Okt 122011
 

Predigt zu Matthäus 13,31-32 am 9. Oktober 2011

In diesem Gottesdienst wurde die Konfirmandengruppe (Konfirmationsjahrgang 2012) zum Abendmahl zugelassen.

31 Jesus erzählte ihnen ein weiteres Gleichnis und sagte: Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Senfkorn, das ein Mann auf seinen Acker säte. 32 Es ist das kleinste von allen Samenkörnern; sobald es aber hochgewachsen ist, ist es größer als die anderen Gewächse und wird zu einem Baum, sodass die Vögel des Himmels kommen und in seinen Zweigen nisten.

Ein Senfkorn ist tatsächlich ziemlich klein, und für Jesus war es ein Bild dafür, wie Gottes Wege in der Welt laufen: aus etwas ganz Kleinem und Unscheinbaren wird etwas ganz Großes. Wir können uns das gar nicht vorstellen, wir denken normalerweise: »viel hilft viel«, aber Gott arbeitet anders. Gott fängt klein an und lässt die Dinge wachsen. Oder, andersherum gesagt: in den kleinen Anfängen steckt schon das Große drin, das Gott vor hat. Und es wird zu seiner vollen Größe wachsen, so wie aus dem Senfkorn eine große Pflanze wird.

Jesus konnte im kleinen Anfang das sehen, was Gott hineingelegt hatte, und er erzählt uns dieses Gleichnis, damit wir auch solche klugen Augen bekommen. Wenn wir das Abendmahl verstehen wollen, brauchen wir solch einen Blick, weil auch das Abendmahl ein kleiner Same ist, aus dem etwas Großes wächst.

Man muss sich das mal vorstellen: bevor er mit seinen Jüngern zum ersten mal Abendmahl feierte, war Jesus drei Tage im Tempel, und der war wirklich ein gewaltiges Bauwerk. Im Johannesevangelium wird einmal gesagt, dass es 46 Jahre gedauert hat, bis er fertig war. Heute noch steht die gewaltige Tempelmauer in Jerusalem, die Klagemauer, 18 Meter ist sie hoch, gewaltige Steinblöcke sind aufeinander getürmt, und die Menschen, die dort beten, sehen winzig aus dagegen. Und dabei ist das noch nicht einmal ein Rest vom Tempel selbst, sondern nur ein Stück vom Sockel, auf dem der eigentliche Tempel sich erhob. Das war eine Anlage, die Platz für Tausende, nein, für Zehntausenden von Menschen hatte. Hunderte von Priestern waren dort an großen Feiertagen im Einsatz. Die Pracht des Bauwerks und der Zeremonien muss überwältigend gewesen sein. Aus diesem riesigen Bauwerk kam Jesus, und dann geht er mit seinen Jüngern in irgendein Haus in Jerusalem, er und zwölf Jünger, 13 Leute insgesamt, einer davon ein Verräter, und sie feiern das erste Abendmahl Jesu. 12 Stunden später wird er gekreuzigt und 18 Stunden später ist er tot. Wenn das kein unscheinbarer Anfang ist. Keiner hätte erwartet, dass daraus noch was werden könnte. Wir würden wahrscheinlich sagen: sympathisch, wie sie da in ihrer Gemeinschaft zusammensitzen, aber Zukunft hat das nicht.

Doch gehen wir jetzt 40 Jahre weiter: da war dieser gewaltige Tempel so zerstört, dass er noch nicht einmal eine Ruine war. Aber Menschen, die so miteinander Abendmahl feierten, wie Jesus es ihnen gezeigt hatte, gab es mittlerweile schon in so ziemlich allen Ecken der zivilisierten Welt. Und je länger es dauerte, um so weiter kam diese Bewegung. Sie brauchten keinen gewaltigen Tempel, sie brauchten keine Hohenpriester in prachtvollen Gewändern, sondern an jedem Küchentisch konnten sie im Namen Jesu Abendmahl feiern, mit Brot und Wein, den Grundnahrungsmitteln, die jeder im Haus hat. Das alles war schon angelegt in diesem letzten Abend, den Jesus vor seinem Tod noch mit den Jüngern verbrachte. In diesem winzigen Senfkorn hat das schon alles dringesteckt.

Aber das war noch längst nicht alles. An den unzähligen Abendmahlstischen kamen Menschen zusammen, die sonst nie etwas miteinander zu tun gehabt hätten. Menschen aus aller Herren Länder, aus den unterschiedlichsten Kulturen, saßen da beieinander. Sklaven und ihre Herren saßen zusammen und merkten, dass sie gar nicht so unterschiedlich waren. Reiche und Arme teilten miteinander. Auch das alles steckte schon in diesem winzigen Samen des ersten Abendmahls Jesu.

