Apr 182014
 

Predigt am 17. April 2014 (Gründonnerstag) zu Hebräer 2,14-18

Gründonnerstag erinnert uns daran, wie Jesus sein Sterben vorbereitet hat, und zwar auf doppelte Weise: Einmal hat er seine Jünger darauf vorbereitet. Er hat ihnen das Abendmahl hinterlassen, damit sie auch nach seinem Tod wieder einen Mittelpunkt haben, einen Kristallisationspunkt. Er hat das jüdische Passafest als Ausgangspunkt genommen und hat in die Feier seinen Tod mit eingebaut. Er hat alles vorbereitet, damit sie später seinen Tod als notwendiges Sterben verstehen und feiern können. Später, wenn der Schock des Karfreitags vorbei ist, wenn Gott in seiner Treue Jesus wieder ins Leben zurückgeholt haben wird.

Aber nun kommt das andere: jetzt muss Jesus sich selbst vorbereiten. Es ist eine Sache, wenn er lange vorher angekündigt hat: ich werde sterben und von den Toten auferstehen. Eine ganz andere Sache ist es, nun wirklich darauf zuzugehen, und zu wissen: in ein paar Stunden ist es so weit, dann kann ich nicht mehr zurück, dann warten nur noch Schmerzen und Demütigungen und Sterben auf mich.

Wir können heute im Rückblick sagen: wusste er denn nicht, dass er auferstehen würde? Aber Jesus kannte noch nicht das Neue Testament. Er hat wohl darauf vertraut, dass Gott ihn nicht in Stich lassen würde, aber er konnte das nur glauben, er musste auf Gott vertrauen, wie jeder von uns. Aber er hatte keinen, der ihm vorangegangen wäre – wir dagegen haben ihn.

Deshalb ist der Gründonnerstag nicht nur der Tag, an dem das Abendmahl eingesetzt wurde, sondern es ist auch der Tag von Gethsemane. Zu diesem Tag gehört auch die Erinnerung an die Stunden, in denen Jesus ganz allein mit Gott war, dort im Garten Gethsemane, während die Jünger sich in den Schlaf geflüchtet haben. Da hat er sich endgültig durchgerungen, das Kreuz auf sich zu nehmen. Und ganz besonders diese Situation hat der heutige Predigttext im Auge. Er steht im 2. Kapitel des Hebräerbriefes:

14 Weil nun die Kinder von Fleisch und Blut sind, hat auch er’s gleichermaßen angenommen, damit er durch seinen Tod die Macht nähme dem, der Gewalt über den Tod hatte, nämlich dem Teufel, 15 und die erlöste, die durch Furcht vor dem Tod im ganzen Leben Knechte sein mussten. 16 Denn er nimmt sich nicht der Engel an, sondern der Kinder Abrahams nimmt er sich an. 17 Daher musste er in allem seinen Brüdern gleich werden, damit er barmherzig würde und ein treuer Hoherpriester vor Gott, zu sühnen die Sünden des Volkes. 18 Denn worin er selber gelitten hat und versucht worden ist, kann er helfen denen, die versucht werden.

Was ist die Aufgabe eines Hohen Priesters? Der Hohe Priester tut etwas im Namen des Volkes, er tut es stellvertretend für das Volk, und was er für das Volk tut, das gilt auch für alle. In Gethsemane kämpft Jesus im Gebet stellvertretend für alle seinen Kampf gegen die Todesfurcht. Und es ist wichtig, dass das hier im Hebräerbrief als »Versuchung« bezeichnet wird.

Die zwei Versuchungen Jesu

Jesus ist in seinem Leben zwei Mal versucht worden: am Anfang, als der Feind versuchte, ihn mit Verlockungen von Gott wegzubringen. Das war das Zuckerbrot. Das hat nicht funktioniert. Jesus hat den Kampf bestanden. Jetzt kommt die Peitsche. Buchstäblich. Jetzt am Ende seines Lebens wird der Feind versuchen, Jesus mit konzentrierter Grausamkeit zu überwältigen. Ihn mit körperlicher und seelischer Qual dazu zu bringen, dass er Gott den Rücken kehrt.

