Sep 172018
 

Predigt am 9. September 2018 zu Psalm 36

1 Von David, dem Knecht des HERRN, vorzusingen.
2 Auflehnung raunt tief im Herzen des Frevlers, *
er kennt kein Erschrecken vor Gott.
3 Er schmeichelt Gott vor dessen Augen und findet doch seine Strafe für seinen Hass.
4 Die Worte seines Mundes sind Unheil und Trug,,
verständig und gut handelt er nicht mehr.
5 Er trachtet auf seinem Lager nach Schaden und steht fest auf dem bösen Weg und scheut kein Arges.
6 HERR, deine Güte reicht, so weit der Himmel ist, und deine Wahrheit, so weit die Wolken gehen.
7 Deine Gerechtigkeit steht wie die Berge Gottes / und dein Recht wie die große Tiefe.
HERR, du hilfst Menschen und Tieren.
8 Wie köstlich ist deine Güte, Gott, dass Menschenkinder unter dem Schatten deiner Flügel Zuflucht haben!
9 Sie werden satt von den reichen Gütern deines Hauses, und du tränkst sie mit Wonne wie mit einem Strom.
10 Denn bei dir ist die Quelle des Lebens, und in deinem Lichte sehen wir das Licht.
11 Breite deine Güte über die, die dich kennen, und deine Gerechtigkeit über die Frommen.
12 Lass mich nicht kommen unter den Fuß der Stolzen, und die Hand der Frevler vertreibe mich nicht!
13 Siehe, da sind gefallen die Übeltäter, sind gestürzt und können nicht wieder aufstehen.

In diesem Psalm gibt es einige ganz bekannte und starke Bibelworte: »Herr, deine Güte reicht, so weit der Himmel ist, und deine Wahrheit, so weit die Wolken gehen.« »Denn bei dir ist die Quelle des Lebens, und in deinem Lichte sehen wir das Licht.« Oder der Gedanke von der Zuflucht »unter dem Schatten deiner Flügel«, wobei damit die Flügel der Cherubimfiguren im Tempel gemeint sind. Genauso der Gedanke von der kosmischen Reichweite der Gerechtigkeit Gottes: »Deine Gerechtigkeit steht wie die Berge Gottes und dein Recht wie die große Tiefe«. Hier sind beeindruckende Bilder dafür gesammelt, wie die Güte Gottes die ganze Schöpfung durchwaltet. Und man kann sich vorstellen, dass Jesus diesen Psalm gut gekannt hat und aus ihm Inspiration für seine Worte gezogen hat, wenn er z.B. in der Bergpredigt sagt: »Gott lässt es regnen über Gerechte und Ungerechte.«

Die helle Mitte und der dunkle Rand

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Diese starken Sätze sind die Mitte des Psalms. Aber nun besteht der Psalm nicht nur aus dieser starken, hellen Mitte, sondern diese helle Mitte hat einen dunklen Rahmen: Eine Schilderung der Bösen, der Frevler, der Zerstörer. Menschen, die mit ihren Worten um sich herum Unheil verbreiten. Menschen, die selbst in der Nacht noch darüber nachdenken, wie sie Schaden anrichten können. Und die Bitte, dass Gott einen vor diesen Menschen beschützt.

Im Gesangbuch sind ja hinten auch Psalmen abgedruckt, und wenn Sie da nach Psalm 36 schauen, dann würden Sie sehen, dass man da diesen dunklen Rand einfach weggelassen hat. So kann man es natürlich auch machen. Aber ich glaube, dass man so mit der Bibel nicht umgehen darf: sich die hellen Stellen raussuchen, mit denen man schöne Poster und Postkarten gestalten kann, und die Stellen ignorieren, wo ungemütliche Wahrheiten ausgesprochen werden.

Denn der Psalm 36 lebt genau von dieser Spannung: dass da die Zerstörungskräfte in der Welt und in den Menschen benannt, beschrieben und nicht ignoriert werden, dass der Grundkonflikt im Hintergrund der Welt deutlich erkennbar wird, dass aber die Liebe Gottes diesen dunklen Rand deutlich und positiv überstrahlt. Und man kann wohl sagen, dass sich dieser Konflikt zwischen der überwältigenden Güte Gottes und den Unheilstiftern, die diese gute Schöpfung verderben wollen, durch die ganze Bibel zieht, von der Schlange im Paradies an, bis zum Höhepunkt der Kreuzigung Jesu, wo der Konflikt zwischen der Liebe Gottes und ihren Feinden am klarsten sichtbar wird, bis zu den Monstern der Offenbarung am Ende der Bibel.

Eine sehr aktuelle Beschreibung

Und natürlich ist dieser Konflikt nach dem Abschluss der Bibel nicht vom Tisch, sondern er geht weiter. Wir leben mitten drin. Ich weiß nicht, ob Sie in der letzten Woche auch diese Meldung gehört oder gelesen haben: als die Deutschen wie jedes Jahr in diesem Sommer nach ihren größten Ängsten befragt wurden, da landete zum Erstaunen der Meinungsforscher auf Platz 1 der amerikanische Präsident: dass wir durch irgendeine Trump‘sche Laune in einen gefährlichen Konflikt geraten könnten. Und man kann nur sagen: die Menschen sind nicht dumm. Das ist eine echte Gefahr. Wenn man ein Beispiel dafür sucht, dass die Bibel uns auch nach 2000 oder 3000 Jahren sehr aktuelles zu sagen hat, dann schaut nach Washington ins Weiße Haus. Da kann man sehr deutlich sehen, was gemeint ist mit den »Frevlern« – den Menschen, die nach Schaden trachten, deren Worte Unheil stiften und die sich keine Gedanken darüber machen, wie Gott darauf reagieren wird.

