Jun 182018
 

Predigt im Besonderen Gottesdienst am 17. Juni 2018 mit Matthäus 5,13-16 und Römer 11,1-7

 

Einleitung:

In der Einleitung wurden verschiedene historische Beispiele vorgestellt, wie Juden und Christen als Minderheiten dennoch erheblichen Einfluss auf ihre Umwelt, sogar auf den Gang der Weltgeschichte hatten.

Predigt:

Zwei Lesungen bildeten den Ausgangspunkt für die Predigt:

Römer 11,1-7:
Paulus schreibt: 1 Ich frage also: Hat Gott sein Volk verstoßen? Keineswegs! Denn auch ich bin ein Israelit, ein Nachkomme Abrahams, aus dem Stamm Benjamin. 2 Gott hat sein Volk nicht verstoßen, das er einst erwählt hat. Oder wisst ihr nicht, was die Schrift von Elija berichtet? Elija führte Klage gegen Israel und sagte: 3 Herr, sie haben deine Propheten getötet und deine Altäre zerstört. Ich allein bin übrig geblieben, und nun trachten sie auch mir nach dem Leben. 4 Gott aber antwortete ihm: Ich habe siebentausend Männer für mich übrig gelassen, die ihr Knie nicht vor Baal gebeugt haben. 5 Ebenso gibt es auch in der gegenwärtigen Zeit einen Rest, der aus Gnade erwählt ist – 6 aus Gnade, nicht mehr aufgrund von Werken; sonst wäre die Gnade nicht mehr Gnade. 7 Das bedeutet: Was Israel erstrebt, hat nicht das ganze Volk, sondern nur der erwählte Rest erlangt; die übrigen wurden verstockt.

Matthäus 5,13-16:
Jesus sprach: 13 »Ihr seid das Salz der Erde. Wenn jedoch das Salz seine Kraft verliert, womit soll man sie ihm wiedergeben? Es taugt zu nichts anderem mehr, als weggeworfen und von den Leuten zertreten zu werden. 14 Ihr seid das Licht der Welt. Eine Stadt, die auf einem Berg liegt, kann nicht verborgen bleiben. 15 Auch zündet niemand eine Lampe an und stellt sie dann unter ein Gefäß. Im Gegenteil: Man stellt sie auf den Lampenständer, damit sie allen im Haus Licht gibt. 16 So soll auch euer Licht vor den Menschen leuchten: Sie sollen eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.«

Zwei Bibeltexte haben wir gehört: als letztes die eindrückliche Stelle aus der Bergpredigt, wo Jesus seinen Jüngern sagt, sie seien das Licht der Welt und das Salz der Erde. Die beiden Bilder sind ähnlich, aber nicht deckungsgleich, und sie ergänzen sich: »Licht der Welt« beschreibt, wie die Gemeinschaft der Nachfolgerinnen und Nachfolger Jesu Träger der ganzen Welt die Augen öffnen soll, Orientierung geben soll, und sie können das, weil Jesus ihnen seine Botschaft anvertraut. Unter den Jüngerinnen und Jüngern wird die Wahrheit darüber sichtbar, dass die Welt vom göttlichen Segen lebt, der umsonst gegeben und geschenkt wird, und den sollen Menschen ebenfalls weitergeben und nicht wie eine Beute an sich reißen. So entsteht Gerechtigkeit. Das ist die Grundlage von allem.

Auch das Bild vom »Salz« der Erde erinnert daran, dass der Welt etwas Entscheidendes fehlen würde ohne die Botschaft, die mit der Christenheit verbunden ist. Wenn das Salz in der Suppe fehlen würde, dann wäre es keine Freude mehr, sie zu essen.

Toynbees Studien zu kreativen Minoritäten

Aber dieses Bild vom Salz sagt auch etwas darüber, wie die kleine Gruppe, der das Evangelium anvertraut ist, ihren Einfluss ausüben kann – eben als »kreative Minderheit«, die alles um sich herum beeinflusst, gerade weil sie ganz anders ist als der Rest der Gesellschaft.

Dieses Wort von der »Kreativen Minderheit« stammt eigentlich vom englischen Historiker Arnold Joseph Toynbee, der davon ausging, dass Kulturen immer in kleinen Gruppen entstehen, und die Mehrheit schließt sich dem dann an. Diese Minderheiten sind die Eliten, und solange sie kreativ bleiben, geht es der Kultur gut. Wenn sie aber keine Antworten mehr für die Herausforderungen der Welt haben, dann stirbt die Kultur. »Kulturen werden nicht ermordet, sondern begehen Selbstmord« hat er einmal geschrieben.

Wer hat Lösungen?

Dieser Gedanke zeigt uns, wie tatsächlich kleine Gruppen wichtig für das Ganze werden können: nicht durch ihre Größe oder ihre Macht, sondern dadurch, dass sie gute Lösungen für Probleme der ganzen Gesellschaft anbieten. Wenn die Gesellschaft in Schwierigkeiten gerät, dann ist die entscheidende Frage, wer Lösungen anbieten kann.

Und tatsächlich sind im christlichen Umfeld häufig solche Lösungen für die Probleme der Gegenwart entstanden. Manchmal auch ganz ohne dass das beabsichtigt gewesen wäre: die Quäker etwa wollten dem Heiligen Geist Raum geben und nicht einen Beitrag zur modernen Demokratie leisten; aber durch ihre Art der Gemeindeversammlungen haben sie trotzdem genau das getan.

Macht oder Kreativität?

