Feb 182013
 

Predigt zu Römer 12,9-13 am 17. Februar 2013 (Predigtreihe Römerbrief 37)

9 Eure Liebe sei ohne Heuchelei. Verabscheut das Böse, haltet fest am Guten! 10 Seid einander in brüderlicher Liebe zugetan, kommt euch in gegenseitiger Achtung zuvor! 11 Lasst nicht nach in eurem Eifer, lasst euch vom Geist entflammen und dient dem Herrn! 12 Seid fröhlich in der Hoffnung, geduldig in der Bedrängnis, beharrlich im Gebet! 13 Helft den Heiligen, wenn sie in Not sind; gewährt jederzeit Gastfreundschaft!

Damit es heute nicht zu einfach wird, erinnere ich jetzt noch einmal an die Evangelienlesung vorhin – die Versuchung Jesu (Matth. 4,1-11). Diese Geschichte sagt: auch das Beste, was wir tun möchten, kann korrumpiert und in den Dienst der Verwüstung der Welt gestellt werden. Der Versucher hat Jesus ja keine verbrecherischen Handlungen nahegelegt: aus Steinen Brot zu machen, ist nichts Verwerfliches, sollte man meinen. Und trotzdem hätte es die ganze Sendung Jesu zerstört, wenn er sich selbst und andere ernährt hätte ohne Übereinstimmung mit der schenkenden und segnenden Liebe Gottes.

In Bilder von heute übersetzt: wer Lebensmittel vielleicht nicht aus Steinen, sondern aus irgendwelchen ekligen Abfällen oder fragwürdigen Resten herstellt, entweder direkt, oder indem er arme Schweine und Kühe damit füttert, der kriegt damit meistens Leute satt, solange sie es nicht merken, aber mit diesem Betrug, mit diesem Fake, vergiftet er den Segensfluss, von dem wir leben, und er zerstört wieder etwas von dem Vertrauen, das für unser Zusammenleben grundlegend ist.

Und so können sich auch in das Verhältnis unter Menschen schnell billige Ersatzstoffe hineinmischen, so dass man sich am Ende vorkommt, als ob man den Bauch voll hat, aber wir sind nicht ernährt worden.

Deswegen sagt Paulus nicht einfach: liebt einander! oder auch: seid nett zueinander!, sondern er sagt: eure Liebe soll ungeheuchelt sein, ohne Falsch, ohne undeklarierte Beimischungen, kein billiger Ersatz, der mit Farbstoffen, Geschmacksverstärkern und künstlichen Aromen aufgepeppt ist. Nicht diese eintrainierte Freundlichkeit, wenn man bei der Hotline anruft, und du weißt trotz aller Beteuerungen: ob der Techniker morgen wirklich kommen wird wie versprochen, das ist völlig ungewiss, da kann der Mensch auf der anderen Seite noch so oft sagen: »was kann ich für Sie tun?«

Liebe erkennt man nicht daran, dass das Gegenüber nett ist. Obwohl es natürlich in der Regel schon mal nicht schlecht ist, wenn man nicht gleich angemault oder runter gemacht wird. Aber wieviel von unserer Freundlichkeit ist einfach eine Spekulation darauf, dass man das dann entsprechend zurückbekommen wird? Oder dass man sonst Ärger kriegt, wenn sich jemand nicht genügend geschätzt fühlt? Schon Jesus hat das gut beschrieben, wie Menschen andere auf der Basis der Gegenseitigkeit einladen, in der Hoffnung, dass man dann eine Gegeneinladung bekommt, und er hat dann immer gesagt: ladet stattdessen die ein, die sich nicht revanchieren können. Im Johannesevangelium (5,44) ist es auf den Punkt gebracht mit der Formulierung, dass Menschen voneinander »Ehre nehmen«, dass man sich auf der Basis von Gegenseitigkeit Wertschätzung schenkt, und sich gegenseitig signalisiert, wie wichtig und bedeutsam man ist. Irgendwie scheint das ein genialer Trick zu sein: wir erzählen uns gegenseitig, wie toll wir sind, aber irgendwie bleibt ein schaler Nachgeschmack, und wir werden so nicht wirklich ernährt.

