Jul 132013
 

Predigt am 7. Juli 2013 zu 1. Petrus 2,2-10

2 Genauso, wie ein neugeborenes Kind ´auf Muttermilch begierig ist`, sollt ihr auf Gottes Wort begierig sein, auf diese unverfälschte Milch, durch die ihr heranwachst, bis das Ziel, eure ´endgültige` Rettung, erreicht ist. 3 Ihr habt von dieser Milch ja schon getrunken und habt erlebt, wie gütig der Herr ist.
4 Kommt zu ihm! Er ist jener lebendige Stein, den die Menschen für unbrauchbar erklärten, aber den Gott selbst ausgewählt hat und der in seinen Augen von unschätzbarem Wert ist. 5 Lasst euch selbst als lebendige Steine in das Haus einfügen, das von Gott erbaut wird und von seinem Geist erfüllt ist. Lasst euch zu einer heiligen Priesterschaft aufbauen, damit ihr Gott Opfer darbringen könnt, die von seinem Geist gewirkt sind – Opfer, an denen er Freude hat, weil sie sich auf das Werk von Jesus Christus gründen.
6 Gott sagt ja in der Schrift: »Seht, ich verwende für das Fundament auf dem Zionsberg einen Grundstein von unschätzbarem Wert, den ich selbst ausgewählt habe. Wer ihm vertraut, wird vor dem Verderben bewahrt werden.« 7 Euch also, die ihr glaubt, kommt der Wert ´dieses Steins` zugute. Doch was ist mit denen, die an ihrem Unglauben festhalten? ´Es heißt in der Schrift:` »Der Stein, den die Bauleute für unbrauchbar erklärten, ist zum Eckstein geworden.« 8 Und ´an einer anderen Stelle heißt es:` »Es ist ein Stein, an dem sich die Menschen stoßen, ein Fels, an dem sie zu Fall kommen.14« Sie stoßen sich ´an diesem Stein`, wie es allen bestimmt ist, die nicht bereit sind, Gottes Botschaft Glauben zu schenken.
9 Ihr jedoch seid das ´von Gott` erwählte Volk; ihr seid eine königliche Priesterschaft, eine heilige Nation, ein Volk, das ihm allein gehört und den Auftrag hat, seine großen Taten zu verkünden – die Taten dessen, der euch aus der Finsternis in sein wunderbares Licht gerufen hat. 10 Früher wart ihr nicht ´Gottes` Volk – jetzt seid ihr Gottes Volk. Früher wusstet ihr nichts von seinem Erbarmen – jetzt hat er euch sein Erbarmen erwiesen.

Der Bezugsrahmen, in dem sich Petrus im größten Teil dieses Abschnittes bewegt, ist der Tempel. Der dient ihm als Bild, mit dem er die Aufgabe der Gemeinde Jesu beschreibt.

Der Tempel als Bezugsrahmen

Dieses Bild konnte man damals bei vielen selbstverständlich voraussetzen – bei Juden sowieso, aber auch bei Menschen aus vielen anderen Kulturen und Völkern: wenn die an die Juden und ihr Land dachten, dann fiel ihnen der Jerusalemer Tempel ein. So wie wir an Wolkenkratzer denken, wenn jemand »New York« sagt. Aber der Tempel in Jerusalem war ein noch viel stärkeres Symbol: Der Tempel war im jüdischen Denken der Ort, wo sich Himmel und Erde berühren. Gott hatte selbst den Ort dieses Tempels ausgesucht, David hatte den Bau des Tempels vorbereitet, sein Sohn Salomo hatte ihn vollendet.

Sein Zentrum war das Allerheiligste mit der Bundeslade, in der die Gesetzestafeln lagen, die Gott Mose gegeben hatte. Das war der Ort, wo Gott auf Erden wohnte. Von diesem Ort aus aus strömte die lebendige und heilende Gegenwart Gottes in das ganze Volk. Nur ein einziger Mensch durfte da hinein, der Hohe Priester, und das auch nur einmal im Jahr. Draußen, vor dem Allerheiligsten, wurden die Opfer gebracht, durch die Menschen ihr Verhältnis zu Gott bestätigten, heilten oder erneuerten. Der Tempel war das gedankliche und praktische Zentrum des jüdischen Lebens.

Aber dieser Tempel war 600 Jahre vor Jesus von den Babyloniern zerstört worden, die Bundeslade war verschollen. Gott, so hatte es Hesekiel gesehen, hatte seinen Tempel verlassen. Und auch als der Tempel wieder aufgebaut wurde, blieb eine Zweideutigkeit: war Gott wirklich schon zurückgekehrt in diesen neuen Tempel? Und diese Frage verschärfte sich, als ausgerechnet König Herodes, der gar kein Jude war, den Tempel noch einmal in aller Pracht erneuerte. Er nahm ungefähr ein Viertel der Grundfläche Jerusalems ein. Als er fertig war, war er die größte und beeindruckendste Tempelanlage im ganzen römischen Imperium. Er war sozusagen unübersehbar. Und auch wenn viele aus gutem Grund skeptisch waren gegenüber seinem Erbauer und den führenden Priestern, die ihre Interessen verfolgten und mit den Römern paktierten – de facto diente der Tempel als Zentrum des über die ganze Welt verstreuten Judentums.

