Mai 202013
 

Predigt am 19. Mai 2013 (Pfingstsonntag) zu Apostelgeschichte 2,22-38

PetrusPetrus sprach: 22 Ihr Männer von Israel, hört, was ich euch zu sagen habe! Jesus von Nazaret wurde von Gott bestätigt durch die machtvollen und Staunen erregenden Wunder, die Gott durch ihn unter euch vollbracht hat; ihr wisst es selbst. 23 Den habt ihr durch Menschen, die das Gesetz Gottes nicht kennen, ans Kreuz schlagen und töten lassen. So hatte Gott es nach seinem Plan im Voraus bestimmt. 24 Und genau den hat Gott aus der Gewalt des Todes befreit und zum Leben erweckt; denn der Tod konnte ihn unmöglich gefangen halten.

25 Schon David hat von ihm gesprochen und ihn sagen lassen: ›Ich hatte den Herrn immer vor Augen. Er stand mir zur Seite, darum fühlte ich mich sicher. 26 Das erfüllte mein Herz mit Freude und ließ mich jubelnd singen. Selbst im Grab ruht mein Leib voll Hoffnung. 27 Ich bin gewiss: Du, Herr, lässt mich nicht bei den Toten; du gibst deinen treuen Diener nicht der Verwesung preis. 28 Du hast mir den Weg zum Leben gezeigt; in deiner Nähe werde ich froh und glücklich sein.‹ 29 Liebe Brüder, ich darf ganz offen zu euch über unseren großen Vater David sprechen: Er starb und wurde begraben, und sein Grab ist noch heute bei uns zu sehen. 30 Aber er war ein Prophet, und Gott hatte ihm feierlich zugesagt, einer seiner Nachkommen werde auf Gottes Thron sitzen. 31 David sah also voraus, was Gott vorhatte, und seine Worte beziehen sich auf die Auferstehung des versprochenen Retters. Von diesem gilt, dass Gott ihn nicht bei den Toten ließ und sein Körper nicht der Verwesung anheim fiel.

32 Diesen Jesus also hat Gott vom Tod auferweckt; wir alle sind dafür Zeugen. 33 Er wurde zu dem Ehrenplatz an Gottes rechter Seite erhoben und erhielt von seinem Vater die versprochene Gabe, den Heiligen Geist, damit er ihn über uns ausgießt. Was ihr hier seht und hört, sind die Wirkungen dieses Geistes! 34 Nicht David ist ja in den Himmel aufgenommen worden; vielmehr sagt er selbst: ›Gott, der Herr, sagte zu meinem Herrn: 35 Setze dich an meine rechte Seite! Ich will dir deine Feinde unterwerfen, sie als Schemel unter deine Füße legen.‹ 36 Alle Menschen in Israel sollen also an dem, was sie hier sehen und hören, mit Gewissheit erkennen: Gott hat diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt, zum Herrn und Christus gemacht.«

37 Dieses Wort traf die Zuhörer mitten ins Herz und sie fragten Petrus und die anderen Apostel: »Brüder, was sollen wir tun?« 38 Petrus antwortete: »Kehrt jetzt um und lasst euch taufen auf Jesus Christus; lasst seinen Namen über euch ausrufen und bekennt euch zu ihm – jeder und jede im Volk! Dann wird Gott euch eure Schuld vergeben und euch seinen Heiligen Geist schenken. 39 Denn was Gott versprochen hat, ist für euch und eure Kinder bestimmt und für alle, die jetzt noch fern sind und die der Herr, unser Gott, hinzurufen wird.«

Was wir heute hören, ist eine der längsten Reden in der Bibel. Petrus muss weit ausholen. Denn immer, wenn es etwas völlig Neues gibt, versuchen Menschen, sich das mit dem zu erklären, was sie schon kennen. Und wenn da Leute völlig ungewöhnlich reden, dann sind die einfachsten Erklärungen: die spinnen ja! oder: die sind besoffen! Damit hat der Topf einen Deckel, und das Weltbild stimmt wieder. Solche einfachen Erklärungen übersehen aber meistens ein paar Fakten, z.B. die Tatsache, dass man morgens eigentlich noch nicht betrunken ist, schon gar nicht in einer Zeit, in der es keine härteren Getränke als Wein gab.

