Mai 202007
 

Nachdem ich in den vorigen beiden Posts (hier und hier) über die Organisation unseres Clusters geschrieben habe, kommen hier die Grundsätze, also die Gedanken dahinter. Es wird dann noch einen weiteren Post über Perspektiven und Probleme geben.

Grundsätze der Gruppe „HorizonT“

Wir haben diese Grundsätze vor einigen Jahren so beschlossen. Manches ist vielleicht ein bisschen umständlich formuliert, aber bisher haben sie uns recht gut als Richtlinie gedient. Ob wir unserem Anspruch immer gerecht werden, ist eine andere Frage. Aber die Grundsätze zeigen die Richtung, in die wir gehen wollen.
Die kurzen Erläuterungen dazwischen habe ich jetzt gerade für den Blog geschrieben.

  1. Es geht um ein gemeinsames Entdecken der Nachfolge Jesu und des Lebens im Heiligen Geist.
    „Gemeinsames Entdecken“ – also: wir sind gemeinsam auf der Suche. Was Nachfolge ist, was Heiliger Geist, das steht nicht selbstverständlich fest, sondern muss in unserer Zeit erst wieder neu entdeckt werden.
  2. Es geht nicht um Sammlung und Betreuung der Erlösten, sondern um offensive Durchdringung der Welt.
    Wir wollen keine defensive christliche Kultur aufbauen, in der man bis zum Tod oder dem Ende der Welt
    überwintert. Eine defensive Kultur wird keine Ausstrahlung entwickeln.
  3. HorizonT soll lebensverändernd, bedeutungsvoll und echt sein.
    HorizonT ist kein Hobby, sondern es geht um wirkliche Lebensveränderung. Dazu müssen wir uns echt begegnen.
  4. Wir wollen uns gegenseitig im Alltag begleiten.
    Kommentar unnötig.
  5. Wir wollen Menschen mit dem und für das gewinnen, was wir wirklich sind und tun.
    Also keine Trennung in tolle missionarische Aktivitäten und das dann vielleicht enttäuschende Gruppenleben.
  6. Zur Gruppe sollen jederzeit neue Teilnehmer auf allen Stationen ihrer geistlichen Reise dazustoßen können.
    Und so soll
    auch an ganz normalen Abenden das Programm gestaltet sein.
  7. Wir entwickeln eine befreiende Kultur des christlichen Glaubens. Dazu gestalten wir auch Details bewusst.
    Wir wollen uns hüten vor engen und bevormundenden Stilen, die einige von uns schmerzlich erlebt haben und vor Ritualen, die Selbstzweck geworden sind. „Kultur“ bedeutet: es geht nicht nur um die grundsätzlichen Fragen, sondern die sollen sich auch in den Details der Gruppenkultur ausdrücken. Daran arbeiten wir permanent.
  8. Wir bleiben unabhängig von anderen christlichen Traditionen, aber wir übernehmen alles, was hilfreich und sinnvoll ist.
    Lernen kann man überall. Ganz viel haben wir uns bei den unterschiedlichsten Gemeinden abgeguckt. Aber wir prüfen genau, was zu uns passt und was nicht. Wir sind nicht die Ortsgruppe von Bewegung XY.
  9. Wir wollen mit Jesus Schritt halten – deshalb reflektieren wir regelmäßig den Weg der Gruppe und wollen flexibel bleiben.
    Wir wissen, dass wir noch einen weiten Weg vor uns haben. Wir wollen Innovation in die Gene der Gruppe einbauen. Deshalb besprechen wir immer wieder den Weg der Gruppe im ganzen Cluster und in den Teams.

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Mai 172007
 

In einem ersten Post hatte ich eine Übersicht über die bei uns entwickelte Form eines Clusters (Bündelung von Kleingruppen) gegeben. In diesem Post stelle ich die unterstützende Infrastruktur im Hintergrund dar.

