Nov 072011
 

Predigt zu 1. Könige 3,5-28 am 6. November 2011

Wir haben hier auf dem Titelbild des Gottesdienstes zwei ganz unterschiedliche Weise dargestellt: ein Bild vom weisen König Salomo und eins vom weisen Yoda, einem der Sympathieträger aus der Filmreihe »Krieg der Sterne«. Anscheinend hat Weisheit zu allen Zeiten fasziniert: dass manche Menschen ein sehr weites Feld von Zusammenhängen überblicken können. Aber wir wissen es alle spontan: es geht dabei nicht um eine Menge an Informationen. Nein, es geht bei der Weisheit darum, das Wesentlich zu sehen, tiefer zu sehen, verborgene Zusammenhänge zu entdecken.

Aber selbst das ist noch nicht alles, was zur Weisheit dazugehört. Um ein Weiser zu sein, muss man vor allem sich selbst kennen. Weise ist nur der, der einen Abstand wahren kann zu sich selbst, der es schafft, sich nicht von seiner Furcht leiten zu lassen, der selbst offen genug ist, um die Dinge unverstellt anzusehen, statt sie sich mit Macht zurechtzubiegen. Weise ist der, der demütig ist.

Lassen Sie uns in einem kleinen Filmclip anschauen, wie das aussieht. Es ist ein Ausschnitt aus der ersten Episode der Star Wars-Reihe. Da steht ein kleiner Junge, Anakin Skywalker, vor dem Rat der Jedi. Wer die Filme kennt, der weiß, dass dieser Junge eines Tages als Lord Vader sehr viel Unheil über die Galaxis bringen wird. Hier ist das noch kaum zu spüren, aber ein Weiser kann das schon ahnen.
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»Furcht ist der Weg zur dunklen Seite« sagt der weise Yoda. »Furcht führt zu Wut, Wut führt zu Hass, und Hass führt zu unsäglichem Leid«. Man kann an diesen Worten sehen, wie Weisheit funktioniert: da hat einer in einem langen Leben viel gesehen. Aber er hat es auch geschafft, da eine Erfahrung herauszudestillieren: Menschen lassen sich von ihrer Furcht verführen, ein falsches Selbst voller Wut und Hass aufzubauen. Sozusagen eine psychische Rüstung, von der sie sich versprechen, beschützt zu werden und keine Schmerzen mehr spüren zu müssen. Aber gerade so vermehren sie das Leid.

Und weil der Weise das nicht nur weiß, sondern weil er es auch in selbst entdeckt und dann überwunden hat, deshalb kann er es auch an anderen sehen und in aller Ruhe benennen. Er lässt sich nicht von der Furcht anstecken, weil seine Perspektive weiter ist, weil sein Horizont nicht auf seine unmittelbaren Empfindungen begrenzt ist. Er kann die Dinge stärker so sehen, wie sie wirklich sind.

Vom weisen König Salomo gibt es die berühmte Geschichte, wie zwei Frauen zu ihm kommen und sich um ein Kind streiten. Beide wohnen zusammen, beide haben ein Kind geboren, eins davon ist gestorben, und beide behaupten, das überlebende Kind wäre ihres. Das ist eine brenzlige Situation für den König, denn dieser Streit ist eigentlich nicht zu entscheiden, es steht Aussage gegen Aussage, DNA-Tests gab es noch nicht, und er muss entweder ein Willkürurteil fällen oder zugeben, dass er überfordert ist.

Stattdessen lässt er sich sein Schwert bringen und entscheidet, man möge das Kind einfach in zwei Hälften teilen und jeder Frau eine Hälfte geben. Die eine Frau ist damit einverstanden, die andere aber nicht – sie verzichtet auf ihre Hälfte, damit das Kind lebendig bleibt. Und daraufhin entscheidet der König, dass das die wahre Mutter ist, weil sie das Kind wirklich liebt.

Das ist das berühmte Salomonische Urteil: ein Urteil, das so offensichtlich überzeugend ist, weise ist, dass niemand etwas dagegen sagen kann. Wie schafft es einer, dass ihm so etwas im richtigen Moment einfällt?

