Jul 232012
 

Predigt am 22. Juli 2012 mit Lukas 9,10-17

10 Als die Apostel zu Jesus zurückkamen, berichteten sie ihm alles, was sie getan hatten. Danach nahm Jesus sie mit sich und zog sich ´in die Nähe` der Stadt Betsaida zurück, um mit ihnen allein zu sein. 11 Aber die Leute merkten es und folgten ihm in großen Scharen. Jesus wies sie nicht ab, sondern sprach zu ihnen über das Reich Gottes; und alle, die Heilung nötig hatten, machte er gesund. 12 Als es auf den Abend zuging, kamen die Zwölf zu ihm und sagten: »Schick die Leute fort, dann können sie in die umliegenden Dörfer und Gehöfte gehen und dort übernachten und etwas zu essen bekommen. Hier sind wir ja an einem einsamen Ort.« 13 Jesus erwiderte: »Gebt doch ihr ihnen zu essen!« – »Wir haben fünf Brote und zwei Fische, mehr nicht«, entgegneten sie. »Oder sollen wir uns etwa auf den Weg machen und für alle diese Leute Essen kaufen?« 14 (Es waren etwa fünftausend Männer dabei.) Da sagte Jesus zu seinen Jüngern: »Sorgt dafür, dass sich die Leute in Gruppen von je etwa fünfzig lagern.« 15 Die Jünger taten, was Jesus ihnen gesagt hatte. Als alle sich gesetzt hatten, 16 nahm Jesus die fünf Brote und die zwei Fische, blickte zum Himmel auf und dankte Gott dafür. Dann zerteilte er die Brote und die Fische und ließ sie durch die Jünger an die Menge verteilen. 17 Und alle aßen und wurden satt. Am Schluss wurde aufgesammelt, was sie übrig gelassen hatten – zwölf Körbe voll.

Wenn Jesus unter uns ist, dann bringt er mit sich die Kraft der neuen Schöpfung. Und die Menschen sehnen sich nach dieser Kraft des Lebens und des Segens, auch wenn sie nicht genau wissen, was das eigentlich ist und wie es zusammen hängt. Aber dafür gehen sie meilenweit.

Eigentlich wollte Jesus eine Ruhepause haben. Er hatte seine Jünger losgeschickt, damit sie überall das Evangelium vom Reich Gottes hinbringen. Das hatte Wellen geschlagen, sogar am königlichen Hof begann man, sich Gedanken zu machen über diesen neuen Propheten. Eigentlich brauchte Jesus dringend Zeit, um mit den Jüngern zu reden, zu beten, nachzudenken. Aber ihm bleibt nur die allernötigste Zeit; kaum haben die Leute herausgefunden, wo er ist, schon sind sie alle wieder da. Es ist sicher ganz hilfreich für uns, wenn wir wissen, dass Jesus kein geruhsames Leben geführt hat. Er hatte viele von diesen Tagen, an denen man gerade so rum kommt, wo nicht alles so ordentlich zu Ende gebracht werden kann, wie man sich das eigentlich wünscht.

Natürlich hat er sich immer wieder Zeiten reserviert, um allein mit den Jüngern zu sprechen, allein mit Gott zu sprechen. Aber er musste das gegen gewaltigen Druck tun, er musste oft zur List greifen, um diesen Freiraum zu haben, und in dieser Geschichte sehen wir, wie er dann auch sagt: gut, wir haben das Nötigste besprochen, es muss jetzt reichen. Und es hat gereicht.

Diese ganzen vielen Menschen, die meilenweit zusammenströmten, sogar irgendwo in der Einöde, in der Wüste, bei denen erkannte er eine Hoffnung, eine Erwartung, die er nicht enttäuschen wollte. Die Suche nach der guten, gelingenden, gesegneten Welt ist eine der stärksten Antriebe, die Menschen bewegt. Ein großer Teil unserer Wirtschaft lebt davon, dass uns gesagt wird: kauf dies, nimm an jenem teil, und dann kommt die gesegnete Welt zu dir.

Hier bei Jesus sehen wir das Original. Jesus bringt mit sich die Segenskraft Gottes, er öffnet eine Tür in die verborgene Seite der Welt, er stellt eine Verbindung zum Himmel her, wo Gottes Fülle jetzt schon präsent ist, und dann fließt die Fülle des Lebens in unsere Welt hinein und heilt die misshandelte, zerbrochene Schöpfung. Und wenn Menschen dieses Original entdecken, wenn sie aufhören, sich von teuren Imitationen etwas zu versprechen, wenn sie alles tun, um mit der Welt Gottes in Berührung zu koStraßemmen, das ist ein ganz hoffnungsvoller Augenblick. Und Jesus lässt ihn nicht verstreichen.

