Jan 282013
 

Predigt am 27.01.2013 zu Kolosser 3,9-16

Am Anfang des Gottesdienstes war eine Theaterszene zu sehen, in der sich zwei Kundinnen beim Frisör über die Stabilität von Ehen in ihrem Bekanntenkreis austauschten.

9 Belügt einander nicht mehr! Ihr habt doch das alte Gewand ausgezogen – den alten Menschen mit seinen Verhaltensweisen – 10 und habt das neue Gewand angezogen – den neuen, von Gott erschaffenen Menschen, der fortwährend erneuert wird, damit ihr ´Gott` immer besser kennenlernt und seinem Bild ähnlich werdet. 11 Was diesen neuen Menschen betrifft, spielt es keine Rolle mehr, ob jemand Grieche oder Jude ist, beschnitten oder unbeschnitten, ungebildet oder sogar unzivilisiert, Sklave oder freier Bürger. Das Einzige, was zählt, ist Christus; er ist alles in allen. 12 Geschwister, ihr seid von Gott erwählt, ihr gehört zu seinem heiligen Volk, ihr seid von Gott geliebt. Darum kleidet euch nun in tiefes Mitgefühl, in Freundlichkeit, Bescheidenheit, Rücksichtnahme und Geduld. 13 Geht nachsichtig miteinander um und vergebt einander, wenn einer dem anderen etwas vorzuwerfen hat. Genauso, wie der Herr euch vergeben hat, sollt auch ihr einander vergeben. 14 Vor allem aber bekleidet euch mit der Liebe; sie ist das Band, das euch zu einer vollkommenen Einheit zusammenschließt. 15 Der Frieden, der von Christus kommt, regiere euer Herz und alles, was ihr tut! Als Glieder eines Leibes seid ihr dazu berufen, miteinander in diesem Frieden zu leben. Und seid voll Dankbarkeit ´gegenüber Gott`! 16 Lasst die Botschaft von Christus bei euch ihren ganzen Reichtum entfalten. Unterrichtet einander ´in der Lehre Christi` und zeigt einander den rechten Weg; tut es mit der ganzen Weisheit, ´die Gott euch gegeben hat`. Singt Psalmen, Lobgesänge und von Gottes Geist eingegebene Lieder; singt sie dankbar und aus tiefstem Herzen zur Ehre Gottes.

Paulus beschreibt hier, wie die neue Gesellschaft funktioniert, die Gott ins Leben rief, als er durch Jesus Menschen versammelte. Ihr habt den alten Menschen ausgezogen, sagt Paulus. Der »alte Mensch« – damit meint er die ganzen Verhaltensmuster, die das Zusammenleben unter den Menschen prägen und die wir im Laufe unseres Lebens angenommen haben. In der Regel tun wir das nicht bewusst, sondern wir machen nach, was wir andere tun sehen, zuerst in unserer Familie, dann in der Schule unter Gleichaltrigen, und später bei der Arbeit, in Vereinen und Gruppen und wo wir sonst aktiv sind. Im Lauf der Zeit wird das sozusagen unsere zweite Natur, wir stecken drin wie in unseren Kleidern.

Überlegt euch, was man alles anzieht, wenn es draußen kalt ist wie in diesen Tagen! Das kann ganz schön mühsam sein, sich aus den vielen Schichten zu pellen, die man zum Schutz gegen Kälte angezogen hat. Oder ein Kind aus seinem Schneeanzug und den Winterstiefeln herauszuziehen. Das ist richtige Arbeit. Und genauso ist es Arbeit, all die Verhaltensmuster zu erkennen und zu ändern, die uns von klein auf wie eine zweite Haut umgeben.

Der Vergleich mit Winterkleidung passt auch deshalb, weil uns viele Verhaltensweisen eben auch schützen sollen vor der sozialen Kälte unter den Menschen. Wir wollen nicht runtergemacht werden, wir wollen nicht verletzt werden, und deshalb haben wir mehr oder weniger gut gelernt, die Schutzschilde hochzufahren, zurück zu schießen, lieber selbst zu beißen, als gebissen zu werden. Für einige ist das sehr schwer zu lernen; andere können das intuitiv und leben in der Überzeugung, dass Angriff die beste Verteidigung ist. So gehen sie durch die Welt, und für die anderen ist das in der Regel anstrengend und unangenehm.

Wahrscheinlich kennen wir alle Menschen, mit denen wir nicht gern zusammen sind, weil man sich hinterher schlecht fühlt, oder auch richtig beschmutzt, und manchmal weiß man gar nicht warum. Erst wenn man darüber nachdenkt, dann wird einem klar, wieviel Abwertung oder Schuldzuweisung da jemand zu uns rübergeschoben hat, oder wie wenig Respekt einer vor dem persönlichen Bereich eines anderen hat und wie übergriffig und aufdringlich er ist.

