Jul 312012
 

Predigt zu Römer 9,1-9 am 29. Juli 2012 (Predigtreihe Römerbrief 28)

Als wir das letzte Mal auf den Römerbrief gehört haben, da waren wir am Höhepunkt der ganzen bisherigen Argumentation angekommen. »Was sollte uns von der Liebe Gottes trennen können?« hat Paulus gefragt. Das war die feste Überzeugung eines Mannes, der die Kerker des römischen Imperiums von innen kannte: die Liebe Gottes in Jesus Christus entfaltet sich gerade in den dunklen Zonen der Welt. Die Liebe Gottes überwindet alle Widerstände. Und er endet mit einem triumphierenden Schlussakkord: die Liebe Gottes ist stärker als alle Dunkelheiten. Man könnte denken: jetzt ist der Brief eigentlich am Ziel und sollte mit einem kräftigen »Amen« enden. Stattdessen geht er noch acht weitere Kapitel weiter.Und nicht nur das, sondern er schlägt jetzt auf einmal deutlich gedämpftere Töne an. Es ist, als ob das alles nur die Vorarbeit war, und jetzt ist Paulus bereit, sich einem Thema zu stellen, das er bisher nur andeutungsweise berührt hat. Und dieses Thema ist die Frage: was ist mit Israel? Warum hat Gottes Liebe, warum hat Jesus es nicht geschafft, Israel mitzunehmen auf diesen neuen Weg, den er eröffnet hat? Warum ist nur ein Teil des jüdischen Volkes diesen Weg mitgegangen? Vielleicht klingt das so, als ob es mit uns wenig zu tun hat. Aber wenn wir es etwas allgemeiner fassen, wird es zu einem Thema, das einem wirklich schlaflose Nächte bereiten kann: Gottes Probleme mit seinem Bodenpersonal. Gott verfolgt seine Ziele mit fehlbaren Menschen. Und wenn einer mit Gott Probleme hat, dann hat er die meistens nicht wegen Gott selbst, sondern mit dem Bodenpersonal. Und nach der triumphierenden Gipfelhöhe des achten Kapitels widmet sich Paulus jetzt ganz schnell wieder den Mühen der Ebene:

1 Ich sage in Christus die Wahrheit und lüge nicht und mein Gewissen bezeugt es mir im Heiligen Geist: 2 Ich bin voll Trauer, unablässig leidet mein Herz. 3 Ja, ich möchte selber verflucht und von Christus getrennt sein um meiner Brüder willen, die der Abstammung nach mit mir verbunden sind. 4 Sie sind Israeliten; damit haben sie die Sohnschaft, die Herrlichkeit, die Bundesordnungen, ihnen ist das Gesetz gegeben, der Gottesdienst und die Verheißungen, 5 sie haben die Väter und dem Fleisch nach entstammt ihnen der Christus, der über allem als Gott steht, er ist gepriesen in Ewigkeit. Amen.
6 Es ist aber keineswegs so, dass Gottes Wort hinfällig geworden ist. Denn nicht alle, die aus Israel stammen, sind Israel; 7 auch sind nicht alle, weil sie Nachkommen Abrahams sind, deshalb schon seine Kinder, sondern es heißt: Nur die Nachkommen Isaaks werden deine Nachkommen heißen. 8 Das bedeutet: Nicht die Kinder des Fleisches sind Kinder Gottes, sondern die Kinder der Verheißung werden als Nachkommen anerkannt; 9 denn es ist eine Verheißung, wenn gesagt wird: In einem Jahr werde ich wiederkommen, dann wird Sara einen Sohn haben.

