden, wenn wir Gottes Zugang zu uns blockieren. Und wenn wir in einem Netzwerk voll sündig verzerrter Kommunikation drinstecken, das ist eine der wirkungsvollsten Methoden, sich von Gottes Lebensenergie abzuschneiden.

Zerstörte Lebenswege

Um es mal an einem krassen Beispiel zu sagen: wir haben im Augenblick an vielen Orten der Welt militärische Gruppen, die in einer Welt voller Gewalt und Mitleidlosigkeit leben. Die gewohnt sind, zu töten und zu quälen, die erlebt haben, wie Kameraden neben ihnen getötet wurden und ahnen, dass auch ihr Leben schnell zu Ende sein kann. Die aber voll aufgehen in diesem Leben, die sich noch gegenseitig filmen, wenn sie andere zerstören und die Bilder vielleicht noch stolz in Netzwerken präsentieren.

Wird es denen jemals gelingen, in ein halbwegs normales Leben zurückzukehren? Es gibt genug Geschichten von regulären Soldaten, die es nicht mehr schaffen, nach einem Krieg in ein ziviles Leben zurückzukehren. Wie soll das dann erst solchen Desperados gelingen? Wie können die jemals wieder harmlos mit ihren Kindern spielen, ohne dass in ihnen die Bilder von toten Kindern aufwachen, die sie gesehen oder vielleicht sogar selbst getötet haben? Wie können die jemals wieder ihre Frauen und Freundinnen lieben, wenn sie so lange mit Herabwürdigung von Frauen zu tun hatten, mit Verachtung von Weichheit und Freundlichkeit, mit einem Ideal des harten Kriegers? Wie sollen die jemals alt werden können, wenn sie gelernt haben, dass man um keinen Preis schwach werden darf, weil es für Schwache kein Mitleid gibt?

Ja, manchmal scheint es zu gehen: von manchen KZ-Kommandanten wird berichtet, sie seien liebevolle Familienväter gewesen, obwohl ich das nicht wirklich glaube. Aber auf jeden Fall muss man dann ganz viel verdrängen, man muss ganze Teile seiner Persönlichkeit irgendwo tief unten einschließen und gut bewachen, und das kostet Lebenskraft. Man braucht viel Kraft, um die Vergangenheit unter Kontrolle zu halten. Warum sind denn auch bei uns in Deutschland so viele starr und engstirnig geworden, die den letzten Krieg miterlebt haben? Weil sie sich von so viele Tabuzonen fernhalten mussten, an die niemand rühren durfte. Und dann nimmt auch der Intellekt Schaden, und die soziale Intelligenz erst recht. Und wie soll es dann erst bei einem sein, der Jahrzehnte in einer Miliz gewesen ist, der gefoltert und vergewaltigt hat, der gelacht hat über Opfer und Schwächlinge, der seine eigene Angst nie eingestehen durfte, der kein normales Leben mehr vor sich sieht, in das er eines Tages zurückkehren wird?

Abgeschnitten von Gottes Lebensfreude

Ich nehme so ein krasses Beispiel, weil da die Zusammenhänge deutlicher werden als in unserem vergleichsweise harmlosen Alltag. Aber greifen tun solche Zusammenhänge auch bei uns. Wenn Menschen sich von Gott abschneiden, dann verkümmern sie: manchmal körperlich, manchmal seelisch, in ihrer Liebesfähigkeit, in ihrer Fähigkeit, sich an andere zu binden oder Bedürfnisse aufzuschieben, in ihrer Beweglichkeit und Freude, manchmal verkümmern Menschen kulturell und brauchen kräftige Dosen an Kitsch und plumpen Bildern, um das Leben noch zu spüren, manchmal können sie das nur noch unter Drogen. Manchmal kriegen sie ihr Leben gar nicht mehr auf die Reihe. Auf viele Arten schlägt sich das nieder, wenn ein Mensch verdorrt, weil Gottes Lebenskraft für ihn nur noch ein dürres Rinnsal ist.

Der Beter des Psalms hat zum Glück noch rechtzeitig gemerkt, dass etwas mit ihm nicht stimmt. Und dann hat er sich an Gott gewandt und hat das ihm gegenüber ausgesprochen. Und das war die Wende. Es war wichtig, dass er diesen Zusammenhang formuliert hat, auf den Punkt gebracht hat. Aus so einem verzerrten Kommunikationszusammenhang kommt man nur raus, wenn man dem Ding einen Namen geben kann. Da muss ein Etikett dran, wo »Sünde« draufsteht oder was Vergleichbares. Vorhin in der Evangelienlesung (Johannes 8,31-36) haben wir von Jesus gehört:

Wer Sünde tut, der ist der Sünde Knecht.
Weniger krass, aber nicht harmlos

Sünde ist ein Herrschaftsverhältnis, und du kommst da nur raus, wenn du bereit bist, deinen Kerkermeister beim Namen zu nennen und dich von ihm zu distanzieren. Ob das vor Gott geschieht oder vor einem anderen Menschen, ist nicht so entscheidend, es kommt auf die Haltung an. Die diffusen Erlebnisse und Erfahrungen müssen einen Namen bekommen, sonst modern sie vor sich hin und vergiften alles. Es muss formuliert werden: ich habe meine Mitmenschen immer zu kontrollieren versucht, ich habe meine Umgebung mit meinen Launen tyrannisiert, ich habe mich gefreut, wenn ich Macht über andere ausüben konnte, ich habe mich auf Kosten anderer in den Mittelpunkt gespielt, ich habe den Sonntag nicht beachtet, ich habe Menschen benutzt, um mich gut zu fühlen, ich habe andere manipuliert, ich habe Stimmung gegen Menschen gemacht, ich habe verdummende Zeitungsartikel geschrieben, ich habe anderen ihre Zeit gestohlen, ich habe anderen das Leben schwer und drückend gemacht – um jetzt mal Beispiele zu nehmen, die näher an unserer Alltagsrealität sind. Und Sie sehen daran, dass Sünde in der Regel gar nicht so einfach zu benennen ist. Die meisten Menschen, die sich so verhalten, würden das nie so formulieren. Und dann behalten sie ihre Einschränkungen, welche auch immer das sein mögen. Wenn ich einen überfalle und beraube, müsste es klarer sein, aber selbst da dauert es manchmal lange, bis Menschen aufhören, die Schuld bei anderen zu suchen. Wieviel mehr bei Sünden, die irgendwie in die ganz normale Alltagskommunikation eingeflochten zu sein scheinen.

Der Weg zurück

Hier in dem Psalm begegnen wir der Erleichterung eines Menschen, der spürt, wie seine Einschränkungen verschwinden und er wieder Anschluss an das volle Leben bekommt. Er spürt wieder die Freude und Liebe, die von Gott her in die Welt fließen. Und er hört den Zuspruch Gottes: ich will dich leiten, über dir wacht mein Auge! Ich will dich nicht wie einen störrischen Esel treiben müssen, viel lieber möchte ich dir dir den Weg zeigen, den du dann selbst gehst.

Bis ein Mensch so weit ist, braucht es manchmal eine blitzartige Erkenntnis und manchmal einen langen Heilungsprozess, nicht selten beides. Aber es gibt einen Weg zurück zum Leben. Niemand muss unter der Herrschaft seiner Sünden verdorren und versteinern. Gott lässt es zu, wenn wir seinen Zugang zu uns blockieren, aber er arbeitet daran, dass wir den Verlust unserer Lebendigkeit spüren. Und er wartet auf uns, wenn wir umkehren.

Sep 102018
 

Predigt am 5. August 2018 zu Psalm 29

1 Ein Psalm Davids.

Bringt dar dem HERRN, ihr Himmlischen, *
bringt dar dem HERRN Ehre und Macht!

2 Bringt dar dem HERRN die Ehre seines Namens, *
werft euch nieder vor dem HERRN in heiliger Majestät!

3 Die Stimme des HERRN über den Wassern: /
Der Gott der Ehre hat gedonnert, *
der HERR über gewaltigen Wassern.

4 Die Stimme des HERRN voller Kraft, *
die Stimme des HERRN voll Majestät.

5 Die Stimme des HERRN bricht Zedern, *
der HERR hat zerbrochen die Zedern des Libanon.

6 Er ließ den Libanon hüpfen wie einen Jungstier, *
wie einen Wildstier den Sirjon.

7 Die Stimme des HERRN sprüht flammendes Feuer, /
8 die Stimme des HERRN lässt die Wüste beben, *
beben lässt der HERR die Wüste von Kadesch.

9 Die Stimme des HERRN lässt Hirschkühe kreißen, /
sie riss ganze Wälder kahl. *
In seinem Palast ruft alles: Ehre!

10 Der HERR thront über der Flut, *
der HERR thront als König in Ewigkeit.

11 Der HERR gebe Macht seinem Volk. *
Der HERR segne sein Volk mit Frieden.

Dieser Psalm ist vermutlich ein Hymnus, den Israel von einem Nachbarvolk übernommen hat. Auf babylonischen Tontafeln hat man z.B. solche Lieder entdeckt, in denen der oberste Gott angebetet wird, der seine Stimme im Gewitter erschallen lässt. Und wahrscheinlich gab es das auch bei den unmittelbaren Nachbarn Israels in Kanaan. In den alten Zeiten lief den Menschen ein Schauer über den Rücken, wenn sie das Krachen des Donners hörten und die zuckenden Blitze sahen, und sie waren fasziniert und erschreckt zugleich.

Faszination der Macht

Bild: Tumisu via pixabay, Lizenz: creative commons CC0

Gut, wir wissen heute, dass das bloß elektrische Entladungen sind, aber auch wir sind immer noch fasziniert, wenn wir einer starken Macht begegnen. Wenn so ein neugebautes Riesenschiff in Ostfriesland die Ems runterfährt, in Richtung Nordsee, dann kommen die Leute und wollen sehen, wie sich dieser Koloss durch die Wiesen schiebt. Oder überhaupt alles, was hoch ist, beeindruckt uns bis heute: Türme, Hochhäuser, Paläste, Berge. Oder Veranstaltungen mit einer Riesenbühne und Tausenden von Besuchern. Und alle Militärregimes dieser Erde wissen um die Faszination, die von einer Parade ausgeht. Vielleicht ist das nicht jedermanns Geschmack, aber es ist beeindruckend, wenn da Tausende im Gleichschritt marschieren und Panzer in langen Kolonnen vorbeirollen. Das ist Macht! Und bei einem Gewittersturm, wenn es so richtig kracht und der Regen wie aus Badewannen schüttet, da machen die einen schnell alle Fenster zu, und die anderen suchen sich ein sicheres Plätzchen, von dem aus sie sich das Schauspiel anschauen können. Es ist faszinierend, schaurig-schön, beängstigend, auf jeden Fall beeindruckend. Alles Große und Mächtige bekommt Aufmerksamkeit, und die Menschen in den alten Zeiten haben gesagt: irgendwie spüren wir da eine göttliche Macht! Es ist überwältigend! Es ist anbetungswürdig! Immer, wenn etwas große Macht entfaltet, innerlich oder äußerlich, dann entwickeln Menschen religiöse Gefühle.