Leitung

Wie jede Gruppe braucht auch HorizonT eine Leitungsstruktur. Zentrales Leitungsorgan ist bei uns das kleine Team, das aus etwa 5 Mitgliedern besteht. Das Team ist vor allem zuständig für die Beobachtung der Gruppenentwicklung und die Planung. Wir verbringen viel Zeit damit, mögliche Entwicklungspfade zu diskutieren und neue Impulse zu finden, die wir dann in die Gruppe hineingeben. Natürlich geht es auch immer mal wieder um Organisatorisches, aber diesen Teil versuchen wir zu minimieren. Stattdessen überlegen wir lieber, wie wir die Prozesse in der Gruppe so einfach und übersichtlich gestalten, dass die Organisation von allein klappt.

Das kleine Team wertet jede Woche den Abend im Anschluss kurz aus: wie hat alles geklappt, wie läuft es in den Gruppen, was muss für das nächste Mal bedacht werden usw. So geht wenig verloren oder wird übersehen. Außerdem trifft sich das kleine Team etwa alle zwei Wochen zur Teamsitzung, bei der wir intensiv über die Weiterentwicklung der Gruppe nachdenken: was muss verändert werden, welche Regelungen sollten wie implementiert werden, müsste man nicht alles noch mal ganz anders machen? Wir denken über alles nach, schmeißen viele Ideen wieder weg und behalten das, was uns am besten gefällt. Und hinterher werten wir aus. Wir sind gern zusammen, wir denken gern gemeinsam nach. Manchmal merken wir aber auch, dass wir kaum noch wissen, wie es dem anderen geht (wir sind über die Untergruppen verstreut). Dann erzählen wir uns erstmal gegenseitig, wie es bei uns aussieht. Oft fragt mich meine Frau hinterher: »Was war denn heute wieder bei euch los? Ich habe euch dauernd lachen gehört.« (unser Haus ist nicht gut schallisoliert). Die Teamarbeit muss Spaß machen, sonst ist sie nur ein weiterer belastender Termin im Kalender.
Diese Fantasiearbeit im kleinen (und auch im großen, s. u.) Team ist von entscheidender Bedeutung. Hätten wir nur einen Leiter oder ein Leiterehepaar, dann wäre die Gefahr der Stagnation viel größer – einfach, weil man als Einzelner viel schneller dazu neigt, alles wieder nach Schema F zu machen. Wir haben immer wieder erlebt, dass die Gruppe leidet, wenn sich das Team – z.B. wegen Terminproblemen – länger nicht trifft. Die Gruppe läuft dann eben wie immer, aber es kommen keine neuen Impulse, und Probleme werden übersehen. Das alles trägt dazu bei, dass die Gruppe auch nach 9 Jahren (da fingen wir mit einer Kleingruppe an) flexibel bleibt und immer wieder Neues ausprobiert.
Ein weiteres Leitungsgremium ist das große Team. Es trifft sich in größeren Abständen (1-3 Monate) und bespricht die großen Linien. Grundsätzlich gilt für das große Team alles, was ich zum kleinen Team geschrieben habe. Es ist nur weniger intensiv, weil es sich seltener trifft. Zum großen Team gehören Gruppenmitglieder, die am Kurs der Gruppe interessiert sind, aber nicht die Zeit haben, regelmäßig in der Leitung mitzuarbeiten. Diese Gruppe ist offen für alle Interessierten; ihre Treffen werden regelmäßig angekündigt. Wenn alle da sind, gehören zum großen Team beinahe 50 % der Mitglieder.
Diese Leitungsstruktur ist für die Gruppe transparent. Weniger in dem Sinn, dass Titel und Ämter vergeben werden, sondern so, dass die Gruppe weiß, dass es die verschiedenen Teams gibt. Sie merkt es vor allem daran, dass sie immer wieder mal mit neuen Ideen traktiert wird 😉 . Aber inzwischen ist das schon nicht mehr so überraschend. Man kann sich auch an konstante Veränderung gewöhnen, wirklich. Wir versuchen dafür zu sorgen, dass das Wissen um die Planungsprozesse durch den Cluster hindurch verteilt ist.
Der ganze Cluster ist durch regelmäßige Planungsabende an der Leitung beteiligt.

