Jan 282018
 

Besonderer Gottesdienst am 28. Januar 2018 mit Predigt zu Hebräer 11,8-16

Diese Predigt war Teil eines Besonderen Gottesdienstes zum Thema !Heimat“. In einem ersten Teil wurden Videoaufnahmen mit Äußerungen verschiedener Interviewpartner zum Thema eingespielt.

In der Einleitung zum Gottesdienst hieß es:

Mit »Heimat« scheint vor allem gemeint zu sein: mit anderen Menschen zusammenzugehören, egal, ob das die Dorfgemeinschaft ist, die Familie, oder die Fans, mit denen man feiert. Da stellt sich jeder etwas zusammen, manchmal auch eine Mischung aus verschiedenen Zugehörigkeiten, und das findet dann seinen Ausdruck in Ritualen und Gemeinschaftsformen. Manchmal ist es mit einer Landschaft verbunden, manchmal mit eher abstrakten Gedanken und Werten. Aber es geht immer um die Zugehörigkeit, um ein Wir-Gefühl, das unkompliziert zugänglich ist.

Damit wird natürlich auch ein Problem sichtbar: Zugehörigkeit funktioniert oft gar nicht gut; deshalb wünschen wir sie uns ja auch so sehr. Und nicht alle Gemeinschaften, zu denen wir gern gehören möchten, halten, was sie versprechen. Eigentlich gibt uns keine all das, was diese Hoffnung erfüllen könnte, die wir, wenn es gut geht, aus der Kindheit haben.
Aber ich glaube, was wir uns unter dem Begriff der »Heimat« ersehnen, das könnte man zusammenfassend beschreiben als dieses Gefühl der fraglosen Zugehörigkeit zu einer überschaubaren Gemeinschaft, die oft mit einem Ort und regelmäßigem gemeinsamen Zusammenkommen verbunden ist.

Deswegen blickt man auf »Heimat« nicht selten romantisch zurück: irgendwann früher war das, in der Kindheit oder auch vor Generationen, vor vielen Jahren, als die Welt noch in Ordnung war. Im Rückblick verklärt sich das dann zu einer heilen Vergangenheit, die aber meistens gar nicht so heil war, solange sie noch Gegenwart war.

Mit der Überlegung, dass Heimat etwas ist, wo noch keiner war, steht der jüdische Philosoph Ernst Bloch ganz nah bei dem, was wir in der Bibel zum Thema finden: auch in der Bibel ist Heimat etwas, das wir nicht haben, sondern worauf wir erst zugehen und was wir erhoffen. Abraham z.B. wurde von Gott aufgefordert, seine Heimat zu verlassen, weil Gott ihm eine neue Heimat geben wollte. Das durchdenkt im Neuen Testament z.B. der Hebräerbrief:

8 Aufgrund des Glaubens gehorchte Abraham dem Ruf, wegzuziehen in ein Land, das er zum Erbe erhalten sollte; und er zog weg, ohne zu wissen, wohin er kommen würde. 9 Aufgrund des Glaubens siedelte er im verheißenen Land wie in der Fremde und wohnte mit Isaak und Jakob, den Miterben derselben Verheißung, in Zelten; 10 denn er erwartete die Stadt mit den festen Grundmauern, die Gott selbst geplant und gebaut hat. 11 Aufgrund des Glaubens empfing selbst Sara, die unfruchtbar war, die Kraft, trotz ihres Alters noch Mutter zu werden; denn sie hielt den für treu, der die Verheißung gegeben hatte.
12 So stammen denn auch von einem einzigen Menschen, dessen Kraft bereits erstorben war, viele ab: zahlreich wie die Sterne am Himmel und der Sand am Meeresstrand, den man nicht zählen kann. 13 Im Glauben sind diese alle gestorben und haben die Verheißungen nicht erlangt, sondern sie nur von fern geschaut und gegrüßt und sie haben bekannt, dass sie Fremde und Gäste auf Erden sind.
14 Und die, die solches sagen, geben zu erkennen, dass sie eine Heimat suchen. 15 Hätten sie dabei an die Heimat gedacht, aus der sie weggezogen waren, so wäre ihnen Zeit geblieben zurückzukehren; 16 nun aber streben sie nach einer besseren Heimat, nämlich der himmlischen. Darum schämt sich Gott ihrer nicht, er schämt sich nicht, ihr Gott genannt zu werden; denn er hat ihnen eine Stadt bereitet.

Dieser Abschnitt des Hebräerbriefes schaut zurück auf einen der entscheidenden Momente in der Geschichte Israels und der Weltgeschichte überhaupt. Ziemlich am Anfang der Bibel, gleich nach der Geschichte vom Turmbau zu Babel, im 12. Kapitel des 1. Buches Mose, fordert Gott Abraham auf, seine Heimat zu verlassen und im Vertrauen auf Gottes Zusage in ein unbekanntes Land zu ziehen. Das ist die Geburtsstunde Israels und ein Wendepunkt der Weltgeschichte. Gott will einen Neuanfang machen, und dafür braucht er jemanden, der sich von all seinen bisherigen Zugehörigkeiten löst. Der Turm zu Babel war der Versuch von Menschen, über ein großes Symbol-Bauwerk ihren Zusammenhalt zu sichern. Das ging gründlich schief. Seitdem ist die Menschheit in viele Nationen aufgeteilt. Jetzt will Gott in einem neuen Land einen Neuanfang machen, mit einem Menschen, der seine ganzen alten Bindungen gekappt und hinter sich gelassen hat.

