Jul 142014
 

Predigt am 13. Juli 2014 (Besonderer Gottesdienst) zu Matthäus 23,8-12

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Der Gottesdienst begann mit einem Zusammenschnitt von Videoclips zu Volksaufständen von der Ukraine 2013 bis zum „Prager Frühling“ 1968.

8 Ihr sollt euch nicht Rabbi nennen lassen; denn einer ist euer Meister; ihr aber seid alle Brüder.
9 Und ihr sollt niemanden unter euch Vater nennen auf Erden; denn einer ist euer Vater, der im Himmel ist. 10 Und ihr sollt euch nicht Lehrer nennen lassen; denn einer ist euer Lehrer: Christus. 11 Der Größte unter euch soll euer Diener sein.
12 Denn wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt; und wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht.

»Ihr sollt niemanden unter euch Vater nennen« sagt Jesus, und damit stellt er das Machtsystem seiner Zeit grundlegend in Frage. Kein Vater mehr? Die ganze Gesellschaft beruhte damals darauf, dass jede Familie einen Chef hat. Der trifft die Entscheidungen: für die Frauen sowieso, aber genauso für seine Söhne und ihre Familien und für alle anderen, die zum Clan gehören.

Das politische System und das Familiensystem

Auch bei uns ist das noch lange so gewesen, wenn auch in abgemilderter Form, und in vielen Teilen der Welt ist das bis heute selbstverständlich so. Und die Familienstrukturen stimmen überein mit den staatlichen Strukturen: ein starker Mann an der Spitze, sozusagen der Übervater des ganzen Landes. In all den Ländern, in denen wir in den letzten Jahren Aufstände und Umstürze erlebt haben, gab oder gibt es diese Überväter: die Mubaraks, Januschenkos, Erdogans, und wie sie alle heißen. Mir ist ein Licht aufgegangen, als ich irgendwo von diesem Zusammenhang gelesen habe: dass im arabischen Frühling die Menschen nicht nur gegen die tyrannische politische Ordnung gekämpft haben, sondern dass das auch ein Abschied vom System der Väter war, nach dem die ganze Gesellschaft immer noch organisiert ist.

Ein Vater im Himmel …

Vor 2000 Jahren, als Jesus die Herrschaft der Väter in Frage stellte, war dieses Gesellschaftssystem natürlich noch wesentlich mächtiger als es heute immer noch ist. Aber Jesus gründet die Gemeinschaft seiner Jünger als eine Gemeinschaft ohne Väter. Interessant ist die Begründung: ihr habt einen Vater im Himmel, deshalb sollt ihr auf der Erde Geschwister sein. Oft haben Menschen die Herrschaft der Väter und Herren gerade damit begründet, dass die Erde genauso geordnet sein sollte wie der Himmel: wenn es dort oben einen Gott und Herrn gibt, dann muss es auf der Erde dementsprechend auch Chefs geben, die uns sozusagen als kleine Götter beherrschen.

… und auf Erden Geschwister

Bei Jesus ist die Argumentation aber genau andersherum: weil es den Vater im Himmel gibt, deshalb soll kein Mensch diese Vaterrolle einnehmen. Und Jesus sprach auch von seinem Vater im Himmel nicht wie von einem Despoten, der hoch oben thront und Gehorsam fordert, sondern er redete Gott als »Abba« an, ein Wort, das damals kleine Kinder für ihren Vater benutzten, so wie »Papa« oder »Väterchen«. Da klingt Vertrautheit und vielleicht auch Zärtlichkeit mit. Jesu Vater ist kein Schlaffi, er tritt dem Bösen und Zerstörerischen mit Entschiedenheit entgegen. Aber er ist zugänglich, ein Vertrauter, der seinem Sohn Jesus den Rücken stärkt.

In Israel hat Gott allerdings die Herrschaft der Väter schon immer relativiert. Im Alten Testament gibt es viele Geschichten von tüchtigen, klar blickenden Frauen, an denen sich mancher Mann ein Beispiel nehmen konnte. Oder: der große König David war ausgerechnet der jüngste Sohn seines Vaters, und stand damit in der patriarchalischen Rangfolge eigentlich ganz unten. Ausgerechnet er wurde Israels größter König.

