Jul 152013
 

Predigt am 14. Juli 2013 zu Römer 15,14-24 (Predigtreihe Römerbrief 44)

14 Im Übrigen bin ich persönlich davon überzeugt, liebe Geschwister, dass ihr durchaus selbst in der Lage seid, all das zu tun, was gut und richtig ist; es fehlt euch in keiner Weise an der ´nötigen` Erkenntnis, und ihr seid daher auch fähig, einander mit seelsorgerlichem Rat zu helfen. 15 Wenn ich euch trotzdem geschrieben habe (und teilweise sogar recht offen), dann deshalb, weil ich euch einige Dinge in Erinnerung rufen wollte. Gott hat mich ja in seiner Gnade dazu berufen, 16 ein Diener Jesu Christi unter den nichtjüdischen Völkern zu sein. Indem ich ihnen das Evangelium Gottes bekannt mache, erfülle ich gewissermaßen einen priesterlichen Auftrag; denn sie sollen eine Opfergabe werden, an der Gott Freude hat, eine Opfergabe, die durch den Heiligen Geist geheiligt ist.
17 Dass ich so voller Freude und Stolz von meinem Dienst für Gott reden kann, hat seinen Grund einzig und allein in Jesus Christus. 18 Ich würde es niemals wagen, von dem zu reden, was ich getan habe, wenn nicht Christus durch mich gewirkt hätte, damit Menschen aus den nichtjüdischen Völkern das Evangelium annehmen. Er hat durch das gewirkt, was ich sagte und tat, 19 und hat es durch machtvolle Wunder und außergewöhnliche Dinge und durch die Kraft des Geistes Gottes bestätigt. Auf diese Weise ist es mir möglich gewesen, von Jerusalem aus in dem ganzen Gebiet bis hin nach Illyrien meinen Auftrag zu erfüllen und das Evangelium von Christus bekannt zu machen. 20 Dabei machte ich es mir zum Grundsatz, das Evangelium nur dorthin zu bringen, wo sich noch niemand zu Christus bekannte; denn ich wollte nicht da bauen, wo schon ein anderer das Fundament gelegt hatte. 21 Vielmehr hielt ich mich an die Schriftstelle, die sagt: »Die sollen es sehen, denen noch nie etwas von ihm gesagt worden ist; die, die noch nie von ihm gehört haben, werden es verstehen.«
22 Aus diesen Gründen ist es mir bisher nicht ein einziges Mal möglich gewesen, zu euch zu kommen, 23 obwohl ich mich doch schon seit vielen Jahren danach sehne, euch zu sehen. Jetzt aber habe ich in diesen Gebieten keine weitere Aufgabe mehr 24 und beabsichtige, nach Spanien zu reisen. Auf dem Weg dorthin hoffe ich euch nun endlich besuchen zu können, um die Reise dann mit eurer Unterstützung fortzusetzen, nachdem ich mich vorher wenigstens für eine kurze Zeit an der Gemeinschaft mit euch erfreut habe.

Paulus war ein Pionier. Einer der sich nicht in sicheren Gegenden aufhielt, wo das Leben bequem und überschaubar ist, sondern Paulus ging dahin, wo die Front war, wo Gottes Reich sich ausbreitete, wo die Herrschaft Jesu das Imperium der Kaiser und Gewaltherrscher in der Kraft des Heiligen Geistes zurückdrängte. Paulus war Pionier.

Ein Pionier

Siedler auf einem TreckVielleicht kennen Sie Pioniere aus Büchern oder Filmen, die von der Besiedelung des amerikanischen Westens erzählen: auf einer langen Reise mit dem Planwagen durchquerten sie unwegsame Gebirge und endlose Ebenen, sie überwanden reißende Flüsse, ertrugen Hitze und Kälte, bis sie endlich da angekommen waren, wo es noch keine Zivilisation gab, aber unberührtes Land: im wilden Westen. Und dann bauten sie ihre ersten Hütten und machten Land urbar, sie kämpften mit Hunger und Durst, mit Missernten und wilden Tieren, aber am Ende hatten sie mit ihrer Hände Arbeit etwas Neues geschaffen, eine Heimat, einen Platz zum Leben. Ich unterschlage heute mal, dass das auch ein riesiger Landraub an den Ureinwohnern war. In Amerika ist das auch lange verdrängt worden von der Erinnerung an diese Pionierzeiten, die immer etwas ganz besonders Bewegendes haben.