Um zu zeigen, wie fundamental dieser Aufbruch war, möchte ich den Historiker Larry Siedentop zitieren, der den Zusammenhang zwischen den antiken Menschen und ihrer Heimat so beschreibt:

»Nach seinem Selbstverständnis verteidigte der antike Bürger das Land seiner Ahnen, die zugleich seine Götter waren. Seine Vorfahren waren untrennbar verbunden mit dem Boden, auf dem die Stadt stand. Diesen Boden zu verlieren war gleichbedeutend mit dem Verlust der Familiengötter. …
Bei der Verteidigung der Stadt kämpfte der Bürger folglich für den Kern seiner Identität. Religion, Familie und Territorium waren untrennbar verbunden, eine Kombination, die den antiken Patriotismus in eine überwältigende Leidenschaft verwandelte.«

Das heißt: diese ganzen Bausteine von Heimat, aus denen sich heute jeder selbst irgendwie sein Heimatgefühl zusammenstellt – Dorf und Verein, Familie und Fußball, Religion und Nation, Landschaft und Wirtschaft, wie wir es am Anfang gesehen haben – das war in der Antike eine Einheit, die man nur im Paket haben konnte. Für dieses Paket haben die Leute selbstverständlich alles gegeben, wenn es sein musste, sogar ihr Leben. Denn das war alles, was sie hatten, ihre ganze Zugehörigkeit.

Aber Abraham sollte das alles aufgeben und stattdessen in ein Land ziehen, das er noch nicht einmal kannte. Und der Hebräerbrief sagt: es wurde noch nicht einmal seine endgültige Heimat, sondern sie wohnten da nur in Zelten. In Wirklichkeit warteten sie auch dort noch auf die Heimat, die es noch gar nicht gab, die Stadt, die Gott ihnen erst noch bauen wollte. Sie haben sie nur von fern geschaut und gegrüßt, heißt es da. Klingt das nicht verdächtig nach der Formulierung von Ernst Bloch, Heimat sei etwas, »das allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war«?

Selbstgeschaffene Identität

Der Hebräerbrief beschreibt deshalb die Christenheit als das »wandernde Gottesvolk«, auf dem Weg zu einer Heimat, die erst noch kommen wird, hin zu einer Welt, die erst noch so werden soll, wie Gott sie gemeint hat. Und immer, wenn die Christen dachten, sie wären schon angekommen, dann kamen sie in Gefahr, ihren eigenen, christlichen Turm zu Babel zu bauen, mit all den Abgrenzungen, die das nach sich zieht, nur dass die Christen sich dann nicht in verschiedene Nationen zerstreuen, sondern in viele Konfessionen.

Diese Aufspaltungen entstehen immer dann, wenn Menschen sich selbst so etwas wie Heimat schaffen und sichern wollen. Wenn ihnen die Heimat, die Zugehörigkeit, das Wir-Gefühl nicht zufällt wie ein Geschenk, wie eine unerwartete Gabe, sondern wenn Menschen das festhalten und befestigen wollen mit Ideologien und Institutionen, mit Bauten und Symbolen, damit das auf jeden Fall sicher bleibt. Vor allem bleibt es dann in der Regel nicht aus, dass man den Zusammenhalt sichert durch den Blick auf die anderen, die nicht so sind, die nicht dazugehören, die Feinde, die »uns« bestimmt Böses wollen. Und genau das verdirbt die heimat.

Heimat bleibt Geschenk

Es ist im Grunde mit der Heimat so wie mit allen anderen Gaben Gottes: wenn wir etwas als Geschenk aus Gottes Hand entgegennehmen, dann ist es gut, es richtet nichts Schlimmes an, sondern bringt Segen mit sich. Wenn wir es uns als Beute unter den Nagel reißen und es mit keinem teilen wollen, dann verdirbt es und bringt uns das Gegenteil von dem, was wir uns wünschen. Die Heimat hat da eine schwierige Geschichte, weil so viele Kriege schon zur Verteidigung der Heimat geführt worden sind. Gerade in der Neuzeit, wo man Gott lieber beiseite geschoben hat, ist dann schnell die Nation an Gottes Stelle getreten, und man hat sich dann mit beinahe religiöser Inbrunst sein Selbstbewusstsein daraus gezogen und sich für die Nation eingesetzt. Aus einem Geschenk wurde ein Götze.

Deswegen hat Gott Israel immer wieder daran erinnert: das Land, das ich euch gebe, das gehört euch nicht, sondern es gehört mir; und ihr seid dort meine Gäste. Immer wenn sie das vergaßen und das Land als ihr Eigentum ansahen, auf das sie einen rechtmäßigen Anspruch hatten, dann verloren sie ihr Land über kurz oder lang.

Heimat ist noch verborgen

Wir haben in der Lesung (Lukas 9,57-62) vorhin gehört, wie Jesus selbst von sich sagt: ich bin heimatlos, mir gehört nichts, wo ich mein Haupt hinlegen könnte. Die Vögel und die Füchse mit ihren Nestern und Bauen haben mehr davon als ich. Und wie er dann von Menschen, die ihm nachfolgen wollen, verlangt, dass sie auch die ganzen Bindungen, in denen sie stecken, hinter sich lassen, wenn sie ihm nachfolgen wollen. Er tritt da ganz deutlich in die Spuren Abrahams.

