Jul 162018
 

Predigt am 15. Juli 2018 zu Lukas 9,10-17

10 Und die Apostel kamen zurück und erzählten Jesus, wie große Dinge sie getan hatten. Und er nahm sie zu sich und zog sich mit ihnen allein in eine Stadt zurück, die heißt Betsaida. 11 Als die Menge das merkte, zog sie ihm nach. Und er ließ sie zu sich und sprach zu ihnen vom Reich Gottes und machte gesund, die der Heilung bedurften. 12 Aber der Tag fing an, sich zu neigen. Da traten die Zwölf zu ihm und sprachen: Lass das Volk gehen, dass sie hingehen in die Dörfer und Höfe ringsum und Herberge und Essen finden; denn wir sind hier an einer einsamen Stätte. 13 Da sprach er zu ihnen: Gebt ihr ihnen zu essen. Sie aber sprachen: Wir haben nicht mehr als fünf Brote und zwei Fische, es sei denn, dass wir hingehen sollen und für dieses ganze Volk Essen kaufen. 14 Denn es waren etwa fünftausend Männer. Er sprach aber zu seinen Jüngern: Lasst sie sich lagern in Gruppen zu je fünfzig. 15 Und sie taten das und ließen alle sich lagern. 16 Da nahm er die fünf Brote und zwei Fische und sah auf zum Himmel und segnete sie, brach die Brote und gab sie den Jüngern, dass sie dem Volk austeilten. 17 Und sie aßen und wurden alle satt; und es wurde aufgesammelt, was ihnen an Brocken übrig blieb, zwölf Körbe voll.

Jesus ist dabei, seine Jünger zu trainieren, damit sie mit der Welt so umgehen können, wie er es tut. Kurz vor unserer Geschichte hat er sie ins ganze Land geschickt, damit sie selbst ausprobieren, wie es ist, wenn man das Evangelium verkündet und Menschen gesund macht. Und ganz besonders hatte er ihnen eingeschärft, dass sie nicht für ihren Lebensunterhalt vorsorgen sollten, weder Proviant noch Geld sollten sie dabei haben. Aus Gottes Hand kommt nicht nur Heilung, sondern auch Brot. Und so hatten sie immer genug zu essen, während sie den Menschen das Reich Gottes verkündeten.

Eine alte Erfahrung

Das ist eine Erfahrung, die das Volk Gottes von Anfang an immer wieder gemacht hat: die Welt ist von Segen erfüllt. Es ist genug für alle da. Das zeigt sich auf ganz unterschiedliche Weise, aber das Ergebnis ist immer: sie wurden alle satt. Das Volk Israel hat schon lange Zeit vorher bei seiner Flucht aus der ägyptischen Sklaverei erlebt, dass Gott sie versorgt. Wir haben das vorhin in der Lesung (2. Mose 16,2-18) gehört: auf ihrer Wüstenwanderung sandte Gott ihnen Wachteln und Manna. Selbst in der Wüste findet Gott Wege, damit seine Leute nicht hungern müssen.

Als die Jünger dann auf ihrer Tour durchs Land sind, da werden sie von den Menschen eingeladen, die sie mit ihrer Botschaft erreicht oder mit ihrem Gebet gesund gemacht haben. Was sie brauchen, das wird ihnen geschenkt. Das ist für unser Gefühl leichter erklärlich als wunderbares Brot, das vom Himmel fällt.

Später, in der ersten Gemeinde, wurden die Menschen alle satt, weil sie teilten. Es gab keine Armen unter ihnen. Auch das leuchtet uns einigermaßen ein, aber eigentlich ist das natürlich auch ein totales Wunder, wenn Menschen keine Angst mehr haben, dass es für sie selbst nicht reichen könnte. Es ist ein Wunder, wenn Menschen nicht meckern und murren wie das Volk Israel in der Wüste, wenn Menschen nicht um einen Platz in der Welt kämpfen, sondern darauf vertrauen, dass Gott ihnen den schon geben wird. Wer denkt, das wäre kein Wunder und das wäre leicht, der soll das erstmal probieren: Menschen von ihrer Angst vor dem zu-kurz-Kommen zu befreien.

Auch für große Menschenmengen

Und nun sorgt Jesus dafür, dass seine Jünger auf eine noch ganz andere, neue Weise Gott als Versorger kennenlernen. Sie haben gerade durch ihre Reisen dafür gesorgt, dass immer mehr Menschen zu Jesus kommen. Aber als sie dann das Ergebnis sehen, die riesige Menge von 5000 Menschen, da kommt es ihnen nicht in den Sinn, dass Gott auch für die sorgen könnte. Da denken sie eher an die praktische Lösung, die Menschen rechtzeitig wegzuschicken, damit sie sich noch etwas kaufen können. Selbst das wäre aber schwierig geworden, denn die Dörfer waren klein und so viel Vorräte wären da gar nicht gewesen. Wir wissen ja auch alle, wie schnell Aldi vor Weihnachten leergekauft ist. Aber vor allem hätten sie so dieses neue Beziehungsnetz, das da entstanden ist, gleich wieder zerrissen.