Aber natürlich gibt es das genauso im viel kleineren Format. Wenn man ein wenig überlegt, dann fallen einem viele Beispiele dafür ein, wie Einzelne und ganze Gruppen leiden unter einem oder wenigen Menschen, die überall Sand ins Getriebe streuen, die um sich herum blöde Stimmungen verbreiten, wo man schon vorher weiß, dass es Probleme geben wird. Menschen, die dafür verantwortlich sind, dass Grundschulkinder morgens mit Bauchweh aufwachen, dass Erwachsene mit einem schlechten Gefühl zur Arbeit gehen oder sich krank schreiben lassen. Vorgesetzte oder Lehrer, Kollegen oder Mitschüler, wo man denkt: ach, jetzt habe ich schon wieder mit der oder mit dem zu tun. Zum Glück sind es nicht so viele, zum Glück sind sie nicht alle so richtig fies, aber wenn Menschen aus ihrer Firma, der Schule, aus einem Heim oder anderswie Bedrückendes erzählen, dann sind es ganz häufig solche Personen, die um sich herum allen das Leben schwer machen. Solche Menschen gibt es im weltpolitischen Format genauso wie im Mini-Format in einer Familie oder einer Ehe und auf allen Ebenen dazwischen.

Es gibt sie, die Unheilstifter

Und die Bibel hilft uns – z.B. mit dem 36. Psalm – dass wir dann nicht denken: wie kann das nur sein? So etwas kann es doch nicht geben! Mit mir selbst muss was nicht stimmen, wenn ich so denke. Aber die Bibel stärkt uns den Rücken und sagt: trau deiner Wahrnehmung! Ja, es gibt solche Menschen, du hast was Richtiges gesehen, du liegst nicht falsch mit deinen Gedanken.

Als wir in den letzten Jahren immer mehr über das Thema Missbrauch gehört und gelernt haben, da fand ich mit am Erschreckendsten dieses Phänomen, dass Missbrauchsopfer sich oft auch noch selbst schuldig fühlen und dass es für sie eine große Befreiung ist, zu verstehen: ja, da bin ich tatsächlich in die Hände eines bösen Menschen geraten, das war nicht mein Fehler, es ist nicht so, dass jeder irgendwie was falsch macht. Der war schuld und nicht ich. Das war einer von denen, die hier in der Bibel Frevler genannt werden. Endlich habe ich ein Wort dafür. In etwas aktuellerer Sprache könnte man übersetzen: Unheilstifter, Zerstörer. Und wir tun gerade ihren Opfern keinen Gefallen, wenn wir diese Realität ignorieren und aus der Bibel nur die hellen, positiven Zusagen lesen.

Und hier im Psalm wird versucht, dieses Phänomen des Unheilstifters genauer zu ergründen. Warum macht der das? Wir stehen ja oft ratlos davor und fragen uns: was denkt so ein Mensch? Wenn einer dauernd Worte voll Lug und Trug in die Welt setzt und um sich herum alles das Leben schwer macht, am Ende vielleicht sich selbst schadet – was geht in dem vor? Was ist bloß sein Antrieb?

Warum tun die das?

Und der Psalm fängt damit an, dass er sagt: Im Herzen solcher Menschen steckt ganz unten eine Quelle, aus der immer wieder Gedanken und Worte aufsteigen, die sich gegen Gott empören. Das entscheidende Motiv ist der Wunsch, niemanden über sich zu haben, der einem Regeln gibt, vor dem man sich verantworten muss, der einem was sagen kann. Ich habe eine katholische Übersetzung gefunden, in der ich das am treuesten wiedergegeben fand: »Auflehnung raunt tief im Herzen des Frevlers.«

Das ist die Wurzel. Eine Stimme, die uns sagt: Auf niemand kannst du dich verlassen, auch Gott kümmert sich nicht um deine Interessen, der schikaniert dich bloß mit irgendwelchen Vorschriften, sorg selbst für dich, lass dir nicht dauernd was sagen, ein Aufpasser wie Gott kann dir gestohlen bleiben, mach dein eigenes Ding, mach dich frei von dieser Fremdbestimmung! Wir alle hören diese Stimme des Versuchers, seit er im Paradies Adam und Eva auf seinen Weg lockte. Aber wir schenken dieser Stimme nicht in gleicher Weise Gehör. Einige, die Frevler, sind da offener als andere, vielleicht sind manche auch weniger beschützt als andere, wieso auch immer.

Und was dann am Ende in der Realität daraus wird, das hängt von vielen Umständen ab. Der eine schikaniert bloß seine Kollegen, und der andere treibt Millionen Menschen in Tod und Verderben, wie wir das jetzt in Syrien gesehen haben und wohl leider Gottes auch weiter sehen werden. Aber tief im Herzen des Zerstörers liegt diese Auflehnung dagegen, durch Gott und die Realität der Schöpfung in irgendeiner Weise begrenzt zu werden, sich von ihm gängeln zu lassen und Grenzen zu akzeptieren. Deswegen ignorieren Menschen so oft Fakten und Realitäten und machen sich ihre eigene Traumwelt so zurecht, wie sie es gern möchten: weil sie sich in ihren Entscheidungen nicht von Tatsachen irritieren lassen wollen.