Ich glaube, dass man dafür tatsächlich ein gewisses Maß an Lebenserfahrung braucht. Man muss erst einmal über längere Zeit die Menschen beobachtet haben, bis man versteht, wie sie ticken. Oberflächlich gesehen ist die Strategie der falschen Mutter ja völlig logisch und unangreifbar: wenn sie behauptet, das überlebende Kind sei ihres, dann hat sie mindestens eine 50%-Chance, das Kind zu bekommen. Ihre Chance ist genauso groß wie die der echten Mutter. Die beiden gleichen sich sozusagen wie ein Ei dem anderen. Aber wer weise ist, der blickt dahinter, auf die Motive der Menschen, und in ihren Motiven unterscheiden sich die beiden Frauen. Daran kann der König sie packen. Er muss nur noch ein Szenario herstellen, in dem diese Motive ganz offensichtlich werden.

Um diese Kreativität zu entwickeln, darf der König sich nicht fürchten. Wenn in ihm die Angst aufsteigt, sich zu blamieren, dann wird er das Einfache tun und willkürlich entscheiden, nur um sich als Mann der Tat zu präsentieren, als energischer Entscheider. Tatkraft demonstrieren, auch wenn man ratlos ist.

Aber Salomo hat ein einschneidendes Erlebnis hinter sich. Gott ist ihm im Traum erschienen und hat ihm gesagt: du hast einen Wunsch frei!. Nun, was hätten Sie sich ausgesucht? Salomo antwortete: gib mir ein gehorsames Herz, damit ich dein Volk richten kann und verstehe, was gut und böse ist. Und Gott erfüllte ihm den Wunsch. »Siehe, ich gebe dir ein weises und verständiges Herz« sagte er zu ihm. So wurde Salomo weise.

Diese Geschichte soll uns natürlich nicht sagen, dass man Weisheit nur per Vision bekommt. Sie sagt etwas darüber, zu welchen Bedingungen Weisheit zu erwerben ist.

In der Bibel wird Weisheit gleichgesetzt mit einem gehorsamen Herzen. Und in dem Wort Gehorsam steckt ja »Hören« drin. Weisheit bekommt man, indem man hört. Wir sind alle normalerweise viel mehr mit Reden beschäftigt: entweder wir reden anderen die Ohren voll, oder wir erzählen uns selbst immer wieder das, was wir sowieso schon wissen. Aber so wird man nicht weise. Die Weisen aller Kulturen sind sich einig, dass man Hören lernen muss, um weise zu werden. Du musst den Menschen zuhören, um zu verstehen, wie sie ticken. Du musst verstehen, von welchen Motiven sie bewegt sind, nur so kannst du richtig mit ihnen umgehen. Nur wenn du geduldig auf die Menschen hörst, dann entdeckst du nach und nach die bleibenden Muster in ihrem Verhalten.

Und so haben die Weisen Israels einen großen Schatz an Erfahrungswissen zusammengetragen und zu Sprichwörtern geformt. In jeder Generation kam wieder etwas dazu. Und so haben wir in den Sprichwörtern der Bibel, dem Buch der Sprüche, einen großen Schatz von Beobachtungen über Beruf und Familie, über Arbeitsmoral und den Umgang mit Untergebenen und Vorgesetzten, über Geld und Politik. Und immer wieder hören wir dazwischen die Mahnungen der Weisen: bleib entspannt, ereifere dich nicht, vertraue Gott und der Welt, lass dich nicht zu Zorn oder Gier hinreißen, denk nach, bevor du redest, bleib bescheiden, prahl nicht rum, versuch nicht, etwas mit List und Gewalt hinzutricksen, das funktioniert nicht.

Übrigens: was vom Hören auf die Menschen gilt, das gilt genauso für die ganze Schöpfung. Auch die Schöpfung hat eine Stimme, und es ist für unser Überleben gerade heute entscheidend, dass wir lernen, auf die Stimme der bedrohten Schöpfung zu hören. Auch in Bezug auf die Schöpfung tricksen wir zu viel mit Gewalt rum, wir spannen sie für unsere Zwecke ein und plündern sie aus, aber wir verstehen sie nicht und hören ihr nicht zu. Einer der Erfinder der naturwissenschaftlichen Methode hat das so beschrieben: wir holen die Natur in die Folterkammer unserer Experimente und pressen ihr ihre Geheimnisse ab. Viel treffender kann man es nicht beschreiben. So gehen wir mit der Natur um. Aber so entsteht keine Weisheit. So hören wir nur das, was wir hören wollen, aber die Natur kann nicht mit ihrer eigenen Stimme sprechen.