Deshalb geht Jesus einen anderen Weg. Er lässt sich bringen, was da ist, er dankt für das, was da ist, er segnet die Speise, er bricht das Brot, er lässt es austeilen – das erinnert alles schon irgendwie an das Abendmahl. Und tatsächlich geschieht das Wunder, dass sie alle satt werden. Am Ende ist noch viel übrig, und es wird sorgfältig in fünf Körben eingesammelt. Auch wenn genug für alle da ist, ist das kein Freibrief, Nahrung zu verschwenden.

Eine sehr besondere Erfahrung …

An dieser Stelle wäre es falsch, sich eine scheinbar vernünftige Erklärung zurecht zu legen, so auf die Art: das eigentliche Wunder bestand darin, dass sie alle angefangen haben zu teilen, und dann reichte das Mitgebrachte. Ja, so hat das in den ersten christlichen Gemeinden funktioniert. Aber hier passierte etwas anderes. Die Leute damals hatten zwar noch keine Computer, aber blöd waren sie nicht. Die konnten schon unterscheiden, ob da bloß einige ihre versteckten Butterbrote rausholten, oder ob – nun ja, ob das Brot sich auf eine Weise vermehrt hat, die sonst nicht die Regel ist. So etwas wird ja aus der Frühzeit des Christentums nicht wieder erzählt, das ist so nur bei Jesus passiert. So wie auch nur von Jesus erzählt wird, dass er auf dem Wasser gegangen ist oder einen Sturm zum Schweigen gebracht hat. Ich glaube, wir müssen damit rechnen, dass Gott manchmal unser normales Vorstellungsvermögen ein wenig durcheinander bringen will.

Aber Gott benutzt dabei nicht ein Schema F. Er macht es immer mal wieder anders. In diesem Fall vermehrt er Brot und Fische auf wunderbare Weise, ein andermal lässt er sein Volk durch die Natur mit Wachteln und Manna versorgen, dann wieder bewegt er die Herzen der Menschen, so dass sie die Jünger zum Abendessen einladen, und oft entfacht er die Solidarität der Christen, untereinander und mit anderen. Es sieht immer wieder anders aus, aber es bleibt dabei: Gott sorgt für seine Leute, und auch für viele andere.

… mit Gottes schöpferischer Kraft

Was sich durch all diese Geschichten ebenfalls hindurchzieht, das ist, dass er dabei auch immer Menschen zusammen bringt. In diesem Fall sammelt er sie in einer unbewohnten Gegend, irgendwo in der Nähe von Bethsaida, in einer Art Niemandsland. Da sind keine Kritiker, mit denen er sich herumstreiten muss. Da sind die Leute aus ihrem normalen Alltag herausgeholt, da ist das bis dahin Selbstverständliche nicht mehr selbstverständlich, da sind sie offen für ganz andere Lebensentwürfe. Und Jesus lässt sie die Erfahrung machen, wie Gottes schöpferische Kraft dafür sorgt, dass das Leben ganz anders funktioniert, als sie es bis dahin für selbstverständlich gehalten haben.

Bis dahin war es für sie selbstverständlich, dass Mangel herrscht, dass das Leben hart ist, dass man sein Brot im Schweiße seines Angesichts essen muss. Jetzt machen sie die Erfahrung, dass der Segen Gottes und seine Fülle nicht mehr verborgen sind, dass das Leben nicht mehr mühsam ist, dass Fülle da ist und nicht Mangel regiert.

Mangel ist nicht selbstverständlich

Wie gesagt, das hat es so nur bei Jesus gegeben, und auch da wohl nur zwei Mal. Aber es ist ein starkes Signal, dass wir uns den normalen Mustern für das, was wir vom Leben erwarten, nicht beugen sollten. Und wenn einer es nicht glauben mag, dass Gott wirklich so etwas tun kann und Menschen auf ganz wunderbare Weise versorgt, dann kann er sich ja auch an das halten, was eher der christliche Normalfall ist: dass Menschen miteinander teilen, dass Menschen die Angst verlieren, sie könnten zu kurz kommen. Das ist auch schon ganz schön wunderbar, und wenn das unter uns real wird, das ist doch auch schon etwas sehr Schönes.

Also, für alle, die sich nicht vorstellen können, dass sich Nahrung auf solche ganz wunderbare Weise vermehrt: dann seht die Geschichte jedenfalls als Hinweis darauf, dass die Welt ein reicher Ort wird, wenn Menschen teilen und nicht mehr denken, sie müssten um ihr Lebensrecht kämpfen.

