Sep 232013
 

Predigt am 22. September 2013 mit Epheser 4,1-6

1 Als einer, der für sein Bekenntnis zum Herrn im Gefängnis ist, bitte ich euch nun: ´Denkt daran, dass` Gott euch ´zum Glauben` gerufen hat, und führt ein Leben, das dieser Berufung würdig ist!
2 Keiner soll sich über den anderen erheben. Seid vielmehr allen gegenüber freundlich und geduldig und geht nachsichtig und liebevoll miteinander um. 3 Setzt alles daran, die Einheit zu bewahren, die Gottes Geist euch geschenkt hat; sein Frieden ist das Band, das euch zusammenhält. 4 ´Mit »Einheit« meine ich dies:` ein Leib, ein Geist und genauso auch eine Hoffnung, die euch gegeben wurde, als Gottes Ruf an euch erging; 5 ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, 6 ein Gott und Vater von allen, der über alle regiert, durch alle wirkt und in allen lebt.

Wenn Menschen zusammenkommen, dann gibt es über kurz oder lang Konflikte und Auseinandersetzungen, und dann hört man Sätze wie »Wer solche Nachbarn hat, der braucht keine Feinde mehr« oder ähnlich. Je näher sich Menschen kommen, um so leichter kann es Streit geben, und um so tiefer gehen dann auch die Wunden, die zurück bleiben. Je besser du einen Menschen kennst, um so weniger kannst du seine Schattenseiten übersehen, und genauso entdeckt er leider auch deine.

Vorsichtig auf Abstand bleiben

Wir haben deswegen Wege gefunden, wie man mit anderen Menschen zusammen leben kann, ohne sich so nahe zu kommen, dass man all zu viel von den Abgründen der Person zeigt. Wir gehen in der Regel höflich und wohlerzogen miteinander um und bleiben vorsichtig auf Abstand, aber einigen Menschen kommen wir eben doch richtig nahe, und dann lassen sich Konflikte nicht vermeiden. Deswegen rummst es so oft gerade im Nahbereich der Familie, wo man eigentlich hofft, dass Menschen sich doch wenigstens da vertragen müssten. Aber gerade weil man sich da so nahe kommt, deshalb kann das da auch ganz besonders heftig und eklig zugehen.

Und der Apostel Paulus, der den Epheserbrief geschrieben hat, der hatte immer wieder damit zu tun, dass es auch in den christlichen Gemeinden, die er gegründet hat, heftige Konflikte gab, und deshalb schreibt er hier sozusagen vorsorglich: passt gut auf die Verbundenheit auf, die euch der Heilige Geist geschenkt hat – achtet darauf, dass die nicht durch Auseinandersetzungen kaputt geht.

Nähe bringt auch Konflikte

Und wenn man das liest, dann denkt man: wie können die nur ausgerechnet in christlichen Gemeinden in Streit und Ärger geraten? Da müsste es doch ganz besonders friedlich zugehen. Wieso können die denn da nicht liebevoll miteinander auskommen? Aber das ist wie in der Familie: wo man sich besonders nahe kommt, da sind auch die möglichen Konflikte besonders heftig. Und in den Gemeinden damals kannten sich natürlich alle. Das waren lebendige Menschen, die intensiv miteinander lebten. Die waren nicht bloß als Datensätze in einem Computer gespeichert.

Und sie kamen nicht nur oberflächlich miteinander in Berührung, sondern sie teilten intensive Erfahrungen der Gemeinschaft mit Gott. Wenn Menschen sich gemeinsam für Gott öffnen, dann verbindet sie das sogar noch viel stärker, als Familienbande das tun können. Und Jesus wollte das ja so, dass seine Nachfolgerinnen und Nachfolger eine neue Gemeinschaft bildeten, die Keimzelle der neuen Menschheit, die anders miteinander lebt, besser, friedlicher und solidarischer.