Deswegen muss Petrus die Geschichte anders erzählen. Und sie wird so lang, weil er den ganzen Rahmen zurecht rücken muss. Hier passiert etwas ganz anderes: Israels Geschichte und die Geschichte der ganzen Welt ist jetzt in die letzte Phase eingetreten. Jetzt ist die Zeit gekommen, in der Gott sein Werk vollendet. Wir sind am Ziel. Das Geheimnis ist gelüftet. Die neue Schöpfung hat begonnen. Jesus ist auferstanden, und das hat die göttliche Energie freigesetzt. Eine Eruption gewaltigen Ausmaßes hat dafür gesorgt, dass nicht nur hin und wieder einzelne Menschen von Gottes Geist geleitet werden, sondern jetzt kommt der Heilige Geist zu allen, die an Jesus glauben und zu ihm gehören. Es gibt keinen Unterschied mehr zwischen Männern und Frauen, Alten und Jungen, Freien und Sklaven. Quer zu allen sozialen Einteilungen entsteht der neue Kern eines freien Gottesvolks.

Parallelen zum Exodus

Es gibt dazu eine bemerkenswerte Parallele in der Geschichte Israels: Nach der Befreiung aus Ägypten zog Israel zum Sinai. Mose stieg auf den Berg und brachte von dort die Gesetzestafeln mit, auf denen die Ordnung für das Lebens eines freien Volkes beschrieben war. Und genauso auch hier dieser Dreischritt: Jesus stirbt und bleibt nicht im Tod – das ist die Befreiung. Das geschieht beim Passafest, das ja die Befreiung aus Ägypten erinnert. Dann geht er wie Mose nach oben – das ist Himmelfahrt. Und von oben kommt dann die Regel für das Leben des erneuerten Gottesvolkes, aber das ist keine geschriebene Regel mehr, sondern der Heilige Geist, der von nun an Gottes Volk leiten wird.

Dieses Volk braucht keine Priester und keinen Tempel mehr, sondern es beginnt in dem Privathaus, im ersten Stock des Hauses, in dem sie sich in Jerusalem treffen. Die Kirche beginnt mitten unter den Menschen, man muss sie nicht erst nachträglich zu ihnen bringen. Gottes Sache hat sich viele Jahrhunderte lang ein religiöses Gewand übergezogen, damit Menschen überhaupt irgend einen Zugang finden konnten. Aber irgendwie war das schon immer keine Religion wie alle anderen, kein Tempel wie alle anderen. Es passte schon immer nicht wirklich.

Das aufgelöste Rätsel eines Jahrhunderte langen Weges

Und jetzt bleibt dieser ganze religiöse Rahmen endgültig zurück und das Geheimnis wird enthüllt: Gottes rettende Kraft, wie sie in Jesus endgültig sichtbar geworden ist. Diese rettende Kraft, die eines Tages die ganze Schöpfung zu Gott zurückbringen wird, die wohnt unter denen, die zu Jesus gehören und in seinen Spuren gehen. Das ist das Ziel des ganzen Weges, den Israel gegangen ist.

Man versteht Petrus erst richtig, wenn man weiß, dass damals die Menschen in Israel mit Gebet und brennendem Herzen die alten Schriften durchforschten und fragten: wann kommt unsere Befreiung? Und sie fanden im Buch Daniel eine Stelle, wo es heißt, dass das Exil, die Gefangenschaft Israels unter fremden Mächten, 490 Jahre dauern würde. Und sie berechneten, dass diese Zeit jetzt irgendwann vorbei sein musste. Über den genauen Zeitpunkt waren sie sich nicht einig, aber jetzt irgendwann musste es sein. Und sie beteten und studierten die Texte und hielten Ausschau nach den Zeichen, die den neuen Tag der Freiheit ankündigten.

Und dann kommt Petrus und sagt: jetzt ist es so weit! Was ihr hier erlebt, das sind die Zeichen, nach denen ihr sucht: die Ausgießung von Gottes Geist. Das ist die Befreiung von den Mächten.