Wenn wir traurig sind, wenn es etwas gibt, was uns bedrückt und uns weh tut, dann ist es doch manchmal so, dass wir unserer Lage erst wirklich ins Gesicht sehen können, wenn wir an anderer Stelle eine gewisse Sicherheit gewonnen haben. Wer z.B. ein Unglück oder eine Katastrophe miterlebt hat, der realisiert unter Umständen erst viel später, was er verloren hat, später, wenn er in Sicherheit ist, wenn die akute Bedrohung vorbei ist, wenn alles getan ist, was zu tun war und die äußere Lage wieder stabil ist. Und sich wirklich dem Verlust stellen, sich der Traurigkeit stellen, das geht oft erst, wenn unsere Seele wieder so viele Reserven gewonnen hat, dass sie das Gefühl hat: jetzt kann ich mich da ran trauen. Jetzt bin ich stark genug.

Und so ist Paulus mit uns einen langen Weg durch acht Kapitel gegangen, bis er sich und uns so weit hat, dass wir uns dem Thema »Israel« stellen können. Denn das raubt ihm nachts nicht selten den Schlaf. Paulus ahnte damals noch gar nicht, dass das Verhältnis zwischen Christen und Juden viele Jahrhunderte und Jahrtausende lang ein kompliziertes und belastetes sein würde, dass es da noch unendlich viel Feindschaft und Gewalt geben würde. Trotzdem beklagt er mit stärksten Worten, dass Israel als ganzes Volk den neuen Weg Gottes offenbar nicht mitgeht, sondern nur Einzelne wie er selbst. Und er bekräftigt das mit einem massiven Schwur, er sagt: ich meine es ernst, ich rede das im Angesicht Gottes – ich würde meine eigene Verbindung zum Messias Jesus opfern, wenn ich damit mein Volk auf den Weg des Messias bringen könnte. Ganz ähnlich wie Jesus selbst, der auf Jerusalem schaut und weint und sagt: warum erkennst du den Weg des Friedens nicht? – wir haben es vorhin in der Lesung (Lukas 19,41-42) gehört.

Wenn man das schwierige Verhältnis zwischen Juden und Christen irgendwie zu einem guten Ende bringen will, dann muss man auf Vorwürfe und Rechthaberei verzichten; so eine verfahrenen Kiste kann man nur im Geist von Liebe, Trauer und Solidarität irgendwie wieder heil bekommen.

Und Jesus und Paulus reagieren beide genau so, nämlich mit allen Zeichen ehrlicher Trauer. Paulus schaut hier noch einmal zurück auf den langen Weg, den Gott mit Israel gegangen ist: von den Erzvätern an, als Gott Abraham und seine Familie herausrief auf einen anderen Weg, heraus aus Babylon, als er mit ihm einen Bund schloss und ihn zum Stammvater eines neuen Volkes machte, über die Befreiung seiner Nachkommen aus der ägyptischen Sklaverei, als er ihnen am Sinai das Gesetz gab als die Lebensordnung eines freien Volkes, wo es keine Sklaverei mehr gibt und keine Ungleichheit, bis hin zum Leben im Land Israel mit dem Tempel in der Mitte, wo Gottes Herrlichkeit präsent war. Und schließlich die Verheißung eines neuen Himmels und einer neuen Erde, die Verheißung, dass diese Welt nicht auf ewig eine Beute für Sklavenhalter und Machthaber sein wird. Und jetzt noch der Messias, Jesus, der alles mitbrachte, damit diese Verheißungen Gottes endlich Wirklichkeit werden: soll das alles vergeblich sein?

Gott hat über Jahrhunderte und Jahrtausende Israel als Alternative aufgebaut, als Alternative zur Welt der Unterdrückung und Gewalt – sollte diese Alternative jetzt, wo sie endlich ans Ziel gekommen und voll erkennbar ist, doch noch scheitern? Hat Gott seine ganze Mühe fehlinvestiert? War sein Weg mit Israel verlorene Liebesmüh? Dieser lange Weg, auf dem Gott mit seinem Wort sein Volk geformt hat – war das eine Sackgasse? Das sind die Fragen, mit denen sich Paulus herum schlägt. Das eigentliche Problem ist nicht Gott, sondern sein Bodenpersonal.

