Apr 032012
 

Predigt zu Römer 8,18-25 am 1. April 2012 (Predigtreihe Römerbrief 25)

18 Im Übrigen meine ich, dass die Leiden der jetzigen Zeit nicht ins Gewicht fallen, wenn wir an die Herrlichkeit denken, die Gott bald sichtbar machen und an der er uns teilhaben lassen wird. 19 Ja, die gesamte Schöpfung wartet sehnsüchtig darauf, dass die Kinder Gottes in ihrer ganzen Herrlichkeit sichtbar werden. 20 Denn die Schöpfung ist der Vergänglichkeit unterworfen, allerdings ohne etwas dafür zu können. Sie musste sich dem Willen dessen beugen, der ihr dieses Schicksal auferlegt hat. Aber damit verbunden ist eine Hoffnung: 21 Auch sie, die Schöpfung, wird von der Last der Vergänglichkeit befreit werden und an der Freiheit teilhaben, die den Kindern Gottes mit der künftigen Herrlichkeit geschenkt wird. 22 Wir wissen allerdings, dass die gesamte Schöpfung jetzt noch unter ihrem Zustand seufzt, als würde sie in Geburtswehen liegen. 23 Und sogar wir, denen Gott doch bereits seinen Geist gegeben hat, den ersten Teil des künftigen Erbes, sogar wir seufzen innerlich noch, weil die volle Verwirklichung dessen noch aussteht, wozu wir als Gottes Söhne und Töchter bestimmt sind: Wir warten darauf, dass auch unser Körper erlöst wird. 24 Unsere Errettung schließt ja diese Hoffnung mit ein. Nun ist aber eine Hoffnung, die sich bereits erfüllt hat, keine Hoffnung mehr. Denn warum sollte man auf etwas hoffen, was man schon `verwirklicht` sieht? 25 Da wir also das, worauf wir hoffen, noch nicht sehen, warten wir unbeirrbar, ´bis es sich erfüllt`.

Als wir im vergangenen Jahr drei Tage auf Pilgerreise im Weserbergland waren, kamen wir an einen sehr hohen Aussichtsturm. Nicht so ein hölzerner Hochsitz, sondern ein großer Turm aus Beton, fast wie ein Fernsehturm, mindestens doppelt oder dreimal so hoch wie unser Kirchturm. Die ganze Zeit waren wir mühsam bergauf und bergab durch den Wald gestapft; unsere Füße waren schon ziemlich kaputt, aber dann kamen wir zu diesem Turm, und er hatte sogar einen Aufzug. Ohne Mühe kam man bis ganz nach oben auf die Aussichtsplattform. Und dort oben lag uns das ganze Land zu Füßen. Wir sahen die Berge und Täler, über die wir gekommen waren; wir sahen den Weg vor uns, den wir noch gehen wollten; wir sahen in der Ferne Göttingen und das Leinetal liegen und bekamen wieder ein Gefühl für die großen Zusammenhänge und wie die Drehungen und Wendungen unseres Weges in den größeren Zusammenhang der Geografie hineingehörten.

Danach lagen noch einige anstrengende Kilometer vor uns, aber dieser Blick vom Turm aus hatte uns verstehen lassen, wie unser Weg in die größeren Zusammenhänge eingebettet war.

Das achte Kapitel des Römerbriefes und besonders unser heutiger Abschnitt ist so etwas wie ein Aussichtsturm in der Mitte unseres Weges durch den ganzen Brief. Vielleicht ist manchem von uns unser Weg durch den Römerbrief wie ein mühsamer Pilgerweg durch unübersichtliches Gelände und Gebüsch vorgekommen. Heute sind wir endlich einmal an einem Aussichtspunkt, wo wir uns nicht nur mühsam über Stock und Stein voranbringen, sondern hier liegt vor uns der große Zusammenhang, den Paulus von Anfang an im Blick gehabt hat.

Dieser Zusammenhang, in dem Paulus denkt, ist die ganze Schöpfung. So wie die Bibel mit der Schöpfung beginnt und mit dem neuen Himmel und der neuen Erde endet, so überschaut auch Paulus die ganze Strecke von der Versklavung der Schöpfung durch das Versagen der Menschen bis zu ihrer endgültigen Befreiung.

Die Schöpfung ist der Vergänglichkeit unterworfen, der Sinnlosigkeit könnte man auch sagen. Sie kann nicht zu ihrer Berufung gelangen, wenn die Menschen nicht die Aufgabe erfüllen, die ihnen zugedacht ist. Auf den Menschen hin ist die Schöpfung geordnet, ohne ihn kann sie nicht das werden, was sie werden soll. Vom Menschen und seiner Einsicht ist sie abhängig, im Großen wie im Kleinen.

