Mrz 302018
 

Erzählung zum Karfreitag 2018 (30. März) mit Markus 15,15-39

Niemand hat am Tag des Todes Jesu den genauen Ablauf protokolliert. Erst später wurde aus vielen Einzelerinnerungen eine zusammenhängende Geschichte. Wir haben sie in den vier Versionen der vier Evangelien, die sich in manchen Details unterscheiden. Im Markusevangelium läuft die Geschichte erstaunlicherweise auf den Henker Jesu zu, den römischen Offizier, der die Hinrichtung leitet. Er ist eine geheime Hauptperson, weil an ihm deutlich wird, wie im Tod Jesu sich seine Kraft erst recht entfaltet.

Die Evangelien sind gerade bei der Passionsgeschichte sparsam mit Deutungen und machen eher durch ihr Erzählen deutlich, worum es ihnen geht. Ich möchte es hier ähnlich machen, indem ich die Geschichte aus der Perspektive dieses römischen Offiziers erzähle. Was kann er uns sagen?

»Normalerweise bin ich nicht in Jerusalem stationiert, sondern in Cäsarea am Meer. Aber wenn in Jerusalem die großen Feste anstehen, dann begibt sich der Gouverneur dorthin und übernimmt selbst das Kommando. Diesmal begleitete auch ich mit meinen Leuten Pilatus nach Jerusalem.

Die Feste der Judäer bedeuten für uns immer Stress. Jerusalem ist voll mit aufgeregten Menschen, und aus einem kleinen Funken kann schnell ein Flächenbrand werden. In den Tagen nach unserer Ankunft merkten wir, dass Spannungen und heftige Diskussionen auch dieses Fest prägten. Trotzdem wäre es für mich wohl ein unbedeutender Einsatz geblieben, wenn der Chef mich nicht am Ende der Festwoche kurzfristig zu einer Hinrichtung eingeteilt hätte.

Hinrichtungen an sich sind für uns nichts Besonderes. Immer mal wieder kommt es vor, dass wir die Ordnung und den Frieden mit drakonischen Maßnahmen aufrecht erhalten müssen. Unsere römischen Truppen in Syrien und Judäa sind eigentlich viel zu schwach, um eine so große und unruhige Provinz zu beherrschen. Einem ernsthaften Aufstand könnten wir nur wenig entgegensetzen. Deshalb müssen wir auch der kleinsten Widersetzlichkeit sofort mit aller Härte entgegentreten. Die Leute sollen Angst vor uns haben. Sie hassen uns sowieso, und sie verachten uns. Das sehe ich, wenn ich mit meinen Leuten durch die Straßen marschiere. Ich war auch schon im Norden an der germanischen Grenze, aber da kann man unbesorgt in ein Gasthaus der Einheimischen gehen. Hier kann man dabei plötzlich einen Dolch zwischen den Rippen haben.

Die Judäer sind anders als die anderen Völker des Imperiums: unruhig, fanatisch – sie haben sich nie damit abgefunden, dass sie nur noch eine Provinz unseres Reiches sind. Es gibt keine Götterbilder, noch nicht mal Statuen des Kaisers, der schließlich auch ein Sohn der Götter ist. Aber gut, das ist Politik. Solange sie Steuern zahlen, lassen wir ihnen ihre merkwürdigen Bräuche.

Aber ich wollte von der Hinrichtung erzählen. Am Tag vor dem Fest brachten morgens die Oberpriester einen Gefangenen zum Chef, angeblich ein Rebell, der sich selbst zum König Israels ausrufen wollte wie schon einige vor ihm. Sie verlangten die Todesstrafe für ihn. Pilatus verhandelte lange mit ihnen; er hatte anscheinend den Verdacht, dass es ihnen in Wirklichkeit um etwas ganz anders ging, und wahrscheinlich hatte er Recht. Aber irgendwie schlossen sie einen Deal miteinander, und der Chef ließ mich holen und beauftragte mich mit der Durchführung der Exekution.

Wenn wir schon einen Rebellen hinrichten, dann bekommt er auch das volle Programm: auspeitschen, kreuzigen, und dann bleibt er da hängen, bis die Vögel sich über ihn hermachen. Sollen die Leute ruhig sehen, was ihnen blüht, wenn sie den römischen Frieden infrage stellen!

Also ließ ich ihn auspeitschen, aber nur so, dass er danach noch lebte und gehen konnte. Wenn man nicht rechtzeitig aufhört, bleibt da kaum noch was übrig, was man kreuzigen kann. Während ich noch einiges vorbereitete, durften die Soldaten dann ihren gewohnten Spaß mit ihm haben. Die sind ja alle frustriert, dass sie in diesem barbarischen Land ihren Dienst tun müssen, zwischen Leuten, die sie hassen, wo es sogar schwierig ist, Wein oder Frauen zu bekommen. Da sind sie froh, wenn sie mal einen von diesen Leuten in die Finger kriegen.

Schon da fiel mir kurz auf, wie wenig ihn das zu beeindrucken schien. Klar, jedem tut es weh, wenn er geschlagen wird. Am Ende blutete er aus der Nase und von den Dornenzweigen, die sie ihm um den Kopf geschlungen haben wie eine Krone. Aber er blieb unbeeindruckt von den Spielchen, die sie mit ihm machten, und eigentlich sind die sonst für meine Leute der größte Spaß. Dieses Good Cop – Bad Cop–Theater, das den Gefangenen normalerweise ihren letzten emotionalen Halt raubt, wenn sie also zwischendurch freundlich und sogar ehrerbietig behandelt werden, nur um sich anschließend um so grausamer entwürdigt zu fühlen: das schien ihn nicht zu beeindrucken.

Das fällt mir aber erst im Rückblick auf. Damals war ich viel zu beschäftigt. Es sollte ja alles schnell gehen. Als ich mit den Vorbereitungen fertig war, suchte ich fünf zuverlässige Leute aus, die so etwas nicht zum ersten Mal machten. Sie luden ihm den Balken auf, und dann ging es los.

Obwohl es noch früh war, waren die Straßen voll. Die Nachricht von der Hinrichtung hatte sich herumgesprochen. Wir kamen nur langsam voran. Und dann brach der Delinquent auch noch zusammen. Da hatten sie wohl doch mit der Peitsche zu viel des Guten getan. Wenn das so weiterging, würden wir den ganzen Tag mit dieser Hinrichtung vertrödeln. Zum Glück stand da an der Straße ein kräftiger Mann; ich ließ ihn von zweien meiner Leute greifen und ihm den Balken aufladen. So ging es schneller.