Vielleicht würden manche sagen: Die Welt ist eben chaotisch, da kommt auch Gott nicht gegen an, vielleicht ist er ja auch irgendwie ein Chaot oder probiert heute dies aus und morgen jenes. Wenn es aber so wäre, dann gäbe es wirklich keine Stabilität, dann würde das Gesetz des Dschungels herrschen, die Stärksten setzen sich durch, und wir sollten uns möglichst schnell gut stellen mit denen, die die meiste Macht haben.

Aber das ist genau die Möglichkeit, die den Juden wie den Christen nicht offen steht. Zum Kern unseres Glaubens gehört die Überzeugung, dass Gott nicht rumchaotisiert, sondern dass er gegen alle menschliche Verwirrung seine Welt doch zu einem guten Ziel hinsteuert. Dass er auch vor dem Unrecht und dem Chaos, das wir immer wieder anrichten, nicht kapituliert, und dass es richtig ist, darauf zu vertrauen. Dass es richtig ist, nicht mit den Wölfen zu heulen.

Und deshalb schaut sich Paulus die alten Geschichten noch einmal neu an: wie ein Detektiv, der die verstaubten Akten eines ungelösten Falles aus dem Keller holt und ihn noch einmal aufrollt, aber diesmal mit den neuesten Mitteln der Kriminaltechnik. In diesem Fall schaut Paulus mit den Erkenntnissen von Römer 8 zurück auf die Geschichte Israels, er benutzt sozusagen als Brille die Entdeckung der unbesiegbaren Liebe Gottes.

Und was entdeckt er da? Gott hat schon immer nur mit einem Teil gearbeitet: Er hat Abraham als einen Teil der ganzen Menschheit berufen, und er hat dann auch nur mit einem Teil der Nachkommen Abrahams weitergemacht. Gott will allen helfen, aber er tut das immer durch wenige, durch eine Minderheit.

Es gab da ja diese Geschichte, wo Abraham und seine Frau Sara den Mut verloren und nicht mehr glaubten, dass es sich lohnen würde, auf den verheißenen Sohn zu warten. Stattdessen gab Sara ihrem Mann die Sklavin Hagar, damit die sozusagen als Leihmutter ein Kind für sie zur Welt bringen sollte. Und so wurde Abrahams erster Sohn Ismael geboren. Aber der war im Grunde ein Zeichen des Unglaubens, zu dem kam es, weil Abraham und Sara dachten, sie müssten Gott mit Trick 17 auf die Sprünge helfen. Aber Gott sagte: das ist nicht der Sohn, den ich euch versprochen habe. Ich habe euch beiden einen richtigen Sohn versprochen, und dieses Versprechen halte ich. Und schließlich wurde wirklich Isaak geboren, als echtes Kind von Abraham und Sara. Und die Geschichte des Volkes Gottes läuft dann über Isaak, den Sohn der Verheißung, und nicht über den Sohn von Trick 17.

Und wenn Paulus sich so die Geschichte des Volkes Gottes mit neuen Augen anschaut, dann entdeckt er: das war ja eigentlich immer so, dass Gott seinen Weg nur mit einem kleinen Teil seines Volkes gegangen ist. Immer wieder stößt man da drauf: Als Mose oben auf dem Berg Sinai von Gott die Gesetzestafeln bekam, was machten da die anderen? Sie tanzten um das Goldene Kalb. Als Israel unter den Königen reich und mächtig wurde und sich Götzen im Tempel Gottes aufstellte, wo war da die Gottes Wahrheit? Bei den verfolgten Propheten. Und Jesus mit seinen Jüngern blieb ebenfalls eine Minderheit.

