Jan 152012
 

Predigt zu Römer 8,1-4 am 15. Januar 2012 (Predigtreihe Römerbrief 21)

Als wir im November das letzte Mal vor der Weihnachtszeit auf den Römerbrief hörten, da sind wir bis zum Ende des 7. Kapitels gekommen. Da beschreibt Paulus die Zwangslage von Menschen, die eigentlich gut sein möchten, die eigentlich wissen, was richtig wäre – aber die Verhältnisse, die sind nicht so, die sind nun mal ganz anders. Eigentlich möchten wir nichts Böses tun, wir möchten nicht die Umwelt beschmutzen und nur Eier von glücklichen Hühnern essen – aber irgendwas scheint uns immer im Weg zu stehen.

Wir beenden solche Gespräche in der Regel mit einem Achselzucken und sagen schließlich: so ist das Leben, man muss eben irgendwie das Beste draus machen. Paulus weiß aber, dass das eine unmögliche Haltung ist, die das Gericht Gottes nach sich zieht. Und er hält das Problem mit einem lauten Klageschrei offen: wer wird mich befreien aus diesem elenden Zustand, aus diesem Verderbenszusammenhang, wo ich dauernd zu Ergebnissen beitrage, die ich nicht will und die mir selbst schaden?

Und jetzt in Kapitel 8 beschreibt Paulus die Lösung, die Befreiung, die er mitbringt, wenn er das Evangelium bringt.

1 Müssen wir denn nun noch damit rechnen, verurteilt zu werden? Nein, für die, die mit Jesus Christus verbunden sind, gibt es keine Verurteilung mehr. 2 Denn wenn du mit Jesus Christus verbunden bist, bist du nicht mehr unter dem Gesetz der Sünde und des Todes; das Gesetz des Geistes, der lebendig macht, hat dich davon befreit. 3 Das Gesetz des Mose war dazu nicht imstande; es scheiterte am Widerstand der menschlichen Natur. Deshalb hat Gott als Antwort auf die Sünde seinen eigenen Sohn gesandt. Dieser war der sündigen Menschheit insofern gleich, als er ein Mensch von Fleisch und Blut war, und indem Gott an ihm das Urteil über die Sünde vollzog, vollzog er es an der menschlichen Natur. 4 So kann sich nun in unserem Leben die Gerechtigkeit verwirklichen, die das Gesetz fordert, und zwar dadurch, dass wir uns vom Geist ´Gottes` bestimmen lassen und nicht mehr von unserer eigenen Natur.

Das ist wie ein heller Fanfarenstoß am Anfang von Kapitel 8. Nicht mehr dieses resignierte Schulterzucken: »So ist es nun mal! Da kann man nichts machen!«, sondern: »Wir haben das hinter uns gelassen! Uns betrifft das nicht mehr! Für uns hat Gott einen neuen Weg geöffnet!«. Wenn der Heilige Geist Menschen bewegt, dann sind sie nicht mehr gefangen in diesem Zwiespalt von »eigentlich müsste ich doch« – »aber die Verhältnisse sind nicht so« – »und eigentlich muss ich mir ja nichts vorschreiben lassen« – »irgendwer müsste sich kümmern, aber nicht ich«. Diese ganze verkorkste Bewusstseinslage haben wir hinter uns gelassen, sagt Paulus. Uns bewegt der Heilige Geist, und das ist der Geist des Gelingens, nicht der Geist des ewigen Scheiterns. Und in diesem Geist des Gelingens leben wir ein Leben, das das Ziel des Gesetzes erreicht.

Wenn Sie noch mal zurückdenken an die Evangelienlesung vorhin, wo Jesus befragt wird, weshalb seine Jünger nicht fasten (Markus 2,18-22). Und er sagt: wieso fasten? Wir sind doch am Ziel. Wir brauchen das alles nicht mehr. Das, was ihr mit Fasten zu erreichen versucht, haben wir schon, wir haben sogar viel mehr, aber wir haben es auf einem ganz anderen Weg erreicht. Wir sind längst da angekommen, wo ihr hin wollt, aber nicht auf dem Weg des Gesetzes.

