Jan 112015
 

Predigt am 11. Januar 2015 zu Offenbarung 7,1-17 (Predigtreihe Offenbarung 14)

1 Danach sah ich: Vier Engel standen an den vier Ecken der Erde. Sie hielten die vier Winde der Erde fest, damit der Wind weder über das Land noch über das Meer wehte, noch gegen irgendeinen Baum. 2 Dann sah ich vom Osten her einen anderen Engel emporsteigen; er hatte das Siegel des lebendigen Gottes und rief den vier Engeln, denen die Macht gegeben war, dem Land und dem Meer Schaden zuzufügen, mit lauter Stimme zu: 3 Fügt dem Land, dem Meer und den Bäumen keinen Schaden zu, bis wir den Knechten unseres Gottes das Siegel auf die Stirn gedrückt haben.

4 Und ich hörte die Zahl derer, die mit dem Siegel gekennzeichnet waren. Es waren hundertvierundvierzigtausend aus allen Stämmen der Söhne Israels, die das Siegel trugen: 5 Aus dem Stamm Juda trugen zwölftausend das Siegel, aus dem Stamm Ruben zwölftausend, aus dem Stamm Gad zwölftausend, 6 aus dem Stamm Ascher zwölftausend, aus dem Stamm Naftali zwölftausend, aus dem Stamm Manasse zwölftausend, 7 aus dem Stamm Simeon zwölftausend, aus dem Stamm Levi zwölftausend, aus dem Stamm Issachar zwölftausend, 8 aus dem Stamm Sebulon zwölftausend, aus dem Stamm Josef zwölftausend, aus dem Stamm Benjamin trugen zwölftausend das Siegel.

9 Danach sah ich: eine große Schar aus allen Nationen und Stämmen, Völkern und Sprachen; niemand konnte sie zählen. Sie standen in weißen Gewändern vor dem Thron und vor dem Lamm und trugen Palmzweige in den Händen. 10 Sie riefen mit lauter Stimme: Die Rettung kommt von unserem Gott, der auf dem Thron sitzt, und von dem Lamm. 11 Und alle Engel standen rings um den Thron, um die Ältesten und die vier Lebewesen. Sie warfen sich vor dem Thron nieder, beteten Gott an 12 und sprachen: Amen, Lob und Herrlichkeit, Weisheit und Dank, Ehre und Macht und Stärke unserem Gott in alle Ewigkeit. Amen.

13 Da fragte mich einer der Ältesten: Wer sind diese, die weiße Gewänder tragen, und woher sind sie gekommen? 14 Ich erwiderte ihm: Mein Herr, das musst du wissen. Und er sagte zu mir: Es sind die, die aus der großen Bedrängnis kommen; sie haben ihre Gewänder gewaschen und im Blut des Lammes weiß gemacht. 15 Deshalb stehen sie vor dem Thron Gottes und dienen ihm bei Tag und Nacht in seinem Tempel; und der, der auf dem Thron sitzt, wird sein Zelt über ihnen aufschlagen. 16 Sie werden keinen Hunger und keinen Durst mehr leiden und weder Sonnenglut noch irgendeine sengende Hitze wird auf ihnen lasten.

17 Denn das Lamm in der Mitte vor dem Thron wird sie weiden und zu den Quellen führen, aus denen das Wasser des Lebens strömt, und Gott wird alle Tränen von ihren Augen abwischen.

Das letzte Mal haben wir im November auf die Offenbarung gehört, und damals war das Lamm, also Jesus, gerade dabei, die sieben Siegel an der Schriftrolle zu öffnen, in der Gottes guter Plan zur Rettung seiner Welt aufgeschrieben ist. Nur Jesus kann die wahre Geschichte der Welt lesen, nur er verkraftet das, nur bei ihm ist sie in den richtigen Händen. Und mit jedem Siegel, das da geöffnet wird, spitzen sich die Konflikte in der Welt zu. Wenn Gott seine Welt auf den Weg zu seinem guten Ziel bringt, dann empfinden das alle Mächte des Bösen als Bedrohung ihrer angestammten Rechte. Wer von der Lebensenergie anderer lebt, wer davon profitiert, dass Menschen unsicher und schwach sind und kein Gefühl von ihrer wahren Würde haben, wer irgendwie Vorteile aus der Unfreiheit oder Ohnmacht anderer zieht, wer in seinem Herzen Zuflucht zu Feindschaft oder Verbitterung gesucht hat, für den stellt die Bewegung der Liebe und Freiheit, die Jesus in die Welt gebracht hat, eine unheimliche Bedrohung dar. Und je breiter diese Bewegung wird, um so brutaler wird die Reaktion darauf.

