Sep 242012
 

Predigt zu Römer 11,1-12 am 23. September 2012
(Predigtreihe Römerbrief 32)

Als wir Anfang September zum letzten Mal auf den Römerbrief hörten, da klang es so, als ob Paulus für sein Volk, die Juden, keine Hoffnung mehr sehen würde. Gott hat seinen Willen in Jesus endgültig offen gelegt, er hat den neuen Weg gezeigt, auf den er schon immer hinaus wollte, aber seine eigenen Leute verschließen sich dagegen. Als Gottes Messias kommt, lehnt Gottes Volk ihn ab. Und Paulus endet mit einem Zitat des Propheten Jesaja, einem Wort Gottes, in dem schon ausgesprochen ist, was auch Paulus so sagen könnte: »den ganzen Tag habe ich meine Hände ausgestreckt nach dem Volk, das sich nichts sagen lässt und widerspricht.«

Und man könnte denken: damit ist alles gesagt, Israel hat sich von seiner eigenen Zukunft abgeschnitten, und Gott geht nun seinen Weg weiter mit den Christen. Und so haben es viele Christen auch immer wieder gedacht: wir sind auf dem richtigen Weg, Israel aber lebt nur noch weiter als ein warnendes Zeichen des Irrtums und des Versagens. Und als Christen später Macht in die Hand bekamen, ist ganz viel Gewalt und Unrecht gewachsen aus diesem Gedanken, dass Israel erledigt und ohne Zukunft sei. Am Ende hat Hitler versucht, das in die Praxis umzusetzen und das jüdische Volk tatsächlich zu vernichten.

Aber dieser Gedanke war von Anfang an falsch und nicht erst an seinem schrecklichen Ende. Genau diesen Gedanken, dass Israel endgültig verstoßen sei, verwirft Paulus mit den allerdeutlichsten Worten:

1 Ich frage also: Hat Gott sein Volk verstoßen? Keineswegs! Denn auch ich bin ein Israelit, ein Nachkomme Abrahams, aus dem Stamm Benjamin. 2 Gott hat sein Volk nicht verstoßen, das er einst erwählt hat. Oder wisst ihr nicht, was die Schrift von Elija berichtet? Elija führte Klage gegen Israel und sagte: 3 Herr, sie haben deine Propheten getötet und deine Altäre zerstört. Ich allein bin übrig geblieben, und nun trachten sie auch mir nach dem Leben. 4 Gott aber antwortete ihm: Ich habe siebentausend Männer für mich übrig gelassen, die ihr Knie nicht vor Baal gebeugt haben. 5 Ebenso gibt es auch in der gegenwärtigen Zeit einen Rest, der aus Gnade erwählt ist – 6 aus Gnade, nicht mehr aufgrund von Werken; sonst wäre die Gnade nicht mehr Gnade.
7 Das bedeutet: Was Israel erstrebt, hat nicht das ganze Volk, sondern nur der erwählte Rest erlangt; die übrigen wurden verstockt, 8 wie es in der Schrift heißt: Gott gab ihnen einen Geist der Betäubung, Augen, die nicht sehen, und Ohren, die nicht hören, bis zum heutigen Tag. 9 Und David sagt: Ihr Opfertisch werde für sie zur Schlinge und zur Falle, zur Ursache des Sturzes und der Bestrafung. 10 Ihre Augen sollen erblinden, sodass sie nichts mehr sehen; ihren Rücken beuge für immer!
11 Nun frage ich: Sind sie etwa gestrauchelt, damit sie zu Fall kommen? Keineswegs! Vielmehr kam durch ihr Versagen das Heil zu den Heiden, um sie selbst eifersüchtig zu machen. 12 Wenn aber schon durch ihr Versagen die Welt und durch ihr Verschulden die Heiden reich werden, dann wird das erst recht geschehen, wenn ganz Israel zum Glauben kommt.

