Mai 112014
 

Predigt am 11. Mai 2014 zu Johannes 15,1-8

Jesus sprach zu seinen Jüngern: 1 »Ich bin der wahre Weinstock, und mein Vater ist der Weinbauer. 2 Jede Rebe an mir, die nicht Frucht trägt, schneidet er ab; eine Rebe aber, die Frucht trägt, schneidet er zurück; so reinigt er sie, damit sie noch mehr Frucht hervorbringt. 3 Ihr seid schon rein; ihr seid es aufgrund des Wortes, das ich euch verkündet habe. 4 Bleibt in mir, und ich werde in euch bleiben. Eine Rebe kann nicht aus sich selbst heraus Frucht hervorbringen; sie muss am Weinstock bleiben. Genauso wenig könnt ihr Frucht hervorbringen, wenn ihr nicht in mir bleibt. 5 Ich bin der Weinstock, und ihr seid die Reben. Wenn jemand in mir bleibt und ich in ihm bleibe, trägt er reiche Frucht; ohne mich könnt ihr nichts tun.
6 Wenn jemand nicht in mir bleibt, geht es ihm wie der ´unfruchtbaren` Rebe: Er wird weggeworfen und verdorrt. Die verdorrten Reben werden zusammengelesen und ins Feuer geworfen, wo sie verbrennen.
7 Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, könnt ihr bitten, um was ihr wollt: Eure Bitte wird erfüllt werden. 8 Dadurch, dass ihr reiche Frucht tragt und euch als meine Jünger erweist, wird die Herrlichkeit meines Vaters offenbart.«

Wenn Paulus von Jesus und seinen Leuten spricht, dann redet er von dem Leib Christi und seinen Gliedern. Wenn man das in die Welt der Pflanzen überträgt, dann kommt man zu dem Bild, das sich hier bei Johannes findet: der Weinstock und seine Reben.

Wir hatten früher am Pfarrhaus einen Weinstock. Leider hat er es nicht überstanden, als vor ein paar Jahren die Wand neu verputzt wurde. Aber die langen Weinranken habe ich noch gut vor Augen. Es war nur eine einzige Pflanze, aber sie hat mit ihren vielen Ranken und Blättern die ganze Rückwand des Pfarrhauses bedeckt. Das war schön anzusehen, wenn das Haus im Sommer von einem grünen Kleid bedeckt war. Wein treibt unendlich lange Ranken, wenn man ihn lässt, und ganz am Ende sitzen dann die Weintrauben mit den saftigen Früchten. Die Verbindung bis zur Wurzel kann man nur sehr mühsam zurückverfolgen, das ist manchmal eine ziemlich lange Strecke, aber am Ende gibt es doch eine Verbindung von den Weintrauben bis zum holzigen Weinstock und zur Wurzel. Und diese langen Ranken nennt man die »Reben«. Durch sie fließt der Saft zu den Trauben. Wein braucht sehr viel Feuchtigkeit, und die fließt dann durch die langen Reben zu den Weintrauben und macht sie prall.

Warum Wein beschnitten wird

Wir haben in guten Jahren auch wirklich eine ganze Menge Weintrauben geerntet, aber wenn man sie aß oder Saft daraus presste, schmeckte es doch ziemlich säuerlich. Wahrscheinlich ist hier bei uns das Klima nicht so günstig für Wein. Aber es lag auch daran, dass der eine Weinstock sich über die ganze Pfarrhauswand ausbreiten durfte. Ein Winzer, der was von der Sache versteht, hätte das nie zugelassen. Wein muss beschnitten werden, damit er seine Kraft auf eine begrenzte Zahl von Trauben konzentriert. Die werden dann richtig gut. Weil mir das Weinlaub am Haus wichtiger war als die Trauben, deshalb haben wir nie mehr bekommen als einen säuerlichen und wässrigen Saft.

Wenn Jesus davon spricht, dass sein Vater als Winzer die Trauben »reinigt, damit sie mehr Frucht bringen«, dann meint er diese Arbeit, dass man den Weinstock durch den Schnitt dazu bringt, sein Aroma auf eine begrenzte Zahl von Trauben zu konzentrieren, damit das hervorragende Trauben werden, die Wein hervorbringen, den Kenner dann mit vielen blumigen Worten beschreiben.

Im Alten Testament wird Israel oft mit dem Bild des Weinstocks oder auch des Weinbergs beschrieben. Das war ein ganz bekanntes Bild, und wenn Jesus es hier auf sich selbst bezieht, dann bedeutet das, dass sich in ihm Israel konzentriert. All die Linien der Geschichte Gottes mit seinem Volk laufen in Jesus zusammen und bündeln sich in ihm. So viele Wege ist Gottes Volk gegangen, so viele schwer durchschaubare Dinge sind ihm zugestoßen, es ist einfach nicht auf einen Nenner zu bringen, aber hier sagt Jesus: die Einheit in dem allen bin ich. Und in der Tat hat Jesus sich intensiv mit all den unterschiedlichen Überlieferungen seines Volkes auseinandergesetzt und hat sie neu gelesen; und am Ende erkannte er es als seine Berufung, die Mission Israels in seiner Praxis zu ihrem Höhepunkt zu bringen.