Und wenn wir aus unserer Perspektive in die Geschichte der Kirche schauen, da gab es auch immer wieder eine mächtige Staatskirche, die prunkvolle Kirchen und Paläste baute, aber Gottes Geist lebte bei kleinen Gruppen, die oft genug missachtet oder verfolgt wurden. Es scheint so zu sein: immer wenn irgendwer sich auf die Fahnen schreibt »wir sind die real existierende Kirche und niemand sonst«, »wir sind die offizielle Agentur des Himmels auf Erden«, dass Gott dann irgendwo in einem verborgenen Winkel mit ein paar unbedeutenden Leuten neu anfängt: mit Franz von Assisi und Martin Luther, mit Ludwig von Zinzendorf oder Martin Luther King, mit Menschen, die von den etablierten Kircheninstitutionen mindestens mit großer Skepsis betrachtet werden.

Im Nachdenken über Gottes Handschrift in der Welt entdeckt Paulus also etwas ganz Wichtiges: es ist überhaupt nichts Beunruhigendes daran, in der Minderheit zu sein. Im Gegenteil, da ist man in guter Gesellschaft: mit den Propheten Israels, mit Jesus und den Aposteln und mit vielen anderen guten Christen, denen der Geist Gottes wichtiger war als eine mächtige Kirchenorganisation. Der jüdische Philosoph Ernst Bloch hat das mal so ausgedrückt, dass er sagte: das Beste an der Religion ist, dass sie Ketzer hervorbringt.

Es gibt natürlich auch die Minderheit der Spinner und Fanatiker, und bei denen ist man in keiner guten Gesellschaft. Minderheit zu sein ist noch kein Beweis für die Wahrheit. Aber erst recht gilt: bloß weil irgendwo draufsteht »wir sind die wahre, real existierende Kirche« oder »wir sind das echte real existierende Israel«, deswegen muss das noch lange nicht stimmen. Es kommt nicht auf das Etikett auf der Schublade an, sondern auf den Geist, der darin herrscht. Leider passiert es oft genug, dass Menschen einer unglaubwürdigen Kirche begegnen, die an der Seite der Mächtigen steht, Verbrechen deckt oder Gewalt gutheißt, und dann sind sie enttäuscht, sie kommen nicht zurecht damit, dass sie anscheinend einem falschen Etikett geglaubt haben, dass ihr Vertrauen missbraucht worden ist, und dann glauben sie am Ende gar nichts mehr.

Da ist es gut, von Paulus diese Unterscheidung zu lernen: nicht alle, die offiziell dazugehören, sind auch echte Mitglieder der Familie. Nur was aus der Verheißung Gottes geboren ist, das gehört in Gottes Augen zu seinem Volk. Nur was durch Gottes Geist ins Leben gerufen ist, das spiegelt ihn wirklich wider. Es reicht nicht, auf das Etikett zu schauen, wir müssen schon unsere ganze Urteilskraft bemühen. Und selbst dann können wir noch auf die Falschen reinfallen. Menschen ersetzen Gottes Geist oft durch viel Wirbel, durch Mätzchen oder durch Geld und Macht. Da kann nichts bei herauskommen, und wir sollten uns darüber wirklich nicht wundern.

Das ist aber nur die erste vorläufige Antwort, die Paulus auf die Frage nach dem real existierenden Israel gibt. Weitere werden folgen.

  Eine Antwort zu “Schlaflos wegen Gottes Bodenpersonal”

  1. Und sehet: ich habe diese Welt überwunden.

    Denn MEIN REICH IST NICHT VON DIESER WELT.

    Der HIMMEL steht offen, aber seine Botschaften werden leider nicht gehört, das ist schade und traurig. Sie werden zerstört, totgeschwiegen, belächelt.

    Herr, vergibt ihnen, denn sie wissen nicht – mehr – was sie tun.

    AMEN.

    engel99

    „Damit die LIEBE auferstehe
    und der Tod vergehe
    denn darum bin ich HIER…………“

    aber Worte, Werke des Ausdrucks von LIEBE, von Mitgefühl werden mit Agressionen beantwortet, mit Abwehr, herzliches Beileid. Die 10 Gebote sind tabu, wer seine Eltern liebt und ehrt wird bestraft. Seltsam.

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