Planungsabende

Im Abstand von etwa 1/2 Jahr gibt es Planungsabende für die ganze Gruppe. Wir tragen auf Karten Eindrücke zusammen, sammeln sie an einer Pinwand und ordnen sie zu einer Momentaufnahme der Gruppe. Von da aus entwickeln wir dann Perspektiven für das nächste halbe Jahr. Es ist interessant zu sehen, dass sich in der Regel aus den unterschiedlichen Beiträgen eine relativ einheitliche Momentaufnahme des Gruppenprozesses ergibt.
Über die Ergebnisse wird ein Protokoll erstellt – an Hand dieser Protokolle kann man recht gut sehen, wie sich die Gruppe entwickelt, welche Problem gelöst und welche Aufgaben noch offen sind.

Die bisher beschriebenen Elemente gehören sozusagen zum Kern unserer Cluster-Infrastruktur. Darüber hinaus haben wir noch weitere Strukturen entwickelt oder eingebaut (ich nenne sie mal Module), die wichtig und hilfreich, aber variabel sind. Sie kommen je nach Situation stärker oder schwächer zur Geltung.

Modul: Freundeskreis

Im Laufe der Zeit stießen wir darauf, dass die Gruppe ein Umfeld an »Sympathisanten« erzeugt: Menschen, die wir kennen, die freundlich an uns interessiert sind, ohne sich jedoch der Gruppe anschließen zu wollen. Oft sind es Freunde und Bekannte, Ehepartner und Kinder der Gruppenmitglieder; oder interessierte Menschen, auf die ich im Rahmen meiner Gemeindearbeit aufmerksam werde. Auch wenn wir es sehr bedauerlich fanden, dass sie nicht zu uns stießen, so entschlossen wir uns doch, diese Tatsache zu akzeptieren. Wir überlegen deshalb ständig, wie wir alles, was wir tun, so gestalten können, dass jederzeit Außenstehende – auch nur punktuell – dazustoßen können. So entsteht eine Art Freundeskreis, für den es keine feste Mitgliedschaft gibt, den wir aber immer mal wieder (z.B. zu HorizonT- Abenden, s. u.) einladen. Dabei gilt: wir machen nur Dinge, von denen wir selbst etwas haben. Wenn dann jemand aus dem Freundeskreis dazu kommt – um so besser. Wenn nicht, ist es für uns selbst. Einige aus dem Freundeskreis sind doch noch Gruppenmitglieder geworden, andere haben sich aus diesem Umfeld auch wieder entfernt.

Modul: HorizonT- Abend

Alle 1-2 Monate machen wir einen gemeinsamen Abend, zu dem wir auch gezielt Gäste einladen (in der Regel nicht öffentlich, sondern persönlich). Mal kommen mehr, mal weniger. Es gibt ein gemeinsames Abendessen, anschließend einen inhaltlichen Beitrag, dann Gespräche dazu in den Kleingruppen, die um unsere Gäste verstärkt sind. Im letzten halben Jahr hatten wir einen fortlaufenden Ehe-Kurs im Monatsabstand, aber meist machen wir abgeschlossene Einzelabende. Wir suchen uns nicht besondere „missionarische“ Themen aus, sondern bearbeiten Themen, die uns selbst auch voranbringen. Manchmal laden wir auch Referenten ein (z.B. hat ein örtlicher Gynäkologe über seine befristete Mitarbeit in einer afrikanischen Klinik erzählt – das war übrigens teilnehmermäßig der Renner).

Modul: Seminar

Ca. zweimal im Jahr machen wir gemeinsam ein Wochenendseminar: eins im Gemeindehaus und eins auswärts. Auch dazu fahren oft Gäste mit. Gerade eben war das Thema der sich abzeichnende Klimawandel, im vergangenen Herbst haben wir gemeinsam Bonhoeffer-Texte gelesen.