Und von da aus blickt der Hebräerbrief zurück und sagt: auch Abraham war klar, dass das verheißene Land nicht die Endstation sein sollte, sondern das war erst ein Zeichen für die endgültige Heimat. Und im Philipperbrief schreibt Paulus: unsere Heimat ist im Himmel. Dort ist sie noch verborgen, wir sind noch auf dem Weg, wir sind Bürger der kommenden Welt, aber wir versuchen deshalb, jetzt schon zu leben als Menschen, die wissen, dass sie eigentlich woanders hingehören.

Heimat ist etwas Zerbrechliches

Warum sind Jesus, Paulus und all die anderen da so radikal? Weil sie wissen, wie schnell unsere Zugehörigkeiten und Heimaten ebenso wie unsere Besitztümer zu falschen Sicherheiten werden, auf die wir mehr vertrauen als auf Gott. Weil wir immer in Gefahr sind, aus Gottes guten Geschenken einen Anspruch zu machen, auf den wir ein Recht haben, den wir sogar manchmal gegen alle anderen verteidigen.

Das schöne an dem klassischen Heimatlied »Kein schöner Land« ist, dass es da relativ unschuldig ist. Da erinnert sich jemand an die schönen Momente im vertrauten Kreis von Freunden, unter den Linden im Tal, er wünscht sich, dass das noch lange so weitergeht, aber er weiß, dass es dafür keine Garantie gibt. Heimat ist etwas Zerbrechliches. Und deshalb überlässt er es Gott, wie lange er ihnen dieses Geschenk der Gemeinschaft gibt. So kann man, glaube ich, von »Heimat« sprechen, und dagegen hätte wohl auch Ernst Bloch nur einzuwenden, dass man nicht zu sehr zurückschauen sollte, weder in die Kindheit, noch in eine idealisierte Vergangenheit. Die Heimat liegt in Wirklichkeit vor uns, so wie Abraham nach vorn schaute und nicht zurück, als er aufbrach in das verheißene Land.

Gewalt verdirbt alles

Gott wird uns immer wieder solche Geschenke einer vorübergehenden Heimat machen. Wir dürfen das erwarten. Und mit all dem nährt er in uns die Erinnerung an die Heimat, in der noch keiner war. Wiir dürfen sie von fern schauen und grüßen, aber wir sollen sie nicht verwechseln mit den Orten, wo wir für begrenzte Zeit Gäste sind. Dass Jesus immer wieder und gern bei anderen zu Gast war, ist kein Zufall.

Heimat, die Geschenk bleibt, ist gut. Nach ihr Ausschau zu halten, ist gut. Sich über sie zu freuen, ist gut. Nur wenn wir sie mit aller Gewalt festhalten wollen, dann verdirbt sie. Wir sind noch unterwegs nach der neuen Welt, unserer wahren Heimat, die irgendwo hinter dem Horizont liegt; und nicht wir haben es in der Hand, wann diese Suche zu Ende ist.

Jan 212018
 

Predigt am 21. Januar 2018 zu Psalm 1

Selig der Mensch, der nicht dem Rat der Frevler folgt, /
der nicht betritt den Weg der Sünder‚*
nicht sitzt im Kreise der Spötter,

der vielmehr seine Lust hat an der Weisung des HERRN‚*
der bei Tag und bei Nacht über seine Weisung nachsinnt.

Er gleicht dem Baum, der an Wasserbächen gepflanzt ist, /
der zur rechten Zeit seine Frucht bringt*
und dessen Blätter nicht welken.

Was immer er tut,*
es wird ihm gelingen.

Nicht so die Frevler!*
Sie sind wie Spreu, die der Wind vor sich hertreibt.

Darum werden Frevler im Gericht nicht bestehen,*
noch Sünder in der Gemeinde der Gerechten.

Denn der HERR weiß um den Weg der Gerechten,*
aber der Weg der Frevler verliert sich.

Dieser Psalm, und damit das ganze Buch der Psalmen, beginnt wie die Bergpredigt mit einer Seligpreisung: Selig der Mensch, der auf Gottes Weisung hört! Wir gut ist der dran, der Freude an Gottes gnädiger Wegweisung hat!

Und dann wird mit ganz wenigen Worten das Bild eines Menschen gezeichnet, der Tag und Nacht im Gespräch mit Gottes Worten ist. Ich gehe mal davon aus, dass auch dieser Mensch essen und schlafen muss, dass er auch arbeiten muss, d.h. man muss sich das nicht so vorstellen, als ob der nichts anderes macht als die Bibel zu lesen. Sondern dass er sein ganzes Leben mit der Schrift in Verbindung bringt und dauernd dabei ist, solche Verbindungen herzustellen. Und in dieser Orientierung auf das geschriebene Zeugnis von Gottes Reden begegnet ihm immer wieder Gott selbst. Aus dem geschriebenen Wort der Bibel erhebt sich das lebendige Reden Gottes.

Und nun ist die Frage: warum ist genau dieser Mensch so gut dran? Warum ist es erstrebenswert, so zu leben?

