Okt 022011
 

Predigt am 2. Oktober 2011 (Erntedankfest) zu 1. Timotheus 4,4-5

4 Alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird; 5 denn es wird geheiligt durch das Wort Gottes und Gebet.

Dankbarkeit macht die Welt genießbar. Zu sagen: »Danke, Gott, für dieses Geschenk des Lebens, danke, dass du mich in diese Welt hineingestellt hast, danke, dass heute wieder ein neuer Tag ist, danke, dass du mich versorgst mit Essen und Wohnung und Menschen, die mir nahe sind« – wenn wir so an die Welt und an das Leben herangehen, das ist die beste Grundlage dafür, sorgsam damit umzugehen. Wir nehmen dann den Segen wahr, den Gott mit dieser Welt verbunden hat, und wir öffnen uns dafür, so dass der Segen auch in Fülle bei uns ankommt. Gott hat die Welt nicht als Schauplatz für Tragödien und Dramen geschaffen, er hat in der Welt keine Fallen aufgestellt, vor denen wir uns hüten müssten, sondern er hat es alles gut geschaffen. Und es ist genug für alle da.

Wenn wir auf Konfirmandenfreizeiten sind, dann sage ich das oft noch mal extra vor dem Essen: keine Sorge, dass es nicht reicht! Es ist genug da, wir können aus der Küche nachholen. Wir haben da nämlich meist so ein Buffet, an dem man sich selbst das Essen holt, und irgendwann habe ich gelernt, dass es viel ruhiger zugeht und viel weniger gedrängelt wird, wenn alle wissen: es reicht für alle.

Wenn wir das auf die ganze Welt übertragen, dann heißt das: alle können satt werden, es ist genug zum Leben da, und nur wenn Menschen das nicht glauben, dann gibt es Probleme. Wenn Menschen anfangen, vorsichtshalber schon mal um die besten Stücke zu rangeln, dann wird es tatsächlich eng. Wenn Menschen anfangen, mit Lebensmitteln zu spekulieren, an der Knappheit verdienen wollen, wenn einige einen größeren und besseren Teil des Kuchens für sich haben wollen, dann fängt auch die Not an. Solange alle zusammenstehen und teilen, reicht es auch für alle. Nicht die Welt ist das Problem, die ist so geschaffen, dass Leben in Fülle möglich ist. Gott ist großzügig und hat seinen Segen in verschwenderischer Fülle ausgegossen über die Schöpfung.

Probleme entstehen erst, wenn Menschen sich einen möglichst großen Teil dieses Segens unter den Nagel reißen wollen und sagen: das ist meins! Nur für mich! Und am Ende brauchen sie es gar nicht alles, und es landet auf dem Müll.

Vielleicht haben Sie mitbekommen, wie sich in der letzten Zeit die Aufmerksamkeit immer wieder darauf gerichtet hat, wieviel Lebensmittel bei uns einfach weggeworfen werden. Nicht irgendwelche vergammelten Reste, sondern von allen erzeugten Lebensmittel wandert ein ziemlich großer Teil auf den Müll, weil er nicht gut genug ist: Äpfel mit Flecken auf der Schale, Bananen, die nicht die richtige Form haben, Joghurt, dessen Mindesthaltbarkeit gerade eben überschritten ist, und noch vieles andere.

Aber da wird ja nicht einfach irgendwelches Material auf den Müll geworfen, sondern jedes Mal steckt darin eine ganze Geschichte: von den Menschen, die daran gearbeitet haben, oft mit viel Mühe und für wenig Geld; von den Tieren, die dafür gelebt haben, dass wir satt werden; Menschen, die früh aufgestanden sind, um die Lebensmittel rechtzeitig zu liefern; der Kraftstoff, der für all das gebraucht wurde, und dessen Verbrennung die Atmosphäre belastet. Und doch wird auf jeder Stufe wieder aussortiert, und alles, was nicht 100%ig ist, kommt in die Tonne, und nur ein kleiner Teil von allem schafft es dann überhaupt noch auf unseren Teller, und dann wird noch nicht mal das alles gegessen. Und gleichzeitig haben viele andere nicht genug.

Und mit diesen ganzen Lebensmitteln landet eben auch immer der Segen im Müll, der mit ihnen verbunden war. Alles ist mit Gottes Segen verbunden, und ganz besonders alles Lebendige trägt seinen Segen. Alles Lebendige trägt in sich dieses Geheimnis, dass Gott seine Lebenskraft in die Welt strömen lässt und so aus toter Materie etwas Neues entstehen lässt, das wächst und atmet und sich entfaltet. Und so sind unsere Lebensmittel nicht einfach Dinge, sondern sie bringen mit sich eine Botschaft: du sollst leben, ich habe dich gewollt, ich sorge für dich, ich kenne dich und du liegst mir am Herzen. Und wenn wir dann sagen: Danke für das Essen, danke für das Leben, dann entziffern wir diese Botschaft und bestätigen, dass sie angekommen ist.

