Jun 172013
 

Predigt am 16. Juni 2013 zu Hesekiel 18 i.A.

1 Das Wort des HERRN erging an mich, er sagte: 2 »Was habt ihr da für ein Sprichwort im Land Israel? Ihr sagt: ‘Die Väter essen unreife Trauben, und die Söhne bekommen davon stumpfe Zähne.’ 3 So gewiss ich, der Herr, lebe: Niemand von euch, niemand in Israel wird dieses Wort noch einmal wiederholen! 4 Ich habe das Leben jedes einzelnen in der Hand, das Leben des Sohnes so gut wie das Leben des Vaters. Alle beide sind mein Eigentum. Nur wer sich schuldig macht, muss sterben. …
21 Wenn aber der Gottlose umkehrt und das Böse lässt, das er getan hat, wenn er alle meine Gebote befolgt und das Rechte tut, bleibt auch er am Leben und muss nicht sterben. 22 All das Böse, das er früher getan hat, wird ihm nicht angerechnet. Weil er danach das Rechte getan hat, bleibt er am Leben.  …
30 Jeder einzelne von euch bekommt das Urteil, das er mit seinen Taten verdient hat. Das sage ich, der Herr, der mächtige Gott! Kehrt also um und macht Schluss mit allem Unrecht! Sonst verstrickt ihr euch immer tiefer in Schuld. 31 Trennt euch von allen Verfehlungen! Schafft euch ein neues Herz und eine neue Gesinnung! Warum wollt ihr unbedingt sterben, ihr Leute von Israel? 32 Ich habe keine Freude daran, wenn ein Mensch wegen seiner Vergehen sterben muss. Das sage ich, der Herr, der mächtige Gott. Also kehrt um, damit ihr am Leben bleibt!«

Kehrt um, damit ihr am Leben bleibt! Das ist die Grundmelodie dieses ganzen Kapitels. Umkehr ist Leben. Wer auf den Weg der Gerechtigkeit umschwenkt, dem kommt Gott entgegen und er sieht schon den ersten Schritt in der richtigen Richtung so an, als wäre es der ganze Weg.

Ein Volk am Abgrund

Als der Prophet Hesekiel dieses Wort von Gott bekam, da stand das Volk Israel am Abgrund. Es war kurz vor der endgültigen Eroberung durch die Babylonier. Ein Teil des Volkes war schon in ein fremdes Land verschleppt worden. Und in der Situation geht in Jerusaelem ein Spruch um: »Die Väter haben saure Trauben gegessen, und den Kindern sind die Zähne stumpf geworden«. Das bedeutet: unsere Väter, die Generation vor uns, die haben uns eine schöne Suppe eingebrockt, und wir müssen sie auslöffeln.

Stimmt das? Einerseits ja. Jede Generation vorher hatte den Karren weiter in den Dreck gefahren, und jetzt steckte er ziemlich tief drin. Götzendienst, kurzsichtige Außenpolitik, die Einkommensschere zwischen Arm und Reich klaffte immer mehr auseinander, immer mehr Reichtum konzentrierte sich bei den Reichen, in jeder Generation war das schlimmer geworden.

Aber andererseits sagt Hesekiel: Wer zwingt euch, in den Spuren eurer Väter und Mütter zu gehen? Wollt ihr so sein wie sie, oder ergreift ihr die Chance der Umkehr? Es kommt auch jetzt immer noch darauf an, wie Ihr euch entscheidet. Für diese Frage ist es nie zu spät.

Niemand kann sich das Zeitalter aussuchen, in das er hineingeboren wird. Wahrscheinlich hat jede Generation schon mal geseufzt, dass sie ausgerechnet in diese Zeit und in diese Welt hineingeboren worden ist. Aber Gott sagt: hört auf damit, euch als Opfer vorzukommen. Gott wird euch nicht für das Jahrhundert zur Rechenschaft ziehen, in das ihr hineingeboren seid, sondern er wird euch fragen, was ihr aus dieser Situation macht.

Für uns heißt das z.B.: wir sind nicht dafür verantwortlich, dass unsere Zivilisation einen Weg eingeschlagen hat, der inzwischen das Leben auf der ganzen Erde bedroht. Aber uns wird Gott danach fragen, ob wir und unsere politischen Repräsentanten diesen Weg korrigiert haben oder ob wir einfach weitergemacht haben.

Der Preis der Umkehr

Es ist wie bei Hesekiel: die eine Generation hat die Probleme mehrheitlich geleugnet, und die nächste sagt: jetzt ist es sowieso zu spät, jetzt hat alles keinen Zweck mehr, jetzt können wir die Katastrophe nicht mehr aufhalten,  wir machen einfach weiter. Aber Gott sagt: es ist nie zu spät zur Umkehr! Umkehr ist der Weg zum Leben, der immer offen steht. Es gibt keine ausweglosen Situationen. Ja, es gibt belastete Situationen, wo alles, was man tut, einen hohen Preis kostet, weil einfach schon so viel falsch gelaufen ist. Vor 20 Jahren wäre die Klimawende billiger zu haben gewesen als heute. Und heute ist immer noch viel einfacher zu haben als in 20 Jahren. Aber wenn ein Volk oder ein Mensch aufrichtig umkehrt und sich entschließt, von nun an das Leben zu wählen und nur das Leben, dann wird Gott das segnen und auch wenn die Umkehr einen Preis kostet, es wird sich lohnen, es wird etwas Gutes dabei entstehen.

