Feb 052012
 

Predigt zu Römer 8,5-9 am 5. Februar 2012 (Predigtreihe Römerbrief 22)

5 Denn alle, die vom Fleisch bestimmt sind, trachten nach dem, was dem Fleisch entspricht, alle, die vom Geist bestimmt sind, nach dem, was dem Geist entspricht. 6 Das Trachten des Fleisches führt zum Tod, das Trachten des Geistes aber zu Leben und Frieden. 7 Denn das Trachten des Fleisches ist Feindschaft gegen Gott; es unterwirft sich nicht dem Gesetz Gottes und kann es auch nicht. 8 Wer vom Fleisch bestimmt ist, kann Gott nicht gefallen. 9 Ihr aber seid nicht vom Fleisch, sondern vom Geist bestimmt, da ja der Geist Gottes in euch wohnt. Wer den Geist Christi nicht hat, der gehört nicht zu ihm.

Wir werden mit diesem Abschnitt nur etwas anfangen können, wenn wir verstehen, woran Paulus denkt, wenn er von »Fleisch« spricht, und woran er denkt, wenn er von »Geist« spricht. »Fleisch« und »Geist« sind jeweils eine Kurzbezeichnung für eine ganze Lebensart, für einen Modus, in dem man sein Leben führt, ja, man könnte vielleicht sagen: für das Aroma, das dein Leben umgibt.

Vielleicht fangen wir dafür am einfachsten bei Adam und Eva an: der erste Mensch wird so erschaffen, dass Gott Erde vom Acker nimmt, daraus eine Menschengestalt formt und ihm dann seinen Lebensatem in die Nase bläst. So wird der Mensch ein lebendiges Wesen. Wir sind also aus zwei Komponenten zusammengesetzt: aus geschaffener Materie und aus dem unvergänglichen Lebensatem Gottes. Das ist kein Problem, so lange Gott und Menschen im Frieden miteinander leben. Aber als sich die Menschen von Gott abwenden, da wenden sie sich auch von ihrem eigenen Ursprung ab, sie wenden sich von der Kraft ab, die sie belebt. Der Konflikt zwischen Gott und den Menschen verlagert sich so auch in den Menschen hinein.

Und so entsteht zwischen den beiden Komponenten, aus denen wir zusammengesetzt sind, ein Riss, es gibt eine Sollbruchstelle, wir sind zerrissen zwischen dem göttlichen Leben, dem wir unser Dasein verdanken und unserer eigenen Existenz, vor der wir meinen, wir hätten sie unter Kontrolle. Und dann sagt Gott kurz vor der Sintflut (1. Mose 6,3): Mein Geist soll nicht für immer im Menschen bleiben. Ich gebe ihm 120 Jahre Lebenszeit.

Das heißt: von nun an ist diese Verbindung von Erde und Lebensatem Gottes limitiert – erst sind es noch 120 Jahre, dann schrumpft auch diese Spanne noch. Übrigens heißt dieser Lebensatem hier schon »Geist«. Gottes Geist ist schon am Anfang dabei, wenn tote Materie lebendig wird. Eine Zeit lang gehen die beiden zusammen, aber am Ende trennt sich das doch wieder. Wie wenn man Wasser und Fett zu mischen versucht: mit Pril und mit viel Schütteln klappt das schon mal, aber auf die Dauer passen Fett und Wasser nicht zusammen. Gottes Geist verbindet sich zwar für die Spanne eines Menschenlebens mit der geschaffenen Materie, und aus der Materie wird ein lebendiges Wesen. Diese Berührung des Geistes ist sogar so stark, dass die Materie auch ohne frischen Geist für eine gewisse Zeit lebendig bleibt. Aber weil es zu keiner dauerhaften Freundschaft gekommen ist, deshalb bleibt seine Lebenskraft nicht in uns, der Geist Gottes verschwindet nach und nach. Wir machen es dann noch ein paar Jahre, in denen wir immer hinfälliger werden, und am Ende sind wir tot. Und dieser Restmensch, der übrig bleibt, wenn Gottes Geist verschwunden ist, der heißt bei Paulus Fleisch. Im Grunde ist das so eine Art Zombie, ein Untoter, der nicht richtig lebt, aber trotzdem noch sein Unwesen treibt.