Aber in Israel kannten sie Gott anders: nicht als eine Macht, die Menschen mit ihrer puren Größe einfach überrollt und in ihren Bann zieht. Sondern als Gott, der mit Menschen sprechen will. Israels Gott thront nicht in unerreichbarer Höhe, sondern er verbindet sich mit seinen Menschen, mit seinem Volk. In dem Gespräch zwischen Jesus und dem Mann im Tempel, das wir vorhin in der Lesung (Markus 12,28-34) gehört haben, ist das dann zu Ende gebracht, wenn beide sich einig sind: Gott ist jemand, den wir lieben, von ganzem Herzen, mit ganzer Hingabe, mit dem ganzen Verstand und mit aller Kraft!

Das letzte Wort ist »Frieden«

Und deswegen haben sie damals nicht einfach einen Hymnus auf – sagen wir, den Gott Baal zum Beispiel – genommen, und einfach den Gottesnamen ausgetauscht. Sie haben an den Hymnus am Ende angefügt: der Herr gebe seinem Volk Frieden! Das Wort dafür ist das Wort »Schalom«, und das heißt nicht nur Frieden, sondern es bedeutet Wohlergehen, Gedeihen, ein gutes Leben.

Sie haben also die heidnische Faszination des ursprünglichen Liedes entzaubert: diesen Gott, den die anderen kennen als den Gewittergott, der mit seiner brutalen Macht, mit seinem welterschütternden Donner allen das Herz in die Hose rutschen lässt, das ist in Wirklichkeit unser Gott, den wir persönlich kennen, den wir ganz anders kennen. Mit dem haben wir einen Bund geschlossen. Aber das heißt nicht, dass wir so einen Softie-Gott haben, der zwar lieb ist, aber so richtig was hinkriegen wie die anderen Götter, das tut er nicht.

Im Gegenteil, er ist der höchste Gott von allen, die anderen sind ihm gegenüber so eine Art dienstbare Geister, die gehören zu seinem Hofstaat, und die müssen ihn preisen und ihn als den Chef anerkennen. Unser Gott ist nicht einer von vielen, sondern der Höchste über allen anderen Göttern und Mächten.

Alte Überschriften, sehr aktuelle Fragen

Liebe Freunde, für uns scheinen solche Fragen, wer der höchste von allen Göttern ist, irgendwie aus der Zeit gefallen. Wen interessiert das heute noch? Und in der Tat, wir verhandeln das heute unter ganz anderen Stichworten, aber die Frage selbst ist bis heute enorm wichtig: sind die großen Mächte, die diese Welt bewegen, die letzte und entscheidende Wirklichkeit? Wenn uns die Konjunktur einen langen Aufschwung beschert, oder wenn uns eine Krise in ein tiefes wirtschaftliches Tal stürzt, ist man dem dann ohnmächtig ausgeliefert wie einem Hurrican? Wenn die Furien des Krieges ein Land heimsuchen, wenn die aufgeheizte Erde zur Wüste wird, wenn Vulkane ausbrechen oder Wassermassen aus einem Bach einen reißenden Strom machen, der das Land verwüstet, geht das einfach so ungerührt über uns hinweg? Oder ist da drüber oder dahinter noch etwas Stärkeres, oder jemand anderes, der einem beisteht? Ist da jemand, mit dem wir sprechen können, der sich sogar mit uns verbündet, oder sind wir einfach den stummen Mächten ausgeliefert, und wenn wir ihnen zufällig im Weg stehen, dann machen sie uns platt?

Israel hat gesagt: all diese erschreckenden Mächte gehören zum Hofstaat Gottes. Sie tun manchmal so, als wären sie die Höchsten von allen, sie müssen manchmal an ihren Chef erinnert werden, aber tatsächlich sind sie seine dienstbaren Geister.

Entzauberte Mächte

Das war damals eine enorme Leistung, die großen Mächte dieser Welt so zu entzaubern, dass man sich von ihnen nicht beeindrucken lässt. Und alle, die heute geringschätzig auf die Menschen der alten Welt mit ihrem Götter- und Geisterglauben herunterschauen, die sollen das erstmal nachmachen: sich nicht von den heutigen Großmächten beeindrucken lassen, nicht sagen: da kann man ja doch nichts machen. Wie viele Gespräche habe ich schon erlebt – und Sie sicher auch! – wo am Ende einer achselzuckend sagt: ja, die Welt ist verrückt, aber da können wir kleinen Leute nichts machen! Das Verrückte dabei ist, dass auch die großen Leute, die Präsidenten und Kanzler und Konzernchefs usw. es so ähnlich sagen: wir können das alles auch nicht wirklich steuern! Die können zwar besser für sich sorgen als wir, aber am Ende haben sie auch den Eindruck: da sind Mächte am Werk, die sich unserer Kontrolle entziehen.

Das ist unsere heutige Version der alten Frage: wer ist der höchste Gott? Ist das Letzte eine stumme, ungerührte Gewalt, der wir egal sind, und die uns sogar noch die Lebenskraft abzieht? Oder ist da – o Wunder! – ein Gott, der Liebe ist, und dem es um Frieden und Gerechtigkeit für seine Erde geht? Und wovon lassen wir uns faszinieren und/oder erschrecken, je nachdem? Von den stummen Mächten oder vom lebendigen Gott, der sich mit seinen Menschen verbindet und uns befreit von der Faszination durch das Große und Mächtige?

Unser Gott könnte das alles auch – die Kraft ist von ihm

Als irgendwann vor zweieinhalb oder dreitausend Jahren Menschen sich diesen Baalshymnus schnappten und ihn so umbauten, dass er zu Israels Gott passte, da wollten sie zeigen: unser Gott ist anders, aber er ist deswegen nicht schwächer als die Gewalt- und Gewittermächte, an die sie in der Nachbarschaft glauben. All diese faszinierenden Ereignisse kommen von ihm. Alles, was uns da beeindruckt und erschreckt und erschüttert und eine Gänsehaut macht, das ist seine Energie. Er hat alle Macht, aber er will nicht, dass wir uns einfach resigniert oder überwältigt vor ihm beugen, sondern er will einen Bund mit uns schließen, er möchte, dass wir Freunde sind, die miteinander reden, die sich lieben, und deswegen nimmt er seine Macht zurück. Er muss sich schwächer machen, als er ist, weil wir sonst nicht zusammenkommen.

Dieses Ineinander von Stark und Schwach zieht sich durch die ganze Bibel. Jesus bringt den Sturm auf dem See zum Schweigen, so wie es hier im Psalm von Gott heißt, dass er über der Chaosflut thront. Jesus kommt in den Tempel und schmeißt die Händler raus. Aber am Ende lässt er sich ohne Widerstand festnehmen und töten, obwohl er Gott um zehn Legionen Engel bitten könnte, die die paar Leute von Pilatus und den Priestern problemlos vom Tisch wischen würden. Und am Ende der Bibel, in der Offenbarung, ist es das Lamm, das die Siegel vom Buch der geheimen Pläne Gottes öffnet und das Böse aus der Welt vertreibt.

Am Ende wird der Gott siegen, der sich klein macht, damit er sich mit Menschen verbünden kann. Es ist seine Stärke, dass er sich zurücknehmen kann, dass er Menschen nicht überwältigt, sie nicht mit special effects sprachlos macht. Er setzt auf Worte, ein Medium, das Menschen Freiheit lässt. Er setzt auf unser Verstehen und Nachdenken, weil uns das stark macht. Er könnte uns auch einfach überwältigen, das sehen wir hier im Psalm, aber er will das nicht.

Ein starker Mann richtet Chaos an

Deswegen werden sich auch die Probleme unserer Welt nicht durch ein Basta! Lösen. Der starke Mann, der auf den Tisch haut und sagt, wo es lang geht, richtet nur noch mehr Chaos an. Gott setzt darauf, uns von der Faszination der Macht zu befreien, uns aus dem Sog der Überwältigung herauszulösen, uns stark zu machen gegen die Verlockungen der Großartigkeit, uns dazu zu bringen, dass wir nichts mehr von den Mächten und ihren wummernden Bässen erhoffen. Es ist unsere geheime Komplizenschaft mit den Mächten, die uns so handlungsgehemmt macht. Es ist unsere Bindung an die Welt, wie wir sie kennen, die uns dieses Gefühl der Ohnmacht gibt. Wer sich von den stummen Mächten faszinieren lässt, kann ihnen keinen Widerstand leisten. Aber wir sollen den Glauben an sie verlieren.

Die Mächte sollen sich Gott beugen und ihn anbeten. Und wir sind es, die sie dazu auffordern sollen. Denn sie können nur deswegen so tun, als ob sie göttlich wären, weil es Menschen gibt, die auf sie hereinfallen. Sie stützen sich auf Menschen gegen den Gott des Lebens. Wenn wir ihnen die Unterstützung entziehen, dann sind sie Nichtse. Ohne uns sind sie hohl und tot.

Der erste Schritt, um die Welt von ihnen zu befreien, ist deshalb, den wahren und lebendigen Gott anzubeten: nicht sich von ihm überwältigen zu lassen, sondern ihn in Freiheit zu lieben für das, was er ist. Ihn zu lieben »lieben, von ganzem Herzen, mit ganzer Hingabe, mit dem ganzen Verstand und mit aller Kraft« und seine Liebe in unserer Zuwendung zu Menschen zu wiederholen.

Aug 272018
 

Zu Hartmut Rosas Buch „Beschleunigung und Entfremdung“ (Teil 4)

| Teil 1: Motoren der Beschleunigung | Teil 2: Gibt es Gegenkräfte? | Teil 3: Totalitäre Beschleunigungsstrukturen | Teil 4: Zeit ist nicht Geld | Teil 5: Was tun? Was denken?

Rosa bringt ja zunächst einmal eine Beschreibung: die Beschleunigung ist ein Faktor, den eine kritische Theorie der Gesellschaft nicht ignorieren darf. Die Zeit ist ein viel zu wichtiges Thema, als dass man es politisch vernachlässigen dürfte. Letztlich sind auch die ökologischen Probleme Folge der gesellschaftlichen Beschleunigung. Denn durch unsere Geschwindigkeit sind wir für die Natur zu schnell geworden. Wir verbrauchen pro Zeiteinheit mehr, als sie nachliefern kann.

Wie kann aber eine Antwort darauf aussehen?

Das Problem entsteht ja daraus, dass wir die Zeit nutzen, um (auf allen möglichen Gebieten) schneller zu sein als die Konkurrenz. Und das ist inzwischen gar keine bewusste Entscheidung mehr, sondern ein Habitus. Scharf und sicher überspitzt gesagt: Es geht nicht mehr darum, Brot zu backen, Computer zu programmieren, Menschen seelsorgerlich zu beraten, Kunstwerke zu schaffen, Gemeinden zu bauen, und was es noch für schöne Dinge gibt, sondern das alles ist verzerrt vom Konkurrenzkampf, nicht nur dem ökonomischen. Die Konkurrenzlogik frisst die unterschiedlichen Zeiten unterschiedslos in sich hinein.

