Jan 082012
 

Predigt über Römer 5,1-11 am 05. Juni 2011 (Predigtreihe Römerbrief 12)

1 Gerecht gemacht aus Glauben, haben wir Frieden mit Gott durch Jesus Christus, unseren Herrn. 2 Durch ihn haben wir auch den Zugang zu der Gnade erhalten, in der wir stehen, und rühmen uns unserer Hoffnung auf die Herrlichkeit Gottes. 3 Mehr noch, wir rühmen uns ebenso in unserer Bedrängnis; denn wir wissen: Bedrängnis bewirkt Geduld, 4 Geduld aber Bewährung, Bewährung Hoffnung. 5 Die Hoffnung aber lässt nicht zugrunde gehen; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist. 6 Christus ist schon zu der Zeit, da wir noch schwach und gottlos waren, für uns gestorben. 7 Dabei wird nur schwerlich jemand für einen Gerechten sterben; vielleicht wird er jedoch für einen guten Menschen sein Leben wagen. 8 Gott aber hat seine Liebe zu uns darin erwiesen, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren. 9 Nachdem wir jetzt durch sein Blut gerecht gemacht sind, werden wir durch ihn erst recht vor dem Zorn Gottes gerettet werden. 10 Da wir mit Gott versöhnt wurden durch den Tod seines Sohnes, als wir noch (Gottes) Feinde waren, werden wir erst recht, nachdem wir versöhnt sind, gerettet werden durch sein Leben. 11 Mehr noch, wir rühmen uns Gottes durch Jesus Christus, unseren Herrn, durch den wir jetzt schon die Versöhnung empfangen haben.

Mit »Frieden« beginnt der ganze Abschnitt und mit »Versöhnung« endet er. Damit diese Begriffe für uns anschaulicher und lebendiger werden, möchte ich von einem älteren Herrn erzählen, den ich vor vielen Jahren besuchte. Im Lauf des Gesprächs fragte er mich: »Wissen Sie eigentlich, was mein Sohn macht? Ich habe gehört, dass er einen Anbau an seinem Haus plant.« Das Problem dabei war, dass dieser Sohn ein paar Häuser weiter in der selben Straße wohnte. Offensichtlich hatten Vater und Sohn über viele Jahre nicht mehr miteinander gesprochen, obwohl sie nur wenige Meter voneinander entfernt wohnten.

Ich habe nie erfahren, was das Problem zwischen den beiden war, und wer Schuld daran hatte, dass zwischen ihnen Funkstille eingetreten war. Aber ich stelle mir vor, dass es eine bedrückende Situation sein muss, Tag für Tag am Haus des anderen vorbei zu gehen, nicht von dem Gedanken an ihn loszukommen und immer wieder an diesen ungelösten Konflikt erinnert zu werden. Nicht einfach mal unbefangen hereinkommen zu können und »Hallo, wie geht’s« zu sagen. Offensichtlich ließ das den Vater so wenig los, dass er selbst die geringe Chance ergriff, von mir etwas über den Sohn zu hören, obwohl er sich damit mir gegenüber mir outete. Und weil ich beide mindestens flüchtig kannte, konnte ich mir gut vorstellen, dass dieser ungelöste Konflikt das Leben nicht nur des Vaters, sondern auch des Sohns überschattete.

Wenn wir uns ein wenig in dieses schwierige Verhältnis hineindenken, dann haben wir auch einen Zugang zu der traurigen Tatsache, dass viele Menschen in genau diesem Verhältnis zu Gott leben: sie reden nicht mit ihm, obwohl er nur ein paar Häuser weiter wohnt; aber sie kommen immer noch an seinem Haus vorbei und fragen sich manchmal, was da wohl vorgeht. Sie bezweifeln, dass es ihn gibt, und gleichzeitig beklagen sie sich, dass er sie schlecht und ungerecht behandelt.

Und weil uns Gott, der uns geschaffen hat, letztlich noch näher steht als ein leiblicher Vater (und wer das Wort »Gott« vermeiden möchte, der kann stattdessen auch sagen: unser Ursprung, unsere Bestimmung, oder das Prinzip unseres ganzen Lebens), deswegen betrifft ein Konflikt mit ihm nicht nur einige Bereiche des Lebens, sondern alle. Wenn es tatsächlich so ist, dass viele Menschen mit ihrem Ursprung, ihrer Wurzel, ihrer Bestimmung, eben: mit Gott nicht im Reinen sind, wenn viele Menschen so eine Art Gottesallergie entwickelt haben, dann sollten wir erwarten, dass es in vielen Bereichen der Welt, sozusagen an allen Ecken und Enden, Unfrieden, ungelöste Konflikte, verbissenen Ärger, Machtspiele und Sprachlosigkeiten gibt, dass da gebissen und beschuldigt wird. Und – Überraschung! so ist es ja tatsächlich. Das Managen von Spannungen jeder Art, im Großen wie im Kleinen gehört heute zu unserem täglichen Brot, egal ob wir Eltern, Ehepartner, Kollegen oder Bundeskanzlerin sind.