Und jetzt muss man noch dazu denken, dass es nicht nur um einzelne Personen geht, sondern dass Paulus immer die ganze Menschheit im Auge hat. Wenn Paulus von Adam spricht, wie er es in Kapitel 5 getan hat, dann meint er die ganze Menschheit, die in Adams Spuren geht und da nicht einfach raus kann. Es sind nicht nur einzelne Zombies, sondern es ist eine ganze Zombie-Welt, eine Gesellschaft der Untoten, die irgendwie versuchen, ihre schwindende Lebenskraft so lange wie möglich festzuhalten. Und dabei versuchen sie auch, sich die Lebenskraft anderer anzueignen und auf Kosten der anderen ein bisschen besser zu leben. Auf alle mögliche Weise beuten Menschen andere aus, lassen sie für sich arbeiten, machen sich auf ihre Kosten lustig oder fühlen sich stark, machen anderen das Leben schwer, saugen ihnen die Lebenskraft aus, und wie wir schon von Zombies gesprochen haben, muss man jetzt an Vampire denken.

Zombies und Vampire – all die Horrorgeschichten und Comics und Computerspiele zeigen uns tatsächlich etwas über die Realität unserer Welt. Und in all diesen Spielen und Geschichten wird die Welt düster und schäbig, irgendwie kaputt und verkommen gezeichnet. Und genau das ist es, was Paulus meint, wenn er von »Fleisch« spricht: eine kaputte Welt, in der Menschen versuchen, sich gegenseitig Lebenskraft abzuzapfen, und wo alles irgendwie schon von Verkommenheit und Verfall angesteckt ist.

Und natürlich spitzt Paulus das zu, genauso wie die Comiczeichner und Computerspieldesigner in ihren Zombiewelten eine zugespitzte Realität zeigen, die wir zum Glück nicht so krass erleben. Obwohl: liebe Leute, es gibt in unserer Welt tatsächlich Orte, wo man dies ganze Düstere und Schäbige und Verfallende auch sehr deutlich erleben kann. Es gibt genügend Menschen, die schon als Kind so ausgebeutet werden, dass ihre Lebenskraft kaum noch reicht, um erwachsen zu werden. Wir sind privilegiert, wenn uns die schlimmsten Auswirkungen dieser Welt nicht so oft in der Nähe begegnen.

Das alles meint Paulus, wenn er von Fleisch spricht. Diese ganze Geschichte, die ich jetzt ja auch nur andeutungsweise erzählt habe, die fasst er mit diesem Kürzel »Fleisch« zusammen. Da gehört auch Sünde dazu, da gehört Krankheit dazu, da gehört Unfähigkeit und Dummheit dazu, und am Ende wartet der Tod. Kurzum: Fleisch ist der Oberbegriff für diese ganze Sphäre, in der Menschen leben müssen, wenn Gottes Geist, Gottes Lebensatem schwindet.

Zum Glück hört die Geschichte damit nicht auf. Paulus bringt ja mit sich das Evangelium, die Geschichte davon, wie der Lebensgeist Gottes zurückfindet in die Schöpfung. Und er sagt: ihr habt den Geist Christi! Ihr lebt nicht nach den Gesetzen des Fleisches, sondern ihr lebt nach der Logik des Lebensgeistes Gottes! Das ist ja gerade das Kennzeichen eines Nachfolgers Jesu, dass in ihm der Geist Gottes von neuem lebendig geworden ist, dass der Riss in uns geschlossen ist, dass wir die Welt auf neue Art sehen und souverän mit ihr umgehen können. Jedenfalls grundsätzlich.

Denn das ist die entscheidende Frage: was prägt uns? Woher nehmen wir unsere Vorstellungen davon, was gutes Leben ist? Woher wissen wir, was möglich ist und was nicht, welche Stoffe speisen unsere Fantasie, worum kreisen unsere Gespräche, wofür stehen wir sogar mitten in der Nacht auf, welches Thema haben die Selbstgespräche in unserem Kopf? Was kaufen wir, auch wenn das Geld knapp ist, wofür haben wir immer Zeit, auch wenn wir keine Zeit haben, was treibt uns an, was halten wir für normal?

Paulus sagt: wenn man im »Fleisch« drinsteckt, dann produziert man immer nur Fleisch-Gedanken und Fleisch-Action. Und ich glaube, es dürfte inzwischen klar sein, dass mit »Fleisch« eben nicht einfach das Grobe und Ungeschlachte gemeint ist im Vergleich zu den höheren geistigen Sphären. Natürlich umfasst »Fleisch« auch die primitive Gier, das Fressen, Saufen und Grölen, aber genauso gibt es Verkommenheit mit gepflegten Umgangsformen, Korruption in erlesener Umgebung und hochgeistige Denksysteme, die das Leben vieler Menschen zerstören. Ob jemand auf das »Fleisch« fokussiert ist, das hängt nicht vom Schulabschluss oder vom Geldbeutel ab.