In einem Punkt passt Toynbees Konzept der »Kreativen Minderheiten« allerdings nicht gut zum Christentum: er stellt sich vor, dass diese Minderheiten dann auch die Gesellschaft regieren. Und das hat es auch immer wieder gegeben, dass Christen in Krisenzeiten die Leitung der Gesellschaft übernommen haben, ganz oder teilweise. Am Ende des römischen Imperiums sind oft die Bischöfe in die Rolle von politischen Vertretern einer Stadt hineingerutscht, einfach, weil sonst keiner da war, der das konnte. Oder: am Ende der DDR haben viele Christen in der Übergangszeit wichtige staatliche Aufgaben übernommen, weil man ihnen Vertrauen entgegen gebracht hat und weil sie Erfahrungen mit der Organisation von Gruppen hatten.

Aber es ist gut, wenn sich Christen dann auch wieder von der Macht zurückziehen, weil sich Macht und Kreativität häufig nicht so gut miteinander vertragen. Weltliche Macht bekommt der Kirche nicht; die Versuchung ist zu groß, durch Macht der Gesellschaft etwas aufzuzwingen, anstatt gute, plausible Lösungen aufzuzeigen. Wer Menschen etwas vorschreiben will, und sei es die beste, christlichste, biblischste Lebensweise, wird sie nicht wirklich gewinnen.

Leitbilder und ihre Wirkungen

Das bringt uns dazu, über unser Leitbild von Kirche nachzudenken. Wir kennen Kirche vor allem als eine Institution, der prinzipiell alle Glieder der Gesellschaft angehören. Und selbst heute, wo z.B. bei uns noch etwa gut eine Hälfte der Menschen zu einer christlichen Kirche gehört, würden sich auch viele Nichtmitglieder irgendwie doch noch zugehörig fühlen. Leitbilder sind ja so etwas wie Orientierungsmarken, und wir orientieren uns immer noch an diesem Bild von einer oder auch zwei Kirchen für die ganze Gesellschaft. Und dann geht es immer um die Frage: darf die Kirche den Menschen oder dem Staat etwas vorschreiben, und was, und dann gibt es die Vertreter christlicher Sitte und Ordnung, und es gibt Rebellen gegen die autoritäre Kirche, und es gibt die Witze darüber, wie der kleine Mann unter dem kirchlichen Autoritätsanspruch wegtaucht, und das sind alles einfach keine guten Rollenmodelle. Das sind ganz unfruchtbare, unerfreuliche Konflikte, die entstehen, wenn wir uns an dem Leitbild der Kirche als religiöser und sittlicher Instanz für die ganze Gesellschaft orientieren.

Das Leitbild vom Salz der Erde, der kreativen Minderheit, die Alternativen entwickelt und lebt und Lösungen anbietet, ist da viel produktiver. Es ist aber auch anspruchsvoller. Christlicher Einfluss ist dann nicht ein für allemal festgeschrieben, er ist kein Anspruch, auf den man pochen könnte, sondern er hängt davon ab, ob man liefert. Ob die Jüngerinnen und Jünger Jesu wirklich etwas Gutes anzubieten haben. Es hängt ab von den Diskussionen und Nachdenkprozessen in den Synagogen und Gemeinden, den Reflexionsräumen Gottes, es hängt ab von den guten Ideen vieler einfacher Christen. Es hängt davon ab, ob sich in diesem ganzen Ökosystem des Nachdenkens und des solidarischen Miteinanders das Evangelium tatsächlich in überzeugende Lösungen umsetzt. Und das ist nur begrenzt kontrollierbar. Das hängt auch immer vom unverfügbaren Heiligen Geist ab. Und davon, ob die Gesellschaft gute Lösungen auch erkennt und akzeptiert.

Ein mutigeres Modell

Das ist auf den ersten Blick viel unsicherer als das Modell einer Kirche als religiöse Instanz für die ganze Gesellschaft. Es ist aber viel näher dran an dem Wort Jesu vom Salz der Erde. Und es gibt viel mehr Freiheit. Bei diesem Leitbild muss man nicht immer gleich überlegen, wie man möglichst viele Menschen erreicht, sondern man kann erst einmal versuchen, seine eigene Sache möglichst gut zu machen. Und welche Resonanz das dann findet, kann man getrost Gott überlassen.

Das passt auch gut zusammen mit der Beobachtung, dass sich im Neuen Testament ganz viele Hinweise dazu finden, wie man miteinander lebt, wie man Liebe übt gegen jedermann, wie man die geistliche Stärke einer Gemeinde erhält und wie man sich von Gott immer wieder neu inspirieren lassen soll. Dagegen gibt es so gut wie keine Anweisungen dazu, dass man als Gemeinde versuchen soll, zu wachsen, größer und stärker zu werden und mehr Einfluss zu bekommen. Das kommt dann dazu oder nicht, darum kümmert sich Gott. Es ist nichts, worum wir uns kümmern müssten.

Werdet Hoffnungsträger!

Das passt nun gut zusammen mit der zweiten Bibelstelle, die wir vorhin gehört haben. Erinnern Sie sich noch? Paulus legt im Römerbrief die alte Geschichte vom Propheten Elia aus, der sich bei Gott bitter darüber beklagt, dass Israel sich dem Götzen Baal zugewandt hat. Ja, das kann sogar im Volk Gottes passieren, dass die Mehrheit Gott verfälscht oder gar nichts mehr von ihm wissen will. Aber dann antwortet Gott dem verbitterten Elia: es gibt 7000 Menschen, die treu geblieben sind, dafür habe ich gesorgt. Schau lieber auf die als auf die verirrte Mehrheit!