Zerstörerische Überzeugungen

Es ist nämlich ein grundlegender Unterschied, ob man sich die Welt als einen Ort des Mangels vorstellt, wo Menschen um ihren Anteil kämpfen müssen, oder ob man vom Segen her denkt, der dafür sorgt, dass alle genug haben. Wer sich die Welt als eine Welt voller Mangel und Kampf vorstellt, der arbeitet daran, dass es auch so kommt. Wer den Menschen einredet, es sei nicht genug da, der produziert Angst und Gier. Wenn es nicht reicht, dann ist jeder sich selbst der Nächste. Dann heißt es: ich zuerst! Mein Land zuerst! Lasst uns kämpfen, dass wir uns ein großes Stück vom Kuchen sichern!

Wir erleben das ja im Augenblick an allen möglichen Fronten, wie Menschen ganz offen sagen: ich zuerst! Wir zuerst! Und dann gibt es Krieg: heiße Kriege, kalte Kriege, Handelskriege, Kulturkriege. Und gerade Kriege jeder Art sorgen für Not. Eigentlich ist genug für alle da, aber Angst, Gier und die Erbitterung, die daraus wächst, sorgen dafür, dass es trotzdem nicht reicht. Segen kann nur gedeihen, wenn Menschen miteinander verbunden sind und füreinander sorgen. Segen erschließt sich nur gemeinsam, wenn man anfängt, um ihn zu konkurrieren, dann verdirbt er.

Niemand muss glauben, dass Jesus einfach so auf wunderbare Weise Brot vermehrt hat. Es ist müßig, darüber große Debatten zu führen. Aber es wäre gut, wenn sich die Botschaft dieser Geschichte und vieler anderer ausbreiten würde: Unsere Welt ist reich und gesegnet, und die Fülle Gottes liegt für uns bereit. Niemand muss Angst haben, dass es für ihn nicht reicht. Aber die Voraussetzung dafür ist Verbundenheit, Barmherzigkeit, Solidarität, Freundlichkeit.

Harte Herzen sind schlimmer als harte Böden

Es gibt keinen Grund zur Sorge, denn Jesus steht in der Mitte der Menschen und segnet das Brot. Es gibt keinen Grund zum Kampf, denn Jesus teilt die Menschen in Tischgemeinschaften ein, sorgt dafür, dass jeder seinen Platz bekommt und alle miteinander Gottes Gaben empfangen. Und es gibt keinen Grund zur Verschwendung, denn er sorgt dafür, dass auch mit den Resten sorgfältig umgegangen wird – das ist überhaupt nicht banal, wenn man daran denkt, dass ein großer Teil unserer Lebensmittel auf dem Weg vom Feld auf den Teller verloren geht, verdorben, vernichtet, weggeworfen. Manche sagen, es wäre die Hälfte – ich weiß nicht, was stimmt, aber es ist auf jeden Fall zu viel.

Für uns heute ist das eine Herausforderung an unsere Art, die Welt zu sehen. Die Menschheit war noch nie so reich wie heute, niemand müsste hungern, wenn wir gleichmäßig teilen würden. Nicht harte, unfruchtbare Bösen sind das Problem, sondern harte, unfruchtbare Herzen. Und die Weltbilder, die harte Herzen zu ihrer Selbstrechtfertigung produzieren. Aber wir sind so gewöhnt an diese »Es reicht nicht für alle«-Parolen, dass es eine echte Herausforderung ist, anders zu denken. Wir sind ein bisschen in der Lage der Jünger, als Jesus sie ohne Geld und Proviant auf den Weg schickte: ein Weg ins Ungewisse und Unbekannte. Aber als sie sich auf den Weg machten, erlebten sie: es geht! Es funktioniert! Gottes Segen ist nicht kalkulierbar, aber er fließt wirklich!

Jul 102018
 

Predigt am 8. Juli 2018 zu Psalm 26

1 Von David.
HERR, schaffe mir Recht, denn ich bin unschuldig!
Ich hoffe auf den HERRN, darum werde ich nicht fallen.
2 Prüfe mich, HERR, und erprobe mich, läutere meine Nieren und mein Herz!
3 Denn deine Güte ist mir vor Augen, und ich wandle in deiner Wahrheit.
4 Ich sitze nicht bei falschen Menschen und habe nicht Gemeinschaft mit den Heuchlern.
5 Ich hasse die Versammlung der Boshaften und sitze nicht bei den Gottlosen.
6 Ich wasche meine Hände in Unschuld und umschreite, HERR, deinen Altar,
7 dir zu danken mit lauter Stimme und zu verkünden alle deine Wunder.
8 HERR, ich habe lieb die Stätte deines Hauses und den Ort, da deine Ehre wohnt.
9 Raffe meine Seele nicht hin mit den Sündern noch mein Leben mit den Blutdürstigen,
10 an deren Händen Schandtat klebt und die gern Geschenke nehmen.
11 Ich aber gehe meinen Weg in Unschuld. Erlöse mich und sei mir gnädig!
12 Mein Fuß steht fest auf rechtem Grund. Ich will den HERRN loben in den Versammlungen.