So soll es gerade nicht sein in der Gemeinde Jesu. Paulus schreibt stattdessen: kommt einander mit Ehrerbietung zuvor, also einseitig, unabhängig davon, ob ihr etwas zurückbekommt. Der Einzige, von dem wir etwas zurück erwarten sollten, ist Gott. Den können wir nicht berechnen, aber wir können ihm vertrauen, dass er nichts übersehen wird, was aus Liebe getan wird. Glaube zeigt sich daran, dass wir ruhig abwarten, was Gott aus dem machen wird, was wir für ihn tun. Wenn wir nämlich einem Menschen ohne Berechnung echte Liebe schenken, dann schenken wir sie Gott. Deswegen kann das auch kein Mensch von dir verlangen oder einfordern, weil Gott dazwischen steht. er ist das Gegenüber. Egal, was wir tun und mit wem wir beschäftigt sind, unter der Oberfläche sind wir immer mit Gott im Geschäft. Er verbirgt sich in dem anderen, er verbirgt sich in der Schöpfung, und es beständig mit auf dem Schirm zu haben, dass wir dauernd mit Gott zu tun haben, das schützt Liebe davor, zu einem Kalkül zu werden.

Deswegen schaltet Paulus das Warnlämpchen ein, wenn er von Liebe spricht. Zur Liebe gehört immer das Zurückweisen der billigen Imitation, so wie Jesus den Versucher zurückgewiesen hat. Schließlich hat das 12. Kapitel des Römerbriefes angefangen mit der Aufforderung, dass wir uns nicht an das Schema dieser Welt anpassen sollen, und wir stecken in den Mustern dieser Welt ziemlich tief drin, so dass es ein richtiges Wunder ist, wenn wir es dann doch anders machen.

Aber dazu hat Gott ja sein Volk berufen, dass mitten in der Welt eine Alternative sichtbar wird. Und erst auf dieser Grundlage wird das alles möglich, was Paulus hier beschreibt. Als Jesus dem Zerstörer widerstand, da erkämpfte er einen Freiraum, in dem er erst mit seinen Jüngern anders lebte und in dem jetzt wir lernen sollen, wie ein Leben geht, das den Segensstrom Gottes nicht auf die eigenen Mühlen lenkt, sondern ihn großzügig verteilt.

Und so wie Gott mit ganzem Herzen hinter dieser Alternative steht, die er angeschoben hat, so sollen wir das auch. Solche Zellen des neuen Lebens zu pflanzen und zu pflegen, das ist nicht ein Hobby, das man sich zulegt, weil man Entspannung und Ausgleich sucht. Lasst nicht nach in eurem Eifer, schreibt Paulus. Das braucht eure ganze Kraft, das muss man mit ganzem Herzen tun, das muss einen auch mal schlaflose Nächte kosten dürfen. Denn die neue Menschheit, die in der Gemeinde Jesu geboren werden soll, die ist das Ernsteste und Wichtigste, was es gibt.

Aber das heißt nicht, dass man deswegen eine ernste Miene aufsetzen müsste. In diesen ganzen Versen herrscht eine Atmosphäre des Aufbruchs, ein fröhlicher Geist von »Ärmel aufkrempeln und anpacken«. Geh davon aus, dass du danach auch mal kaputt bist, mach dir klar, dass man damit nicht einfach deswegen aufhört, weil es einem heute gerade nicht gut geht oder weil man nicht in Stimmung ist. Du machst das, weil Gott dir einen Auftrag gegeben hat, und egal, ob der groß oder klein ist, investiere deine ganze Energie und deine Fantasie da hinein, und verbreite um dich herum eine positive Stimmung. Gib dem Heiligen Geist die Chance, durch dich hindurch sein Werk zu tun.

Das kann auch bedeuten, dass man irgendwann eine Sache aufgibt, weil sie ihre Zeit gehabt hat und jetzt Neues dran ist. Weil man mit seiner Energie nicht etwas mühsam am Leben halten will, in dem der Heilige Geist nicht mehr lebendig ist. Aber das ist nicht das gleiche wie unseren wechselnden Stimmungen nachzugeben. Für Gottes Projekt in dieser Welt werden wir auf jeden Fall Kraft und Energie brauchen, wir werden immer mit unserem Wunsch nach Ruhe und Bequemlichkeit zu kämpfen haben, wir werden uns immer wünschen, nicht so oft gegen den Strom schwimmen zu müssen.

Aber sich nicht den Mustern dieser Welt anzupassen, das braucht einfach immer wieder unser gründliches Nachdenken, es braucht unsere Arbeit und die ganze Energie unseres Herzens. Es ist immer einfacher und leichter, in den ausgetretenen Spuren zu laufen, als selbst neue Wege zu finden und zu bahnen. Aber wenn man sich auf auf diesen Weg macht, der unsere ganze Hingabe braucht, dann bleibt man lebendig. Dann kann man alt und wackelig werden und manchmal auch müde, aber das Herz bleibt lebendig, es wird nicht hart und brüchig.

Wir werden aber auch immer wieder erleben, wie Gott uns unerwartete Geschenke schickt und es uns zeigt, wenn er sich über uns freut.

