Okt 202012
 

Predigt am 14. Oktober 2012

In diesem Gottesdienst wurde die Konfirmandengruppe zum Abendmahl zugelassen; vorausgegangen war im Gottesdienst ein Gespräch mit den Konfirmandinnen und Konfirmanden über das Thema. In der Predigt wurden mehrere dünne Seile zur Illustration verwandt.

Die Geschichte, die wir mit dem Abendmahl, mit Brot und Wein erzählen, die fängt schon lange vor Jesus an. Es ist eine Geschichte, die bis zur Schöpfung zurück reicht. Und im Laufe der Zeit ist diese Geschichte immer ausführlicher geworden, immer mehr Erinnerungen haben sich da gebündelt. Und deshalb möchte ich uns das Abendmahl heute vorstellen als ein Bündel von Seilen, als ein Geflecht von Bedeutungssträngen, das im Lauf der Zeit immer umfassender geworden ist.

Hier haben wir den ersten Bedeutungsstrang: das ist die Schöpfung. Gott hat uns beschenkt mit unserem Leben, mit der Welt und mit genügend Nahrung, von der wir leben können. Das ist die Grundlage von allem: es ist genug für alle da. Und das ist bis heute so geblieben. Auch wenn es inzwischen 8 Milliarden Menschen gibt: es ist genug da für alle. Niemand müsste hungern, wenn das Brot gut aufgeteilt würde. Nur weil die einen sich einen sehr großen Teil vom Brot nehmen, nur dadurch reicht es nicht für die anderen. Gott hat die Erde so geschaffen, dass auch 8 Milliarden satt werden können. Und es ist nicht nur genug da, um irgendwie zu überleben. Es ist auch Wein da, das Zeichen für die Freude und das Fest, das Zeichen für alles, was man nicht unbedingt braucht zum Überleben, aber ohne Freude wäre das Leben so arm, dass wir gar nicht wüssten, wieso wir eigentlich leben sollten. Brot und Wein stehen für alles, was wir zum Leben brauchen, für das Notwendige und für das Schöne, das den Glanz ins Leben bringt. Und als Jesus beim Abendmahl das Brot nahm, da dankte er zuerst Gott für diese Gaben.

Nun kommt ein zweiter Strang dazu: auf den Bäumen des Paradieses wuchs kein Brot. Und man konnte sicherlich Trauben pflücken, aber Wein gab es auch noch nicht. Erst mit der menschlichen Arbeit wurde aus dem Korn Brot und aus den Trauben Wein. Die Schöpfung ist so eingerichtet, dass Menschen da mitmachen können. Deshalb ist der zweite Strang die menschliche Mitwirkung an der Schöpfung Gottes. Gearbeitet haben die Menschen schon im Paradies, aber damals war Arbeit noch eine reine Freude, so wie es zum Glück bis heute Arbeit gibt, die einem Freude macht. Es ist schön, wenn man etwas fertig hat und sagen kann: das habe ich gemacht, und es ist schön geworden.

Aber viel zu oft wird heute aus Arbeit Plackerei, und bevor man etwas Schönes fertigstellt, muss man sich meistens zuerst durch ein Gestrüpp von Schwierigkeiten durchkämpfen: Dornen und Disteln; Computer, die nicht tun, was sie sollen; Vorschriften, durch die keiner mehr durchsteigt; Vorgesetzte, Kolleginnen und Kollegen, die einem das Leben schwer machen und Zeit und Aufmerksamkeit brauchen. Das Volk Israel hat es besonders schwer gehabt, als sie in die ägyptische Sklaverei gerieten.

Und deshalb ist der dritte Strang die Unterdrückung, die in die Welt hineingekommen ist: die einen leben auf Kosten der anderen. Das ist genau das Gegenteil von Gottes ursprünglichem Plan, dass die ganze Schöpfung miteinander das Leben feiern sollte. Jetzt stehen Menschen gegeneinander, machen sich gegenseitig klein, statt sich zu helfen, sehen die anderen als Feinde an: Männer gegen Frauen, Alte gegen Junge, Reiche gegen Arme, Gebildete gegen Dummköpfe, Inländer gegen Ausländer, Nationen, Rassen und Kulturen gegeneinander. Manchmal werden dadurch ganze Völker ausgelöscht – und als Israel in Ägypten Sklavenarbeit tun musste, da waren sie auf dem besten Weg dazu. Im Passafest wird das durch die bitteren Kräuter symbolisiert, die auf dem Tisch stehen zur Erinnerung an die bittere Zeit in der Sklaverei. Und heute sehen wir, dass darunter nicht nur die Menschen leiden, sondern die ganze Schöpfung ächzt unter der Unterdrückung und Vergewaltigung, die sie erleiden muss. Aber dabei blieb es nicht, sondern Gott griff ein, und das ist

der vierte Strang: Gott befreit. Gott holt Menschen heraus aus der Sklaverei. Gott stellt sich der Verkehrung seiner Schöpfung entgegen. Gott lässt nicht zu, dass sein Werk entstellt wird. Und ebenso, wie er seine Schöpfung darauf angelegt hat, dass wir mitmachen, so will er uns auch dabei haben, wenn es um die Befreiung der Schöpfung geht. Er teleportierte sie nicht einfach raus aus Ägypten, sondern er sandte Mose, um Israel aus der Sklaverei zu führen, und alle machten sich auf den mühsamen Weg durch die Wüste, und Gott sorgte dafür, dass sie alle miteinander zur Erinnerung das Passafest feierten, Jahrhundert um Jahrhundert, damit die Hoffnung auf den Befreiergott lebendig bleibt. Und da verbanden sich das Brot und der Wein mit der Erinnerung an die Befreiung. Und auch als die Jahre kamen, in denen das Volk unter neuer Unterdrückung litt, da hielten sie sich fest an dieser Erinnerung: Gott hat uns schon einmal geholfen, er wird es wieder tun.