Aber die Verwandlung dahin, die ist nicht einfach. Das ist wie eine Operation am offenen Herzen. Menschen kommen in die Gemeinde mit vielen schlechten Erfahrungen, mit lieblosen Verhaltensmustern, mit Verletzungen und Ängsten. Und das kann wirklich geheilt werden, aber es wird nicht einfach weggezaubert, sondern das ist ein Weg den man gehen muss, und manchmal auch ein Weg mit Schmerzen und Konflikten. Es ist nicht so einfach, die destruktiven Muster aufzugeben, die wir in vielen Jahren gelernt haben. Die wollen nicht aufgeben, die sagen: Vorsicht, du wirst untergehen, wenn du nicht auf der Hut bist und dich wehrst!

In jeder Ehe gibt es diesen Moment der Wahrheit, wenn Menschen gedacht haben, sie landen jetzt im Paradies, und dann streiten sie sich darum, wie man die Zahnpastatube ausdrückt, um von schwierigeren Dingen nicht zu reden. Und der hilfreiche Schub der ersten Verliebtheit hält auch nicht ewig.

Deswegen ist es gar nicht so schwer zu verstehen, weshalb es gerade in christlichen Gemeinden leicht zu Konflikten kommen kann. Da geht es um die tiefsten Hoffnungen und Überzeugungen, da geht es um unsere ganzen Lebenseinstellungen, sogar noch mehr, als wenn zwei Leute heiraten. Ist es da ein Wunder, wenn es Streit und Enttäuschungen gibt?

Der eine Gott schafft keine zerrissene Welt

Aber zum Glück gibt es auch Gegenkräfte, und an die erinnert Paulus in seinem Brief und sagt: vergesst nicht, woher eure Einheit kommt! Eure Gemeinschaft ist von dem einen Gott ins Leben gerufen worden, der ist in sich nicht zerrissen und widersprüchlich, und deshalb müsst ihr auch nicht von Widersprüchen zerrissen sein, sondern ihr habt eine gemeinsame Basis. Wenn ihr die festhaltet, dann könnt ihr alle Konflikte überwinden, das ist oft Arbeit, aber sie lassen sich auflösen, sie sind nur vorläufig, und am Ende kann man sie überwinden. An der Wurzel der Welt ist Einheit, deshalb gibt es keine prinzipiell unlösbaren Konflikte.

Die Griechen und Römer damals glaubten ja an viele verschiedene Götter, und die waren sich überhaupt nicht immer einig, die haben sich bekämpft und gegeneinander intrigiert. Im trojanischen Krieg, dieser alten Sage aus grauer Vorzeit, da standen die einen Götter auf der Seite der Griechen und die anderen auf der Seite der Trojaner. Ist es da ein Wunder, wenn die Menschen miteinander Krieg führen, wenn schon die Götter sich nicht einigen können?

Aber die Christen (und die Juden) glauben an einen einzigen Gott, der keine widersprüchlichen Botschaften sendet, der mit sich selbst nicht im Streit ist, sondern ganz eindeutig will, dass die Menschen in Frieden zusammen leben. Er hat die Welt geschaffen und hat nie aufgehört, sich um seine Geschöpfe zu kümmern. Und er lebt in allen Geschöpfen, ob sie es wissen oder nicht. Allem, was lebt, hat er seine eigene Lebendigkeit verliehen. Seine Energie wirkt durch uns. Die Welt wird durchflossen von seinem Strom des Lebens. Das ist die Basis, auf der alle Geschöpfe zusammengehören. Das ist die Grundlage, die uns alle verbindet, und deshalb haben die Menschen Recht, die sagen: eigentlich müssten wir doch alle in Frieden miteinander leben können.

Privatisierung zerstört den Segen

Aber es gibt natürlich einen Grund, weshalb das nicht gut funktioniert: immer wenn Menschen anfangen, diesen Strom des Segens aufzustauen und nur auf ihre eigenen Mühlen zu leiten, dann wird die Welt hart und arm. Gott beschenkt uns mit Leben und Gedeihen, aber wenn wir das als Beute an uns reißen und nicht weiterschenken, dann verdirbt es. Segen wird der ganzen Schöpfung gegeben, und wenn wir den Segen privatisieren, dann nimmt die Schöpfung großen Schaden. Dann gibt es Hunger, obwohl genug zu essen da ist, dann gibt es Krieg, obwohl Platz für alle da ist, dann kämpfen Menschen miteinander um ihr Recht, obwohl Gott sie alle liebt.