Das ist der Hintergrund, den man immer mit dazu denken muss, wenn vom Tempel die Rede ist, es ist die Bildwelt, in der sich auch Petrus bewegt: der Tempel ist der Ort von Gottes Gegenwart, hier berühren sich Himmel und Erde, hier wird das Verhältnis von Gott und Menschen geregelt.

Ein neuer Tempel?

Schon Jesus hat mit diesem Bezugsrahmen gearbeitet, als er sagte: brecht diesen Tempel ab, und ich werde ihn in drei Tagen wieder aufbauen. Oder er hat die Zerstörung des Tempels angekündigt und hat das Abendmahl in einem Privathaus eingesetzt. Und natürlich war für die Christen Jesus der Ort, wo man Gott begegnet, wo sich Himmel und Erde berühren.

Und Petrus setzt das jetzt fort für die Christenheit und sagt: ihr seid der neue Tempel, das neue Haus Gottes, ihr seid die Priester, die dafür sorgen, dass Gott und Menschen sich begegnen können. Bei euch kommt das wieder zusammen.

Wofür sind Priester und Tempel da?

Man muss sich klarmachen, was die Aufgabe von Priestern ist: Priester regeln für alle anderen die ganzen Gottessachen. Wenn jemand für etwas dankbar war, dann brachte er eine Opfer zum Tempel, und die Priester gaben es sozusagen an Gott weiter. Wenn jemand sich versündigt hatte, brachte er erst recht ein Opfer. Und natürlich, um etwas zu erbitten. Was auch immer man Gott bringen will, man gibt es den Priestern, und die leiten es weiter, die kennen die richtige Adresse. Ein bisschen davon erlebt man auch als Pastor im 21. Jahrhundert noch, wenn Menschen einem von den Dingen erzählen, die ihnen im Leben wichtig sind – die Familie, die Krankheiten, entscheidende Erlebnisse wie Unfälle oder früher besonders oft Kriegserlebnisse, und manchmal auch Ärger und Anklagen. Und man merkt dann: im Grunde möchten sie, dass sie von Gott gehört werden mit diesen Dingen, die ihnen wirklich wichtig sind.

Gleichzeitig sind die Priester auch die, die über Gott Bescheid wissen sollten, die ihn erklären können, die auch sagen können, was sein Wille ist und wie man sich verhalten soll. Priester repräsentieren Gott also in zwei Richtungen: man sagt und gibt ihnen, was man Gott sagen und geben will, und sie sprechen für Gott und im Namen Gottes und im Idealfall hört man auf sie wie auf Gott.

Nun wussten die Leute natürlich auch in der Antike schon, dass Idealfälle selten sind, und deshalb gibt es schon immer Kritik an den Priestern, dass sie in Wirklichkeit die Verbindung zu Gott blockieren, weil sie korrupt und geldgierig sind, weil sie selbst nicht glauben, was sie sagen, oder weil sie auch nicht wissen, was Gott denn nun wirklich will. Und natürlich ist jeder Tempel und jede Priesterschaft in Gefahr, dass sie von irgendeinem Machthaber kontrolliert und für seine Interessen eingespannt werden.

Der Tempel wird ersetzt

Wenn nun Petrus dieses Bild des Tempels mit seinen Priestern für die Christen benutzt, dann meint er nicht, dass nun die Christen in Priestergewändern herumlaufen und womöglich wie die Priester im Jerusalemer Tempel Tieropfer bringen sollen. Es ist ein Bild, ein Vergleich. Wenn ich zu jemandem sage: »du bist ein Schatz«, dann meine ich ja damit nicht, dass der andere aus Gold besteht und in einer Schatztruhe wohnt. Ich meine nur, dass er für mich sehr wertvoll ist. Er hat also die Funktion eines Schatzes, obwohl er nicht aus Gold besteht. Oder wenn ich sage: »der Kerl ist eine Nervensäge!«, dann meine ich nicht, dass er ein chirurgisches Instrument ist, sondern dass er den funktionierenden Zustand meines Nervensystems bedroht. Dazu braucht er aber keine scharfen Sägezähne aus Metall, sondern die Fülle seiner Worte und seiner Anliegen reicht dafür völlig aus.