Egal, ob wir dabei mehr Täter oder mehr Opfer sind, diese Muster kleben an uns wie nasse Klamotten an einem Kind, das den ganzen Nachmittag draußen in Matsch und Schnee war. Und die Gemeinde ist Gottes Akademie, wo wir neue, bessere Muster lernen sollen. Das Problem dabei ist, dass es niemanden gibt, der schon ausgelernt hätte, sondern nur einige, die schon etwas länger auf dieser Akademie sind, und manchmal haben sie dann auch wirklich schon mehr gelernt. Aber im Prinzip müssen die Erzieher selbst erzogen werden, und die Therapeuten müssen selbst geheilt werden.

Deshalb bringt Gott durch die Gemeinde Menschen in eine Situation, wo sie miteinander und aneinander lernen, wie gute und hilfreiche Verhaltensmuster aussehen. Gott mixt alle möglichen Arten von Menschen zusammen, dann fügt er sein Wort dazu und dann lässt er diese Mischung miteinander arbeiten. Manchmal blubbert und knirscht es dabei ganz schön, manchmal geht was schief, Gefahren lauern rechts und links am Weg, aber das ist einkalkuliert. Aus allem kann man lernen. Du kriegst kein Handbuch für alle denkbaren Situationen, wo du nur nachschlagen musst. Aber wenn Gottes lebendiges Wort mit dabei ist, dann geht einem im richtigen Moment auf, was jetzt nötig ist. Es gibt keine Situationen, in denen man sagen müsste: das ist so verfahren, da ist nichts mehr zu machen. Und je intensiver du dabei bist, um so mehr wirst du verstehen, wie Menschen funktionieren und wie die neuen Verhaltensmuster aussehen, die allen gut tun.

Erinnert euch an die Lesung vorhin (Matthäus 9,9-13), wo der Zöllner Zachäus Jesus zu sich einlädt, und dann kommen seine ganzen Zöllnerkollegen dazu. Wenn die sonst zusammenkommen, dann reden sie darüber, wie man die Geschäfte optimiert und die Leute an besten abzockt und wie man das ganz Geld anschließend am heftigsten verballert. Aber als Jesus dazu kommt, wird das eine Situation, wo Menschen merken: hey, es geht auch anders, du musst kein Schwein sein in dieser Welt, man kann auch auf einer anderen Grundlage leben.

Wenn Paulus sagt: ihr habt den neuen Menschen angezogen, dann denkt er wahrscheinlich daran, wie Menschen getauft worden sind. Man hat damals die neuen Christen im Wasser richtig untergetaucht zum Zeichen, dass da etwas stirbt, eben die alten Verhaltensmuster, und wenn sie dann aus dem Wasser kamen, hat man ihnen als Zeichen für das neue Leben neue Kleider gegeben, weiße Kleider, und das war sicher ein eindrucksvoller Start in ein Leben auf einer neuen Grundlage.

Aber auch diese neuen Christen mussten dann weiter lernen, denn die alten Verhaltensmuster gehen ja nicht einfach weg durch so eine Zeichenhandlung. Sie sind erstmal geschwächt, aber sie sind hartnäckig und kommen sofort zurück, wenn man nicht aufpasst. Schimpfen, Beschuldigen, anderen zu nahe kommen, Lügen, Fassaden bauen – all das verschwindet nicht automatisch, sondern dagegen müssen wir ein Leben lang arbeiten. Gott bringt uns auf den Weg, er leitet uns, er tröstet uns, wenn es ein schwerer Weg ist, aber gehen müssen wir diesen Weg.

Und für uns fasst Paulus hier in Worte, was zu dieser Veränderung gehört. »Belügt einander nicht mehr!« – darum ging es am vorhin in der Szene: dass Menschen jahrelang nebeneinander her leben und sich versichern: alles ist in Butter, und alle halten nach außen das heile Bild aufrecht, und wenn es dann schließlich doch kracht, dann fragen sich alle: wie konnte das geschehen? Die waren doch das Traumpaar!