Gottes Güte ist größer

Was setzt der Psalm diesem Raunen der Auflehnung entgegen? Es ist das große, helle Bild von der überfließenden Güte Gottes, die die Schöpfung erfüllt, und aus der wir alle leben. Das Geschenk des Lichts, das wir aus Gottes Hand entgegennehmen. Der Reichtum der Schöpfung, die große Freude an allem Lebendigem, das Glück, in Freundschaft mit Gott leben zu dürfen, der sich als treu und wahr erweist, der uns nicht begrenzt und gängelt, sondern frei und stark macht. Die Unheilstifter erleben es als Einschränkung ihrer Freiheit, immer in diesem Gegenüber zu Gott und den Menschen leben zu sollen. Aber wer Gott kennt, für den ist das die Quelle der Freude. Gegen die wirkt die Verbissenheit der Auflehnung armselig.

Da hat uns einer ins Leben gerufen, hat uns gewollt, beschenkt uns, erfüllt die Schöpfung mit Überfluss, Schönheit und Glanz, möchte in Gemeinschaft mit uns stehen, spart nicht, wenn er uns etwas Gutes tun kann, ist treu und bleibt beständig so, trotz des dunklen Rahmens. Und der Strom seines Segens wird am Ende diesen dunklen Rand einfach zur Seite spülen und hinter sich lassen. Am Ende fallen die Zerstörer auf den Bauch und bleiben liegen. Wir erleben es zwar, dass wir uns fragen: wieso darf einer so lange immer wieder Unheil anrichten? Aber ich glaube, dass es auch sehr viele Beispiele gibt, wo wir im Großen und Kleinen erleben, wie das Böse sich selbst zerstört. Ich jedenfalls möchte nicht in der Haut von Frevlern stecken. Das ist mitunter lebensgefährlich. Aber nicht daraus kommt unsere Kraft, sondern aus der Fülle des Guten.

Vorhin in der Lesung haben wir gehört, wie Jesus mit dem Hinweis auf die Fülle des Segens antwortete, als Petrus ein wenig ängstlich darauf hinwies, was sie alles verlassen haben um Jesu willen: ja, sagt Jesus, ihr habt wegen mir Dinge und Menschen verloren, aber ihr bekommt es tausendfach zurück, nicht erst in der kommenden Welt, sondern jetzt schon, mitten in Konflikten. Wer die Konflikte nicht sehen will, der sieht auch nicht die Fülle Gottes mitten in dieser angegriffenen und misshandelten Welt. Wer den dunklen Rand wegschneidet und nur die leuchtende Mitte haben möchte, der bekommt nur noch ein handzahmes, reduziertes Evangelium.

Ein Konflikt bis zum Ende dieser Welt

Aber mitten in den Konflikten, die es ja tatsächlich gibt, erleben wir die Bewahrung. Der Verfasser des Psalms hat die im Tempel gefunden, »unter dem Schatten deiner Flügel«. Das ist der Ort, wo Gott uns das ganze Bild sehen lässt und uns dadurch sagt: Gott beschirmt seine Welt. Heute ist es die Gemeinde, in der wir uns aus der Schrift den Blick auf die Welt erneuern lassen. Da werden uns die Augen neu geöffnet für den Reichtum der Liebe Gottes, dem wir uns anvertrauen sollen. Was Paulus über diese Liebe denkt, das haben wir vorhin im Taufspruch für Ida Mozhgan gehört: »Ich bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch irgendein anderes Geschöpf uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn.«

Von diesem Reichtum der Liebe Gottes spricht die ganze Bibel. Nichts und niemand kann uns davon trennen. Eines Tages wird auch der dunkle Rand nicht mehr sein. Aber bis dahin wird die Liebe Gottes diesen dunklen Rand nicht los, und deshalb sollen auch wir davor nicht die Augen verschließen. Erst so verstehen wir, wie groß Gottes Treue zu seiner Welt in Wahrheit ist.

Sep 122018
 

Predigt am 2. September 2018 zu Psalm 32

1 Von David. Ein Weisheitslied.
Selig der, dessen Frevel vergeben *
und dessen Sünde bedeckt ist.
2 Selig der Mensch, dem der HERR die Schuld nicht zur Last legt*
und in dessen Geist keine Falschheit ist.
3 Solang ich es verschwieg, zerfiel mein Gebein, *
den ganzen Tag musste ich stöhnen.
4 Denn deine Hand liegt schwer auf mir bei Tag und bei Nacht;*
meine Lebenskraft war verdorrt wie durch die Glut des Sommers.
[Sela]
5 Da bekannte ich dir meine Sünde *
und verbarg nicht länger meine Schuld vor dir.
Ich sagte: Meine Frevel will ich dem HERRN bekennen. *
Und du hast die Schuld meiner Sünde vergeben.
[Sela]
6 Darum soll jeder Fromme zu dir beten; *
solange du dich finden lässt.
Fluten hohe Wasser heran, *
ihn werden sie nicht erreichen.
7 Du bist mein Schutz, /
du bewahrst mich vor Not *
und rettest mich und hüllst mich in Jubel.
[Sela]
8 Ich unterweise dich /
und zeige dir den Weg, den du gehen sollst. *
Ich will dir raten, über dir wacht mein Auge.
9 Werdet nicht wie Ross und Maultier, die ohne Verstand sind./
Mit Zaum und Zügel muss man ihr Ungestüm bändigen, *
sonst bleiben sie nicht in deiner Nähe.
10 Der Frevler leidet viele Schmerzen, *
doch wer dem HERRN vertraut, den umfängt seine Liebe.
11 Freut euch am HERRN und jauchzt, ihr Gerechten, *
jubelt alle, ihr Menschen mit redlichem Herzen!