In diesem Psalm kann man immer noch ganz gut seine Ursprungssituation erkennen: Da ist in Vers 6 vom Altar die Rede, und das weist in den Tempel von Jerusalem. Ebenso Vers 8, wo der Beter sagt, dass er das Haus Gottes liebt. Und der Psalm setzt ein mit der Bitte: schaffe mir Recht, Herr!

Nimmt man das zusammen, dann ist also jemand in den Tempel gegangen mit der Bitte, dass Gott ihm zu seinem Recht verhelfen möge und seine Schuldlosigkeit bestätigen möge. Und in der Tat finden sich an verschiedenen Stellen der Bibel Hinweise auf so etwas wie ein Ritual, bei dem ein unschuldig Verfolgter oder Verleumdeter im Tempel Asyl bekommt und wo er dann durch ein Gotteswort rehabilitiert wird.

Ein Mensch unter Angriff

Wie bei allen Psalmen weist der Text, wie er heute in der Bibel steht, weit über diesen eng begrenzten Zusammenhang hinaus. Die Psalmen haben sich im Laufe der Zeit ein ganzes Stück von ihrer Ursprungssituation entfernt, so dass sich heute viele Menschen dort wiederfinden können, auch wenn sie sich nicht in dieser ganz speziellen Problematik befinden. Trotzdem ist es gut, den ursprünglichen Anlass zu kennen, wie er immer noch in einzelnen Formulierungen durchschimmert.

Da ist also jemand, der beschuldigt wird, etwas Böses getan zu haben. Das ist tatsächlich eine menschliche Standardsituation bis heute: mit Vorwürfen und Anschuldigungen konfrontiert zu sein. Bis heute kannst du jede Versammlung und jede Sitzung aufmischen, wenn du jemanden heftige Vorwürfe machst und ihn einer schlimmen Tat beschuldigst: sofort wird er sich verteidigen, vielleicht wird er dich seinerseits angreifen, und alle im Raum gehen emotional mit. Auch in der öffentlichen Diskussion und in den Nachrichten bekommen solche Konflikte mit Vorwürfen und Beschuldigungen sofort große Aufmerksamkeit. Und auch im Kleinen entfaltet das eine enorme Dynamik: wer ist schuld, und wer muss sich entschuldigen oder etwas wiedergutmachen?

Ausweichen nicht möglich

Und während du heute jemanden, der dir Vorwürfe macht und dich dauernd anschuldigt, relativ einfach aus dem Weg gehen kannst (wenn es nicht gerade ein Familienmitglied, eine Kollegin oder ein Mitschüler ist), war das damals viel schwieriger. Da lebte man in einem überschaubaren Dorf zusammen, jeder kannte jeden, man war aufeinander angewiesen, die Familien kannten sich seit Generationen, alle lebten von ihren Äckern in der gleichen Feldmark, man redete dauernd miteinander und übereinander, weil es ja sonst wenig Themen gab, da kamst du nicht einfach heraus. Und wenn da jetzt ein paar Leute sind, von denen du gemobbt wirst, die über dich erzählen, du wärst ein schlechter Landwirt oder ein heimlicher Ehebrecher oder du wärst religiös nicht zuverlässig, das konnte schnell existenzbedrohend werden.
Und wenn du dich dann an die Dorf- oder Stadtältesten wandtest, die sich im Tor treffen und Streitfälle entscheiden, dann konnte es sein, dass da im Rat auch wieder ein paar von dieser Mobbing-Clique sitzen, oder dass deine Feinde mit denen wirtschaftlich verbunden sind, und dann wäscht eine Hand die andere, oder die Ältesten haben auch Angst, sich mit denen anzulegen, und niemand ist bereit, dir zu helfen.

Zuflucht im Haus Gottes

Für solche Fälle gab es den Tempel. Dort konnte man hingehen und Gott um Hilfe bitten. Und die Priester scheinen dann ein Verfahren gehabt zu haben, mit dem sie einem Menschen tief ins Herz schauten, wo sie einen Gebetsweg mit ihm gegangen sind, und am Ende stand dann die Rehabilitation: im Namen Gottes: dieser Mensch ist gerecht!

Uns wird das heute oft genau andersherum erzählt: Gott oder seine Kirche machen den Menschen angeblich dauernd ein schlechtes Gewissen, sie klagen uns an und drohen mit der Hölle, sobald wir mal einen kleinen schlechten Gedanken hatten. In den Psalmen wird es genau andersherum beschrieben: Menschen klagen an, Menschen beschuldigen, Menschen mobben, aber Gott steht den Beschuldigten zur Seite. Selbst Gewaltstaaten reicht es nicht, ihre Opfer zu beseitigen oder wegzusperren, sie versuchen immer auch, sie moralisch fertigzumachen. Folter und Vorwürfe gehen da oft Hand in Hand. Und Menschen, die Kinder missbrauchen, geben ihnen oft auch noch das Gefühl, dass sie schmutzig und schuldig sind. Beschuldigungen sind gefährliche Waffen.