Gott handelt nicht schematisch immer wieder gleich. Das erste Mal hat er Israel befreit, indem er sie in ein neues Land geführt hat. Aber dieses Experiment ist gescheitert, sie haben es nicht geschafft, dauerhaft als freies Volk Gottes zu leben. Nach und nach wurden sie doch wieder so wie die anderen Völker, und da schickte Gott sie schließlich in die Gefangenschaft, für 490 Jahre, fast ein halbes Jahrtausend.

Eine neue Art von Befreiung

Aber die neue Befreiung, die dann kommt, die ist nicht die gleiche wie damals, als sie aus Ägypten ins gelobte Land flohen. Es kommt nicht einfach wieder ein eigener Staat, sondern es kommt eine andere Art, mitten in den Reichen der Welt zu leben, ohne von ihnen aufgefressen zu werden. Es gibt ein neues Leben mitten in der alten Welt, ein freies Leben mitten in den Unterdrückungssystemen, ein Leben voller Solidarität und Liebe, wo nach offizieller Theorie alle nur ihren eigenen Vorteil verfolgen.

Menschen schaffen es in der Regel nicht, sich von der herrschenden Ideologie der Gesellschaft abzukoppeln. Menschen denken mit dem Material, was ihnen die Gesellschaft zur Verfügung stellt. Damals waren die heidnischen Tempel und Philosophenschulen die Denkfabriken, wo die Weltanschauungen erarbeitet und verbreitet wurden. Heute sind das vor allem die Medien und die Stichwortgeber im Hintergrund, die den Denkrahmen für die meisten Menschen setzen.

Aber zu Pfingsten kommt der Heilige Geist und macht alle, die an Jesus glauben, unabhängig von den Ideologie der Gesellschaft. Und das ist zuerst für die Jesusanhänger selbst eine umwälzende Erfahrung. Wenn in der Bibel vom Heiligen Geist geredet wird, dann hat das immer zu tun mit ungewöhnlichen Zuständen unserer Person. Die gewohnte Stabilität geht verloren, sogar die Sprache, in der wir denken und reden, wird abgeschaltet und die Menschen reden in Zungen. Also selbst die normalen Worte und die grammatischen Regeln, auf die unsere Deutschlehrer so viel Wert legten, die gelten nicht mehr. Sprache prägt ja unser Denken zutiefst, Sprache ist nicht einfach neutral, sondern ihre Regeln definieren auch die Grenzen unseres Denkens. Wer mal eine fremde Sprache gelernt hat, der weiß, was für ein eigenes Feeling jede Sprache transportiert. Selbst auf Englisch fühlen sich die gleichen Dinge schon wieder anders an. Und auf Japanisch ist es noch ganz anders (allerdings kann ich kein Japanisch).

Zungenreden ist etwas, was passiert, wenn Menschen Dinge ausdrücken, die sie vorher nie aussprechen oder auch nur ahnen konnten. Da wird die Sicht der Menschen auf die Welt neu konfiguriert. Vorher haben sie mindestens auf den tieferen Ebenen gedacht wie alle anderen, jetzt wird das aufgebrochen und sie können die Dinge so sehen wie nie zuvor. Das ist ihnen selber manchmal unheimlich, vor allem aber verstört es die anderen, und der einzige Reim, den die sich machen können, ist: die spinnen!

Es geht darum, was Realität ist

Versteht, es geht hier nicht um einzelne Streitfragen, ob man für oder gegen Atomkraft ist, oder ob Schwule heiraten dürfen, oder ähnliche Aufregerthemen. Es geht darum, dass das Grundmuster unserer Person neu zusammengesetzt wird. Es geht um das Betriebssystem, unter dem wir arbeiten, um das Lebensgefühl, um die Brille, mit der wir die Welt sehen, um die Regeln, mit denen wir uns in der Welt orientieren. Es geht um unsere Überzeugungen, was Realität ist und was nicht.

Wenn man das Leben Jesu und seine Worte etwa in der Bergpredigt anschaut, dann merkt man, dass er die Welt ganz anders gesehen haben muss, als wir sie normalerweise sehen: erfüllt von Segen, durchwaltet von den guten Mächten Gottes, bedroht von dunklen Kräften der Zerstörung, beeinflusst von Kräften und Regeln, die wir nur ahnen. Fakten, die wir für unumstößlich halten, waren für ihn wie Gebäude, die auf Sand gebaut waren.