„Zeit“ oder „Zeiten“?

Die berühmte Stelle im Prediger Salomo (3,1-9) spricht ja nicht von „der“ Zeit, sondern stattdessen von spezifischen „Zeiten“: eine Zeit zum Weinen, eine Zeit zum Lachen, eine Zeit zum Suchen, eine zum Verlieren usw. Zeit ist eben nicht Geld. Ein Euro mag ein Euro sein (obwohl in Wahrheit in jedem Euro eine lange Geschichte menschlicher Beziehungen verborgen ist – Geld ist auch eine Abstraktion wie die chronologische Zeit, aber das verfolgen wir jetzt nicht weiter), aber eine Stunde ist nicht wie die andere. Es gibt immer nur auf besondere Weise gefüllte Zeit. Zeiteinheiten sind nicht gegeneinander zu verrechnen, weil sie immer wieder anders gelebt werden: unter anderen Bedingungen, in unterschiedlichem Geist, mit je anderer innerer Disposition für Konzentration, Arbeit, Ruhe, Beziehungen. Und wer versucht, gegen die Bestimmung der Stunde zu leben, verschwendet sinnlos seine Energie: „Man mühe sich ab, wie man will, so hat man keinen Gewinn davon.“

Diese Gedanken des Predigers stammen aus der Zeit der hellenistischen Durchdringung Alt-Israels, als die „moderne“ Geldwirtschaft engültig daran ging, die Welt der freien Bauern in die Welt der Großgrundbesitzer und Tagelöhner zu verwandeln, die wir aus den Evangelien kennen. Es war eine frühe Zeit der Globalisierung, als man sich nicht mehr auf die herkömmlichen Regeln des Zusammenlebens verlassen konnte. Die politisch-moralisch fundierte „Thorarepublik“ (wie Ton Veerkamp sie nennt) war nicht stark genug, um sich der gewaltsamen Öffnung des Landes zu widersetzen.

Die Antwort des Predigers darauf ist: versuche nicht, im Hamsterrad mitzuhalten, sondern lebe! Leben ist kein ewiger Kampf. Deshalb entzieh dich dem Hamsterrad. Widme dich intensiv der gegenwärtigen Zeit, vor allem, wenn du eine Gelegenheit zur Freude hast. Wer weiß, wann sie wiederkommt? Iss und trink, freue dich am Leben mit deiner geliebten Frau, und wenn die Gelegenheit günstig ist, setz deine Pläne entschlossen um. Aber tu das alles im Bewusstsein, dass es nicht in deiner Macht steht, die Zeiten zu ändern. Gottes Wege sind gut, aber wir verstehen sie nicht wirklich (das ist der leicht depressive Zug in den Gedanken des Predigers).

Um solche Zusammenhänge geht es auch, wenn Paulus oder der Seher Johannes davon sprechen, dass „eine Tür geöffnet wird“: Gelegenheiten, die sich auftun und genutzt werden sollen. Nur der Ton ist viel hoffnungsvoller. Durch die Auferstehung Jesu ist eine andere Zeit angebrochen, Gottes Wege sind weniger verborgen, und es gibt mehr Möglichkeiten, als sich nur in eine Nische zurückzuziehen und sich dort von der irrsinnigen Beschleunigung der Welt so gut wie möglich abzuschirmen. Das bringt für Paulus aber auch mehr Stress: die Beschreibung seiner Belastungen (im Umkreis von 2. Kor. 11,28 etwa) ist eindrucksvoll und hat nichts mehr mit einer ausgewogenen work-life-balance zu tun. Und auch von Jesus wird erzählt, dass sie zeitweise so überlaufen waren, dass die Mahlzeiten ausfallen mussten. Jesus wusste dann aber auch, wann die Zeit gekommen war, gemeinsam mit den Jüngern segeln zu gehen. Also nicht: Gelassenheit vs. Stress, sondern immer noch: Erkenntnis der jeweiligen Zeiten.

Der Gott der Fülle

Das alles bündelt sich in der Bergpredigt Jesu, wenn Jesus in Matth. 6 die Basis seines Handelns enthüllt: die grundlegende Güte des Schöpfers, der seinen Segen bedenkenlos an Gerechte und Ungerechte verschenkt. Nicht der Mangel regiert die Welt, sondern sie lebt aus der Fülle. Die Konsequenz ist: sorget nicht! Gott wird für euch sorgen. Das war damals für eine stärker agrarische Gesellschaft formuliert, der Kampf um die besten Plätze war noch viel offener gewaltförmig, dafür aber auch nicht soo allgegenwärtig. Aber auch damals schon schien solche Sorglosigkeit dem gesunden Menschenverstand widersinnig.

Im Ergebnis steht eine scharfe Alternative im Raum: „Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.“ Gott bringt Fülle, der Mammon Sorge und Mangel. Deshalb war das Zinsverbot über viele Jahrhunderte Konsens in der Kirche, bis die jungen bürgerlichen Rebellen aus der FDP Aufklärung sich gegen diese Einengung ihrer individuellen Freiheit empörten und das „oder“ durch das „und“ ersetzten: nicht mehr die alten, verknöcherten dogmatischen Fronten, sondern ein flexibles „sowohl als auch“.

Eine Frage des Weltbilds

In seriöserer Formulierung: Am Beginn der Neuzeit stand u.a. der Glaube, dass man mit dem Mammon einen Pakt schließen, ihn zähmen und in Dienst nehmen könne. Man müsse gar nicht im traditionell-christlichen Sinn gut sein (also das Interesse des Nächsten im Sinn haben). Denn die Verfolgung des je eigenen Interesses auf dem Markt ergebe am Ende durch die Regie einer „unsichtbaren Hand“ einen viel größeren Nutzen für alle als eine noch so altruistische Moral (und also wohl auch Politik). Seit damals gelten Moralisten (heute sind das die „Gutmenschen“) als Toren oder Schlimmeres. Die aktuelle Fortschreibung dieses Glaubens ist die neoliberale Überzeugung, dass „die Märkte“ es schon richten werden, und dass man die politisch-moralische Sphäre deshalb schrumpfen möge, damit von dort aus die Märkte kaum noch kontrolliert werden können. Und so bringt die Konkurrenz aller mit allen inzwischen nicht nur die Menschen aus dem Takt, sondern nun auch die Biosphäre in gefährliches Ungleichgewicht.

Am Ende ist es eine Frage des Weltbildes: gehe ich von einer Konkurrenz aller gegen alle aus, wo der Gewinn der Einen der Verlust der Anderen ist? Oder sehe ich eine grundlegende Verbundenheit aller Geschöpfe, die aus der fundamentalen Liebe des Schöpfers entspringt? Ist mein Gegenüber der Markt, der keine Gnade kennt, oder der Vater im Himmel, der auch über Ungerechte regnen lässt?

Nun, das ist jetzt für manche vielleicht nicht praktisch genug. Obwohl in der protestantischen Tradition ja eigentlich der Glaube (und damit die Frage, welche Realität wir voraussetzen) vor den Werken kommen sollte. Aber deshalb lasse ich noch einen fünften Post zum Thema folgen.

| Teil 1: Motoren der Beschleunigung | Teil 2: Gibt es Gegenkräfte? | Teil 3: Totalitäre Beschleunigungsstrukturen | Teil 4: Zeit ist nicht Geld | Teil 5: Was tun? Was denken?
Aug 242018
 

Zu Hartmut Rosas Buch „Beschleunigung und Entfremdung“ (Teil 3)

| Teil 1: Motoren der Beschleunigung | Teil 2: Gibt es Gegenkräfte? | Teil 3: Totalitäre Beschleunigungsstrukturen | Teil 4: Zeit ist nicht Geld | Teil 5: Was tun? Was denken?

Für Rosa ist die Beschleunigung ein Schlüsselfaktor zum Verständnis der Machtstrukturen der Gesellschaft. Sie weist Merkmale einer totalitären Herrschaft auf, allerdings nicht im Sinn der Herrschaft einer Klasse oder Gruppe, sondern als allgemeines Prinzip, das die ganze Gesellschaft durchdringt und dem sich niemand entziehen kann. In totalitären Systemen alter Art gibt es fast immer auch Lebenssphären, die vom Regime nicht kontrolliert werden; die Beschleunigung dagegen durchdringt die ganze Gesellschaft. Dabei erscheint sie gerade nicht als sozial konstruiertes Zwangsregime, sondern als quasi „natürlich“.

Die Zeit ist nämlich – bisher jedenfalls – eine jenseits der Politik verortete Größe,

  • obwohl die atemberaubende Geschwindigkeit sozialer Interaktion die Fähigkeit der Gesellschaft zur Selbstreproduktion untergräbt,
  • obwohl sie den Spielraum für die langwierigen Prozesse demokratischer Willensbildung immer mehr verkürzt und
  • obwohl sie Menschen permanent unter Druck setzt, weil keine soziale Position mehr als sicher gelten kann.

Im Gegenteil: die neoliberale Politik hat gerade die Instrumente politischer Gestaltung, die die Beschleunigung steuern könnten (z. B. durch Regulierung der immer schnelleren Finanzströme) reduziert, privatisiert oder abgeschafft.

Weil die Beschleunigung ungefragt akzeptiert und nicht als Druck realisiert wird, erleben sich die Menschen als so frei von sozialen, religiösen oder kulturellen Normen wie in keiner anderen Gesellschaft zuvor. Paradoxerweise fühlen sie sich aber um so stärker beherrscht von stetig zunehmenden Sachzwängen. Eine „Rhetorik des Müssens“ durchdringt und reguliert die Alltagspraktiken: wir „müssen“ ein Projekt zu Ende bringen, etwas für die Fitness tun, informationell auf dem Laufenden sein, die Steuererklärung abgeben, und schließlich müssen wir auch noch etwas unternehmen, um mehr zur Ruhe zu kommen. Menschen fühlen sich am Ende nicht wegen Verstößen gegen göttliche Anordnungen schuldig fühlen, sondern aufgrund des überquellenden Mail-Postfachs, wegen nicht abgearbeiteter ToDo-Listen, oder weil sie Arbeit und Familie nicht mehr unter einen Hut bekommen (inzwischen das Problem der KommissarInnen gefühlt in mindestens jedem zweiten Tatort). Die dazu führenden Normen funktionieren als verdeckte, stumme Kraft; sie sorgen rigide für soziale Regulation und machen es der Gesellschaft dennoch möglich, sich als frei und ethisch nur minimal restriktiv wahrzunehmen.

Ursprünglich sollte die moderne Dynamisierung des Lebens es Menschen erlauben, autunom und unabhängig von gesellschaftlichen Konventionen ihren individuellen Platz im Leben einzunehmen. Der Kapitalismus versprach, dass seine Leistungsfähigkeit am Ende allen die Freiheit geben würde, ihre Lebenspläne und Träume zu verwirklichen. Dieses Versprechen hat seine Glaubwürdigkeit verloren, weil die Beschleunigung des Lebens nun gerade Autonomie verhindert: individuell wie gesellschaftlich wird die Konkurrenzfähigkeit zum Hauptziel persönlicher wie politischer Gestaltung. Das Ziel der Selbstbestimmung wird von den strukturellen Bedingungen systematisch unterlaufen.