Wurzeln, die unabhängig machen

Und die Antwort ist: weil er Wurzeln hat, aus denen er in guten und schlechten Zeiten leben kann. Das Bild dafür ist ein Baum, der an einem Bewässerungskanal gepflanzt ist: der kann sich mit seinen Wurzeln immer wieder Wasser holen, auch wenn es lange Zeit nicht geregnet hat und alles trocken ist. In einer langen Trockenheitsperiode verdorren Gräser und auch größere Gewächse gehen ein, wenn der Grundwasserspiegel sinkt. Aber der Baum am Bewässerungskanal überlebt, und noch mehr: er kann mit Hilfe der eigentlich tödlichen Hitze sogar noch besonders süße Früchte wachsen lassen.

Dieses Bild vom Baum, der am Wasser gepflanzt ist, bedeutet also: ob du Zeiten der Gefahr und der Bedrohung heil überstehst, ob du in solchen Zeiten vielleicht sogar besonders starke Sachen hinkriegst, das entscheidet sich daran, ob du Wurzeln hast, auf die du dich verlassen kannst.

Ein geschriebenes Gegenüber

Es gibt eine Geschichte vom ersten Landesbischof der Hannoverschen Landeskirche nach dem Zweiten Weltkrieg, Hans Lilje, aus der Zeit, als er noch nicht Bischof war. Der hatte in der Zeit des Nationalsozialismus Kontakte zur Anti-Hitler-Opposition und wurde deswegen verhaftet und kam ins Gefängnis. Und als er dann nach der Verhaftung zum ersten Mal ganz allein in der Zelle saß, da fand er in einer Tasche einen alten Bleistift­stummel, den sie bei der Durchsuchung seiner Sachen übersehen hatten. Und irgendwo auch noch einen Fetzen Papier, einen alten Fahrschein oder so etwas. Und dann nahm er den Bleistift­stummel und schrieb auf diesen Fetzen den Anfang des 23. Psalms: »Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.« Mehr Platz war da nicht. Aber das »nichts«, »mir wird nichts mangeln«, hat er noch einmal kräftig unterstrichen. Und dieser Papierfetzen hat ihn durch die ganze Zeit der Haft begleitet und ihm Widerstandskraft gegeben.

Warum war es so wichtig, das aufzuschreiben? Diesen Vers »Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln«, der ist so bekannt, selbst heute kennen ihn immer noch viele Menschen auswendig. Und Lilje kannte ihn garantiert schon fast sein ganzes Leben lang.

Aber was wir im Kopf haben, das ist uns nicht immer gleich zugänglich. Es gibt Zeiten, da kommen wir gar nicht auf Dinge, die uns zu anderen Zeiten geläufig und selbstverständlich sind. Und wir wissen ja eigentlich, dass unser Gedächtnis uns je nach Situation auch mal böse Streiche spielen kann. In Zeiten, wo wir unglücklich sind, da erinnern wir uns gar nicht an die Zeiten, wo es anders war, sondern wir haben das Gefühl: die ganze Welt ist dunkel, und das ist immer so und das wird sich auch nie wieder ändern. Wir brauchen dann jemanden, der uns behutsam daran erinnert, dass unsere gegenwärtige Traurigkeit nicht die ganze Wahrheit ist und dass sich die Tage auch wieder ändern können.

Weil Hans Lilje das wusste, deshalb hat er sich den Anfang des 23. Psalms aufgeschrieben, damit er etwas hatte, das nicht den Launen der Situation unterworfen war, sondern ihn immer wieder daran erinnern konnte, was für ihn galt. Auch dann, wenn er in Verhören unter Druck geraten oder durch die Ungewissheit und Einsamkeit in Depressionen versinken würde. Das geschriebene Zeugnis von Gottes Reden sollte ihn daran erinnern, dass Gott von außen in unser Leben hineinspricht und so die Situation verändert, in der wir stecken.

Abstand halten

Das gilt schon für den Fetzen Papier mit dem ersten Vers von Psalm 23; und es gilt erst recht von der ganzen Bibel: die Bibel ist das gesammelte Zeugnis von Gottes Reden zu Menschen, und sie soll uns zu allen Zeiten darauf hinweisen, dass Gott sich von der Welt unterscheidet. Gott ist nicht der religiöse Zuckerguss auf der Welt, wie sie ist, sondern er hilft uns Abstand zu halten und die Welt, wie sie ist, kritisch zu befragen: ist das alles denn so, wie es sein soll? Ist das alles richtig? Habe ich vor dem Richtigen Angst oder vor dem Falschen?

Wenn die Welt ok wäre, wenn sie wunderbar funktionieren würde ohne Probleme, dann würden wir die Bibel nicht brauchen. Dann könnten wir einfach so leben und alles wäre gut. Weil wir aber in einer Welt leben, die durcheinander geraten ist, in der ganz vieles schief läuft, deshalb brauchen wir die Schrift. Sie verschafft uns den nötigen Abstand zur Welt, damit wir unterscheiden können, was dem Willen Gottes entspricht und was nicht. Dadurch können wir Unrecht als Unrecht erkennen, und so können wir es sehen, wenn wir auf dem falschen Weg sind. Die Bibel ist das Dokument einer Alternative zu der Welt, die wir kennen. Sie bringt uns in Verbindung mit dem Schöpfer und seinen wahren Absichten mit der Welt.

