Feb 232015
 

Predigt am 22. Februar 2015 zu Hebräer 4,14-16

14 Weil wir nun aber einen großen Hohenpriester haben, der die Himmel ´bis hin zum Thron Gottes` durchschritten hat – Jesus, den Sohn Gottes –, wollen wir entschlossen am Bekenntnis zu ihm festhalten.
15 Jesus ist ja nicht ein Hoherpriester, der uns in unserer Schwachheit nicht verstehen könnte. Vielmehr war er – genau wie wir – Versuchungen aller Art ausgesetzt, ´allerdings mit dem entscheidenden Unterschied, dass` er ohne Sünde blieb.
16 Wir wollen also voll Zuversicht vor den Thron unseres gnädigen Gottes treten, damit er uns sein Erbarmen schenkt und uns seine Gnade erfahren lässt und wir zur rechten Zeit die Hilfe bekommen, die wir brauchen.

Petits fours

Bild: Stux via pixabay, creative commons CC0

Dieser Abschnitt des Hebräerbriefs widmet sich dem Thema »Versuchung«. Das ist ein Wort, das wir heute ja eher im ironischen Zusammenhang benutzen, z.B. als Versuchung, die mit besonders leckerem Essen oder Süßigkeiten einhergeht. Aber auch da ist noch der tiefere Sinn zu erkennen: du tust etwas, was kurzfristig Erleichterung bringt oder gut schmeckt, aber langfristig schadet. Du schaffst dir eine kleine Erleichterung im Stimmungstief oder einfach an einem grauen Tag, aber langfristig führt das zu einer Schädigung deiner Gesundheit oder deines Wohlergehens.

Der Druck kurzfristiger Wünsche

Extrem ist dieser Zusammenhang bei jeder Sucht, wo die kurzfristige Lebenssteigerung früher oder später dazu führt, dass ein Mensch an Körper und Seele schrecklich zerstört wird. Aber das ist natürlich nicht auf die Gruppe der Süchtigen und Abhängigen beschränkt, auch wenn die schon ziemlich groß ist. Die ganze Gesellschaft stellt oft den kurzfristigen Nutzen über die langfristigen Folgen. Heute sparen wir an der Pflege der Straßen, und in wenigen Jahren schimpfen wir über die Schlaglöcher. Heute pusten wir CO2 in die Luft, weil wir süchtig nach unserem gewohnten Lebensstil sind, und morgen wundern wir uns darüber, dass das Wetter verrückt spielt und immer mehr Schaden anrichtet. Gestern hat man das Schlachtvieh mit Antibiotika abgefüllt, und heute sterben Menschen an resistenten Keimen, gegen die es kaum noch Medikamente gibt. Im Großen wie im Kleinen schaffen Menschen es oft nicht, die langfristigen Folgen im Auge zu behalten, wenn sie jetzt gerade unter Druck stehen oder etwas Verlockendes angeboten bekommen.

Deshalb wird in der Geschichte Jesu gleich am Anfang von seiner Versuchung erzählt: wie der Satan ihm kurzfristige Lösungen anbietet, aber Jesus schlägt das aus. Der Versucher ködert ihn mit dem Gedanken, aus Steinen Brot zu machen und reich zu werden, vom Tempeldach zu springen und berühmt zu werden, schließlich mit der Weltherrschaft, die aus Jesus eine Art Gottkaiser machen würde. Jedes Mal sagt Jesus Nein.

Eine Frage des Vertrauens

An diese Geschichten soll man denken, wenn der Hebräerbrief davon spricht, dass Jesus in allem versucht wurde wie wir. Jesus, heißt das, kennt den Sog, der von solchen Angeboten ausgeht. Vielleicht war Jesus nicht so sehr gefährdet, sich zu viel Torte auf den Teller zu tun, schon allein, weil es damals Essen gar nicht im Überfluss gab. Aber diese grundlegende Versuchung: ich will alles und zwar sofort, und wenn ich es nicht kriege, dann beschaffe ich es mir irgendwie, die kannte er.

Und er hat sie zurückgewiesen, weil er Vertrauen zu Gott hatte. Jesus hat darauf vertraut, dass Gott für seine Geschöpfe sorgt und er deshalb nicht zu kurz kommen würde. Das war der Unterschied zu Adam und Eva, die sich ins Misstrauen gegenüber Gott hineintreiben ließen: sie meinten, sie würden zu kurz kommen, wenn sie sich auf Gott verlassen.

Entscheidung für den Raum der Freiheit

Dass Jesus diese Versuchungen bestanden hat, das beschreibt der Hebräerbrief mit dem Bild, dass er die Himmel durchschritten hat und bis zu Gott selbst vorgedrungen ist. Die Vorstellung dahinter ist, dass zwischen Gott und uns eine Sphäre im Himmel ist, wo alle möglichen Mächte ihr Reich haben, und die stellen sich zwischen Gott und uns und lassen uns nicht durch. Heute würden wir sagen: gesellschaftliche Gedankengebäude und Lebensgefühle wie Konsumismus und Sicherheitsstreben, die machen uns taub für den wirklichen Gott. Das sind echte geistliche Mächte, Gedankengebäude, die es uns schwer machen, Gott so zu erkennen, wie er ist.