Das betrifft nicht nur die großen gesellschaftlichen Fragen, sondern das gilt genauso im Persönlichen. Wir entdecken alle irgendwann unsere Belastungen, unsere Ängste, unsere zerstörerischen Verhaltensmuster, unsere schiefen Überzeugungen von der Welt. Vieles haben wir von unseren Eltern zugeschoben bekommen, anderes haben wir selbst vermurkst, aber immer mal wieder merken wir deutlich, wie es knirscht, wie uns das behindert, wie es unser Leben einschränkt.

Und dann sind wir vielleicht schon 30 oder 50 oder 70 Jahre alt, oder noch älter. Es dauert, bis wir nachdenklich zu werden. Und wenn es so weit ist, dass wir das Problem langsam realisieren, dann kommt die nächste Frage: lohnt sich das jetzt eigentlich noch, umzukehren und das Leben noch mal anders anzupacken? Kann ich das überhaupt noch nach so langer Zeit, wenn schon so viel kaputtgegangen ist? Was macht das denn für einen Unterschied für die paar Jahre, die ich noch habe?

Lohnt es sich noch?

Aber in Wirklichkeit macht das einen riesigen Unterschied. Selbst wenn es nach außen hin gar nicht mehr viel bewirkt – obwohl auch da noch viel mehr möglich ist, als Menschen denken. Aber Umkehr hat immer eine große Kraft, und sie kann sogar noch auf das Ende eines traurigen Lebens ein helles Licht werfen, so dass Menschen versöhnt zurückschauen können. Die Christen haben immer gesagt: selbst wenn du dich noch auf dem Sterbebett bekehrst, das gilt, und Gott wird es als wirkliche Umkehr werten. Gott sieht selbst im kleinsten und schwächsten Anfang schon den ganzen Weg.

Allerdings muss man dazu sagen, dass das Sterbebett eigentlich die schlechteste Gelegenheit zur Umkehr ist. Einmal, weil die Chance groß ist, dass wir dann schon nicht mehr wir selbst sind oder so mit Medikamenten ruhig gestellt sind, dass wir gar nicht klar denken können. Zum anderen aber haben wir dann in diesem Leben nichts mehr davon. Umkehr soll uns ja jetzt schon ein neues und gesegnetes Leben eröffnen. Ja, bei Gott gilt sogar noch eine Umkehr in letzter Stunde. Und tatsächlich gibt es immer wieder Menschen, die erst fast alles verlieren müssen, ihre Kraft, ihre Gesundheit, ihren Einfluss, ihre Beziehungen, ja, ihr ganzes bisheriges Leben muss erst zusammengebrochen sein, bevor sie zu neuen Gedanken und neuen Erfahrungen fähig sind, manchmal passiert das wirklich noch in den letzten Lebenswochen.

Aber, Leute, seid klug und wartet nicht so lange! Es gibt so viel zu gewinnen. Warum wollt ihr sterben? fragt Hesekiel. Der schaut sich sein Volk an, wie es mit aller Kraft in die Sackgasse rennt, und kann nur fassungslos fragen: warum lauft ihr in euer Unglück? Gott hat überhaupt keine Freude daran, wenn Menschen in ihr Verderben laufen. Mancher stellt sich Gott ja wie so einen Aufpasser vor, der nur darauf wartet, dass wir irgendwas falsch machen und uns dann mit Vergnügen eins auf die Nase gibt.

Menschen sind manchmal so, aber Gott ist nicht so. Gott hat Freude daran, wenn wir den Weg zum Leben finden. Er antwortet auf aufrichtige Gebete und verantwortliche Taten. Er stoppt auch immer wieder das verdiente Gericht, damit Menschen einen Raum zum Neuanfang haben.

Gott schaut nach vorn

Das Christentum hat sich zu oft auf die Frage konzentriert, wie man die Sünden der Vergangenheit entsorgen kann. Die Katholiken machen das anders als die Evangelischen, aber beiden ist oft aus dem Blick geraten, dass Gott vor allem an der Zukunft interessiert ist, dass wir in Zukunft befreit leben können. Dazu ist manchmal auch Sündenentsorgung nötig, weil die Vergangenheit belastend sein kann. Aber das Ziel ist immer Neuanfang und Umkehr.

Das ist übrigens der tiefste Grund, weshalb es in unserer christlich beeinflussten Staatsordnung keine Todesstrafe gibt: auch dem schlimmsten Verbrecher darf die Möglichkeit der Umkehr nicht vorzeitig genommen werden.