Schließlich kamen wir an die Stelle, wo die senkrechten Balken für die Kreuzigungen standen. Wir geben den Delinquenten vorher noch Wein mit betäubenden Zusätzen zu trinken, damit sie etwas ruhiger sind beim Annageln. Auch wenn wir so etwas gewöhnt sind, selbst für uns ist es nicht schön, diese schrecklichen Schreie zu hören, wenn die Schmerzen anfangen, die noch etwas ganz anderes sind als die Schmerzen, die die Peitsche verursacht. Aber, und da fiel er mir zum zweiten Mal auf, er probierte einen Schluck, und dann schüttelte er den Kopf. Ganz ruhig und klar. Gut, das war nicht der Moment für Diskussionen. Ich ließ ihn also ohne Wein annageln. Danach zogen sie den Querbalken hoch, bis er in der richtigen Höhe war, und dann kamen noch die Füße dran.

Ich hatte vom Chef die Tafel mit der Kurzfassung des Urteils mitbekommen: »Jesus von Nazareth, König der Juden«, in drei Sprachen. Wir leben in einer globalisierten, vielsprachigen Welt. Pilatus legte Wert darauf, klarzustellen, dass es hier um eine politische Sache ging. Wahrscheinlich musste er sich gegenüber irgend jemandem absichern. Auch Gouverneure sind nicht allmächtig, obwohl die meisten das nicht glauben würden. Ich ließ die Tafel oben am Kreuz anbringen. Immerhin wusste ich jetzt, wie der Mann hieß: Jesus, aus dem Ort Nazareth, aus Galiläa.

Dann kam das lange Warten auf den Tod. Meine Leute vertrieben sich die Zeit mit Würfeln. Sie hatten sich darauf geeinigt, die Tunika dieses Jesus nicht zu zerteilen, sondern sie ganz zu lassen und lieber darum zu spielen.

Währenddessen begann auf einmal diese merkwürdige Prozession von einheimischen Würdenträgern. Das waren nicht die normalen Gaffer, die zu allen Hinrichtungen kommen. Ich sah in ihren Augen denselben Hass, mit denen die Leute sonst uns anschauen. Es ist schon erstaunlich, wie sehr Menschen sich gegenseitig hassen können, obwohl sie beinahe in derselben Lage sind. Wäre es anders, dann hätten wir es viel schwerer mit der römischen Herrschaft, wo wir die Einen gegen die anderen ausspielen. Aber ich sah bei diesen Honoratioren, die unsere Verbündeten sind, noch etwas anderes als nur Hass. Er war zu meiner Verwunderung vermischt mit einer Art Angst. Es war, als ob sie von ihm die Bestätigung hören mussten, dass er gescheitert war. Sie versuchten tatsächlich noch mit ihm zu diskutieren. »Tu ein Wunder und komm runter vom Kreuz!« – das hörte ich ein paar Mal. Und es klang mir so, als ob sie insgeheim befürchteten, er könnte es vielleicht wirklich tun. Aber er antwortete nicht.

Das war das dritte, was mir an ihm auffiel: dass er stumm blieb. Ich habe ja schon viele so sterben sehen. Die Einen brechen zusammen und schreien nur noch »Nein, Nein!« Sie flehen und bitten, und wir müssen sie mit aller Gewalt festhalten, bis die Nägel das übernehmen. Die anderen fluchen und rufen den Zorn ihrer Götter auf uns herab. Die machen uns weniger Ärger, und was den Zorn der Götter betrifft, so haben sich unsere römischen Götter bisher immer noch als die stärkeren erwiesen.

Er aber sagte gar nichts. Er reagierte nicht auf den Hass, der ihm entgegenschlug. Und ich sah auch in seinen Augen nichts davon. Wenn sie auf eine Antwort von ihm gehofft hatten: sie bekamen keine. Als ob sie für ihn gar keine Rolle spielten. Das war seltsam, denn er war noch nicht so weit, dass er nichts mehr mitbekommen hätte, das sah ich.

Gegen Mittag gab es dann eine Sonnenfinsternis. Das war natürlich Zufall, aber irgendwie war ich froh, dass er wenigstens nicht auch noch nackt den höllischen Sonnenstrahlen ausgesetzt war. Und als die Sonne zurückkam, so gegen drei Uhr, da redete er zum ersten Mal. Später habe ich es mir übersetzen lassen. Aber obwohl ich damals nicht verstand, dass er in seiner barbarischen Sprache gerufen hatte »Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?« – es war genau das, was ich empfand, als ich ihn hörte. In diesem Moment verstand ich, dass sein barbarischer judäischer Gott die ganze Zeit lang sein Gegenüber gewesen war, nicht die Gaffer und die Hasser, noch nicht mal wir, seine Henker. Aber anscheinend auch nicht dieser fürchterliche, grausame Schmerz, den wir ihm bereitet hatten, und den er doch die ganze Zeit über spüren musste. Die ganze Zeit über war dieser fremdartige Gott der Mittelpunkt seiner Existenz geblieben. Kann es so etwas geben?

Ich gehe ja auch mit meinen Leuten in den Tempel und opfere da den verschiedenen Göttern. Seit kurzem gehören nicht nur die verstorbenen Kaiser dazu, sondern auch der jeweils regierende. Gut. das mache ich so, wie ich zu Hause unseren Hausgöttern opfere. Aber auch wenn mir in einem Kampf ein feindlicher Speer die Eingeweide aufreißt, würde ich nie auf den Gedanken kommen, mit einem unserer Götter so zu reden wie er das tat. Ich würde hoffen, dass meine Söhne mich als tapferen Soldaten in Erinnerung behalten und am Hausaltar an mich denken, so wie ich es mit unseren Vätern getan habe. Aber kann ein Mann so mit seinem Gott zusammenhängen, dass alles andere zweitrangig wird? Selbst dann, wenn dieser Gott ihm nicht hilft?

Der Kaiser, so sagen sie, ist ein Sohn der Götter, ein Sohn Jupiters sogar. Aber ich glaube nicht, dass er an Jupiter denken wird, wenn seine Leibgarde wieder einmal putscht und ihn vom Leben zum Tod befördert. Wenn einer in Wahrheit ein Sohn Gottes ist, dann war es der hier, Jesus aus dem unbedeutenden Nazareth im unbedeutenden Galiläa.

