Mai 272018
 

Predigt am 27. Mai 2018 zu Psalm 19

1 Für den Chormeister. Ein Psalm Davids.

2 Die Himmel erzählen die Herrlichkeit Gottes und das Firmament kündet das Werk seiner Hände. 3 Ein Tag sagt es dem andern, eine Nacht tut es der andern kund, 4 ohne Rede und ohne Worte, ungehört bleibt ihre Stimme. 5 Doch ihre Botschaft geht in die ganze Welt hinaus, ihre Kunde bis zu den Enden der Erde. Dort hat er der Sonne ein Zelt gebaut. 6 Sie tritt aus ihrem Gemach hervor wie ein Bräutigam; sie frohlockt wie ein Held, ihre Bahn zu laufen. 7 Am einen Ende des Himmels geht sie auf und läuft bis ans andere Ende; nichts kann sich vor ihrer Glut verbergen.

8 Die Weisung des HERRN ist vollkommen, sie erquickt den Menschen. Das Zeugnis des HERRN ist verlässlich, den Unwissenden macht es weise. 9 Die Befehle des HERRN sind gerade, sie erfüllen das Herz mit Freude. Das Gebot des HERRN ist rein, es erleuchtet die Augen. 10 Die Furcht des HERRN ist lauter, sie besteht für immer. Die Urteile des HERRN sind wahrhaftig, gerecht sind sie alle. 11 Sie sind kostbarer als Gold, als Feingold in Menge. Sie sind süßer als Honig, als Honig aus Waben. 12 Auch dein Knecht lässt sich von ihnen warnen; reichen Lohn hat, wer sie beachtet. 13 Versehentliche Fehler, wer nimmt sie wahr? Sprich mich frei von verborgenen Sünden! 14 Verschone deinen Knecht auch vor vermessenen Menschen; sie sollen nicht über mich herrschen! Dann bin ich vollkommen und frei von schwerer Sünde.

15 Die Worte meines Munds mögen dir gefallen; was ich im Herzen erwäge, stehe dir vor Augen, HERR, mein Fels und mein Erlöser.

Vielleicht haben Sie gemerkt, dass dieser Psalm aus zwei ganz verschiedenen Abschnitten besteht: zuerst eine Beschreibung davon, wie der Kosmos Gottes Lob singt. Und dann anschließend ein Lob des Gesetzes Gottes, das den Menschen auf seiner Bahn hält. Die beiden Teile sind sehr unterschiedlich, und wahrscheinlich sind sie ursprünglich auch mal zwei verschiedene Lieder gewesen. Wahrscheinlich ist das erste Lied auch viel älter, der zweite Teil ist deutlich jünger.

Aber irgendwann sind diese ganz unterschiedlichen Texte in einem Psalm verbunden worden. Irgendwer hat gedacht, dass die sich gut ergänzen, ja, dass sie einander brauchen. Vielleicht war der äußere Anlass dafür, dass sie beide beim gleichen Fest gesungen worden sind. Aber es muss ja auch einen inneren Grund geben, warum man so unterschiedliche Texte zusammengefügt hat.

Der Blick auf den Kosmos

Fangen wir mit dem ersten Teil an: Da ist vom Kosmos die Rede, von den Himmeln und vom Himmelsgewölbe, von Tagen und Nächten und von den äußersten Grenzen der Erde. Man merkt deutlich, dass das aus einer Zeit stammt, wo die Physik noch nicht so weit fortgeschritten war. Man hatte sich noch nicht mal klargemacht, dass die Sonne irgendwie hinter der Erde herumlaufen muss, um am Morgen wieder aufzugehen, sondern das Lied spricht davon, dass Gott ihr eine Art Zelt gibt, wo die Sonne die Nacht verbringt. Erst der griechische Philosoph Anaximander hat – vermutlich eine ganze Zeit nach der Entstehung dieses Liedes – überlegt, dass die Sonne ja eigentlich irgendwie unter der Erde wieder vom Westen zum Osten zurückkehren müsste und hat daraus geschlossen, dass die Erde eine Kugel ist.

Aber die Physik ändert sich, inzwischen wissen wir auch wieder mehr als Anaximander. Was aber bis heute geblieben ist, das ist das Gefühl für die Großartigkeit des Kosmos, das in diesem frühen Lied eingefangen ist. Das können wir heute noch ganz anders nachvollziehen, denn wir sehen inzwischen nicht nur die unendlichen Räume über uns, wenn wir zum Himmel hinauf schauen. Wir blicken mit Teleskopen und Radioteleskopen und Satelliten heute weiter und tiefer ins Weltall hinein als jemals zuvor, und diese gigantischen Räume haben sich noch einmal unglaublich geweitet.

Unvorstellbare Räume

Unsere Sonne mit ihren Planeten ist ein winziger Teil der Milchstraße, man nennt sie auch die Galaxis. Allein in unserer Galaxis gibt es ungefähr 300 Milliarden Sonnen, und viele davon sind wesentlich größer als die Sonne. Unser nächster Nachbar im All ist die Andromeda-Galaxis, ungefähr zweieinhalb Millionen Lichtjahre entfernt. Das ist sozusagen unsere Nachbarschaft. Milchstraßen treten meistens in Haufen auf, dazu können ein paar Tausend Galaxien gehören. Im ganzen Weltall gibt es aber nach den neuesten Schätzungen etwa 50 Milliarden Galaxien; so viele könnte man jedenfalls theoretisch beobachten, vielleicht gibt es aber auch noch mehr. Wir haben ja schon Probleme damit, wenn wir uns die Entfernungen innerhalb des Sonnensystems vorstellen sollen, aber diese Dimensionen eines Weltalls von 50 Milliarden Galaxien mit vielleicht jeweils 300 Milliarden Sonnensystemen sprengt im Grunde jede Vorstellungskraft. Und all diese Galaxien bilden Strukturen, wirken aufeinander ein, senden Dichtewellen aus, klumpen zu Haufen zusammen und kommunizieren miteinander.

Wahrscheinlich ist das noch längst nicht das Ende der wissenschaftlichen Entwicklung. Aber es bleibt die Erfahrung, die die Menschen schon immer gemacht haben, und die in diesem Lied aus dem alten Israel eingefangen ist: das Erlebnis, wenn einer in der Nacht unter dem hohen Himmel steht und hinaufschaut in diese unendlichen Räume und merkt, wie klein wir sind. Und dazu gehört der Eindruck: das alles ist nicht stumm und tot, sondern da kommt eine Botschaft auf uns zu. Aber vielleicht sind wir gar nicht die eigentlichen Adressaten, sondern wir sind nur Zeugen eines Gesprächs, das wir nicht wirklich verstehen. So wie man vielleicht in einem großen Saal mit vielen Menschen das Geräusch ihrer Gespräche hört, aber man versteht nichts.

Eine Botschaft, nicht für uns bestimmt

So jedenfalls sagt es der Psalm: die Milchstraßen singen Gottes Ruhm. Die Sonne freut sich, wenn sie ihre Bahn zieht rings um das Zentrum unserer Galaxie. Jeder Ort im Universum hat seine eigenen Zeit, das wissen wir durch Albert Einstein, aber nichts ist isoliert, alles hängt mit allem zusammen, und sie grüßen sich auch über alle Abgründe und Unterschiede hinweg, auch wenn wir es nicht verstehen. Man kann jetzt sagen: da tragen wir menschliche Vorstellungen ins Universum hinein. Aber wie sollte es denn anders gehen? Wir können nicht nachvollziehen, wie Sterne und Galaxien miteinander kommunizieren. Wir können manches mathematisch beschreiben, aber das heißt noch längst nicht, dass wir es auch verstehen oder nachvollziehen könnten. Wir sind draußen vor, wenn Sterne miteinander kommunizieren.