Modul: Internet

Eigentlich müsste sich in einer Gruppe wie HorizonT ausgezeichnet internetgestützt arbeiten lassen: Termine, Ideen, Texte in der Woche übers Internet zu kommunizieren, das würde die Kommunikationsdichte enorm verstärken. Oder wenn alle twittern täten. Als Idee klasse (vielleicht klappt es ja bei anderen), aber in der Praxis ist es daran gescheitert, dass viele unserer Mitglieder nicht gern oder gar nicht im Internet sind. Stattdessen blogge ich jetzt eben.

Modul: Musikalische Späterziehung

Einige von uns wollten gern nachholen, was ihnen in ihrer Jugend nicht gelungen ist: Zugang zur Musik finden. Dafür gibt es jetzt zusätzlich eine Gruppe. Auch dort machen einige Gäste mit.

Ideen für weitere Module

Wir probieren immer mal wieder was Neues aus, ohne vorher zu wissen, was draus wird:

  • Wir haben zusammen ein Gefängnis besucht
  • Vielleicht arbeiten wir mal bei einer Tafel mit
  • wir kümmern uns, wenn es sich ergibt, um Menschen mit besonderen Problemen – mit wechselndem Erfolg
  • wir geben uns Tipps, wie sich der Alltag schöpfungsfreundlicher gestalten lässt (gestern hatte unsere neue Bio-Kiste [Gemüse-Abo, auch das gibt es inzwischen auf dem Land] ihren großen Auftritt bei HorizionT)

So, das war eine Übersicht über die Organisation. Dahinter stehen natürlich auch formulierte Grundsätze und pragmatische Prinzipien. Darüber wird es demnächst einen weiteren Post geben.

Mai 142007
 

Ich hatte im letzten Post ein Cluster-Konzept aus Sheffield übersetzt, das ich interessant fand, weil wir bei uns – ohne den Begriff zu kennen – auch so etwas wie ein Cluster-Konzept entwickelt haben. Durch den Kommentar von Simon erfuhr ich jetzt von anderen Cluster-Erfahrungen und möchte nun noch einmal unser Konzept etwas deutlicher beschreiben.

Probleme mit Kleingruppen

Ausgangspunkt war bei uns die übliche Kleingruppen-Erfahrung: wachsende Kleingruppen werden irgendwann zu groß, und dann schrumpfen sie wieder oder wachsen wenigstens nicht mehr. Außerdem werden sie mit der Zeit unbeweglich. Der übliche Ratschlag für so eine Situation ist das Teilen der Gruppe: es entstehen zwei Gruppen, die dann wieder wachsen, bis sie so groß sind, dass sie wieder geteilt werden.
Manchmal funktioniert dieses Konzept wohl auch. Ich habe es jedenfalls jahrelang brav probiert. Wir hatten damit aber fast immer Probleme:

  • meistens lässt sich so eine Gruppenteilung nur mit einem gewissen Maß an Gewalt durchdrücken, weil Menschen an den Beziehungen in ihrer Kleingruppe hängen
  • bei solchen Teilungen verliert man fast immer Menschen (aus den verschiedensten Gründen)
  • die neuen Gruppen entwickeln schnell ein Eigenleben, und es ist schwer, sie dann punktuell wieder zusammen zu bekommen
  • es stehen nicht immer genügend neue Gruppenleiter zur Verfügung (mein ursprünglicher naiver Optimismus, dass Gott die schon schicken würde, hat den Praxistest nicht bestanden – vielleicht funktioniert das ja in anderen Umgebungen)
  • für die Gruppenleiter ist das dann notwendige Koordinierungstreffen eine weitere Terminbelastung – und sie sehen nicht unbedingt, was ihnen das bringt; ein individuelles Coachung ist bei solchen Treffen nicht immer möglich
  • wenn ich zusätzlich noch eine individuelle Betreuung der Leiter leisten soll, dann bin ich auch zeitlich überfordert

Als wir dann mit unserer Gruppe „HorizonT“ (eine Art Experimental-Gruppe auf der Suche nach neuen Möglichkeiten) die normale Kleingruppen-Größe überschritten, war für mich deshalb klar: keine weiteren Teilungsversuche. Aber was dann?
Als Antwort entwickelten wir so etwas wie ein Cluster-Modell. Continue reading »