Er redet zu den Menschen – Worte sind nichts Schwaches oder Leeres, sondern wir konstruieren mit ihnen unsere ganze Art zu leben. Worte und Gedanken können Gefängnisse sein, aus denen wir nicht rausfinden, aber sie können auch Türen zur Freiheit sein. Und hier in der Einöde baut Jesus mit seinen Worten für die Menschen eine neue Welt. Hier sind mal keine Kritiker, mit denen er sich auseinandersetzen muss, hier sind die Menschen weit weg von den Abhängigkeiten und Sorgen, in denen sie sonst stecken. Hier ist es viel leichter, sich vorzustellen, dass die Welt auch noch ganz anders sein könnte, als man sie kennt. Hier kann man leichter glauben, dass die sichtbare Seite der Welt nicht alles ist; sondern die Welt ist größer und weiter und gesegneter, als es uns die Herren und Mächte weismachen wollen, die in dieser Welt das Sagen haben.

Deswegen haben Pilgerfahrten immer zu den geistlichen Übungen gehört, weil man da für einige Zeit herauskommt aus dem engen Gehäuse des Lebens, in dem man die meiste Zeit so drinsteckt, dass man es noch nicht einmal merkt. Überhaupt, alle geistlichen Übungen und Praktiken, Gottesdienst, Gebet, Gruppen, was auch immer – der Sinn dabei ist, dass wir merken: es gibt noch viel mehr als das, was sich uns Tag für Tag als unabweisbar aufdrängt.

Und aus dieser verborgenen Welt des Segens, aus dem Himmel, da kommen dann Lebenskräfte Gottes hinein in unsere Welt, und sie verändern hier das, was wir als Realität kennen. Da werden Menschen geheilt, an der Seele, ja, aber eben auch am Körper, durch Worte und Gesten. Das kennen die Jünger schon, das haben sie gerade selbst ausprobiert, als Jesus sie ausgesandt hat.

Aber heute sollen sie noch mehr lernen. Wenn es um die Versorgung dieser 5000 Leute geht, da meinen die Jünger: dieses Problem ist auch für uns eine Nummer zu groß. Jesus, sag ihnen, dass sie nicht von uns erwarten können, dass wir uns auch noch darum kümmern. Lass sie rechtzeitig gehen, damit sie sich etwas besorgen können. Hier gelten einfach die Gesetze des normalen Lebens.

Ich weiß nicht, ob die Jünger in diesem Moment daran gedacht haben, dass es auch früher schon einmal so eine Situation gab, wo viele Menschen in der Wüste Nahrung brauchten. Als Mose Israel aus der ägyptischen Sklaverei in die Freiheit führte, damals hatte Gott ihnen das Manna gegeben, von dem sie jahrelang satt wurden. Aber das waren damals schon alte Geschichten aus grauer Vorzeit.

Jesus wiederholt das nicht einfach, aber er sorgt auch in dieser Sache dafür, dass die neue Schöpfung in unsere Welt hinein durchbricht. Er lässt Tischgemeinschaften bilden, er nimmt von den Jüngern die wenigen Brote und Fische, die gerade da sind, er spricht das Dankgebet, er bricht das Brot, also: er teilt es in Stücke – das sind übrigens alles Worte, die schon an das Abendmahl erinnern. Und dann lässt er die Jünger das austeilen, und alle werden satt.

Man kann sich das so erklären, dass viele von den Menschen etwas zu essen dabei hatten, und als Jesus mit dem Teilen begonnen hat, da haben sie es ihm dann nachgemacht, und es reichte für alle. Und auch das wäre eine große Sache gewesen. Lukas hat in der Apostelgeschichte beschrieben, wie genau das später in der ersten Gemeinde in Jerusalem geschehen ist. Wir haben es vorhin in der Lesung (Apostelgeschichte 2,42-47) gehört: Alle haben zusammengelegt, und es gab keine Armut unter ihnen. Das war eines der stärksten Signale, die die frühen Christen in ihre Umwelt ausgesandt haben.

Aber derselbe Lukas erzählt hier die Geschichte von der Speisung in der Einöde ganz anders. Er sagt zwar auch nicht genau, wie aus fünf Broten und zwei Fischen Essen für 5000 Leute geworden ist, es bleibt in seinen Einzelheiten verborgen. Aber Lukas war doch wohl der Meinung, dass hier noch etwas Größeres geschehen ist als später unter den Christen von Jerusalem. Es war ein Aufblitzen der voll erneuerten Schöpfung und der Macht eines voll erneuerten Menschen in ihr. So wie diese andere Geschichte, als Jesus auf dem Wasser ging, mitten in Sturm und Wellen. Das ist ganz weit jenseits unserer Vorstellungskraft, aber wir sehen daran, dass unsere Vorstellungskraft eben nicht das Maß aller Dinge sein sollte. Wir müssen auch nicht erwarten, dass bei uns nun dauernd solche Dinge passieren. So eine Speisungsgeschichte oder ein Wandeln auf dem Wasser wird uns aus der ganzen frühen Christenheit nicht wieder berichtet. Das hören wir nur von Jesus.

