Jan 052012
 

Predigt am 25. Dezember 2011 (Weihnachten I) zu Johannes 3,31-36

31 Der, der von oben kommt, steht über allen. Wer von der Erde ist, gehört zur Erde und redet aus irdischer Sicht. Der, der vom Himmel kommt, steht über allen. 32 Er verkündet das, was er gesehen und gehört hat, aber keiner nimmt seine Botschaft an. 33 Doch wer seine Botschaft angenommen hat, hat damit bestätigt, dass das, was Gott sagt, wahr ist. 34 Denn der, den Gott gesandt hat, verkündet Gottes eigene Worte; Gott gibt den Geist in unbegrenzter Fülle. 35 Der Vater liebt den Sohn und hat alles in seine Hand gelegt. 36 Wer an den Sohn glaubt, hat das ewige Leben. Wer dem Sohn nicht gehorcht, wird das Leben nicht sehen; der Zorn Gottes bleibt auf ihm.«

Normalerweise liegt bei uns das Schwergewicht zu Weihnachten auf Gottes Nähe und Liebe: dass er in Jesus zu uns gekommen ist. Hier in diesem Abschnitt aus dem Johannesevangelium wird stärker der Abstand betont, die Differenz: trotz allem ist Jesus hier unter uns ein Fremder. Er repräsentiert Gottes Welt, den Himmel, und der ist so ganz anders als unsere Lebenswelt. Der Himmel ist – ja, eben, wie ist er? Es gibt da kein Misstrauen, und es gibt nicht die Feindschaft, die aus dem Misstrauen erwächst, es gibt nicht die Barrieren, die Sicherheitsmaßnahmen, die Abwehrmechanismen, mit denen wir uns umgeben, weil wir die nicht unberechtigte Angst haben, dass uns sonst übel mitgespielt würde.

Es ist für uns beinahe unmöglich, uns so ein Leben vorzustellen, weil wir es fast immer anders erleben. Wir können vielleicht sagen: so ist es nicht – aber wie ist es denn? Und selbst dieses »so ist es nicht« – können wir das tatsächlich begreifen? Uns vorstellen, wie ein Leben aussehen würde, ohne Misstrauen, ohne Angst, ohne Sorgen, ohne den Gedanken: »hoffentlich reicht es auch für mich! Hoffentlich ist da auch für mich ein Platz!«

Dieses Grundgefühl, dass es für uns nicht reichen könnte, dass wir in Gefahr sind, wenn wir uns nicht kümmern, dass wir bedroht sind, wenn wir uns nicht wehren können – das steckt so tief in uns drin und prägt unser ganzes Denken auf einer sehr tiefen Ebene, aber es fällt uns höchstens auf, wenn jemand es ein bisschen übertreibt. Dieses Grundgefühl, dass die Welt ein bedrohlicher Ort ist und dass wir uns wappnen müssen, das ist für uns so grundlegend, dass es uns genauso wenig auffällt, wie einem Fisch das Wasser auffällt.

Ich habe mal die Theorie von einem Historiker gelesen, dass hier in Europa die große Pest von 1350 das Lebensgefühl der Menschen für Jahrhunderte geprägt hat. Europa hat damals wahrscheinlich ein Drittel seiner Menschen verloren, manche Landstriche wurden fast völlig entvölkert. Und das, so schrieb er, hätte dazu geführt, dass die Menschen das Vertrauen in die Welt verloren hätten und von da an alles getan hätten, dass ihnen so etwas nie wieder passiert, und er führt sogar die ganze Entwicklung der Neuzeit mit Technik und Wissenschaft auf diesen Schock des massenhaften Sterbens zurück.

Ich weiß nicht, ob die Theorie stimmt, aber es könnte ja sein, und dann wäre das ein Beispiel dafür, wie das Denken ganzer Generationen von so einem Erlebnis in eine ganz neue Richtung gelenkt worden ist, und auch unser Lebensgefühl heute wäre noch davon beeinflusst, aber wir wüssten gar nichts mehr davon, für uns wäre es das Normale, das Selbstverständlich und Vertraute, wir können uns gar nicht vorstellen, dass es anders sein könnte, aber in Wirklichkeit ist es nicht selbstverständlich, es hätte auch ganz anders kommen können.