Und Paulus sagt: Gott hat euch berufen, seine Leute zu sein, damit an euch alle ablesen können, wie man miteinander leben soll. Ihr sollt nicht nach dem Muster des Beutemachens und Privatisierens leben, sondern nach dem Muster des Schenkens und Gebens, und das soll auch die Art prägen, wie ihr miteinander lebt. Deswegen kämpft nicht gegeneinander um euren Platz an der Sonne, heizt die Konflikte nicht an, sondern seid geduldig, seid freundlich, vermeidet Verletzungen, Demütigungen und Kränkungen. Gebt den Segen Gottes großzügig weiter! Schneidet niemanden davon ab! Und wenn unter euch jemand zurückfällt in die alten Muster aus der Zeit, in der er Gott noch nicht kannte, dann macht es ihm nicht nach!

Nun muss man dazu sagen, dass Paulus keiner war, der propagierte: lächle immer nur, und dann renkt es sich schon wieder ein! Paulus wusste, dass es manchmal Situationen gibt, wo man Nein sagen muss, wo man kämpfen muss, wo man der Auseinandersetzung nicht aus dem Weg gehen darf. Manchmal muss man sich Menschen in den Weg stellen, damit sie nicht noch mehr Schaden anrichten. Aber das ist nicht der Normalfall. Der christliche Normalfall ist, dass man sich vom Ärger oder der Angst oder der Selbstsucht anderer nicht anstecken lässt. Solche Emotionen sind ja äußerst ansteckend – wenn einer anfängt zu meckern, dann werden alle unleidlich, und sei es nur, weil sie sich jetzt über ihn ärgern.

Ein Gott und eine Hoffnung für jeden

Wenn du also einem ärgerlichen, ängstlichen oder egoistischen Menschen begegnest, dann ist oft schon viel gewonnen, wenn du dich davon nicht anstecken lässt. Erst recht gilt das für Gemeinden, und deswegen sollen wir immer wissen, was unsere Grundlage ist: wir sind berufen von dem einen Gott, der seine Welt großzügig mit Leben beschenkt. Das Zeichen, dieser Berufung ist die Taufe. Der eine Gott schenkt uns durch die eine Taufe den einen Heiligen Geist, der uns bewegt, auch wenn wir in unterschiedlichen Ländern, Zeiten und Kulturen leben. Das ist die reale Grundlage, auf der alle Christen stehen. Dass es unterschiedliche Konfessionen, Traditionen und Stile gibt, ist eigentlich kein Problem, so lange daraus keine Feindschaft wird, so lange alle wissen, dass sie zusammengehören und sich schlimmstenfalls eben auch mal in ihrer Unterschiedlichkeit ertragen.

Es würde nicht viel nützen, nur zu appellieren: seid nett zueinander!, wenn man nicht sagen kann, auf welcher realen Basis Menschen denn verbunden sind. Deshalb arbeitet Paulus die gemeinsame Basis heraus: den einen Gott. Je klarer diese Basis ist, um so leichter ist es, in Frieden miteinander zu leben, weil es so eine gemeinsame Hoffnung gibt. Über allen, die zu Christus gehören, steht die Hoffnung, dass die Kraft der Auferstehung Jesu ihr Leben verwandelt und sie zu Menschen der kommenden Welt macht. Das ist der Grund, weshalb wir geduldig und freundlich miteinander umgehen sollen: diese große Hoffnung soll nicht durch Kampf und Verletzungen blockiert werden.

Auch wenn man Menschen mal stoppen muss, dann muss letztlich immer klar sein, dass man immer noch an ihrer Seite steht, dass man für sie ist und keinen Krieg mit ihnen führt. Das wird manchmal nicht ankommen, manche kennen eben nur Freund oder Feind und nichts dazwischen, aber wir sollen uns in diese Haltung des für-andere-Seins einüben.

Alle Menschen sind verbunden durch den einen Vater des Lebens. Nicht alle wissen es, aber uns hat er berufen, damit es durch uns sichtbar wird. Wir teilen die große Hoffnung, die über jedem Menschen steht: dass Gott seinen Geschöpfen treu bleibt und seine Schöpfung zu der Herrlichkeit führt, die er im Sinn hatte, als er sie schuf.

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