Aber mit der Auferstehung ist seine Sicht bestätigt worden, und durch den Heiligen Geist kommt sie auch zu uns. Petrus erzählt noch einmal von Jesus: Gott hat ihn gesandt, er ist das Angesicht Gottes in unserer Welt, und alle bösen Mächte haben sich zusammengetan, um ihn zu zerstören. Es kam zu einer Konfrontation, in der sie alle versuchten, ihn von seinem Weg abzubringen, mit List und grausamster Gewalt. Aber Jesus ging seinen Weg bis zum Ende, und als Gott ihn auferweckte, da war der Höhepunkt in der ganzen Geschichte des Gottesvolkes erreicht.

Die Bibel spricht neu

Petrus findet schon bei David solche Vorahnungen, dass Gott sich den Fakten des Todes nicht beugt, dass eines Tages ein toter menschlicher Körper nicht verwesen würde, sondern auferstehen wird. Und weil das bei David offensichtlich nicht der Fall war, muss das noch kommen. Da war noch etwas offen, Gott hat etwas versprochen, dessen Erfüllung noch aus stand: die Auferstehung nicht nur von Seelen, sondern von ganzen Menschen mit Leib und Seele. Und jetzt ist es eingetroffen! Der wahre König Israels ist gekommen. Revolution liegt in der Luft, eine Revolution, die wesentlich tiefer und weiter geht als alles, was sich die damaligen Revolutionäre und Freiheitskämpfer vorstellen konnten.

Petrus baut seinen Zuhörern eine Brücke, er hilft ihnen, die Hinweise auf das Neue zu entschlüsseln, die schon im Alten Testament verborgen sind. Das ist das Tolle an der Bibel: sie ist nicht ein für alle Mal in ihrer Bedeutung klar, sondern wenn neue Dinge passieren, dann bekommt sie auch ein neues Gesicht. Sie ist ein lebendiges Buch, wenn sie in der Kraft des Heiligen Geistes gelesen wird.

Und das tut Petrus hier offensichtlich, und die Zuhörer sind davon so überzeugt, dass ihnen sofort einfällt, dass sie ja beim Passafest auch gerufen haben: kreuzige ihn! Und sie fragen: was sollen wir tun?

Den gewalttätigen Konsens der Gesellschaft kündigen

Und Petrus antwortet: so wie ihr damals auf der falschen Seite gestanden habt, so stellt euch jetzt auf die richtige Seite, auf die Seite des Gekreuzigten, lasst euch taufen und werdet ein Teil des neuen Gottesvolkes, das jetzt begonnen hat. Lebt auf die neue Weise, die Jesus gebracht hat.

Wir wissen, wie es ausgeht: am Abend sind dreitausend Menschen getauft. Und die Priester, die sich schon gefreut hatten, dass es mit Jesus endgültig aus und vorbei ist, hatten ein viel größeres Problem als vorher.

Und so entsteht das neue Volk Gottes aus Menschen, die vom Heiligen Geist geleitet werden und heraustreten aus dem Konsens der Gesellschaft, der durch Gewalt erzwungen und durch Gewalt wie das Kreuz erhalten wird. Der Heilige Geist holt dich heraus aus diesem tödlichen Konsens, der Jesus ans Kreuz gebracht hat. Und du behältst den Geist Jesu nur, wenn du nicht so sein willst wie alle anderen, sondern umkehrst und auf seinen Wegen gehst.

Das ist die große Freude, die die Christen immer begleitet hat: die Freude der Freiheit, die Freude, herausgeholt zu sein aus dem Denkraster, das die Menschen fesselt und lähmt. Offen zu sein für die Segenskräfte Gottes, so wie Jesus es war. Teil der Jesusbewegung werden. Die Sklaverei hinter sich zu lassen, durch das Meer in die Freiheit zu ziehen, symbolisiert in der Taufe. Gerettet zu werden von dem Verderben, in das die anderen hineinlaufen wie die Lemminge.

Die ersten 3000 sagten damals dazu »Ja«. So fing es an. Und es geht weiter.

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