Jun 042018
 

Predigt am 3. Juni 2018 zu Psalm 22

1 Ein Psalm Davids, vorzusingen,
nach der Weise »die Hirschkuh der Morgenröte«.

2 Mein Gott, mein Gott,
warum hast du mich verlassen?

Ich schreie,
aber meine Hilfe ist ferne.

3 Mein Gott, des Tages rufe ich, doch antwortest du nicht,
und des Nachts, doch finde ich keine Ruhe.

4 Aber du bist heilig,
der du thronst über den Lobgesängen Israels.

5 Unsere Väter hofften auf dich;
und da sie hofften, halfst du ihnen heraus.

6 Zu dir schrien sie und wurden errettet,
sie hofften auf dich und wurden nicht zuschanden.

7 Ich aber bin ein Wurm und kein Mensch,
ein Spott der Leute und verachtet vom Volk.

8 Alle, die mich sehen, verspotten mich,
sperren das Maul auf und schütteln den Kopf:

9 »Er klage es dem HERRN, der helfe ihm heraus
und rette ihn, hat er Gefallen an ihm.«

10 Du hast mich aus meiner Mutter Leibe gezogen;
du ließest mich geborgen sein an der Brust meiner Mutter.

11 Auf dich bin ich geworfen von Mutterleib an,
du bist mein Gott von meiner Mutter Schoß an.

12 Sei nicht ferne von mir, denn Angst ist nahe;
denn es ist hier kein Helfer.

13 Gewaltige Stiere haben mich umgeben,
mächtige Büffel haben mich umringt.

14 Ihren Rachen sperren sie gegen mich auf
wie ein brüllender und reißender Löwe.

15 Ich bin ausgeschüttet wie Wasser,
alle meine Gebeine haben sich zertrennt;

mein Herz ist in meinem Leibe
wie zerschmolzenes Wachs.

16 Meine Kräfte sind vertrocknet wie eine Scherbe, / und meine Zunge klebt mir am Gaumen,
und du legst mich in des Todes Staub.

17 Denn Hunde haben mich umgeben, / und der Bösen Rotte hat mich umringt;
sie haben meine Hände und Füße durchgraben.

18 Ich kann alle meine Gebeine zählen;
sie aber schauen zu und weiden sich an mir.

19 Sie teilen meine Kleider unter sich
und werfen das Los um mein Gewand.

20 Aber du, HERR, sei nicht ferne;
meine Stärke, eile, mir zu helfen!

21 Errette mein Leben vom Schwert,
mein einziges Gut von den Hunden!

22 Hilf mir aus dem Rachen des Löwen / und vor den Hörnern der wilden Stiere –
du hast mich erhört!

23 Ich will deinen Namen kundtun meinen Brüdern,
ich will dich in der Gemeinde rühmen:

24 Rühmet den HERRN, die ihr ihn fürchtet; ehrt ihn, all ihr Nachkommen Jakobs,
und scheut euch vor ihm, all ihr Nachkommen Israels!

25 Denn er hat nicht verachtet
noch verschmäht das Elend des Armen

und sein Antlitz vor ihm nicht verborgen;
und da er zu ihm schrie, hörte er’s.

26 Dich will ich preisen in der großen Gemeinde,
ich will mein Gelübde erfüllen vor denen, die ihn fürchten.

27 Die Elenden sollen essen, dass sie satt werden; / und die nach dem HERRN fragen, werden ihn preisen;
euer Herz soll ewiglich leben.

28 Es werden gedenken und sich zum HERRN bekehren aller Welt Enden
und vor ihm anbeten alle Geschlechter der Völker.

29 Denn des HERRN ist das Reich,
und er herrscht unter den Völkern.

30 Ihn allein werden anbeten alle Großen auf Erden;
vor ihm werden die Knie beugen alle, / die zum Staube hinabfuhren und ihr Leben nicht konnten erhalten.
31 Er wird Nachkommen haben, die ihm dienen;

vom Herrn wird man verkündigen Kind und Kindeskind. 32 Sie werden kommen und seine Gerechtigkeit predigen dem Volk, das geboren wird.
Denn er hat’s getan.

Wenn wir heute diesen Psalm hören, dann können wir das nicht tun, ohne daran zu denken, dass Jesus als letztes vor seinem Tod den Anfang dieses Psalms zitiert hat. Nach dem Markusevangelium hat er danach nur noch einen letzten unverständlichen Schrei getan und ist danach gestorben.

