Apr 032015
 

Predigt am 3. April 2015 (Karfreitag) zu 2. Korinther 5,14-21

14 Die Liebe Christi drängt uns, da wir erkannt haben: Einer ist für alle gestorben, also sind alle gestorben. 15 Er ist aber für alle gestorben, damit die Lebenden nicht mehr für sich leben, sondern für den, der für sie starb und auferweckt wurde. 16 Also schätzen wir von jetzt an niemand mehr nur nach menschlichen Maßstäben ein; auch wenn wir früher Christus nach menschlichen Maßstäben eingeschätzt haben, jetzt schätzen wir ihn nicht mehr so ein. 17 Wenn also jemand in Christus ist, dann ist er eine neue Schöpfung: Das Alte ist vergangen, Neues ist geworden.
18 Aber das alles kommt von Gott, der uns durch Christus mit sich versöhnt und uns den Dienst der Versöhnung aufgetragen hat. 19 Ja, Gott war es, der in Christus die Welt mit sich versöhnt hat, indem er den Menschen ihre Verfehlungen nicht anrechnete und uns das Wort von der Versöhnung (zur Verkündigung) anvertraute. 20 Wir sind also Gesandte an Christi statt, und Gott ist es, der durch uns mahnt. Wir bitten an Christi statt: Lasst euch mit Gott versöhnen! 21 Er hat den, der keine Sünde kannte, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm Gerechtigkeit Gottes würden.

Kruzifix in der Kirche bei der Illumination zum Kirchenjubiläum 2008

Kruzifix in der Kirche bei der Illumination zum Kirchenjubiläum 2008

Am Tag der Kreuzigung Jesu hat endgültig eine neue Welt begonnen. Schon immer hat Jesus einen andere Art von Leben praktiziert; aber kein Leben ist vollständig und abgeschlossen, so lange es sich nicht dem Tod gestellt hat. Der Tod ist die dunkle Bedrohung jedes Lebens. Und dass Jesus am Kreuz starb, das bedeutet, dass die ganze tödliche Gewalt der Mächtigen sich auf ihn richtet. In unserer Welt kann niemand leben, ohne es irgendwie mit Machtstrukturen und Herrschaft zu tun zu bekommen. Und offen oder versteckt sind deren entscheidende Waffe Tod und Folter. Dass wir in einem Rechtsstaat leben, wo der Staat niemanden töten darf, ist eine ganz besondere Konstellation, die wir nicht zuletzt dem Leben und Sterben Jesu verdanken.

Kaum glaubliche neue Erfahrungen

Damals auf Golgatha, als Jesus auch im Angesicht des qualvollen Todes seinem Weg treu blieb, hat eine neue Welt endgültig begonnen. Und wenn eine neue Welt beginnt, ändert sich alles. Stell dir ein vernachlässigtes Kind vor, das eines Tages in eine Pflegefamilie kommt, wo es immer genug zu essen hat, wo es sicher ist vor Gewalt, wo es mit Respekt behandelt wird, wo es verlässliche Regeln gibt, die nicht heute so und morgen so ausgelegt werden, wo es geliebt und geschätzt wird um seiner selbst willen. Das Kind glaubt zuerst gar nicht, dass es so etwas gibt. Eine der Schwierigkeiten ist in so einem Fall, dass Kinder dann noch eine ganze Zeit an den alten Mustern festhalten, mit denen sie sich früher durchschlagen mussten: lügen, stehlen, Gewalt und anderes. Sie vertrauen dieser neuen Welt noch nicht. Sie bleiben in den alten Mustern, die sie kennen. Immer wieder gibt es Rückfälle, und jeder Fehler der Pflegeeltern dient ihnen als Beweis, dass es so eine neue Welt doch nicht geben kann.

So ist es Paulus auch mit der Gemeinde in Korinth gegangen, an die er schreibt. Er hat ihnen die neue Welt gebracht, die mit dem Tod Jesu vollendet war. Und sie waren begeistert von dieser Welt, die so ganz anders war als das, was sie bisher kannten. Aber die alten Muster, in denen sie vor ihrer Begegnung mit dem Messias Jesus gelebt hatten, waren stark. Immer wieder gab es Rückfälle, und Paulus muss ihnen wieder und wieder erklären, wie die neue Welt funktioniert und wie da die Zusammenhänge sind.

Die Last des alten Schemas

Paulus konnte sich ja selbst noch gut erinnern, wie er die Welt gesehen hatte, bevor Gott ihm die Augen für Jesus öffnete. Im Rückblick sagt er: ich habe alles im Schema der alten Welt gesehen, und da war auch Jesus ein Gescheiterter, einer von den naiven Gutmenschen, die sich ein idealistisches Bild von der Welt machen. So lange, bis sie mit den harten Realitäten konfrontiert werden. So habe ich über Jesus gedacht, so habe ich über seine Nachfolger gedacht.