Rehabilitation

Aber wir sind dagegen nicht ohne Beistand. Wenn Menschen uns angreifen, sollen wir bei Gott Beistand suchen und finden. Er ist gerade nicht der Ober-Ankläger, sondern unser starker Verbündeter, der uns den Rücken stärkt. Der Satan ist es, der im Neuen Testament als »Verkläger der Brüder« (Offenbarung 12,10) bezeichnet wird. Er arbeitet mit Gewissensfummelei. Aber es scheint schon damals im Tempel ganz regelmäßig vorgekommen zu sein, dass von Gott das Wort der Rechtfertigung kam.

Unser Wort »Rechtfertigung« hat seinen Ursprung in solch einem Zuspruch im Tempel: du bist ok, du bist in Gottes Augen gerecht. Vielleicht sprach ein Priester das aus, vielleicht haben aber auch Menschen ganz direkt von Gott diese Botschaft empfangen: ich stehe an deiner Seite! Und die Priester machten das dann nur noch für alle sichtbar, sprachen öffentlich aus, was für eine Antwort dieser Mensch bekommen hatte auf seine Bitte: Schaffe mir Recht, o Herr!
Menschen erlebten also ganz konkret, dass Gott sie verteidigte. Gottes Haus, sein Tempel, war quasi das Obergericht, an das man sich wenden konnte, wenn die lokalen Rechtsinstanzen zu nahe dran und nicht neutral waren. So man heute an den europäischen Gerichtshof appellieren kann, und der ist noch einmal unabhängiger als nationale Gerichte.

Gewissenserforschung, die runterzieht? Im Gegenteil!

Man kann in dem Psalm sogar noch sehen, wie das ablief. Es beginnt mit dem Appell: schaffe mir Recht, Herr! Und dann gibt es (Vers 2) so etwas wie eine Prüfung, eine Gewissenserforschung, wo einer sich Gott weit öffnet, vielleicht ein tiefgehendes Gespräch hat oder einen Gebetsweg geht und sich der Frage stellt: ist da etwas dran an dem, was sie mir vorwerfen? Und während wir das eher so kennen, dass man immer tiefer ins Grübeln und Selbstzweifeln kommt, was man falsch gemacht haben könnte, ist es hier anders. Diesem Beter wird immer klarer: da ist doch gar nichts dran an den ganzen Beschuldigungen!

Wir sind nämlich im Grunde viel zu schnell zu beeindrucken von Vorwürfen. Im zweiten Schritt verteidigen wir uns dann und verleugnen, was wir vielleicht wirklich getan haben, oder wir antworten mit Gegenvorwürfen, aber zuerst einmal lassen Menschen sich viel zu schnell ein schlechtes Gewissen machen, besonders, wenn die Vorwürfe auch noch von vielen Menschen kommen.

Manipulation mit Schuldgefühlen

Deswegen ist dieser Trick mit den Vorwürfen und Beschuldigungen so perfide, weil er eigentlich immer wirkt, ganz egal, ob die Vorwürfe stimmen oder nicht. Manche Eltern lassen ihre Kinder so aufwachsen, dass die dauernd das Gefühl haben, sie wären nicht gut genug, oder sie würden alles falsch machen. Die stehen dann Jahr um Jahr unter Angriff und kommen davon nicht los. Viele sagen: wenn meine Mutter doch nur einmal sagen würde: das hast du gut gemacht! Vielen Dank! Und sie tun alles dafür, damit sie wenigstens einmal hören: du bist ein gutes Kind! Aber sie hören es nie, obwohl sie vielleicht ein ganzes Leben lang darum kämpfen. Und es ist die entscheidende Hilfe, wenn sie dann Gott begegnen und verstehen: der ist kein Beschuldiger und Gewissensbelaster, sondern der stärkt uns im Gegenteil den Rücken.

Jesus jedenfalls war so sehr mit sich im Reinen, dass er ganz souverän mit Beschuldigungen und Verleumdungen umgehen konnte. Der ließ das an sich abtropfen und sorgte noch dafür, dass es für die Angreifer selbst peinlich wurde. Deshalb sind in der Gemeinde Jesu Beschuldigungen und Vorwürfe tabu. Natürlich gibt es Fälle, wo eine Gemeinde sich mit Fehlverhalten in den eigenen Reihen auseinandersetzen muss, das kommt in der Bibel immer wieder vor, aber das läuft nie darüber, dass man Menschen beschuldigt und ihnen ein schlechtes Gewissen macht. Das ist immer lösungsorientiert.

Schon hier im Psalm sehen wir das. Der Mensch, der sich dort im Tempel einer Prüfung unterzieht, merkt: ich habe mich wirklich nie mit solchen Leuten gemein gemacht, ich hab mich ferngehalten, wenn sie über andere abgelästert haben, ich war nie in Hinterzimmer-Tricksereien verwickelt. Ich habe immer Abstand gehalten.