Paulus war so ein Pionier, aber er hatte keine Indianer auf dem Gewissen, sondern sein Weg führte ihn quer durch das römische Imperium an Orte, wo Menschlichkeit selten war. Und dorthin brachte er das Licht des Königs Jesus: in Gefängnisse und Verhörzellen, in die Hafenviertel antiker Großstädte, in römische Kasernen und Gerichtsstätten. Er proklamierte die befreiende Macht des auferstandenen Jesus: auf Marktplätzen, in Synagogen, in Privathäusern und Hörsälen, auf sinkenden Schiffen und in aufgeregten Menschenmengen, vor römischen Beamten und vor barbarischen Sklaven – immer wieder sprach er davon, dass Gott seinen Sohn gesandt hatte, den Messias, den König, der in der Kraft des Heiligen Geistes die Welt erneuert, der der wahre Herr ist, und der auf verborgene Weise durch Glaube, Liebe und Hoffnung schon jetzt diese Welt regiert.

Und wenn Paulus davon sprach, dann ging von ihm eine Kraft aus, die nicht seine eigene war. Der Geist Jesu war immer wieder da und gab den Zuhörern eine Ahnung von dem neuen Leben, das mit diesem Pionier Paulus zu ihnen gekommen war, und es waren nicht wenige, die von dieser Kraft angezogen und aus ihrer alten, verkehrten Bahn geworfen wurden und mit ihnen entstanden neue Orte des Lebens und der Freiheit, eine neue Heimat für Menschen mitten in der Wüste des grausamen Imperiums.

Und nachdem er im Osten des römischem Reiches in allen wichtigen Städten Gemeinden gegründet hat, da fühlt sich dieser Pionier dort überflüssig, sein Job ist getan, und er überlegt, wo jetzt noch vom Evangelium unberührte Gegenden zu finden wären. Die Auswahl ist gar nicht mehr so groß, er entscheidet sich für den äußersten Westen und plant, nach Spanien zu reisen.

Im Herzen der Supermacht

Und auf dem Weg dahin kann er endlich mal die Gemeinde in Rom besuchen. Diese Gemeinde ist quasi die Speerspitze der Christenheit. Im Zentrum des Imperiums, unter Nase des allmächtigen, göttlich verehrten Kaisers leben jetzt Christen, die Jesus den Herrn nennen und keinen anderen. Vom besiegten und unterworfenen Jerusalem aus hat es die Jesusbewegung schon bis ins Herz der Supermacht geschafft. Das ist eine Front ganz besonderer Art, da war Paulus noch nicht, andere waren vor ihm da, während er sich noch mit den Gegenden dazwischen abmühte.

Und er sagt den römischen Christen: keine Sorge, ich will bei euch nicht das Kommando übernehmen, ich mische mich nicht ein, wo andere ihren Job tun. Ihr seid bisher ganz gut ohne mich ausgekommen, und das ist auch ok. Aber vielleicht könnt ihr ja ein paar Hinweise von mir annehmen, immerhin hat Christus durch mich viel getan, es ist nicht ohne Substanz, was ich sage. Immerhin hat mich Jesus speziell dazu berufen, sein Beauftragter für die nichtjüdischen Völker zu sein. Und deswegen habe ich mich getraut, mich mit diesem Brief in eure Angelegenheiten einzumischen.

Paulus kannte nicht diese falsche Bescheidenheit, wo man sich ganz klein macht und sagt: ach, ich habe doch nicht viel getan. Paulus weiß, dass durch ihn Jesus schon die erste Hälfte der römischen Welt erreicht hat, und er plant auch für den Rest. Würde er ganz bescheiden davon reden, dann würde er das Werk Jesu kleinreden. Aber er macht deutlich, dass nicht ihm die Lorbeeren zustehen, sondern Jesus. Von dem kommt die Kraft, die durch Paulus wirkt. Und so sollen auch wir nicht das Werk Jesu, das durch uns geschieht, klein machen durch gezierte Bescheidenheit. Jesus macht Leute durchaus selbstbewusst, aber er macht sie nicht eingebildet.