Unter dem hohen Himmel

Deswegen sagt der Psalm: das Universum redet ohne Worte und ohne vernehmbare Stimme. Es gibt Schwingungen und Wellen, Resonanzen und Zusammenhänge, aber wir sind an diesem Gespräch nicht beteiligt, wir kriegen gerade mal mit, dass da was abläuft, mehr nicht. Das Universum redet auf seine Weise von Gott, wir ahnen es, heute dank Radioteleskopen und anderen technischen Wundern präziser als früher, aber verstehen tun wir es trotzdem nicht. Im Gegenteil, man könnte auch sagen: weil wir heute viel seltener unter dem hohen Himmel stehen, weil wir viel mehr Zeit drinnen verbringen als die Menschen früher, weil das Licht unserer Städte den Glanz der Sterne überstrahlt, deswegen bekommen wir heute viel weniger mit von der Botschaft des Weltalls als etwa ein Nomade, der nur einen Schritt aus seinem Zelt tun musste, um nachts unter dem hohen Himmel zu stehen. Diese Botschaft des Universums redet heute viel indirekter zu uns als früher.

Deswegen: setzt euch doch wenigstens ab und zu mal dieser Botschaft aus: sucht euch einen Platz, wo der Himmel nachts nicht vom Kunstlicht verschmutzt wird, und schaut eine Zeit in den hohen Himmel hoch, hört auf die Stille und macht euch klar, dass wir da Zeugen eines Gesprächs sind, das nicht für uns bestimmt ist, das unabhängig von uns ist, aber ein bisschen davon kommt dann doch auch bei uns an.

Die Botschaft an uns

So, und weil sie wohl damals schon gemerkt haben, dass da eine Lücke bleibt, deshalb haben sie den zweiten Teil des Psalms dazu gesetzt. Da geht es um eine Botschaft, die an uns gerichtet ist, die wir verstehen können und sollen. Die Weisung Gottes, die Thora, von Gott offenbart und festgehalten in der Schrift, ist die entscheidende Botschaft Gottes an uns. Für uns hat Gott seine Botschaft so formuliert, dass sie zu Menschen passt. Und tatsächlich haben die Worte der Schrift die Fähigkeit, Menschen in allen Zeiten zu erreichen und zu verwandeln. Wenn heute Menschen in neuzeitlicher Arroganz sagen: was kann denn ein jahrtausendealter Text uns modernen Menschen noch sagen, dann ist das pure Ahnungslosigkeit. Dass ein Buch über Jahrhunderte und Jahrtausende hinweg immer wieder zu Menschen gesprochen und den Lauf der Weltgeschichte verändert hat – das soll erstmal einer nachmachen. Und das schafft schon gar nicht dieser ganze Textmüll, der heute Tag für Tag produziert wird und am nächsten Tag vergessen ist, ins Altpapier gewandert oder in irgendwelche Datenspeicher, wo wir nie wieder nachschauen.

Freude an der Weisung Gottes

Von wie vielen Texten würde man das ernsthaft behaupten, dass sie den Menschen und seine Seele erquicken? Dass sie die Unverständigen weise machen können? Das sie das Herz mit Freude erfüllen? Dass sie gerecht sind? Da liegt die Messlatte schon ziemlich hoch. Wir spüren in diesen Worten immer noch die Freude einer Begegnung mit der Wahrheit: wie das Herz erquickt wird, wenn es Worte hört, die gut tun, die Freude, wenn die Welt entschlüsselt wird durch Worte, die alles an seinen Platz stellen, so dass es passt und das Leben transparent wird, übersichtlich wird, klar und einsichtig. Da kommt ein Gegenüber in unser Leben, eine Stimme, die die Welt durchschaubar macht und uns sagt, wie gutes Leben aussieht.

Diese Weisung Gottes, die Thora, das Gesetz, das begleitet die Juden jetzt schon seit mindestens dreitausend Jahren und hat dafür gesorgt, dass sie als Volk geblieben sind. Seit zweitausend Jahren ist es in der Nachfolge Jesu in der ganzen Welt verbreitet worden. Ohne dieses Buch wäre die Weltgeschichte völlig anders gelaufen.

Aufatmen als Erkennungszeichen

Natürlich ist dieses Buch auch missbraucht worden; wir kennen das vor allem aus der Lebensgeschichte Martin Luthers, der das zuerst als eine niederdrückende Tradition kennengelernt hat, die ihn bedroht hat und ihm das Leben schwer gemacht hat. Er hat das dann später das »Gesetz« genannt und hat immer gesagt: das wichtigste in der Theologie ist es, zu unterscheiden und gut darauf acht zu geben, dass aus der beglückenden Weisung Gottes nicht ein Herrschaftsinstrument wird, das Menschen einschüchtert, niederdrückt und ihnen das Leben unnötig schwer macht. Wenn aus der Thora ein Stock wird, mit dem man auf andere einprügelt, dann produziert das bis heute seelisch Behinderte oder Rebellen, oft beides in einem.

Aber hier im Psalm lernen wir: die Weisung Gottes macht das Leben leichter, sie befreit das Herz, sie lässt aufatmen, und sie sagt uns alles über die Welt, was uns das stumme Gespräch des Universums nicht sagen kann. Die Sterne haben für uns keine Botschaft, aber das Gesetz Gottes sagt uns, wie alles zusammenhängt. Erst aus dem Gesetz Gottes wissen wir, dass die Milchstraßen ihn loben. Erst aus der Schrift hören wir von der Freude der Sonne, wenn sie aufbricht zu ihrem Weg.

Die Antwort von der Erde aus

Die Schrift warnt uns auch, wenn wir gegen die innere Logik der Schöpfung verstoßen. Vorhin haben wir in der Lesung aus der Bergpredigt (Matthäus 6,24-33) gehört, wie Jesus diese Logik der Fülle und des Überflusses beschreibt. Es erquickt das Herz, wenn wir davon hören, dass die Welt nicht arm und kärglich ist, sondern reich und bunt. Der große Lobgesang der Milchstraßen übersetzt sich für uns in das Lob der Erde, die genug für alle hervorbringt und uns die Güte und Großzügigkeit des Vaters im Himmel verkündet. Und das soll unser Herz erquicken, es klüger und furchtloser machen, klarer und freier. Es soll uns davor bewahren, dass wir auf trügerische Menschen hereinfallen, auf leeres Gerede und nutzlose Diskussionen.

Und am Ende antwortet der Beter und stellt sich selbst mit hinein in den großen Gesang der Schöpfung: Lass dir gefallen die Worte meines Mundes! Mögen die Gedanken meines Herzens zu dir gelangen, Gott! Ich bin keine Stern und keine Galaxie, aber du hast dich mir zugewandt und hast verständlich zu mir gesprochen, und auf meine Weise stimme ich ein in den großen Lobgesang deiner Schöpfung!

Mai 202018
 

Predigt am 20. Mai 2018 (Pfingsten) mit 4. Mose 11,11-25

10 Als nun Mose das Volk weinen hörte, alle Geschlechter miteinander, einen jeden in der Tür seines Zeltes, da entbrannte der Zorn des HERRN sehr. Und auch Mose verdross es. 11 Und Mose sprach zu dem HERRN: Warum bekümmerst du deinen Knecht? Und warum finde ich keine Gnade vor deinen Augen, dass du die Last dieses ganzen Volks auf mich legst? 12 Hab ich denn all das Volk empfangen oder geboren, dass du zu mir sagen könntest: Trag es in deinen Armen, wie eine Amme ein Kind trägt, in das Land, das du ihren Vätern zugeschworen hast? 13 Woher soll ich Fleisch nehmen, um es all diesem Volk zu geben? Sie weinen vor mir und sprechen: Gib uns Fleisch zu essen. 14 Ich vermag all das Volk nicht allein zu tragen, denn es ist mir zu schwer. 15 Willst du aber doch so mit mir tun, so töte mich lieber, wenn anders ich Gnade vor deinen Augen gefunden habe, damit ich nicht mein Unglück sehen muss.