Und tatsächlich, als die Not am größten war, kam Jesus, und das ist der fünfte Strang. Er zeigte einen neuen Weg der Befreiung. Denn inzwischen hatte sich die Welt verändert. Es gab keine freien Länder mehr, in die man fliehen konnte. Die ganze Welt ist heute aufgeteilt unter den Pharaos und Kaisern und Machthabern und Mächten. Man kann nicht mehr einfach weglaufen. Aber Jesus zeigte uns, wie wir auch im Angesicht der Mächte befreite Zonen schaffen können, in denen Menschen nicht andere dominieren und klein machen, sondern wo wir immer wieder neu unsere Würde erfahren. Jesus schuf eine Bewegung von Menschen, die gegen alle Zerstörung Gottes neue Menschheit verkörpert. Menschen, die nicht mitmachen in dem Spiel: wer ist der Größte, Stärkste und Tollste, und gerade so die Welt wirklich beeinflussen können.

Und er deutete das Brot und den Wein noch einmal neu: das Brot, sagte er, ist mein Leib, an dem ihr gesehen habt, wie ein freies Leben aussieht. Ein Leben, das nicht den Mächten der Zerstörung dient. Und auch wenn dieser Leib jetzt zerbrochen wird, mein Leben geht weiter. Und das Blut, sagt er, das ist meine Lebenskraft, mit der ich den Segen Gottes in ganzer Fülle zurückgebracht habe, und alles wurde gesund, was ich anrührte. Und auch wenn dieses Blut jetzt vergossen wird, es geht durch den Tod hindurch und wird der ganzen Welt Leben bringen.

Es gibt ein starkes, heilendes Leben auch mitten im feindlichen Land, mitten in der Unterdrückung, und dieses Leben ist stärker, weil Gott es bestätigt. Jesu Leben, sein Tod und seine Auferstehung werden im Abendmahl zusammengefasst, und die ganze Vorgeschichte gehört dazu. In jedem Abendmahl wird diese ganze Geschichte von der Schöpfung an wieder dargestellt, sie wird sozusagen in einer Szene aufgeführt, aber nicht so, dass Schauspieler sie vor Publikum spielen, sondern alle machen es miteinander, wir selbst sind beteiligt, wir sind keine Zuschauer, wir sind die Akteure. Und deshalb kommt jetzt noch

ein sechster Strang dazu. Und dieser Strang ist etwas dünner als die anderen, aber dafür ist er rot, weil er normalerweise das erste ist, was wir sehen: es ist unser eigenes Leben. Wir mit unserem Leben sollen da hineinkommen in diese lange Geschichte von der Schöpfung, von der Arbeit, von der Unterdrückung, von der Befreiung und von Jesus. Diese Stränge sind eigentlich ineinander verflochten – das konnte ich jetzt hier auf die Schnelle nicht tun – und nun soll auch unser Lebensstrang da hineingeflochten werden. Wir sollen auch einen Platz in dieser Geschichte bekommen, keine Zuschauerrolle, sondern wir sollen aktiv dabei sein. Und wenn wir im Abendmahl miteinander diese Geschichte aktualisieren, dann werden wir mit unserer Lebensgeschichte hineingezogen in die Geschichte Gottes, und auch unser Leben steht dann im Zeichen der Befreiung.

In jedem Menschenleben gibt es die Augenblicke, wo wir die Zerstörung in der Welt sehr deutlich spüren. Manchmal erleben wir es früher und manchmal später, wie etwas zerbricht, wie wir Dinge tun, die wir eigentlich nicht wollen, Menschen uns enttäuschen, auf die wir vertraut haben. Meistens können wir das nicht ungeschehen machen. Aber wir können diese Geschichten neu erzählen, wir können sie hineinstellen in die große Geschichte Gottes, und dann gibt es Hoffnung auch für die dunkelsten Situationen. Dann steht auch über unserem Leben die Verheißung der neuen Welt Gottes. Dann werden wir auch von dem Segensstrom erreicht, der durch Jesus neu zu fließen begonnen hat. Dann werden auch wir ein Akteur oder eine Akteurin in der Geschichte der Welt und nicht ein hilfloses Opfer, das nicht begreift, wie ihm geschieht, und das sich nicht wehren kann. Und weil wir es zusammen tun, deshalb entsteht dadurch eine Gemeinschaft, die auch nach außen die Freiheit von den Mächten ausstrahlt und sich nach innen auch ganz praktisch stützt.

Viele Stränge laufen zusammen im Abendmahl Jesu, viele Geschichten sind dort gebündelt, sie sind noch nicht zu Ende, sondern gehen weiter, und Jesus hat es so vorgesehen, dass einer von diesen Strängen die Geschichte unseres Lebens sein soll.

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