An dieser Stelle führt Rosa die Kategorie der Entfremdung ein, weil Menschen durch die Wettbewerbs- und Beschleunigungsgesellschaft von ihren ursprünglichen Zielen abgebracht werden, sich gezwungen fühlen, Dinge zu tun, die sie „eigentich“ nicht tun wollen, und dann in der Regel ihre „eigentlichen“ Absichten vergessen. Menschen werden entfremdet

  • vom Raum (wegen häufiger Ortswechsel im Dienst der Flexibilität eignet man sich Orte nicht mehr wirklich an),
  • von den Dingen (man beherrscht das neue Smartphone nicht mehr, weil es nach kurzer Zeit sowieso durch ein neues Modell ersetzt wird; Windows XP hat man noch verstanden, Windows Vista nicht mehr. Die Dinge werden immer smarter, die Menschen kommen nicht mehr mit),
  • von ihren eigenen Handlungen (weil die Entscheidungen so komplex sind, dass niemand sich gut genug informiert fühlt; weil Menschen dauernd Dinge tun müssen, die sie von ihren Kernaufgaben abhalten – Mails, Verwaltung und Mittelbeschaffung statt Arbeit mit Menschen oder an kreativen Projekten); Menschen verlieren das Gespür für das ihnen Wichtige oder Authentische, weil sie mit dem Abarbeiten von ToDo-Listen und deren Kompensation durch „instant-gratification“-Aktivitäten (wie Shoppen, TV oder Computerspielen) beschäftigt sind.
  • von der Zeit: eigentlich vergeht Zeit schnell, wenn man intensive Erfahrungen macht, an die man sich lange erinnert. Wenn Zeit langsam vergeht (weil sie mit Warten und anderen langweiligen Aktivitäten verbracht wird), vergessen wir sie auch schnell. In den digitalen Medien hat sich ein neues Muster herausgebildet: wir erleben intensiv, die Zeit vergeht schnell, aber wir vergessen diese leeren Erlebnisse auch schnell wieder. Wir integrieren sie nicht mit unserem Leben. Sie bleiben Erlebnisse und werden nicht zu Erfahrungen. Das Leben ist erlebnisreich, aber erfahrungsarm.
  • von anderen: wir kennen durch soziale Medien und technische Hilfsmittel viele Menschen, zu denen wir aber keine richtigen Beziehungen mehr entwickeln. Es reicht zu professioneller Zusammenarbeit, aber nicht für eine gemeinsame Geschichte. Da unsere Identität aber mit solchen Geschichten gebaut wird, entfemden wir uns auch von uns selbst.

Durch all diese Facetten von Entfremdung zieht sich das Muster, dass das beschleunigte Leben unsere Fähigkeit zerstört, uns etwas „anzuverwandeln“. Die Ratlosigkeit über das, was uns tatsächlich wichtig ist, führt zu einer Unsicherheit darüber, wer wir sind. Weltentfremdung und Selbstentfremdung sind zwei Seiten einer Medaille. Die „Resonanzachsen“ zwischen Selbst und Welt verstummen. Religion und Kunst (vor allem Musik) haben in früheren Zeiten versucht, diese Verbindung zu sichern. Die Wiederkehr religiöser Formen ebenso wie die „Musikalisierung“ der Welt (überall dudelt Hintergrundmusik, Menschen schaffen sich per Kopfhörer ihre eigene musikalische Umgebung) könnten darauf hindeuten, dass es in der Spätmoderne ein Resonanzdesaster gibt.

Soweit die Diagnosen von Rosa. Was sagt uns das, und wie sollen wir auf diese Beschreibung antworten? Dazu werde ich im vierten und letzten Post etwas schreiben. Dabei wird natürlich „Religion“ deutlich wichtiger werden als bei Rosa, der sie aus freundlicher Distanz beobachtet.

| Teil 1: Motoren der Beschleunigung | Teil 2: Gibt es Gegenkräfte? | Teil 3: Totalitäre Beschleunigungsstrukturen | Teil 4: Zeit ist nicht Geld | Teil 5: Was tun? Was denken?
Aug 222018
 

Zu Hartmut Rosas Buch „Beschleunigung und Entfremdung“ (Teil 2)

| Teil 1: Motoren der Beschleunigung | Teil 2: Gibt es Gegenkräfte? | Teil 3: Totalitäre Beschleunigungsstrukturen | Teil 4: Zeit ist nicht Geld | Teil 5: Was tun? Was denken?

Wenn die Beschleunigung im Herzen der modernen Gesellschaft selbst angesiedelt ist, dann stellt sich natürlich die Frage, ob es wirksame Gegenkräfte der Entschleunigung gibt. Und tatsächlich beschreibt Rosa 5 entschleunigende Faktoren, die jedoch (um es gleich vorwegzunehmen) nicht gegen die beschleunigende Dynamik des Wettbewerbs ankommen.

  • Natürliche Geschwindigkeitsgrenzen: Als Beispiele führt Rosa etwa die Dauer einer Schwangerschaft oder einer Erkältung an. Es ist bis jetzt noch nicht gelungen, diese und andere Prozesse wirksam zu beschleunigen. Aber in vielen anderen Fällen hat die Moderne tatsächlich scheinbar „natürliche“ Geschwindigkeitsbegrenzungen auf spektakuläre Weise überwunden.
  • Entschleunigungsoasen: In manchen Nischen scheint tatsächlich „die Zeit stehengeblieben“ zu sein; manche Konsumgüter besetzen solche Nischen mit dem Hinweis, dass sie auf traditionelle Art mit Zeit zum Reifen hergestellt seien. Aber die meisten dieser Entschleunigungsoasen geraten in der Spätmoderne verstärkt unter Beschleunigungsdruck und müssten ggf. bewusst geschützt werden.
  • Entschleunigung als Dysfunktionalität: Als Nebenfolge der Beschleunigung entstehen an manchen Orten dysfunktionale Verlangsamungen, wie etwa Staus, aber auch Depressionen.
  • Beabsichtigte Entschleunigung: Bei dieser Art von Entschleunigung kann es sich um systemimmanente Auszeiten ( … Manager im Kloster, Yogastunden … ) handeln, die Menschen fit machen sollen für die nächste Runde im Hamsterrad; möglich ist aber auch eine funktionale Entschleunigung, die davon ausgeht, dass ein stabiler Rahmen die Voraussetzung für jede Weiterentwicklung ist. Um die Zukunft der Gesellschaft nicht zu untergraben, muss dieser stabile Rahmen vor weiterer Dynamisierung geschützt werden. Ein Beispiel für eine solche gezielte Entschleunigung wäre z.B. die Kontrolle der Kapitalflüsse durch Regeln oder eine Tobinsteuer. Es ist aber auch bezeichnend, dass es bis jetzt nicht gelungen ist, solche Regeln durchzusetzen.
  • Erstarrung als Rückseite der Beschleunigung: Die Beschleunigung könnte die utopische Energie der Gesellschaft aufzehren und so das ganze System in eine rasende Orientierungslosigkeit versetzen. Wenn sich die Entwicklung nicht mehr in ein sinnvolles Narrativ („Fortschritt“) kleiden lässt, kann sich das wie das Ende der Geschichte anfühlen.

Unter der Voraussetzung, dass sich in diesen fünf Kategorien alle relevanten entschleunigenden Faktoren finde, scheint es tatsächlich in modernen Gesellschaften zu einem massiven Ungleichgewicht zwischen Be- und Entschleunigung zu kommen. Denn keiner dieser fünf entschleunigenden Faktoren ist eine echte Gegenkraft.

Welche Folgen das laut Rosa für unser Selbst- und Weltverhältnis hat, darüber im nächsten Post.

| Teil 1: Motoren der Beschleunigung | Teil 2: Gibt es Gegenkräfte? | Teil 3: Totalitäre Beschleunigungsstrukturen | Teil 4: Zeit ist nicht Geld | Teil 5: Was tun? Was denken?
Aug 202018
 

Zu Hartmut Rosas Buch „Beschleunigung und Entfremdung“ (Teil 1)

| Teil 1: Motoren der Beschleunigung | Teil 2: Gibt es Gegenkräfte? | Teil 3: Totalitäre Beschleunigungsstrukturen | Teil 4: Zeit ist nicht Geld | Teil 5: Was tun? Was denken?

Über Zeit und persönliche Zeitökonomie denke ich nach, seit ich beruflich arbeite. Einer meiner ersten Aha-Erlebnisse im Pfarramt war: es gibt jede Menge guter Möglichkeiten – nicht die Ideen sind der begrenzende Faktor, sondern die (fehlende) Zeit, um sie umzusetzen. Aber warum ist das so, welche Mechanismen stecken hinter der allgegenwärtigen Zeitknappheit, die ja wahrlich nicht nur ich empfinde?

Soziologische Zeitforschung

In diesem Urlaub habe ich mit großer Begeisterung „Beschleunigung und Entfremdung“ von Hartmut Rosa gelesen. Rosa schreibt sonst wesentlich dickere Bücher als dieses Bändchen von knapp 150 Seiten. Und das Thema Zeit und Beschleunigung beschäftigt ihn schon lange. Vermutlich ist dies Buch so etwas wie die Quintessenz seiner Arbeit zum Thema. Und tatsächlich folgt bei ihm eine hilfreiche Einsicht auf die andere.

Zunächst geht er der Frage nach: ist der Eindruck überhaupt zutreffend, dass die Welt sich im Großen und im Kleinen immer mehr beschleunigt? Und ist das überall gleichermaßen der Fall? Rosa unterscheidet zwischen technischer Beschleunigung (… vom Reiter zum Jet …), Beschleunigung des sozialen Wandels (… früher ein Leben lang bei einer Firma, heute noch nicht ml ein Leben lang denselben Beruf …) und Beschleunigung des Lebenstempos (… immer mehr in immer weniger Zeit erledigen …). Wie schon oft bemerkt, müsste die technische Beschleunigung eigentlich zu einer Zunahme der Zeitressourcen führen. Tut sie aber nicht. Warum? Weil die Wachstumsrate dessen, was wir tun, die Zeitersparnis durch technischen Beschleunigung mehr als auffrisst (… die Waschmaschine erspart mit dem wöchentlichen Waschtag jede Menge Arbeit, dafür wechseln wir die Wäsche nun viel häufiger …).

Der Beschleunigungs-Kreislauf und seine Motoren

Rosa beschreibt einen Kreislauf dieser drei Arten von Beschleunigung: die Beschleunigung des Lebenstempos lässt uns nach technischen Hilfsmitteln Ausschau halten, die Zeit ersparen. Diese technische Beschleunigung führt zu einer Beschleunigung des sozialen Wandels (Paradebeispiel: gesellschaftliche Verschiebungen durch Computer/Internet), und wer mit diesem beschleunigten Tempo mithalten will, muss dazu wiederum sein Lebenstempo erhöhen. Dieser Zirkel ist ein geschlossenes, sich selbst beschleunigendes System.