Und wenn Jesus ein Mensch wird und zu uns kommt, dann ist es, als ob er einer wäre, der diese Vorgeschichte nicht mitgemacht hat und sich jetzt wundert, wie sie hier alle denken. Nur in solchen Vdass wir ergleichen und Gedankenexperimenten kann man eine Ahnung davon bekommen, wie es für Jesus gewesen sein muss, hier unter Menschen zu leben. Wie er sich fremd gefühlt haben muss unter uns, aber nicht in dem Sinn, dass er sich einsam und allein gefühlt hat. Er hatte ja seinen Vater im Himmel, mit dem er immer verbunden war. Aber er hat die ganze Zeit über gesehen, wie wir töricht und ungeschickt und zerstörerisch durch die Welt gehen. So als ob du jemanden mit verbundenen Augen durch einen Porzellanladen gehen siehst, und du kannst die Katastrophen alle kommen sehen. Aber du kannst sie nicht stoppen, weil er denkt, das müsste so sein.

Oder du hörst einen reden, und er erzählt immer wieder die gleiche alte Geschichte, mit größter Inbrunst und Überzeugung, und für ihn macht das Sinn, er hat das Gefühl, er müsste diese Erfahrung mit jedem teilen. Aber du siehst, dass er in Wirklichkeit einfach nicht loskommt von seiner Enttäuschung, dass er gefangen ist in seinen traurigen Erinnerungen und sich immer tiefer da rein wühlt. Und trotzdem kannst du es nicht ändern, du kannst ihm nicht begreiflich machen, dass es besser wäre, sich nicht von der traurigen Vergangenheit auch noch die Gegenwart verdunkeln zu lassen. Du kriegst ihn nicht heraus aus der Gefangenschaft in seinen alten Enttäuschungen.

So ist Jesus mit diesem größeren, weiteren Blick zu uns gekommen. Er weiß, wie die Welt wirklich zusammenhängt. Er weiß, wie Menschen funktionieren. Er weiß, wie das Leben gelingt. Er weiß es besser als jeder andere. Er hat die Perspektive vom Himmel her. Aber keiner hört auf ihn, weil das alles so unwahrscheinlich und ungewohnt klingt. Selig sind die Armen, liebe deine Feinde, wenn du glaubst, ist dir alles möglich – das klingt alles so fremd, so unmöglich, so unrealistisch. Aber es klingt nur deshalb so fremd, weil unser Blick eingeschränkt ist und wir die große Welt nicht so sehen, wie Jesus sie sieht.

Deswegen stößt Jesus auf Ablehnung, weil es für viele völlig verrückt klingt, was er sagt. Es steht quer zu ihren Erfahrungen, es klingt utopisch, weltfremd und unrealistisch. Und in Wirklichkeit ist Jesus der einzige Realist unter lauter Traumtänzern.

Und wir kennen von ihm einige Aussprüche, die zeigen, wie traurig und enttäuscht ihn das manchmal gemacht hat: wenn seine Jünger wieder und wieder in ihren alten Denkvoraussetzungen gefangen blieben, wenn die Elite seines Volkes ihn hartnäckig ablehnte, wenn er sah, dass sie alle miteinander ins Verderben liefen.

Aber irgendwie ist es ihm doch gelungen, einigen die Augen zu öffnen. Irgendwie ist es ihm doch immer wieder gelungen, Menschen aus ihrer engen Weltsicht zu befreien. Und dann änderten sie ihre Richtung und sahen die Welt neu, sie hörten auf, immer wieder ihre alten Stories vor sich hin zu murmeln, sie gingen auf einem neuen Weg, und mit jedem Schritt, den sie taten, wurden sie freier und sahen die Welt immer klarer aus der Perspektive Jesu. Irgendwie waren dann doch Menschen da, die es bestätigten: ja, so passt es alles viel besser zusammen, so fühlt sich das Leben besser an, sinnvoller, freier, und wir verstehen gar nicht, wie wir das früher aushalten konnten, als wir noch auf die alte Weise gelebt haben.

Es ist ganz schwer, das Menschen zu erklären, die so etwas nie erlebt haben. Und noch viel schwerer ist es, andere nicht nur verstandesmäßig zu erreichen, sondern es so zu tun, dass sie sich davon auch noch etwas für sich selbst versprechen. Deswegen fehlt in unserem Abschnitt aus dem Johannesevangelium nicht der Hinweis auf den Heiligen Geist. Der Heilige Geist ist sozusagen verantwortlich für den Schubs, den einer bekommen muss, damit er seine alte Weltsicht loslässt und sich auf eine neue einlässt.