Frei werden

Wenn du andere beschuldigst, oder dir selbst ihre Vorwürfe anziehst, sogar wenn du dagegen Sturm läufst: dann kommst du nicht von ihnen los. Beschuldigungen binden Menschen aneinander. Frei wird nur, wer selbst nicht damit arbeitet und die Verbindung zu denen kappt, die so etwas machen. Und wenn Sie sich noch an die Lesung vorhin (Matthäus 10,16-20) erinnern: da sagt Jesus seinen Jüngern, dass sie vor Königen und Statthaltern stehen werden und von ihnen angeklagt werden, aber sie sollen dann nicht von sich aus antworten. Sie würden von sich aus vielleicht nur zwecklose Gegenvorwürfe erheben. Stattdessen sollen sie den Heiligen Geist antworten lassen, mit den Worten, die er ihnen dann eingibt. Das ist der schützende Tempel verwandelter Form: Gott selbst verteidigt uns, durch seine Wort in unserem Mund.

Als in unserem Psalm der Beschuldigte so weit ist, dass ihm das alles klar wird, darf er sich zum Zeichen seiner Unschuld die Hände waschen (Vers 6). Uns fällt dabei sofort Pilatus ein, der diese Geste missbrauchte, als er Jesus verurteilte. In Wirklichkeit ist das aber ein Zeichen des Schutzes: ich wasche von meinen Händen das Unrecht ab, mit dem die anderen mich beschmutzen wollten. Man kann sich das ruhig so vorstellen, dass die versucht haben, meine Hände in den Dreck zu ziehen, und dann wasche ich es ab, und nichts bleibt zurück! Gerade weil Beschuldigungen etwas so Elementares sind, deswegen wird da im Tempel diese elementare Geste dagegen gesetzt.

Mit erhobenem Haupt

Und der Rest ist Freude und Erleichterung. Der freigesprochene Mensch umschreitet den Altar, er lobt Gott, er erzählt von dieser Befreiung, er dankt dafür, dass es diesen Ort gibt, wo Gott Freiheit schenkt.

Und von nun an geht er mit erhobenem Haupt seines Weges. Ihm ist ganz deutlich, zu wem er nicht gehört. Ihm ist klar geworden, dass er sich all die Vorwürfe nicht anziehen muss. Er hat neuen Boden unter den Füßen, und er hat eine neue Heimat gefunden: die Gemeinde derer, die raus ist aus dem unheilvollen Kreislauf von Beschuldigung, Verteidigung und Gegenangriff. Die Gemeinschaft derer, die das große Ja Gottes gehört haben und nun erhobenen Hauptes aus dem Haus Gottes in die Welt hinein gehen.

Jul 022018
 

Predigt am 1. Juli 2018 zu Psalm 23

1 Ein Psalm Davids.

Der HERR ist mein Hirte,
mir wird nichts mangeln.

2 Er weidet mich auf einer grünen Aue
und führet mich zum frischen Wasser.

3 Er erquicket meine Seele.
Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen.

4 Und ob ich schon wanderte im finstern Tal,
fürchte ich kein Unglück;

denn du bist bei mir,
dein Stecken und Stab trösten mich.

5 Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde.
Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein.

6 Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang,
und ich werde bleiben im Hause des HERRN immerdar.

Ob dieser Psalm ganz oder teilweise wirklich von König David stammt, das ist hier genauso ungewiss wie bei den meisten Psalmen, über denen steht »Ein Psalm Davids«. Aber es ist in der Tat ein Psalm mit königlichen Anklängen: die Könige wurden in der alten Zeit als »Hirten« ihrer Völker bezeichnet. Darin ist das Herrscherliche mit dem Fürsorglichen verbunden: die Herrscher sagten, wo es lang geht, aber sie mussten auch dafür sorgen, dass es ihren Völkern gut ging: schon im eigenen Interesse, aber es wurde auch von ihnen erwartet.

Königliche Assoziationen

In Israel hat sich das dann so weiter entwickelt, dass es eine große Enttäuschung über die real regierenden Könige gab. Die Propheten haben oft über die »Hirten Israels« geklagt, die sich selbst weiden und die Herde vernachlässigen. Und deswegen kam dann Gott ins Bild als der eigentliche Hirte seines Volkes. Im Neuen Testament wird das wieder aufgenommen, da sind die Leiter der Gemeinde ihre Hirten, aber Jesus oder Gott ist der eigentliche Hirte der Gemeinde, der sprichwörtliche »Gute Hirte«.

Im 23. Psalm hat nun jemand die Vorstellung vom Volk, das von Gott als seinem Hirten geführt wird, auf einen einzelnen Menschen übertragen. Und man kann sich gut vorstellen, dass tatsächlich mal ein König, vielleicht sogar wirklich David, auf die Idee gekommen ist, zu sagen: ich soll mein Volk wie ein Hirte führen, aber ich brauche selbst auch jemanden, der so auf mich aufpasst, und das kann dann nur Gott sein.