Und so, wie der Fetzen Papier von Hans Lilje ihm geholfen hat, den Drohungen und dem Druck der Nazis im Gefängnis zu widerstehen, so hat die Bibel die Christen immer wieder geholfen, Distanz zu den Herren und Machthabern dieser Welt zu entwickeln. Die Gerechten sind nicht abhängig von den Herren dieser Welt und ihrer Macht, weil sie tiefe Wurzeln haben. Sie wissen: die Welt gehört ihrem Schöpfer, und sie funktioniert nach seinen Absichten und Regeln.

Eine Tradition des Nachdenkens

Deswegen sind Juden und Christen, wenn sie gut waren, immer gebildete Leute gewesen, die nachgedacht haben. Sie wussten: die Dinge sind nicht einfach so, wie sie auf den ersten Blick aussehen. Man muss mindestens zweimal hinsehen. Deshalb waren die Juden in der Antike das Volk, wo jedenfalls die Männer alle lesen konnten. Jeden Sabbat haben sie in den Synagogen die Schrift vorgelesen und diskutiert, die Armen ebenso wie die Reichen.

Genauso bei den Christen, auch da haben sie die Schriften vorgelesen, zugehört und in ihrem Licht die Welt begriffen. In der Reformation hat man Schulen eingerichtet, damit jeder selbst die Bibel lesen konnte. Bis heute ist es so: wer in der Bibel liest, der ist meistens auch gewohnt nachzudenken und sich über komplizierte Zusammenhänge Gedanken zu machen. Die Bibel gibt uns eine Sicht auf das Ganze, von der Schöpfung am Anfang über die Geschichte Israels, aber auch der Antike überhaupt, bis hin zur neuen Schöpfung. Die Welt zerfällt nicht in einen Haufen einzelner Momente, sondern sie ordnet sich sinnvoll zusammen. Es gibt eine große Geschichte, in die wir hineingehören. Und die kann man nicht einfach so hinbiegen, wie man es gerade möchte, weil sie ja aufgeschrieben ist. Sie ist ein unabhängiges Gegenüber, das nicht unserer Stimmung unterworfen ist, aber sie ist so flexibel und reichhaltig, dass sie in jeder Lage wieder neue Einsichten freisetzen kann.

Die Bibel ist nicht einfach, weil sie mit menschlichen Worten Gottes Perspektive auf die Welt und unser Leben beschreibt. Eigentlich geht das gar nicht, aber irgendwie kriegt das die Bibel doch hin. An ihr lernen wir, dass die Dinge nicht so sind, wie sie scheinen. Wir lernen, nicht sofort zu reagieren, sondern vorher nachzudenken.

Freiheit zwischen Reiz und Reaktion

Es ist der Kern menschlicher Freiheit, dass wir nicht automatisch reagieren. Menschen, die ihre Freiheit aufgegeben haben, sagen: ich konnte nicht anders. Der hat mich so angeguckt, da musste ich ihm eins auf die Nase geben. Das Essen sah so gut aus, da musste ich einfach zugreifen. Die Gelegenheit war so verlockend, ich konnte einfach nicht widerstehen. Aber all diese Gedanken verleugnen unsere Freiheit, dass wir immer Alternativen haben. Wir sind nicht instinktgesteuert, sondern zwischen der Situation und unserer Antwort darauf liegt immer dieser Moment, in dem wir innehalten, überlegen und anders entscheiden können.

Dietrich Bonhoeffer hat – ebenfalls in einem nationalsozialistischen Gefängnis – die Beobachtung gemacht, wie seine Mithäftlinge, aber genauso die Wärter, ganz von der aktuellen Situation dominiert waren: wenn es etwas zu essen gab, waren sie nur gierig, wenn ein Bombenangriff kam, hatten sie nur Angst, wenn eine schlechte Nachricht kam, waren sie nur deprimiert. Der erste Psalm sagt dazu, dass solche Leute wie Spreu sind, die vom Wind verweht wird. Sie werden von einem Einfluss hierhin und vom nächsten dorthin getrieben. Weil Bonhoeffer andere Wurzeln hatte, deshalb konnte er sich davon unabhängiger machen, und sie begannen, ihn zu bewundern, weil sie an ihm etwas spürten, was sie nicht verstanden: dass er eine viel größere Freiheit hatte. Dass er sie beruhigen oder trösten konnte, weil er nicht einfach nur auf die Situation reagierte.

Den Widerspruch aushalten

Das meiste Böse entsteht daraus, dass Menschen nur so einen kleinen Ausschnitt der Welt wahrnehmen und darauf reagieren, ohne tiefer nachzudenken. Gott ist dabei sowieso ausgeblendet, aber auch die ferneren Folgen unserer Handlungen. Der Psalm stellt solche Menschen dem Gerechten gegenüber, der erst einen Schritt zurücktritt und im Dialog mit der Schrift nachdenkt, der nach Gottes Perspektive fragt. Die »Frevler«, wie der Psalm sie nennt, treten meist im Rudel auf, sie machen sich keine großen Gedanken, im Gegenteil, sie lachen über alle, die Nachdenken, die auf Gott hören und darauf bestehen, dass man sich nicht vom Augenblick leiten lässt. Sie ertragen nicht diese Spannung zwischen der Welt, wie sie ist, und Gottes Willen. Sie halten den Widerspruch nicht aus und verschließen deshalb die Augen davor.

