Dez 242012
 

Predigt zu Jesaja 52,7-10 am 23. Dezember 2012 (4. Advent)

7 Was für eine Freude! Über die Berge kommt der Siegesbote herbeigeeilt! Er bringt gute Nachricht, er verkündet Frieden und Rettung, er sagt zur Zionsstadt: »Dein Gott ist König der ganzen Welt!« 8 Horch, die Wächter der Stadt rufen laut, sie jubeln vor Freude; denn sie sehen mit eigenen Augen, wie der Herr auf den Berg Zion zurückkehrt. 9 Jubelt vor Freude, ihr Trümmer Jerusalems; denn der Herr hat Erbarmen mit seinem Volk, er befreit Jerusalem. 10 Er greift ein, er hat seinen heiligen Arm vor den Augen aller Völker erhoben. Bis in den letzten Winkel der Erde sehen sie, wie unser Gott uns rettet.

Was wir hier hören, das ist so ein bisschen wie Flüsterpropaganda, die man sich da erzählt, wo man eigentlich keine guten Nachrichten zu erwarten hat. In der Nazizeit, da haben sich die, die das braune Regime verachteten, heimlich gegenseitig Hoffnung gemacht, indem sie sich von militärischen Problemen und Zeichen für eine Niederlage Hitlers erzählt haben. Das war gefährlich, aber trotzdem haben sie gehungert nach solchen Nachrichten, aus denen man ahnen konnte, dass es vielleicht nicht mehr lange dauern würde mit dem Regime. Doch lange Zeit entpuppten sich die Gerüchte immer wieder als Gerüchte, sie bestätigten sich nicht, denn Hitler fuhr einen Sieg nach dem anderen ein. Trotzdem verstummten die Gerüchte nicht. Und so falsch sie im Einzelnen waren, am Ende behielten sie Recht: das Regime hielt sich nur 12 lange Jahre lang, dann war es vorbei mit ihm.

Und wahrscheinlich hatten sich diese Gerüchte in Wirklichkeit auch gar nicht von Tatsachen genährt, sondern von einer Art Gefühl: das kann einfach nicht gut gehen mit diesem Regime. Wenn Machthaber solche schlimmen Sachen machen, dann ist das nicht stabil. Dann werden sie stolpern.

Und so ähnlich hatten zweieinhalb Jahrtausende zuvor die Menschen aus dem Volk Israel während des babylonischen Exils die Zuversicht: so kann es einfach nicht bleiben. Wir, das Volk Gottes, zerstreut und entmächtigt, eine kleine Minderheit im gewaltigen babylonischen Imperium – das kann nicht das letzte Wort sein! Irgendwie haben sie ein Gespür dafür entwickelt, dass es nicht zu ihrem Gott passt, wenn die Geschichte seines Volkes so zu Ende geht. Viele andere Götter sind gekommen und gegangen, und die Menschen haben sie wieder vergessen. Aber Israel hatte den Eindruck: zu unserem Gott passt das nicht, das kann einfach nicht sein, dass wir uns einfach im Völkergemisch Babylons verlieren und unser Gott mit uns vergeht.

Das war ungefähr in der Zeit um 550 vor Christus. Fast vierzig Jahre war es damals her, dass Jerusalem nach abenteuerlichen außenpolitischen Manövern von den Babyloniern belagert und erobert wurde. Es folgte eine Zeit der Gewalt und Zerstörung. Die Bevölkerung war der Willkür der Sieger ausgeliefert, die Stadt wurde verbrannt, die Verteidigungsanlagen gründlich unbrauchbar gemacht, und von denen, die am Ende noch übrig waren, wurden viele zusammen getrieben und in einem langen Marsch über Hunderte von Kilometern nach Babylon geschafft, vor allem die Oberschicht. Sie lebten dort nicht in Gefängnissen oder in Lagern, sondern in eigenen Ortschaften, sie konnten ihren eigenen Lebensstil beibehalten und weiterentwickeln, aber sie waren als Volk nicht handlungsfähig. Sie hatten keinen politischen Spielraum, ihre Geschichte ging sozusagen nicht weiter, sie hatten keinen Tempel, ihre Identität stand auf dem Spiel, sie drohten sich aufzulösen zwischen all den anderen, die auch dorthin verschleppt worden waren.