Selbst in der Minderheit des Volkes Gottes gibt es also noch eine Minderheit, auf die es ankommt. Und man kann es noch weiter zuspitzen: am Ende bestand diese treue Minderheit nur noch aus Jesus, selbst seine Jünger hatten sich am Tag seiner Kreuzigung aus dem Staub gemacht. Aber diese Ein-Mann-Minderheit hat das Entscheidende erreicht. Also Elia, also Paulus, also ihr verzagten Christen zu allen Zeiten: hört auf, die Köpfe zu zählen, hört auf mit dem Jammer darüber, dass die Jugend nicht den Glauben der Mütter und Väter übernimmt, konzentriert euch darauf, eure eigene Sache gut zu machen. Trachtet zuerst nach dem Reich Gottes, durchdenkt sein Wort, durchdenkt euer Leben, lebt miteinander inspiriert von seinem Wort, investiert Zeit, Geld und Kraft, und dann wird Gott euch das Nötige dazugeben.

So lange Gott in seiner Gnade dafür sorgt, dass es da noch einen klaren Rest gibt, eine mutige und zuversichtliche Minderheit, so lange hat Gott die Hoffnung noch nicht aufgegeben. Und dann sollten wir es auch nicht tun. Gott bringt durch seine kreativen Minderheiten eine ungeheure Dynamik in die Weltgeschichte. Und da wirken nicht nur edle und lautere Motive, es wirken auch fragwürdige Beweggründe wie Neid und Hass. Aber selbst damit kann Gott etwas bewirken. Selbst feindselige Reaktionen auf die Menschen Gottes bringen Gottes Sache voran. Auch Paulus war schließlich einmal ein Feind der Christen, bis Jesus ihn gestoppt hat.

Eine Perspektive nach vorn

Wir sollten uns an einem neuen Leitbild orientieren. Wenn wir am Bild von einer Kirche, zu der alle gehören, festhalten, dann schauen wir depressiv auf die schrumpfenden Zahlen und können nicht viel mehr tun als eine schrumpfende Kirche möglichst effektiv abzuwickeln. Wenn wir uns aber am Bild der kreativen Minderheit orientieren, dann sieht es ganz anders aus. Dann geht es um die Frage: haben wir Lösungen für die Gegenwart? Haben wir etwas zu sagen zu den verbitterten und enttäuschten Menschen, die sich in Feindseligkeit flüchten? Welche Lebensziele kann man verfolgen, die nicht immer mehr Müll, Gift und Feindschaft zur Folge haben? Was ist wirkliche Gerechtigkeit? Bei der Fähigkeit, uns solchen Fragen zu stellen, da haben wir durchaus zugelegt. Da stehen wir gar nicht so schlecht da, und wir können etwas dafür tun, dass es noch besser wird. Da können wir mit dem Heiligen Geist zusammenarbeiten, da sind wir nicht ohnmächtig.

Kreativ bedeutet wörtlich: schöpferisch. Gott hat uns als Mitschöpfer gewollt. Er erschafft mitten unter uns seine neue Welt, und er möchte, dass wir dabei sind. Wenn das auch unsere Priorität ist, dann wird er uns alles dazugeben, was wir brauchen.

Jun 122018
 

Predigt am 10. Juni 2018 mit 1. Korinther 9,16-23

16 Mein Ruhm besteht ja nicht darin, dass ich das Evangelium verkünde. Das ist schließlich eine Verpflichtung, der ich nicht ausweichen kann – wehe mir, wenn ich sie nicht erfülle! 17 Hätte ich diese Aufgabe aus eigenem Antrieb übernommen, könnte ich einen Lohn dafür erwarten. Ich habe sie aber nicht gewählt; sie ist mir übertragen worden: Gott hat mir die Aufgabe anvertraut, seine Botschaft zu verkünden.  18 Heißt das dann, dass ich überhaupt keinen Lohn bekomme? O doch: Mein Lohn besteht genau darin, dass ich das Evangelium unentgeltlich verkünde und keinerlei Gebrauch von dem Recht mache, das ich als Verkündiger dieser Botschaft habe.
19 Ich bin also frei und keinem Menschen gegenüber zu irgendetwas verpflichtet. Und doch habe ich mich zum Sklaven aller gemacht, um möglichst viele ´für Christus` zu gewinnen. 20 Wenn ich mit Juden zu tun habe, verhalte ich mich wie ein Jude, um die Juden zu gewinnen. Wenn ich mit denen zu tun habe, die dem Gesetz des Mose unterstehen, verhalte ich mich so, als wäre ich ebenfalls dem Gesetz des Mose unterstellt (obwohl das nicht mehr der Fall ist); denn ich möchte auch diese Menschen gewinnen. 21 Wenn ich mit denen zu tun habe, die das Gesetz des Mose nicht kennen, verhalte ich mich so, als würde ich es ebenfalls nicht kennen; denn auch sie möchte ich gewinnen. (Das bedeutet allerdings nicht, dass mein Leben mit Gott nicht doch einem Gesetz untersteht; ich bin ja an das Gesetz gebunden, das Christus uns gegeben hat.) 22 Und wenn ich mit Menschen zu tun habe, deren Gewissen empfindlich ist, verzichte ich auf meine Freiheit, weil ich auch diese Menschen gewinnen möchte. In jedem einzelnen Fall nehme ich jede nur erdenkliche Rücksicht auf die, mit denen ich es gerade zu tun habe, um jedes Mal wenigstens einige zu retten. 23 Das alles tue ich wegen des Evangeliums; denn ich möchte an dem Segen teilhaben, den diese Botschaft bringt.

Paulus hat immer sehr genau darauf geachtet, dass man ihm nicht nachsagen konnte, er hätte die Gemeinden ausgenutzt. Wir kennen ja alle die Geschichten über amerikanische Prediger und Fernsehevangelisten, die sich von ihren Gemeinden ein Luxusleben finanzieren lassen, und solche Geschäftsmodelle gab es damals natürlich auch schon. In Philosophie und Religion geht es immer auch um Geld. Und um nicht mit windigen Starrednern und Lohndenkern verwechselt zu werden, hat Paulus sich von den Gemeinden nicht bezahlen lassen, sondern sein eigenes Geld verdient. Einzige Ausnahme war die Gemeinde in Philippi, mit der er ganz eng verbunden gewesen sein muss. Aber selbst da betont er immer wieder, dass es ihm nicht um ihr Geld geht, und dass ihr Verhältnis unberührt bleiben soll von allen Finanzfragen.