Mai 082007
 

Ich fand via Marlin bei der St. Thomas‘ Church in Sheffield einen interessanten Artikel über Cluster – eine Organisationsform zwischen Kleingruppe und Ortsgemeinde. Es erinnert mich an unsere Organisationsform bei HorizonT. Bevor ich noch viel erkläre, übersetze ich den Artikel – da steht alles drin. Man beachte aber, dass der Artikel im September 2003 zuletzt bearbeitet wurde.

Was?

Viele Gemeinden haben Kleingruppen oder Zellgruppen (oft informelle Bibelgruppen, die von Freiwilligen geleitet werden) und Versammlungen der ganzen Gemeinde (in der Church of England meist in der festen Form des Kathedralgottesdienstes unter Leitung der Geistlichen). Wir in St. Thomas haben uns bemüht, wieder eine überschaubare Form dazwischen zu finden, in der man Gemeinde leben und erleben kann: eine Gemeinschaft von Christen, die sich zur Mission in der größeren Gemeinschaft, zu der sie gehören, verpflichtet hat; die Leitung liegt in der Hand von Freiwilligen, die von erfahrenen Leitern (einige davon ordinierte Geistliche, aber nicht nur) unterstützt werden.
Cluster bestehen aus Kleingruppen, die die gleiche oder eine ähnliche Vision gemeinsam haben. Oft sind sie aus der Vervielfältigung einer einzigen Kleingruppe hervorgegangen. Eine Gemeinschaft von zwei oder drei Kleingruppen würde man einen wachsenden Cluster nennen, und wenn im Laufe der Zeit die Kleingruppen auf sechs oder acht gewachsen sind, dann entstehen aus dem ursprünglichen Cluster normalerweise zwei neue Cluster.

Warum?

Es scheint, dass Gott Menschen so eingerichtet hat, dass wir uns normalerweise in drei verschiedenen Gruppengrößen versammeln. In der Bibel finden sich etwa im Alten Testament die Familie, der Clan und der Stamm; in den Evangelien das Haus, die Synagoge und der Tempel; und unter den Jüngern Jesu die Gruppen der Zwölf, der Siebzig und der Hundertzwanzig.
In St. Thomas kennen wir diese Gruppen als Kleingruppen, als Cluster und als Gottesdienst [Engl. celebration. Dieses Wort bedeutet hier offenbar mehr als einen Gottesdienst, nämlich so etwas wie eine Sub-Gemeinde. Auf der aktuellen Website der Gemeinde taucht der Begriff jetzt aber nicht mehr auf.]. Die Beziehungen werden um so enger, je mehr man zu den kleineren Gruppenformen kommt; auf der anderen Seite nimmt die Qualität der Inhalte (in Anbetung, Lehre, Kinderarbeit usw.) zu, wenn man zu den größeren Einheiten kommt. Für manche Continue reading »

Mai 062007
 

Freitag und Samstag hatten wir von HorizonT aus ein Seminar mit dem Thema „Schöpfung und Globale Erwärmung“. Es sieht so aus, als ob wir noch einmal neu überlegen müssen, was die kommenden Veränderungen des Weltklimas auch für uns als Gemeinschaft bedeuten.

Mir ist vor allem wichtig geworden, dass wir uns selbst und die Menschen um uns herum vor jeder Art von Zynismus bewahren müssen. Mit Zynismus meine ich: ein Sich-Einrichten im Schlimmen, mit irgendwelchen Argumentationen (von Nicht-wahr-haben-Wollen bis Resignation), die sich alle darin treffen, dass sie uns Umkehr und Engagement ersparen.

Die entscheidenden Probleme sind in den Köpfen (und Herzen) lokalisiert, sie sind geistlicher Art.

Für dieses Seminar habe ich in der vergangenen Woche gearbeitet, deshalb ist es hier mit Bonhoeffer nicht weitergegangen.