Und dennoch lebte in ihnen die Ahnung, dass es das noch nicht gewesen sein könnte, und dass es nicht zu all ihren bisherigen Erfahrungen mit ihrem Gott passen würde, wenn sie sich einfach auflösen würden wie so viele andere Völker. Und der Prophet war es, der dieser Ahnung Worte gab, der Bilder und Szenen beschrieb, die die Hoffnung der Verschleppten stärkten.

Es ist ja so: wenn Hoffnung in Bilder gefasst wird, dann wird sie stärker. Wenn Hoffnung nicht nur ein abstrakter Satz ist, sondern mit lebendigen Szenen aufgefüllt wird, dann erreicht sie das Herz gleich viel intensiver. Deshalb malt der Prophet dort in Babylon für seine Leute eine Szene aus: wie in Jerusalem die Nachricht eintrifft, dass sich alles zum Guten gewendet hat und das Volk Gottes zurückkehrt in sein Land, dass die Trümmer wieder aufgebaut werden und der Glanz Jerusalems von neuem erstrahlen wird. Und die ganze Welt schaut auf diese Stadt und staunt über den Gott Israels, der die Welt bewegt und sein Volk so behütet und geführt hat.

Um ehrlich zu sein, muss man sagen: so ist es bis heute nie gekommen. Sie sind ja tatsächlich zurückgekehrt in ihr Land, ein gutes Jahrzehnt später fing das an, weil die Perser Babylon eroberten, und die Perser waren am Anfang noch ein Volk, das die Freiheit schätzte. Der persische König Kyros erlaubte sofort allen verschleppten Völkern, in ihre Heimat zurückzukehren. Aber nur nach und nach, in mehreren Anläufen, kehrten sie nach Jerusalem zurück, und viele blieben auch endgültig in Babylon. Es war kein glanzvolles Happy-end, aber immerhin etwas, womit zur Zeit des Propheten niemand gerechnet hätte. Babylon erschien ihnen damals so stabil wie uns vor 25 Jahren noch der Ostblock. Mit so einem schnellen Ende hätte keiner gerechnet.

Im Rückblick ist das ein merkwürdiges Ergebnis: einerseits hat der Prophet erstaunlich schnell Recht behalten – und andererseits ist es doch nicht so gekommen, wie er es in seinen Hoffnungsbildern ausgemalt hat. Vergleichbar etwa den Erfahrungen der Hitlergegner: ja, Hitler ist zugrunde gegangen, sein Regime ist zerbrochen – aber das bedeutete nicht, dass sie nun das neue Deutschland aufbauen konnten, von dem sie geträumt hatten. Die alten Nazis saßen immer noch an vielen Schlüsselstellen, und an den übrigen Menschen waren diese Jahre auch nicht spurlos vorüber gegangen.

Es ist anscheinend so, dass in der Wirklichkeit ganz viel an verborgener Hoffnung versteckt ist, und Propheten sind Leute, die das wahrnehmen – aber diese Hoffnung, so real sie ist, kommt doch immer nur teilweise zur Geltung, es gibt immer noch einen Rest, einen Überschuss, der noch auf seine Realisierung wartet. Propheten sehen immer schon viel mehr als das, was jeweils jetzt dran ist und zur geschichtlichen Wirklichkeit wird.

Wenn Sie sich erinnern an das Lied der Maria, das wir vorhin in der Evangelienlesung gehört haben (Lukas 1,46-55), da redet Maria auch von einer Hoffnung, die sogar noch viel größer ist als das, was sich dann im Leben ihres Sohnes Jesus verwirklichte. Dass Gott die Mächtigen vom Thron stürzt und die Niedrigen erhebt, das hat sich im Leben Jesu zwar durchaus gezeigt, aber die Reichweite war noch ziemlich begrenzt. Aber Maria sagt: wenn Gott mir, einer ledigen jungen Frau, zutraut, die Mutter seines Sohnes zu werden, dann bedeutet das in der langen Perspektive, dass er überhaupt alle Machtverhältnisse auf der Erde umstürzt und eine neue Art von Macht etabliert, die so anders ist, dass sie aus unserer jetzigen Perspektive noch nicht einmal nach Macht aussieht.