Neulich erzählte mir jemand von einem Pferd, das immer wieder weiter verkauft worden ist und sehr unter seinen verschiedenen Herren sehr gelitten hat, bis es am Ende ganz durcheinander war. Und ich habe gedacht: diese armen Kreaturen, die so abhängig sind von ihren Besitzern. Da kann sich einer einfach so ein Tier kaufen, nur weil er genügend Geld hat, egal, ob er was von Tieren versteht oder nicht, und dann ist so ein Pferd auf Gedeih und Verderb seinem Besitzer ausgeliefert. Aber wie toll ist es, wenn ein Tier gut behandelt wird und mit seinem Besitzer harmoniert! Auf viele Tiere geht dann auch etwas von dieser Menschlichkeit über.

Paulus hat noch nichts davon gewusst, dass sogar die Atmosphäre des Planeten unter uns leiden kann, dass wir inzwischen ganze Arten zum Verschwinden bringen und das Meer mit Plastik zumüllen können. Aber er war trotzdem hellsichtig genug, um schon damals das Seufzen der ganzen Schöpfung wahrzunehmen, die darunter leidet, dass wir nicht die Aufgabe erfüllen, die uns zugedacht ist.

Und er sagt: alle Geschöpfe warten voller Sehnsucht darauf, dass endlich Menschen sichtbar werden, die der ganzen Schöpfung die Freiheit bringen. Das ist Gottes Ziel, das gibt er nicht auf, das ist der Sinn des Evangeliums, dafür ist Jesus gekommen: damit wir endlich die Rolle übernehmen, die uns von Anfang an zugedacht war.

Was wird das für eine Herrlichkeit sein, wenn Menschen nicht mehr im Wege stehen und die Welt zu ihrer wirklichen Größe befreit sein wird. Wir alle wissen, welche Herrlichkeit jetzt schon manchmal in der Schöpfung aufleuchtet. Wie einem das das Herz weit machen kann, wenn man von so einer Aussichtsplattform aus weit ins Land hinein blicken kann. Und wenn das jetzt schon so ist, obwohl da natürlich auch Löcher in der Landschaft zu sehen sind, Bausünden und wahrscheinlich etliche illegale Müllkippen – wenn das jetzt schon so toll ist, wie wird das erst sein, wenn die Schöpfung erst ihr volles Potential entfaltet! Unvorstellbar, wie großartig das dann erst sein wird!

Es ist, als ob die ganze stumme Kreatur verzweifelt Ausschau hält nach ersten neuen Menschen. Also ob sich alle Geschöpfe auf die Zehenspitzen stellen, um es nur ja nicht zu verpassen, wenn die verheißenen Menschen am Horizont sichtbar werden, die neuen Menschen, die diese Schöpfung gut regieren und ihr den Frieden bringen, wie ein weiser König, der die Wunden eines vom Bürgerkrieg zerrissenen Landes heilt und es wieder zu einem guten, blühenden Land macht, wo die Menschen mit Freude ihre Arbeit tun und das Leben schön ist.

Und diese Rolle sollen wir jetzt schon ausüben und einüben. Schon jetzt sollen die Geschöpfe etwas davon merken, dass es uns gibt, und sich freuen und aufatmen.

Es sind ja nicht nur die stummen Geschöpfe, die darauf warten. Wir selbst gehören auch dazu. Wir sind nicht nur Geist, wir sind auch Körper, und mit unserem Körper gehören wir hinein in diese unerlöste Welt. Auch wenn Gott uns schon seinen Heiligen Geist gesandt hat, auch wenn wir Gott kennen, wir sind doch durch unseren Körper an diese Welt gebunden, wir können uns nicht von ihr lösen und wir sollen es auch nicht. Es gibt keine christliche Hoffnung an der Schöpfung vorbei. Nur mit allen anderen Kreaturen zusammen werden wir erlöst von der Vergänglichkeit und Sinnlosigkeit. Wir gehören zusammen, und wenn wir es vergessen, wird uns unser Körper immer wieder daran erinnern.

Die Versuchung ist immer, dass wir uns eine spezielle Rettung »nur für uns« ausdenken: nur für uns Menschen, oder sogar nur für unsere Seele. Aber solche Gedanken sind Zeichen von Hoffnungslosigkeit. Wenn es keine Hoffnung mehr gibt, ja, dann lautet die Parole: rette sich, wer kann! Vielleicht komme ich ja irgendwie davon! Aber Paulus hat eine große Hoffnung, nicht nur für die Seele, sondern auch für den Körper, nicht nur für die Menschen, sondern für alles, was Gott geschaffen hat, für die ganze Welt. Zum Zeichen dieser Hoffnung hat Jesus Kranke geheilt. Als Zeichen dieser Hoffnung für die Welt ist Jesus wie ein König in Jerusalem eingezogen (vgl. Joh. 12,12-19, die Lesung des Sonntages). Deshalb bleibt auch Paulus in der Solidarität mit der materiellen Welt und sagt: ja, auch unser Körper wird erlöst werden.

