Aug 282012
 

Predigt zu Markus 8,22-26 am 26. August 2012

22 Und sie kamen nach Betsaida. Und sie brachten zu ihm einen Blinden und baten ihn, dass er ihn anrühre. 23 Und er nahm den Blinden bei der Hand und führte ihn hinaus vor das Dorf, tat Speichel auf seine Augen, legte seine Hände auf ihn und fragte ihn: Siehst du etwas? 24 Und er sah auf und sprach: Ich sehe die Menschen, als sähe ich Bäume umhergehen. 25 Danach legte er abermals die Hände auf seine Augen. Da sah er deutlich und wurde wieder zurechtgebracht, sodass er alles scharf sehen konnte. 26 Und er schickte ihn heim und sprach: Geh nicht hinein in das Dorf!

Das ist schon eine ganz spezielle Art, wie Jesus hier dafür sorgt, dass der blinde Mann wieder sehen kann. Als erstes holt er ihn weg von den ganzen anderen Leuten. Man muss sich das vorstellen, dass ein ganzer Haufen den Blinden angeschleppt hat – der Mann kann sich ja nicht wehren, wenn sie ihn holen und irgendwohin bringen. Der weiß vielleicht gar nicht, wie ihm geschieht. Dafür wissen die Leute um so besser, was jetzt passieren soll: Jesus soll ihn berühren, und dann kann er wieder sehen, und sie haben etwas zu erzählen. Es wird gar nicht klar, wer das eigentlich ist, der den Blinden anbringt – es sind Menschen ohne Gesicht, ohne Namen, einfach ein Haufen Leute.

Aber Jesus macht es anders, als die es sich vorgestellt haben. Er nimmt den Mann an der Hand und bringt ihn raus aus dem Dorf, wahrscheinlich sind nur noch die Jünger dabei, und dann kann er sich richtig auf diesen Menschen einstellen. Natürlich hätte er ihn auch heilen können, indem er ihn nur kurz anrührt. Aber dann wäre er wie ein Arzt, der sich Laborwerte anschaut, ein Rezept ausschreibt und mit dem Kranken selbst eigentlich gar nichts zu tun hat.

Stattdessen wendet Jesus sich dem Kranken zu und sorgt dafür, dass eine Begegnung zwischen den beiden geschieht. Dass er ihm etwas von seinem Speichel auf die Augen tut, ist aus unserer heutigen Sicht merkwürdig – wir sind es eher gewohnt, dass man körperlich mehr Distanz hält, obwohl sich das ja vielleicht auch wieder ändert.

Aber in Wirklichkeit heißt das: die beiden kommen ganz eng zusammen, das ist nicht nur eine Behandlung, sondern da muss etwas von Jesus selbst zu dem anderen hinkommen. Und Jesus fragt ihn: wie geht es dir jetzt? Was kannst du sehen? Und der Mann sagt: ja, es ist besser, aber die Menschen sehen aus wie wandelnde Bäume. Irgendwie ist das Bild verzerrt, das Seitenverhältnis stimmt nicht. Und Jesus bessert nach, legt noch einmal die Hände auf, und dann ist es richtig.

Auch da denke ich wieder: natürlich hätte Jesus das auch gleich richtig hingekriegt, aber er wollte, dass der Mann selbst beteiligt ist, dass nicht bloß irgendetwas an ihm gemacht wird. Man könnte sagen: Jesus benutzt diese ganze Prozedur, um mit dem Mann ins Gespräch zu kommen, er sorgt dafür, dass der in Beziehung zu ihm kommen kann. Und diese Beziehung zu Jesus ist der Raum, in dem der Blinde zu sich selbst findet. Er ist nicht mehr einer, der von anderen irgendwo hin gestoßen wird, sondern er wird gefragt und kann sagen, was mit ihm los ist. Das scheint Jesus mindestens so wichtig zu sein wie die Heilung selber.

Und am Ende sagt er ihm noch einmal: geh nicht in das Dorf zurück! Anscheinend ist das dort keine gute Umgebung für ihn. Anscheinend hat man dort nicht die Chance, als Person wahrgenommen zu werden und da geht keiner so sorgfältig mit einem um.