Ich weiß nicht, was das bedeutet. Bisher war der Imperator derjenige, dem ich gedient habe, für den ich gelebt und für den ich getötet habe. Auf sein Feldzeichen habe ich geschworen. Er ist ein Sohn Gottes. Aber wenn in Wirklichkeit der hier der wahre Sohn Gottes war: wem will ich in Zukunft dienen?

Mrz 182018
 

Predigt am 18. März 2018 zu Johannes 11,47-53

47 Da beriefen die Hohepriester und die Pharisäer eine Versammlung des Hohen Rates ein. Sie sagten: Was sollen wir tun? Dieser Mensch tut viele Zeichen. 48 Wenn wir ihn gewähren lassen, werden alle an ihn glauben. Dann werden die Römer kommen und uns die heilige Stätte und das Volk nehmen.
49 Einer von ihnen, Kajaphas, der Hohepriester jenes Jahres, sagte zu ihnen: Ihr versteht nichts. 50 Ihr bedenkt nicht, dass es besser für euch ist, wenn ein einziger Mensch für das Volk stirbt, als wenn das ganze Volk zugrunde geht.
51 Das sagte er nicht aus sich selbst; sondern weil er der Hohepriester jenes Jahres war, sagte er aus prophetischer Eingebung, dass Jesus für das Volk sterben werde. 52 Aber er sollte nicht nur für das Volk sterben, sondern auch, um die versprengten Kinder Gottes wieder zu sammeln. 53 Von diesem Tag an waren sie entschlossen, ihn zu töten.

Hier schauen wir hinein in den inneren Zirkel der Macht und können der Meinungsbildung kurz vor dem Beschluss zur Beseitigung Jesu zuschauen. Irgendwer aus dieser Gruppe hat sich später nicht an seine Schweigeverpflichtung gehalten und den Jüngern Jesu erzählt, welche Überlegungen und Diskussionen in den herrschenden Kreisen diesem Beschluss vorangingen.

Vielleicht war es Nikodemus, der heimlich zu Jesus kam, um mit ihm zu diskutieren; vielleicht Joseph von Arimathia, der später sein eigenes Grab zur Bestattung von Jesus zur Verfügung stellte. Vielleicht war es auch Gamaliel, der große Rabbi, der später seinem Schüler Paulus davon erzählt haben könnte. Jesus hatte viele Sympathisanten auch in den höchsten Kreisen. Das sind ja nicht alles skrupellose Machtmenschen gewesen, sondern es gab Leute dabei, die es ehrlich meinten mit ihrem Glauben an Gott und ihrem Wunsch, etwas für ihr Volk zu erreichen.

Man kann vermuten, dass manchen sogar die skrupellosen Machtmenschen wie Kaiphas höchst unsympathisch waren. Sonst müsste Kaiphas sich nicht so ins Zeug legen und seine Vorstandskollegen zusammenfalten nach dem Motto: ihr ahnungslosen Idealisten, ihr bildet euch ein, ihr könntet in dieser schmutzigen Welt saubere Hände behalten! Was glaubt ihr denn, wie ich mich all die Jahre oben gehalten habe? Ihr könnt mir dankbar sein, dass ich immer für euch den Bluthund gemacht habe. Ihr konntet euch doch bloß als Gutmenschen fühlen, weil Leute wie ich im Hintergrund die Dreckarbeit erledigt haben.

Machtmensch Kaiphas

Bis heute, nach 2000 Jahren, spürt man in den Worten, die Johannes da überliefert, immer noch die Wut des Machtmenschen Kaiphas auf diese ahnungslosen Kleingeister, die ihm mit ihrer Unentschlossenheit und ihren moralischen Skrupeln das Leben schwer machen, statt einfach zu sehen, was jetzt getan werden muss. Kaum gibt es mal Probleme, schon haben die die Hose voll und gackern durcheinander wie ein aufgescheuchter Hühnerhaufen. Da muss man einfach mal mit der Faust auf den Tisch hauen und an die Realität erinnern!

Gleichzeitig gestaltet Johannes die Schilderung der Diskussion so, dass deutlich wird: alle im Gremium werden nicht einfach von der verantwortungsvollen Sorge um das Schicksal des Volkes umgetrieben, sondern viel mehr noch von der Sorge um ihre Position.

Und die war ja nicht unberechtigt. Die Römer herrschten gerne indirekt durch die örtlichen Führungsfiguren, aber wenn die nicht für Ruhe sorgten, dann konnten sie auch sehr schnell weg vom Fenster sein. Und da erscheint einer wie Jesus als Gefahr, weil er die Machtbalance aus dem Gleichgewicht bringt. Die Mitglieder des Hohen Rats haben sich ja nicht auf subtile theologische Diskussionen eingelassen; sie haben überhaupt nicht damit gerechnet, dass hier ein Faktor ins Spiel kommen könnte, der die normalen Regeln der Macht unterläuft. Aus ihrer Sicht war die Gleichung einfach: Jesus bedeutet Unruhe im Volk, das bedeutet die konkrete Gefahr einer römischen militärischen Intervention, und die wiederum bedeutet ein Blutbad und Machtverlust für sie selbst, vielleicht sogar Schlimmeres. Die Macht ist nicht tolerant, auch nicht gegenüber ihren Dienern, wenn sie versagen.

Bauchschmerzen oder Gründe?

Das wissen alle in dem Gremium, und Kaiphas zählt ihnen nur ein und eins zusammen, wenn er sagt: Jesus muss weg. Moralische Zweifel sind Luxus, Schwäche und Zögern sind feige und tödlich, also reißt euch zusammen. Es ist doch besser, wir opfern den einen, als wir provozieren ein Massaker und die eigene Absetzung.

Dem können sich auch die Wohlmeinenden im Gremium nicht entziehen. Vielleicht haben sie Bauchschmerzen dabei, aber sie haben keine Argumente, mit denen sie Kaiphas entgegentreten könnten, sie haben nichts in der Hand, womit sie die Stimmung irgendwie drehen könnten.
Und wir, aus der Distanz von 2000 Jahren, mit dem Wissen darum, wie es weitergegangen ist, hätten wir bessere Argumente, um den Kaiphassen dieser Welt entgegenzutreten, den Wortführern der Realpolitik? Es geht jetzt nicht darum, dass die in der Regel auch sehr robust und einschüchternd auftreten. Es geht um echte Argumente. Was hätten Nikodemus, Gamaliel und all die ungenannten Jesus-Sympathisanten in dem Gremium denn dem Kaiphas entgegenhalten können?