Wir wissen, dass Jesus auch diese zweite Versuchung bestanden hat. Mit letzter Kraft hat er an Gott festgehalten, er hat ihn gefragt »warum hast du mich verlassen?«, aber er hat die Frage an Gott gerichtet und sich nicht von ihm losgesagt. Und der Offizier vom Hinrichtungskommando hat es gesehen und hat verstanden, dass er Gottes Sohn ist: er, der Römer, der fremde Besatzungsoffizier, der eigentlich einen ganz anderen als „Sohn Gottes“ kennt, wenn überhaupt, nämlich den römischen Kaiser, seinen Oberbefehlshaber. Jesus überzeugt mit seinem Sterben seinen Henker. Und das war nur der Anfang.

Aber das war der Anfang. Die Macht des Versuchers über die Menschen ist gebrochen. Der Hohepriester Jesus hat ihn stellvertretend besiegt, die Macht des Versuchers ist gebrochen, und dieser Sieg gilt jetzt für alle, die sich von Jesus vertreten lassen.

Kampf mit der Todesangst

Und der Hebräerbrief sagt: dazu musste Jesus unter den gleichen Bedingungen antreten wie jeder Mensch: ein Mensch aus Fleisch und Blut, der versuchlich ist, der schwach wird, der nicht in die Zukunft sehen kann, der Angst hat wie jeder Mensch.

Und er hat Todesangst wie jeder, der weiß, dass ein grausames Sterben auf ihn wartet. Und er könnte ja die zwei Wege gehen, auf denen wir weglaufen vor dem Tod, nämlich das (1.) einfach zu ignorieren und möglichst lange nicht an seinen Tod zu denken, oder (2.) zu versuchen, das Sterben noch möglichst lange rauszuschieben. Jesus hätte fliehen können. Aber genau das macht er nicht, sondern er stellt sich, er geht sehenden Auges nach Jerusalem und weiß, dass es dort zum Zusammenstoß kommen wird. Aber dann in Gethsemane spricht er mit Gott darüber, was er tun soll. Er möchte ja gern leben. Er liebt das Leben. Aber als er genau weiß, dass jetzt der Moment gekommen ist, da ringt er sich durch und sagt Ja und steht auf, um seinem Verhaftungskommando entgegenzugehen. Und so überwindet er stellvertretend für uns die Todesfurcht.

Und damit entreißt er dem Bösen die entscheidende Waffe. Die Todesangst ist die Trumpfkarte der bösen Mächte. Wer über den Tod verfügt, der ist in der Lage die Menschen durch Todesangst zu versklaven.

Die subtile Herrschaft des Todes

Diese Angst bestimmt unser Leben viel stärker, als wir auf den ersten Blick glauben. Alles Sich-Anpassen und Mitmachen bei bösen Dingen kommt letztlich aus der Angst vor dem Tod. Wer mit dem Tod drohen kann, der hat die Menschen in der Hand. Die Todesangst sagt: Dein Leben ist alles, was du hast, und du musst es mit allen Mitteln verteidigen, du musst aus diesem Leben so viel wie möglich herausholen, denn es ist kurz genug. Alle Ideale und auch Gottes Gebote sind gut und schön, aber was nützt dir das, wenn dein Leben zu Ende ist? Lasst uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot – so spricht die Todesangst. Und sie sickert ein in unser ganzes Leben, in unsere Kultur und unsere Weltanschauung, in unsere Wirtschaftssysteme und Militärstrategien, in unsere Beziehungen und Seelen, so sehr, dass uns das gar nicht mehr auffällt.

Der Tod ist das letzte und schlagkräftigste Argument des Teufels. Solange das nicht entkräftet ist, wird der Feind bei uns immer wieder einen Fuß in der Tür haben. Er muss ja gar nicht gleich mit dem richtigen Sterben drohen. Es reicht schon die Angst vor ernsthafter Krankheit, Angst um die Familie, Angst um den Arbeitsplatz, Angst, zu kurz zu kommen im Leben – all diese Verkleidungen der Todesfurcht reichen normalerweise schon aus, um uns mürbe zu machen und zwischen Gott und uns einen Keil zu treiben. Wenn wir erst von dieser Angst beherrscht sind, dann ist nicht mehr viel Platz für Vertrauen zu Gott und Gehorsam. Dann denken wir: rette sich, wer kann!

Es ist ein harter Kampf, wenn einer trotzdem auf Gott setzen will und sagt: »Du bist mir viel wichtiger als alles andere. Ich habe mehr Angst, dich zu verlieren, als vor jedem anderen Verlust.« Aber wenn einer das durchhält, dann erweist sich am Ende oft, dass die Dinge gar nicht so schlimm werden wie befürchtet. Aber Jesus bei Jesus war der Tod kein leerer Bluff.