16 Und der HERR sprach zu Mose: Sammle mir siebzig Männer unter den Ältesten Israels, von denen du weißt, dass sie Älteste im Volk und seine Amtleute sind, und bringe sie vor die Stiftshütte und stelle sie dort vor dich, 17 so will ich herniederkommen und dort mit dir reden und von deinem Geist, der auf dir ist, nehmen und auf sie legen, damit sie mit dir die Last des Volks tragen und du nicht allein tragen musst. 18 Und zum Volk sollst du sagen: Heiligt euch für morgen, so sollt ihr Fleisch zu essen haben; denn euer Weinen ist vor die Ohren des HERRN gekommen, die ihr sprecht: »Wer gibt uns Fleisch zu essen? Denn es ging uns gut in Ägypten.« Darum wird euch der HERR Fleisch zu essen geben, 19 nicht nur einen Tag, nicht zwei, nicht fünf, nicht zehn, nicht zwanzig Tage lang, 20 sondern einen Monat lang, bis ihr’s nicht mehr riechen könnt und es euch zum Ekel wird, weil ihr den HERRN verworfen habt, der unter euch ist, und weil ihr vor ihm geweint und gesagt habt: Warum sind wir aus Ägypten gegangen? 21 Und Mose sprach: Sechshunderttausend Mann Fußvolk sind es, mit denen ich lebe, und du sprichst: Ich will ihnen Fleisch geben, dass sie einen Monat lang zu essen haben. 22 Kann man so viele Schafe und Rinder schlachten, dass es für sie genug sei? Oder kann man alle Fische des Meeres einfangen, dass es für sie genug sei?

23 Der HERR aber sprach zu Mose: Ist denn die Hand des HERRN zu kurz? Aber du sollst jetzt sehen, ob sich mein Wort an dir erfüllt oder nicht. 24 Und Mose ging heraus und sagte dem Volk die Worte des HERRN und versammelte siebzig Männer aus den Ältesten des Volks und stellte sie rings um die Stiftshütte. 25 Da kam der HERR hernieder in der Wolke und redete mit ihm und nahm von dem Geist, der auf ihm war, und legte ihn auf die siebzig Ältesten. Und als der Geist auf ihnen ruhte, gerieten sie in Verzückung wie Propheten und hörten nicht auf.

Das ist eine Geschichte aus der Wüstenzeit Israels, als sie aus der ägyptischen Sklaverei aufgebrochen waren und auf dem Weg in das Land waren, wo sie als freies Volk leben sollten. Es ist die Ursituation des Wegs in die Freiheit, und da haben sie im Prinzip alles schon einmal durchexerziert, was dann im Rest der Bibel immer wieder in neuer Gestalt begegnet: auf die Befreiung durch Gott folgt der lange Weg, auf dem sie dann auch wirklich selbst freie Menschen werden sollen. Und das ist eine ganz mühsame Angelegenheit.

Sehnsucht nach der guten alten Unfreiheit

Den ehemaligen Sklaven steckt die Sklaverei immer noch in den Knochen, und im Rückblick verklären sie die Zeit im Ägypten und sagen: eigentlich war das doch gar nicht so schlecht! Wenn man mal von der Arbeit absieht, hatten wir da wenigstens zu essen: Fische und Gurken und Melonen und Lauch und Zwiebeln und Knoblauch, ah, lecker war das, gar kein Vergleich zu dem eintönigen Manna hier in der Wüste. Dieses Manna ist eklig. Da breitet sich eine Stimmung aus, wie wenn auf der Klassenfahrt das Essen nicht schmeckt. Oder wie wenn manche Leute früher sagten: Hitler hat wenigstens die Autobahnen gebaut, und da herrschte noch Zucht und Ordnung! Wenn man mal vom verlorenen Krieg absieht, war das damals eine tolle Zeit!

Bild: Papafox via pixabay, Lizenz: creative commons CC0

Es ist eine erstaunliche Erfahrung, wie hartnäckig Menschen festhalten an der guten alten Unfreiheit, sobald der Weg in die Freiheit anstrengend oder unangenehm wird. Ein paar Jahrhunderte später wird das Volk sagen: wir wollen einen König wie die anderen Völker auch, wir wollen nicht immer diese Sonderrolle, anders sein zu müssen und anders zu leben als die anderen, wir wollen doch auch mal royal weddings haben, diese tollen Hochzeiten!

Und später bei Jesus verabschieden sich eine ganze Menge Jünger zwischendurch, weil es ihnen zu hart erscheint, was er von ihnen verlangt, zu anspruchsvoll, vor allem aber: zu weit weg von dem, was alle anderen denken. Oder aber sie wollen es einfach nicht begreifen, was Jesus vor hat, und er sagt dann: wie lange muss ich denn noch bei euch sein, bis ihr endlich versteht?

Ermüdendes Gemecker

Und da ist Jesus ganz nah bei Mose, der sich hier in der Geschichte bei Gott beklagt: womit habe ich das verdient, dass ich mich mit diesen Idioten herumschlagen muss, mit diesen Leuten, die so schnell vergessen, was sie dir verdanken? Ich habe die Nase voll von diesem ewigen Gemecker und Gejammer, das ist zu viel für mich, ich kündige! Und wahrscheinlich ist es so ziemlich jedem Verantwortlichen im Volk Gottes schon mal so gegangen, dass er Gott im Stillen gesagt hat: womit habe ich das verdient, dass ich diese Bande auf Kurs halten soll?

So, das war ein langer Anmarsch, vielleicht haben Sie schon gedacht, ich hätte vergessen, dass heute Pfingsten ist, das Fest des Heiligen Geistes. Aber wir mussten erst die Frage verstehen, auf die der Geist dann die Antwort ist.

Liebe zur Freiheit, Liebe zum Leben

Also: es geht darum, wie Gott es schafft, dass Menschen seine Freiheit als ihre eigene Sache ansehen, dass sie nicht immer wieder erst mühsam erinnert und überzeugt werden müssen, sondern dass sie für Gottes Freiheit um ihrer selbst willen eintreten, nicht weil die Freiheit profitabler oder bequemer wäre, sondern weil sie den befreienden Gott lieben, um seiner selbst willen, nicht weil er ihnen ein besseres Leben gibt, sondern weil Gott so ist, wie er ist. Wir wären doch auch irgendwie nicht zufrieden, wenn jemand zu uns sagt: ich liebe dich von ganzem Herzen, weil deine Bratkartoffeln immer so köstlich schmecken. Ok, Liebe geht bekanntlich durch den Magen, aber irgendwie würden wir uns doch unbehaglich fühlen, wenn wir nur deswegen geliebt würden, weil wir ein Händchen für Bratkartoffeln haben.

Und so möchte Gott eigentlich auch um seiner selbst willen geliebt werden, für das, was er im Herzen trägt, und nicht, weil er uns das Leben immer so schön leicht und mühelos macht oder uns mit anderen Prämien versorgt. Aber wie geht das? Wie soll er das schaffen? Das ist das Problem, auf das der Geist von Pfingsten die Antwort ist. Gott sendet seinen Geist. Gott zieht Menschen auf die andere Seite, auf seine Seite. Gott sorgt dafür, dass er hier auf der Erde Menschen hat, die auch diese Liebe zur Freiheit und die Liebe zum Leben entwickeln wie er.

Mit brennendem Herzen

Mose war so einer. Dem hat die Liebe zum Leben und zur Freiheit von Anfang an im Blut gesteckt. Das hat ihn am Anfang zum Terroristen gemacht, und Gott musste auch ihn erst für eine Zeit in die Wüste schicken, bis er so weit war, dass er sein Volk in die Freiheit führen konnte. Aber diese Liebe zur Freiheit war sein großes Plus. In der Wüste hat er schließlich verstanden, von wem diese Freiheit kommt. Aber dafür gebrannt hat er sein ganzes Leben lang. Das war der Geist, der auf Mose lag.

Aber selbst jemand mit diesem starken Geist kann irgendwann so weit sein, dass er alles hinschmeißen will. Irgendwann ist man es leid, wenn man immer wieder so einen Haufen auf Linie halten soll, dem die Sklavenmentalität hartnäckig in den Knochen sitzt. Und dann sagt Mose, mit vielen anderen Verantwortlichen im Volk Gottes: Gott, kümmer du dich drum, es war schließlich deine Idee und nicht meine. Du hast dieses Projekt Freiheit ins Leben gerufen, nicht ich.

Ausgebrannte Verantwortliche

So verschleißen im Volk Gottes viele Leiter, weil es so mühsam ist, die Motivation anderer mit der eigenen zu stützen.