Aber das ist Vergangenheit. Heute habe ich verstanden, dass da im Angesicht des Todes endgültig eine neue Welt begonnen hat. Sie wurde nicht geboren durch die tiefgründigen Gedanken eines weisen Lehrers, nicht durch den Siegeszug eines kühnen Eroberers, nicht durch die Ausstrahlung einer überwältigenden Persönlichkeit. Sie wurde ultimativ geboren in den Qualen einer römischen Hinrichtung, die darauf angelegt war, einem Menschen soviel Schmerz wie möglich zuzufügen, bevor sein Leben endgültig vernichtet war.

Das ist für uns genauso schwer zu begreifen wie für die Gemeinde in Korinth damals. Nicht, weil unser Verstand dafür irgendwelche logischen Purzelbäume schlagen müsste, sondern weil das die Situation ist, vor der wir uns fürchten wie vor keiner anderen. Wenn es eine Lebenshaltung gibt, die mitten in Qual und Vergehen standhält, das wäre wirklich die stärkste Art zu leben.

Spuren des Neuen schon auf Golgatha

In den Evangelien gibt es unterschiedliche Wege, um auszudrücken, dass Jesus tatsächlich mitten in Qual und Tod an seiner Art zu leben festgehalten hat. Vorhin in der Lesung aus dem Johannesevangelium (19,16-30) haben wir gehört, wie er zuletzt noch für seine Mutter sorgt, indem er ihr Johannes als neuen Sohn zuweist. Und immer wieder wird betont, dass er alles tut, um die Schrift zu erfüllen; d.h. er bleibt bis zuletzt verankert in der Geschichte Gottes mit seinem Volk und denkt von dort her, und das gibt ihm Halt und Kraft. Im Markusevangelium fragt Jesus »Mein Gott, warum hast du mich verlassen?« und drückt damit seine Angst ebenso aus wie sein Festhalten an dem Gott, den er nicht mehr versteht. Lukas erzählt davon, wie Jesus ans Kreuz genagelt wird und dabei sagt: Vater, vergib ihnen! Immer wieder diese Kombination von Liebe zu Gott und den Menschen auch im dunkelsten Augenblick.

Und das verfehlt seine Wirkung auf die Augenzeugen nicht. Ausgerechnet der Offizier, der die Hinrichtung leitet, sagt: In Wirklichkeit war dieser Mensch Gottes Sohn! Im Mund eines römischen Offiziers war das im Grunde schon Hochverrat, weil doch sein oberster Chef, der Kaiser, sich als Sohn Gottes bezeichnete. Und eine ganz ähnliche Wirkung hat Jesu Tod auf Josef von Arimathäa, der sich um die Beerdigung Jesu kümmert, obwohl er eigentlich zum Hohen Rat gehört und solche Sympathien für einen Gekreuzigten gefährlich waren. Auf einmal wird er mutig.

Das heißt: nicht erst durch seine Auferstehung, sondern schon durch seinen Tod gewinnt und ermutigt Jesus Menschen. Und als dann durch die Auferstehung klar wurde, dass Gott diesen Weg bestätigt, da verstanden die Jünger endgültig, dass hier eine neue Welt begonnen hatte. Das ist der Zusammenhang, den Paulus uns und der korinthischen Gemeinde erklären will: die Kraft, die wirklich etwas bewegt und verändert in der Welt, ist die Hingabe und Liebe, die an Jesus sichtbar geworden ist, gerade und ganz besonders im Angesicht des Todes. Und wer daran Anteil hat, der ist Teil der neuen Welt Gottes, die nach neuen Regeln funktioniert.

Einer ist für alle gestorben – der Keim des Neuen

Das bedeutet nicht, dass die Anhänger Jesu alle ebenso wie er sterben müssen. Paulus sagt ja: Jesus ist für uns alle gestorben. Er hat den Durchbruch geschafft, er hat gezeigt, wie unbegrenzt das Potential dieser Liebe ist. Das müssen wir nicht alle wiederholen. Manche Christen werden für ihren Glauben sterben müssen, vermutlich auch Paulus, aber der Normalfall ist es, dass wir die neue Welt Jesu wachsen lassen in unserem Leben. Jesus hat den Keim einer neuen Welt vollendet, als er starb. Da war er ganz allein. Er selbst spricht vom Samenkorn.