Dieser Psalm ist noch mal wieder anders als die, auf die wir bisher gehört haben. Die Kirche hat ihn später zu den sieben »Bußpsalmen« gezählt, d.h. es geht in diesem Psalm um das Thema Schuld. Und viele Menschen würden wahrscheinlich sagen, dass Sünde, Schuld und Vergebung ja zu den religiösen Kernthemen gehören. Um so bemerkenswerter ist es, dass man von den 150 Psalmen nur 7 zu den Bußpsalmen zählt. Das Thema »Schutz vor skrupellosen Feinden« ist weitaus häufiger vertreten, und trotzdem assoziiert man es viel seltener mit Religion.

Was ist das Thema von Religion?

Stattdessen gibt es viel mehr Geschichtchen und Anekdoten rund um Religion und Sünde. In einer dieser Geschichten kommt ein Mann aus dem Gottesdienst nach Hause, und seine Frau fragt ihn: »worüber hat denn der Pfarrer heute gepredigt?« Und was kommt als Antwort? Etwa: »über fiese Feinde und wie Gott einem gegen sie beisteht«? Natürlich nicht. Stattdessen antwortet er selbstverständlich: »Über die Sünde«. Aber der Frau reicht das nicht, und sie fragt weiter: »Was meinte er denn dazu?« Und der Mann sagt: »Er war dagegen.«

Jetzt wissen Sie also schon mal, was Sie sagen können, wenn Sie heute noch gefragt werden, worum es im Gottesdienst ging.

Bisher haben wir also in den Psalmen öfter mal von Menschen gehört, die unter anderen leiden, weil sie von denen verleumdet oder gemobbt werden und das allmählich existenzbedrohend wurde. In solchen Fällen scheint der Tempel von Jerusalem so etwas wie eine Berufungsinstanz gewesen zu sein, an die man sich wenden kann, um eine Ehrenerklärung zu bekommen und rehabilitiert zu werden. Dieser Psalm hier ist der Rückblick eines Menschen, der anscheinend früher einmal auf der anderen Seite gestanden hat. Wir erfahren leider auch hier wieder nicht, was da genau passiert ist. Aber wenn es im ersten Psalm heißt:

Selig der Mensch, der nicht dem Rat der Frevler folgt, /
der nicht betritt den Weg der Sünder‚*
nicht sitzt im Kreise der Spötter

dann scheint der Verfasser unseres 32. Psalms irgendwie in diese Kreise gekommen zu sein. Er scheint zu denen gehört zu haben, denen im 4. Psalm gesagt wird:

Ihr Mächtigen, wie lange noch schmäht ihr meine Ehre‚*
wie lang liebt ihr das Nichtige und sucht die Lüge?

Und ich glaube, dass bis heute Sünde vor allem durch Worte, durch Gesinnungen und Gruppenstile geschieht. Das wenigste davon landet vor Gericht. Wenn Menschen beraubt, verletzt oder getötet wurden, dann erfahren wir natürlich aus der Zeitung davon, und deswegen denken wir wahrscheinlich auch oft an Gesetzesverstöße, wenn von Sünde die Rede ist. Und wir wissen, dass es in anderen Teilen der Welt sehr viel an krasser Gewalt gibt. Besonders da, wo Krieg herrscht, ist ein Menschenleben wenig wert, und deshalb sind ja auch viele Menschen zu uns geflohen, weil wir hier in unserem Alltag zum Glück nur sehr selten mit solchen krassen Formen von Sünde zu tun haben. Der andere Bereich, an den man beim Thema Sünde vor allem denkt, ist sexuelle Unmoral, wie auch immer man die definiert. Und auch die erreicht nur selten solche Dimensionen, dass sich Gerichte damit befassen müssen, oder dass die Zeitung darüber schreibt.

Deswegen denke ich, im Alltag haben wir es vor allem mit sündig verzerrter Kommunikation zu tun, um es mal so zu sagen: Mobbing im weitesten Sinn, Demontage eines Menschen durch Gerede, Demoralisierung von Menschen durch offene oder versteckte Beleidigungen, Verbreiten eines negativen Klimas mit Beschuldigungen, Gemeinheiten und Abwertungen. Der Psalm spricht von einem Herzen oder Geist voll Falschheit. All das kann am Ende zu richtig schlimmen Handlungen führen, aber zum Glück gehen Menschen diesen Weg nicht immer bis zum Ende, jedenfalls in unserem Teil der Welt. Hoffen wir sehr, dass es so bleibt.

Leben verdorrt

Irgendwie muss der Beter dieses Psalms auch an so einer sündig verzerrten Kommunikation teilgenommen haben, und das hat ihm nicht gut getan. Er spricht im Rückblick davon, dass »Gottes Hand schwer auf ihm lag«, und dass er »verdorrte« wie das Gras im heißen Sommer. Die genaue Bedeutung ist an dieser Stelle nicht ganz klar, aber es ist schon deutlich, dass das Bild von Hitze redet, die alles austrocknen lässt. Wir brauchen aber zum Leben Wasser. Ohne Feuchtigkeit kommt alles Leben zum Stillstand. Und Wasser ist deshalb auch ein Bild für die Kraft und den Segen, der von Gott her alles Lebendige am Leben erhält.