Der Kern der Identität

Aber manchen kann man es nicht recht machen, und so kam dann aus der Gemeinde von Korinth der Vorwurf, er würde sich anscheinend für was Besseres halten, wenn er sich von ihnen nicht unterstützen ließe. Und deswegen legt er hier ausführlich dar, was seine Motive sind. Und er versucht zu erklären: alles was ich mache kommt aus dem Freiheitskern, den Gott mir eingepflanzt hat. Nur weil ich den habe, kann ich das alles schaffen, was ich tue.

Bild: Capri23auto via pixabay, Lizenz: creative commons CC0

Dieser Freiheitskern ist Paulus implantiert worden, als Jesus ihn berufen hat: Jesus hat ihn gestoppt, hat ihn buchstäblich umgehauen und ihn auf eine neue Spur gesetzt. Und immer wieder sagt Paulus: das war eine Sache exklusiv zwischen Jesus und mir. Kein Mensch hat mich überredet. Ich war ja der schlimmste Feind der christlichen Gemeinden, ich hätte auf niemanden gehört, wenn mir nicht Jesus selbst begegnet wäre.

Das ist von da an der innerste Kern, von dem her Paulus lebt, denkt und arbeitet. Er ist niemanden außer Jesus selbst verpflichtet. Deswegen lässt er sich nicht bezahlen, um zuerst vor sich selbst und dann vor anderen deutlich zu machen: es ist meine ureigenste Angelegenheit, das Evangelium zu verbreiten und Menschen zu gewinnen. Ich mache das nicht, um irgendetwas dafür zu bekommen, sondern ich mache das, weil ich Paulus bin. Ich könnte gar nicht anders. Ich ziere mich nicht, ich bin nur ehrlich: ich habe selbst das meiste davon.

Lebendiges Evangelium

Wir kennen das ja, dass Menschen so eine komplizierte Bescheidenheit an den Tag legen und sagen: nein, das war doch gar nichts Großes, was ich gemacht habe, das ist doch nicht erwähnenswert, aber man merkt, dass es für sie eigentlich schon wichtig ist, wahrgenommen zu werden. So einer war Paulus nicht. Der wusste durchaus, was er geleistet hatte, aber er konnte es gerade deswegen ganz sachlich zur Kenntnis nehmen, weil das keine Bedeutung für sein Selbstbewusstsein hatte. Dass er keinen Beifall brauchte und keinen Preis für besondere Verdienste um das Gemeinwesen, das war keine Redensart. Er brauchte es wirklich nicht.

Damit die Korinther das verstehen können, legt er ausführlich seine Motivation dar: er möchte so intensiv wie möglich mit dem Evangelium zu tun haben, weil er es so am besten kennenlernt. Das Evangelium ist ja keine Sammlung von Katechismussätzen, die man einmal auswendig lernt, und dann hat man für jede Situation den richtigen Spruch. Das Evangelium drückt sich immer wieder in neuen Formulierungen aus, man lernt es immer tiefer kennen, je öfter man damit zu tun hat. Immer wieder will es in einer neuen Situation anders verstanden und ausgesprochen werden. Man hat es nicht ein für alle mal, sondern man entdeckt immer wieder andere Seiten daran, wenn man es mit anderen Menschen teilt.

Kommunikationsfähig in alle Richtungen

Das schildert Paulus beispielhaft an seinen Begegnungen mit Juden und Heiden: Wenn er sich in einem jüdischen Umfeld bewegt, dann hält er sich an jüdische Sitten, beachtet genau den Sabbat und die Speisegebote, damit sie ihn nicht gleich in die Schublade »Heide« stecken. Und er taucht ein in den jüdischen Denkhorizont und orientiert sich an dem, wie ein Jude die Welt sieht und welche Fragen er hat. Er argumentiert mit der Bibel, weil die Schrift für Juden die entscheidende Instanz ist. Und jedes Mal versteht er die Bibel und das jüdische Denken mit seinen Stärken und Schwächen wieder etwas besser.

Wenn Paulus sich aber unter Heiden bewegt, also in der griechisch-römischen Mehrheitsgesellschaft, dann verzichtet er auf die jüdischen Sitten, damit er nicht gleich den Stempel »engstirniger Fanatiker« aufgedrückt bekommt. Er argumentiert nicht mit der Bibel, sondern zieht gerne auch mal die griechischen Philosophen heran, die für Heiden Autorität haben. Das ist keine charakterlose Anpassung, sondern es geht ihm darum, dass er gesprächsfähig bleibt, damit er jedem das Evangelium so sagen kann, wie der es braucht. Seine Gesprächspartner müssen ja nicht wissen, dass er parallel dazu die philosophischen Argumente immer auch daraufhin durchdenkt, ob sich in ihnen die Wahrheit über Israels Gott spiegelt. Und jedes Mal lernt er die heidnische Gedankenwelt in ihrer ganzen Ambivalenz wieder ein bisschen besser kennen und genauso entdeckt er die Seiten das Evangeliums, die in diesem heidnischen Kontext plötzlich wichtig werden.