Natürlich wird das durch alles Mögliche vorbereitet: man ist unzufrieden mit dem Alten und spürt die Begrenzungen, man merkt, dass da etwas nicht mehr passt. Aber dass einer schließlich den Schalter umlegt und sich auf eine ganz neue Sichtweise einlässt, das kann man nicht erzwingen, dafür braucht er doch irgendwie eine Schubs, und dafür sendet Gott den Heiligen Geist, der innen in den Menschen arbeitet und sie umdreht.

So kommt Jesus uns ganz nahe und bleibt zum Glück doch ein Fremder in der Welt, die wir uns hier eingerichtet haben. Der Druck, sich an unsere Regeln anzupassen, war gewaltig. Alle, die versuchten, ihn mit Fangfragen in eine Falle locken, wollten eigentlich nur eins: ihn so durcheinanderbringen, dass er an seinem Weg irre würde. Ihn irgendwie zurückholen in unseren begrenzten Horizont. Und seine Kreuzigung war der Versuch, ihn mit der allerschlimmsten Gewalt davon zu überzeugen, dass sein Weg falsch ist und dass er das bitteschön endlich einsehen möge. Sie wollten die Alöternative zerstören, seinen Blick auf die Welt. Aber Jesus starb so, wie er gelebt hatte, und Gott erweckte ihn von den Toten und bestätigte seinen Weg und seine Sicht der Welt.

Zu unserem Glück hat er sich nicht an uns angepasst. Zu unserem Glück ist er ein Fremder geblieben, obwohl er sich mit Haut und Haar auf unsere Welt eingelassen hat. Die ganze Weihnachtsfolklore, die Jesus auf ein niedliches Baby reduziert, ist ein Versuch, diese Andersheit zu überdecken und ihn nachträglich in unsere Denkweise einzupassen. Aber das macht uns nur zu desillusionierten Leuten, die immer wieder ihre alten Geschichten erzählen, die keiner mehr hören kann. Die ewig ihr altes Mantra vor sich hin murmeln und darüber immer begrenzter und starrsinniger werden.

Vielleicht hat es Sie vorhin gewundert, dass ausgerechnet ein Bibeltext für einen Weihnachtsgottesdienst damit endet, dass er vom Zorn Gottes spricht. »Wer dem Sohn nicht gehorcht, wird das Leben nicht sehen; der Zorn Gottes bleibt auf ihm.« Aber denken Sie sich jemanden, der immer wieder die alten Geschichten von Enttäuschung und Verbitterung erzählt, von dem Unrecht, das ihm angetan worden ist, von der Welt, die eigentlich ganz anders sein müsste, und mit dem keiner gerne reden mag außer denen, die genauso enttäuscht sind. Das ist ein Bild dafür, was damit gemeint ist, dass einer »unter dem Zorn Gottes bleibt«. Er bleibt in seiner Gefangenschaft, obwohl gleich neben ihm die Freiheit auf ihn wartet.

Aber wer auf Jesus hört und sich von ihm die Augen öffnen lässt für das neue Leben, das er bringt, der hat das ewige Leben: starkes, freies, unzerstörbares Leben, das vom Tod nicht mehr erreicht wird, weil es den Geist Gottes atmet. Jesus hat sich so weit, wie es irgend ging, auf uns eingelassen, ist uns so nahe gekommen, wie nur irgend möglich: damit er diese Perspektive des Himmels zu uns bringen kann, die uns rettet.

Und deshalb können wir zurückblicken auf zerrissene Ketten, können uns freuen, dass unser begrenzter Blick geweitet wurde, wir danken dafür, dass für uns Jesus nicht der Spinner und Traumtänzer ist, sondern der Gesandte seines Vaters, der uns zeigt, wie die Welt wirklich ist, der Fremde, der aus der Ferne zu uns kommt und uns die Wahrheit bringt, auf die wir von uns aus nie kommen würden. Der Fremde, der auch uns zu Fremden macht in einer Welt voller Gewalt und Lüge.

Der Himmel kommt zu uns, das ist die eine Hälfte der Botschaft von Weihnachten. Aber er passt sich nicht an uns an, er bleibt der Himmel. Das ist die andere Hälfte, und beides zusammen ist das Evangelium.

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