Auch Maria redet in diesem Lied prophetisch – wie der Prophet in Babylon sieht sie nicht nur mehr, als jetzt schon real ist, sie sieht auch noch mehr als das, was sich demnächst verwirklichen wird. Das wird noch ein langer Weg werden, er dauert bis heute, und keiner weiß, was noch kommen wird. Es wird Rückschläge geben, die Mächte, die in dieser Welt regieren, lassen sich nicht so einfach ausbooten. In der letzten Woche haben wir auf die Offenbarung des Johannes gehört: da geht es genau darum, dass die Mächte und Gewalten in dieser Welt heftigen Widerstand leisten und die Erde zum Schlachtfeld wird, mit den entsprechenden Verwüstungen und Katastrophen.

Und trotzdem: Propheten machen die verborgene Seite der Welt sichtbar, sie geben der neuen Wirklichkeit eine Stimme, die überall in der Schöpfung versteckt ist: Einige Gruppen der Verschleppten kehren aus Babylon nach Jerusalem zurück – und der Prophet sieht in ihnen schon den glanzvollen Neubeginn. In Jerusalem machen sich Gerüchte breit, dass sich die politische Lage ändern könnte – und der Prophet sieht darin den Boten mit der entscheidenden Heilsbotschaft, nach dem die ganze Stadt Ausschau hält. Maria bekommt auf wunderbare Weise ein Kind – und sie sieht darin die Revolution aller Machtverhältnisse auf der Erde. Jesus heilt Kranke – und einige verständige Menschen sehen darin schon die neue Welt Gottes anbrechen, in der es kein Leid und keinen Schmerz mehr gibt.

So sind wir eingeladen, auch unter uns in kleinen Dingen schon das Große und Ganze zu sehen: wenn wir es hier unter uns schaffen, im Namen Jesu ein solidarisches und hilfreiches Beziehungsnetz zu kräftigen, einigermaßen neurosearm miteinander umzugehen und, wenn es wirklich ernst wird, auch miteinander zu teilen und zusammenzuhalten, dann kann man darin schon etwas von dem sehen, was eine solidarische Gesellschaft wäre, in der keiner den anderen mobbt, Einheimische und Ausländer angstfrei miteinander leben und niemand Sorge haben muss, in Armut oder Kümmerlichkeit abzurutschen. Im Kleinen den Keim des viel Größeren zu sehen – dafür sind prophetische Menschen da. Nicht nur in der Bibel, sondern auch unter uns.

Trolle und Orks jeder Art werden das nie begreifen, sie werden immer triumphierend darauf hinweisen, dass die Welt so geblieben sei wie immer und die Propheten sich getäuscht haben. Aber alle Veränderung und aller Fortschritt fängt damit an, dass jemand diese verborgen, versteckten Potentiale in der Welt sieht und so von ihnen spricht, dass nicht nur das Herz und die Fantasie der Menschen bewegt werden, sondern auch ihr Verstand und Wille. Und dann kommt das neue Jerusalem vom Himmel auf die Erde.

Denn diese verborgenen Potentiale in der Welt, die heißen in der Bibel: der »Himmel«. Oder auch: »Reich Gottes«. Im Vaterunser beten wir darum, dass sie kommen. Zu uns auf die Erde. Das ist ein langer Weg, der Arbeit und Gebet braucht. Es wird Rückschläge geben. Aber auf diesem Weg wird sich »enthüllen«, es wird »offenbar« werden, dass alle Dinge Anteil am Himmel haben, dass alles in sich göttliche Möglichkeiten trägt, dass nichts ausgeschlossen ist aus der Dimension der Verheißung. Dafür braucht es prophetische Menschen, die das sehen und aussprechen; es braucht ein prophetisches Volk, damit es dargestellt wird; es braucht uns, damit es Wirklichkeit wird.

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