Also, wir würden heute sagen: Paulus war enorm kommunikationsfähig, er konnte sich in so ziemlich jedem Milieu und in jeder Kultur bewegen. Das lag aber nicht daran, dass er jedem sagte, was der hören wollte, sondern er verkörperte mit Haut und Haar die Botschaft, die Jesus ihm aufgetragen hatte. Gerade weil es ihm um das Evangelium und die Menschen ging, darum wurde alles andere unbedeutend. Er konnte sich auf jede Gedankenwelt einlassen, weil sie alle Chancen für die Verkündigung bieten und alle irgendwie auch ihre ganz speziellen Widerstände gegen Gott entwickeln.

Ein unabhängiger Mensch

Paulus konnte sich weit aus dem Fenster lehnen, weil er einen ganz sicheren Stand hatte. Wer genau weiß, wer er selbst ist, der muss keine Angst vor den Anderen oder den Fremden haben. Einer wie Paulus kann mit jedem freundlich reden, kann ihm helfen und ihm zuhören, kann sich auf seine Weltsicht einlassen, weil er diesen starken Jesus-Freiheitskern in sich trägt. Und dieser Kern wird immer stärker, je mehr er sich auf die anderen einlässt.

Das ist ja der Zusammenhang, den Paulus nicht müde wird, zu beschreiben: gerade weil er unabhängig von Menschen ist, kann er für Menschen da sein. Gerade weil er seine Berufung direkt von Jesus empfangen hat, kann er ein Segen für Menschen sein. Gerade weil er die Wahrheit kennt, kann er geduldig auf Menschen hören und ihnen antworten. Gerade weil Jesus ihn zur Freiheit berufen und einen Freiheitskern in ihn gelegt hat, deshalb kann er sich zum Diener aller machen, wörtlich: zum Sklaven.

Viele denken, so ein unabhängiger Mensch wäre gefährlich und man müsste ihn doch irgendwie einbinden, ihn abhängig machen, und sei es, indem man ihn irgendwie bezahlt. Aber genau das ist es, was Paulus auf jeden Fall vermeiden will. Das würde ihm ja genau den Kern seiner Berufung nehmen.

Angst aus Unsicherheit

Nur wer nicht weiß, wer er ist, der muss sich von anderen fernhalten, der entwickelt Angst vor Überfremdung, der sucht sich Feinde, der fühlt sich permanent angegriffen und zurückgesetzt. Diejenigen, die heute Angst um das angeblich christliche Abendland haben, sind ja oft seit Jahrzehnten nicht mehr in einem Gottesdienst gewesen. Oder sie sind ängstliche Christen, weit weg von diesem sicheren Selbstbewusstsein des Paulus, der sagt: wo seid ihr, ihr Menschen aller Kulturen und Religionen? Wenn ihr nicht zu mir kommt, komme ich zu euch. Je fremder ihr seid, um so mehr lerne ich durch euch über Gottes Wege in seiner Welt!

Man muss jetzt sagen, dass Paulus sicher ein ganz besonderer Fall war. Er war nicht nur direkt von Jesus berufen, sondern er muss auch eine ganz enorme Intelligenz gehabt haben. Der hatte in seinem Kopf Platz für so viele Gedanken gleichzeitig, dass bis heute ganze Heerscharen von Gelehrten damit beschäftigt sind, das auseinander zu nehmen und nachzuvollziehen. Also, wir können nicht alle ein Paulus werden, noch nicht mal ein kleiner Paulus.

Keine Angst vor Widerständen

Aber etwas von dieser fröhlichen Zuversicht des Paulus, die hat er der Christenheit zum Glück vererbt. Wir müssen doch keine Angst vor der bösen Welt da draußen haben! Die Christenheit hat mal mit ein paar Hundert oder Tausend durchschnittlicher Menschen angefangen: eine winzige Minderheit. Paulus und eine Handvoll Freunde haben das halbe römische Imperium mit Gemeinden infiltriert, gegen die drei Jahrhunderte später kein Kaiser mehr regieren konnte. Und heute können sich manche noch nicht mal mehr vorstellen, wie man ohne Kirchensteuer die Kirche aufrechterhalten könnte. Aber wenn Jesus einen Feind wie Paulus um 180 Grad drehen kann, dann kann er noch ganz andere Dinge durch seine Leute tun.

Wir haben von Anfang an in unseren geistlichen Genen den eingebauten Mechanismus, dass Widerstände uns dazu bringen, noch tiefer ins Evangelium einzutauchen und Gottes Willen immer klarer zu verstehen. Das ist mit Mühe und Arbeit verbunden, manchmal mit Gefahren, manchmal auch mit Leiden, aber das ist der Weg, wie wir mehr von Gottes Gedanken verstehen. Die wenigsten christlichen Gedanken sind in der ruhigen Studierstube entwickelt worden. Die meisten und tiefsten Gedanken sind entstanden in Kämpfen und Konflikten, großen und kleinen. Auch die Bibel ist zu großen Teilen Kampfliteratur, aufgeschrieben, damit man Orientierung hat und nicht zurückschreckt vor den scheinbar alternativlosen Mächten dieser Welt.

Deswegen: wenn wir uns auf Menschen einlassen, die anders sind als wir selbst, die anders denken, andere Selbstverständlichkeiten haben, dann ist das jedes Mal eine Chance, mehr über Gott zu lernen. Wir selbst sind es, die am meisten davon haben. Wir tun das natürlich auch für die anderen, aber zuerst sind wir es, die davon am meisten profitieren.

Jun 042018
 

Predigt am 3. Juni 2018 zu Psalm 22

1 Ein Psalm Davids, vorzusingen,
nach der Weise »die Hirschkuh der Morgenröte«.

2 Mein Gott, mein Gott,
warum hast du mich verlassen?

Ich schreie,
aber meine Hilfe ist ferne.