Hat Gott sein Volk verstoßen? Als Paulus diese Frage stellte, ging es ihm um Israel. Aber nach einer langen christlichen Geschichte mit vielen Momenten des Versagens stellt sich uns heute genau dieselbe Frage: könnte es sein, dass Gott endgültig die Hoffnung verloren hat, dass aus seiner Christenheit noch etwas werden könnte, mindestens hier im reichen Westen? Hier, wo die Kirche so oft eng mit der staatlichen Macht zusammengearbeitet hat, wo die Kirche den kleinen Leuten Moral gepredigt hat, aber nicht den Mut hatte, dem Unrecht der Großen entschieden entgegenzutreten? Sieht Gott noch eine Perspektive für eine Kirche, die sich vor allem um ihr eigenes Überleben sorgt und so ausgewogene Worte von sich gibt, das niemand ihr wirklich böse sein kann?

Erst in dieser Zuspitzung bekommt die Frage von Paulus eine Bedeutung auch für uns heute: hat Gott sein Volk verstoßen?

Paulus antwortet darauf wieder mit einer Geschichte aus der Bibel, aus dem Alten Testament. Der große Prophet Elia war eines Tages am Ende, und Paulus hat sich vielleicht manchmal in dieser Geschichte wiedergefunden. Elia hatte einen entscheidenden Sieg über die Priester des heidnischen Gottes Baal errungen; der Baalsglaube war in Israel so gut wie erledigt. Aber es gab noch die heidnische Königin Isebel, und die ließ Elia ausrichten: »das wirst du mit deinem Leben bezahlen.« Die Mächte der Verwirrung und Zerstörung geben nicht so schnell auf.

Und diese Drohung war zu viel für Elia; sie war der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Er hatte alle seine Kraft in die Auseinandersetzung mit den Baalspriestern gesteckt; er hatte gewonnen; aber jetzt hatte er keine Reserven mehr, er hatte der Drohung der Königin nichts mehr entgegenzusetzen, er nahm sie ernster, als er es vielleicht hätte tun müssen. Kurz nach seinem großen Sieg gab er auf. Er zeigte alle Anzeichen einer schweren Depression. Er wandte sich an Gott und sagte: Ich kann nicht mehr. Es ist zu viel für mich. »Herr, sie haben deine Propheten getötet und deine Altäre zerstört. Ich allein bin übrig geblieben, und nun trachten sie auch mir nach dem Leben.«

»Ich bin allein«. Das hätte wohl auch Paulus sagen können. Er hat einen großen Sieg für Gottes Sache errungen: er hat das Evangelium zu den heidnischen Völkern der antiken Welt gebracht, zu den Griechen und sogar zu den unterdrückerischen Römern, er hat für Israel endlich Verbündete unter den Heiden gewonnen, jetzt sind sie nicht mehr allein in der Welt mit ihrem Wissen um den gerechten, befreienden Gott. Und was macht die Mehrheit seines Volkes? Sie behindern ihn, wo sie können, und haben ihm mehr als einmal nach dem Leben getrachtet. Auch Paulus könnte sich fragen: was hat das alles für einen Sinn, wenn Gott es noch nicht einmal schafft, sein eigenes Volk zu überzeugen?

Aber Paulus hat aus dieser Geschichte von Elia gelernt. Dazu werden solche Geschichten ja aufgeschrieben, damit man sich in Gottes Volk nicht immer wieder in die gleichen Sackgassen verrennt. Paulus hat die Antwort Gottes an Elia studiert und hat von ihr aus gedacht. Er hat sich davon sogar seine Emotionen formen lassen, und das bewahrt ihn vor der Depression. Die Antwort Gottes an den entmutigten Elia lautete: »Ich habe siebentausend Männer für mich übrig gelassen, die ihr Knie nicht vor Baal gebeugt haben.«

Gott sagt zu Elia, zu Paulus und zu jedem, der sich um Gottes Sache in der Welt Sorgen macht: konzentrier dich nicht auf all die, die auf dem falschen Weg sind, die Gott verraten haben oder gleichgültig daneben stehen. Gott schaut auf die, die den Mächten widerstehen, die sich nicht beugen vor den Gewalten, die sich in dieser Welt austoben. Gott schaut auf die siebentausend, die in aller Verwirrung klar und eindeutig bleiben. Und du solltest es auch tun.