Die Schrift leitet uns aber an, die großen und die kleinen Dinge in den Zusammenhang der Geschichte Gottes mit der Welt zu stellen. Und das ist ein Glück und eine Freude, wenn sich die Welt so zu einem großen Bild fügt, wo alles sinnvoll zusammengehört. Es ist die Freude an der Freiheit, die wir von Gott bekommen, die uns unabhängig macht und uns eine Stärke gibt, von der die anderen kaum etwas ahnen.

Jan 142018
 

Predigt am 14. Januar 2018 zu 1. Korinther 2.1-10

Als ich zu euch kam, Geschwister, um euch das Geheimnis zu verkünden, das Gott uns enthüllt hat, versuchte ich nicht, euch mit geschliffener Rhetorik und scharfsinnigen Argumenten zu beeindrucken. 2 Nein, ich hatte mir vorgenommen, eure Aufmerksamkeit einzig und allein auf Jesus Christus zu lenken – auf Jesus Christus, den Gekreuzigten. 3 Außerdem fühlte ich mich schwach; ich war ängstlich und sehr unsicher, als ich zu euch sprach. 4 Was meine Verkündigung kennzeichnete, waren nicht Überredungskunst und kluge Worte; es war das machtvolle Wirken von Gottes Geist.  5 Denn euer Glaube sollte sich nicht auf Menschenweisheit gründen, sondern auf Gottes Kraft.
6 Und doch ist unsere Botschaft eine Botschaft voller Weisheit. Verstanden wird diese Weisheit allerdings nur von denen, die der Glaube an Christus zu geistlich reifen Menschen gemacht hat. Denn sie hat nichts zu tun mit der Weisheit dieser Welt und mit der Klugheit ihrer Herrscher, deren Macht schon bald vergeht. 7 Nein, was wir verkünden, ist Gottes Weisheit. Wir verkünden ein Geheimnis: den Plan, den Gott schon vor der Erschaffung der Welt gefasst hat und nach dem er uns Anteil an seiner Herrlichkeit geben will. Dieser Plan ist bisher verborgen gewesen. 8 Keiner von den Machthabern dieser Welt hat etwas von dem Plan gewusst; keiner von ihnen hat Gottes Weisheit erkannt. Sonst hätten sie den Herrn, dem alle ´Macht und` Herrlichkeit gehört, nicht kreuzigen lassen. 9 Es heißt ja in der Schrift: »Kein Auge hat je gesehen, kein Ohr hat je gehört, und kein Mensch konnte sich jemals auch nur vorstellen, was Gott für die bereithält, die ihn lieben.« 10 Uns aber hat Gott dieses Geheimnis durch seinen Geist enthüllt – durch den Geist, der alles erforscht, auch die verborgensten Gedanken Gottes. [NGÜ]

Um Paulus hier zu verstehen, sollte man seine Geschichte mit der Gemeinde in Korinth kennen. In der Apostelgeschichte wird davon erzählt, dass er aus Athen nach Korinth kam. Athen pflegte damals seinen Ruf als Hauptstadt der griechischen Philosophie. Sokrates, Plato und Aristoteles hatten dort gewirkt, die ganz großen Philosophen des Altertums. Das war zu Paulus‘ Zeiten zwar schon einige Jahrhunderte her, aber in Athen bildeten sie sich immer noch viel ein auf ihre Tradition der Weisheit.

Bild: Anestiev via pixabay, Lizenz: creative commons CC0

Und Paulus hat dort auch eine eindrucksvolle Rede gehalten, mit der er den athenischen Intellektuellen einen eleganten Zugang zum Christentum öffnete. Bis heute ist man beeindruckt, wenn man das in der Apostelgeschichte liest. Aber der Effekt war so gut wie Null. Die Athener wussten nicht so recht, was sie mit einer Argumentation machen sollten, die wie ein richtiger philosophischer Vortrag begann und mit der Auferstehung Jesu endete. Sie hatten keine Schublade, in die das passte. Und deshalb ignorierten sie Paulus einfach. Sie sagten: da werden wir noch mal drüber diskutieren, aber nicht heute. Sie argumentierten nicht gegen ihn, sie gaben seinen Gedanken einfach kein Forum. Sie ignorierten ihn.

Ein drohender Fehlschlag

Damit war Athen die letzte in einer Reihe von Enttäuschungen, die Paulus auf seiner Griechenlandreise erlebte. Eigentlich war er durch einen Traum ausdrücklich dorthin geholt worden, es war ein klarer Ruf Gottes nach Griechenland gewesen, aber dann ging alles schief: Paulus kam in eine Stadt, fand Menschen, die das Evangelium hören wollten, aber dann gab es Ärger, er wurde denunziert und angegriffen und musste die Stadt fluchtartig verlassen. Manchmal sind ihm Leute sogar hinterher gereist, um seine Arbeit auch in der nächsten Stadt noch kaputt zu machen. Und dann schließlich das Desinteresse, auf das er in Athen stieß – man kann nachvollziehen, dass Pauls entmutigt war, als er es in Korinth noch einmal versuchte. Er war verunsichert, und vor allem wollte er es nicht noch einmal so machen wie in Athen.

In Athen, so dachte Paulus anscheinend, da war ich nicht klar genug. Ich habe von der Auferstehung gesprochen, aber nicht vom Kreuz. Ich habe mich zu sehr auf meine Hörer und ihren Denkrahmen eingelassen. Das hat nichts gebracht. Das Kreuz muss von Anfang an dabei sein.