Da spitzt sich etwas zu
Bild: geralt via pixabay, creative commons CC0

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Als wir im letzten Jahr über diese Zusammenhänge nachgedacht haben, da konnte noch keiner vorhersehen, dass sich nun auch die Konflikte in unserem Teil der Welt so heftig zuspitzen. Bisher haben wir Demonstrationen, Konflikte und Kriegshandlungen ja eher aus der Ferne beobachtet, auch wenn die schon langsam näher gekommen sind. Mit der Bluttat von Paris und den Demonstrationen gegen eine angebliche Islamisierung des Abendlandes sind uns jetzt diese Konflikte schon sehr nahe. Und das Klima in der Gesellschaft wird überhaupt ungemütlicher, es gibt mehr Menschen, die nicht mehr miteinander reden, Menschen, die sich zu kurz gekommen und abgehängt fühlen und dafür irgendeinen Schuldigen suchen.

Neulich erzählte mir jemand, wie sie im Zug Zeuge wurde, wie aus nichtigem Anlass plötzlich ein Fahrgast dem anderen ins Gesicht schlug. Egal, ob es nun gegen angebliche Islamisten geht oder gegen den, der im Gedrängel auf dem Bahnhof im Weg steht: anscheinend glauben Menschen schneller als früher, dass andere sie schlecht behandeln und sie sich wehren müssen. Obwohl wir im Vergleich zu anderen Teilen der Welt immer noch in einem kleinen Paradies leben. Ich habe von Flüchtlingen aus Syrien gehört, die sich zu Silvester richtig die Ohren verstopft haben, weil sie von dem Knallen so sehr an den Krieg erinnert wurden, vor dem sie geflohen sind.

Die Offenbarung ist also mit ihrer Schilderung sich zuspitzender Widersprüche sehr realitätsnah – da soll noch mal jemand sagen, die Bibel wäre ein verstaubtes Buch von vorgestern. Aber sie sagt es nicht im Nachrichtenstil, sondern in Bildern. Z.B. im Bild von den sieben Siegeln, wo es mit jedem Siegel heftiger wird, immer neue Katastrophen, sechs Siegel sind schon geöffnet, was wird heute beim siebten Siegel passieren?

Eine Pause für eine neue Frage

Aber – heute ist erstmal Pause mit den Katastrophen. Der Weltuntergang ist verschoben. Wie in einer Fernsehserie, wo auf dem spannenden Höhepunkt plötzlich ein ganz anderer Handlungsstrang weitergeht. Die schrecklichen Unwetter und Stürme sind zunächst abgesagt, vier Engel stoppen die Orkanfronten, und jetzt geht es erst einmal um die Frage, was eigentlich mit dem Volk Gottes in all diesen Katastrophen passiert. Jesus holt ja seine Leute nicht schnell mit einem Raumschiff ab, bevor es richtig heftig wird. Die sind mitten drin. Und das ist ein Problem.

Es ist ja prinzipiell schön zu wissen, dass die Welt trotz aller Konflikte auf einem guten Kurs ist, aber das nützt uns nichts, wenn wir in solchen Auseinandersetzungen selbst auf der Strecke bleiben. Die kleinen christlichen Gemeinden in Kleinasien, an die Johannes schreibt, die erlebten diese Auseinandersetzungen am eigenen Leibe. Sie wurden vielleicht zu Sündenböcken gemacht, wo es eigentlich um ganz andere Krisen ging. Aber sie wurden auch gezielt angegriffen, weil Menschen spürten, dass mit den Christen etwas Neues in die Welt kam, das ihnen unheimlich war, eine Unabhängigkeit, die sie nicht verstanden, und von der sie sich in Frage gestellt fühlten.

