Mai 102018
 

Predigt am 10. Mai 2018 (Christi Himmelfahrt) im Rahmen des Regionalgottesdienstes auf dem Groß Ilseder Hüttengelände mit Offenbarung 5,1-5

Wenn Sie schon einige Himmelfahrtsgottesdienste miterlebt haben, dann wissen Sie, dass Himmelfahrt nichts mit Raketen und Raumfahrt zu tun hat. Aber die Frage bleibt ja immer noch: Was will Jesus da oben eigentlich?

Das Problem dabei ist: man kann darüber am besten in Bildern sprechen. In unserer modernen Humorlosigkeit haben wir vergessen, dass es Realitäten gibt, die sich fast nur in Bildern ausdrücken lassen. Aber deshalb sind sie nicht weniger real. Wir sagen ja auch zu unseren Partnern und Partnerinnen »Schatz« oder »meine Rose« und nicht »meine derzeitige Lebensabschnittsgefährtin, zu der ich eine singuläre Bindung entwickelt habe«. Gut, manche sagen auch »Mausi« oder »Scheißerchen«, aber das ändert das Prinzip nicht: über manche Dinge kann man nur bildhaft reden, und dazu gehört auch der Himmel und alles, was da passiert.

Die Offenbarung des Johannes ist der Teil der Bibel, wo wir die meisten Bilder über den Himmel finden; fast die Hälfte des Buches spielt im Himmel. Und ein zentrales Bild dabei ist das Buch mit den sieben Siegeln, bis heute ein sprichwörtliches Bild für etwas, was man nicht versteht. Aber wenn man das einfach mal liest, dann merkt man: wenn Jesus in den Himmel kommt, ist es gerade seine zentrale Aufgabe, das Buch mit den sieben Siegeln zu öffnen.

In diesem Buch steht die geheime Geschichte der Welt, die Tiefengeschichte Gottes und der Menschen, die Auflösung aller Rätsel und Dunkelheiten der Weltgeschichte. Es ist das Buch mit den geheimen Erinnerungen der Menschheit: alles was versiegelt und verschlossen werden muss, damit wir weiterleben können. Alles, was sich manchmal noch in den Nachtgedanken meldet, aber was wir selbst da kaum ertragen können: Schrecken, Schmerzen, Enttäuschungen, abgeschnittene Wege, Trauer, aber auch ungelebtes Leben, Möglichkeiten, die nicht zur Realität wurden, geheime Weichenstellungen, die alles Weitere überschattet haben. Und auch wenn das versiegelt und weggeschlossen ist, es ist doch noch da.

Viele Geschichten darüber gäbe es zu erzählen; ich bin neulich auf den Artikel einer jungen Journalistin gelesen, die auf dem Boden des elterlichen Hauses auf die Briefe gestoßen ist, die sich ihr Großvater und ihre Großmutter geschrieben haben, von der ersten zarten Bekanntschaft bis zu den Feldpostbriefen aus dem zweiten Weltkrieg. Und sie sagt: ich habe meine verstorbene Oma von einer Seite kennengelernt, von der ich vorher nichts, aber auch gar nichts ahnte. Ich habe sie in Erinnerung als ein geschlechtsloses Wesen, das sich immer beige kleidete, eine gesetzte ältere Dame, die sonntags mit ihrem Kränzchen im Cafe ein Stück Mokka-Bisquit aß und ein Kännchen Kaffee Hag trank. Und jetzt lese ich diese Briefe, und es sind Liebesbriefe: voll Hingabe und Lust, voll Erotik und Humor, die überhaupt nicht passen zu dieser älteren Dame, die sich nur bei den Kirschlikör-Pralinen ein ganz klein wenig gehen ließ. Und sogar Fotos von dem Mann liegen dabei, ein schöner Mann, und auf zwei Fotos hat er gar nichts an, und die Enkelin fragt sich: wie oft hat sich die Oma diese Bilder wohl sehnsüchtig angeguckt, als er im Krieg war?

Und dann findet sie einen Brief von ihrer Oma, wo sie dem geliebten Mann Rosenblätter an die Front geschickt hat. Aber der Brief ist zurückgekommen. Und auch alle weiteren Feldpostbriefe sind zurückgekommen, weil niemand mehr wusste, wo dieser Soldat war. Er ist verschollen. 40 Jahre später stellte sich heraus, dass er wahrscheinlich in einem Kriegsgefangenenlager im Kaukasus gestorben ist.