Mose benutzt dafür zwei ganz zentrale Bilder: das vom Ernähren und vom Tragen. Die Menschen erscheinen ihm wie unmündige Babies, die immer nur versorgt werden wollen, haben wollen, und wenn sie es nicht bekommen, dann schreien sie. Und bis heute ist es ja so, dass Menschen im Volk Gottes dieses Bild benutzen und sagen: wir wollen geistlich ernährt werden! Und genauso dieses Bild vom Tragen: dass Menschen nicht selbst losgehen und sich auf den Weg in die Freiheit machen, sondern dass sie am liebsten jemanden haben möchten, der ihnen diese Mühe abnimmt und sie motiviert und ihnen gut zuredet, und sie immer wieder daran erinnert, worum es geht, so dass sie möglichst nicht selbst diese Energie der Entscheidung aufbringen müssen. Sie bedienen sich an der Energie der Gottesmänner und -frauen.

Und die Lösung Gottes für dieses Problem ist, dass er auch noch anderen von dem Geist des Mose gibt, siebzig Ältesten, die scheinbar schon gewohnt sind, Verantwortung zu tragen. Und dann ist Mose jedenfalls nicht mehr der Einzige, sondern er hat Verstärkung bekommen, andere, die seine Lage teilen. So wie Jesus seit Pfingsten die weltweite Christenheit hat, die er auf seine Seite gezogen hat, die seine Liebe zum Leben und zur Freiheit teilt, aber damit auch diese prekäre Situation, dass man andere mit viel gutem Zureden, mit Schieben und Ziehen in die Richtung bringt, die gut für sie ist, obwohl sie selbst es gar nicht unbedingt wollen.

Gottes Mühe teilen

Vielleicht ist das auch manchmal der tiefste Grund, weshalb Menschen zögern, sich auf ein Leben mit Jesus Christus einzulassen. Sie ahnen, dass sie dann auch diesen Teil seiner Rolle ein Stück weit auf sich nehmen müssen: andere Menschen zu tragen auf dem Weg in die Freiheit, ein Weg, den sie selbst eigentlich nicht wirklich wollen, wenn er mühsam wird.

Man kann sagen: Gott selbst leidet daran, dass Menschen so sind, wie sie sind. Manchmal scheint das auch in der Bibel auf, dass Gott selbst müde wird, weil er seinen Menschen den Weg freigemacht hat, und sie müssten ihn nur noch gehen, und dann sagen sie: ach nee, ich weiß nicht. Und so hat zum Leiden Jesu nicht nur das Kreuz gehört, sondern auch das hartnäckige Festhalten seiner Jünger an den allgemeinen Denkmustern.

Deswegen der Geist. Der Geist pflanzt die Motivation in Menschen ein, dass sie die Sehnsucht Gottes selbst im Herzen haben, dass sie aus eigenem Antrieb die Freiheit im Herzen tragen, und nicht, weil es ihnen jemand vorgeschrieben oder eingeredet hat. Das ist immer ein Wunder, wenn Gott Menschen auf seine Seite zieht, wenn er dafür sogt, dass sie selbst für seine Sache brennen und sich nicht bloß vom fremden Feuer wärmen lassen wollen.

Ein Umbau mit heftigen Nebenwirkungen

Und weil das Menschen so vom Kopf auf die Füße stellt, deshalb ist das manchmal mit heftigen Nebenwirkungen verbunden. Die 70 würdigen Ältesten »gerieten in Verzückung«, wie Luther es übersetzt. Sie gerieten in eine Art Ekstase, sie redeten in Zungen, sie tanzten oder sangen, sie ließen auf jede Art ihre Ehrwürdigkeit hinter sich, weil bei ihnen im Kopf alles durcheinander ging. So ähnlich wie in der Pubertät, wo ja auch vorm menschlichen Gehirn ein Schild hängt »Wegen Umbau außer Betrieb«, so war auch bei denen kurzfristig die Selbstkontrolle wegen Überlastung ausgefallen. Auch das finden wir in der Bibel immer wieder: je mehr Gottes Geist umbauen muss, um so heftiger sind die Reaktionen. Einen wie Paulus musste Gott erst brachial aus dem Verkehr ziehen – Bumm! Bei Maria Magdalena reichte ein kurzes Antippen, und alles war klar.

Kreative Minorität

Gott macht es bei jedem wieder anders, aber am Ende hat er dann Menschen, die sein Herz und seine Leidenschaft teilen. Menschen, die bereit sind, auch diese Last auf sich zu nehmen, die er trägt, die Last der ganzen Menschheit, die sich von ihm abgewandt hat und in ihr Verderben läuft. Gott beeinflusst die Welt durch seine kreativen Minderheiten, die nie die Mehrheit haben, aber von der Wahrheit bewegt sind. Die Wahrheit lässt uns leben, die Wahrheit öffnet uns die Augen dafür, wer wir sind und zu welcher Herrlichkeit wir berufen sind. Aber man kann sie nicht haben, ohne die Last Gottes zu teilen, seine Mühe, wenn er die Welt zurückholen will, und auch das Leid, mit dem Gott an Gewalt und Lüge in der Welt leidet.

Pfingsten ist es geschehen, dass Gott einen fulminanten Anfangspunkt gesetzt hat. Da hat er eine große Menge Menschen auf seine Seite gezogen, eine kritische Masse gebildet, die von nun an die Wahrheit und die Freiheit Gottes in ihre Umgebung hinein ausstrahlt. Menschen, in deren Herz ein Stück von Gottes Herzen gepflanzt war und die deshalb auch bereit sind, Gottes Last mit der Welt auf sich zu nehmen.

Das Menschen so auf eine andere Spur geraten, das können sie vorher nicht planen. Das können sie vorher noch nicht einmal wollen. Im Nachhinein sind wir froh darüber. Aber damit es soweit kommt, braucht es immer wenigstens ein klein bisschen Überwältigung. Im Rückblick sagen wir dann: das war der Heilige Geist. Ohne ihn wäre ich nicht da, wo er mich hingezogen hat.

Mai 132018
 

Predigt am 13. Mai 2018 mit Johannes 14,15-19

Jesus sprach zu seinen Jüngern: 15 Wenn ihr mich liebt, werdet ihr meine Gebote halten. 16 Und ich werde den Vater bitten und er wird euch einen anderen Beistand geben, der für immer bei euch bleiben soll, 17 den Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann, weil sie ihn nicht sieht und nicht kennt. Ihr aber kennt ihn, weil er bei euch bleibt und in euch sein wird. 18 Ich werde euch nicht als Waisen zurücklassen, ich komme zu euch. 19 Nur noch kurze Zeit und die Welt sieht mich nicht mehr; ihr aber seht mich, weil ich lebe und auch ihr leben werdet.

Das sagt Jesus im Johannesevangelium in der Nacht vor seinem Tod. Während die anderen Evangelien davon erzählen, wie Jesus als letzten Willen seinen Jüngern das Abendmahl hinterlässt, erzählt Johannes, wie er seinen Jüngern die Füße wäscht. Damit fängt der Abend an. Und um dieses Zeichen der Fußwaschung kreisen dann die weiteren Gespräche.
Anderen die Füße zu waschen war damals eine niedrige Sklavenarbeit. Mit den Füßen ist man schließlich auf der Straße rumgelaufen, wo sich der ganze Dreck und der Kot von Menschen und Tieren sich sammelt. Bis heute gilt in den vorderasiatischen Kulturen alles als besonders niedrig, was mit Schuhen und Füßen zu tun hat. In Syrien hängen die Soldaten des Regimes Militärstiefel an Stangen und halten sie über die Busse, wenn Menschen aus irgendeinem umkämpften Gebiet abtransportiert werden. Das ist ein demütigendes Zeichen dafür, dass sie verloren haben und jetzt wieder unter den Stiefel der Militärs zurück müssen.

Eine hierarchiefreie Gemeinschaft

Im Israel der Zeit Jesu war noch nicht mal ein jüdischer Sklave verpflichtet, seinem Herrn die Füße zu waschen. Und genau diese Arbeit sucht sich Jesus aus, und er konterkariert damit die Vorstellung, dass der Chef von solchen dreckigen Arbeiten befreit ist.