Mit diesem Bild des Weinstocks berührt Jesus aber auch all die Gedanken, die sich die Völker der Alten Welt über den Wein gemacht haben. Wein war eines der Grundnahrungsmittel, und er ist ja wirklich eine erfreuliche Pflanze, weil die Weintrauben sowieso schon gut schmecken, und in flüssigem Zustand noch einmal ganz besondere Wirkung entfalten. Deshalb ist der Wein schon immer ein Symbol für Freude, Genuss und Festlichkeit gewesen. Die Heiden kannten den feierfreudigen Gott Dionysos, dessen Zeichen der Wein war.

Und wenn Jesus sagt: ich bin der wahre Weinstock, dann signalisiert er auch den Verehrern von Dionysos: was ihr da sucht, und was dann regelmäßig in einem Kater endet, wenn nicht mit Schlimmerem, das findet ihr bei mir, aber ohne böses Erwachen hinterher.

Alkohol und andere Drogen

Bei uns ist Alkohol ja immer noch die Hauptdroge, mit der sich Menschen in ungewöhnliche Zustände zu bringen versuchen, aber inzwischen sind noch viele andere Substanzen dazu gekommen, von denen sich Menschen mindestens kurzzeitig Glück oder wenigstens Erleichterung versprechen.
Eigentlich geht es bei allen Arten von Drogen immer darum, mindestens für einige Zeit ein gesteigertes Gefühl für das Leben zu bekommen. Das Frustrierende zu vergessen, das Problematische nicht mehr so wahrzunehmen, die eigenen Begrenzungen zu ignorieren. Weil das normale Leben nicht schön ist, geht man sozusagen für ein paar Stunden auf Urlaub von der Realität.

Aber wie die Gesetze des Lebens so sind: hinterher kommt die Rechnung. In Form eines Katers, oder in Gestalt von Abhängigkeit oder sogar durch die dauernden Schäden, die dieser Ausflug am eigenen Körper oder bei anderen angerichtet hat. Das ist ja eine ganz bemerkenswerte Sache, dass es keine Drogen gibt, die nicht irgendwie Schäden anrichten. Mit allen möglichen Substanzen versuchen Menschen, die Realität auszuhebeln. Aber bis heute hat man keinen Stoff gefunden, der das schafft, ohne Zerstörungen zu hinterlassen. Das scheint ein Lebensgesetz zu sein: du kannst die Realität nicht dauerhaft zur Seite schieben. Am Ende holt sie dich wieder ein.

Das Ende der falschen Tröstungen

Und Jesus sagt nun: was ihr mit Alkohol und Drogen sucht, das findet ihr bei mir, aber bei mir ohne den Kater und ohne die Langzeitfolgen. Bei mir ändert sich das Leben tatsächlich, ich sorge nicht nur ein paar Stunden lang für Vergessen. Es geht nicht darum, die triste Realität aufzuhübschen, sondern sie soll tatsächlich neu werden.

Und das geschieht im Zusammenwirken des Weinstocks und der Reben. Die Reben sind natürlich die Leute Jesu, die Jünger und Jüngerinnen. Durch sie tritt der Lebenssaft aus dem Weinstock ans Licht der Welt. Kein Mensch kommt und trinkt Wein direkt aus dem Weinstock. Bis heute geht das nur auf dem Umweg über die Weintrauben. Und so haben die Menschen Jesus nur auf dem Umweg über seine Gemeinde. Jesus hat sich an fehlerhafte Menschen gebunden, und es gibt kaum einen Fehler, den die Nachfolger Jesu noch nicht gemacht hätten. Und es ist keine Lösung, zu sagen: schau einfach nicht auf die Kirche und ihre Probleme, es geht doch um Jesus! Denn die Menschen sollen den Lebenssaft durch die Reben und ihre Früchte bekommen, also durch die Gemeinde Jesu. Deshalb ist es äußerst wichtig, dass Weinstock und Reben miteinander gute Früchte hervorbringen. Es ist nicht egal, in welchem Zustand die Kirche ist.

Dem göttlichen Weingärtner liegt sehr an der Gesundheit der Reben. Deshalb schneidet er die fruchtlosen Ranken ab, deshalb beschneidet er auch die fruchtbaren Triebe, damit sie richtig gute Trauben bringen und nicht nur saure.