In einem Keim ist schon die ganze Pflanze drin, das Erbgut, die DNA, nach der die Pflanze einmal geformt sein wird. So war auch im Leben und Tod Jesu schon eine ganze neue Welt verborgen. Aber so wie ein Samenkorn wachsen muss, bis die ganze Pflanze zu sehen ist, so muss auch das Leben Jesu unter seinen Leuten wachsen und Gestalt annehmen.

Wenn aber wirklich Neues gekommen ist, dann funktioniert das anders als das Alte. Du darfst nicht erwarten, dass alles weitergeht wie bisher. Du musst die neuen Regeln lernen, die jetzt gelten. Wenn ein Kind in eine neue Pflegefamilie kommt, dann muss es nach und nach sein Misstrauen ablegen und lernen, wie man in einer liebevollen Umgebung lebt, auch wenn die Pflegeeltern nicht immer alles richtig machen.

Das neue Denken in alltäglichen Fragen

Und so sagt Paulus seinen Korinthern immer wieder: ihr dürft jetzt nicht mehr nach den Mustern denken, die in eurem alten Leben gegolten haben. Damals habt ihr gedacht: wer sich am besten verkaufen kann, wer sich breit macht auf Kosten anderer, wer viel Ausstrahlung hat, auf den kommt es an. Man muss sich möglichst mit dem Gewinner zusammen tun.

Aber erinnert euch, dass das die Logik der alten Welt ist, die Logik des Imperiums, das Denken der Herrscher dieser Welt, das sich auch in den Köpfen der Sklaven und Untertanen festgesetzt hat. Davon will uns Jesus befreien. Ihr seid neue Schöpfung und wisst von der Kraft, die sich auch in Dunkel und Unscheinbarkeit entfaltet. Also schaut euch genau an, mit welcher Kraft Menschen arbeiten. Achtet darauf, ob sie geben und schenken oder ob sie von der Energie anderer leben und sich auf Kosten anderer groß machen.

Das ist der Grund, weshalb Paulus so lange davon redet: in den Gemeinden, die er gegründet hatte, drohten solche Alphatypen das Kommando zu übernehmen, die sich nicht durch Liebe und Dienst auszeichneten, sondern im Mittelpunkt stehen und bewundert werden wollten, die Kontrolle über die Gemeinden an sich rissen und dabei hackten und bissen. Und deswegen erklärt Paulus die ganze Logik noch einmal: dass das Geheimnis Jesu nicht darin bestand, dass er eine starke Führungspersönlichkeit war, sondern dass er Gottes opferbereiten Liebe verkörperte. Dass seine Stärke sich in äußerer Ohnmacht entfaltete. Auch für Paulus sah Jesus ursprünglich wie ein Gescheiterter aus, nicht wie ein Sieger, bis Gott ihm die Augen geöffnet hat.

Der Impuls der Versöhnung

Die Kraft Jesu schafft Versöhnung. Sie kann diese ganze Unzufriedenheit mit der Welt und dem Leben zur Ruhe bringen: Verbitterung und Angst vor dem Zu-kurz-Kommen, Empörung, Wut und Rechthaberei, alles, was so viel Kraft und Streit kostet, das wird durch Jesus aus der Welt geschafft. Es kommt nicht in seine Welt hinein. Da brauchen Menschen das nicht mehr.

Anstatt sich von unserer Welt mit Schaudern abzuwenden und sie in die Tonne zu treten, kommt Gott in der wenig beeindruckenden Gestalt seines Apostels und seiner Leute und lädt zum neuen Leben ein. Gott macht sich so klein, dass er in Gestalt seiner Leute hinter Menschen her läuft und bittet: kommt doch hinein in meine neue Welt!

Die Christen sind die Verkörperung der werbenden Liebe Gottes. Paulus sagt: wir sind die Gerechtigkeit Gottes. Gottes Gerechtigkeit zeigt sich darin, dass er seinen eigenen Absichten treu bleibt. Er wird seiner Schöpfung nicht überdrüssig, sondern engagiert sich weiter dort, erst durch Jesus und dann durch die Christen. Wenn jemand sagt: Gott kümmert sich nicht! Dann ist die Antwort: aber er schickt seine Leute in die Welt! Wenn ein misstrauisches Pflegekind darauf beharrt, dass ihm Unrecht getan worden ist, dann wäre die Antwort: aber jetzt lernst du Menschen kennen, die anders sind! Halte dich nicht an der Vergangenheit fest, sondern realisiere: Neues hat begonnen!

Das Ende der alten Welt

Die alten Selbstverständlichkeiten können das Kreuz Jesu nicht erklären. Sie sind dort zerbrochen, gestorben, und ebenso wir als Menschen, die an sie geglaubt haben. Also lasst uns nicht weiter daran festhalten, sondern von der Liebe her leben, die am Kreuz Jesu ihre endgültige Nagelprobe bestanden hat.

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