Und auch sonst finden sich in dem Psalm viele Einzelheiten, bei denen man an die Kreuzigung Jesu denken muss: die Spötter in Vers 8 und 9, die den Leidenden auch noch verhöhnen, sogar das Kopfschütteln findet sich hier. Und dann der Vers 19, wo sie schon die Kleider des noch Lebenden verteilen, wie später die Soldaten unter dem Kreuz; im Johannesevangelium wird diese Verbindung sogar ausdrücklich hergestellt.

Man hat sich das dann entweder so erklärt, dass dies eine prophetische Weissagung des Todes Jesu sei, oder man hat behauptet, dass die ganze Kreuzigungsgeschichte einfach nach diesem Psalm gestaltet hat. Beides ist zu plump. In Wirklichkeit ist es wohl so, dass der Psalm einfach von innen beschreibt, wie es ist, wenn ein Mensch in bedrängter Lage an Gott festhält, aber Gott scheint zu schweigen, er greift anscheinend nicht ein.

Wartenmüssen: eine Standardsituation des Glaubens

Diese Situation, dass jemand in der Not auf Gott hofft, aber die Hilfe scheint nicht zu kommen, sie verzögert sich immer mehr, das ist kein unbegreiflicher Skandal, der Gott und den Glauben in Frage stellt und in der Neuzeit dann Anlass zu jeder Menge intellektuellen Zweifels gegeben hat, sondern das ist schon in der Bibel durchdacht und in Worte gefasst worden. Das ist sozusagen eine Standardsituation des Glaubens, dass man auf Gottes Eingreifen scheinbar endlos warten muss. Schon lange vor Jesus hat das jemand hier im Psalm in aller Härte beschrieben, und er schaut zurück auf die Generationen vor ihm, die »Väter«, die auch schon auf Gott vertraut haben, und er möchte, dass seine Erfahrung auch den nächsten Generationen weitergegeben wird. Er steht in der langen Reihe derer, die gegen alle Plausibilität auf Gott vertraut haben und deren Vertrauen sich am Ende als gerechtfertigt herausstellte. Und auch Jesus hat sich mit seinen letzten Worten am Kreuz ausdrücklich in diese Reihe hineingestellt.

Tatsächlich kann man im Rückblick immer wieder sehen, wie Vertrauen auf Gott bestätigt worden ist. Aber das ist natürlich in einer akuten Not keine Garantie dafür, dass es diesmal auch wieder gut ausgeht. Und so sieht es für den Verfasser des Psalms so aus, als ob Gott zwar den Vätern geholfen hat, aber ihn lässt er warten. Bei den »Vätern« denkt er vielleicht an die Sklaverei in Ägypten, aus der Gott sein Volk durch Mose befreit hat. Da haben sie zwar auch lange warten müssen, bis sie endlich in die Freiheit aufbrechen konnten, aber im Rückblick verliert man diese lange Wartezeit aus den Augen und sieht nur noch Anfang und Ende: wir waren in großer Not, und Gott hat geholfen.

Unter doppeltem Angriff

Der Psalm 22 ist sozusagen ein authentisches Signal aus der Zeit dazwischen, in der sich noch nicht herausgestellt hat, dass die Geschichte gut ausgeht. Da hilft auch die Erinnerung an die Erfahrungen der Väter nur begrenzt.

Der Mensch dessen Stimme wir hier hören, scheint in einer doppelten Bedrängnis zu sein. Er leidet körperlich, ab Vers 15 kann man das sehen: er hat alle Kraft verloren, er fühlt sich wie Wasser, das auf die Erde geschüttet ist und versickert. Sein Herz schmilzt wie Wachs, die Zunge klebt ihm am Gaumen – vielleicht hat er über lange Zeit hohes Fieber, so dass er schon ganz abgemagert ist, Durst hat und nur noch Haut und Knochen ist.

Aber zu diesen Schmerzen kommen noch die nicht näher zu identifizierenden »Feinde« hinzu: Menschen, die ihn in seinem Unglück schadenfroh betrachten und spöttisch sagen: da siehst du mal, wohin du mit deinem Gottvertrauen kommst! Jetzt kann dein Gott mal zeigen, ob er dir noch helfen kann! Du warst doch immer sein Liebling, dann sollte er dir doch jetzt schnell seine Gunst erweisen! Und sie stehen um ihn herum, gucken ihn schamlos an und warten schon darauf, dass er endlich und endgültig tot ist.