Man kann dieses Bild also am besten so verstehen, dass die Lebenskraft dieses Menschen verfiel, dass sich dieser Mensch durch eigene Schuld von der Liebe Gottes abgeschnitten hat, und dass er dadurch an Leib und Seele verkümmerte. Vielleicht ist er sogar krank geworden. Die Vorstellung dahinter ist, dass wir einen ständigen Zufluss an Gottes Lebensenergie brauchen, um unsere Lebendigkeit zu behalten. Andere Menschen können unsere Lebensenergie klein machen oder rauben, wenn uns etwa Nahrung oder Zuwendung genommen wird, aber wir können uns auch selbst davon abschneiden, wenn wir Gottes Zugang zu uns blockieren. Und wenn wir in einem Netzwerk voll sündig verzerrter Kommunikation drinstecken, das ist eine der wirkungsvollsten Methoden, sich von Gottes Lebensenergie abzuschneiden.

Zerstörte Lebenswege

Um es mal an einem krassen Beispiel zu sagen: wir haben im Augenblick an vielen Orten der Welt militärische Gruppen, die in einer Welt voller Gewalt und Mitleidlosigkeit leben. Die gewohnt sind, zu töten und zu quälen, die erlebt haben, wie Kameraden neben ihnen getötet wurden und ahnen, dass auch ihr Leben schnell zu Ende sein kann. Die aber voll aufgehen in diesem Leben, die sich noch gegenseitig filmen, wenn sie andere zerstören und die Bilder vielleicht noch stolz in Netzwerken präsentieren.

Wird es denen jemals gelingen, in ein halbwegs normales Leben zurückzukehren? Es gibt genug Geschichten von regulären Soldaten, die es nicht mehr schaffen, nach einem Krieg in ein ziviles Leben zurückzukehren. Wie soll das dann erst solchen Desperados gelingen? Wie können die jemals wieder harmlos mit ihren Kindern spielen, ohne dass in ihnen die Bilder von toten Kindern aufwachen, die sie gesehen oder vielleicht sogar selbst getötet haben? Wie können die jemals wieder ihre Frauen und Freundinnen lieben, wenn sie so lange mit Herabwürdigung von Frauen zu tun hatten, mit Verachtung von Weichheit und Freundlichkeit, mit einem Ideal des harten Kriegers? Wie sollen die jemals alt werden können, wenn sie gelernt haben, dass man um keinen Preis schwach werden darf, weil es für Schwache kein Mitleid gibt?

Ja, manchmal scheint es zu gehen: von manchen KZ-Kommandanten wird berichtet, sie seien liebevolle Familienväter gewesen, obwohl ich das nicht wirklich glaube. Aber auf jeden Fall muss man dann ganz viel verdrängen, man muss ganze Teile seiner Persönlichkeit irgendwo tief unten einschließen und gut bewachen, und das kostet Lebenskraft. Man braucht viel Kraft, um die Vergangenheit unter Kontrolle zu halten. Warum sind denn auch bei uns in Deutschland so viele starr und engstirnig geworden, die den letzten Krieg miterlebt haben? Weil sie sich von so viele Tabuzonen fernhalten mussten, an die niemand rühren durfte. Und dann nimmt auch der Intellekt Schaden, und die soziale Intelligenz erst recht. Und wie soll es dann erst bei einem sein, der Jahrzehnte in einer Miliz gewesen ist, der gefoltert und vergewaltigt hat, der gelacht hat über Opfer und Schwächlinge, der seine eigene Angst nie eingestehen durfte, der kein normales Leben mehr vor sich sieht, in das er eines Tages zurückkehren wird?

Abgeschnitten von Gottes Lebensfreude

Ich nehme so ein krasses Beispiel, weil da die Zusammenhänge deutlicher werden als in unserem vergleichsweise harmlosen Alltag. Aber greifen tun solche Zusammenhänge auch bei uns. Wenn Menschen sich von Gott abschneiden, dann verkümmern sie: manchmal körperlich, manchmal seelisch, in ihrer Liebesfähigkeit, in ihrer Fähigkeit, sich an andere zu binden oder Bedürfnisse aufzuschieben, in ihrer Beweglichkeit und Freude, manchmal verkümmern Menschen kulturell und brauchen kräftige Dosen an Kitsch und plumpen Bildern, um das Leben noch zu spüren, manchmal können sie das nur noch unter Drogen. Manchmal kriegen sie ihr Leben gar nicht mehr auf die Reihe. Auf viele Arten schlägt sich das nieder, wenn ein Mensch verdorrt, weil Gottes Lebenskraft für ihn nur noch ein dürres Rinnsal ist.