Die Machtlogik funktioniert nicht

Das stärkste Argument wäre mindestens im Rückblick: die Methode Kaiphas hat nicht funktioniert. 35 Jahre später kam es doch zum jüdischen Krieg, und genau das, was Kaiphas befürchtete, ist eingetreten. Der Tempel wurde zerstört, das Volk niedergemetzelt und vertrieben, die Machteliten kamen um. All diese Machtspiele, die Kaiphas souverän zu beherrschen scheint, die gehen irgendwann mal schief. Man kann den Tiger eine ganze Zeit reiten, aber irgendwann wird man doch gefressen. Manchmal haben die Diktatoren Glück und erleben das nicht mehr, manche sterben tatsächlich im Bett wie Stalin, aber die Widersprüche, die sie gewaltsam gebändigt haben, melden sich dann nach ihrem Tod zurück.

Gerade die Praktiker der Macht, die sich etwas darauf einbilden, Realisten zu sein, gerade die machen sich was vor. Sie halten die Konflikte für einige Zeit trickreich unter Kontrolle, aber irgendwann kommen die Widersprüche um so heftiger zurück. Die Welt ist nun mal so eingerichtet, dass sie mit Gerechtigkeit funktioniert, und wenn Leute das dauernd außer Acht lassen, dann geht das irgendwann schief. Wenn man die gerechte innere Logik der Welt ignoriert, wenn man Menschen immer wieder mit Füßen tritt, richtet man große Zerstörung an. Das trifft zuerst die anderen, aber am Ende richtet es sich auch gegen einen selbst.

Opfer für die Stabilität

Die Logik der Machtmenschen fordert immer neue Opfer. Immer wieder muss einer geopfert werden, damit die anderen weitermachen können wie gehabt. Manchmal muss nur einer sterben, manchmal müssen ganze Völker verschwinden, manchmal müssen Menschen »nur« »den Gürtel enger schnallen«, damit alles stabil bleibt. Aber es ist nicht Gott, der diese Opfer fordert. Es sind Menschen, die das für andere beschließen. Kaiphas spricht das offen aus. Johannes beschreibt das mit Ironie: Kaiphas als Hoher Priester hatte den Job, die Wahrheit auszusprechen, und das hat er tatsächlich getan. Er und seine Gesinnungsgenossen sind es, die andere opfern und das als das kleinere Übel verkaufen.

Deshalb konnte Kaiphas Jesus nur als Bedrohung und Feind sehen. Er konnte nicht sehen, dass Jesus neue Spielregeln brachte. Auch ganz realpolitisch hätte Jesu Weg weniger Opfer gekostet. Hätten die führenden Schichten auf Jesus gehört, dann hätten sie an der Solidarität in ihrer Gesellschaft gearbeitet, sie hätten auf Ausgrenzungen verzichtet, sie hätten die Ungleichheit in der Gesellschaft verringert, und sie hätten genau auf die Energie der Liebe gesetzt, die sie an Jesus so fürchteten. Sie hätten die Grenzen ihres Volkes geöffnet und das Imperium von Innen überwunden, wie das später die Christen getan haben.

Nicht Gott fordert Opfer

Aber die Kaiphasse, die sich in ihrem Denkrahmen schlafwandlerisch zurecht finden, sind blind für Gottes unberechenbares Wirken in seiner Welt. So sind sie verantwortlich für all die Opfer, die am Wegrand der Menschheit verreckt sind. Man weiß nicht, ob es Blindheit oder Berechnung ist, aber unterm Strich tun sie alles, um eine Alternative zu ihrer Logik zu zerstören. Und sie versuchen, alle anderen von ihrer Weltsicht zu überzeugen und sie da hineinzuziehen. Die Dampfwalze Kaiphas bringt auch die Jesus-Sympathisanten im Hohen Rat mindestens zum Schweigen.

Und am Ende sieht es auch noch so aus, als ob Gott es wäre, der Opfer fordern würde, Gott oder die Sachzwänge oder der Welthandel oder wer auch immer. In Wirklichkeit ist es der Kaiphas-Glaube, der die Welt so gefährlich macht, und auch Jesus ist ihm zum Opfer gefallen.

Ein Weg, der dem Opfern ein Ende setzt

Aber an dieser Stelle merkt man, wie Johannes die Opferlogik des Kaiphas gegen den Strich bürstet. Ja, sagt er, Jesus hat tatsächlich durch sein Opfer die Menschen gerettet. Die Kaiphas-Logik und der Weg Jesu, die sind wie zwei Züge, die aufeinander zurasen. In jeder Passionszeit können wir das wieder nachvollziehen, wie es zu einer Kollision mit Ansage kommt zwischen den beiden Logiken, und Jesus stirbt an diesem Zusammenstoß. Aber das ist das einzige Opfer, durch das etwas besser geworden ist. Denn Jesus stirbt zwar an der Verbohrtheit der Kaiphasse dieser Welt, aber damit sind sie enttarnt. Wer Augen hat zu sehen, für den ist ihre Logik nicht mehr einsichtig. Die Jesus-Sympathisanten haben ihr jetzt etwas entgegenzusetzen: der Kaiphas-Weg funktioniert nicht, sondern fordert immer nur neue Opfer. Jesu Weg der Liebe dagegen ist selbst am Tod nicht gescheitert.

Menschen können so zusammenleben, dass nicht immer wieder jemand geopfert werden muss. Für so ein Leben ist die Welt eigentlich eingerichtet. Und man kann damit sogar jetzt schon im Angesicht der Kaiphasse und Imperatoren und Machtmenschen anfangen. Sogar jetzt schon kann man die nationalen und kulturellen und Klassengrenzen überwinden und mit den Menschen guten Willens überall auf der Welt zusammengehören. Überall gibt es die versprengten Kinder Gottes, aber durch Jesus haben sie jetzt ein Zentrum, sie haben ein gemeinsames Ziel, sie haben eine starke Grundlage.

Sie müssen sich nicht länger von sogenannten Realisten als Traumtänzer und Idealisten vorführen lassen. Die Jesusleute wissen viel besser, wie die Welt wirklich funktioniert. Sie haben keinen Anteil mehr an der Kaiphas-Welt und ihrer Logik. Und dadurch werden sie am Ende in den Spuren Jesu diese Welt überwinden, die immer neue Opfer fordert, um bleiben zu können, wie sie ist.