Gerade wir mit unserer volkskirchlichen Tradition haben immer irgendwie das Gefühl, bei uns müssten doch alle dabei sein. Aber das ist eine ganz zerstörerische und lähmende Erwartung. Sie ist nicht nur unrealistisch, sondern auch unbiblisch. Diesseits des Himmels werden wir nie die 100 Prozent erreichen. Und wenn wir trotzdem heimlich auf die 100 Prozent schielen, werden wir immer nur Frustration ernten. Stattdessen sollten wir lieber mit Gott und Paulus froh darüber sein, dass da trotz allem überhaupt Menschen sind, die sich dem Druck der großen Mächte entziehen und es schaffen, frei zu bleiben.

Paulus sagt: das ist Gottes Gnade. Wer sich bei den 7000 findet, der denkt nicht: das habe ich toll hingekriegt! Sondern er fragt sich: womit habe ausgerechnet ich das verdient, dass ich klar bleibe, während so viele andere sich verrennen? Wieso hat Gott es ausgerechnet in meinem Leben so gefügt, dass ich seine Stimme höre und verstehe und ihr treu geblieben bin? Wenn ich zurückschaue – in manchen Wendungen meines Lebens hätte gar nicht viel gefehlt, und es wäre ganz anders gekommen. Ich habe das wirklich nicht so geplant, ich habe gar nicht die Übersicht dafür, sondern das war Gottes Gnade.

Und so sagt Paulus: Ich bin doch auch einer aus dem Volk Israel. Und durch Gottes Gnade bin ich und sind auch eine Menge anderer Juden den Weg Jesu mitgegangen, wenn auch nicht die Mehrheit. Und so lange Gott mit seiner Gnade so unter seinem Volk arbeitet, so lange hat er es nicht aufgegeben. Eigentlich war es schon immer so, dass auch in Gottes real existierendem Volk nur eine Minderheit wirklich an ihm festgehalten hat. Aber das hat Gott genügt. Er hat auch mit dieser Minderheit die Welt bewegt. Die Mehrheit sogar im Gottesvolk war blind und stur und unbelehrbar. Und Paulus zitiert zum soundsovielten Mal das Alte Testament, wo sich genügend Klagen über Verblendung und Ignoranz im Volk Gottes finden. Es war schon immer nur eine Minderheit, ein »Rest«, der Gott treu war, und so ist es geblieben.

Das ist nun einerseits beruhigend, wenn man sich klar macht, dass es früher auch nicht besser war als heute. Auf der andern Seite stellt sich dann aber die Frage: wenn es schon immer so war – was ist der Sinn dabei? Gott hat die ganze Menschheit im Blick, das sagt auch die Bibel – warum scheint er aber immer nur mit einer Minderheit zu arbeiten? Diese Frage ist noch offen. Und deswegen ist Paulus mit seiner Antwort auch noch nicht zu Ende.

Gott, so sieht es Paulus, denkt um die Ecke herum. Er ist wie ein Schachspieler, der nicht nur seine eigenen Züge weit im Voraus denkt, sondern auch die künftigen Spielzüge seines Gegners mit einrechnet. Oder man könnte auch sagen: Gott macht es wie beim Judo, wo es darum geht, die Energie des Angreifers umzulenken und zu nutzen. Gott arbeitet zwar am besten mit klaren, gerechten Menschen zusammen, aber er kann auch die destruktive Energie der Menschen für seine Ziele nutzen, ihren Streit, ihre Eifersucht und ihre Blindheit zum Beispiel.