Der Beter des Psalms hat zum Glück noch rechtzeitig gemerkt, dass etwas mit ihm nicht stimmt. Und dann hat er sich an Gott gewandt und hat das ihm gegenüber ausgesprochen. Und das war die Wende. Es war wichtig, dass er diesen Zusammenhang formuliert hat, auf den Punkt gebracht hat. Aus so einem verzerrten Kommunikationszusammenhang kommt man nur raus, wenn man dem Ding einen Namen geben kann. Da muss ein Etikett dran, wo »Sünde« draufsteht oder was Vergleichbares. Vorhin in der Evangelienlesung (Johannes 8,31-36) haben wir von Jesus gehört:

Wer Sünde tut, der ist der Sünde Knecht.
Weniger krass, aber nicht harmlos

Sünde ist ein Herrschaftsverhältnis, und du kommst da nur raus, wenn du bereit bist, deinen Kerkermeister beim Namen zu nennen und dich von ihm zu distanzieren. Ob das vor Gott geschieht oder vor einem anderen Menschen, ist nicht so entscheidend, es kommt auf die Haltung an. Die diffusen Erlebnisse und Erfahrungen müssen einen Namen bekommen, sonst modern sie vor sich hin und vergiften alles. Es muss formuliert werden: ich habe meine Mitmenschen immer zu kontrollieren versucht, ich habe meine Umgebung mit meinen Launen tyrannisiert, ich habe mich gefreut, wenn ich Macht über andere ausüben konnte, ich habe mich auf Kosten anderer in den Mittelpunkt gespielt, ich habe den Sonntag nicht beachtet, ich habe Menschen benutzt, um mich gut zu fühlen, ich habe andere manipuliert, ich habe Stimmung gegen Menschen gemacht, ich habe verdummende Zeitungsartikel geschrieben, ich habe anderen ihre Zeit gestohlen, ich habe anderen das Leben schwer und drückend gemacht – um jetzt mal Beispiele zu nehmen, die näher an unserer Alltagsrealität sind. Und Sie sehen daran, dass Sünde in der Regel gar nicht so einfach zu benennen ist. Die meisten Menschen, die sich so verhalten, würden das nie so formulieren. Und dann behalten sie ihre Einschränkungen, welche auch immer das sein mögen. Wenn ich einen überfalle und beraube, müsste es klarer sein, aber selbst da dauert es manchmal lange, bis Menschen aufhören, die Schuld bei anderen zu suchen. Wieviel mehr bei Sünden, die irgendwie in die ganz normale Alltagskommunikation eingeflochten zu sein scheinen.

Der Weg zurück

Hier in dem Psalm begegnen wir der Erleichterung eines Menschen, der spürt, wie seine Einschränkungen verschwinden und er wieder Anschluss an das volle Leben bekommt. Er spürt wieder die Freude und Liebe, die von Gott her in die Welt fließen. Und er hört den Zuspruch Gottes: ich will dich leiten, über dir wacht mein Auge! Ich will dich nicht wie einen störrischen Esel treiben müssen, viel lieber möchte ich dir dir den Weg zeigen, den du dann selbst gehst.

Bis ein Mensch so weit ist, braucht es manchmal eine blitzartige Erkenntnis und manchmal einen langen Heilungsprozess, nicht selten beides. Aber es gibt einen Weg zurück zum Leben. Niemand muss unter der Herrschaft seiner Sünden verdorren und versteinern. Gott lässt es zu, wenn wir seinen Zugang zu uns blockieren, aber er arbeitet daran, dass wir den Verlust unserer Lebendigkeit spüren. Und er wartet auf uns, wenn wir umkehren.

Sep 102018
 

Predigt am 5. August 2018 zu Psalm 29

1 Ein Psalm Davids.

Bringt dar dem HERRN, ihr Himmlischen, *
bringt dar dem HERRN Ehre und Macht!

2 Bringt dar dem HERRN die Ehre seines Namens, *
werft euch nieder vor dem HERRN in heiliger Majestät!

3 Die Stimme des HERRN über den Wassern: /
Der Gott der Ehre hat gedonnert, *
der HERR über gewaltigen Wassern.

4 Die Stimme des HERRN voller Kraft, *
die Stimme des HERRN voll Majestät.

5 Die Stimme des HERRN bricht Zedern, *
der HERR hat zerbrochen die Zedern des Libanon.

6 Er ließ den Libanon hüpfen wie einen Jungstier, *
wie einen Wildstier den Sirjon.

7 Die Stimme des HERRN sprüht flammendes Feuer, /
8 die Stimme des HERRN lässt die Wüste beben, *
beben lässt der HERR die Wüste von Kadesch.

9 Die Stimme des HERRN lässt Hirschkühe kreißen, /
sie riss ganze Wälder kahl. *
In seinem Palast ruft alles: Ehre!

10 Der HERR thront über der Flut, *
der HERR thront als König in Ewigkeit.

11 Der HERR gebe Macht seinem Volk. *
Der HERR segne sein Volk mit Frieden.

Dieser Psalm ist vermutlich ein Hymnus, den Israel von einem Nachbarvolk übernommen hat. Auf babylonischen Tontafeln hat man z.B. solche Lieder entdeckt, in denen der oberste Gott angebetet wird, der seine Stimme im Gewitter erschallen lässt. Und wahrscheinlich gab es das auch bei den unmittelbaren Nachbarn Israels in Kanaan. In den alten Zeiten lief den Menschen ein Schauer über den Rücken, wenn sie das Krachen des Donners hörten und die zuckenden Blitze sahen, und sie waren fasziniert und erschreckt zugleich.