Jesus erlebte den konzentrierten Angriff der Angst. Und einsam stand er diesen Kampf durch. Er hielt fest daran, dass Gott ihn nicht im Stich lassen würde. Er blieb im Vertrauen, er blieb im Willen Gottes. Vielleicht hat Jesus sich dazu Bibelverse aufgesagt; Lukas erzählt davon, dass Gott ihm einen Engel gesandt hat; aber von dieser Innenseite des Kampfes Jesu wissen wir nicht so viel – wir kennen nur das Ergebnis.

Zeit zur Vorbereitung

Eins ist allerdings deutlich: Jesus hat rechtzeitig begonnen, diesen Kampf zu führen, rechtzeitig, bevor es so weit war und die Soldaten kamen, um ihn zu holen. Er hat gewusst: wenn die mich erst haben, dann habe ich keine Zeit und Gelegenheit mehr, um mich innerlich vorzubereiten. So hat er selbst den Ort und die Zeit seiner Gefangennahme bestimmt und hat dafür gesorgt, dass er vorher noch Zeit hatte, um alles vor Gott zu klären. Und hinterher wusste er: jetzt bin ich durch, jetzt ist mein Entschluss endgültig, jetzt ist die Versuchung abgewehrt und ich bin bereit für das, was kommt. Im Johannesevangelium (12,27-31) ist dieser endgültige Entschluss Jesu sogar der Moment, wo Jesus anschließend sagt: jetzt ist der Teufel besiegt.

Ich denke, für uns ist das ein wichtiger Hinweis: Belastungssituationen und Zeiten der Angst, wenn man die kommen sieht, sollte man sie vorher im Gebet durchstehen. Man sollte sich seiner Angst stellen, bevor es soweit ist, und sie rechtzeitig vor Gott bringen. Das heißt nicht, dass danach alles leicht ist. Jesus hat seinen Weg an seinem letzten Tag wirklich nur noch mit letzter Kraft gehen können. Aber daran merkt man, wie notwendig diese Zeit am Abend vorher im Garten Gethsemane war. Hätte er sich nicht so vorbereitet und eingestellt, er hätte nicht durchhalten können. Aber so konnte er bei seinem Entschluss bleiben, auf jeden Fall Gottes Willen zu tun.

Die Entmächtigung der Todesangst

Denn einer musste ja durchhalten, um das Kernargument des Teufels zu entkräften. Einer musste alles auf eine Karte setzen, auf Gott, damit Gott zeigen konnte: ich bin treu. Wer sich auf mich verlässt, ist nicht verlassen. Ich rette dich auch aus dem Tod.

Jesus, der Hohepriester, hat das an unserer Stelle und für uns durchgestanden. Jetzt die Todesdrohung untergraben. Jetzt hat der Tod ein anderes Gesicht. Im dunklen Tal des Todes war vor uns schon Jesus. Wenn wir sterben, dann wissen wir, dass wir eine Zeit ausruhen werden und dann auf die Auferstehung der Toten zugehen, auf die neue Welt, in der kein Schmerz und kein Tod mehr sein wird. Was wir uns immer gewünscht haben, nämlich Jesus wirklich zu erleben, nicht nur von ihm zu hören oder zu lesen, sondern ihn zu sehen von Angesicht zu Angesicht, und mit ihm zu leben, das wird dann geschehen.

Wir müssen nicht mehr fliehen oder das Leben um jeden Preis verlängern. Die Herrschaft des Todes in allen Bereichen des Lebens ist gebrochen. Er ist nicht mehr das schreckliche Ende, sondern nur eine Zeit des getrosten Wartens, bis dieses bruchstückhafte und mühsame Leben so wird, wie Gott es von Anfang an wollte. Jesus hat für uns im Tod diese Wohnung vorbereitet, und wir haben dort eine Zuflucht, bis die neue Schöpfung anbricht. Es ist nicht so wichtig, wie lange wir vorher hier auf der Erde gelebt haben. Aber es kommt darauf an, dass wir in dieser Zeit Jesus so gut kennengelernt haben, dass wir ihn dann wiedererkennen, dass er uns dann kein Fremder ist. Und dann gehen wir der eigentlichen Geschichte Gottes mit seiner Schöpfung entgegen, in der jedes Kapitel besser sein wird als das vorige.

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