Der Kern des Konflikts

Und es scheint so zu sein, als ob genau diese Frage des Vertrauens der Kern des Konflikts ist: die Feinde scheinen Menschen zu sein, die es einfach nicht ertragen, dass jemand sich partout nicht in die Tatsachen und Machtverhältnisse einfügt, sondern daran festhält, dass Gott die ganzen Machtverhältnisse auf den Kopf stellen kann. Und sogar im Volk Gottes ist das nicht selbstverständlich, sondern auch da bekommt man mit dieser Einstellung Probleme.

Genau um diese Frage ging es auch wieder bei Jesus: kann und darf denn ein Mensch unter Berufung auf Gott einfach so tun, als ob man alles anders machen könnte, die Regeln und Vorschriften außer Kraft setzen und sich dabei auch noch auf Gott berufen.

An Jesus wird dieser Konflikt aus Psalm 22 im vollen Umfang erkennbar. Er hat ja auch die Feindschaft auf sich gezogen, weil er sich im Vertrauen auf Gott und unter Berufung auf ihn nicht den Regeln der gottlosen Welt gebeugt, sondern neue Regeln eingeführt hat. Und dafür haben ihn alle gehasst, die sich mit der Welt und ihren Regeln arrangiert haben, alle, die sich im Sichtbaren eingerichtet haben und das Unsichtbare als unrealistisch abtun.

Bedroht von Ungeheuern

Es gibt bis heute Länder in unserer Welt, wo du sehr schnell im Gefängnis landen kannst und dich nackt und zusammengeschlagen auf dem Betonboden einer Gefängniszelle wiederfindest, wenn du zu erkennen gibst, dass du dich den Regeln dieser Welt und des Staates, in dem du lebst, nicht einfügen willst. Und man könnte den Psalm auch lesen als die Beschreibung eines Menschen, der nicht an einer Krankheit leidet, sondern gefoltert worden ist, dem man lange Zeit Essen und Trinken verweigert hat und dessen Peiniger sehen, dass er kurz davor ist, endgültig zerstört zu werden. Und dann wäre dieser Psalm noch näher dran an dem zu Tode gefolterten Jesus.

All das zusammen, die Schmerzen und die Schwäche, und dazu noch die Spötter, das ist so ein feindseliger Andrang, dass dieser Mensch sich vorkommt, als ob er von wilden Untieren umgeben wäre: von Kampfhunden und reißenden Löwen, und immer wieder von wilden Stieren, die mit ihren Hörnern auf ihn losgehen.

Die entscheidende Wende

Und dann kommt es zu einem Umschwung, am Ende von Vers 22. Wir wissen nicht, was es war. Wir wissen noch nicht einmal, ob es eine äußere Veränderung war oder eine innere. Vielleicht ist er durch irgendein Ereignis frei gekommen oder geheilt worden. Vielleicht ist aber auch irgendwie eine Botschaft von Gott in sein Herz gekommen: du wirst leben! Und vielleicht war es so, dass zuerst diese Gewissheit in sein Herz kam: du wirst leben!, und sie war so klar und stark, dass er sich gar nicht wirklich gewundert hat, als es dann tatsächlich so kam. Wer sich umschaut in den Lebensbeschreibungen vieler Männer und Frauen Gottes, der entdeckt oft solche Momente der Klarheit, die den entscheidenden Weichenstellungen vorangingen. Und wahrscheinlich gibt es das noch viel öfter, nur schreibt nicht jeder das auf, wenn er solch einen kostbaren Moment erlebt hat. Und auch hier im Psalm wird das ja nur angedeutet, nicht in allen Einzelheiten ausgemalt. Dieser Ruf »Du hast mich erhört!«, der die Wende anzeigt, der ist im Hebräischen nur ein einziges Wort. Gott hat eingegriffen, wir wissen nicht genau wie, und jetzt ist nichts mehr so wie früher.

Dieses »Du hast mich erhört!« ist der Mittelpunkt des ganzen Psalms. Vorher herrschten Schmerz und Skepsis, jetzt will der Beter des Psalms selbst dafür sorgen, dass alle anderen, die auf Gott vertrauen, durch seine Geschichte neu inspiriert werden. Er ist nach diesem Erlebnis sicher, dass der Gott, der dieses Machtwort sprechen kann, am Ende der König der ganzen Welt sein wird. Seine Macht muss sogar bis in die Sphäre der Toten reichen, denn auch »alle, die in den Staub gesunken sind« (30), werden ihn anbeten. Und auch die kommenden Generationen sollen davon hören, das Volk, das »erst noch geboren wird« (32).