Dabei kann keine der drei Beschleunigungsarten als Ursache identifiziert werden. Eine bedingt die andere. Die eigentlichen Motoren für die soziale Beschleunigung sitzen woanders. Es ist vor allem der Wettbewerbsdruck des kapitalistischen Marktsystems, der die Beschleunigung befeuert: Wer sich eine Pause gönnt, oder wer es versäumt, die neuesten Errungenschaften der technischen Entwicklung zu implementieren, der fällt zurück. Beschleunigung führt zu Wettbewerbsvorteilen. Da aber alle beschleunigen, hält man im Durchschnitt seine Position. Ist man etwas besser (=schneller) als der Durchschnitt, dann zieht man an anderen vorbei, ist man zu langsam, dann fällt man zurück.

Prägendes Wettbewerbs-Paradigma

Diese Logik des Wettbewerbs ist inzwischen aber nicht mehr auf die Wirtschaft beschränkt, sondern frisst sich gerade in alle Bereiche der Gesellschaft hinein. Es gibt einen Konkurrenzkampf um Bildungsabschlüsse und Jobs, um Güter des demonstrativen Konsums (Autos, Urlaubsfotos auf Facebook, …), Erfolg der Kinder, Attraktivität (eigene und des Partners), gelesene Bücher, gesehene Filme usw. Wettbewerb wird zum vorherrschenden Prinzip der Allokation von Ressourcen in allen Bereichen des sozialen Lebens. Auch Kunst und Religion sind davon nicht mehr ausgenommen.

Flankiert wird der Wettbewerb von der modernen weltanschaulichen Entscheidung, dem Leben vor dem Tod die entscheidende Bedeutung zuzuschreiben. Damit wird das Leben zur letzten Gelegenheit, die man dann auch möglichst intensiv nutzen, d.h. mit möglichst vielen Qualitätserfahrungen füllen möchte. Beschleunigung ist ein Mittel dazu und wird so zu einem Äquivalent für die Verheißung des ewigen Lebens. Es ist allerdings ein eher dürftiger Ersatz, denn das Verhältnis zwischen den realisierten und den verpassten möglichen Optionen unseres Lebens wird am Ende des Tages durch die Beschleunigung eher schlechter sein.

In jedem Fall wird durch die Ausbreitung des Wettbewerbs-Paradigmas die ganze Gesellschaft zur Beschleunigungsgesellschaft, weil alle sich dauernd in vielen Lebensbereichen auf einem „rutschenden Hang“ vorfinden, wo Stillstand zu Rückschritt wird. Gibt es aber Gegenkräfte der Entschleunigung? Dazu mehr im nächsten Post.

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Jul 302018
 

Predigt am 29. Juli 2018 zu Psalm 27

1 Von David.

Der HERR ist mein Licht und mein Heil; *
vor wem sollte ich mich fürchten?

Der HERR ist meines Lebens Kraft; *
vor wem sollte mir grauen?

2 Wenn die Übeltäter an mich wollen, mich zu verschlingen, *
meine Widersacher und Feinde, müssen sie selber straucheln und fallen.

3 Wenn sich auch ein Heer wider mich lagert, *
so fürchtet sich dennoch mein Herz nicht;

wenn sich Krieg wider mich erhebt, *
so verlasse ich mich auf ihn.

4 Eines bitte ich vom HERRN,/ das hätte ich gerne: *
dass ich im Hause des HERRN bleiben könne mein Leben lang,

zu schauen die schönen Gottesdienste des HERRN *
und seinen Tempel zu betrachten.

5 Denn er deckt mich in seiner Hütte zur bösen Zeit, /
er birgt mich im Schutz seines Zeltes *
und erhöht mich auf einen Felsen.

6 Und nun erhebt sich mein Haupt *
über meine Feinde, die um mich sind;

so will ich opfern in seinem Zelt mit Jubel, *
ich will singen und Lob sagen dem HERRN.

7 HERR, höre meine Stimme, wenn ich rufe; *
sei mir gnädig und antworte mir!

8 Mein Herz hält dir vor dein Wort: /
»Ihr sollt mein Antlitz suchen.« *
Darum suche ich auch, HERR, dein Antlitz.

9 Verbirg dein Antlitz nicht vor mir, /
verstoße nicht im Zorn deinen Knecht! *
Denn du bist meine Hilfe;

verlass mich nicht und tu die Hand nicht von mir ab, *
du Gott meines Heils!

10 Denn mein Vater und meine Mutter verlassen mich, *
aber der HERR nimmt mich auf.

11 HERR, weise mir deinen Weg *
und leite mich auf ebener Bahn um meiner Feinde willen.

12 Gib mich nicht preis dem Willen meiner Feinde! *
Denn es stehen falsche Zeugen wider mich auf und tun mir Unrecht.

13 Ich glaube aber doch, /
dass ich sehen werde die Güte des HERRN *
im Lande der Lebendigen.

14 Harre des HERRN! *
Sei getrost und unverzagt und harre des HERRN!

In diesem Psalm finden wir einige der ganz starken Vertrauensworte der Bibel:

Der HERR ist mein Licht und mein Heil; *
vor wem sollte ich mich fürchten?
Der HERR ist meines Lebens Kraft; *
vor wem sollte mir grauen?

Das klingt richtig herausfordernd: kommt her, ihr werdet schon sehen, was ihr davon habt! Glaubt bloß nicht, dass ihr mir Angst machen könnt! Mit Gott im Bunde nehme ich es mit euch allen auf!

Und es ist wieder die Situation, wo ein Mensch gemobbt und verleumdet wird, wo sich sogar seine eigenen Eltern unter dem Druck der öffentlichen Hetze von ihm abwenden, aber der Tempel des Herrn ist seine Zuflucht, da bekommt er so etwas wie Asyl und vertraut fest darauf, dass Gott ihm zu seinem Recht verhelfen wird.

Wieder hören wir nicht genau, was diesem Menschen ursprünglich vorgeworfen wurde. Wahrscheinlich war dieses Gebet lange im Tempel im Gebrauch, gerade für solche Gelegenheiten, und so sind die Bezüge auf die Ursprungssituation nicht festgehalten worden, damit sich viele andere Menschen auch darin wiederfinden können – und das tun sie.

Verwundbar durch Mobbing

Bild: succo via pixabay, Lizenz: creative commons CC0

Es gehört ja zu den wirklich schlimmen Erfahrungen von Menschen, wenn sie von anderen systematisch schlecht geredet werden. Wenn es eine feste Struktur von Menschen gibt, die sich gegenseitig darin bestätigen, dass du blöd oder fies oder oder lieblos oder verlogen oder betrügerisch oder hässlich oder was auch immer bist, und wenn die das dann auch noch gemeinsam in der Öffentlichkeit verbreiten, das kann eine richtige Bedrohung sein.

Wir sind alle darauf angewiesen, dass wir mit den anderen Menschen kooperieren. Niemand ist eine Insel. Kaum jemand ist so unabhängig, dass es ihm egal sein kann, was die anderen über ihn denken. Wenn alle über dich sagen, dass du ein schrecklicher Mensch bist, oder dass du nichts wert bist, dann fragst du dich eines Tages, ob die nicht vielleicht Recht haben könnten. Genauer: in so einer Drucksituation kann man das gar nicht mehr vernünftig fragen und abwägen, sondern das sickert in einen ein, das schiebt sich in dein Denken, und du musst schon irgendwo Rückhalt haben, wenn du das abwehren willst. In so einer Lage ist man dankbar für jedes kleine Zeichen von Freundlichkeit und Unterstützung. Aber wenn jetzt sogar schon die Eltern sich vom Sohn oder der Tochter abwenden, dann gibt es eigentlich niemanden mehr, der ihn unterstützt.

Asyl im Tempel

Aber es gibt ja noch den Tempel. Gott hat in Israel eine Instanz eingerichtet, zu deren Aufgaben es ausdrücklich gehörte, in solchen Fällen dem Angegriffenen einen Schutzraum zu bieten, wo er wieder zu sich selbst kommen konnte, und wo er in einem unabhängigen Verfahren rehabilitiert werden konnte.

Wir wissen leider sehr wenig Genaues darüber, wie das damals vor sich gegangen ist. Aber es scheint da einen geistlich geprägten Weg gegeben zu haben, mit Opfern und Gebeten, mit einer Nacht, die dieser Mensch im Tempel zubrachte, und irgendwie geschah dabei auch Seelsorge, und am Ende war er wieder hergestellt und konnte aufs Neue seinen Platz in der Welt einnehmen.

Und die entscheidende Rolle spielte dabei eben der Tempel, aber nicht nur als reines Gebäude, sondern als unabhängige Einrichtung mit Traditionen des Nachdenkens und Urteilens, mit Opferritualen und vor allem mit dem ganzen Personal an Priestern und Leviten, die das getragen haben. Es war ja eine Gesellschaft, wo die allermeisten Menschen von Früh bis Spät einfach nur damit zu tun hatten, ihre Nahrung zu erarbeiten. Und da ist so eine Institution, in der konzentriert nachgedacht wird, wo Gedanken produziert und weitergegeben werden, wo man über viele Generationen hinweg Erfahrungen im Umgang mit Menschen zusammenträgt und bewahrt – so eine Institution ist in solch einer Gesellschaft ein ganz einmaliges und auch mächtiges Zentrum.

Ein Schutzraum für die Wahrheit

Wir haben heute keinen Tempel mehr, aber die Aufgabe der Menschen Gottes ist geblieben: Räume zu schaffen, die unabhängig sind von dem Sog der Stimmungen. Orte zu schaffen, wo man sich sein Urteil unabhängig vom Druck der öffentlichen Meinung bildet, weil man miteinander Übung darin hat, die Geister zu unterscheiden. Gesprächszusammenhänge aufrecht zu erhalten, wo Manipulation und Tricksereien schnell durchschaut werden. So wie die Kardinäle bei der Papstwahl in einem abgetrennten Bereich isoliert werden, ohne Telefon und Kontakt zur Außenwelt, mit festen Gebräuchen und Gottesdiensten, damit sich unter Ihnen eine ganz eigene, unabhängige Dynamik entwickeln kann, die nicht von außen gesteuert oder beeinflusst wird.

Natürlich sind alle menschlichen Institutionen fehleranfällig, das Konklave zur Papstwahl ebenso wie die Diskussion in einer x-beliebigen Gemeinde in Hintertupfingen. Auch da kann es Mobbing und Hetze gegen Menschen geben. Aber das ist immer noch besser als eine Welt, wo es diese unabhängigen Institutionen gar nicht gibt, wo die Religion sowieso in der Hand der Mächtigen ist und immer den Starken Recht gibt. Es muss solche Orte geben, wo Menschen, die angegriffen werden, Schutz finden.