David, Jesus und der Psalm

Und egal, ob es nun historisch stimmt: es passt gut zusammen mit dem, was wir von David wissen. David ist einer der ersten Menschen, von dem wir sehr viel über seine persönliche Gottesbeziehung wissen. Der ist wohl tatsächlich jemand gewesen, der sein Leben immer im Dialog mit Gott geführt und durchdacht hat. Deshalb wurde er von Gott auch als König ausgewählt, weil er einer war, der aus ganz persönlicher Motivation heraus Gott bei allem mitreden ließ.

Und einen langen Zeitraum seines Lebens hat er ja in großer Unsicherheit verbracht: als der Prophet Samuel ihn zum König salbte, da war eigentlich Saul König von Israel, und zwischen den beiden gab es ein – sagen wir – sehr kompliziertes Verhältnis, das eine Zeit lang auch militärisch ausgetragen wurde: Saul versuchte, Davids habhaft zu werden, und der versteckte sich in der Wüste und in Berghöhlen, gemeinsam mit seinen Leuten, die ein wilder, zusammengewürfelter Haufen aus Heimatlosen und Entwurzelten waren.

Es gehörte zu Davids wichtigsten Aufgaben, immer wieder Nahrung zu beschaffen für sich selbst und diesen Haufen wilder Männer, die ihm vertrauten. Sie hatten wenig Sicherheit und waren tatsächlich darauf abgewiesen, dass sie Tag für Tag wieder jemanden fanden, der ihnen etwas abgab zum Lebensunterhalt. Man kann sich sogar vorstellen, dass viel später Jesus sich selbst mit seinen Jüngern in diesem Bild von David und seinen Leuten wiedererkannt hat. Wir haben ja vorhin in der Lesung (Markus 8,14-21) gehört, wie er sie fragt: habt ihr je Mangel gehabt, so lange ihr mir folgt? Und sie bestätigen: nein, du hast immer für uns gesorgt. Und dann ist die Antwort Jesu: also macht euch darum keine Sorge, Essen ist nicht das Problem, aber hütet euch vor dem Sauerteig der Pharisäer! Also: achtet darauf, dass ihr euch von frommen Kontrollettis kein falsches Gottesbild einreden lasst! Und man kann sich gut vorstellen, wie Jesu Vertrauen in den Vater im Himmel, der Menschen und Spatzen mit Nahrung versorgt, aus alttestamentlichen Texten wie dem 23. Psalm gewachsen ist.

Vertrauen, aber nicht romantisch

Denn in der Tat ist dies ein Text über Vertrauen. Die Menschen in der biblischen Zeit waren allerdings besser als wir davor geschützt, das allzu romantisch zu verstehen. Damals konnte man nicht ganz so schnell an niedliche, kuschelige Schäfchen denken, weil die Leute besser wussten, dass es harte Arbeit ist, eine Herde zu beaufsichtigen. Man muss dauernd darauf achten, dass alle beieinanderbleiben, gelegentlich muss man wilde Tiere abwehren, die Schafe haben durchaus einen strengen Geruch, und Wohnwagen mit Dusche waren auch noch nicht erfunden. Romantisch geht anders.

Aber es bleibt, dass hier jemand davon spricht, wie Gott sich um seine Bedürfnisse kümmert. Gott achtet auf einen Menschen, er sieht, was er braucht, er schaut auf seinen Lebensweg und führt ihn so, dass er alles bekommt, was er nötig hat. Die Bilder dafür sind das saftige grüne Gras, das ja im vorderen Orient durchaus nicht überall sprießt und wächst; es sind die Wasserstellen, wo das Wasser nicht schnell weg fließt, sondern ruhig verweilt, so dass man bequem trinken kann.

Eine Welt voller Schrecken und Güte

Hier beschreibt also jemand die Welt als Ort, an dem die belebende Zuwendung Gottes immer wieder zu erfahren ist. Die Welt ist keine seelenlose Maschine, sondern sie ist ansprechbar, in, hinter und unter ihr ist ein Gegenüber zu entdecken, das für uns ist und nicht gegen uns. Die Welt ist nicht einfach so, wie sie ist, sondern sie antwortet unterschiedlich, je nachdem, wie wir sie ansprechen. Jeweils wie man in den Wald hinein ruft, so schallt es auch wieder heraus. Man muss es nicht wahrnehmen, aber in der Welt ist eine freundliche Kraft des Lebens tätig, und wenn wir nach ihr Ausschau halten, wird sie sich uns erschließen.

Das heißt aber nicht, dass uns jemand glauben machen will, dass die Welt eben doch ein Ponyhof ist. Nein, in der Welt gibt es die dunklen Täler, und auch dem Beter dieses Psalms bleiben sie nicht erspart. Es gibt die Feinde, die in den Psalmen wirklich fast überall zu finden sind. Hier in diesem kurzen Psalm ist das nicht in Einzelheiten beschrieben, aber die Feinde bilden einen sehr präsenten Hintergrund, der an prominenter Stelle sichtbar wird. In der Bibel ist es normal, dass Menschen Feinde haben; man muss sich die gar nicht machen, die kommen von allein.