Mrz 112018
 

Besonderer Gottesdienst am 11. März 2018 mit Predigt zu Psalm 5

 

1 Ein Psalm Davids, vorzusingen, zum Flötenspiel.

2 HERR, höre meine Worte,
merke auf mein Seufzen!

3 Vernimm mein Schreien, mein König und mein Gott;
denn ich will zu dir beten.

4 HERR, frühe wollest du meine Stimme hören,
frühe will ich mich zu dir wenden und aufmerken.

5 Denn du bist nicht ein Gott, dem Frevel gefällt;
wer böse ist, bleibt nicht vor dir.

6 Die Ruhmredigen bestehen nicht vor deinen Augen;
du bist feind allen Übeltätern.

7 Du vernichtest die Lügner;
dem HERRN sind ein Gräuel die Blutgierigen und Falschen.

8 Ich aber darf in dein Haus gehen durch deine große Güte
und anbeten vor deinem heiligen Tempel in deiner Furcht.

9 HERR, leite mich in deiner Gerechtigkeit um meiner Feinde willen;
ebne vor mir deinen Weg!

10 Denn in ihrem Munde ist nichts Verlässliches; ihr Inneres ist Bosheit.
Ihr Rachen ist ein offenes Grab; mit ihren Zungen heucheln sie.

11 Sprich sie schuldig, Gott, dass sie zu Fall kommen durch ihr Vorhaben.
Stoße sie aus um ihrer vielen Übertretungen willen; denn sie sind widerspenstig gegen dich.

12 Lass sich freuen alle, die auf dich trauen; ewiglich lass sie rühmen, denn du beschirmest sie.
Fröhlich lass sein in dir, die deinen Namen lieben!

13 Denn du, HERR, segnest die Gerechten,
du deckest sie mit Gnade wie mit einem Schilde.

Loblieder sind die Psalmen – aber auch dieser? Dieser Psalm ist eine lange Auseinandersetzung mit Feinden, und darin nicht untypisch. Ganz oft ist die Grundsituation in den Psalmen, dass jemand von fiesen Leuten umgeben ist und sich an Gott um Hilfe wendet. So krass würden wir uns das in den Psalmen wohl eigentlich gar nicht vorstellen. Aber hier wird zuerst festgestellt: Gott will nichts zu tun haben mit Bösen jeder Art, er will nichts zu tun haben mit Großmäulern, Lügnern und Unheilstiftern. Und dann wird darum gebeten, dass diese propagandistischen Großmäuler an sich selbst scheitern, und dass sich am Ende diejenigen freuen können, die an Gott festhalten.

Darf man als guter Christ so reden?

Und der normale kirchlich-christliche Reflex auf solche Bezeichnungen ist: ja, darf man denn so über andere reden? Ist man denn dann nicht jemand, der sich über andere ein Urteil anmaßt? Kann man das denn einfach so sagen, dass die einen Gott gefallen und die anderen von ihm zu Fall gebracht werden?

Aber in der Bibel wird das dauernd gemacht. Da wird von Lügnern und Großmäulern gesprochen, von Betrügern und Mördern, und die Übersetzer haben Mühe darauf verwandt, das nicht allzu heftig klingen zu lassen. Die »Blutgierigen und Falschen«, das klingt doch etwas gesitteter als »Mörder und Betrüger«. So unterscheiden sich die verschiedenen Übersetzungen der Psalmen durch den Ton, in dem sie sprechen. Sie übersetzen in der Regel korrekt, aber der Klang ist ein anderer, sie bewegen sich – um es mal so zu sagen – in einem anderen Bedeutungsuniversum, sie orientieren sich an anderen Erfahrungen. Wer in seinem Umkreis lauter anständige Menschen und einen funktionierenden Rechtsstaat hat, der hat gar nicht so einen guten Zugang dazu, wenn im Psalm einer seufzt, weil er von Unheilstiftern, Hetzern und Lügnern umgeben ist.

Vielleicht haben wir aber in den letzten Jahren auch deutlich erleben müssen, dass die biblische Sicht auf die Welt gar nicht so weltfremd ist, sondern ziemlich realistisch: die Großmäuler sind nicht ausgestorben, sondern bekommen auch noch viel Beifall, Mörder und Völkermörder können auch höchste Ämter bekleiden, Lügner haben im Internet ein großes Betätigungsfeld, und all das vergiftet das Klima, wie sich das früher nicht viele vorgestellt hätten.

Ein realistischeres Bild von Gott

Das heißt aber auch, dass wir jetzt die Chance haben, Gott auf biblische Weise neu in den Blick zu bekommen: als den Gott, der seinen Leuten beisteht gegen die »Frevler« jeder Art, also gegen die Zerstörer und Wahrheitsverdreher, gegen die Selbstverliebten und alle, die Schwächeren Gewalt antun und ihnen die Lebensenergie rauben. In Gottes Gegenwart müssen Lügner verstummen – man macht sich das am besten klar an den Jesusgeschichten, wo seine Feinde blamiert werden und ihm nichts mehr erwidern können.

Selbst in dem wahrscheinlich bekanntesten Psalm, Psalm 23, der beginnt »Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln« und der so beliebt ist, weil da so schöne Worte für Geborgenheit und Vertrauen zu finden sind, selbst in diesem eher harmonischem Psalm tauchen dann auch die Feinde auf, wenn es heißt: »Du bereitest mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde«. Auch da wieder die selbstverständliche Gegenwart von Feinden, aber auch der Schutzraum, den Gott für seine Leute bedeutet.

Räume zum Durchatmen

Auch in unserem Psalm merkt man, wie wohltuend der Bereich des göttlichen Einflusses ist. Das war damals wohl der Tempelbezirk, aber wir können das auch deuten auf die Hauskirchen der ersten Christen und bis heute, überall in der Welt, aber besonders dort, wo man gesellschaftlich unter großem Druck steht, und wo Menschen froh sind über diesen Raum des Aufatmens, wo man anders miteinander umgeht. Man kann das auch verstehen als Hinweis auf den inneren Raum der Freiheit, wo ein Mensch zu Gott Verbindung aufnimmt. Tempel, Hauskirche, innere Freiheit – gemeint ist immer dieser Raum, wo die Zerstörer draußen bleiben müssen. Und dort holt man sich Orientierung, damit einem die Lügner nicht das Koordinatensystem verrücken, damit man nicht in den Sog ihrer destruktiven Erzählungen gerät.