Und das gilt für Mobbing am Arbeitsplatz, in der Schule und in der Nachbarschaft genauso wie für öffentliche Verleumdungen. Wir erleben ja zur Zeit einen konzentrierten Angriff auf die Wahrheit von ganz unterschiedlichen Seiten aus. Wir haben den amerikanischen Präsidenten, der sich die Wahrheit hemmungslos so zurechtbiegt, wie er sie braucht, heute so und morgen so, und sich noch nicht mal schämt dafür; und fast die Hälfte der Amerikaner scheint das nicht zu stören. Und ein Haufen kleinerer Machthaber tut es ihm nach. Wir haben die russischen Propagandaapparate, die sich im Internet als besorgte Bürger verkleiden, ihre Lügen gegenseitig bestätigen, und den Eindruck verbreiten, sie seien Volkes Stimme. Und wir haben einen Haufen Menschen, die überhaupt nicht mehr wissen, was sie glauben sollen, und es aufgegeben haben, sich mit solchen Fragen zu beschäftigen. Und natürlich freut das die Mächtigen, denn wenn Menschen gar nichts mehr glauben, dann können die wirklichen Drahtzieher, die genau wissen, was sie wollen, ungestört ihren Geschäften nachgehen.

Unter akutem Druck

Hier im Psalm fühlt sich ein Mensch sicher, weil er das feste Zutrauen hat, dass Gott hinter ihm steht und ihn schützen wird. Ich habe keine Angst vor euch! sagt er immer wieder. Und dann gibt es in Vers 7 so etwas wie einen Bruch. Es scheint so zu sein, dass er jetzt tatsächlich in den Tempel geht und dort Zuflucht sucht. Und da wird der Ton seines Betens ängstlicher. Jetzt ist es nicht mehr so selbstverständlich, dass Gott ihm helfen wird. Er bittet inständig: »Herr höre mich und antworte mir!«. Er argumentiert: »Du hast doch selbst gesagt, dass wir dein Antlitz suchen sollen, und das tue ich jetzt. Also verbirg dein Antlitz nicht vor mir, wende dich nicht ab von mir!«

Versteht, es gibt die Wahrheiten über Gott, die wir glauben, die man auf bunten Spruchkarten verschenkt oder die man als Konfirmations- oder Taufspruch bekommt. Auch so ein Satz wie »Der Herr ist mein Licht und mein Heil – vor wem sollte ich mich fürchten?« gehört dazu. Und die Sätze sind richtig. Du kannst auf Gott dein Leben bauen. Du kannst davon ausgehen, dass er so ist. Viele Menschen haben ihn so erlebt und können das bestätigen.

Aber es ist eine Sache, das zu glauben, und es ist eine andere, sich in der akuten Drucksituation darauf zu verlassen, dass das jetzt auch wirklich funktionieren wird. Wenn wir akut in Probleme kommen, dann müssen wir uns diese ganzen Gewissheiten noch einmal neu erringen. Im Ernstfall funktioniert das nicht so glatt wie auf den Spruchkarten; und man fühlt sich auch nicht so heroisch, wie es die schönen Fotos da signalisieren. Im Ernstfall kommst du zu Gott und die Angst sitzt dir im Nacken und du sagst zu ihm, wie es hier im Psalm steht: Bitte lass mich nicht fallen! Bitte lass jetzt nicht auch noch meine beste Freundin auf Distanz gehen! Bitte schütz mich vor der BILD-Zeitung. Schick mir doch ein paar Leute, die zu mir halten und nicht die ganzen Lügen glauben. Bitte sende mir wenigstens ein paar freundliche Worte!

Eine Zeit der Unsicherheit

Und dann passiert – nichts. Und jemand wartet und wartet und fragt sich: hab ich aufs falsche Pferd gesetzt? Waren es vielleicht alles nur leere Worte über Gott, auf die ich mich verlassen habe? Könnte es sein, dass alles nicht stimmt? Ich mag überhaupt nicht dran denken, dass mein letzter Halt auch noch wegbrechen könnte!

Versteht ihr, all die großen Wahrheiten über Gott, all die Konfirmationssprüche und Spruchkarten und auch die Psalmen der Bibel, die stehen nicht einfach ein für allemal fest. Wenn es ernst wird, dann muss sich die jeder erst selbst erkämpfen. Das ist keine Lehrbuchweisheit, die immer funktioniert. Es sind eher Versprechen: »Suche dort, und du wirst etwas finden, wenn du lange genug gräbst«. Man weiß noch nicht mal wie lange man graben muss, Der eine muss graben und graben und steht kurz vor dem Aufgeben, die andere kratzt ein bisschen und findet einen Schatz. Es gibt kein Schema F bei Gott.

Diese Zeit des Asyls im Tempel, die Zeit, die einer im Gebet zubringt, wenn er gemobbt wird, das ist eine Zeit der Unsicherheit, weil man nicht weiß, wie es ausgehen wird. Gott hilft, aber man weiß vorher nicht, wie. Es dauert und dauert. Es ist keine schöne Zeit. Und sie dauert immer länger, als man dachte.

Endlich ein gutes Wort

Hier im Psalm steht am Ende ein Satz, den vielleicht ein Priester zu dem Beter spricht: Harre des Herrn! Sei getrost und unverzagt und harre des Herrn! Das ist noch nicht die endgültige Lösung. Vielleicht gibt es in der Welt, wie wir sie kennen, sowieso immer nur vorläufige Lösungen. Aber es ist eine Bestätigung: du bist auf dem richtigen Weg. Bleib dabei! Halte durch!

Die Psalmen sind die Dokumente solchen Durchhaltens. Sie sind Zeugnisse davon, wie Menschen tatsächlich Hilfe gefunden haben, wie Gott tatsächlich geschützt und geholfen hat. In ihnen stecken die Erfahrungen vieler Generationen. Sie sind wahr. Und trotzdem müssen wir sie uns immer erst selbst aneignen, bis sie unsere Erfahrungen werden, bis es unsere Wahrheit ist.

Auch Jesus musste kämpfen

Selbst bei Jesus kann man das sehen, wie er mit großer Entschlossenheit auf die Konfrontation mit dem Machtzentrum in Jerusalem zugeht, klar sieht, was auf ihn zukommt – aber dann, bevor er verhaftet wird, da kämpft er im Gebet in Gethsemane darum, dass er das Vertrauen in Gott und seinen Weg behält. Und am Kreuz kämpft er darum, an Gott festzuhalten unter grausamen Schmerzen. Und es dauert und dauert. Und dann stirbt er, und wieder passiert erst einmal gar nichts. Es dauert und dauert. Am Ende ist er auferstanden, aber es ist gut, dass die Bibel weder in den Psalmen, noch in der Geschichte Jesu verschweigt, wie Menschen darum kämpfen müssen, dass die großen Wahrheiten auch in ihrem Leben wahr werden. Im Lauf des Lebens wird man geübter darin, aber manchmal bekommen wir auch immer schwierigere Aufgaben.

Auch Jesus musste bis zuletzt lernen und darum kämpfen, die großen Wahrheiten über Gott zu seiner eigenen Wahrheit zu machen. Am Ende ist es ihm gelungen. Und das ist die entscheidende Ermutigung für uns: es soll auch uns gelingen.

Jul 232018
 

Predigt am 22. Juli 2018 zu Johannes 9,1-7

1 Unterwegs sah Jesus einen Mann, der seit seiner Geburt blind war. 2 Da fragten ihn seine Jünger: Rabbi, wer hat gesündigt? Er selbst oder seine Eltern, sodass er blind geboren wurde? 3 Jesus antwortete: Weder er noch seine Eltern haben gesündigt, sondern die Werke Gottes sollen an ihm offenbar werden. 4 Wir müssen, solange es Tag ist, die Werke dessen vollbringen, der mich gesandt hat; es kommt die Nacht, in der niemand mehr wirken kann. 5 Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt. 6 Als er dies gesagt hatte, spuckte er auf die Erde; dann machte er mit dem Speichel einen Teig, strich ihn dem Blinden auf die Augen 7 und sagte zu ihm: Geh und wasch dich in dem Teich Schiloach! Das heißt übersetzt: der Gesandte. Der Mann ging fort und wusch sich. Und als er zurückkam, konnte er sehen.

Dass Jesus in die Welt gekommen ist, das ändert die Welt fundamental. Bis dahin hat man zur Orientierung nach hinten geschaut, und da eine Erklärung für Probleme gesucht. Jesus lenkt den Blick nach vorn, auf Gott, der in seine Schöpfung kommt und sie hell macht.

Ein Denkrahmen, mit dem man scheitern muss

Die Jünger sind noch im alten Denken verwurzelt: sie sehen einen Blinden und fragen: warum ist der blind? Es muss doch irgendeinen Grund haben? Irgendwer muss schuld daran sein! Aber in diesem Fall ist es schwierig, eine Antwort zu finden, denn der Mann ist von Geburt an blind, und man müsste schon abenteuerliche theologische Konstruktionen bemühen, um ihm irgendeine Schuld oder Mitschuld an seinem Schicksal zuzuschreiben. Deswegen kommen sie auf die Idee, die Schuld bei seinen Eltern zu suchen. Bloß das würde auch zu schwierigen Konsequenzen führen: wieso muss der Sohn die Fehler der Eltern ausbaden?

Bild: Timisu via pixabay, Lizenz: creative commons CC0

Wenn die Jünger Hindus oder Buddhisten gewesen wären, hätten sie jetzt sagen können, der Mann hatte eben ein schlechtes Karma, weil er in einem früheren Leben irgendwas angestellt hat. Der Karma-Gedanke ist ja mit der Vorstellung von der Wiedergeburt verbunden, nach dem man immer wieder neu geboren wird, vielleicht als König, vielleicht als Bettler, oder auch mal als Frosch, je nachdem, wie man sich in den früheren Leben benommen hat. Nach diesem denkerischen Konzept ist man immer selbst schuld, wenn einem was Schlimmes passiert, nach dem Motto: es wird schon einen Grund gehabt haben, wenn es dir schlecht geht! Weil die Jünger aber Juden sind, wissen sie, dass jeder Mensch einmalig ist. Niemand kann das, was er ist, beliebig wechseln wie ein Hemd. Der Gedanke einer Wiedergeburt, bei der uns auch noch die Taten aus früheren Leben verfolgen, führt erst recht in Probleme.

Also fragen sie lieber Jesus. Und mit seiner Antwort räumt Jesus gleich den ganzen Denkrahmen ab, in dem sich ihre Überlegungen bewegen. Denn unter der Überschrift »wer ist schuld?« gibt es keine Lösung, da verrennt man sich in lauter Widersprüche. Nein, sagt Jesus, weder der Blinde noch seine Eltern haben irgendetwas getan, für das die Blindheit jetzt die Strafe wäre. Diese ganze Fragerei nach hinten ist unfruchtbar und führt zu nichts. Selbst wenn man feststellen könnte, dass die Eltern irgendetwas falsch gemacht hätten, in der Schwangerschaft vielleicht, was würde das nützen?