Solche Geschichten meine ich, wenn ich von der geheimen Geschichte dieser Welt spreche, von dem Buch mit den sieben Siegeln. In diesem Fall ein beiges, unauffälliges Siegel, mit dem die Großmutter ihren Schmerz und ihre Trauer versiegelt und weggeschlossen hat, aber damit hat sie auch die Erinnerung an die Zeit weggeschlossen, als sie mit Lust und Liebe eine junge Frau voller Leben und Begeisterung war. Und das alles gab es für sie irgendwann nicht mehr.

Können Sie sich vorstellen, wie viele solche Siegel auf menschlichen Herzen gedrückt worden sind, weil man nicht gewusst hat, wie man mit solchen Erinnerungen weiterleben soll? Und wie viele Erinnerungen bis heute so versiegelt werden, jeden Tag, schreckliche Erinnerungen? Wie sollen all diese Siegel jemals wieder geöffnet werden? Auch damit die Lebenskraft frei wird, die da mit eingesperrt ist, die Freude, Lust und Liebe?

Und in der Offenbarung (5,4) heißt es: der Seher Johannes weinte, weil es niemanden gab, der die sieben Siegel an diesem Buch öffnen konnte. Es ist zu schlimm. Keiner kann sich da rantrauen. Es ist ein schrecklicher, trauriger Moment, wo die Möglichkeit sichtbar wird, dass all diese Siegel nie geöffnet werden könnten. Aber dann kommt das Lamm und öffnet die Siegel, eins nach dem anderen. Und als moderner Mensch kann ich mich jetzt natürlich darüber aufregen, wie denn ein Lamm mit seinen Hufen die Siegel an einem Buch aufmachen kann. Aber das ist ein Bild, und wir müssen wieder lernen, Bilder zu lesen. Es ist ein Bild für Jesus, der sich als Einziger an diese Gewalt- und Leidgeschichte der Menschheit herantraut.

Er hat sich am Kreuz selbst in die Gewalt- und Todesgeschichte hineingestellt, hat sie auf sich genommen und getragen. Und deshalb kann das jetzt geheilt werden. Jesus hat ja selbst nichts zu dieser Schreckensgeschichte beigetragen, er war gewaltlos, er hat nicht zu denen gehört, die Leid ummünzen in Erbitterung, Empörung und Gewalt, sondern er hat das alles auf sich genommen und getragen, und deshalb kann er dieses verschlossene Buch der Rätsel und Abgründe öffnen. Er kann das mit Gottes Verheißung für seine Welt zusammenbringen und es so heilen. Er öffnet die Siegel, damit das Verschlossene geheilt wird.

Das ist es, was Jesus im Himmel macht. Das ist der Weg, wie er die Welt regiert. Seit damals werden in seinem Namen Siegel geöffnet, die beigen ebenso wie die blutroten. Die Siegel, mit denen das Leben der Völker und Klassen genauso versperrt und verriegelt ist wie das Leben von Frauen, Männern, Kindern und Familien. Im Himmel sieht man deutlich, was auf der Erde bisher nur vorläufig und im Verborgenen geschieht. Aber vom Himmel her infiltriert Jesus die Erde. Er regiert sie durch seine Leute, die sich, von ihm inspiriert, herantrauen an die Dunkelheiten und Abgründe, mindestens ein Stück weit: an Siegel, mit denen die Lebenden sich plagen und an die Siegel, unter denen die Toten begraben liegen. Die Welt kommt in Bewegung, wo die Siegel gebrochen und Menschen lebendig werden, wo das alte Unrecht und die alten Schmerzen sich wieder melden, aber auch die gefangene Lebenskraft wieder frei wird. Bei Einzelnen wie bei ganzen Völkern. Das ist kein Spaß, es ist nicht feierlich, wenn Jesus herauskommt aus dem Gefängnis der Harmlosigkeit, in das Menschen ihn (und sich selbst) zu oft gesperrt haben.

Jesus, das Lamm, heißt beim Seher Johannes auch »der Löwe«, der Löwe von Juda. Und Löwen sind nicht zahm. Vom Himmel aus infiltriert Jesus die Welt, und er würde sich freuen, wenn du dabei mitmachst.

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