Zeugnisse der Hoffnung

Mir fallen dazu die Überlebenden der Konzentrationslager ein, die vor Besuchern und oft eben auch Schulklassen von ihren Erlebnissen erzählen und damit ja nicht nur zeigen, zu welchen Grausamkeiten Menschen fähig sind, sondern auch Zeugnis ablegen von der Liebe zum Leben und dem Mut, der nicht unbelohnt bleibt.

Und so ist ja die Geschichte von Jesus die endgültige Mutmachgeschichte, weil seine Kreuzigung und seine Auferstehung diesen Konflikt Gottes mit den Todesmächten in ganzer Klarheit sichtbar gemacht hat: die volle Brutalität der Todesmächte und ihrer Handlanger, und auf der anderen Seite Gottes Macht des Lebens, die zuletzt alle verzweifelten Anstrengungen der Feinde zunichte macht, als Jesus auferstanden ist.

Die Stimmen von Skepsis und Zynismus

Wir leben heute zum Glück in zivilisierteren Gegenden unserer Welt, und von uns ist zur Zeit nur gefordert, dass wir uns derer annehmen, die vor den brutalen Verhältnissen in ihren Ländern zu uns fliehen. Wir sind weltweit privilegiert, und Privilegien bedeuten immer eine Verpflichtung. Wir stehen auch längst noch nicht so stark unter dem Druck dieser Stimmen, die sagen: trennt euch von eurem blöden Gottvertrauen, das ist unrealistisch, in der Welt zählt nur die Macht! Das kann sich aber ändern. Vielleicht gehen wir Zeiten entgegen, in denen andere uns sehr viel brutaler sagen werden: trennt euch von euren sinnlosen Träumen von Fairness und Menschenwürde, trennt euch von dem Gott, der angeblich Barmherzigkeit übt und zu den Armen hält, betet mit uns den großartigen Gott an, der uns selbst großartig macht, bei dem wir selbst zuerst kommen, der Gott, der auf die Starken schaut, und dem die Schwachen und die Anderen egal sind!

Es können auch wieder solche Zeiten kommen. Der Gott Israels, der Vater Jesu Christi hat lange eine gewisse zivilisierende Wirkung auf die Völker und Staaten ausgeübt, aber die Barbarei unter der Oberfläche ist nie wirklich ausgetrieben worden, und sie lauert auf den Moment, wo sie ihr Gesicht wieder unverhüllt zeigen kann. Wir sollten uns darüber nicht wundern. Um so wichtiger ist es, dass wir Gottes Macht kennen: dass er in einem winzigen Moment die ganze Situation drehen kann.

Aber vorher gibt es die Zeiten des Wartens, in denen man denkt: warum greift er denn nicht ein? Was können wir den Leuten sagen, die uns herausfordern und fragen: wo ist denn nun euer Gott? Jetzt müsste er eure Behauptungen doch mal bestätigen! Na los, jetzt müsst ihr liefern!

Niemand wartet gerne

Es gibt diese Zeiten des Wartens, in denen man gar nichts sagen kann, wo man die billigen Sprüche der Skeptiker und Zyniker einfach nur ertragen muss und ohne Beweise daran festhalten soll, dass sie schief liegen. Auch Jesus hat am Kreuz nicht diskutiert, sondern auf Gott vertraut. Sein Schweigen war sein deutlichstes Zeugnis.

Warten gehört mit zu den wirklich unangenehmen Dingen, egal, ob es an der Ampel ist, an der Kasse, oder ob du auf das Untersuchungsergebnis vom Arzt wartest oder auf einen lebenswichtigen Bescheid, der einfach nicht kommt. Wir warten bei großen und kleinen Gelegenheiten darauf, dass es gut ausgeht. Und auch in der Geschichte des Volkes Gottes und in der Geschichte einzelner Menschen Gottes hat es immer die Wartezeiten gegeben, in denen scheinbar gar nichts passiert. Wenn wir so warten müssen, dann sollen wir uns damit trösten, dass wir nicht die einzigen sind. Wartenmüssen unter dem Angriff der Skeptiker ist kein Zeichen dafür, dass mit uns etwas nicht stimmt.

Wir sollen uns daran erinnern, dass Gott in einem Augenblick alles verändern kann. Wir lassen die Bedenkenträger reden und warten auf den Moment Gottes, der bisher noch immer gekommen ist.

Gott ist treu.

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