Das jüdische Gesetz, das Alte Testament, war ja die Lebensordnung Gottes für die freien Menschen seines Volkes. Er hatte sein Volk aus der Sklaverei befreit, damit sie als Modell eines befreiten Volkes leben sollten. An ihnen sollte sein Wille für alle Menschen sichtbar werden. Aber dann breitete sich auch in Israel wieder Ausbeutung und Sklaverei aus, fremde Reiche übernahmen die Herrschaft im Land, und am Ende wurde sogar das gute Gesetz Gottes zu einem Teil des Problems: im Namen des Gesetzes wurden ausgerechnet die Schwächsten im Lande stigmatisiert: die Leprakranken, die Prostituierten, die Sünder jeder Art, alle, an denen die desolate Lage (die alle betraf) am stärksten sichtbar wurde, die wurden nun noch im Namen des Gesetzes mit Missachtung gestraft. Aus Gottes guter Gabe wurde eine Legitimation für Nörgler, Kritisierer und Besserwisser. Und am Ende wurde sogar Jesus unter Berufung auf Gottes Gesetz zum Tode verurteilt.

Da kann mal mal sehen, wie tief der Karren im Dreck steckt, sagt Paulus. Das gute Gesetz Gottes verfehlt nicht nur sein Ziel, sondern es wird sogar zu einem Teil des Problems. Wie schlimm muss dieser Unheilszusammenhang namens Sünde eigentlich sein, wenn selbst Gottes Gesetz von ihr missbraucht werden kann! Und genau dazu ist das Gesetz nämlich auch da: dass an ihm das Problem so richtig deutlich wird. Es reicht eben nicht, zu wissen, was richtig ist. Zu wissen, was richtig ist, kann dich zu einem Menschen machen, der allen anderen fürchterlich auf die Nerven geht.

Die eigentliche Antwort auf das Böse und die Zerstörung besteht in einer besseren Alternative. Gegen etwas sein, das kann jeder, das ist keine Kunst. Das stellt die Sünde nicht in Frage. Überall meckern Mitarbeiter über ihren Chef und Chefs über ihre Mitarbeiter, Männer schimpfen über ihre Frauen und Frauen über ihre Männer, Kinder stöhnen über ihre Lehrer und Lehrer über ihre Schüler. Manchmal zu Recht und manchmal zu Unrecht. Aber egal, das ist eben Dampfablassen, ändern tut sich davon nichts.

Aber wenn etwas ganz anderes, etwas Neues und Lebendiges entsteht, das ändert die ganze Lage. Wenn es eine echte Alternative gibt, wenn du zu einer anderen Firma wechseln kannst, wo man gerne arbeitet, oder wenn es in der Nähe eine andere Schule gibt, wo ein besseres Klima herrscht, das ist eine ganz andere Lösung als zu schimpfen und sich am Ende doch wieder abzufinden. Und Jesus war die Alternative schlechthin, er war der neue Wein, der in neue Schläuche muss, er war das neue Gewand und nicht der Flicken, der eine alte, zerlumpte Jeans noch mal mit Ach und Krach drei Wochen lang zusammen hält.

Leben in der Kraft des Heiligen Geistes ist die Alternative, die Jesus gebracht hat. Zugang finden zu der Kraft und Freude der Schöpfung, wie Gott sie ursprünglich gemeint hat, und wie sie im Verborgenen immer noch ist. Ein Kanal sein, durch den Gottes Segen in die Welt strömt. Aus der Fülle leben statt aus dem Mangel. Aus der Zuversicht leben statt aus dem Pessimismus. Aus der Freude statt aus der Macht. Reichtum sehen, wo andere Bedrohung sehen. Das ist die Lösung, das ist die echte Alternative, und erst die stellt die Macht des Sündensystems ernsthaft in Frage.

Wer zu Jesus Christus gehört, wer »in ihm« lebt, der hat all diese Zwiespältigkeiten hinter sich, der lebt nicht mehr aus dem Protest und aus der Kritik, sondern der bringt mit sich das Leben, das Jesus so reichlich um sich herum verbreitet hat. Er feiert schon die Hochzeit von Himmel und Erde, die Versöhnung von Gott und Mensch. Er wird bewegt von der frischen Kraft Gottes, die wie ein warmer Wind im Frühjahr die Welt befreit aus der erstarrten Kälte des Winters, damit überall die Blumen blühen und das Leben neu beginnt.