Faszination der Macht

Bild: Tumisu via pixabay, Lizenz: creative commons CC0

Gut, wir wissen heute, dass das bloß elektrische Entladungen sind, aber auch wir sind immer noch fasziniert, wenn wir einer starken Macht begegnen. Wenn so ein neugebautes Riesenschiff in Ostfriesland die Ems runterfährt, in Richtung Nordsee, dann kommen die Leute und wollen sehen, wie sich dieser Koloss durch die Wiesen schiebt. Oder überhaupt alles, was hoch ist, beeindruckt uns bis heute: Türme, Hochhäuser, Paläste, Berge. Oder Veranstaltungen mit einer Riesenbühne und Tausenden von Besuchern. Und alle Militärregimes dieser Erde wissen um die Faszination, die von einer Parade ausgeht. Vielleicht ist das nicht jedermanns Geschmack, aber es ist beeindruckend, wenn da Tausende im Gleichschritt marschieren und Panzer in langen Kolonnen vorbeirollen. Das ist Macht! Und bei einem Gewittersturm, wenn es so richtig kracht und der Regen wie aus Badewannen schüttet, da machen die einen schnell alle Fenster zu, und die anderen suchen sich ein sicheres Plätzchen, von dem aus sie sich das Schauspiel anschauen können. Es ist faszinierend, schaurig-schön, beängstigend, auf jeden Fall beeindruckend. Alles Große und Mächtige bekommt Aufmerksamkeit, und die Menschen in den alten Zeiten haben gesagt: irgendwie spüren wir da eine göttliche Macht! Es ist überwältigend! Es ist anbetungswürdig! Immer, wenn etwas große Macht entfaltet, innerlich oder äußerlich, dann entwickeln Menschen religiöse Gefühle.

Aber in Israel kannten sie Gott anders: nicht als eine Macht, die Menschen mit ihrer puren Größe einfach überrollt und in ihren Bann zieht. Sondern als Gott, der mit Menschen sprechen will. Israels Gott thront nicht in unerreichbarer Höhe, sondern er verbindet sich mit seinen Menschen, mit seinem Volk. In dem Gespräch zwischen Jesus und dem Mann im Tempel, das wir vorhin in der Lesung (Markus 12,28-34) gehört haben, ist das dann zu Ende gebracht, wenn beide sich einig sind: Gott ist jemand, den wir lieben, von ganzem Herzen, mit ganzer Hingabe, mit dem ganzen Verstand und mit aller Kraft!

Das letzte Wort ist »Frieden«

Und deswegen haben sie damals nicht einfach einen Hymnus auf – sagen wir, den Gott Baal zum Beispiel – genommen, und einfach den Gottesnamen ausgetauscht. Sie haben an den Hymnus am Ende angefügt: der Herr gebe seinem Volk Frieden! Das Wort dafür ist das Wort »Schalom«, und das heißt nicht nur Frieden, sondern es bedeutet Wohlergehen, Gedeihen, ein gutes Leben.

Sie haben also die heidnische Faszination des ursprünglichen Liedes entzaubert: diesen Gott, den die anderen kennen als den Gewittergott, der mit seiner brutalen Macht, mit seinem welterschütternden Donner allen das Herz in die Hose rutschen lässt, das ist in Wirklichkeit unser Gott, den wir persönlich kennen, den wir ganz anders kennen. Mit dem haben wir einen Bund geschlossen. Aber das heißt nicht, dass wir so einen Softie-Gott haben, der zwar lieb ist, aber so richtig was hinkriegen wie die anderen Götter, das tut er nicht.

Im Gegenteil, er ist der höchste Gott von allen, die anderen sind ihm gegenüber so eine Art dienstbare Geister, die gehören zu seinem Hofstaat, und die müssen ihn preisen und ihn als den Chef anerkennen. Unser Gott ist nicht einer von vielen, sondern der Höchste über allen anderen Göttern und Mächten.

Alte Überschriften, sehr aktuelle Fragen

Liebe Freunde, für uns scheinen solche Fragen, wer der höchste von allen Göttern ist, irgendwie aus der Zeit gefallen. Wen interessiert das heute noch? Und in der Tat, wir verhandeln das heute unter ganz anderen Stichworten, aber die Frage selbst ist bis heute enorm wichtig: sind die großen Mächte, die diese Welt bewegen, die letzte und entscheidende Wirklichkeit? Wenn uns die Konjunktur einen langen Aufschwung beschert, oder wenn uns eine Krise in ein tiefes wirtschaftliches Tal stürzt, ist man dem dann ohnmächtig ausgeliefert wie einem Hurrican? Wenn die Furien des Krieges ein Land heimsuchen, wenn die aufgeheizte Erde zur Wüste wird, wenn Vulkane ausbrechen oder Wassermassen aus einem Bach einen reißenden Strom machen, der das Land verwüstet, geht das einfach so ungerührt über uns hinweg? Oder ist da drüber oder dahinter noch etwas Stärkeres, oder jemand anderes, der einem beisteht? Ist da jemand, mit dem wir sprechen können, der sich sogar mit uns verbündet, oder sind wir einfach den stummen Mächten ausgeliefert, und wenn wir ihnen zufällig im Weg stehen, dann machen sie uns platt?

Israel hat gesagt: all diese erschreckenden Mächte gehören zum Hofstaat Gottes. Sie tun manchmal so, als wären sie die Höchsten von allen, sie müssen manchmal an ihren Chef erinnert werden, aber tatsächlich sind sie seine dienstbaren Geister.