Bild: Stevebidmead via pixabay, Lizenz: creative commons CC0

Normalerweise ist es ein Statussymbol, wenn man das nicht mehr machen muss. Wer das hinter sich hat, der ist in der Hierarchie schon ein Stück aufgestiegen. Im christlichen Umfeld kann man das aber nie ungebrochen durchhalten, weil Jesus das untergraben hat. Christliche Chefs müssen mindestens so tun, als ob sie ihren Untergebenen dienen. Auch der Papst wäscht an Gründonnerstag Menschen die Füße, traditionell den Kardinälen, aber Papst Franziskus wäscht Strafgefangenen die Füße, womit dieses Symbol erst so richtig Kraft bekommt.

Jesus selbst deutet dieses Symbol und sagt: wie ich mich für euch alle zum Sklaven gemacht habe, so sollt ihr euch auch untereinander die Füße waschen und damit Einer zum Sklaven des Anderen werden. Wenn aber alle Sklaven sind, dann ist es keiner mehr.

Dieser Gedanke einer hierarchielosen Gemeinschaft findet sich in allen Traditionssträngen des Neuen Testaments. Das ist einer der stärksten und deutlichsten Impulse, die Jesus immer wieder gesetzt hat: die Absage an eine patriarchalische Ordnung, wo die Väter das Sagen haben. »So ist es unter euch nicht« hat er den Jüngern eingeschärft, und so hat er seine Gemeinde angelegt als Gemeinschaft von Brüdern, die nicht von einem Vater regiert werden. Und heute ist uns deutlich, dass dazu auch die Schwestern gehören, die auch nicht mehr unter der Fuchtel der jeweils ältesten Mutter stehen.

Beistand für eine Gemeinschaft unter Druck

Das stärkste Symbolbild dafür ist immer noch Jesus, wie er freiwillig die Dreckarbeit annimmt und seinen Jüngern die Füße wäscht. Und es ist kein Zufall, dass sich dieses Bild gerade im Johannesevangelium findet, weil Johannes anscheinend zu einer Gruppe gehört hat, die extrem isoliert war. Die waren eine kleine jüdische Zelle in einem jüdischen Umfeld, das sie ablehnte. Sie standen enorm unter Druck, sowohl vom römischen Imperium als auch von der Seite der jüdischen Offiziellen, die sich mit dem Imperium arrangiert hatten.

Und in dieser Lage hören sie nun durch Johannes, wie Jesus ihnen sagt: ich sende euch den Geist der Wahrheit, den die Welt nicht kennt und deshalb auch nicht empfangen kann. Mit Welt ist hier nicht die gute Schöpfung Gottes gemeint, sondern die Weltordnung, das römische Gewaltsystem, das alles infiltriert und den Menschen einbläut, dass man aufsteigen muss, Karriere machen muss, Macht über andere haben muss. So zerstört es den Zusammenhalt der Menschen, ihre Solidarität miteinander, und spielt alle gegen alle aus. Die »Welt« im Sinne des Johannes ist das genaue Gegenteil von der Gemeinschaft, die Jesus im Sinn hatte.

Johannes sagt also: an seinem letzten Abend hat Jesus die Weichen gestellt für eine alternative Gemeinschaft, die von gegenseitiger Liebe und der Abwesenheit von Herrschaft geprägt ist. Und damit die Nachfolgerinnen und Nachfolger Jesu das auch durchhalten können in einer Umgebung, die ganz anders funktioniert, dafür sendet er ihnen den Heiligen Geist, den Geist der Wahrheit.

Was ist Wahrheit?

Das ursprüngliche Wort, das wir mit »Wahrheit« übersetzen, kommt vom gleichen Wortstamm wie das Wort »Amen«. »Amen« ist ja eine Bestätigung: ja, so soll es sein, das ist gewisslich wahr. Das meine ich ganz ernst. Dabei bleibt es. »Wahrheit« in diesem Sinn geht also in Richtung von Beständigkeit, ja von Treue. Die Wahrheit, von der die christlichen Johannesleute leben, ist die unverbrüchliche Zuwendung Gottes zu seinem Volk. Wenn am nächsten Tag Jesus vor Pilatus stehen wird und ihm sagt: ich spreche von der Wahrheit, also von dem Beständigen, von der Treue, dann wird dieser Funktionär des Imperiums antworten: »Was ist schon Wahrheit?« Wenn man die Macht hat, kann man die Wahrheit drehen und wenden, wie man will. In der Zone der Macht gibt es keine verlässliche Treue, weder zu Menschen, noch zu Grundsätzen, und auch nicht zu Verträgen, wie wir ja jetzt wieder vom amerikanischen Präsidenten deutlich vorgeführt bekommen haben.

Gerade deswegen ist für diese kleinen christlichen Zellen der »Geist der Wahrheit« so wichtig. Sie leben von der unverbrüchlichen Treue Gottes. Ihre einzige Hoffnung ist, dass Gott sein Volk nicht im Stich lässt. Und deshalb sollen sie auch einander nicht im Stich lassen. Die Wahrheit Gottes ist ihre einzige Inspiration. Anders könnten sie es gar nicht durchhalten. Für einen Handlanger der Macht wie Pilatus ist das völlig unzugänglich und undenkbar. Leute wie er sind verschlossen und unempfänglich für den Geist, der diese Gemeinschaften inspiriert. Aber in diesen Gruppen wissen sie, dass das die Kraft ist, durch die sie überleben.

Überleben in Wahrheit

Man kann daran sehen, wie sehr Johannes in der Defensive ist, ganz zurückgedrängt auf den Kern, das Wesentliche. Anscheinend waren die Johannesleute noch weit stärker unter Druck als die Christen sowieso schon. Missionarisch zu sein, oder große Außenwirkung zu erzielen, das ist in seiner Situation gar keine realistische Perspektive. Die sind froh, wenn sie überhaupt als Gruppe einigermaßen überleben. Und ihre einzige Chance ist dieser Geist der Treue und Beständigkeit, der Geist, der die göttliche Wahrheit in die Gemeinschaft bringt und ihr damit ein Widerstandspotential gibt, für das die Pilatus-Ordnung blind ist, weil sie es weder begreift noch für möglich hält. Johannes nennt das oft »Liebe«, aber er meint damit gar nicht die ganzen Emotionen, die für uns in diesem Wort mitschwingen. Bei Johannes bringt Jesus »Liebe« ganz oft mit dem Halten der Gebote zusammen. Es geht nicht darum, welche Gefühle die christlichen Brüder und Schwestern einander entgegenbringen, sondern ob sie bereit sind, einander die Füße zu waschen, füreinander da zu sein, ihre Lebensenergie mit den anderen zu teilen und aneinander festzuhalten. Deswegen ist für uns heute das Wort »Solidarität« die treffendere Übersetzung für das, was Johannes mit dem Wort »Liebe« meint.

Bisher hat Jesus für diesen Zusammenhalt unter seinen Leuten gesorgt. Aber Jesus wird am nächsten Tag sterben, und dann wird die Pilatus-Ordnung natürlich davon ausgehen, dass er ein für allemal erledigt ist. Aber Jesus wird Gott bitten, seinen Leuten einen anderen Helfer zu geben, der in Zukunft sein Werk unter ihnen fortsetzt. Pilatus legt den Fall Jesus ad acta, aber in Wirklichkeit geht es jetzt erst richtig los. Auch wenn die Gruppen, für die Johannes schreibt, ums Überleben kämpfen müssen: in ihnen lebt der Funke einer neuen Welt, die Revolution des Reiches Gottes, und dieser Funke hat das Potential, alles vom Kopf auf die Füße zu stellen und die Welt zurückzuholen in den Gehorsam zu Gott.