Aber Jesus gründet eine Gemeinschaft, die überhaupt nicht mehr nach patriarchalischen Prinzipien organisiert ist. Jesus schafft einen Raum, der ohne heilige oder unheilige Väter, Lehrer, Meister usw. auskommt. Deswegen tauchen bei ihm auch die vielen Frauen auf, mit denen er genauso redet wie mit seinen männlichen Jüngern. Es ist ein Lernraum, wo man erste Schritte tun kann, um all die Hierarchien hinter sich zu lassen, die die Menschen voneinander trennen und gegeneinander in Stellung bringen. Wahrscheinlich haben viele gar nicht verstanden, was da mit ihnen geschah, aber sie merkten: es ist gut so. So – sagen wir mal: kameradschaftlich – als Männer und Frauen zusammenzugehören, das ist viel besser als die Aufteilung von Männern und Frauen in zwei Welten, die sich misstrauisch gegenüberstehen.

Die Last traditioneller Prägungen

Man muss sich aber nicht wundern, dass sich im Lauf der Zeit in der Christenheit auch wieder patriarchalische Verhaltensmuster eingeschlichen haben. Die ganze Gesellschaft war so geprägt; neue Christen verloren ihre Prägungen nicht automatisch mit der Taufe. Und wenn Menschen die Last der Unterdrückung loswerden, dann werden sie nicht automatisch edel und gut, sondern manchmal auch chaotisch oder selbst kleine Tyrannen. Und dann liegt es nahe, dass man eine gewisse Ordnung schafft, damit man überhaupt noch vernünftig miteinander auskommt und nicht die Schwächeren auf der Strecke bleiben. Und so hießen dann Gemeindeleiter irgendwann doch wieder »Pater«, also »Vater« auf lateinisch.

Jesus wusste, warum er nicht gleich zum Angriff auf die ganze herrschaftlich verfasste Gesellschaft geblasen hat: Menschen müssen erst ihre Prägungen verlernen und neue Erfahrungen machen, bevor sie wirklich frei werden von ihren unterdrückerischen Prägungen, ihrer Furcht und ihrem Wunsch zu dominieren. Die Herrschaft der Väter hält die Kinder ja wirklich in Unmündigkeit und Verantwortungslosigkeit. Ihr wirkliches Potential bleibt ungenutzt. Weil sie nie die Verantwortung bekommen, werden sie oft auch keine verantwortlichen Menschen. Wie oft hat man das erlebt, dass ein korruptes Regime gestürzt wird und die neuen Herren sind noch unfähiger und bereichern sich noch schamloser als die alten!

Ein langer Weg des Lernens mit unglaublichen Folgen

Deshalb hat Jesus die Gemeinschaft seiner Jünger und Jüngerinnen auf einen weiten Weg des Lernens geschickt, wo es dann oft erst einmal um eine mildere Form der Unterdrückung ging. Hier bei uns im Abendland hat es z.B. nie lange einen richtigen Despotismus gegeben wie in den antiken Reichen, weil es immer Kirche und Staat gab, Kaiser und Papst, die sich gegenseitig begrenzten. Und wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte: zwischen diesen beiden Mächten entstand ein Freiraum, in dem sich die moderne Welt entwickeln konnte. Freiheit, Menschenrechte, Abschaffung der Sklaverei, Ermächtigung von Frauen und anderen, die früher keine Macht hatten, Freiraum, um neue Dinge zu denken: diese ganze unglaubliche Entfaltung der menschlichen Kräfte und Potentiale, diese Explosion an Kreativität – es ist kein Zufall, dass sich das ausgerechnet im christlichen Abendland entfaltet hat.

Aus der Innenansicht würden wahrscheinlich viele Menschen sagen: das ist alles noch nicht weit genug gekommen, es gibt auch bei uns noch jede Menge Menschen, die darin gehindert werden, ihr ganzes Potential zu entfalten, und die christlichen Kirchen haben längst nicht immer an der Spitze dieser Bewegung zur Befreiung und Ermächtigung der Menschen gestanden. Aus der Innenansicht ist das einleuchtend und plausibel; schaut man aber von außen drauf, dann ist der christliche Westen immer noch ein Leuchtturm, an dem sich viele Menschen in der Welt orientieren. Beides ist richtig: dass unter uns Freiheit und Menschenwürde in Geltung stehen, wie nirgendwo sonst; und genauso, dass das noch längst nicht genug ist, und dass wir vor Rückfällen und Katastrophen nie sicher waren und sind.