Wir kennen das doch auch, dass in einer aufgeregten Menge der individuelle Mensch untergeht. Da ist gar kein Raum dafür, dass einer wirklich wahrgenommen wird oder dass er lernt, auf sich selbst zu achten. Da sind die Bedingungen ganz ungünstig dafür, dass man einen Schritt zurücktritt, die Drehzahl herunter schaltet und sich fragt: was mache ich hier eigentlich? Worum geht es eigentlich? Was macht das Ganze mit mir? Will ich das wirklich?

Oder wenn man an die Leute von Betsaida denkt: wenn die zur Besinnung gekommen wären, dann hätte sich vielleicht der eine oder andere gefragt: was tun wir da eigentlich, wenn wir diesen Blinden da irgendwo hinschubsen? Geht es mir jetzt darum, dass dem Blinden geholfen wird, liegt mir wirklich an dem Menschen, oder will ich nur eine Sensation miterleben?

Gott – und Jesus ist ja hier sozusagen die sichtbare, greifbare Seite Gottes – Gott arbeitet daran, dass wir lernen, zu stoppen und zu uns selbst zurückzufinden. Nicht irgendwo dort draußen zu sein, bei den Leuten, bei der vielen Arbeit, die auf mich wartet, bei der Familie, die ihre Erwartungen an mich und ihre Regeln hat, oder bei denen, die hoffentlich meine nächste Bemerkung lustig finden werden, sondern einfach bei mir. Gott will uns zu uns selbst zurückholen, weil er uns dort begegnen will. Es ist, als ob er sagt: wie soll ich denn zu dir kommen und dich heilen, wenn du nie zu Hause bist? Es gibt viele Menschen, die das ganz selten erleben: bei sich selbst zu Hause zu sein, ruhig zu werden, nicht von anderen mitgerissen oder auch herumgestoßen zu werden.

Deswegen haben alle geistlichen Übungen immer mit Entschleunigung zu tun, mit Unterbrechung, mit Alleinsein. Beten, meditieren, über einem Bibelwort nachsinnen und vieles andere, das sorgt immer dafür, dass ein Mensch innehält, das er rauskommt aus dem Hamsterrad und in dem ganzen Lärm, der unsere Welt erfüllt, auf die Stimme Gottes achtet und mit ihm ins Gespräch kommt. So wie Jesus in der Geschichte dafür sorgt, dass der Blinde an einem ruhigen Platz in eine Beziehung zu ihm kommt und wieder selbst die Leitung seines Lebens übernehmen kann.

Wer wir sind und was wir sind, das hat immer ganz stark damit zu tun, auf wen wir konzentriert sind und auf wen wir hören. Es ist eher die Regel als die Ausnahme, dass wir irgendwie an eine größere Einheit angeschlossen sind und ihre Bewegung mitmachen, und dass unser Denkrahmen und unsere Stimmung von außen zu uns gekommen sind, ohne dass wir es wirklich merken. Das Christentum bringt es mit sich, dass Menschen sich selbst entdecken, weil sie in eine Beziehung zu Gott kommen, und in der ist dann Raum dafür, sich selbst zu entdecken. Das Modell dafür ist Jesus in dieser Geschichte, wie er mit seiner Frage »Was siehst du?« dem Blinden einen Raum schafft, in dem er sein Leben zurückgewinnen kann. Wir sind anders, wenn wir mit anderen zusammen sind, und wir sind noch einmal ganz anders, wenn wir mit Gott zusammen sind und unter seinem Einfluss stehen.