Und all dieses Nicht-Hören ist die Folge von mangelndem Vertrauen. Weil wir nicht glauben, dass Gott uns eine gute Schöpfung gegeben hat, durch die er uns versorgen wird, deshalb versuchen wir, der Schöpfung ihre Gaben abzupressen. Weil wir nicht glauben, dass die Menschen uns freiwillig genug Beachtung, Zuwendung und Liebe geben werden, deswegen versuchen wir, sie zu manipulieren und zu zwingen. Furcht ist der Anfang von allem Bösen: Furcht führt zu Gier, Furcht führt zu Arroganz, und beide führen zu Gewalt.

Und deswegen geht es bei Salomo tatsächlich nicht nur darum, dass er ein hörendes Herz bekommt, sondern auch ein gehorsames Herz. Ein Herz, dem es vor allem und in erster Linie darauf ankommt, dass wir Gottes Willen verstehen und tun.

Denn es gibt in der Weisheit einen Grundsatz: Die Furcht des Herrn ist der Anfang der Weisheit. Das klingt für unsere modernen Ohren brutal, und empfindsame Seelen werden sagen: aber wir wollen uns doch vor Gott nicht fürchten, wir haben doch einen lieben Gott, und dieser Drohgott, vor dem man sich fürchten muss – o nein, den mag ich gar nicht!

Die Weisheit ist aber so realistisch, zu wissen, dass wir irgendetwas sowieso immer fürchten. Und dann ist es besser, wir fürchten uns vor Gott, als wir fürchten uns vor Menschen. Wenn ich Gott fürchte, dann habe ich vor nichts anderem mehr Angst. Wenn meine einzige Sorge ist, ob Gott Ja sagt zu dem, was ich tue, dann ist nicht mehr wichtig, was Menschen dazu sagen. Dann bin ich nicht mehr von Furcht beherrscht. Und dann kann ich anfangen, die Dinge so zu sehen, wie sie wirklich sind. Ich muss sie nicht mehr hinbiegen, sondern ich kann mich ihnen anvertrauen. Ich bin demütig genug, Gott zu vertrauen, dass er sich etwas dabei gedacht hat, als er die Welt so einrichtete.

Das ist so eine Art Grundvertrauen in die Welt. Ich muss mich nicht mehr abschotten gegen die Gefahr da draußen, sondern ich kann mich öffnen für das, was mich da erwartet. Jesus hat sogar gesagt: du sollst auch deine Feinde lieben, selbst die sind nicht mehr so bedrohlich, dass du sie bekämpfen müsstest.

Tatsächlich hat sich die Weisheit Jesu vor allem angesichts von Feinden bewährt. Immer wieder kamen Menschen zu ihm und haben versucht, ihn mit Worten irgendwie fertig zu machen. Wenn man sich anschaut, wie er da nie in Panik kommt, sondern mit ein paar weisen Sätzen allen die richtige Antwort gibt, so dass sie am Ende nichts mehr sagen können – das ist schon salomonisch im besten Sinne – eben mehr als salomonisch.

In Jesus begegnen wir einer Weisheit, in der Wissen und Liebe nicht mehr getrennt sind, sondern verbunden. Wir denken, das wären zwei Dinge: auf der einen Seite die Kenntnis von Sachverhalten und auf der anderen Seite die Gestimmtheit unseres Herzens, die Bewertung, die wir den Sachverhalten geben. Aber in Wirklichkeit gehört das zusammen und hängt voneinander ab. Wenn du etwas liebst, sieht es anders aus, als wenn du es mit „neutralem“ Blick untersuchst. »Furcht ist nicht in der Liebe« heißt es bei Johannes. Erst wenn einer sich befreit worden ist von der Furcht, wenn er seinen Panzer aus Arroganz, Abwehr, Machtgelüsten und Beutementalität ablegt, erst dann hat die Liebe bei ihm genügend Raum, um dauerhaft zu bleiben. Und erst dann ist er so weit, dass er die Welt und die Menschen kennen kann, dass er weise wird und als weiser Mensch handelt.

Und solchen Menschen, die ein gehorsames Herz haben, wird die Schöpfung gehorchen.

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