Aber bevor das passieren kann, muss erst die Macht des Sündensystems gebrochen werden, das die Menschen von allen Seiten umklammert hält. Man sollte es nicht unterschätzen. Es ist wirklich eine schreckliche Macht. Die Sünde ist äußerst gründlich, sie drängt sich überall hinein, sie beschmutzt und besudelt alles, sie infiziert Große und Kleine, Reiche und Arme, Gottlose und Fromme. Sie kann sich jede Kraft und jede Gabe zunutze machen. Bevor diese Macht nicht gebrochen ist, ist es hoffnungslos, eine Alternative zu leben. Die Sünde würde auch die unterwandern und verderben.

Deshalb musste zunächst diese Macht des Verderbens den Todesstoß empfangen. Und das geschah ausgerechnet, als Jesus starb. Paulus hat diesen Zusammenhang im Römerbrief schon öfter thematisiert. Hier wird es wieder ein Stück klarer. Jesus, so sagt er, war der sündigen Menschheit gleich. Wie üblich sind diese Stellen ganz schwer zu übersetzen. Gemeint ist: Gott hat Jesus genau in diese Welt hinein geschickt, in der die Sünde alles infiltriert, wo uns alles dazu drängt, ein Werkzeug der Zerstörung und der Ungerechtigkeit zu werden. Man kann sich das in einem Bild klar machen, wenn man daran denkt, wie Jesus in der Wüste vom Teufel versucht wird. Diese Auseinandersetzung blieb ihm nicht erspart. Der ganze Druck, den die Sünde ausübt, die ganze Verlockung, mit der sie sich umgibt, das alles wirkte auch auf Jesus. Und in diesem Sinn war sein Tod am Kreuz die letzte und endgültige Versuchung. Da konzentrierte der Verderber noch einmal allen Schmerz, alle Drohung, alle Täuschung auf Jesus, so nach dem Motto: der muss doch klein zu kriegen sein. Den muss ich doch auch unter Kontrolle kriegen können.

Das ist an dieser Stelle gemeint: Gott hat es erlaubt, dass Jesus so wie jeder Mensch ins Fadenkreuz des Zerstörers kam. An Jesus kann man sehen, welche schreckliche Macht der entfalten kann. Jesu musste das auf sich nehmen, es ging nicht, ohne dass er ins Zentrum des Konflikts hinein ging und dabei den Tod fand. Diesen Preis musste er bezahlen, dieses Opfer musste er bringen, diesen Weg musste er auf sich nehmen.

Aber genau, als die Zerstörungsmächte sich bei ihm zu ihrer ganzen Brutalität entfaltet hatten, als sie ihr wahres Gesicht voll enthüllt hatten, da griff Gott zu und sprach ihnen ihr Urteil, er machte sie fertig, er ruinierte sie, er behielt das letzte Wort. Und zwar dadurch, dass Jesus nicht unter die Gewalt der Sünde kam, dass er sogar am Kreuz bis zum letzten Atemzug widerstand, dadurch, dass die Sünde ihn nicht infiltrieren und klein kriegen konnte. Sie konnten Jesus töten, aber sie konnten die Alternative, die er gelebt hat, nicht zerbrechen. Sogar seinen Henker hat er in den letzten Minuten seines Lebens noch beeindruckt. Und jetzt ist diese Alternative in der Welt, und sie kann nicht mehr zerstört werden. Das ist für die Macht des Bösen die ultimative Katastrophe.

Jetzt ist die Bahn dafür frei, dass Menschen in den Fußspuren Jesu gehen. Jetzt wissen wir, dass dort eine Lebensart verborgen ist, die dem Verderben überlegen ist. Wir haben unsere Mühe damit, sie zu lernen, das geht nur nach und nach, aber sie ist da und sie funktioniert. Von Jesus lernen heißt siegen lernen.

Und jetzt weht der Heilige Geist Gottes durch die Welt, und er ist nicht mehr auszusperren. Ja, das Böse hat immer noch Macht, es versucht immer noch, sich überall hineinzudrängen, ja, auch in das Volk Gottes. Aber in dieses eine Leben, das Leben Jesu, da kommt es nicht mehr rein, und in der Mitte jeder Gemeinde ist die Tür zu diesem Weg, den Jesus geht, und immer wieder lockt das Menschen an, und sie sagen: warum sollen wir nicht diesen Weg gehen? Da gibt es einen Bereich, in den der Böse seine dreckigen Finger nicht mehr reinbekommt, einen Teil der Welt, den er nicht mehr durchschaut, und der nie wieder vergehen wird.

Das Leben siegt.

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