Und wenn man nun diese Geschichte im Zusammenhang des ganzen Evangeliums liest, dann merkt man, wie Jesus da schon die ganze Zeit seine Jünger immer wieder wegholt von den anderen Menschen und mit ihnen z.B. viel im Boot auf dem See Genezareth herum fährt. Da sind sie allein und können in Ruhe miteinander reden. Oder er macht mit ihnen lange Wanderungen: ins Ausland, wo ihn keiner kennt, oder in die Wüste, wo es einsam ist. D.h., er macht mit den Jüngern dasselbe, was er in Betsaida mit dem Blinden macht: er nimmt sie beiseite, er holt sie raus aus den ganzen gesellschaftlichen und familiären und kulturellen Einflüssen, unter denen sie sonst stehen und arbeitet an ihnen. Sie werden Zeuge, wie er in der Wüste vielen Menschen zu essen gibt, und er fordert sie heraus, darüber nachzudenken. Es ist, als ob er ihnen sagt: schaut zweimal hin, seht die Dinge nicht nur, sondern versteht sie. Erkennt sie in ihrer wahren Bedeutung. Auch das spiegelt sich in der Geschichte von dem Blinden, der die Welt erst beim zweiten Mal angemessen sieht.

Vielleicht kennen Sie die Geschichte vom Naturforscher Newton, der angeblich einen Apfel vom Baum fallen sah und sich fragte: warum fällt der eigentlich nach unten? Und schließlich entdeckte er die Gesetze der Schwerkraft und warum die Planeten sich auf ihren Bahnen bewegen. Viele, viele Menschen haben schon Äpfel von Bäumen fallen sehen, ohne sich etwas dabei zu denken. Aber Newton hat zweimal hingesehen, er hat gefragt, was da eigentlich hintersteckte, was das Geheimnis des Apfels war, und deswegen können wir heute kleine Autochen zum Mars schießen und dort spazieren fahren lassen.

So versucht auch Jesus seine Jünger dazu zu bewegen, dass sie hinter die Dinge gucken, ein zweites Mal hinschauen, nicht einfach nur sagen: so ist das eben. Alle Dinge haben eine verborgene zweite Seite: Äpfel, blinde Menschen, die ganze Welt. Und so entdecken die Jünger schließlich auch das Geheimnis hinter Jesus: das ist nicht nur ein großer Lehrer und Wundertäter, sondern in ihm kommt Gott in die Welt, um endlich den Lauf der Welt zum Guten zu wenden und sie zurückzuholen in die Gemeinschaft mit Gott, der sie geschaffen und gewollt hat.

Als Markus sein Evangelium schrieb, hat er die Geschichte von dem Blinden in Betsaida extra in diesen Zusammenhang gesetzt, als Hinweis darauf, worum es bei Jesus geht: die Welt hat eine verborgene zweite Seite, und wir sollen lernen, die zu sehen. Die entscheidende Geschichte der Welt ist verborgen: wie Gott mitten unter uns schon seine neue Welt baut. Auch so etwas Sensationelles wie die wunderbare Heilung eines blinden Mannes ist vor allem ein Hinweis auf dieses viel Größere.

Denn im Hintergrund arbeitet Gott daran, dass Menschen überhaupt nicht mehr von irgendwelchen Mächten beherrscht sind – nicht von den Kapitalmärkten, nicht von ihren Familienneurosen, nicht von der Sucht nach billigen Freuden aller Art, überhaupt von keinen zerstörerischen Einflüssen mehr. Gott sendet Jesus, damit wir wie der blinde Mann und die Jünger in ein Gegenüber zu ihm kommen und so ein Raum der Freiheit entsteht.

Gott schafft an vielen Stellen solche befreiten Zonen, in denen sein Segen möglichst ungehindert strömen kann. Und wir sollen verstehen, dass das die verborgene Geschichte dieser Welt ist. Man muss zweimal hinsehen, um sie wahrzunehmen, sie versteckt sich meistens in den Nischen der Weltgeschichte, aber es ist die entscheidende Geschichte, und manchmal wird es auch für einen Augenblick ganz deutlich, wie weit Gott schon gekommen ist. Manchmal wird es an einer Stelle sichtbar, dass Gottes Heilung der Welt schon jetzt ganz viel Rettendes bewirkt – wie bei dem Blinden von Betsaida. Und wir sollen Augen dafür haben und diese verborgenen Lebensquellen suchen und auf dieser Grundlage leben.

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