Das alte Herrschaftssystem und die neue Gesellschaft Jesu

Aber heute erleben wir, wie sich dieser Impuls Jesu auf vielen sichtbaren und unsichtbaren Wegen durch die ganze Welt hindurch fortsetzt. Überall kommt die Herrschaft der Väter ins Wanken, und die Aufstände und Rebellionen überall auf der Welt sind ein deutliches Zeichen dafür. Aber das geschieht nicht im luftleeren Raum; wenn Menschen irgendwo gegen ihre Bedrückung aufstehen, dann bekommen sie es zu tun mit Großmachtinteressen, mit den verschiedenen Fraktionen der bisherigen Machteliten, mit religiösen Strömungen, nicht zuletzt sind die Tyrannen manchmal klüger und manchmal verblendet. Längst nicht alle Aufstände erreichen ihr Ziel, viele scheitern und es wird noch schlimmer als vorher.

1989 hat es in Peking auf dem Platz des himmlischen Friedens ein Blutbad gegeben und bei uns die deutsche Einheit. Aus den Protesten in Syrien ist ein endloses Gemetzel geworden und aus dem ägyptischen Frühling eine durch Wahlen teilweise legitimierte Militärdiktatur. Die Menschen in der Ukraine sind zwischen die Mühlsteine von Russland und Europa geraten, und in Brasilien beeinflusst vielleicht ein Spiel der Fußball-Weltmeisterschaft den Weg des ganzen Landes – keiner weiß heute, wohin das führt. Die Welt ist unglaublich kompliziert. Und viele schauen am liebsten gar nicht mehr hin, weil sie sagen: das verstehe ich sowieso nicht, warum die sich die Köppe einschlagen.

Aber das Ganze bekommt seinen Sinn, wenn man es begreift als den Weg, auf dem Jesus die Menschen herausholt aus den bedrückenden Verhältnissen, in denen sie eingemauert waren, und die ihnen die Luft zum Leben abschnüren. Wieder und wieder wird sein ursprünglicher Impuls dabei missverstanden und verfälscht; wieder und wieder kämpfen Menschen mit den alten Methoden, von Bitterkeit erfüllt und nicht von Vertrauen in den Vater im Himmel; wieder und wieder werden schreckliche Katastrophen daraus, weil die alten Mächte lieber ein ganzes Land kaputtbomben, als ihre Herrschaft aufzugeben.

Und trotzdem steht an der Wurzel dieses Weges Jesu Impuls: einer ist euer Vater, und deshalb braucht ihr keine irdischen Väter, die über euch herrschen. Und auch der Vater im Himmel ist kein Despot. Gott will eine geschwisterliche Gemeinschaft unter den Menschen. Warum verbarrikadiert ihr euch in Machtsystemen und gegenseitiger Abwertung? Das ist doch kein Leben!

Die Erfahrung von Freiheit

Eigentlich bei all diesen Aufständen und Rebellionen erleben es die Menschen als große Befreiung, dass sie sich quasi als neue Gesellschaft auf großen Plätzen versammeln und wildfremde Menschen wie Freunde zusammenfinden. Gezi-Park, Tahrir-Platz, der Maidan in Kiew, die Nikolaikirche von Leipzig und der Wenzelsplatz von Prag: überall stehen sie Seite an Seite, verschenken Essen und Trinken, bauen Zelte und Barrikaden, versorgen Verwundete, zünden Kerzen für Tote oder Verhaftete an, machen Musik, malen Bilder und Wandzeitungen und übernehmen Verantwortung für die öffentliche Ordnung. Alles ohne mächtige Väter, die ihnen sagen, was sie zu tun und zu denken haben. Mal mehr und mal weniger zeigt sich etwas von dieser neuen geschwisterlichen Welt, von der Jesus sprach. Manchmal wird gebetet und manchmal nicht, manchmal sind Christen dabei und manchmal nicht, manchmal halten sie Gewaltfreiheit lange durch und manchmal wird ein Bürgerkrieg daraus. Manchmal werden aus Freiheitskämpfern Mörderbanden, deren Geschäftsmodell der Krieg ist, egal gegen wen. Und manchmal kann all das auch Konflikte unter den großen Mächten dieser Welt auslösen, die solche Bewegungen natürlich für ihre Zwecke nutzen wollen, und dann gibt es Spannungen und vielleicht sogar richtigen Krieg.