3 Mein Gott, des Tages rufe ich, doch antwortest du nicht,
und des Nachts, doch finde ich keine Ruhe.

4 Aber du bist heilig,
der du thronst über den Lobgesängen Israels.

5 Unsere Väter hofften auf dich;
und da sie hofften, halfst du ihnen heraus.

6 Zu dir schrien sie und wurden errettet,
sie hofften auf dich und wurden nicht zuschanden.

7 Ich aber bin ein Wurm und kein Mensch,
ein Spott der Leute und verachtet vom Volk.

8 Alle, die mich sehen, verspotten mich,
sperren das Maul auf und schütteln den Kopf:

9 »Er klage es dem HERRN, der helfe ihm heraus
und rette ihn, hat er Gefallen an ihm.«

10 Du hast mich aus meiner Mutter Leibe gezogen;
du ließest mich geborgen sein an der Brust meiner Mutter.

11 Auf dich bin ich geworfen von Mutterleib an,
du bist mein Gott von meiner Mutter Schoß an.

12 Sei nicht ferne von mir, denn Angst ist nahe;
denn es ist hier kein Helfer.

13 Gewaltige Stiere haben mich umgeben,
mächtige Büffel haben mich umringt.

14 Ihren Rachen sperren sie gegen mich auf
wie ein brüllender und reißender Löwe.

15 Ich bin ausgeschüttet wie Wasser,
alle meine Gebeine haben sich zertrennt;

mein Herz ist in meinem Leibe
wie zerschmolzenes Wachs.

16 Meine Kräfte sind vertrocknet wie eine Scherbe, / und meine Zunge klebt mir am Gaumen,
und du legst mich in des Todes Staub.

17 Denn Hunde haben mich umgeben, / und der Bösen Rotte hat mich umringt;
sie haben meine Hände und Füße durchgraben.

18 Ich kann alle meine Gebeine zählen;
sie aber schauen zu und weiden sich an mir.

19 Sie teilen meine Kleider unter sich
und werfen das Los um mein Gewand.

20 Aber du, HERR, sei nicht ferne;
meine Stärke, eile, mir zu helfen!

21 Errette mein Leben vom Schwert,
mein einziges Gut von den Hunden!

22 Hilf mir aus dem Rachen des Löwen / und vor den Hörnern der wilden Stiere –
du hast mich erhört!

23 Ich will deinen Namen kundtun meinen Brüdern,
ich will dich in der Gemeinde rühmen:

24 Rühmet den HERRN, die ihr ihn fürchtet; ehrt ihn, all ihr Nachkommen Jakobs,
und scheut euch vor ihm, all ihr Nachkommen Israels!

25 Denn er hat nicht verachtet
noch verschmäht das Elend des Armen

und sein Antlitz vor ihm nicht verborgen;
und da er zu ihm schrie, hörte er’s.

26 Dich will ich preisen in der großen Gemeinde,
ich will mein Gelübde erfüllen vor denen, die ihn fürchten.

27 Die Elenden sollen essen, dass sie satt werden; / und die nach dem HERRN fragen, werden ihn preisen;
euer Herz soll ewiglich leben.

28 Es werden gedenken und sich zum HERRN bekehren aller Welt Enden
und vor ihm anbeten alle Geschlechter der Völker.

29 Denn des HERRN ist das Reich,
und er herrscht unter den Völkern.

30 Ihn allein werden anbeten alle Großen auf Erden;
vor ihm werden die Knie beugen alle, / die zum Staube hinabfuhren und ihr Leben nicht konnten erhalten.
31 Er wird Nachkommen haben, die ihm dienen;

vom Herrn wird man verkündigen Kind und Kindeskind. 32 Sie werden kommen und seine Gerechtigkeit predigen dem Volk, das geboren wird.
Denn er hat’s getan.

Wenn wir heute diesen Psalm hören, dann können wir das nicht tun, ohne daran zu denken, dass Jesus als letztes vor seinem Tod den Anfang dieses Psalms zitiert hat. Nach dem Markusevangelium hat er danach nur noch einen letzten unverständlichen Schrei getan und ist danach gestorben.

Und auch sonst finden sich in dem Psalm viele Einzelheiten, bei denen man an die Kreuzigung Jesu denken muss: die Spötter in Vers 8 und 9, die den Leidenden auch noch verhöhnen, sogar das Kopfschütteln findet sich hier. Und dann der Vers 19, wo sie schon die Kleider des noch Lebenden verteilen, wie später die Soldaten unter dem Kreuz; im Johannesevangelium wird diese Verbindung sogar ausdrücklich hergestellt.

Man hat sich das dann entweder so erklärt, dass dies eine prophetische Weissagung des Todes Jesu sei, oder man hat behauptet, dass die ganze Kreuzigungsgeschichte einfach nach diesem Psalm gestaltet hat. Beides ist zu plump. In Wirklichkeit ist es wohl so, dass der Psalm einfach von innen beschreibt, wie es ist, wenn ein Mensch in bedrängter Lage an Gott festhält, aber Gott scheint zu schweigen, er greift anscheinend nicht ein.

Wartenmüssen: eine Standardsituation des Glaubens

Diese Situation, dass jemand in der Not auf Gott hofft, aber die Hilfe scheint nicht zu kommen, sie verzögert sich immer mehr, das ist kein unbegreiflicher Skandal, der Gott und den Glauben in Frage stellt und in der Neuzeit dann Anlass zu jeder Menge intellektuellen Zweifels gegeben hat, sondern das ist schon in der Bibel durchdacht und in Worte gefasst worden. Das ist sozusagen eine Standardsituation des Glaubens, dass man auf Gottes Eingreifen scheinbar endlos warten muss. Schon lange vor Jesus hat das jemand hier im Psalm in aller Härte beschrieben, und er schaut zurück auf die Generationen vor ihm, die »Väter«, die auch schon auf Gott vertraut haben, und er möchte, dass seine Erfahrung auch den nächsten Generationen weitergegeben wird. Er steht in der langen Reihe derer, die gegen alle Plausibilität auf Gott vertraut haben und deren Vertrauen sich am Ende als gerechtfertigt herausstellte. Und auch Jesus hat sich mit seinen letzten Worten am Kreuz ausdrücklich in diese Reihe hineingestellt.