Ein Denkmuster, das alles nur schlimmer macht

Man könnte sich dann damit beruhigen, dass es einen vernünftigen Grund für das Unglück anderer gibt, die Welt scheint wieder logisch und berechenbar zu sein, man muss selbst keine Angst haben, weil man ja garantiert nichts so Schlimmes gemacht hat wie die und sich deswegen sicher glaubt vor solchen Schicksalsschlägen. Die Frage danach, wer schuld ist, ist die Frage von neugierigen Beobachtern, aber den Betroffenen nützt sie überhaupt nichts. Im Gegenteil, bei so einer Sichtweise geht es einem nicht nur schlecht, man ist auch noch selbst schuld daran. Es gibt Erklärungen für Unglück, die einfach nur dazu dienen, dass wir beruhigt alles beim Alten lassen.

Deswegen ist der Karma-Gedanke, ob mit oder ohne Wiedergeburt, so entsolidarisierend: es hat alles schon seinen Grund, jeder ist selbst schuld, also geht es dich nichts an, was anderen passiert.

Keine Zeit für unnütze Spekulationen

Jesus, wie gesagt, räumt diese ganze Denke ab und eröffnet eine neue Blickrichtung nach vorn: Weder er noch seine Eltern haben gesündigt, sondern die Werke Gottes sollen an ihm offenbar werden. Jesus ersetzt den unfruchtbaren Blick nach hinten durch die ganz andere Perspektive nach vorn: an diesem Mann sollen die Werke Gottes deutlich werden. Und dann heilt er ihn. Über allem menschlichen Unglück und aller menschlichen Gebrochenheit steht die große Überschrift: Gott setzt seine Ehre darein, dass das wieder gut wird. Gott will keine Strafzettel verteilen, sondern die Welt neu machen. An Jesus ist das deutlich abzulesen.

Und dann sagt er weiter: Wir müssen, solange es Tag ist, die Werke dessen vollbringen, der mich gesandt hat; es kommt die Nacht, in der niemand mehr wirken kann. Wir haben gar keine Zeit für Spekulationen über das Warum und Wieso, sagt Jesus. Wir sollen Gottes Werke tun, und dazu haben wir gerade genug Zeit. Irgendwann schließt sich das Fenster wieder, und diese Gelegenheit müssen wir beim Schopf packen und sie nicht mit Spekulationen vertrödeln, warum das alles so ist und wer Schuld hat.

Lösungen statt Schuldzuschreibungen

Als Gott die Welt aus dem Chaos schuf, da hat er auch nicht darüber nachgedacht, wer das Chaos angerichtet hat und wer schuld daran ist, sondern er hat gesagt: es werde Licht! Und es ward Licht. Und jetzt kommt Jesus in die Welt, in die schon wieder Chaos und die Zerstörung eingebrochen sind, zB in Form von Krankheit und Blindheit, aber auch in Form von Entsolidarisierung und Hartherzigkeit, und in Form von Beschuldigung und Streit, und er sagt: ich bin jetzt das Licht für all das. Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt. So wie Gott am Anfang Licht ins Chaos gebracht hat, so bringe ich Licht in dieses ganze menschliche Chaos, das sich in Gottes Schöpfung ausgebreitet hat, und für die Frage, wer schuld daran ist, habe ich keine Zeit. Ich bin kein interessierter Zuschauer, sondern ich bin unten auf dem Platz und ändere die Regeln.

Aber interessanter Weise spricht er nicht nur von sich selbst, sondern wenn er sagt »Wir müssen, … die Werke dessen vollbringen, der mich gesandt hat«, dann schließt er seine Jünger mit ein. Wir haben das vorhin schon in der Lesung (Matthäus 5,13-16) gehört, wie Jesus auch über seine Jünger sagt: ihr seid das Licht der Welt! Auch seine Jünger gehören zu denen, die »die Werke Gottes tun« sollen. Auch die sollen Gottes Herrlichkeit mitten im menschlichen Kuddelmuddel aufleuchten lassen. Deswegen ist es so wichtig, dass Jesus sie von ihren unfruchtbaren Schuldtheorien wegholt, die sie davon abhalten, ihren Job zu machen.

Nun schaffen wir es in der Regel nicht häufig, blinde Menschen wunderbar zu heilen. Aus irgendeinem Grund ist das meistens nur im Umfeld Jesu passiert. Aber alles medizinische Engagement, das sich auf die Heilung von Krankheiten richtet, das passt wunderbar zu dieser Überzeugung Jesu, dass wir nach vorne schauen sollen, zu Gottes großen Möglichkeiten. Und wenn Menschen dazu beitragen, dass Blinde oder andere Menschen mit Handicap nicht bettelnd an der Straße sitzen müssen, sondern dass die Gemeinschaft sich um sie kümmert und ihnen das Leben so leicht macht, wie es nur geht, dann leuchtet auch darin das Licht Gottes auf. Und Menschen, die etwas Schweres erlebt haben, und Unglück in der Familie oder eine eigene Krankheit, die engagieren sich danach nicht selten an einer Stelle, wo sie etwas zur Heilung der Welt beitragen können, oft ganz instinktiv, weil sie merken, dass ihnen das gut tut.

Nach vorne statt nach hinten schauen

Jesus untergräbt die fatalistische, rückwärtsgewandte Haltung, aus der nie etwas Gutes kommt. Nur damit ich nicht falsch verstanden werde: natürlich ist es manchmal sinnvoll die Ursache von Problemen zu such und zu analysieren. Nur wenn man weiß, wie Krankheiten entstehen, kann man sie vermeiden. Aber dann steht diese Ursachenforschung im Dienst der Veränderung und Heilung, sie ist nicht dazu da, dass man sich zurücklehnt und sagt: das ist die gerechte Strafe, alles in Ordnung!

Es ist interessant, dass genau dieser Vers – dass wir wirken müssen, so lange es Tag ist – der Wahlspruch von Gerhard Lukas Meyer war, dem Vater der Ilseder Hütte, der maßgeblich dazu beigetragen hat, dass hier bei uns zeitweise das modernste Stahlwerk Deutschlands stand. Gerhard Lukas Meyer hat so um 1860 herum die Leitung der Ilseder Hütte übernommen, als sie gerade in Konkurs gegangen war. Der vorige Leiter war aus Verzweiflung darüber und wohl auch aus Scham in den Tod gegangen.

Gerhard Lukas Meyer hat aber nicht lange Schuldige gesucht oder Gründe gesucht, warum es so kommen musste, sondern er hat einen neuen Anfang gemacht und auf den Trümmern eines bankrotten Hüttenwerks eine blühende Industrie errichtet. Und wenn man seinen Leitspruch kennt, dann weiß man, dass er diese positive Grundhaltung des Nach-vorn-Schauens aus der Bibel gehabt hat, von Jesus. Die Ausstrahlung dieses Wortes reicht ganz konkret bis hierher in die Geschichte unseres Ortes. Aber damit ist sie noch lange nicht zu Ende.

Unfruchtbare Fragen

Jesus befreit Menschen aus der unseligen Bindung an Vergangenes. Wir kennen doch diese Fragen auch: warum passiert mir das? Habe ich irgendwas falsch gemacht? Womit habe ich das verdient? Warum muss mir immer so etwas passieren? Hätte ich es doch nur anders gemacht! Darauf gibt es keine Antworten, noch nicht einmal die Antwort: das ist eine Gelegenheit, damit Gott seine Größe und Güte beweisen kann ist richtig. Gott macht nicht Menschen erst krank oder unglücklich oder schuldig, damit er sie dann zu seinem höheren Ruhm heilen kann.

Die Frage selbst ist falsch. Sie ist unfruchtbar, überflüssig und unnütz. Das Unglück ist einfach da, und Gott bringt Licht hinein. Gott schafft Neues. Gott macht einen neuen Anfang. Darauf sollen wir unsere Aufmerksamkeit richten. Dahinein sollen wir unsere Zeit und unsere Gedanken und unser Engagement investieren. Wir sollen mitten in dieser zerrütteten Welt die Werke Gottes wirken: Barmherzigkeit, Heilung, Freundlichkeit, Solidarität, Gerechtigkeit, Durchblick und Klarheit, Frieden, Vertrauen, Zuversicht.

Gelegenheiten ergreifen

Damit haben wir genug zu tun. Wir wissen ja nicht, wie lange wir Gelegenheit dazu haben. Jesus wusste sehr gut, dass seine Zeit begrenzt war. Auch für uns schließt sich irgendwann das Fenster der Gelegenheit. Mit Sicherheit wenn wir tot sind, aber auch schon vorher kann sich so vieles ändern. Leben ist in vielerlei Hinsicht begrenzt. Die politischen Verhältnisse können sich ändern, unsere Gesundheit kann einen Knick bekommen, die Konjunktur kann einbrechen, die Menschen können sich verhärten, alles ist dauernd in Bewegung.

Grübeln hat keinen Zweck. Es verführt uns zu einer fatalistischen Haltung. Gott ist ganz anders. An ihm sollen wir uns orientieren, damit wir seine Werke tun können.

Jul 162018
 

Predigt am 15. Juli 2018 zu Lukas 9,10-17

10 Und die Apostel kamen zurück und erzählten Jesus, wie große Dinge sie getan hatten. Und er nahm sie zu sich und zog sich mit ihnen allein in eine Stadt zurück, die heißt Betsaida. 11 Als die Menge das merkte, zog sie ihm nach. Und er ließ sie zu sich und sprach zu ihnen vom Reich Gottes und machte gesund, die der Heilung bedurften. 12 Aber der Tag fing an, sich zu neigen. Da traten die Zwölf zu ihm und sprachen: Lass das Volk gehen, dass sie hingehen in die Dörfer und Höfe ringsum und Herberge und Essen finden; denn wir sind hier an einer einsamen Stätte. 13 Da sprach er zu ihnen: Gebt ihr ihnen zu essen. Sie aber sprachen: Wir haben nicht mehr als fünf Brote und zwei Fische, es sei denn, dass wir hingehen sollen und für dieses ganze Volk Essen kaufen. 14 Denn es waren etwa fünftausend Männer. Er sprach aber zu seinen Jüngern: Lasst sie sich lagern in Gruppen zu je fünfzig. 15 Und sie taten das und ließen alle sich lagern. 16 Da nahm er die fünf Brote und zwei Fische und sah auf zum Himmel und segnete sie, brach die Brote und gab sie den Jüngern, dass sie dem Volk austeilten. 17 Und sie aßen und wurden alle satt; und es wurde aufgesammelt, was ihnen an Brocken übrig blieb, zwölf Körbe voll.

Jesus ist dabei, seine Jünger zu trainieren, damit sie mit der Welt so umgehen können, wie er es tut. Kurz vor unserer Geschichte hat er sie ins ganze Land geschickt, damit sie selbst ausprobieren, wie es ist, wenn man das Evangelium verkündet und Menschen gesund macht. Und ganz besonders hatte er ihnen eingeschärft, dass sie nicht für ihren Lebensunterhalt vorsorgen sollten, weder Proviant noch Geld sollten sie dabei haben. Aus Gottes Hand kommt nicht nur Heilung, sondern auch Brot. Und so hatten sie immer genug zu essen, während sie den Menschen das Reich Gottes verkündeten.