Es geht dabei nicht um theologische Spitzfindigkeiten. Im Kreuz konzentrierten sich die Probleme und Widersprüche der ganzen Gesellschaft. Das römische Imperium beruhte ja auf Sklaverei und Eroberung. Es war ein großes Geschäft: Erst plünderte man die Städte und verkaufte die Bewohner in die Sklaverei, und die, die dann noch übrig blieben, waren so traumatisiert, dass sie sich nicht wehrten, wenn sie ins Reich eingegliedert wurden und hohe Steuern zahlen sollten.

Das Kreuz: geheimes Zentrum des Imperiums

Für alle, die sich dann immer noch nicht fügten, gab es das Kreuz: entlaufene Sklaven und Aufständische gegen die römische Herrschaft wurden ausgepeitscht und gekreuzigt. Das war so schrecklich grausam, dass die Menschen in der Regel keinen mehr Widerstand wagten. Die Römer selber sprachen nicht gern darüber, obwohl das Kreuz eigentlich das Fundament ihrer ganzen Herrschaft war. Die ganze Kultiviertheit der römischen Oberschichten, ihr Wohlstand und ihr angenehmes Leben beruhte auf dieser schrecklichen, brutalen Drohung mit Peitsche und Kreuz. Und auch die einfachen Leute in Rom ernährten sich vom billigen Getreide, das die unterworfenen Ägypter liefern mussten.

Und so wie heute unser Wohlstand von billigem Öl aus dem Orient gespeist wird, von billigem Gas aus Russland und von billigen Arbeitskräften aus China und anderen Ländern, so brauchte das römische Imperium billiges Getreide aus Ägypten, Zölle und Steuern aus allen Provinzen und Sklaven von der Barbarengrenze. Und dieses ganze System beruhte auf der Drohung mit dem Kreuz. Das sorgte für stabile Verhältnisse, so wie wir heute davon profitieren, dass Diktatoren ihre Völker zur Not auch mit brutaler Gewalt in Schach halten, mit Foltergefängnissen, Giftgas und Fassbomben.

Aber davon spricht man nicht, weder damals noch heute. Der berühmte römische Redner Cicero hat mal gesagt: das Wort »Kreuz« nimmt man vor den Ohren römischer Bürger am besten noch nicht mal in den Mund. Davon wollen wir nichts wissen. So eine brutale, grausame Prozedur, da denken wir noch nicht mal dran.

Der Schlüssel zur Welt am unerwarteten Ort für unerwartete Menschen

Und dann kommt Paulus nach Korinth und stellt genau das in den Mittelpunkt seiner Botschaft. Und jetzt nicht im Sinn einer empörten Anklage, sondern so, dass er sagt: dort am Kreuz, im Zentrum der Dunklen Macht, hat Gott durch Jesus einen neuen Anfang gemacht. Genau da, wo die Gebildeten und Mächtigen lieber nicht so genau hingeschaut haben, hat Gott den Schlüssel zum Geheimnis der Welt verborgen. In der tiefsten Finsternis dieser Welt hat Gott für den Sieg des neuen Lebens gesorgt, das mit Jesus gekommen ist. Jesus ist dort nicht gebrochen und vernichtet worden, sondern er ist auferstanden.

Um das so sagen zu können, mussten Paulus wohl erst alle anderen Auswege versperrt sein, er musste erst enttäuscht, frustriert und vom völligen Scheitern bedroht sein, bevor er alles auf diese Karte gesetzt hat und das große Tabu des Kreuzes angegangen ist. Erst als er keine Chance mehr sah, den Gebildeten das Evangelium auf zivilisierte Weise zugänglich zu machen, da entschloss er sich, die Überwindung des schreckenerregenden Kreuzes ins Zentrum seiner Verkündigung zu stellen. Und damit hat er Menschen gewonnen, nicht unbedingt die Honoratioren und das kultivierte Bürgertum, sondern vor allem die Hafen­arbeiter und die anderen Malocher von Korinth, die Billiglöhner und die billigen Frauen aus den Love-Mobils, und auch ein paar ehrliche Leute aus der Oberschicht wie Erastus, den Stadtkämmerer von Korinth, der sich vielleicht berufsbedingt keine Illusionen über die Machtverhältnisse und Geldströme im Reich machte.

All diese Menschen, die sehr viel näher an den Schattenseiten des Imperiums dran waren als die Intellektuellen von Athen, die konnten etwas anfangen mit der Botschaft von Gottes Neuanfang am Kreuz, dort, wo die Welt am finstersten ist. Es waren immer noch nicht riesige Zahlen, aber doch mehr als bisher, und vor allem hatten dort die Zerstörer keine Chancen, die Leute, die sonst immer alles kaputt machten, was Paulus aufgebaut hatte. In einer Handelsstadt wie Korinth, wo Leute aus aller Herren Länder ein und aus gingen, da hatten auch die römischen Aufseher Wichtigeres zu tun, als sich um Konflikte zu kümmern, die gerade mal 50 oder 100 Leute aus dem Hafenmilieu betrafen. So blieb Paulus jahrelang unbehelligt und konnte in Ruhe eine starke Gemeinde aufbauen.