Entzauberte Mächte

Das war damals eine enorme Leistung, die großen Mächte dieser Welt so zu entzaubern, dass man sich von ihnen nicht beeindrucken lässt. Und alle, die heute geringschätzig auf die Menschen der alten Welt mit ihrem Götter- und Geisterglauben herunterschauen, die sollen das erstmal nachmachen: sich nicht von den heutigen Großmächten beeindrucken lassen, nicht sagen: da kann man ja doch nichts machen. Wie viele Gespräche habe ich schon erlebt – und Sie sicher auch! – wo am Ende einer achselzuckend sagt: ja, die Welt ist verrückt, aber da können wir kleinen Leute nichts machen! Das Verrückte dabei ist, dass auch die großen Leute, die Präsidenten und Kanzler und Konzernchefs usw. es so ähnlich sagen: wir können das alles auch nicht wirklich steuern! Die können zwar besser für sich sorgen als wir, aber am Ende haben sie auch den Eindruck: da sind Mächte am Werk, die sich unserer Kontrolle entziehen.

Das ist unsere heutige Version der alten Frage: wer ist der höchste Gott? Ist das Letzte eine stumme, ungerührte Gewalt, der wir egal sind, und die uns sogar noch die Lebenskraft abzieht? Oder ist da – o Wunder! – ein Gott, der Liebe ist, und dem es um Frieden und Gerechtigkeit für seine Erde geht? Und wovon lassen wir uns faszinieren und/oder erschrecken, je nachdem? Von den stummen Mächten oder vom lebendigen Gott, der sich mit seinen Menschen verbindet und uns befreit von der Faszination durch das Große und Mächtige?

Unser Gott könnte das alles auch – die Kraft ist von ihm

Als irgendwann vor zweieinhalb oder dreitausend Jahren Menschen sich diesen Baalshymnus schnappten und ihn so umbauten, dass er zu Israels Gott passte, da wollten sie zeigen: unser Gott ist anders, aber er ist deswegen nicht schwächer als die Gewalt- und Gewittermächte, an die sie in der Nachbarschaft glauben. All diese faszinierenden Ereignisse kommen von ihm. Alles, was uns da beeindruckt und erschreckt und erschüttert und eine Gänsehaut macht, das ist seine Energie. Er hat alle Macht, aber er will nicht, dass wir uns einfach resigniert oder überwältigt vor ihm beugen, sondern er will einen Bund mit uns schließen, er möchte, dass wir Freunde sind, die miteinander reden, die sich lieben, und deswegen nimmt er seine Macht zurück. Er muss sich schwächer machen, als er ist, weil wir sonst nicht zusammenkommen.

Dieses Ineinander von Stark und Schwach zieht sich durch die ganze Bibel. Jesus bringt den Sturm auf dem See zum Schweigen, so wie es hier im Psalm von Gott heißt, dass er über der Chaosflut thront. Jesus kommt in den Tempel und schmeißt die Händler raus. Aber am Ende lässt er sich ohne Widerstand festnehmen und töten, obwohl er Gott um zehn Legionen Engel bitten könnte, die die paar Leute von Pilatus und den Priestern problemlos vom Tisch wischen würden. Und am Ende der Bibel, in der Offenbarung, ist es das Lamm, das die Siegel vom Buch der geheimen Pläne Gottes öffnet und das Böse aus der Welt vertreibt.

Am Ende wird der Gott siegen, der sich klein macht, damit er sich mit Menschen verbünden kann. Es ist seine Stärke, dass er sich zurücknehmen kann, dass er Menschen nicht überwältigt, sie nicht mit special effects sprachlos macht. Er setzt auf Worte, ein Medium, das Menschen Freiheit lässt. Er setzt auf unser Verstehen und Nachdenken, weil uns das stark macht. Er könnte uns auch einfach überwältigen, das sehen wir hier im Psalm, aber er will das nicht.

Ein starker Mann richtet Chaos an

Deswegen werden sich auch die Probleme unserer Welt nicht durch ein Basta! Lösen. Der starke Mann, der auf den Tisch haut und sagt, wo es lang geht, richtet nur noch mehr Chaos an. Gott setzt darauf, uns von der Faszination der Macht zu befreien, uns aus dem Sog der Überwältigung herauszulösen, uns stark zu machen gegen die Verlockungen der Großartigkeit, uns dazu zu bringen, dass wir nichts mehr von den Mächten und ihren wummernden Bässen erhoffen. Es ist unsere geheime Komplizenschaft mit den Mächten, die uns so handlungsgehemmt macht. Es ist unsere Bindung an die Welt, wie wir sie kennen, die uns dieses Gefühl der Ohnmacht gibt. Wer sich von den stummen Mächten faszinieren lässt, kann ihnen keinen Widerstand leisten. Aber wir sollen den Glauben an sie verlieren.

Die Mächte sollen sich Gott beugen und ihn anbeten. Und wir sind es, die sie dazu auffordern sollen. Denn sie können nur deswegen so tun, als ob sie göttlich wären, weil es Menschen gibt, die auf sie hereinfallen. Sie stützen sich auf Menschen gegen den Gott des Lebens. Wenn wir ihnen die Unterstützung entziehen, dann sind sie Nichtse. Ohne uns sind sie hohl und tot.

Der erste Schritt, um die Welt von ihnen zu befreien, ist deshalb, den wahren und lebendigen Gott anzubeten: nicht sich von ihm überwältigen zu lassen, sondern ihn in Freiheit zu lieben für das, was er ist. Ihn zu lieben »lieben, von ganzem Herzen, mit ganzer Hingabe, mit dem ganzen Verstand und mit aller Kraft« und seine Liebe in unserer Zuwendung zu Menschen zu wiederholen.