Die Alternative dazu ist ja nicht, dass wir all die Schattenseiten der anderen kennen und uns das Maul darüber zerreißen, sondern die Alternative ist diese Gemeinschaft mit dem heilenden Klima, die Gott durch Jesus ins Leben gerufen hat. Der Ort, wo wir uns hinein finden in Gottes Art zu leben. Wo wir für andere sorgen, obwohl wir deutlich sehen, wie problematisch sie sind. Oder eben, weil wir es sehen. In der Gemeinde Jesu trägt jeder unsichtbar auf der Stirn ein Schild, auf dem steht: ich werde erneuert nach dem Bild Gottes, und dieses Bild kennen wir von Jesus. Es geht nicht nur um ein paar Reparaturen, damit wir besser funktionieren, sondern da wächst eine ganze neue Welt mitten in der alten und unter völlig durchschnittlichen Menschen, die gleichzeitig immer noch leiden unter den Wunden, die uns die alte Welt angetan hat.

Der Trick dabei ist, dass diese Gemeinschaft immer erst im Aufbau ist. Wir kennen das sonst in allen Lebenslagen so, dass irgendwer anders zuständig ist, wenn es klemmt. Und dann gehen wir zum Arzt oder in die Reparaturwerkstatt und lassen das machen. Aber so funktioniert Gemeinde nicht. In der Gemeinde bist du immer selbst Helfer, und gleichzeitig wird dir geholfen. Mal ist das eine stärker und mal das andere, aber es ist immer beides dabei.

Das muss so sein, weil wir nicht nur heil werden sollen, sondern wir sollen auch lernen, wie die neue Gesellschaft funktioniert, die Gott schafft. Wir sollen selbst in diesen Denkprozess hineingezogen werden: wie sieht das aus, wenn wir geprägt sind durch tiefes Mitgefühl, Freundlichkeit, Bescheidenheit, Rücksichtnahme und Geduld? Wir sollen nicht nur der Meinung sein, dass das gute Dinge sind (da wären wir uns hier wahrscheinlich schnell einig), sondern da soll unser Denken drum kreisen: wie sieht das für mich und unter uns aus?

Manche Leute meinen, dass man irgendwie den Verstand abschalten müsste, wenn man anfängt zu glauben, aber in Wirklichkeit ist es umgekehrt: du brauchst deinen Kopf dann erst recht. Wenn du dich nach den Mustern richtest, nach denen alle leben, da musst du nicht viel nachdenken. Aber wenn du aussteigst, dann brauchst du deinen Kopf. Dann kommt nach und nach alles auf den Prüfstand. Aber du brauchst nicht nur den Kopf, sondern dann redet Paulus von Liedern, die man für Gott singt, er redet davon, dass Gottes Geist einem etwas eingibt – also: da kommen wir wirklich als ganze Menschen mit dem Reichtum unserer Person vor. Und die Gräben zwischen den Kulturen werden überbrückt, und die Gräben zwischen Männern und Frauen, zwischen Juden und Heiden, und sogar die Skythen sind dabei, sagt Paulus, das waren damals die absoluten Barbaren, wo man so ungefähr dachte, die essen mit der Mistgabel. Aber sie waren auch dabei, und auch haben die Gemeinde bereichert. Die Christen waren die einzigen, die es damals geschafft haben, all die Gegensätze und Widersprüche des römischen Imperiums an einem Tisch zu versammeln und darauf eine neue Gemeinschaft zu bilden. Das ging nur, weil die Grundlage dafür nicht die Kultur oder das Milieu war, sondern der neue Weg Jesu. Die Christenheit ist von Anfang an multikulturell gewesen. Das war ihre Stärke. Deshalb war sie ein Ort, wo die Wunden heilen konnten, die die alte Gesellschaft geschlagen hatte.

Und das Ergebnis ist Friede, dass du mitten in Konflikten ruhig schlafen kannst. Mir fällt dazu immer die Geschichte von Petrus ein, der im Gefängnis ist, und zwar in der Todeszelle, weil er hingerichtet werden soll, und dann schickt Gott einen Engel, um ihn zu befreien. Und was ist das Problem des Engels? Er kriegt den Petrus nicht wach, weil der so tief schläft. In der Nacht vor seiner Hinrichtung schläft er tief und fest. Gut, der war natürlich bei Jesus immer direkt dabei, er hat die Kreuzigung und die Auferstehung miterlebt, da lernt man schon was. Aber das gibt mir eine Ahnung davon, was für ein Friede in uns wachsen kann, wenn wir lange genug auf dieser Akademie Gottes sind, und wenn wir da lernen, wie man immer an die große Kraft Gottes angeschlossen sein kann.

Das ist der Preis, der uns winkt, wenn wir unsere Kraft in dieses große Projekt Gottes investieren: die neue Welt, die neue Menschheit, die neue Gesellschaft, der Frieden mitten im Konflikt mit der alten Gesellschaft. Nichts von dem, was wir da investieren, wird umsonst sein.

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