Aber wir hören eben genug Geschichten über erstaunliche Dinge, die genau in diese Richtung weisen: Gemeinden, die es schaffen, ihren Besitz zusammenzulegen, sich gegenseitig zu unterstützen, wo Menschen aus x-verschiedenen Kulturen friedlich an einem Tisch gemeinsam satt werden. Das ist vielleicht nicht ganz so sensationell wie die Speisung der 5000, aber wer daran herummäkelt, der soll doch erstmal das mit dem Teilen hinkriegen, und dann reden wir weiter. Und Paulus z.B. sieht es auch als Auswirkung des Segens Gottes an, dass er es schafft, mit seiner Hände Arbeit sich und seine Gefährten zu ernähren und auch noch das Evangelium zu predigen, und nicht darunter zusammenzubrechen.

All diese Geschichten sagen: Gott versorgt. Manchmal so und manchmal so. So wie die Heilungswunder sagen: Gott heilt – manchmal durch barmherzige Menschen, die dich pflegen und versorgen, und manchmal durch Gebet, und manchmal durch eine undurchschaubare Mischung. Und bevor wir die ganz großen Wunder verlangen, sollten wir damit anfangen, von Gott zu erwarten, dass er unsere kleinen Bemühungen segnet und uns wenigstens die Kraft gibt, nicht zusammenzubrechen, wenn es stressig wird. Jesus nimmt diese kleineren Dinge, so wie er die Brote und Fische der Jünger nimmt, und er macht mehr aus diesem kleinen Anfang. Vielleicht kannst du die Straße wirklich nicht bis zum Ende gehen, aber die ersten Schritte solltest du auf jeden Fall tun, so gut und so entschlossen, wie du es nur irgend kannst, und dann siehst du, was Jesus damit macht.

Denn eins sagen diese Geschichten alle: wenn Gott versorgt, dann macht er das immer in Zusammenhang mit menschlicher Solidarität. Paulus arbeitet für seine Gefährten, die ersten Christen teilen miteinander, und auch bei der Speisung achtet Jesus darauf, dass die Menschen in überschaubaren Gruppen organisiert sind. Jesus sorgt dafür, dass Menschen sich zusammenschließen, dass sie sich organisieren um diese Quelle des Segens herum. Das wird im Abendmahl ganz deutlich: sie sitzen um einen Tisch, sie essen miteinander, sie teilen und alle werden satt. Sie sind verbunden über Kulturschranken hinweg, sie bilden einen sichern Ort, wo man nicht Sorge haben muss, dass man angegriffen oder ausgenutzt wird.

Und die Mitte von all dem sind das Brot und der Wein, die Jesus mit seinen Worten verbindet, nein, mehr: mit seiner ganzen Existenz. Die Mitte, um die sich alle versammeln, das ist dieser Segensquell, der Ort, wo die neue Welt präsent ist und ihren heilsamen Einfluss auf das ganze Leben ausübt. Daraus fließen Solidarität, Heilung, Hoffnung, Weisheit, Durchblick und viele andere gute Dinge.

Menschen werden normalerweise von anderen organisiert. Könige wie Herodes oder Chefs und Familienoberhäupter sorgen dafür, dass Menschen gemeinsam die Aufgaben des Lebens angehen. Sie selbst und viele andere glauben, dass sie unersetzlich sind, weil es sonst ja nur Chaos gäbe, und das ist nicht ganz falsch. Aber am Tisch Jesu lernen Menschen, selbständig zusammen zu sein, sich zu organisieren, auf die Schwachen zu achten und zu teilen. Wo die erneuerte Schöpfung die Mitte ist, da wachsen Menschen über sich hinaus, sie werden unabhängig von anderen, sie werden mitten in der Wüste des Lebens versorgt und können sogar noch anderen abgeben. Selbst wenn eines Tages unsere Sozialversicherungssysteme kaputt gespart worden sind, dann wird es Gemeinden geben, in denen Solidarität gelebt wird. Wir können gar nicht früh genug damit anfangen, das miteinander zu üben. Auch wenn wir die Straße nicht bis zum Ende gehen – wer kann denn jetzt schon sagen, wieviel Schritte wir noch schaffen?

Die erneuerte Schöpfung in unserer Mitte, Jesus, ist immer noch größer als das, was wir verstehen und bewegen. Aber er nimmt das Kleine, was wir ihm anvertrauen, er macht Größeres daraus, und er gibt es uns wieder zurück, damit wir damit vielen Menschen dienen können.

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