Und deshalb ist auch dieser 5. Psalm ein Lob Gottes, obwohl er ja eigentlich eher von Seufzen und Anklagen geprägt ist. Aber Gott wird dafür gelobt, dass er die Falschredner mit ihrem Gift nicht in seine Nähe kommen lässt, dass man bei Gott vor ihnen geschützt ist.

»Denn du, HERR, segnest die Gerechten,
du deckest sie mit Gnade wie mit einem Schilde«

ist der letzte Vers. Da hat sich der Beter wieder gefangen und ist in der Wirklichkeit Gottes angekommen: Gott schützt mich, er wird alle jubeln lassen, die seinen Namen lieben, d.h. die Gottes Art, Gottes Handschrift kennen und lieben.

Schwer rekonstruierbare Anfänge

Ursprünglich sind das also mal Erfahrungen gewesen, die Menschen im Tempel gemacht haben. Die kamen da mit ihrer Klage hin, wir würden heute sagen: mit ihren Problemen, die Priester haben sich das angehört und haben ihnen im Namen Gottes eine Antwort gegeben. Und im Lauf der Zeit hat man gemerkt, dass es oft ähnliche Situationen waren, wegen denen Menschen zum Tempel kamen. Und man hat das gesammelt, es muss dichterisch begabte Menschen gegeben haben, die das in poetische Sprache gebracht haben. Und irgendwann hat man das aufgeschrieben, damit es nicht verloren geht. Man hat es vielleicht auch Menschen vorgesprochen, und sie haben diese Gebete nachgesprochen, es gab ja noch keine gedruckten Bücher.

Man kann das heute alles nur indirekt erschließen, weil wir nur Andeutungen darüber haben, wie der Tempel organisiert war. Aber es muss z.B. auch Chöre von Priestern und Leviten gegeben haben, die am Gottesdienst beteiligt waren. Auch Musikinstrumente gab es schon, wir können aber nur ahnen, wie die wohl funktioniert haben. Die Melodien selber kennt heute keiner mehr, weil es noch keine Noten gab; die Melodien wurden wahrscheinlich nur durch Zuhören und Nachsingen weitergegeben. Und diese Melodien würden uns wahrscheinlich sehr fremd erscheinen.

Viel später hören wir bei Paulus im Epheserbrief (5,19), dass die ersten Christen gesungen haben, unter anderem Psalmen: »Lasst in eurer Mitte Psalmen, Hymnen und Lieder erklingen, wie der Geist sie eingibt. Singt und jubelt aus vollem Herzen zum Lob des Herrn!« Vermutlich haben sie da vieles einfach aus der jüdischen Musiktradition übernommen.

Christlicher Psalmgesang

Viel später, im frühen Mittelalter, ist dann daraus eine Methode des Psalmengesanges geworden. Ich beschreibe das ganz verkürzt und würde wohl von allen Fachleuten korrigiert werden, dass das ja alles viel komplizierter ist.

Beim Vortrag von Texten ging es auch um so simple Dinge wie: dass die gut zu verstehen sein mussten. Es gab ja noch keine Lautsprecheranlagen. Und wenn man einen Text nicht nur vorliest, sondern singt, dann trägt die Stimme weiter. Man wollte auch wichtige Stellen besonders betonen oder auch Stimmungen unterstreichen, damit Menschen einen besseren Zugang zum Inhalt haben. Und es ist ja so, dass wir alle uns Texte besser merken können, wenn sie nicht einfach nur gesprochen werden, sondern auch mit irgendeiner Art von Melodie verbunden sind. Und sie berühren uns dann auch tiefer – heute würde man wahrscheinlich sagen: weil dann mehr Gehirnzentren gleichzeitig angesprochen werden. Aber das ist eigentlich viel zu technisch gedacht.

Grundmuster Parallelismus

Man hat dabei den Hauptteil der Psalmtexte einfach auf einem Ton gesungen. Es ging ja vor allem um den Inhalt. Wenn eine Zeile aber zu lang war, musste man zwischendurch etwas variieren, auch zum Luftholen. Und die Psalmen bestehen ja überwiegend aus zwei Zeilen, die sich gegenseitig erläutern, indem sie eine Sache unter zwei verschiedenen Blickwinkeln beschreiben. In unserem Psalm z.B. gleich Vers 2:

HERR, höre meine Worte,
merke auf mein Seufzen!

Zwischen diesen beiden Zeilen hat man eine Pause zum Luftholen eingefügt. Ich deute das aber gern auch so, dass dadurch ein Raum entsteht, den wir Gott öffnen, damit er da an uns wirken kann.

Am Anfang und am Ende dieser Zeilen hat man dann noch ein paar andere Töne eingefügt; es ist eine überschaubare Anzahl von Tönen, die man dafür genutzt hat, aber sie geben dem Ganzen seinen charakteristischen Klang. Wenn man das Schema einmal intus hat, dann kann man im Grunde beliebige Texte danach singen.

Für den Gebrauch im Gottesdienst hat man schließlich noch ein paar Zusätze hinzugefügt, die die ganze Gemeinde singt. Z.B. steht am Ende die Zeile »Ehre sei dem Vater und dem Sohne und dem Heiligen Geiste, wie im Anfnag, so auch jetzt und in Ewigkeit. Amen.« Das steht natürlich noch nicht in den alttestamentlichen Psalmen, sondern ist ein neutestamentlicher, christlicher Zusatz, der das Ganze in den neuen Rahmen stellt, der durch Jesus gekommen ist.

Außerdem hat man immer noch einen Leitgedanken eingefügt, eine sogenannte Antiphon, eine Art Refrain, der noch einmal einen besonderen Gedanken heraushebt oder ergänzt. Auch den kann dann die Gemeinde mitsingen, während die Psalmtexte selber von einem Vorsänger rezitiert wurden – es gab ja noch keine Gesangbücher.

In den Klöstern konnten die Mönche aber die Psalmen auswendig, und deswegen konnte man sie auch in zwei Chören singen. Die haben sich abgewechselt: jeder Chor sang eine Doppelzeile mit der charakteristischen Pause zum Atemholen in der Mitte, und dann setzte ohne Pause der andere Chor mit der nächsten Doppelzeile ein. Auf diese Weise konnte man im Lauf einer Woche bei den Stundengebeten den ganzen Psalter einmal durchsingen.