Tatsächlich kann man im Rückblick immer wieder sehen, wie Vertrauen auf Gott bestätigt worden ist. Aber das ist natürlich in einer akuten Not keine Garantie dafür, dass es diesmal auch wieder gut ausgeht. Und so sieht es für den Verfasser des Psalms so aus, als ob Gott zwar den Vätern geholfen hat, aber ihn lässt er warten. Bei den »Vätern« denkt er vielleicht an die Sklaverei in Ägypten, aus der Gott sein Volk durch Mose befreit hat. Da haben sie zwar auch lange warten müssen, bis sie endlich in die Freiheit aufbrechen konnten, aber im Rückblick verliert man diese lange Wartezeit aus den Augen und sieht nur noch Anfang und Ende: wir waren in großer Not, und Gott hat geholfen.

Unter doppeltem Angriff

Der Psalm 22 ist sozusagen ein authentisches Signal aus der Zeit dazwischen, in der sich noch nicht herausgestellt hat, dass die Geschichte gut ausgeht. Da hilft auch die Erinnerung an die Erfahrungen der Väter nur begrenzt.

Der Mensch dessen Stimme wir hier hören, scheint in einer doppelten Bedrängnis zu sein. Er leidet körperlich, ab Vers 15 kann man das sehen: er hat alle Kraft verloren, er fühlt sich wie Wasser, das auf die Erde geschüttet ist und versickert. Sein Herz schmilzt wie Wachs, die Zunge klebt ihm am Gaumen – vielleicht hat er über lange Zeit hohes Fieber, so dass er schon ganz abgemagert ist, Durst hat und nur noch Haut und Knochen ist.

Aber zu diesen Schmerzen kommen noch die nicht näher zu identifizierenden »Feinde« hinzu: Menschen, die ihn in seinem Unglück schadenfroh betrachten und spöttisch sagen: da siehst du mal, wohin du mit deinem Gottvertrauen kommst! Jetzt kann dein Gott mal zeigen, ob er dir noch helfen kann! Du warst doch immer sein Liebling, dann sollte er dir doch jetzt schnell seine Gunst erweisen! Und sie stehen um ihn herum, gucken ihn schamlos an und warten schon darauf, dass er endlich und endgültig tot ist.

Der Kern des Konflikts

Und es scheint so zu sein, als ob genau diese Frage des Vertrauens der Kern des Konflikts ist: die Feinde scheinen Menschen zu sein, die es einfach nicht ertragen, dass jemand sich partout nicht in die Tatsachen und Machtverhältnisse einfügt, sondern daran festhält, dass Gott die ganzen Machtverhältnisse auf den Kopf stellen kann. Und sogar im Volk Gottes ist das nicht selbstverständlich, sondern auch da bekommt man mit dieser Einstellung Probleme.

Genau um diese Frage ging es auch wieder bei Jesus: kann und darf denn ein Mensch unter Berufung auf Gott einfach so tun, als ob man alles anders machen könnte, die Regeln und Vorschriften außer Kraft setzen und sich dabei auch noch auf Gott berufen.

An Jesus wird dieser Konflikt aus Psalm 22 im vollen Umfang erkennbar. Er hat ja auch die Feindschaft auf sich gezogen, weil er sich im Vertrauen auf Gott und unter Berufung auf ihn nicht den Regeln der gottlosen Welt gebeugt, sondern neue Regeln eingeführt hat. Und dafür haben ihn alle gehasst, die sich mit der Welt und ihren Regeln arrangiert haben, alle, die sich im Sichtbaren eingerichtet haben und das Unsichtbare als unrealistisch abtun.

Bedroht von Ungeheuern

Es gibt bis heute Länder in unserer Welt, wo du sehr schnell im Gefängnis landen kannst und dich nackt und zusammengeschlagen auf dem Betonboden einer Gefängniszelle wiederfindest, wenn du zu erkennen gibst, dass du dich den Regeln dieser Welt und des Staates, in dem du lebst, nicht einfügen willst. Und man könnte den Psalm auch lesen als die Beschreibung eines Menschen, der nicht an einer Krankheit leidet, sondern gefoltert worden ist, dem man lange Zeit Essen und Trinken verweigert hat und dessen Peiniger sehen, dass er kurz davor ist, endgültig zerstört zu werden. Und dann wäre dieser Psalm noch näher dran an dem zu Tode gefolterten Jesus.

All das zusammen, die Schmerzen und die Schwäche, und dazu noch die Spötter, das ist so ein feindseliger Andrang, dass dieser Mensch sich vorkommt, als ob er von wilden Untieren umgeben wäre: von Kampfhunden und reißenden Löwen, und immer wieder von wilden Stieren, die mit ihren Hörnern auf ihn losgehen.

Die entscheidende Wende

Und dann kommt es zu einem Umschwung, am Ende von Vers 22. Wir wissen nicht, was es war. Wir wissen noch nicht einmal, ob es eine äußere Veränderung war oder eine innere. Vielleicht ist er durch irgendein Ereignis frei gekommen oder geheilt worden. Vielleicht ist aber auch irgendwie eine Botschaft von Gott in sein Herz gekommen: du wirst leben! Und vielleicht war es so, dass zuerst diese Gewissheit in sein Herz kam: du wirst leben!, und sie war so klar und stark, dass er sich gar nicht wirklich gewundert hat, als es dann tatsächlich so kam. Wer sich umschaut in den Lebensbeschreibungen vieler Männer und Frauen Gottes, der entdeckt oft solche Momente der Klarheit, die den entscheidenden Weichenstellungen vorangingen. Und wahrscheinlich gibt es das noch viel öfter, nur schreibt nicht jeder das auf, wenn er solch einen kostbaren Moment erlebt hat. Und auch hier im Psalm wird das ja nur angedeutet, nicht in allen Einzelheiten ausgemalt. Dieser Ruf »Du hast mich erhört!«, der die Wende anzeigt, der ist im Hebräischen nur ein einziges Wort. Gott hat eingegriffen, wir wissen nicht genau wie, und jetzt ist nichts mehr so wie früher.