So eine Dankbarkeit sorgt für einen respektvollen Umgang mit der Nahrung. Für einen Augenblick aussteigen aus dem hektischen Karussell des Lebens, das Tischgebet sprechen, einen Moment der Pause, um sich daran zu erinnern, dass es alles eine Gabe Gottes ist, dass wir Tag für Tag beschenkt werden, dass Nahrung etwas Kostbares ist, auch wenn sie bei Aldi spottbillig war. Für einen Augenblick sich erinnern an all die Menschen und ihre Geschichten, die mit diesem Essen verbunden sind. Und auch an all die denken, die nicht genug haben, um so gut zu essen wie wir. Und von neuem Anschluss finden an den Segensstrom, der die Schöpfung durchfließt und von dem wir auch leben.

So entschlüsselt Dankbarkeit die ganze Welt, wir sehen nicht nur die Dinge auf dem Teller, sondern wir sehen die ganze Bedeutung dahinter. Wir lernen Tag für Tag dieses Lebensgefühl, dass wir uns in einer guten und gesegneten Welt bewegen, und das behütet uns vor Gier und vor Angst.

Es gab ja auch Zeiten, in denen Menschen stärker dieses Geheimnis hinter allem gespürt haben als wir heute, aber sie haben es noch nicht verstanden. Und deswegen haben sie in den alten Zeiten viele Regeln gehabt, was man essen darf und was nicht. Und in vielen Teilen der Welt ist das bis heute so, dass es einen Haufen Tabus gibt, die mit dem Essen verbunden sind, und unsere Tischsitten sind z.B. noch ein letzter Rest dieser Tabus. Noch im ersten Teil der Bibel, im Alten Testament gibt es ganz viele Gesetze darüber, was man essen darf und wie man es essen soll. Und das war nicht sinnlos, denn es war sozusagen ein großes Ausrufezeichen: stopft nicht alles besinnungslos in euch rein, sondern versteht, dass mit dem Essen eine Bedeutung verbunden ist!

Aber erst seit Jesus kennen wir diese Bedeutung wirklich: unsere Nahrung ist die gute Gabe Gottes, sein großes Ja zum Leben, das Zeichen seiner Großzügigkeit, und wir sollen es dankbar entgegennehmen, damit wir selbst auch großzügig werden; damit wir die Güter des Lebens nicht an uns reißen, sondern sie solidarisch teilen, so dass alle satt werden; damit wir nicht nur am Körper satt werden, sondern damit auch unsere Seele und unser Geist ernährt werden. Wir müssen keine Tabus mehr beachten, die einzige Regel, die es noch gibt, ist Dankbarkeit: wenn du über deinem Essen Gott Dank sagen kannst, dann tu es auch, und dann: Guten Appetit!

Es gibt in der Welt nichts, was von sich aus verwerflich wäre. Nur die Gier und die Undankbarkeit sind verwerflich. Gier und Undankbarkeit haben tatsächlich das Potential, die Welt zugrunde zu richten, bis sie ungenießbar wird. Deswegen ist diese Dankbarkeit so wichtig, weil wir da die geistliche, die spirituelle Seite der Dinge wahrnehmen, die göttliche Botschaft, die mit den Dingen verbunden ist. Ich glaube, all diese Scheußlichkeiten, die mit der fabrikmäßigen Produktion von Nahrung verbunden sind, all dies Gepansche und die Manipulation von Lebewesen, das ist erst möglich geworden, seit wir diese geistliche Dimension der Nahrung nicht mehr wahrnehmen. Deswegen ist es ein Akt des Widerstandes gegen die Verwurstung des Lebens, wenn wir sagen: danke, Gott, dass du uns versorgst, danke, dass genug da ist, es ist durch die Hände vieler Menschen gegangen, aber zuerst und zuletzt kommt es von dir, und aus deiner Hand nehmen wir es entgegen.

Im Abendmahl, das wir nachher feiern, kommt das alles zusammen: das Korn und die Weintrauben, die die Erde aufwachsen lässt; die menschliche Kultur, die Kunstfertigkeit und die Arbeit vieler Menschen, die gelernt haben, daraus gutes Brot und ehrlichen Wein zu machen; und dann Jesus, der das Brot und den Wein nimmt und sagt: das steht von nun an für mich und mein ganzes Leben, das geprägt ist von der Großzügigkeit Gottes. Ich werde bis zuletzt offen bleiben für den Segen Gottes, und auch am Kreuz, wo alles dagegen spricht, werde ich weiterhin auf Gott hoffen. Und er wird mich nicht enttäuschen. Und jetzt verschenke ich mich an alle, alle sollen dazugehören. Und da kommt die äußere, materielle Seite der Dinge wieder zusammen mit ihrer inneren geistlichen Bedeutung. Und an seinem Tisch sind sie alle verbunden, als eine Gemeinschaft, die durch Geben und Schenken geprägt ist und nicht von der Gier. Und da fällt schon ein Lichtstrahl aus der neuen Welt in unsere alte Welt hinein.

Und wenn wir dann Abendmahl feiern, dann wird unter uns diese Vision lebendig, die Vision einer versöhnten Gemeinschaft von Menschen und Gott, die neue Welt, in der der Segen nicht mehr ausgesperrt oder weggeworfen wird, sondern wo die Ströme fließen und die Welt voller Freude ist. Und wir spüren, dass diese Vision nicht willkürlich ist. Sie ist tief verwurzelt in der Realität der Schöpfung.

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