Mrz 042018
 

Predigt am 4. März 2018 zu Psalm 4

DEM MUSIKMEISTER. MIT SAITENSPIEL.
EIN DAVIDSPSALM.

Wenn ich rufe, gib mir Antwort,*
du Gott, der für mich Recht schafft.

Du hast mir Raum geschaffen in der Bedrängnis,*
sei mir gnädig und höre mein Beten!

Ihr Mächtigen, wie lange noch schmäht ihr meine Ehre‚*
wie lang liebt ihr das Nichtige und sucht die Lüge?

Erkennt: Den Treuen hat der HERR sich auserwählt.*
Der HERR — er hört es, wenn ich zu ihm rufe.

Erschreckt und lasst die Sünde!*
Bedenkt es auf eurem Lager und werdet stille!

Bringet rechte Opfer dar‚*
auf den HERRN setzt euer Vertrauen!

Viele sind es, die sagen: /
»Wer läßt uns Gutes erfahren?*
Über uns, o HERR, erhebe dein leuchtendes Antlitz!«

Du hast mir weit größere Freude ins Herz gelegt‚*
als jene sie haben bei Korn und Wein in Fülle.

In Frieden leg ich mich nieder und schlafe;*
denn du allein, HERR, lässt mich sorglos wohnen.

Wir hören hier die Worte eines Menschen, der von anderen verleumdet und unter Druck gesetzt wird. Das ist in den Psalmen eine der am häufigsten erkennbaren Situationen: da scheint es mächtige Leute zu geben, die jemanden fälschlich beschuldigen oder Schlechtes über ihn verbreiten.

Bild: geralt via pixabay,
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Und dieser manipulierte Dorfklatsch ist vermutlich deshalb so gefährlich, weil es damals ja keine Gerichte in unserem Sinn gab, wo man gegen ein Urteil auch Berufung einlegen kann. Streitigkeiten entschieden damals die Ältesten, die Oberhäupter der Familien, die sich im Stadttor trafen. Und die waren natürlich viel stärker manipulierbar durch das allgemeine Gerede, als es ein ordentliches Gericht ist. Da gab es direkte und indirekte Korruption, oder man traute sich nicht, dem Chef einer besonders angesehenen Familie zu widersprechen.

Außerdem sind in so einem überschaubaren Ort natürlich alle voneinander abhängig, und wenn über jemanden böse Gerüchte verbreitet wurden, dann konnte der nicht einfach sagen: rutscht mir doch den Buckel runter! Das hatte schnell Auswirkungen im Alltag, wenn der Rest des Dorfes mit einem nichts mehr zu tun haben will, wenn die Nachbarschaftshilfe nicht funktioniert und der Bauer von gegenüber mir nicht mehr seinen Pflug leiht, wenn meiner kaputt ist.

Nun muss man aber sagen, dass das alles Vermutungen sind. Man kann so eine Situation aus den Psalmen rekonstruieren, aber worum genau es bei diesen Verleumdungen und Streitigkeiten genau geht, das wird nie klar gesagt. Die konkrete Situation ist in der Regel nur andeutungsweise erkennbar. Viele Psalmen werden dem König David zugeschrieben, der ja ein großer Dichter und Sänger war. Manchmal werden sie sogar einer besonderen Situation in seinem Leben zugeschrieben. Aber es ist sehr unwahrscheinlich, dass alle Psalmen, über denen »Ein Davidspsalm« steht, auch wirklich von David stammen.

Aber das muss kein Nachteil sein. Die Psalmen sind eben keine Geschichtsbücher, in denen uns 3000 Jahre alte Dorfkonflikte beschrieben werden, sondern sie sind Dichtung, und weil sich da jemand an Gott richtet, ist es Gebetsdichtung. In den Psalmen sind die genauen Umstände so unpräzise beschrieben, damit sich viele Menschen darin wiederfinden können. Und die Situation, dass andere dich zu Unrecht beschuldigen, das ist eben eine universal menschliche Situation. Klatsch wird zwar bei uns heute nicht mehr am Dorfbrunnen weitererzählt, sondern bei Facebook oder WhatsApp oder auf Bewertungsportalen, aber das macht die Sache nicht angenehmer.

Wer in der Schule oder am Arbeitsplatz gemobbt wird, wo er den Leuten nicht einfach aus dem Weg gehen kann, der hat ein großes Problem. Da kann man krank von werden. In der ehemaligen DDR war das sogar staatlich organisiert durch die Stasi, da hat man Oppositonelle systematisch zermürbt, indem man mit genauer Planung Gerüchte über sie verbreitet hat.

Deswegen sagt ja auch das 8. Gebot: »Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten«. Es geht nicht ums Lügen allgemein, sondern um Lügen, mit denen man andere in ihrem Umfeld unmöglich machen will, vielleicht sogar ihre soziale Existenz zerstört. Es geht um Menschen, die über andere eine falsche Geschichte erzählen und damit ihre Ehre, ihre Reputation, ihren Ruf ruinieren wollen. Man nennt das heute eher Mobbing, aber die Mechanismen sind die gleichen.

Ganz viele Psalmen beschreiben also eine Mobbing-Situation. Wenn man die Psalmen nicht nur in Auszügen liest, sondern ganz, dann ist es total auffällig, wie oft das vorkommt. Und erst recht auffällig ist es, dass Gott dabei derjenige ist, auf den die Gemobbten hoffen. Wir würden es ja vielleicht eher so erwarten, dass da gesagt wird: nimm das als Anlass, in dich zu gehen, überlege, ob die nicht vielleicht Recht haben, irgendwie musst du doch auch Schuld haben, wenn die dir so etwas vorwerfen, du bist schließlich auch ein Sünder.

Aber in den Psalmen ist Gott nicht jemand, der Menschen die von außen angegriffen werden, auch noch von innen bedrängt und ihnen ein schlechtes Gewissen macht. Stattdessen ist Gott in den Psalmen immer wieder der letzte und einzige Verbündete, den einer noch hat. So wie in unserem Psalm 4 gleich in der ersten Strophe nach der Überschrift:

Wenn ich rufe, gib mir Antwort,*
du Gott, der für mich Recht schafft.