Aber Jesus hat sich von ihnen nicht täuschen lassen, sondern er ist durchgebrochen bis zu Gott selbst, und jetzt ist der Weg für uns alle frei, wenn wir auf dem Weg Jesu gehen. Und das wird hier mit dem Wort »Bekenntnis« umschrieben. Wahrscheinlich denkt der Verfasser an das Glaubensbekenntnis, das man damals bei der Taufe sprach, wo man ausgedrückt hat: ja, ich will von nun an zu Jesus gehören und auf seinen Wegen gehen. Menschen haben bei ihrer Taufe klar ausgesprochen: ich will nicht mehr eine Marionette sein, die an den Drähten ihrer Ängste und Begierden hängt und sie wird mal hierher und mal dorthin gezogen. Nein, Jesus hat mir geholfen, mich von diesen Drähten loszuschneiden und endlich ein freier Mensch zu sein. Er hat den Freiraum geschaffen, wo ich zu mir selbst zurückfinden kann, zu meiner Berufung, zu meiner Würde als Geschöpf Gottes. Und deshalb will ich von nun an zu ihm gehören, damit ich diese Freiheit nie mehr verliere.

Umkämpfte Freiheit

Und nun wissen wir, dass wir immer in Gefahr stehen, diese Freiheit wieder zu verlieren. Wir sind da chronisch vergesslich, und was für uns gestern noch völlig einleuchtend war, das ist uns heute wieder fast ganz entschwunden. In enthusiastischen Momenten war uns ganz klar, dass wir ein guter Mensch sein wollen, dass wir auf der Seite des Lebens stehen und keine Handlanger der Zerstörung sein wollen, dass wir bereit sind, alles zu geben für Menschen, die wir lieben, dass wir uns nicht von unserem Weg abbringen lassen werden – und dann kommt der graue Alltag, die Gewöhnung, unsere Sehnsucht nach ein bisschen mehr Wohlergehen und Freude und Farbe im Leben, der Wunsch nach einer kleinen Erleichterung zwischendurch, und das alles ist so viel größer als die Gedanken und Überzeugungen aus einer ganz anderen Situation.

Deshalb heißt es hier: haltet fest an diesem Bekenntnis, das für euch irgendwann mal so klar war und eure Überzeugungen so deutlich zum Ausdruck gebracht hat. Macht die Schublade mit diesen Überzeugungen wieder auf. Sie sind ja noch da, aber ihr habt sie eingepackt und irgendwo verstaut, so dass ihr aktuell nicht rankommt. Deswegen macht den Koffer auf, packt das Bündel aus und erinnert euch wieder daran. Das war für euch doch alles mal ganz klar.

Die Angst vor Beschämung

Und bitte: schämt euch nicht deswegen. Jesus weiß, wie groß dieser Sog ist, der Menschen dazu bringt, ihren guten Weg zu verlassen. Jesus hat das selbst gespürt. Er ist zwar standhaft geblieben, aber er kennt die Macht der Versuchung aus eigener Erfahrung, und deshalb wird er euch nicht fertig machen, wenn ihr wieder einmal von seinem Weg abgekommen seid.

Das ist nämlich etwas, was alle Menschen fürchten, dass sie eins reingewürgt bekommen, wenn sie der Versuchung nachgegeben haben und dann mit den Folgen zu kämpfen haben. Niemand möchte vom Arzt hören: »kein Wunder, dass Sie Lungenkrebs haben, wenn Sie es nicht schaffen, die Zigaretten liegen zu lassen!« Oder: »Ihre Zuckerwerte sind schon wieder so hoch! Reißen Sie sich endlich mal zusammen und halten Sie Ihre Diät ein!« Wenn wir uns so etwas anhören müssen, dann schämen wir uns.

Wir haben nämlich durchaus selbst ein Gespür dafür, dass wir vom guten Weg abkommen und Dinge tun, die nicht gut für uns sind. Dies Gespür ist nicht immer besonders stark und es ist oft nicht besonders gut trainiert, aber wir haben in uns ein Gefühl dafür, was lebensförderlich ist und was uns schadet. Und es ist nicht schön, wenn jemand anders das ausspricht, was uns unser Inneres schon längst sagen wollte. Und dann fühlen wir uns schlecht und brauchen erst Recht eine Stimmungsaufhellung, egal wie.

Scham und Selbstrechtfertigung helfen nicht

Vielleicht kennen Sie die Geschichte vom Kleinen Prinzen, der auf seiner Reise von Planet zu Planet auch einem Säufer begegnet und ihn fragt »warum trinkst du?« Und der antwortet: »Um zu vergessen, dass ich mich schäme«. Darauf fragt der kleine Prinz: »Weshalb schämst du dich?« Die Antwort ist: »Weil ich so viel saufe.« Und der kleine Prinz wird von tiefer Schwermut befallen, als er sieht, wie dieser Mann im Kreislauf von Sucht und Scham gefangen ist.