Gott bleibt bei uns

Und die Hoffnung ist nicht, dass Gott uns das alles erspart, sondern dass er mit uns da hindurch geht. Und er tut das »um seines Namens willen«. Der Name sagt etwas über die Person, die ihn trägt und über ihre Geschichte. Wenn Gott sich um uns kümmert, dann tut er das nicht, weil wir ihn genervt haben mit unseren Bitten, und er endlich mal Ruhe haben will, sondern er hat sich aus freien Stücken entschieden, unser Gott zu sein und für uns zu sorgen. Es ist Gottes eigene Sache. Er setzt seine Ehre da hinein, für seine Menschen zu sorgen. Gottes Ehre und Freude sind freie Menschen, die vertrauensvoll und mutig ihren Weg mit ihm gehen. Menschen, die auch in den dunklen Tälern des Lebens sagen: ich fürchte mich nicht, »denn du bist bei mir«.

Das ist der entscheidende Satz, der Dreh- und Angelpunkt des Psalms. Dass Gott mit uns ist, das ist der Grund allen Vertrauens. Dass Gott auch durch die finsteren Zonen der Welt begleitet, das lässt Menschen mutig in die Dunkelheiten der Welt hineingehen. In diesem Vertrauen ist Jesus aufs Kreuz zugegangen und ist nicht geflohen. Und so sollen wir lernen, dass unsere Sicherheit in dem Satz liegt, dass Gott mit uns ist und nicht in den vielen Sicherheiten, auf die wir uns normalerweise ganz routinemäßig verlassen.

Aber Gott ist nicht berechnbar

Und so sind Menschen immer wieder auch in Leid und Anfeindung Gott begegnet, so haben Menschen auch in Gefängnissen und Lagern erlebt, dass Gott bei ihnen ist, dass er sie getröstet und auch beschützt hat, dass er sie davor bewahrt hat, zerstört zu werden. Es gibt die Zeugnisse von Christen, die davon sprechen, wie sie zuerst völlig überwältigt waren und Gott nicht gefunden haben, als sie in die Gewalt von Geheimpolizei und Sicherheitskräften kamen, aber dann irgendwie doch auf Gott stießen mitten in Gewalt und Dunkelheit. Wir, denen das bisher erspart geblieben ist, können uns nicht wirklich vorstellen, wie das gehen soll. Wir können es nur ahnen. Es ist auch kein Automatismus, keine selbstverständliche oder berechenbare Erfahrung, und bei mir muss das überhaupt nicht so ablaufen wie bei jemanden, von dem ich gelesen oder gehört habe.

Man kann das vielleicht ein wenig hochrechnen von weniger dramatischen Situationen der Hilfe, die wir erlebt haben; man kann versuchen, sich zu erinnern, wie es war, wenn Gott einen anspricht und deutlich macht: ich bin da! Fürchte dich nicht! Und wenn wir dann trotz allem gut schlafen konnten, dann ist das ein Hinweis darauf, dass Gottes Nähe die entscheidende Hilfe ist, egal, wie das dann genau aussieht. Wenn einer das erlebt, das muss gar nicht jeden Tag neu passieren, sondern das kann einen auch für lange zeit stützen und begleiten.

Und wir sollen auch für Menschen beten, die in grauenvollen Umständen leben müssen, in den syrischen Foltergefängnissen zum Beispiel, und wir sollen wenigstens nicht mitleidlos die Augen verschließen vor all denen, die in die Gewalt von grausamen Feinden geraten sind. Wenigstens das sollen wir tun.

Gottes freies Geschenk

Dietrich Bonhoeffer, der ja selbst viel an Druck und Feindschaft ertragen musste, hat gesagt: Gott gibt uns das alles, Kraft und Schutz und Beistand, aber er gibt es nicht im Voraus, damit wir nicht denken, es käme aus unseren Möglichkeiten. Gottes Nähe ist nicht immer gleichmäßig da, sondern sie ereignet sich, immer wieder, als sein freies Geschenk, und auch in Reaktion auf unsere Bitten.

An dieser Stelle wandelt sich dann auch das Bild im Psalm: Gott erscheint als ein fürsorglichen Gastgeber, der seinem Gast den Tisch deckt, ihn mit wohlriechendem Öl salbt und ihm im Überfluss einschenkt. Wahrscheinlich denkt da jemand an Mahlzeiten im Schutzraum des Tempels – der Tempel war ja früher auch eine Art Asylraum, wo Menschen vor Feinden und Verfolgern sicher waren. Die Feinde waren nicht verschwunden, sondern sie wurden sogar noch Zeuge, wie der, den sie in die Zange nehmen wollten, in dem Schutzraum Gottes aufgenommen und versorgt wird. Und wer die Fürsorge Gottes selbst erlebt hat, der bildet dann hoffentlich auch wieder selbst einen Schutzraum, in dem andere der Güte und Gegenwart Gottes begegnen. Gott spricht manchmal sehr direkt zu uns und manchmal durch das, was andere in seinem Auftrag tun, ob sie es wissen oder nicht.