Indem Gott die Menschheit aufspaltet in sein Volk und die Heidenvölker, und dann noch einmal auch in sein Volk eine Trennung bringt zwischen der verstockten Mehrheit und dem Rest, bringt er eine ungeheure Dynamik in die Weltgeschichte. Die Schutzmauer, mit der sich die Welt gegen Gott abschottet, wird von innen heraus erschüttert und bekommt Risse. Und da wirken nicht nur edle Beweggründe, sondern auch ganz fragwürdige Motive wie Neid und Hass.

Wir brauchen uns nur mal daran erinnern, wie es nach dem Tod und der Auferstehung Jesu in Jerusalem weiterging: die ersten Christen waren eigentlich ganz beliebt, die Gemeinde wuchs, alle waren zufrieden. Aber dann kamen ein paar Scharfmacher und sagten: was die machen, das geht doch nicht. Das ist Gotteslästerung! Paulus selbst gehörte damals zu den Scharfmachern, die aus Hass und Neid heraus die friedliche Jesusgemeinde verfolgten. Und was war das Ergebnis? Die Jesusleute mussten ins Ausland fliehen, aber damit brachten sie das Evangelium über die Grenzen Israels hinaus zu den Heiden. In diesem Fall hat die Feuerwehr dazu beigetragen, dass der Brand erst richtig losging. Ohne Scharfmacher wie den jungen Paulus wären die Christen in Jerusalem geblieben und hätten sich gefreut, was für eine schöne Gemeinde sie hatten. Aber Gott hat ihnen durch die Verfolgung einen Tritt gegeben, damit sie sich bewegen und ihren Auftrag entdecken. Und am Ende hat er sogar noch Paulus umgedreht, ihm die Augen für Jesus geöffnet und ausgerechnet durch ihn mehr Nichtjuden erreicht als durch alle anderen.

Das ist der Erfahrungshintergrund, von dem her Paulus über den Weg Gottes mit der Welt und mit seinem Volk nachdenkt. Wenn Gott schon mit einem ungehorsamen und widerspenstigen Volk so viel erreichen kann, was wird er dann noch alles erreichen können, wenn sein Volk einmal anfängt, als Ganzes auf ihn zu hören?

Und Paulus hofft: wenn Israel erst realisiert, dass es jetzt überall unter den Feinden Israels Anhänger von Israels Gott gibt, wenn sogar bei den unterdrückerischen Nationen Gemeinden leben, die alle Formen von Gewalt zurückweisen, dann wird Israel eines Tages gar nicht mehr anders können, als zu erkennen, dass hier Gott am Werk ist und sein altes Versprechen wahr macht, dass er nämlich die ganze Welt durch Abraham und sein Volk segnen will.

Das ist der Grund, weshalb Paulus Hoffnung hat für Israel und dann sicher auch für eine Christenheit, die immer wieder davor zurückgewichen ist, den zerstörerischen Mächten zu widerstehen: so lange Gott in seiner Gnade dafür sorgt, dass es da noch einen klaren Rest gibt, eine mutige und zuversichtliche Minderheit, so lange hat Gott die Hoffnung noch nicht aufgegeben. Und dann sollten wir es auch nicht tun. Der Weg ist wahrscheinlich viel länger, als Paulus damals gedacht hat, aber die Logik dahinter bleibt:

Gott kann sein Ziel auch durch menschliche Irrungen und Wirrungen hindurch verfolgen, wenn es nur genug Menschen gibt, die er in seiner Gnade auf seiner Seite festhält.

  Eine Antwort zu “Gott genügt auch eine Minderheit”

  1. Die gleiche Prophezeiung finden wir auch in Offb 3,9. Jetzt sind wir Christen die wahren Juden (Gal 6,16); die Juden sind nicht mehr Kinder Abrahams (Joh 8,39; Röm 4,11). Die bekehrtes Juden sind nicht mehr des Fleisches wegen Volk GOTTES, sondern des GEISTES.

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