Das Problem der römischen Christen

Paulus war immer mutig, ein Leben lang, und auch hier, als er aus der Ferne erkannte, dass es in Rom ein Problem gab, da fühlte er sich ganz selbstverständlich verantwortlich, etwas zu tun, ja: sich einzumischen – nämlich als Beauftragter Jesu speziell für die Christen aus den nichtjüdischen Völkern. Was war das Problem? Das kann man aus dieser Stelle hier nicht erschließen, sondern nur aus den Kapiteln vorher, eigentlich nur aus dem ganzen Brief.

Und was sagt Paulus mit seinem Brief? Liebe Christen aus den Heidenvölkern, ihr liegt mir ganz besonders am Herzen, meine Berufung ist es von Anfang an gewesen, dass ihr euren Platz in der Gemeinde Jesu einnehmt, und gerade deshalb sage ich euch: vergesst nicht eure Wurzeln im real existierenden Israel! Versteht, dass die ganze Jesusbewegung aus diesem misshandelten, unterdrückten, am Boden liegenden, aber immer noch rebellischen Israel kommt! Wenn ihr diese Wurzeln vergesst, dann werdet ihr zu irgendeiner neuen philosophischen Schule, eine Modebewegung, die kommt und irgendwann wieder verschwindet.

Vielleicht ist es manchen von uns im Lauf dieser Predigt­reihe zum Römerbrief aufgefallen, wie sehr Paulus im Rahmen des Alten Testaments denkt und argumentiert. Dauernd zieht er Linien aus der Geschichte des Gottesvolkes in seine Gegenwart. Denn es geht ihm nicht um abstrakte, theoretische Gedanken, sondern es geht darum, dass Gott sich ein real existierendes Volk berufen hat, das mitten in der Weltgeschichte seinen Weg geht. Daran hat sich auch durch Jesus nichts geändert, aber zu diesem Volk gehören jetzt nicht mehr nur Juden, sondern auch Heiden, Dazugekommene aus den anderen Völkern, die durch das Evangelium zum Gott Israels gefunden haben. Vielleicht ist es für euch Christen aus den Völkern anstrengend, mit den Leuten aus dem alten Gottesvolk zusammen zu sein, sagt Paulus, aber sie repräsentieren eure Wurzeln, und deshalb braucht ihr sie.

Luftige Ideensysteme oder geschichtliche Verankerung?

Warum ist das so wichtig? Weil wir alle ganz schnell in der Gefahr sind, aus der Jesusbewegung ein Ideensystem zu machen, das nichts mehr mit dem Leben und der Geschichte zu tun hat. Wenn wir in der Geschichte des Gottesvolkes verankert sind, mit der Befreiung aus der ägyptischen Sklaverei, mit seinen Königen und Priestern, mit seinen Kämpfen und Gesetzestexten, mit dem Impuls zu sozialer Gesetzgebung und realistischer Außenpolitik, mit all den Gotteserfahrungen mitten im Alltag von Recht, Politik und Arbeit, dann bleiben wir der realen Welt verbunden.

Ein Jude wie Paulus wusste, dass man Gott in dieser Realität des Lebens findet, aber die Christen aus den anderen Völkern, die waren immer in Gefahr, das zu vergessen. Die waren immer in Gefahr, diese Bindung an die Erde zu verlieren und sich aus den Konflikten dieser Welt in ein abstraktes Gedankensystem zu flüchten.  Gerade in Rom war es eine Versuchung, sich angesichts der erdrückenden Machtfülle der Supermacht lieber in die Innerlichkeit zu flüchten.

Verinnerlichung und Individualisierung

Was ist die Folge davon? Man bringt dann Gott nur noch mit dem inneren Raum der Seele in Verbindung, mit seinem inneren Frieden und seinem Gewissen, aber nicht mehr mit den Machtverhältnissen und Kämpfen in der äußeren Realität. Und damit verbunden ist die Individualisierung, d.h., dass man nur noch als Einzelner Gott für seine Seele sucht, und nicht mehr als Volk Gottes gemeinsam für Gott in dieser Welt steht. Nur durch Festhalten der Geschichte Israels bleibt man Gottes Weg in dieser Welt treu, und wenn man sich davon trennt, dann ist die Chance groß, dass man bei einer verinnerlichten und individualisierten Religion landet.