Schutz gegen den falschen Glanz

Vielleicht merken Sie, wie weit weg das ist von dem, was Menschen sich landläufig unter Kirchen und Christlichkeit vorstellen. Die einen sagen: ich bin ein anständiger Mensch, weil ich noch keinen umgebracht habe, und deswegen auch ein Christ. Die anderen sagen: ich habe mich immer an die zehn Gebote gehalten! Und dann gibt es noch die Kirche als gesellschaftliche Großorganisation, die Angst bekommt, wenn die Zahlen nach unten gehen und die sich gar nicht vorstellen kann, wie Christentum denn funktionieren kann ohne teuren Verwaltungsapparat, ohne Sitzungen, ohne regelmäßige Einnahmen, und ohne möglichst häufige Präsenz in den Medien.

Solche Vorstellungen sind ziemlich weit weg von dem Bild, das Johannes beschreibt: eine Gemeinschaft von Menschen, wo keiner Macht hat, anderen Lebensenergie zu rauben, wo man aber seine Lebenskraft freiwillig mit anderen teilt. Eine Gruppe von Menschen, die inspiriert ist von dem Bild eines alternativen Miteinanders, das Jesus ihnen hinterlassen hat. Eine Gruppe, die nicht durch die gemeinsame Kultur oder die gesellschaftliche Stellung definiert wird, weder durch Nationalität noch durch Bildung, sondern durch die gemeinsame Hoffnung auf die Treue Gottes, der an seiner Schöpfung und an seinem Volk festhält. Eine Zone der Unabhängigkeit, wo man immun wird gegen die imperiale Propaganda, wo man sich nicht beeindrucken lässt vom falschen Glanz, der von der Ausbeutung fremder Lebenskraft zehrt.

Die Welt braucht inspiriertes Leben

Weltweit betrachtet sind wir hier Menschen auf der Sonnenseite der Welt, auch wenn wir persönlich jeder sein Päckchen zu tragen haben. Aber kaum jemand sonst lebt so sicher wie wir, so geschützt gegen alle möglichen Gefahren. Wir sind alle in Versuchung, uns an eine imperiale Lebensweise zu gewöhnen, die nur auf Kosten anderer möglich ist, auf Kosten der Schöpfung und auf Kosten der Zukunft. Wir sind alle in Versuchung, uns vom imperialen Glanz beeindrucken zu lassen, vom Stil und von der Haltung, denen scheinbar alle nacheifern.

Wir werden uns dem nur dann wirklich entziehen können, wenn wir in solchen inspirierten Gemeinschaften verankert sind wie denen, für die Johannes schreibt. Selbst die muss er immer wieder erinnern an den unglamourösen Jesus, der anderen die stinkenden, verdreckten Füße gewaschen hat. Aber dort, sagt Johannes, ist Gott zu finden, nur dort.

Wir wissen alle nicht, wie die Zukunft aussieht. Aber wir machen uns berechtigte Sorgen. Unsere Welt braucht es dringend, dass es überall solche inspirierten Gemeinschaften gibt, die sich dem Sog von Macht und Glanz entziehen. Aber zuerst brauchen wir selbst es, dass wir das wahre Leben kennen, das in solchen Gemeinschaften zu finden ist. Wir wollen doch nicht so verschlossen und ahnungslos werden wie Pilatus und all die anderen, die nicht über den Tellerrand der imperialen Weltordnung hinaussehen können.

Mai 102018
 

Predigt am 10. Mai 2018 (Christi Himmelfahrt) im Rahmen des Regionalgottesdienstes auf dem Groß Ilseder Hüttengelände mit Offenbarung 5,1-5

Wenn Sie schon einige Himmelfahrtsgottesdienste miterlebt haben, dann wissen Sie, dass Himmelfahrt nichts mit Raketen und Raumfahrt zu tun hat. Aber die Frage bleibt ja immer noch: Was will Jesus da oben eigentlich?

Das Problem dabei ist: man kann darüber am besten in Bildern sprechen. In unserer modernen Humorlosigkeit haben wir vergessen, dass es Realitäten gibt, die sich fast nur in Bildern ausdrücken lassen. Aber deshalb sind sie nicht weniger real. Wir sagen ja auch zu unseren Partnern und Partnerinnen »Schatz« oder »meine Rose« und nicht »meine derzeitige Lebensabschnittsgefährtin, zu der ich eine singuläre Bindung entwickelt habe«. Gut, manche sagen auch »Mausi« oder »Scheißerchen«, aber das ändert das Prinzip nicht: über manche Dinge kann man nur bildhaft reden, und dazu gehört auch der Himmel und alles, was da passiert.

Die Offenbarung des Johannes ist der Teil der Bibel, wo wir die meisten Bilder über den Himmel finden; fast die Hälfte des Buches spielt im Himmel. Und ein zentrales Bild dabei ist das Buch mit den sieben Siegeln, bis heute ein sprichwörtliches Bild für etwas, was man nicht versteht. Aber wenn man das einfach mal liest, dann merkt man: wenn Jesus in den Himmel kommt, ist es gerade seine zentrale Aufgabe, das Buch mit den sieben Siegeln zu öffnen.

In diesem Buch steht die geheime Geschichte der Welt, die Tiefengeschichte Gottes und der Menschen, die Auflösung aller Rätsel und Dunkelheiten der Weltgeschichte. Es ist das Buch mit den geheimen Erinnerungen der Menschheit: alles was versiegelt und verschlossen werden muss, damit wir weiterleben können. Alles, was sich manchmal noch in den Nachtgedanken meldet, aber was wir selbst da kaum ertragen können: Schrecken, Schmerzen, Enttäuschungen, abgeschnittene Wege, Trauer, aber auch ungelebtes Leben, Möglichkeiten, die nicht zur Realität wurden, geheime Weichenstellungen, die alles Weitere überschattet haben. Und auch wenn das versiegelt und weggeschlossen ist, es ist doch noch da.

Viele Geschichten darüber gäbe es zu erzählen; ich bin neulich auf den Artikel einer jungen Journalistin gelesen, die auf dem Boden des elterlichen Hauses auf die Briefe gestoßen ist, die sich ihr Großvater und ihre Großmutter geschrieben haben, von der ersten zarten Bekanntschaft bis zu den Feldpostbriefen aus dem zweiten Weltkrieg. Und sie sagt: ich habe meine verstorbene Oma von einer Seite kennengelernt, von der ich vorher nichts, aber auch gar nichts ahnte. Ich habe sie in Erinnerung als ein geschlechtsloses Wesen, das sich immer beige kleidete, eine gesetzte ältere Dame, die sonntags mit ihrem Kränzchen im Cafe ein Stück Mokka-Bisquit aß und ein Kännchen Kaffee Hag trank. Und jetzt lese ich diese Briefe, und es sind Liebesbriefe: voll Hingabe und Lust, voll Erotik und Humor, die überhaupt nicht passen zu dieser älteren Dame, die sich nur bei den Kirschlikör-Pralinen ein ganz klein wenig gehen ließ. Und sogar Fotos von dem Mann liegen dabei, ein schöner Mann, und auf zwei Fotos hat er gar nichts an, und die Enkelin fragt sich: wie oft hat sich die Oma diese Bilder wohl sehnsüchtig angeguckt, als er im Krieg war?

Und dann findet sie einen Brief von ihrer Oma, wo sie dem geliebten Mann Rosenblätter an die Front geschickt hat. Aber der Brief ist zurückgekommen. Und auch alle weiteren Feldpostbriefe sind zurückgekommen, weil niemand mehr wusste, wo dieser Soldat war. Er ist verschollen. 40 Jahre später stellte sich heraus, dass er wahrscheinlich in einem Kriegsgefangenenlager im Kaukasus gestorben ist.

Solche Geschichten meine ich, wenn ich von der geheimen Geschichte dieser Welt spreche, von dem Buch mit den sieben Siegeln. In diesem Fall ein beiges, unauffälliges Siegel, mit dem die Großmutter ihren Schmerz und ihre Trauer versiegelt und weggeschlossen hat, aber damit hat sie auch die Erinnerung an die Zeit weggeschlossen, als sie mit Lust und Liebe eine junge Frau voller Leben und Begeisterung war. Und das alles gab es für sie irgendwann nicht mehr.