Kirche auf dem Weg zum Wesentlichen

Wir erleben das im Augenblick: unsere Art, Kirche zu sein, bringt nicht besonders viel Frucht hervor. Sie funktioniert meistens noch ganz gut dort, wo Menschen aus einer vormodernen Zeit in die moderne Zeit eintreten. In Afrika, Asien, Lateinamerika, da ist das Christentum vital und wächst. Aber hier bei uns, wo schon seit langer Zeit die moderne Zeit eingezogen ist, da funktioniert das nicht mehr. In jeder Generation wird es wieder etwas weniger. Wir brauchen eine andere Art, Gemeinde Jesu in der modernen Welt zu sein, damit der Saft des Weinstocks durch hervorragende Früchte zu den Menschen kommt.

Und dieses Bild vom Weingärtner, der die Reben beschneidet, entschlüsselt uns, was gerade passiert: Gott schneidet uns zurück, damit wir lernen, auf neue Art Kirche zu sein, die mehr Ertrag und bessere Qualität bringt. Er schneidet die Überorganisation und Geschäftigkeit weg, alle möglichen Aktivitäten und Gruppierungen, die viel Laub bilden, aber nur wenige, saure Früchte hervorbringen.

Die Kraft, die von Jesus ausgeht, soll nicht verschwendet werden. Wir sollen uns davon verabschieden, Leute zu bespaßen oder ihnen ab und zu mal in einer Krise auszuhelfen. Es geht um eine viel ernstere Aufgabe: um ein Ökosystem, durch das die Kraft Jesu in die Welt strömt, damit Menschen sich eben nicht mehr durch Drogen aller Art aus der Realität verabschieden müssen mit all den zerstörerischen Folgen. Und zu den Drogen und ihren Folgen zähle ich auch den Kaufrausch, die Internetsucht, die Essstörungen und vor allem die planetaren Störungen, die durch unsere Wohlstandssucht und unseren Energiehunger produziert werden. Wenn Menschen nichts Besseres haben, dann werden sie weiter für kurzfristige Entlastungen die Zukunft zerstören.

Worte, die klingen

Wir sollen so in Form kommen, dass wir den Lebensstrom Jesu nicht sauer oder verwässert weitergeben, sondern stark und konzentriert. Dieser Lebensstrom sind die Worte Jesu. Als Jesus das sagte, gab es noch keine gedruckten Bücher, und geschriebene Bücher waren selten und teuer. Bücher waren zum Vorlesen da, nicht zur stillen Lektüre. Worte waren in der Welt Jesu immer mit Klang verbunden. Man sah sie nicht auf Papier oder auf dem Bildschirm, sondern man hörte sie. Es gab Worte nur, wenn sie durch lebendige Menschen zum Leben erweckt wurden.

Für uns ist das vielleicht deutlicher, wenn wir an Noten denken: die wenigsten von uns hören etwas, wenn sie Noten sehen. Erst wenn lebendige Menschen damit Musik machen, dann erwachen die Noten zum Leben. So ist es auch mit den Worten Jesu gemeint. Sie sollen durch uns hindurch ihr Leben weitergeben: durch unser Reden und unsere Taten, aber die meisten Taten sind genau genommen ja Worte, Sprechakte. Jesu Worte bleiben in uns, wenn wir sie weitersprechen. Es geht nicht um wörtliches Wiederholen, sondern sie sollen unsere eigenen Worte anstoßen und gestalten.

Worüber sprechen wir normalerweise?

Deswegen ist es so wichtig, sich Rechenschaft zu geben: wie oft lebt eigentlich Jesus und seine Mission in meinen Worten? Ich meine jetzt nicht im Gottesdienst, sondern da, wo wir auch sonst reden. Menschen reden über vieles, über Krankheiten und Sport, über Kinder und Arbeit, über Lehrer und Katzen, über das Wetter und Fernsehsendungen, den Garten und viele andere Dinge, die sie beschäftigen. Aber wie oft schaffen wir einen Raum, in dem die Worte Jesu unter uns weitergesprochen werden? Es geht nicht um die Rezitation und Wiederholung von frommen oder heiligen Formeln, sondern darum, dass wir in unserer Zeit und mit unserer Art zu reden und zu denken die Worte Jesu zwischen uns lebendig sein lassen. Dass sein Thema unser Thema wird: wie Menschen davor bewahrt werden können, sich für einen hohen Preis kurzfristige Entlastungen zu verschaffen. Und wie sie in Verbindung mit Jesus die Freude finden, die wir alle ersehnen.

Das passiert nicht von allein. Dafür muss man überlegen und miteinander reden. Weinreben machen sich keine Gedanken. Aber wir sind Menschen. Zu unserer Existenz gehört es, miteinander nachzudenken und zu reden. Und man muss es bewusst wollen, dass mitten darin die Worte Jesu neu lebendig werden.

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