So ist es ja bis heute immer wieder geschehen, und am schlimmsten bei uns in Westeuropa. Kein Wunder, dass das Christentum bei uns hier so schwächelt. Uns fehlt genau dieser Pioniergeist eines Paulus: aufbrechen ins Unbekannte, wo noch keiner war, raus aus der persönlichen Komfortzone, rein in die Auseinandersetzung mit fremden Kulturen und Gedankenwelten. Dahin gehen, wo das Evangelium nicht bekannt ist, aber dringend gebraucht würde. Da wo die Welt schmutzig ist und wo sich zeigt, wieviel Power einer oder eine wirklich hat. Da lernt man, sich auf Gott zu verlassen.

So wie Jesus hingegangen ist zu den Menschen in den Konfliktzonen, wo die Mächte aufeinanderprallen und die Menschen beschädigt werden – wir haben ja vorhin in der Evangelienlesung (Matthäus 9,9-13) gehört, wie Jesus unter den Zöllnern sitzt: da, wo die gesellschaftlichen Widersprüche ihr zerstörendes Potential entfalten und wo man mit ein bisschen Moral und gutem Willen nicht weiterkommt. So sollen wir auch als die Mutigen bekannt werden, die dahin gehen, wo alle anderen weglaufen und die sich trauen, was sich kein anderer traut. Ein Volk werden, das nicht den Rücken beugt vor den Imperien und Mächten dieser Welt, eine Bewegung, in der man lernt, dass die Herren dieser Welt gehen, aber dass unser Herr kommt, und dass es immer eine Alternative gibt.

Das alles lernt man nicht, wenn es einem nur um seine persönliche Innerlichkeit geht; man lernt es aber, wenn man mit dem Evangelium in die reale Welt hineingeht, und da darauf angewiesen ist, dass Gott treu zu seinen Leuten steht. Das lernt man, wenn man verankert ist in der Geschichte des Gottesvolkes, wenn man seine Wurzeln in Israel und seiner Geschichte hat.

Heilsame Bindung an das alte Gottesvolk

Bis heute entfaltet diese Bindung ihre heilsame Wirkung: Als z.B. Dietrich Bonhoeffer in seiner Gefängniszelle ganz neue Gedanken übers Christentum entwickelte, die sich an der Gerechtigkeit Gottes und dem Reich Gottes mitten in der Welt orientierten, da hat ihm immer wieder das Alte Testament Mut gemacht, auf diesem Weg zu bleiben.

Und so versucht Paulus den römischen Christen den Rücken zu stärken, damit sie sich mitten im Zentrum der Supermacht nicht von der Geschichte, der Politik, der Kultur und der Welt überhaupt abkoppeln. Deshalb sollen sie mit ihren Wurzeln verbunden bleiben, und es sind die jüdischen Christen, die diese Wurzeln repräsentieren. Und vielleicht versucht er auch, ihnen ein bisschen von seinem Pioniergeist abzugeben.

Ob er wirklich noch nach Spanien gekommen ist, das weiß man nicht. Aber er ist auf jeden Fall nach Rom gekommen. Zwei Jahre hat er dort gewirkt, und es kann sein, dass er anschließend nach Spanien weitergereist ist. Vielleicht ist er aber auch in Rom zu Tode gekommen.

Ein Nebenprodukt wird zur Hauptsache

Egal – das Evangelium ist auf jeden Fall nach Spanien gekommen. Und mit dem Römerbrief hat Paulus viel entscheidender und nachhaltiger gewirkt, als wenn er noch so viele spanische Gemeinden gegründet hätte. Mit dem Römerbrief spricht er bis heute in unser Nachdenken hinein und hat mehr als eine weltgeschichtliche Bewegung angestoßen – die Reformation z.B., die Europa umgekrempelt hat, wäre nicht denkbar ohne den Römerbrief. Dabei war der Römerbrief eher ein Nebenprodukt des großen Planes, den Paulus hatte. Aber manchmal kommt es Gott viel mehr auf unsere Nebenprodukte an als auf unsere zentralen Ziele. Das ist doch ein schöner Gedanke!

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