Auch ganz unten kann man das Kreuz vergessen

Und im Rückblick sagt er: Macht euch klar, dass das nur funktioniert hat, weil ich mich dem dunklen Tabu des Kreuzes gestellt habe: weil ich es nicht nur angedeutet habe, sondern weil ich offensiv von Gottes Weg durch die tiefste Dunkelheit unserer Gesellschaft geredet habe, von dem, was keiner sonst sich zu sagen traute. Aber so ist erst eine Situation entstanden, in der Gottes Geist sein Werk tun und Menschen herausbrechen konnte aus dem System des Raubens und Ausplünderns, das die Basis dieser ganzen Gesellschaft bildet. Ich musste erst lernen, Gottes Geist zuzutrauen, dass er Menschen auch gegen alle Wahrscheinlichkeit auf Gottes Seite ziehen kann – aber dazu musste ich erst keine andere Wahl haben als das Evangelium selbst wirken zu lassen, ohne die ganzen kulturellen Ausschmückungen, ohne die Krücken, mit denen ich es stützen wollte. Dass Gott ausgerechnet da sein neues Leben versteckt hat, wo keiner hin will und alle schnell weg wollen, das ist so schwer zu glauben, dafür habe auch ich lange gebraucht.

Das Ganze war so abseitig, dass ich auch unter dem Radar der politischen Polizei durchgeflogen bin. Keiner von den Herren dieser Welt hätte da Gefahr gewittert, keiner hat das ernst genommen. Aber ihr, meine Jesusleute von Korinth, ihr sollt das wissen und nie vergessen!

Paulus betont das so, weil inzwischen auch der Gemeinde nicht mehr klar war, dass ihre Basis die Botschaft vom Weg Gottes ans Kreuz war, an den dunkelsten Ort der Welt. In der Gemeinde hatte sich inzwischen eine Art Promikult unter christlichem Vorzeichen eingeschlichen. Die waren zwar gesamtgesellschaftlich immer noch ziemlich weit unten, aber untereinander konkurrierten sie trotzdem darum, wer der Größte und die beeindruckendste Persönlichkeit war. Wer der Größte ist, darüber kann man sich ganz oben in der Gesellschaft ebenso streiten wie ganz unten in der Kreisklasse. Wer vorne stehen darf, darum rangeln sie in Berlin genauso wie in Kleinkleckersdorf. Aber Paulus sagt ihnen: dass das bei euch so ist, daran merkt man, dass ihr noch ganz am Anfang seid.

Alternative Weisheit

Wer verstanden hat, dass Gott aus dem Gerangel um Ansehen und Mitspracherechte ausgestiegen ist, der wird dann hoffentlich auf jeder Ebene aufhören, seinen Selbstwert aus seiner Position zu beziehen. Das zu verstehen ist der Einstieg in eine andere Sicht auf die Welt. Paulus nennt das die »Weisheit der Vollkommenen«, die Weisheit derer, die die Welt vom Kreuz her ansehen und durchdenken. Du wirst die Welt erst verstehen, wenn du auf die Energieflüsse schaust, durch die die Mächtigen den Armen die Kraft abziehen. Du durchschaust die Welt erst wirklich, wenn du von den Opfern her denkst. So lange du die ausblendest, weißt du gar nicht, wie alles wirklich zusammenhängt, und erst recht nicht, wieso das Kreuz Gottes Lösung ist.

Bonhoeffer hat mal sinngemäß gesagt: wir müssen die Menschen nicht so sehr von dem her verstehen, was sie tun, sondern vor allem von dem her, was ihnen angetan worden ist, was sie erlitten haben. Erst so begreifen wir sie. Und es ist kein Zufall, dass er das auch erst verstanden hat, als er ganz unten angekommen war, im nationalsozialistischen Gefängnis. Echte Weisheit denkt von den Schattenseiten her und von denen her, die den Preis dafür bezahlen, dass die anderen es gut und komfortabel haben. Deshalb kann diese Weisheit nicht attraktiv sein, sondern sie wirkt als Störfaktor, sie scheint den Kulturträgern unsinnig und nicht fein genug. Sie befassen sich lieber gar nicht damit wie die Philosophen von Athen. Diese Art von Weisheit wird nur dann Anhänger finden, wenn Gottes Geist sich einmischt.

Fragen, die offen bleiben

Damit ist diese Predigt fast zu Ende, aber die eigentlichen Fragen fangen jetzt erst an: was entspricht eigentlich bei uns dieser dunklen Bedrohung des Kreuzes, das damals die ganze Gesellschaft in all ihrer Ungerechtigkeit stabilisiert hat? Wie sieht heute Gottes Weg des Lebens mitten in all den Dunkelheiten aus, von denen wir wissen, aber auch nicht gern reden? Was würde es jeden von uns kosten, diesen Weg zu suchen und dann auch zu gehen? Da nützt es nichts, theologische Richtigkeiten zu zitieren. Man muss sich auf den Weg machen wie Paulus, der sich von Gott in Unsicherheit und Frustration bringen ließ, bis er lernte, wie das Evangelium wirklich wirkt. Nicht nur in Korinth ist diese Weisheit schnell wieder verloren gegangen. Der Brief von Paulus ist wie eine Flaschenpost, die zu uns kommt und sagt: es gibt sie wirklich! Es ist keine hoffnungslose Suche. Mach dich auf den Weg, dieses unbekannte Land zu finden!