Dieses »Du hast mich erhört!« ist der Mittelpunkt des ganzen Psalms. Vorher herrschten Schmerz und Skepsis, jetzt will der Beter des Psalms selbst dafür sorgen, dass alle anderen, die auf Gott vertrauen, durch seine Geschichte neu inspiriert werden. Er ist nach diesem Erlebnis sicher, dass der Gott, der dieses Machtwort sprechen kann, am Ende der König der ganzen Welt sein wird. Seine Macht muss sogar bis in die Sphäre der Toten reichen, denn auch »alle, die in den Staub gesunken sind« (30), werden ihn anbeten. Und auch die kommenden Generationen sollen davon hören, das Volk, das »erst noch geboren wird« (32).

Zeugnisse der Hoffnung

Mir fallen dazu die Überlebenden der Konzentrationslager ein, die vor Besuchern und oft eben auch Schulklassen von ihren Erlebnissen erzählen und damit ja nicht nur zeigen, zu welchen Grausamkeiten Menschen fähig sind, sondern auch Zeugnis ablegen von der Liebe zum Leben und dem Mut, der nicht unbelohnt bleibt.

Und so ist ja die Geschichte von Jesus die endgültige Mutmachgeschichte, weil seine Kreuzigung und seine Auferstehung diesen Konflikt Gottes mit den Todesmächten in ganzer Klarheit sichtbar gemacht hat: die volle Brutalität der Todesmächte und ihrer Handlanger, und auf der anderen Seite Gottes Macht des Lebens, die zuletzt alle verzweifelten Anstrengungen der Feinde zunichte macht, als Jesus auferstanden ist.

Die Stimmen von Skepsis und Zynismus

Wir leben heute zum Glück in zivilisierteren Gegenden unserer Welt, und von uns ist zur Zeit nur gefordert, dass wir uns derer annehmen, die vor den brutalen Verhältnissen in ihren Ländern zu uns fliehen. Wir sind weltweit privilegiert, und Privilegien bedeuten immer eine Verpflichtung. Wir stehen auch längst noch nicht so stark unter dem Druck dieser Stimmen, die sagen: trennt euch von eurem blöden Gottvertrauen, das ist unrealistisch, in der Welt zählt nur die Macht! Das kann sich aber ändern. Vielleicht gehen wir Zeiten entgegen, in denen andere uns sehr viel brutaler sagen werden: trennt euch von euren sinnlosen Träumen von Fairness und Menschenwürde, trennt euch von dem Gott, der angeblich Barmherzigkeit übt und zu den Armen hält, betet mit uns den großartigen Gott an, der uns selbst großartig macht, bei dem wir selbst zuerst kommen, der Gott, der auf die Starken schaut, und dem die Schwachen und die Anderen egal sind!

Es können auch wieder solche Zeiten kommen. Der Gott Israels, der Vater Jesu Christi hat lange eine gewisse zivilisierende Wirkung auf die Völker und Staaten ausgeübt, aber die Barbarei unter der Oberfläche ist nie wirklich ausgetrieben worden, und sie lauert auf den Moment, wo sie ihr Gesicht wieder unverhüllt zeigen kann. Wir sollten uns darüber nicht wundern. Um so wichtiger ist es, dass wir Gottes Macht kennen: dass er in einem winzigen Moment die ganze Situation drehen kann.

Aber vorher gibt es die Zeiten des Wartens, in denen man denkt: warum greift er denn nicht ein? Was können wir den Leuten sagen, die uns herausfordern und fragen: wo ist denn nun euer Gott? Jetzt müsste er eure Behauptungen doch mal bestätigen! Na los, jetzt müsst ihr liefern!

Niemand wartet gerne

Es gibt diese Zeiten des Wartens, in denen man gar nichts sagen kann, wo man die billigen Sprüche der Skeptiker und Zyniker einfach nur ertragen muss und ohne Beweise daran festhalten soll, dass sie schief liegen. Auch Jesus hat am Kreuz nicht diskutiert, sondern auf Gott vertraut. Sein Schweigen war sein deutlichstes Zeugnis.

Warten gehört mit zu den wirklich unangenehmen Dingen, egal, ob es an der Ampel ist, an der Kasse, oder ob du auf das Untersuchungsergebnis vom Arzt wartest oder auf einen lebenswichtigen Bescheid, der einfach nicht kommt. Wir warten bei großen und kleinen Gelegenheiten darauf, dass es gut ausgeht. Und auch in der Geschichte des Volkes Gottes und in der Geschichte einzelner Menschen Gottes hat es immer die Wartezeiten gegeben, in denen scheinbar gar nichts passiert. Wenn wir so warten müssen, dann sollen wir uns damit trösten, dass wir nicht die einzigen sind. Wartenmüssen unter dem Angriff der Skeptiker ist kein Zeichen dafür, dass mit uns etwas nicht stimmt.

Wir sollen uns daran erinnern, dass Gott in einem Augenblick alles verändern kann. Wir lassen die Bedenkenträger reden und warten auf den Moment Gottes, der bisher noch immer gekommen ist.

Gott ist treu.