Die Mächte nicht unterschätzen und sich nicht fürchten

Jesus hat gewusst, wie gefährlich es ist, sich mit den Mächten dieser Welt anzulegen, und deshalb hat er davor gewarnt, sich ohne ausreichende Vorbereitung auf diese Auseinandersetzungen einzulassen, oder zu denselben Mitteln zu greifen wie die Unterdrücker.

Und was heißt das alles jetzt für uns?

Das erste ist: nicht zu schnell Partei ergreifen. Die Dinge sind immer noch komplizierter, als man denkt. Wir müssen sie erst verstehen. Die Medien sind schreckliche Vereinfacher, weil sie uns nicht mehr zutrauen, dass wir bei komplizierten Informationen zuhören. Ich hoffe, die irren sich wenigstens bei uns.

Das zweite: Gott regiert diese Welt. Kleine Gruppen von Menschen, die etwas von dem Impuls Jesu abbekommen haben, bringen völlig unerwartet die Kalkulationen der großen Mächte durcheinander. Wer hätte den arabischen Frühling vorausgesehen? Es passiert Neues, der Impuls Jesu geht weiter, selbst wenn die Kirchen bequem werden, aber sie werden es ja gar nicht immer. Gott regiert die Welt nicht wie ein Marionettentheater, sondern so, dass er etwas Neues und Anderes in die Welt hineingibt. Und dann müssen alle sich dazu positionieren und irgendwie damit fertig werden. Gott ist noch längst nicht in Rente gegangen.

Das dritte: unsere Rolle als die, die Jesus begegnet sind, ist: den Ursprung dieser weltweiten Bewegung verkörpern. Es gibt so viele schlechte Kopien. Irgendwo muss auch mal das Original zu sehen sein. Anzufassen, mitzuerleben. Es gibt so viele Gelegenheiten, Wunden zu heilen und Menschen Hoffnung und Heimat zu geben. Auch dazu sind wir da. Dazu vor allem. Wie das christliche Europa mit den Flüchtlingen der vielen Bürgerkriege umgeht, ist eine Schande. Das wird uns noch lange anhängen.

Viertens: stolz sein auf das, was uns anvertraut ist. Dass wir für Freiheit und Menschenrechte stehen, macht unsere Kraft aus. Ja, wir sind diese komischen Europäer, diese zögerlichen Deutschen, die nicht so gerne schießen und nicht so markig und zackig auftreten und sich mit dem Schutz der Umwelt so anstellen. Vielleicht geben wir irgendwann sogar noch mal Edward Snowden Asyl. Es gibt überall Leute, die das für Schwäche halten. Die Herrschaft der Väter ist noch längst nicht besiegt. Das Herrschaftssystem versucht noch zu retten, was zu retten ist. Der Islamismus ist so ein Versuch, die traditionelle Ordnung zu retten. Oder die ganzen komischen Gruppen, die jetzt auch noch ins Europaparlament gekommen sind. Wir leben mitten im Zusammenprall der alten Mächte mit dem Neuen, was durch Jesus in die Welt gekommen ist. Das erschüttert die Welt bis in ihre Grundfesten; es ist durchaus zum Fürchten. Wüssten wir nicht, dass Jesus auferstanden ist, es wäre zum Verzweifeln.

Aber, was ist das häufigste Gebot in der Bibel? »Fürchtet euch nicht!«. Bleibt in den Spuren Jesu, lernt von ihm, investiert eure Leben in seinen Weg. Vertraut dem Vater im Himmel und dann geht bis an die Enden der Erde. Wo mitten unter Not und Gewalt doch gemeinsam geliebt und gehofft wird und Menschen aufblühen, da ist die neue Welt schon geboren.

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