Schützt Gott seine Leute eigentlich mitten in den großen und kleinen Konflikten, die die Welt heimsuchen? Dazu sieht Johannes zwei Bilder:

Das erste Bild

Zuerst werden 144000 Menschen mit dem Siegel Gottes gekennzeichnet. Diese Zahl hat natürlich alle möglichen Leute dazu gebracht, sich mit mehr oder weniger guten Argumenten zu den Erwählten der Endzeit zählen zu wollen. Und die Zeugen Jehovas kommen in Schwierigkeiten, weil es inzwischen mehr als 144000 Zeugen gegeben hat. Wer kriegt nun die reservierten Plätze? Aber das ist wieder ein Beispiel für unseren bierernsten Umgang mit Symbolen. In Wirklichkeit ist die 12 einfach eine besondere Zahl, es gibt 12 Monate, 12 Stämme Israels, 12 Jünger, und 12 mal 12 mal 1000 ist eine besonders besondere Zahl, eine vollkommene Zahl sozusagen. Die Zahl 144000 ist ein Bild für die Gesamtheit des Volkes Gottes. Johannes erinnert ausdrücklich an die Stämme Israels, und das Bild vom Siegel erinnert an ein entscheidendes Ereignis in der Geschichte des Volkes Gottes: Israel wurde in Ägypten durch das Blut der Passalämmer geschützt, als der Todesengel durchs Land ging. Das Blut an den Türen war ein Schutzzeichen. Johannes entwickelt die Symbole aus Israels Geschichte weiter: Gott beschützt die Existenz seines Volkes aus Juden und Heiden, durchaus auch ganz äußerlich.

Und tatsächlich werden Christen ganz äußerlich behütet, nicht in jedem Fall, aber auch nicht selten. Mitten in den Konflikten, die die Welt zerreißen. Es gibt so viele Geschichten von der Bewahrung der Jünger Jesu. Wir haben als Christen keine Garantie, dass uns nie etwas passiert, aber wir können durchaus mal mutig sein und müssen uns nicht zu viel Sorgen um uns selbst machen. Gott achtet auf uns.

Geschenkte Pausen

Man kann sogar sagen: Gott bremst die heftigsten Tumulte ab, damit erst sein Volk vollständig beisammen ist. Er schickt Engel, die die Hurricans zurückhalten, damit es uns nicht zu früh trifft. Wenn also eher ruhige Zeiten kommen, wie wir sie ja aus den letzten 50 Jahren durchaus kennen, dann ist das eine Zeit, um in Form zu kommen. Gott verschafft uns eine Atempause, damit sein Volk rechtzeitig sturmfest wird. Eine Schiffsmannschaft trainiert bei gutem Wetter; in einem Orkan ist es zu spät, da müssen die Griffe sitzen, da muss man sich aufeinander verlassen können. Wenn es also um uns herum gefährlicher wird, dann kann das damit zusammenhängen, dass Gott uns inzwischen mehr zutraut. Und gleichzeitig sind es Anschubser: passt auf, es wird nicht immer so friedlich bleiben, ist euch das klar, und nutzt ihr die Zeit, um euch vorzubereiten?

Das zweite Bild: eine Massenbewegung durch die Zeiten

Das andere Bild ist eine unübersehbar große Menge von Menschen aus allen Kulturen und Völkern, die vor Gottes Thron steht und ihn rühmt. Man muss sich vorstellen, dass die Gemeinden, an die Johannes schreibt, oft vielleicht nur aus einer Handvoll Menschen bestanden. Eine winzige Minderheit. Aber dieses Bild sagt: in Wirklichkeit seid ihr viele. Kurzfristig seid ihr eine Minderheit, aber wenn man auf die lange Zeit schaut, dann seid ihr eine echte Massenbewegung. Viele andere Massenbewegungen sind nach ein paar Jahren wieder in der Versenkung verschwunden, aber die Gemeinde Jesu zieht sich durch alle Zeitalter und Kulturen. So verändert sie hartnäckig die Welt. Und im Himmel, auf der verborgenen Seite der Welt, ist das sichtbar. Da seid ihr nicht ein paar verstreute Grüppchen, die glauben, dass sie nichts bewirken, sondern da tragen sie weiße Gewänder und Palmzweige als Siegeszeichen. Was wir hier erleben, hat immer eine verborgene Rückseite, und aus Gottes Perspektive ist das jetzt schon eine geheime Siegesgeschichte.