Deswegen heißt es an dieser Stelle im Hebräerbrief, dass Jesus ein Hoher Priester ist, der nicht von oben auf uns herunterguckt, sondern er kennt den Sog und den Druck, der uns von Gott wegbringen will. Große Teile der Welt sind so eingerichtet, dass sie mit aller Macht Widerstand leisten, wenn wir auf dem Weg des Lebens gehen wollen. Auch Jesus hat das nur mit letzter Kraft geschafft. Darum arbeitet Gott nicht mit Scham. Scham macht die Sache nur noch schlimmer, wie der kleine Prinz richtig gesehen hat. Genauso falsch ist es natürlich, dann zu sagen: genau, ich konnte doch gar nicht anders, als der Versuchung nachzugeben. Ich bin nicht schuld! Selbstrechtfertigung und Scham sind zwei Seiten einer Medaille. Scham und Selbstrechtfertigung helfen niemanden. Stattdessen: zurückkehren zum Weg Jesu, wenn wir merken, dass wir ihn verloren haben. Wir überwinden die gottfeindlichen und lebensfeindlichen Mächte, wenn wir einfach zum Weg zurückkehren, den Jesus gebahnt hat.

Die beiden Funktionen eines »Hohen Priesters«

Das ist gemeint mit dem Titel »Hoher Priester«. Jesus hat für uns einen Weg gebahnt, den wir nie gefunden hätten. Er ist uns vorangegangen als neuer Adam, der es besser macht als der erste Adam. Und jetzt können wir auch diesen Weg gehen. Und wenn wir vom Weg abgekommen sind, dann vertun wir am besten keine Zeit mit Scham und Ausreden, sondern gehen einfach wieder auf den Weg zurück. Punkt.

Dass Jesus Hoher Priester ist, heißt aber nicht nur, dass er an unserer Stelle einen Weg bahnt. Es heißt andersherum auch, dass er an Gottes Stelle steht und für uns sorgt. Das kann man gut sehen an der Geschichte, die wir vorhin als Evangelium gehört haben (Lukas 22,31-34): Petrus wird Jesus verleugnen. Wenn Jesus gefangen genommen wird, dann schleicht er ihm nach und mischt sich unter die Leute des Priesters Kaiphas, und die Stimmung da ist so stark, dass er sich von Jesus distanziert und sagt: mit dem habe ich nichts zu tun. So stark kann der Spirit in einer Gruppe sein, so einen Sog entfaltet der Geist dort, dass Menschen auch ihre tiefsten Überzeugungen verraten. Menschen tun manchmal Schreckliches, wenn sie von einer kaputten Gruppe mit einem gewalttätigem Geist beeinflusst sind.

Bewahrung in Versuchungen

Aber Jesus sagt Petrus vorher: du wirst entsetzt sein davon, was du getan hast, aber ich habe für dich gebetet, dass dein Glaube davon nicht kaputt geht. So bewahrt Jesus Petrus davor, in dieser Erfahrung der Verführung und Schwachheit seinen Glauben zu verlieren. Jesus regt sich nicht auf über das Großmaul Petrus, der erst die Klappe so weit aufgemacht hat und damit grandios gescheitert ist, er macht ihn nicht runter, sondern er sagt einfach: ich weiß schon längst, dass du so bist. Ich habe das von Anfang an mit einkalkuliert, und ich habe für dich gebetet, weil ich weiß, dass du das brauchst.

Petrus ist ja das Urbild eines Jüngers Jesu, und so muss Jesus schon immer für seine Gemeinde beten, dass sie sich nicht einsaugen lässt vom gesellschaftlichen Mainstream, sondern Salz der Erde bleibt.

So betet Jesus auch für uns, dass wir an unserem guten Weg festhalten, auch in all den Momenten, wo wir uns verführen lassen und dann irgendwann die Folgen erkennen müssen. Und dadurch verkörpert er Gottes Willen für uns. Er zeigt, wie Gott wirklich über uns denkt.

Das ist damit gemeint, wenn es in dogmatischen Formulierungen heißt, dass Jesu wahrer Gott ist: er ist der authentische Vertreter des echten Gottes, kein Zerrbild, wie es uns alle möglichen Mächte einreden möchten. Und andersherum ist er wahrer Mensch, also ein Mensch nach Gottes Herzen, der endlich so lebt, wie ein Menschen vor Gott leben soll. Er vertritt für uns Gott und er vertritt uns vor Gott. Und wir folgen ihm strauchelnd und humpelnd auf dem Weg, den er gebahnt hat und zu dem er uns immer wieder zurück ruft: durch den Hebräerbrief, im Gottesdienst, und durch viele andere Signale.

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