Und so ist das bis heute: das Abendmahl ist ein kleiner Samen, in dem ganz viel angelegt ist. Wenn wir nachher den Friedensgruß austauschen, dann schüttelst du vielleicht jemandem die Hand, der dir schon immer auf den Keks gegangen ist, oder einer, die ganz merkwürdig ist. Aber in dieser kleinen Geste steckt die Verheißung drin, dass Jesus uns auch mit den merkwürdigsten Menschen verbinden kann, dass das vielleicht sogar mal ein guter Freund wird.

Und wenn wir das Brot essen und den Wein trinken, die für den Leib und das Blut Jesu stehen, dann steckt da drin, dass Gott auch aus dem Schlimmsten und Dunkelsten Auswege kennt, denn er hat ja sogar eine Antwort auf den Tod Jesu gefunden, nämlich die Auferstehung. Und vielleicht ist da schon verborgen drin ein ganz dunkler, trauriger Moment in vielen Jahren oder auch schon bald, wo dich dieser Gedanke aufrecht erhält, dass Gott sogar den Tod überwindet.

Und man muss noch weiter schauen: in dem Abendmahl steckt schon drin eine ganze neue Menschheit, die nicht mehr gegeneinander Kriege führt, sondern wo Menschen einträchtig an einem Tisch versammelt sind. Im Abendmahl steckt drin, dass die Vielfalt der menschlichen Völker und Kulturen eines Tages nicht mehr ein Anlass zu Misstrauen sein wird, sondern ein Grund zur Freude über den unfassbaren Reichtum, den Gott in die Menschen hineingelegt hat. Im Abendmahl steckt auch drin die Vision einer Menschheit, in der alle genug haben, wo keiner hungern muss, weil die Güter der Erde solidarisch geteilt werden. Und es steckt darin die Vision vom Frieden zwischen dem Menschen und der Schöpfung: im Tempel wurden Tiere geschlachtet und geopfert, für das Abendmahl muss kein Geschöpf sterben. Aber am Brot und am Wein kann man sehen, welche köstlichen Dinge dabei herauskommen, wenn sich die Früchte der Erde und die menschliche Kultur und Arbeit verbinden.

Kurz gesagt: Im Abendmahl steckt klitzeklein verpackt schon die ganze neue Welt, die Gott heraufführt. Und wir sollen beim Abendmahl lernen, dass in allen Dingen mehr drinsteckt, als man auf den ersten Blick sieht. Alle Dinge sind anders als sie scheinen. Die Innenseite ist größer als die Außenseite. Das verstehen wir zuerst nicht, aber das Abendmahl ist eine Übung, durch die wir das allmählich lernen.

Und wie sehen die Wege aus, auf denen Gott diese neue Welt heraufführt? Es ist der Weg Jesu, der sich hingegeben hat, der nicht zum Raffen und Festhalten kam, sondern um zu schenken und zu teilen und zu segnen. Wohin die Gier nach immer mehr führt, das erleben wir zur Zeit sehr deutlich. Die Jagd nach immer mehr führt uns in eine Krise nach der anderen. Diese Gier wird noch die ganze Welt ruinieren, wenn sie nicht ausgebremst wird.

Es ist Zeit für den Weg Jesu, der aus dem Segen lebte und ihn weitergab an andere, der sich auf Gott verließ und der am Ende auch sein Leben opferte, weil er diesem Weg treu bleiben wollte. Im Abendmahl ist das alles zusammengefasst in dem Bild vom Brot, das gebrochen und ausgeteilt wird und dem Bild vom Wein, der vergossen wird, und wenn wir so feiern, dann verbinden wir uns mit der Art, wie Jesus lebte, starb und auferstand. Da fällt dieser Same auch in uns hinein und soll in uns wachsen.

Ich glaube, dass Jesus eine besondere Art hatte, das Brot und den Wein zu segnen und weiterzugeben. Ich glaube, dass seine Jünger an ihm etwas sehen konnten von der schenkenden, segnenden Hand Gottes. Für einen Moment wurde an Jesus die Fülle des göttlichen Lebens sichtbar, die bis heute die Welt durchströmt. Jesus hat uns gezeigt, wie wir diese Fülle in allem erkennen können.

Im Abendmahl sollen wir lernen zu sehen, was wir sonst nicht sehen würden, und so werden wir gute Augen für das Verborgene bekommen, das in allen Dingen steckt.

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