Und wenn wir an die Neonazis gestern in Peine denken, dann können wir auch sagen: es gibt erschreckenderweise ganze Bewegungen, die die Unversöhntheit ins Zentrum gerückt haben, die sie propagieren und sie sozusagen feiern.

Mitten in dieser Welt voller Verwerfungen sagt Paulus: aber wir nicht! Es gibt eine Art zu leben, die das hinter sich lässt, weil wir am zentralen Punkt befriedet sind, weil wir Frieden mit Gott haben. Und zwar durch Jesus Christus: denn zwischen Gott und Jesus stand nichts, gar nichts, und Jesus nimmt uns mit hinein in diesen heilen Bereich. Paulus redet aus diesem heilen Bereich heraus, er redet mit der Erfahrung im Rücken, dass es ein Leben gibt, das gefüllt ist von dem erfrischenden, belebenden Wind der göttlichen Gegenwart. Er beschreibt einen Raum der Gnade, in den wir jederzeit eintreten können, um unser Herz aufleben zu lassen, so wie manche einen Kirchenraum betreten und dort mit einem Frieden in Berührung kommen, den sie sonst schmerzlich vermissen. Aber dieser Bereich, von dem Paulus spricht, der ist überall offen, dafür braucht man keine speziellen heiligen Räume, sondern die Tür zu diesem Raum kann man überall finden. Es ist der Raum, der durch eine freundschaftliche, nahe, warme Beziehung zu Gott geöffnet wird, wie Jesus sie hatte, und die er mit uns teilt.

Und das gibt uns einen Vorgeschmack darauf, wie es sein muss in der neuen Welt Gottes, wo all der Streit und die schwelenden Konflikte und Sprachlosigkeiten keinen Raum mehr haben. Wir haben jetzt schon die Perspektive auf die Neue Welt, in der Gott wieder auf Erden wohnen wird, so wie er ganz am Anfang bei den Menschen des Paradieses einfach mal so auf eine Tasse Kaffee im Garten hereinkam.

Aber damit es nicht so aussieht, als ob das eine Schönwetter-Theologie wäre, ein kulturell-religiöses Sahnehäubchen für erhebende Feiertage, fügt Paulus gleich hinzu: und das ist uns Freude und Trost gerade, wenn wir unter Druck geraten. Druck, »Bedrängnis«, wie es hier heißt, den hatte Paulus sein Leben lang, damit war er vertraut, das war sein Spezialgebiet. Und deshalb beschreibt er, auf welchem Weg Druck einen eben nicht zerstört, sondern wie Druck einen zu einem freundlicheren, positive­ren, zuversichtlicheren Menschen machen kann.

Wir können ja sonst oft das Gegenteil erleben: wie Menschen unter Druck immer härter und verbissener werden, wie sie ihre schlechten Erfahrungen vor sich her tragen und immer noch genau wissen, wer ihnen wann was Böses getan hat. Paulus sagt: Aber wenn du Gott im Rücken hast, dann passiert das Gegenteil: dann wirst du unter Druck geduldiger. Du hast nicht das Gefühl, du musst alles haben, und zwar sofort. Du hast ja deinen Raum des Friedens, in den du immer wieder gehen kannst. Du lernst, mit dem Druck zu leben, ohne dass er dich verhärtet. Wolf Biermann, der Dicher und Bürgerrechtler aus der ehemaligen DDR, hat noch zu DDR-Zeiten in seinem Lied davor gewarnt:

»Du lass dich nicht verhärten in dieser harten Zeit. Die allzu hart sind brechen, die allzu spitz sind, stechen und brechen ab zugleich.«

Wenn du anfängst, zu ahnen, wie lange Gott schon geduldig darauf wartet, dass diese Welt wieder in die Spur kommt und all die schwelenden Konflikte hinter sich lässt, dann bewahrt dich das davor, hart und spitz zu werden. Du bekommst mindestens einen kurzen Blick auf die Geduld Gottes, und das macht dich selbst langmütig und ausdauernd, und dann wirst du bewährt, du lässt dich nicht mehr von jedem Problem gleich umhauen. Du bist nicht mehr eine abgeschnittene Blume, die vertrocknet, wenn die Vase leer ist, sondern ein Baum, der Wurzeln bis zum Grundwasser hat. Und wenn man das immer wieder erlebt hat, dann wächst daraus eine gesunde Zuversicht, eine Hoffnung, eine gewisse Unbekümmertheit, die sich nicht umhauen lässt, wenn mal wieder irgendein Unwetter am Horizont aufzieht. Und so entwickelt man ein Vertrauen darauf, dass Gott auch den Unfrieden in der Welt, auch Konflikte und Druck dazu nutzen kann, uns zu wahren Menschen zu machen, zu der Art von Mensch, zu der wir bestimmt und gerufen sind. Wie beim Ju-Jutsu nutzt Gott die Energie des Angreifers, um etwas Gutes und Hilfreiches zu erreichen.