Deswegen schreibt Paulus: »freut euch in der Hoffnung!« Hoffnung rechnet so fest mit der Zukunft, als ob die schon Gegenwart wäre. Viele Menschen machen es umgekehrt, sie leben so sehr in der Vergangenheit, in dem, was sie erlebt haben, dass das immer Gegenwart bleibt. Immer wieder erzählen sie, was früher war und kommen gar nicht davon los. Lasst uns stattdessen mindestens so oft reden von dem, was kommen soll, was wir erhoffen, was Gott heraufführen wird. Wir reden von dem, was uns beschäftigt. Was erhoffst du dir, was Gott in deinem Leben noch tun wird, was er in unserer Gemeinde noch tun wird, was er in seiner Christenheit noch tun wird? Da sollen wir mindestens so intensiv drin leben wie manche in der Welt ihrer Jugendzeit leben oder in ihren Krankheitsgeschichten. Und das wird uns dann nicht mit Wehmut oder Resignation erfüllen, sondern mit Freude und Erwartung.

So eine Hoffnung gibt die Ressourcen, um auch die harten Zeiten durchzustehen. »Seid geduldig in der Bedrängnis!« schreibt Paulus. Gott ist nicht der, der uns alle Hindernisse aus dem Weg räumt. Er reagiert nicht immer so prompt, wie wir uns das wünschen. Alle großen Christen hatten Zeiten, in denen es nicht voran ging, wo sie warten mussten und sich der Eindruck aufdrängte: Gott hat mich vergessen. Wie lange soll ich noch auf ihn warten? Wie lange wird diese Zeit der Dunkelheit noch dauern, in der ich drinstecke? Und wir kleinen Christen haben diese Zeiten genau so.

Es gibt die Wegstrecken, wo dir nichts anderes bleibt, als aushalten, abwarten, weiter machen, was du als richtig erkannt hast, und dann auch noch aufpassen, dass du vom hartnäckigen Durchhalten nicht hart wirst. Natürlich ist es grundsätzlich so, dass Gott aus diesen Erfahrungen etwas Gutes machen wird, aber wenn man mitten drin steckt, fragt man sich schon, ob es dafür nicht auch andere Wege gegeben hätte. Manchmal merkt man im Rückblick, wofür es gut war, aber manchmal auch nicht. In so einer Lage sollen wir uns immer wieder an Gott wenden, weil er in dem allen das echte, richtige Gegenüber ist. Er ist die Adresse für Beschwerden und Klage. Solange wir das immer wieder ihm bringen, sind wir jedenfalls ein ganzes Stück weit davor geschützt, hart oder zynisch zu werden.

Und weil es immer Menschen in dieser Lage in der Gemeinde gibt, deswegen sollen wir Anteil nehmen an den Nöten. Manchmal ist das praktische Hilfe, manchmal geht es einfach darum, davon zu wissen und sich nicht davon abzuschotten. Und die ganze Passage endet mit der Aufforderung: seid immer gastfreundlich! Das ist ganz praktisch gemeint, als Bereitschaft, die Häuser zu öffnen für die, mit denen man auf dem gleichen Weg unterwegs ist. Es ist ja verrückt: solange man jung ist, ist es meistens kein so großes Problem, jemanden bei sich übernachten zu lassen. Je älter man wird und um so besser unsere Wohnung ausgestattet sind, um so schwieriger ist das.

Man darf die Gastfreundschaft aber auch gern zusätzlich im übertragenen Sinn verstehen als die Bereitschaft, den andern in sein Leben hinein zu lassen, ihm unser Herz zu öffnen und sich mit ihm zu verbinden. So wie Gott uns in sein Herz aufnimmt und trotz allem mit uns und unserem Weg verbunden bleibt. So wie Jesus uns in sein Leben aufgenommen hat und dafür bezahlen musste: mit Anfeindungen, mit Tagen, an denen er noch nicht mal Zeit zum Essen fand, und am Ende mit dem Kreuz.

Paulus beschreibt eine Gemeinschaft, die nach diesen Mustern Gottes geformt wird. Das ist das Übungsfeld für das Verhältnis nach draußen, zu den anderen, die das mit der Zerstörung in der Welt nicht so dramatisch sehen, aber auch keine so große Hoffnung teilen. Sie sollen durch eine Gemeinschaft der Solidarität hartnäckig gestört werden in ihrem Glauben, dass der Mensch böse ist und sich nie ändern wird. Sie sollen verunsichert werden in ihrem Glauben, dass man nichts machen kann und sich anpassen muss. Jede Gemeinschaft, die nur einigermaßen nach Jesu Art zusammenlebt, ist ein Zeichen für diese Alternative.

Sie ist ein Zeichen dafür, dass das eigentliche Gegenüber für alle Menschen Gott ist, der verborgen in allem auf uns wartet.

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