Keine Menschen mit leeren Seelen

Und dieser Sieg besteht darin, dass all diese Menschen nicht zu Werkzeugen des Bösen geworden sind. Sie sind durch böse Zeiten gegangen, aber ihr Schutz war die Verbindung mit Jesus, der auch mitten in Gewalt und Hass an der Liebe festhielt. In bösen Zeiten ist der wichtigste Schutz, dass dein Herz sich nicht von Hass und Feindschaft anstecken lässt, weil uns das von innen auffrisst. Ein muslimischer Prediger hat über die Attentäter von Paris gesagt, das wären Menschen mit »leeren Seelen« (Frankfurter Rundschau vom 10.1.2015, S.7). Das ist eine gute Formulierung: wenn ein Mensch erst eine leere Seele hat, die nicht mehr liebt und an nichts mehr hängt, dann ist er zu allem fähig. Dann ist ihm alles egal, auch sein eigener Tod, dann sind ihm die Menschen egal, dann kennt er kein Mitleid mehr. Er lebt von der Lebenskraft anderer und wird zu einem willigen Werkzeug der Zerstörung, bis er schließlich selbst zerstört ist.

Aber diese Menschen, die da vor dem Thron Gottes stehen, die sind davor geschützt. Sie haben »ihre Kleider im Blut des Lammes gewaschen«. Das ist eine merkwürdige Formulierung, gemeint ist: sie haben sich mit der Liebe verbunden, für die Jesus mit dem Leben bezahlt hat. Die hat ihre Herzen lebendig bleiben lassen. Und deshalb leben sie im Schutz und in der Nähe Gottes. Mitten in Konfrontationen sich nicht in Feindschaft hineinziehen lassen, mitten in Katastrophen nicht abstumpfen, das geht nur mit einem warmen, lebendigen, liebevollen Herzen.

Das heilige Risiko der Liebe

Auf den ersten Blick ist das ein Risiko, du wirst dann mitleiden müssen, du trägst nicht nur am eigenen Schmerz, sondern auch am Schicksal anderer. Wer liebt, ist auf den ersten Blick viel verletzlicher als jemand, dem nichts mehr am Leben liegt. Aber in ihm ist auch viel mehr Lebenskraft, viel mehr Widerstandskraft gegen alles Zerstörerische, und das schützt ihn selbst erst recht. Und dann schlägt Gott über seinen Leuten sein Zelt auf, wie es da wörtlich heißt, er umhüllt sie mit seiner Gegenwart, und der Strom seiner Liebe und seines Lebens fließt durch sie hindurch. Lebendige, warme Liebe vom Vater des Lebens!

Die größte Gefahr in Zeiten der Bedrohung ist es, dass man ein Zombie wird, eine leere Hülle für eine leere Seele, in der keine Liebe und kein Leben mehr wohnt, sondern nur noch Wut und das Gefühl, betrogen worden zu sein, und der Hunger nach irgendwelchen Erlebnissen, die das überdecken. Wer so geworden ist, der ist extrem verwundbar und gefährdet.

Der Herr der Zukunft, der Herr der Vergangenheit

Da ist es besser, den Schmerz zu riskieren, der durch Liebe und Mitleid entsteht. Und am Ende wird Gott all diese Tränen abwischen. Ich weiß nicht, wie er das macht, aber für ihn ist auch die Vergangenheit noch nicht abgeschlossen und fertig. Da ist das letzte Wort noch nicht gesprochen.

Wenn ihr an Gott denkt, dann stellt euch vor, wie er von seinem Thron steigt und persönlich jede Träne abwischt, die in diesen gefährlichen Zeiten geflossen ist. Er ist der Herr der Zukunft und der Herr über die Vergangenheit. Und er tut alles, um sein Volk heil durch diese Zeiten zu bringen.

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