Gott erscheint in den Psalmen immer wieder als der starke Verbündete, der dem Gemobbten beisteht und ihm Recht verschafft. Man kann sogar vermuten, dass es dafür im Tempel ein Ritual gab, in dem sich der Angegriffene verteidigen konnte, eine Art Gottesurteil, das die Priester vollzogen. Auch darüber wissen wir leider nichts wirklich Klares, aber in den Psalmen finden sich immer wieder Andeutungen, dass der Tempel eine Art Berufungsinstanz war, wo Menschen Zuflucht fanden, die in ihrer Gemeinschaft verurteilt worden waren. In den Gesetzen des Mose hören wir von einem Ritual für Frauen, die fälschlich des Ehebruchs beschuldigt wurden. Aber über das meiste haben wir nur Andeutungen.

Hier in unserem Psalm scheint es nun so zu sein, dass im Tempel so eine Art Gottesurteil zugunsten des Beters ausgegangen ist, denn es heißt ja:

Du hast mir Raum geschaffen in der Bedrängnis,*
sei mir gnädig und höre mein Beten!

Und das Problem scheint zu sein, dass die Verleumder trotz dieses Gottesurteils nicht aufhören mit ihrem Gerede. Denn anschließend wendet sich der Beter direkt an seine Verleumder:

Ihr Mächtigen, wie lange noch schmäht ihr meine Ehre‚*
wie lang liebt ihr das Nichtige und sucht die Lüge?

Anscheinend akzeptieren die nicht, dass Gott sich in irgendeiner Weise für diesen Beter ausgesprochen hat. Aber das Gute ist, dass dieser Psalm ihm Worte gibt, um die Situation zu kennzeichnen. Jemand, der gemobbt wird, der findet sich ja in einem Strudel von negativer Energie wieder, von allen Seiten dringen die Angriffe und Verleumdungen auf ihn ein. Das ist äußerst verwirrend. Natürlich fragst du dich in so einer Situation, ob die vielleicht Recht haben. Wenn es alle sagen, vielleicht bin ich ja wirklich so? Und es kann sein, dass Menschen dann das Urteil der anderen über sich akzeptieren und sich selbst als wertlos ansehen.

Wir hören das heute dauernd von Menschen, die von anderen missbraucht worden sind, dass die Täter denen dann auch noch einreden, sie seien selbst schuld, weil sie böse wären, und die schämen sich sowieso schon und können sich dann erst recht nicht wehren, weil sie in ihrem Selbstwert beschädigt worden sind. Aber das läuft alles indirekt und verwirrend ab, dass sie gar nicht begreifen, was da mit ihnen geschieht.

Hier in unserem Psalm wird deshalb ein anderes Deutungsmuster angeboten: da sind Mächtige, die die Ehre, das Ansehen anderer zerstören wollen. Und dazu bedienen sie sich der Lüge und sind verliebt in das »Nichtige«, damit ist gemeint das Kaputte und Zerstörerische. Es sind Menschen, die Unheil stiften, es sind Zerstörer. Und damit hat so ein Mensch endlich Worte für das, was ihm angetan wird. So wie es gut ist, dass es heute Worte wie »Mobbing« oder »Missbrauch« gibt, die Menschen helfen, ihre Situation zu begreifen.

Der Vorzug der Psalmen ist aber, dass sie Gott in diese Situation hineinbringen als den großen Verbündeten gegen die Verleumder. Und der Beter ruft seine Feinde auf, das endlich anzuerkennen:

Erkennt: Den Treuen hat der HERR sich auserwählt.*
Der HERR — er hört es, wenn ich zu ihm rufe.

Erschreckt und lasst die Sünde!*
Bedenkt es auf eurem Lager und werdet stille!

Er sagt damit: ich habe einen Verbündeten, unterschätzt den nicht! Denkt noch mal darüber nach, ob ihr euch mit Gott anlegen wollt! Wir scheuen uns heute, so direkt Gott ins Spiel zu bringen, ja sogar mit ihm zu drohen, weil damit ja auch viel Schindluder getrieben worden ist. Aber ich glaube, dass man das durchaus ernst nehmen sollte: es ist gar nicht so selten, dass Menschen, die andere hartnäckig verleumden, ein böses Ende finden. Zerstörer zerstören immer auch sich selbst mit. Auf jeden Fall bringen sie sich um die Erfahrung, dass man sich auf Gott verlassen kann. Und in dieses Vertrauen lädt der Psalmbeter sie ein:

Bringet rechte Opfer dar‚*
auf den HERRN setzt euer Vertrauen!

Er beschreibt die zynische Haltung, die sich einstellt, wenn man aus diesem Vertrauen herausgefallen ist:

Viele sind es, die sagen: /
»Wer läßt uns Gutes erfahren?*

Das ist die Haltung von Menschen, die sagen: um mich kümmert sich ja doch keiner, ich muss für mich selbst sorgen! Wir erleben, wie zerstörerisch sich das in der Politik auswirkt, wenn Menschen sich in diese Haltung verrennen: ich bin denen da oben doch egal! Selbst wenn es stimmt (und es stimmt ja leider manchmal), dann ist das eine zerstörerische Haltung, aus der nichts Gutes entsteht, für niemanden. Dagegen setzt der Psalmbeter die Bitte:

Über uns, o HERR, erhebe dein leuchtendes Antlitz!«

Und er beschreibt, dass es tatsächlich eine Gemeinschaft mit Gott gibt, die unabhängig ist von den Umständen, unter denen Menschen leben müssen:

Du hast mir weit größere Freude ins Herz gelegt‚*
als jene sie haben bei Korn und Wein in Fülle.

Es gibt tatsächlich eine Freude, die von innen kommt und die einem niemand nehmen kann. Alle äußeren Reichtümer und Erlebnisse müssen ja bei uns innen ankommen, und wenn das gestört ist, dann nützt auch die tollste Urlaubsreise nichts: sie bleibt äußerlich. Was nützen Korn und Wein in Fülle, wenn Menschen mit sich und ihrem Ursprung nicht im Reinen sind?

Dagegen sagt der Psalmbeter: auch wenn ich verleumdet werde,

In Frieden leg ich mich nieder und schlafe;*
denn du allein, HERR, lässt mich sorglos wohnen.

Vielleicht hat er eine Art Zuflucht im Tempel gefunden, die genauen Umstände wissen wir nicht, aber Gott hat dafür gesorgt, dass er wieder ruhig schlafen kann. So wie Petrus viel später in der Nacht vor seiner geplanten Hinrichtung tief und fest schlief.

Gott schaut auf uns und übersieht uns nicht. Und so begegnet Gott bis heute angegriffenen und verleumdeten Menschen, die sich an ihn wenden, und schenkt ihnen ruhigen Schlaf.