Sondern der Prüfstein ist: was gibt dir den Rahmen für dein Leben? In welchem Horizont denkst du? Was ist deine Vorstellung von Lebensqualität? Merkst du, wie kaputt das alles ist, was dich umgibt, oder denkst du: was alle machen, kann doch nicht falsch sein? Kannst du dir ein anderes Leben vorstellen, das anders funktioniert? Möchtest du raus, oder fühlst du dich ganz wohl so?

Wer, wie Paulus das nennt, vom Fleisch bestimmt ist, der versucht nur immer, die angeknackste Lebenskraft irgendwie aufzupeppen, versucht möglichst lange ein angenehmes Leben zu haben, oft auf Kosten anderer und auf Kosten der Schöpfung. Wenn das Leben sowieso nur kurz ist, denkt er, dann muss man so viel wie möglich rausholen. Dann muss man sich jede Minute amüsieren. Dann muss man immer mehr haben, auch wenn man nicht weiß, was man damit anfangen soll. Dann kann man nicht danach fragen, was erlaubt ist und was nicht. Und so verpestet der Mensch des Fleisches seine Umwelt mit Auspuffgasen und mit überflüssigem Gerede und Schlimmerem. Er kümmert sich nicht darum, ob das den Regenwald zerstört oder die Freude der anderen, so lange er nicht merkt, dass es auch ihn trifft. Und er ist in Wirklichkeit schwach, ratlos und feige.

Und das alles häuft immer mehr Müll und Gift an, in der Atmosphäre des Planeten genauso wie in der Atmosphäre einer Familie, einer Klasse oder eines Vereins. Am Ende erstickt man daran. Es ist eine abgeschlossene Welt, in die keine Alternative eindringt, und Gott am wenigsten. Eine Zombiewelt. Gott graust es davor.

Man muss das nicht »Fleisch« nennen, wenn einem das Wort zu altertümlich und merkwürdig klingt. Nenn es, wie du es willst, es bleibt eine Zombie-Welt.

Aber mitten in dieser Sphäre des »Fleisches« ist Jesus erschienen. Und mit ihm kommt der belebende Geist Gottes von neuem in die Welt. Gott und Menschen finden wieder zusammen. Das gute Leben wird anschaulich. Man kann wieder ahnen, zu welcher Größe Menschen berufen sind. Es gibt die Alternative Gottes, mitten in der Welt des Fleisches. Jetzt ist so viel Leben da, dass wir nicht alles herauspressen müssen aus unserer Lebenszeit und aus der Schöpfung. Jetzt ist in jedem Augenblick so viel Fülle verborgen, dass wir sie gar nicht ausschöpfen können. Wir können schenken und geben. Wir nehmen die Menschen und alle Geschöpfe wahr in ihrem Reichtum und in ihrer Vielfalt, wir staunen darüber und bekommen tiefen Respekt für diesen Reichtum. Unser Geist wird beweglich und nimmt Neues leicht und schnell auf. Wir bekommen Tiefe, reagieren nicht nur immer bloß auf der Oberfläche und merken erst richtig, was alles in uns steckt.

Wir müssen keine zerrissenen Leute sein, die unzufrieden und ängstlich durch die Welt gehen. Wir können uns wohlfühlen in unserer Haut und uns freuen am Leben in uns. Wir können Worte sprechen, die Menschen herausholen aus Vorwürfen und Selbstvorwürfen. Menschen und Tiere können aufatmen, wenn sie uns begegnen, auch wenn sie nicht immer verstehen, warum. Freundschaft und Verbundenheit wird uns geschenkt, wie es sich keiner vorstellen kann, der nur die fleischlichen Seilschaften und Cliquen kennt. Das Leben bekommt Glanz, auch wenn es mitten in einer kaputten Welt gelebt wird.

Und Paulus sagt: darauf konzentriert euch. Das ist der Schatz im Acker, der allen Einsatz wert ist, die kostbare Perle, für die man alles andere weggibt – wir haben es vorhin in der Lesung gehört (Matthäus 13,44-46). Darüber denkt nach, das versteht immer tiefer. Lasst das das Thema eurer Gespräche sein. Lasst dies Neue eure Fantasie bewegen, damit es wächst. Öffnet ihm weit die Tür eures Herzens. Beschäftigt euren Verstand damit. Macht euch keine Sorgen mehr, seid 1-4einzig und allein darum besorgt, dass ihr das Zombie-und-Vampir-Denken hinter euch lasst. Und dann habt ihr vor euch das Leben, Gott sieht euch an und er freut sich an euch. Die Welt gedeiht von neuem. Der Geist Gottes tut sein Werk in euch – und bald in der ganzen Schöpfung.

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