Aber wie beim Ju-Jutsu funktioniert das nur, wenn man die Tricks kennt. Deswegen erinnert Paulus ganz am Anfang an den Glauben. Glaube, Bindung an Jesus, das ist sozusagen der »Trick«, der es möglich macht, dass wir auch unter Angriff nicht verhärten, sondern ein größeres und weiteres Herz bekommen. Aber wir merken vielleicht, dass es gerade nicht um einen schnellen Trick geht, so wie das echte Ju-Jutsu ja auch nicht eine Sammlung von Tricks, sondern eine Lebenshaltung ist, die man in einem langen Prozess erwirbt. Und hier im Kapitel 5 beginnt Paulus, diese Lebenshaltung von innen heraus zu beschreiben. Mindestens bis Kapitel 8 wird er dafür brauchen, und erst in Kapitel 12 und 13 wird er die Früchte ernten. So wie ein Künstler immer wieder an einer Skulptur oder einem Gemälde arbeitet oder ein Schriftsteller die Figuren eines großen Romans immer weiter formt und entwickelt, so entwickelt Paulus im Römerbrief seine Gesamtsicht auf christliches Leben.

Und es könnte sein, dass mancher darüber den Mut verliert und sich fragt: wie lange dauert das denn noch? Im Römerbrief und in meinem Leben? Und, äh, so ganz viel von dieser Geduld ist bei mir nun wirklich noch nicht angekommen. Glaube ist der Anfang, o.k., aber wie wird das Ende sein? Es gibt auch Hoffnung, die enttäuscht wird, leere Hoffnung, trügerische Hoffnung. Hoffnung muss eine Realität haben, die ihr entgegenkommt.

Deshalb redet Paulus darüber, dass Gott doch das Größte schon getan hat: er hat dafür gesorgt, dass es schon einen wahren Menschen gegeben hat, einen, der ganz nach Gottes Herzen war, Jesus, der sich auch unter den Bedingungen dieser grausamen Welt nicht verhärten ließ, selbst dann nicht, als er am Kreuz zu Tode gefoltert wurde. Und seine verwegene Hoffnung, dass Gott treu ist, die ist nicht enttäuscht worden, Gott ließ ihn auferstehen.

Und Paulus sagt: wird Gott jetzt noch aufgeben? Das ist wäre so, als ob ein Bergsteiger sich durch Eis und Fels eines Bergriesen bis kurz unter den Gipfel vorarbeitet, und dann, als er beinahe angekommen ist und nur noch ein paar Schritte gehen muss, bricht er auf den letzten Hundert Metern den Aufstieg ab. Das kann doch nicht sein! Gott hat den Durchbruch geschafft, der eine wahre Mensch, der eine treue Israelit, ist tatsächlich gekommen. Gott hat schon immer darauf hingearbeitet. Und dann haben sich Menschenherzen dafür geöffnet, ihre Verhärtung ist überwunden worden, ihre Trägheit ist in Bewegung gekommen, und jetzt sollte Gott das Ganze kurz vor dem Ziel abbrechen?

Jesus ist zu uns gekommen, hat für uns gelebt und ist für uns gestorben und Gott hat ihn für uns auferweckt, als wir noch Feinde Gottes waren, als wir noch unter der Gottesallergie litten, als wir ihm den Rücken gekehrt hatten und dachten, das müsste so sein. Und jetzt, wo wir uns mit ihm verbunden haben, wo wir diesen Raum des Friedens jedenfalls schon geschmeckt haben, da sollte er sein Werk nicht zu Ende führen? Das ist nicht denkbar. Die Liebe Gottes, die in Jesus Gestalt angenommen hat, ist durch den Heiligen Geist in unseren Herzen angekommen. Die entscheidenden Grundsteine sind gelegt. Und deswegen preisen wir Gott für das, was er schon getan hat und für das, was er noch tun wird. Das gehört zusammen.

Uns so kann auch unter Menschen Frieden und Versöhnung einziehen. Gut, dazu gehören immer zwei, aber wir können aus diesem versöhnten Raum heraus leben und sind davon befreit, zu verhärten, zu stechen – und dann am Ende zu brechen.

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