Eine alte Erfahrung

Das ist eine Erfahrung, die das Volk Gottes von Anfang an immer wieder gemacht hat: die Welt ist von Segen erfüllt. Es ist genug für alle da. Das zeigt sich auf ganz unterschiedliche Weise, aber das Ergebnis ist immer: sie wurden alle satt. Das Volk Israel hat schon lange Zeit vorher bei seiner Flucht aus der ägyptischen Sklaverei erlebt, dass Gott sie versorgt. Wir haben das vorhin in der Lesung (2. Mose 16,2-18) gehört: auf ihrer Wüstenwanderung sandte Gott ihnen Wachteln und Manna. Selbst in der Wüste findet Gott Wege, damit seine Leute nicht hungern müssen.

Als die Jünger dann auf ihrer Tour durchs Land sind, da werden sie von den Menschen eingeladen, die sie mit ihrer Botschaft erreicht oder mit ihrem Gebet gesund gemacht haben. Was sie brauchen, das wird ihnen geschenkt. Das ist für unser Gefühl leichter erklärlich als wunderbares Brot, das vom Himmel fällt.

Später, in der ersten Gemeinde, wurden die Menschen alle satt, weil sie teilten. Es gab keine Armen unter ihnen. Auch das leuchtet uns einigermaßen ein, aber eigentlich ist das natürlich auch ein totales Wunder, wenn Menschen keine Angst mehr haben, dass es für sie selbst nicht reichen könnte. Es ist ein Wunder, wenn Menschen nicht meckern und murren wie das Volk Israel in der Wüste, wenn Menschen nicht um einen Platz in der Welt kämpfen, sondern darauf vertrauen, dass Gott ihnen den schon geben wird. Wer denkt, das wäre kein Wunder und das wäre leicht, der soll das erstmal probieren: Menschen von ihrer Angst vor dem zu-kurz-Kommen zu befreien.

Auch für große Menschenmengen

Und nun sorgt Jesus dafür, dass seine Jünger auf eine noch ganz andere, neue Weise Gott als Versorger kennenlernen. Sie haben gerade durch ihre Reisen dafür gesorgt, dass immer mehr Menschen zu Jesus kommen. Aber als sie dann das Ergebnis sehen, die riesige Menge von 5000 Menschen, da kommt es ihnen nicht in den Sinn, dass Gott auch für die sorgen könnte. Da denken sie eher an die praktische Lösung, die Menschen rechtzeitig wegzuschicken, damit sie sich noch etwas kaufen können. Selbst das wäre aber schwierig geworden, denn die Dörfer waren klein und so viel Vorräte wären da gar nicht gewesen. Wir wissen ja auch alle, wie schnell Aldi vor Weihnachten leergekauft ist. Aber vor allem hätten sie so dieses neue Beziehungsnetz, das da entstanden ist, gleich wieder zerrissen.

Deshalb geht Jesus einen anderen Weg. Er lässt sich bringen, was da ist, er dankt für das, was da ist, er segnet die Speise, er bricht das Brot, er lässt es austeilen – das erinnert alles schon irgendwie an das Abendmahl. Und tatsächlich geschieht das Wunder, dass sie alle satt werden. Am Ende ist noch viel übrig, und es wird sorgfältig in fünf Körben eingesammelt. Auch wenn genug für alle da ist, ist das kein Freibrief, Nahrung zu verschwenden.

Eine sehr besondere Erfahrung …

An dieser Stelle wäre es falsch, sich eine scheinbar vernünftige Erklärung zurecht zu legen, so auf die Art: das eigentliche Wunder bestand darin, dass sie alle angefangen haben zu teilen, und dann reichte das Mitgebrachte. Ja, so hat das in den ersten christlichen Gemeinden funktioniert. Aber hier passierte etwas anderes. Die Leute damals hatten zwar noch keine Computer, aber blöd waren sie nicht. Die konnten schon unterscheiden, ob da bloß einige ihre versteckten Butterbrote rausholten, oder ob – nun ja, ob das Brot sich auf eine Weise vermehrt hat, die sonst nicht die Regel ist. So etwas wird ja aus der Frühzeit des Christentums nicht wieder erzählt, das ist so nur bei Jesus passiert. So wie auch nur von Jesus erzählt wird, dass er auf dem Wasser gegangen ist oder einen Sturm zum Schweigen gebracht hat. Ich glaube, wir müssen damit rechnen, dass Gott manchmal unser normales Vorstellungsvermögen ein wenig durcheinander bringen will.

Aber Gott benutzt dabei nicht ein Schema F. Er macht es immer mal wieder anders. In diesem Fall vermehrt er Brot und Fische auf wunderbare Weise, ein andermal lässt er sein Volk durch die Natur mit Wachteln und Manna versorgen, dann wieder bewegt er die Herzen der Menschen, so dass sie die Jünger zum Abendessen einladen, und oft entfacht er die Solidarität der Christen, untereinander und mit anderen. Es sieht immer wieder anders aus, aber es bleibt dabei: Gott sorgt für seine Leute, und auch für viele andere.

… mit Gottes schöpferischer Kraft

Was sich durch all diese Geschichten ebenfalls hindurchzieht, das ist, dass er dabei auch immer Menschen zusammen bringt. In diesem Fall sammelt er sie in einer unbewohnten Gegend, irgendwo in der Nähe von Bethsaida, in einer Art Niemandsland. Da sind keine Kritiker, mit denen er sich herumstreiten muss. Da sind die Leute aus ihrem normalen Alltag herausgeholt, da ist das bis dahin Selbstverständliche nicht mehr selbstverständlich, da sind sie offen für ganz andere Lebensentwürfe. Und Jesus lässt sie die Erfahrung machen, wie Gottes schöpferische Kraft dafür sorgt, dass das Leben ganz anders funktioniert, als sie es bis dahin für selbstverständlich gehalten haben.

Bis dahin war es für sie selbstverständlich, dass Mangel herrscht, dass das Leben hart ist, dass man sein Brot im Schweiße seines Angesichts essen muss. Jetzt machen sie die Erfahrung, dass der Segen Gottes und seine Fülle nicht mehr verborgen sind, dass das Leben nicht mehr mühsam ist, dass Fülle da ist und nicht Mangel regiert.

Mangel ist nicht selbstverständlich

Wie gesagt, das hat es so nur bei Jesus gegeben, und auch da wohl nur zwei Mal. Aber es ist ein starkes Signal, dass wir uns den normalen Mustern für das, was wir vom Leben erwarten, nicht beugen sollten. Und wenn einer es nicht glauben mag, dass Gott wirklich so etwas tun kann und Menschen auf ganz wunderbare Weise versorgt, dann kann er sich ja auch an das halten, was eher der christliche Normalfall ist: dass Menschen miteinander teilen, dass Menschen die Angst verlieren, sie könnten zu kurz kommen. Das ist auch schon ganz schön wunderbar, und wenn das unter uns real wird, das ist doch auch schon etwas sehr Schönes.

Also, für alle, die sich nicht vorstellen können, dass sich Nahrung auf solche ganz wunderbare Weise vermehrt: dann seht die Geschichte jedenfalls als Hinweis darauf, dass die Welt ein reicher Ort wird, wenn Menschen teilen und nicht mehr denken, sie müssten um ihr Lebensrecht kämpfen.

Zerstörerische Überzeugungen

Es ist nämlich ein grundlegender Unterschied, ob man sich die Welt als einen Ort des Mangels vorstellt, wo Menschen um ihren Anteil kämpfen müssen, oder ob man vom Segen her denkt, der dafür sorgt, dass alle genug haben. Wer sich die Welt als eine Welt voller Mangel und Kampf vorstellt, der arbeitet daran, dass es auch so kommt. Wer den Menschen einredet, es sei nicht genug da, der produziert Angst und Gier. Wenn es nicht reicht, dann ist jeder sich selbst der Nächste. Dann heißt es: ich zuerst! Mein Land zuerst! Lasst uns kämpfen, dass wir uns ein großes Stück vom Kuchen sichern!

Wir erleben das ja im Augenblick an allen möglichen Fronten, wie Menschen ganz offen sagen: ich zuerst! Wir zuerst! Und dann gibt es Krieg: heiße Kriege, kalte Kriege, Handelskriege, Kulturkriege. Und gerade Kriege jeder Art sorgen für Not. Eigentlich ist genug für alle da, aber Angst, Gier und die Erbitterung, die daraus wächst, sorgen dafür, dass es trotzdem nicht reicht. Segen kann nur gedeihen, wenn Menschen miteinander verbunden sind und füreinander sorgen. Segen erschließt sich nur gemeinsam, wenn man anfängt, um ihn zu konkurrieren, dann verdirbt er.

Niemand muss glauben, dass Jesus einfach so auf wunderbare Weise Brot vermehrt hat. Es ist müßig, darüber große Debatten zu führen. Aber es wäre gut, wenn sich die Botschaft dieser Geschichte und vieler anderer ausbreiten würde: Unsere Welt ist reich und gesegnet, und die Fülle Gottes liegt für uns bereit. Niemand muss Angst haben, dass es für ihn nicht reicht. Aber die Voraussetzung dafür ist Verbundenheit, Barmherzigkeit, Solidarität, Freundlichkeit.

Harte Herzen sind schlimmer als harte Böden

Es gibt keinen Grund zur Sorge, denn Jesus steht in der Mitte der Menschen und segnet das Brot. Es gibt keinen Grund zum Kampf, denn Jesus teilt die Menschen in Tischgemeinschaften ein, sorgt dafür, dass jeder seinen Platz bekommt und alle miteinander Gottes Gaben empfangen. Und es gibt keinen Grund zur Verschwendung, denn er sorgt dafür, dass auch mit den Resten sorgfältig umgegangen wird – das ist überhaupt nicht banal, wenn man daran denkt, dass ein großer Teil unserer Lebensmittel auf dem Weg vom Feld auf den Teller verloren geht, verdorben, vernichtet, weggeworfen. Manche sagen, es wäre die Hälfte – ich weiß nicht, was stimmt, aber es ist auf jeden Fall zu viel.

Für uns heute ist das eine Herausforderung an unsere Art, die Welt zu sehen. Die Menschheit war noch nie so reich wie heute, niemand müsste hungern, wenn wir gleichmäßig teilen würden. Nicht harte, unfruchtbare Bösen sind das Problem, sondern harte, unfruchtbare Herzen. Und die Weltbilder, die harte Herzen zu ihrer Selbstrechtfertigung produzieren. Aber wir sind so gewöhnt an diese »Es reicht nicht für alle«-Parolen, dass es eine echte Herausforderung ist, anders zu denken. Wir sind ein bisschen in der Lage der Jünger, als Jesus sie ohne Geld und Proviant auf den Weg schickte: ein Weg ins Ungewisse und Unbekannte. Aber als sie sich auf den Weg machten, erlebten sie: es geht! Es funktioniert! Gottes Segen ist nicht kalkulierbar, aber er fließt wirklich!