Können Sie sich vorstellen, wie viele solche Siegel auf menschlichen Herzen gedrückt worden sind, weil man nicht gewusst hat, wie man mit solchen Erinnerungen weiterleben soll? Und wie viele Erinnerungen bis heute so versiegelt werden, jeden Tag, schreckliche Erinnerungen? Wie sollen all diese Siegel jemals wieder geöffnet werden? Auch damit die Lebenskraft frei wird, die da mit eingesperrt ist, die Freude, Lust und Liebe?

Und in der Offenbarung (5,4) heißt es: der Seher Johannes weinte, weil es niemanden gab, der die sieben Siegel an diesem Buch öffnen konnte. Es ist zu schlimm. Keiner kann sich da rantrauen. Es ist ein schrecklicher, trauriger Moment, wo die Möglichkeit sichtbar wird, dass all diese Siegel nie geöffnet werden könnten. Aber dann kommt das Lamm und öffnet die Siegel, eins nach dem anderen. Und als moderner Mensch kann ich mich jetzt natürlich darüber aufregen, wie denn ein Lamm mit seinen Hufen die Siegel an einem Buch aufmachen kann. Aber das ist ein Bild, und wir müssen wieder lernen, Bilder zu lesen. Es ist ein Bild für Jesus, der sich als Einziger an diese Gewalt- und Leidgeschichte der Menschheit herantraut.

Er hat sich am Kreuz selbst in die Gewalt- und Todesgeschichte hineingestellt, hat sie auf sich genommen und getragen. Und deshalb kann das jetzt geheilt werden. Jesus hat ja selbst nichts zu dieser Schreckensgeschichte beigetragen, er war gewaltlos, er hat nicht zu denen gehört, die Leid ummünzen in Erbitterung, Empörung und Gewalt, sondern er hat das alles auf sich genommen und getragen, und deshalb kann er dieses verschlossene Buch der Rätsel und Abgründe öffnen. Er kann das mit Gottes Verheißung für seine Welt zusammenbringen und es so heilen. Er öffnet die Siegel, damit das Verschlossene geheilt wird.

Das ist es, was Jesus im Himmel macht. Das ist der Weg, wie er die Welt regiert. Seit damals werden in seinem Namen Siegel geöffnet, die beigen ebenso wie die blutroten. Die Siegel, mit denen das Leben der Völker und Klassen genauso versperrt und verriegelt ist wie das Leben von Frauen, Männern, Kindern und Familien. Im Himmel sieht man deutlich, was auf der Erde bisher nur vorläufig und im Verborgenen geschieht. Aber vom Himmel her infiltriert Jesus die Erde. Er regiert sie durch seine Leute, die sich, von ihm inspiriert, herantrauen an die Dunkelheiten und Abgründe, mindestens ein Stück weit: an Siegel, mit denen die Lebenden sich plagen und an die Siegel, unter denen die Toten begraben liegen. Die Welt kommt in Bewegung, wo die Siegel gebrochen und Menschen lebendig werden, wo das alte Unrecht und die alten Schmerzen sich wieder melden, aber auch die gefangene Lebenskraft wieder frei wird. Bei Einzelnen wie bei ganzen Völkern. Das ist kein Spaß, es ist nicht feierlich, wenn Jesus herauskommt aus dem Gefängnis der Harmlosigkeit, in das Menschen ihn (und sich selbst) zu oft gesperrt haben.

Jesus, das Lamm, heißt beim Seher Johannes auch »der Löwe«, der Löwe von Juda. Und Löwen sind nicht zahm. Vom Himmel aus infiltriert Jesus die Welt, und er würde sich freuen, wenn du dabei mitmachst.

Mai 022018
 

Predigt am 29. April 2018 zu Psalm 16

EIN MIKTAM. EIN DAVIDSLIED.

Behüte mich, Gott, denn ich flüchte zu dir. / 2 Ich sage zum HERRN: »Mein Herr bist du,*
mein ganzes Glück bist du allein.«

3 Über die >Heiligen<‚ die im Lande sind, sage ich / und über die >Herrlichen<, die mir so gefielen *
4 »Wer einem andern Gott nachläuft, dessen Schmerzen mehren sich.

Nie mehr will ich ihnen Opferblut spenden,*
und nie mehr nehm ich ihre Namen auf die Lippen.«

5 HERR, du bist mein Anteil und Becher,*
du selber hältst mein Los in der Hand.

6 Die Messschnur fiel mir auf liebliches Land:*
ja, mein Erbe gefällt mir.

7 Ich preise den HERRN, der mir Rat erteilt:*
selbst zur Nacht ermahnt mich mein Gewissen.

8 Ich stelle mir den HERRN beständig vor Augen;*
er steht mir zur Rechten: — ich werde nicht wanken!

9 Darum freut sich mein Herz, meine Seele ist fröhlich,*
sorglos ruht auch mein Leib.

10 Denn du gibst mich nicht preis der Unterwelt,*
deinen Frommen lässt du nicht schauen die Grube.

11 Du zeigst mir den Weg zum Leben. / Vor deinem Angesicht ist Freude in Fülle‚*
zu deiner Rechten ist Wonne auf ewig.

Dieser Psalm stammt vermutlich ursprünglich von einem Priester. Wenn es in Vers 4 heißt »Nie mehr will ich ihnen Opferblut spenden und nie mehr nehme ich ihre Namen auf die Lippen«, dann ist wahrscheinlich gemeint, dass diesem Priester nahegelegt wurde, heidnischen Gottheiten Opfer zu bringen. Aber das hat er nicht getan, obwohl er vielleicht eine Zeitlang dieser Möglichkeit nahestand.

Die Vorgeschichte

Es gab nämlich mal eine Zeit, als im Jerusalemer Tempel alle möglichen Gottheiten Opferaltäre hatten. Der König Josia hat später damit aufgeräumt. Aber wo Religion ist, da gibt es auch immer die Gefahr, dass sich neben dem wahren, befreienden Gott die unterdrückerischen Götzen einschleichen. Manchmal übernehmen sie sogar den Namen Gottes und missbrauchen die Menschen in seinem Namen.

Aber es ist schwierig, da Genaueres herauszubekommen, denn der Text von einigen Versen ist leider ganz schlecht überliefert, er gibt eigentlich keinen Sinn, und in den Versen 3 und 4 muss man rekonstruieren, was da wohl gemeint sein könnte. Wenn Sie verschiedene Übersetzungen vergleichen, dann können Sie sehen, dass die das durchaus unterschiedlich verstanden haben. Aber trotz aller Unterschiede im Einzelnen: die Gesamttendenz ist schon deutlich.

Der Wortlaut dieses Psalms ist vermutlich auch deshalb an einigen Stellen unklar, weil er eine lange Geschichte hat: was vermutlich ursprünglich mal ein Priester formuliert hat, das haben dann andere in ganz anderen Zusammenhängen nachgesprochen, vielleicht auch eigene Gedanken angefügt, und so ist es ein Text geworden, in dem die Erlebnisse und Erfahrungen von vielen Generationen von Glaubenden drinstecken.

… auch im Neuen Testament

Vorhin in der Lesung (Apostelgeschichte 2,22-32) haben wir gehört, wie Petrus zu Pfingsten in Jerusalem dann diesen Psalm zitiert, um den Menschen die Auferstehung Jesu begreiflich zu machen. Der ursprüngliche Verfasser hat wahrscheinlich gar nicht an eine Auferstehung von den Toten gedacht, sondern war vielleicht schwer krank, aber er hat fest darauf vertraut, dass Gott sein Leben retten würde. Man kann das aus den Versen 10 und 11 heraushören.

Aber, wie meistens in den Psalmen, spielt diese ursprüngliche Situation gar keine große Rolle mehr. Sie wird nur angedeutet, und es ist alles so offen, dass viele späteren Generationen diese Worte auch für sich selbst und ihren Weg hören konnten – wie z.B. auch Petrus am Pfingsttag, als der heilige Geist zum ersten Mal auf die Jünger kam. Die Psalmen geben uns Formulierungen, damit wir selbst Worte für das jeweils aktuelle Wirken Gottes haben.

Was können wir also hier heraushören darüber, wie Gott mit seinen Menschen umgeht?