Wir hadern ja alle irgendwie mit unserem Körper. Nie ist er so, wie wir ihn uns wünschen würden, mal zu dick und mal zu dünn, er ist reparaturanfällig, er meldet sich mit Schmerzen und Unwohlsein, wegen ihm sitzen wir stundenlang beim Arzt im Wartezimmer, wir müssen ihn ernähren – wir sind so abhängig davon, dass genug da ist. Unseren Körper kann man einsperren und quälen. Unser Körper macht uns so verletzlich.

Aber Paulus sagt: auch unser Leib wird erlöst werden. Im ersten Korintherbrief sagt er etwas mehr darüber, wie das gemeint ist, aber auch dort kommt er über Andeutungen nicht hinaus. Er sagt dort: es gibt einen geistlichen Leib, und in den werden wir verwandelt werden. Man muss sich das vielleicht vorstellen wie beim auferstandenen Jesus, der kein körperloses Gespenst war, sondern einen verwandelten Leib hatte, an dem man sogar noch die Spuren der Kreuzigung erkennen konnte.

Aber das bringt uns an die Grenzen unserer Vorstellungskraft. Da kommt etwas auf uns zu, was wir nur andeutungsweise verstehen können, so wie die Offenbarung des Johannes davon redet, dass das neue Jerusalem 2200 km lang, 2200 km breit und 2200 km hoch ist und Tore hat, die aus einer einzigen großen Perle bestehen. Das sind Bilder für etwas Wunderbares, das alle unsere Vorstellungen übersteigt und mit menschlichen Worten nicht anders ausgedrückt werden kann. Es wird größer sein als alles, was wir uns jetzt ausdenken können. Wir werden es erst verstehen, wenn es da ist.

Aber dann wird alles vergessen sein, die Strapazen des Weges, die mühsamen Anstiege, die wunden Füße. Da wird kein Leid mehr sein, keine Tränen, keine Verzweiflung. Das Alte ist vergangen, Neues ist geworden. Eine ganze neue Welt beginnt. Und wir werden zurückschauen auf die menschliche Leidensgeschichte mit all ihrem Unrecht und ihren Irrwegen und werden sagen: und doch hat es sich gelohnt. Wir hätten es zwischendurch kaum geglaubt, aber jetzt ist alles gut. Die Leiden der jetzigen Zeit fallen dann nicht mehr ins Gewicht, wenn Gott uns an der vollen Herrlichkeit seiner neuen Welt teilhaben lässt.

Wenn man das hört, fragt man sich unwillkürlich: ist dem klar, was er da sagt? Ist das nicht ein billiger Trost für all die Leute, die sich mühsam durchs Leben schlagen, die zu kämpfen haben, die am eigenen Leib sehr deutlich spüren, dass die Welt in Unordnung geraten ist?

Aber dieser Gedanke »es wird nicht immer so bleiben, die ganze Quälerei wird eines Tages ein Ende haben«, das ist ja durchaus ein Gedanke, mit dem sich Menschen trösten, egal, welches Ende der Quälerei sie dabei vor Augen haben. Vor allem aber ist Paulus keiner, der sich das am Schreibtisch ausgedacht hat. Er kannte ja die Gefängnisse von innen, er ist beschimpft und geschlagen worden, er hat Schiffbrüche überlebt und war in so ziemlich jeder Gefahr, die man sich vorstellen kann. Der wusste, welcher Gedanke einem dann helfen kann.

Und es ist die Hoffnung, die schon Jesus bewegte. Jesus ist in die Solidarität mit der materiellen Welt hineingegangen, er ist Fleisch geworden und hat im Fleisch gelitten, und die ganze Zeit ist er getragen worden von der Hoffnung, dass Gott seine Schöpfung nie aufgeben wird. Diese Hoffnung hat ihn durchhalten lassen bis zum letzten Atemzug. Sie hat ihm eine große Kraft gegeben. Diese Hoffnung hat auch Paulus begleitet durch alle Prüfungen hindurch. Diese Hoffnung ist durch die Auferstehung Jesu ein für alle Mal bestätigt worden. Sie ist die Kraft des christlichen Glaubens. Und der ganze Römerbrief redet davon, wie sie zu uns kommt und wie man aus ihr lebt.

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