Es gibt Spielraum

Denn die wichtigste Botschaft ist: Leute, ihr habt einen Spielraum! Egal, wie verfahren die politische Situation ist, egal, wie blöd dein Leben bisher gelaufen ist, egal, was für Verwerfungen du jetzt plötzlich in einem Herzen entdeckst – ihr habt immer mindestens zwei Möglichkeiten und meistens noch viel mehr. Menschen haben bis zum letzten Atemzug das Recht, ein anderer zu werden. Es ist der Kern der Menschenwürde, dass wir immer einen Spielraum haben, in dem wir uns entscheiden können. Zwischen einem Ereignis und unserer Reaktion darauf gibt es diesen Raum der Freiheit, und wir können ihn so oder so nutzen. Und auch wenn wir uns 100 Mal falsch entschieden haben, lohnt es sich immer noch, beim 101. Mal endlich die Entscheidung zum Leben zu treffen, auch wenn der Preis inzwischen höher geworden ist. Das ist wie bei einer Sucht: je länger du wartest mit dem Ausstieg, um so schlimmer werden die Entzugserscheinungen, aber es lohnt sich in jedem Fall.

Das Recht, ein anderer zu werden

Gott tut ganz viel für dieses Recht, ein anderer zu werden, eine andere zu werden. Er schickt seine Leute, die Propheten und Apostel, die Juden und die Christen, damit diese Alternative in der Welt sichtbar ist. Menschen sollen sehen: es geht doch! Umkehr und Neuanfang sind gar nicht so schlimm! Es gibt den Weg in ein besseres Leben!

Nur sichtbare, gelebte Alternativen sind ein Schutz gegen Zynismus im Großen und im Kleinen. Zynisch werden Menschen, wenn sie etwas tun, von dem sie eigentlich wissen, dass es falsch ist. Kurz vor der französischen Revolution kursierte unter den Adligen der Spruch: nach uns die Sintflut! Sie ahnten längst, dass es nicht mehr lange gut gehen würde, aber sie wollten nichts dagegen tun, oder glaubten, sie hätten keine Alternative. Und so machten sie immer weiter, bis eines Tages die Revolution ausbrach und ihre ganze Welt wegfegte.

Zerstörerischer Zynismus

Das ist Zynismus: man weiß, es wird bös enden, aber man ändert nichts. Man redet sich ein, es hätte sowieso keinen Zweck. Man ignoriert unser Menschenrecht, ein anderer zu werden. Zynismus ist immer zerstörerisch.

Zynismus war dieser Satz: »die Väter haben unreife Trauben gegessen und den Söhnen sind die Zähne stumpf geworden«. Das Schlimme daran ist, dass da jemand zugibt, wie schlecht alles gelaufen ist, und trotzdem eine Begründung dafür findet, nichts zu ändern. Es ist eigentlich verrückt, aber es gibt in uns einen tiefen Widerstand gegen Umkehr. Lieber tun wir Buße und bereuen und entschuldigen uns tausend Mal, wenn uns nur tiefgreifende Veränderungen erspart bleiben. Die Beschäftigung mit den Sünden der Vergangenheit ist immer noch einfacher als echte Veränderung, die die Zukunft gewinnt. Man kann das damit erklären, dass wir zu stolz sind, um etwas wirklich einzusehen, man kann vermuten, dass unser Gehirn einfach äußerst ungern die Nervenzellen neu verschaltet, man kann davon reden, dass Neurosen und Psychosen sich wehren und enorme Anpassungsstrategien entwickeln, um im Kern unverändert weiterleben zu können. Egal, wie man es nennt: wir ändern unser Denken äußerst ungern.

Eine tolle Alternative

Aber genau das möchte Gott, dass wir diese ganzen Muster loslassen, die ein Kennzeichen der gefallenen Welt sind, die in uns leben, an die wir gewöhnt sind und die unsere spontanen Reaktionen prägen. Deshalb fragt er: Warum wollt ihr in euer Unglück laufen? Warum wollt ihr sterben? Leben wär doch eine tolle Alternative. Für das Leben lohnt es sich, diese Mühe der Umkehr auf sich zu nehmen. Frag einen Menschen, der es wirklich geschafft hat, umzukehren: etwas Krankes hinter sich zu lassen, eine Sucht, schlechte Angewohnheiten, zerstörerische Denkmuster, was auch immer. Er wird dir immer sagen: es hat sich gelohnt! Es war den Preis wert! Ein Glück, dass ich es endlich angegangen bin. Ich hätte es schon viel früher tun sollen! Vorher sieht es schwer bis unmöglich aus, aber hinterher ist man so froh darüber.

Deshalb ruft uns Gott immer wieder, damit wir das Leben wählen. Er malt uns aus, wieviel dabei zu gewinnen ist. Und er kommt uns entgegen und erkennt im ersten Schritt schon den ganzen Weg zum Ziel.

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