Wenn also Petrus die Christen als Priester bezeichnet und die Gemeinde als Tempel, dann sagt er damit gerade nicht, dass sie sich so verhalten sollen wie die Priester im Jerusalemer Tempel, sondern dass sie die Funktion dieses Tempels erfüllen, obwohl sie kein Tempel sind. Und sie erfüllen diese Funktion auch nicht so, dass sie an einem Ort zu finden sind, sondern sie sind über die ganze Welt verstreut und auf diese Weise der Tempel nebenan, in der Nachbarschaft.

Das heißt, in Zukunft braucht man keine speziellen teuren Bauwerke mehr, sondern es gibt Gemeinschaften von Menschen überall auf der Welt, wo man hingehen kann, um Gott etwas zu sagen und etwas von ihm zu empfangen. So wie Jesus schon so etwas wie ein Tempel auf zwei Beinen war, und man ging zu ihm mit seinen Krankheiten und anderen Erfahrungen der Zerbrochenheit, man brachte ihm all die Menschen, an denen die Finsternis und das Leid dieser Welt besonders sichtbar wurden, und er heilte es alles.

Realität statt Symbol

Das war aber schon bei Jesus ein Unterschied zum alten Tempel: er brachte die Dinge und die Menschen wirklich in Ordnung. Der Jerusalemer Tempel war eher ein Symbol der Hoffnung darauf, dass es am Ende doch noch gut werden würde. Er hielt die Hoffnung wach, dass jenseits des Horizonts dieser gebrochenen Welt eine neue Welt wartet, er hielt die Erwartung wach, dass die Realität, die wir kennen, kein abgeschlossenes Gefängnis ohne Ausweg ist. Und sogar diese Hoffnung war schon heilsam.

Bei Jesus – und dann auch in der Christenheit – geht es aber um mehr: da meldet sich die neue Welt schon, da fängt die Heilung an, da beginnt das neue Leben, auf das die Zeremonien des Tempels hindeuten, ohne es schon zu verstehen. Alle Tempel sind mehr oder weniger gelungene Bilder für das, was bei Jesus und seinen Leuten zu geschehen beginnt.

Und da werden eben keine Tieropfer mehr gebracht, sondern »geistliche Opfer« – d.h., hier wird unser Leben Gott so zur Verfügung gestellt, dass er es mit dem Heiligen Geist gestalten und prägen kann. Wenn man ein Tier oder etwas anders Wertvolles opfert, dann sagt man ja damit: »Gott, das ist jetzt für dich«. Aber man bleibt selbst der Alte. In der Christenheit geht es darum, dass wir unsere Leben Gott zur Verfügung stellen, damit er sie mit seinem Heiligen Geist bewegt und wir nicht mehr die Alten bleiben.

Enklaven der Freiheit

Um in dem Beispiel zu bleiben: es geht also nicht nur darum, dass Menschen jemanden haben, wo sie mit ihren Lebensgeschichten samt Ärger und Anklagen gehört werden, sondern sie sollen heil werden, sie sollen eine neue, bessere Geschichte bekommen. Sie sollen herausgeholt werden aus ihrem Bündnis mit der Zerstörung in dieser Welt und zu Menschen des Lebens werden. Das haben wir vorhin in der Epistellesung gehört (Römer 6,3-11), dass Menschen durch die Taufe der Sündenmacht gestorben sind und jetzt damit nichts mehr zu tun haben.

Und das passiert dadurch, dass Jesus der Mittelpunkt ist, Petrus sagt: der Eckstein des Ganzen, dass er in seinen Worten und im Mahl, das er gestiftet hat, lebendig wird und dann eine Energie fließt, durch die Menschen verwandelt und erneuert werden, dass er Menschen mit einem frischen, neuen Leben beschenkt, dass er sie frei macht von ihrer Bindung an ihre Verletzungen und an die gottlosen Mächte dieser Welt. Das passiert in diesem neuen »Tempel« der Gemeinde, der aus lebendigen Menschen gebaut wird und nicht aus toten Steinen, aber es strahlt aus in die Umgebung. Wo die Wahrheit über die Welt und über die Menschen ausgesprochen wird, da blüht alles auf.

Und so gibt es dann überall in der Welt solche Enklaven der Freiheit, die den Menschen zeigen, dass Freiheit wirklich möglich ist, auch in einer Welt, in der wir überall überwacht, analysiert und manipuliert werden sollen. Nicht mehr die Herrscher bauen die Tempel, sondern die einfachen, normalen Menschen. Sie tragen keine Piestergewänder, aber sie kennen die Wahrheit. Sie opfern keine Tiere, sondern sie lassen sich ihr Leben von Gott erneuern. Sie brauchen keine besonderen Bauwerke, sondern ein Wohnzimmer kann zum Tempel werden. Aber auch eine Gefängniszelle oder ein Einkaufstempel. Und da braucht es keine Fachleute für ausgefeilte Zeremonien, sondern Spezialisten für Gottes Güte. Diese Tempel in der Nachbarschaft sind berufen, die Welt tatsächlich zu heilen.

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