Ein Ereignis mit Folgen – Gott ist von nun an dabei

Am deutlichsten wird das vielleicht in Vers 7: Gott hat dem Menschen, dessen Stimme wir hier hören, einen Rat gegeben. Und das war wohl nicht bloß ein einmaliger guter Tipp, sondern das ist weitergegangen. Gott hat sozusagen bei einer Gelegenheit im Innersten dieses Menschen einen Platz gefunden und redet nun in seinen Gedanken immer mit. Der muss sich nicht mühsam daran erinnern, sondern Gott hat sich so mit dem Innersten – seinem Unterbewusstsein würden wie heute vielleicht sagen – verbunden, dass er selbst in der Nacht ganz natürlich in den Nachtgedanken mitredet. So wie es in einem Lied heißt, das wir manchmal singen: »Regier‘ in mir in deiner Kraft, über jeden Traum auch in tiefster Nacht!«

In der Nacht, wenn wir vielleicht im Halbschlaf sind und unser Verstand seine Kontrollfunktion etwas nachlässiger ausübt, dann steigen die Nachtgedanken auf: wir erinnern uns an Situationen des vergangenen Tages, die wir schnell zur Seite geschoben haben, die aber doch für unsere Stimmung Bedeutung hatten, oft, ohne dass es uns bewusst ist. Vielleicht fallen uns Dinge ein, die noch zu tun sind, aber auch Konflikte, die nicht ausgestanden sind. Auch schöne Dinge, über die uns zu freuen wir am Tag gar keine Zeit hatten, weil gleich darauf das Nächste anstand. All solche Dinge, die am Tag nicht den nötigen Raum hatten, melden sich in der Nacht wieder.

Und es ist wunderbar, wenn dann nicht nur die Stimmen der Sorgen und Probleme zu hören sind, sondern wenn sich auch ganz selbstverständlich Gottes Stimme meldet, Zuversicht verbreitet, vor Irrwegen und Gefahren warnt und gute, lebensfördernde Lösungen zeigt. Man merkt, wie hier jemand einfach glücklich darüber ist, dass Gott ihn oder sie so engmaschig begleitet. Gott ist in seinem Innersten so präsent, dass sie noch nicht einmal mit einer Willensanstrengung Gott erst ins Spiel bringen muss, sondern Gottes Stimme ist einfach da.

Vom Glück des ersten Gebots

Das ist das Zentrum von allem. In der Nacht genau so wie am Tag. So wie es ganz am Anfang in Vers 2 heißt: Mein Herr bist du, mein ganzes Glück bist du allein. Das ist ein Anklang an das erste Gebot, wo es heißt, dass wir außer Gott keinen anderen Gott haben sollen. Aber es ist ganz deutlich, dass das hier kein Gebot ist, das einem von außen auferlegt wird, und das man nur widerwillig akzeptiert. Sondern es heißt ja: du bist mein Glück! Mir fällt es überhaupt nicht schwer, das erste Gebot zu halten. Und ganz am Ende des Psalms noch einmal: Freude und Wonne in Fülle! Der ganze Psalm strahlt Freude aus, er ist im Grunde ein begeistertes Liebeslied: von dir kommt mir so viel Gutes zu, du beschützt mich, du öffnest mir den Weg des Lebens, du hast mir meinen Platz in der Welt gegeben, die Sorgen bekommen keine Macht über mich. Wieso sollte ich mich nach jemand anderem umsehen? Du bist mein Glück und meine Freude, und etwas Besseres werde ich nicht finden.

Im Gegenteil, die Götter und himmlischen Mächte, die die anderen hochhalten, die bringen mehr Schmerzen mit sich, mehr Sorgen, mehr Unruhe, mehr Angst. Du schenkst Leben, aber die anderen Mächte rauben Lebenskraft, auch wenn sie so tun, als ob bei ihnen alles großartig wäre. Die heißen »heilig« und »herrlich«, sie haben eine Faszination, es gibt genug Leute, die darauf hereinfallen, aber ich kenne etwas Besseres, und das macht mich immun gegen diese Propaganda.

Es gibt ja zu allen Zeiten viele Menschen, die offene Türen haben für die Propaganda der gesellschaftsbeherrschenden Mächte. Für manche ist es schon empörend, wenn jemand etwas anders macht oder anders sieht als alle anderen, so nach dem Motto: du kannst doch nicht einfach so tun, als wärst du schlauer als der ganze Rest der Menschheit. Wenn Menschen nicht gelernt haben, vorauszudenken und die Folgen zu bedenken, dann fallen sie auf oberflächliche Slogans herein.

Nähe ist der Schlüssel

Aber noch wirkungsvoller und tiefer als Nachdenken ist dieses Erlebnis der Gottesnähe, von dem hier im Psalm erzählt wird. Im Kontrast dazu sind die herrlichen und heiligen Idole überhaupt nicht mehr attraktiv. Man bekommt einen großen Abstand dazu, und dieser Abstand gibt einem dann den Raum, den man zum Nachdenken braucht. Die vernünftigen Argumente brauchen erst einmal einen Raum, wo sie gehört werden und nicht vom Lärm der Propaganda geschluckt werden.

Das alles ergibt sich aus der Gottesbegegnung, die im Psalm nur angedeutet wird. Die legt einem einfach die Messlatte für das, was man Glück nennt, ziemlich hoch. Wie so eine Gottesbegegnung genau ausgesehen hat, das hat sich im Lauf der Zeit verändert, und auch schon von Mensch zu Mensch ist es unterschiedlich, schon in der Bibel. Der Heilige Geist stellt sich gut auf unseren Verständnisrahmen ein.

Aber er arbeitet nie mit Druck und Drohung. Diesen ganzen Versuche, uns ein schlechtes Gewissen zu machen, die richten nur Schaden an, die sind nicht von Gott, sondern da versuchen Menschen Macht über uns zu gewinnen. Gott hat das nicht nötig. Gott überzeugt durch Freude und Freiheit. Nur manchmal weist er uns darauf hin: da ist etwas, das dir diese Freiheit kaputt macht, und deshalb sag Nein dazu, mach kaputt, was dich sonst am Ende kaputt macht. Aber die Grundlage dafür ist immer das Positive, die Freude an der Verbindung mit Gott.

Vertrauen gegen den Tod

Aus dieser engen Vertrautheit mit Gott kommt nun auch die Gewissheit: du wirst mich vom Tod erretten! Du wirst nicht zulassen, dass ich das Grab von innen sehe! Da spürt jemand genau, dass Gott und Tod nicht zusammenpassen. Und die Konsequenz ist ganz einfach: solange ich mit Gott zusammen bin, bin ich vor dem Tod sicher.

Wir wissen natürlich, dass da eine logische Inkonsequenz drin ist: wer auch immer zum ersten Mal diesen Psalm formuliert hat, er ist inzwischen gestorben wie alle anderen. Gott hat ihn die schwere Krankheit überleben lassen, aber irgendwann war auch sein Leben zu Ende. Und das ist tatsächlich die Grenze, die im Alten Testament bleibt: sie wissen, dass Gott und der Tod überhaupt nicht zusammenpassen, aber sie erleben natürlich, dass auch die Menschen sterben, die mit Gott ganz eng verbunden sind. Und dieser Widerspruch treibt das Nachdenken immer wieder an. Sie leben im Diesseits mit Gott, sie vertrauen auf seine Gerechtigkeit und seine Treue, aber wenn die Zeiten besonders hart sind, dann fragen sie immer wieder, wie Gott das machen wird, dass er am Ende auch des Todes mächtig wird.

Und da konnten dann Jesusanhänger wie Petrus anknüpfen und sagen: ihr habt schon in die richtige Richtung gefragt. Gott ist stärker als der Tod, und jetzt hat es sich definitiv gezeigt: Gott hat um Jesus herum ansteckendes Leben verbreitet, vor dem der Tod in jeder Gestalt fliehen musste, und am Ende hat er Jesus auferweckt! In den alten Formulierungen, z.B. von Psalm 16, da steckt verborgen schon die Lösung drin. Wenn Gott sich mit einem Menschen verbunden hat, dann kann der Tod dem nichts anhaben. Die Nähe Gottes vertreibt am Ende den Tod endgültig und schafft eine neue Welt, in der er keinen Platz mehr hat.