Für alle, die sich gewünscht hatten, dass man die Präsentation noch einmal nachlesen kann:
hier ist sie im OpenOffice-Format (1MB)
hier im Power-Point-Format (1,2 MB) für alle die nicht von Microsoft loskommen
hier im Flash-Format (300kB), dann aber ohne die netten Klick-Effekte
Allerdings ist das immer nur das argumentative Gerüst – was ich dazu erzählt habe, war nicht aufgeschrieben.

Eine-unbequeme-WahrheitDer Al Gore-Film („Eine unbequeme Wahrheit“) ist auch sehr zu empfehlen. Gut, wie er auch immer die tieferen Fragen nach der persönlichen Haltung stellt.

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Apr 292007
 

Viele Impulse zur Erneuerung, die sich unter dem Titel „emerging church“ bündeln (eine gute Übersicht dazu findet man jetzt hier im Blog von Simon), kommen aus englischsprachigen Ländern. Im Gegensatz zu einigen anderen ist mir das überhaupt kein Problem. Trotzdem leben wir aber doch in einem etwas anderen Kontext, und deshalb sollten wir auch nach Erneuerungsimpulsen Ausschau halten, die in unserem Kontext entstanden sind.
Ein wirklich visionärer Denker ist für mich da immer Dietrich Bonhoeffer gewesen. Was er – insbesondere in seinem letzten Gefängnisjahr – schon gesehen hat, harrt bis heute noch seiner Umsetzung. Er war einsame Spitze, und zwar auch und gerade in dem Sinn, dass meines Wissens kaum ein anderer damals schon so tiefgehend den Umbruch vom konstantinischen zum nachkonstantinischen Christentum vorausgesehen, begrüßt und durchdacht hat. Das möchte ich in einigen Posts auf diesem Blog darstellen.

„… auch wir selbst sind wieder ganz auf die Anfänge des Verstehens zurückgeworfen“ schreibt Bonhoeffer in den Gedanken zur Taufe seines Patenkindes Dietrich Wilhelm Rüdiger Bethge im Mai 1944. „Was Versöhnung und Erlösung, was Wiedergeburt und Heiliger Geist, was Feindesliebe, Kreuz und Auferstehung, was Leben in Christus und Nachfolge Christi heißt, das ist alles so schwer und so fern, dass wir es kaum mehr wagen, davon zu sprechen. In den überlieferten Worten und Handlungen ahnen wir etwas ganz Neues und umwälzendes, ohne es noch fassen und aussprechen zu können.“
Das klingt nach etwas anderem als nur nach einem neuen theologischen Fündlein. Dietrich Bonhoeffers Suchbewegung, die ihn ins Theologiestudium, nach Amerika (ans Union Theological Seminary und in die schwarzen Gemeinden von Harlem), in die Lebensgemeinschaft eines illegalen Predigerseminars, in den politischen Widerstand gegen Hitler und schließlich ins Gefängnis geführt hat, kommt an ihren entscheidenden Punkt. Weniger als 12 Monate hat er noch zu leben. Und er lernt noch einmal Dinge, die er in dieser Zeit wohl nirgendwo anders lernen konnte:

  • Dekonstruktion: alle bisherigen theologischen Worte werden noch einmal frag-würdig. Das ganze Gebäude kommt ins Wanken. Bonhoeffer ist ja theologisch in den Spuren Karl Barths gegangen, für den der erste Weltkrieg ein Anlass war, theologisch noch einmal ganz von vorne anzufangen. Bei Bonhoeffer verschärft sich das. „… unser Christsein wird heute nur in zweierlei bestehen: im Beten und im Tun des Gerechten unter den Menschen. Alles Denken, Reden und Organisieren in den Dingen des Christentums muss neu geboren werden aus diesem Beten und aus diesem Tun.“
  • Das Ende der Moderne: Schon in seiner „Ethik“ hatte Bonhoeffer den Aufstieg der Moderne am Ende des Mittelalters beschrieben und ihre inneren Widersprüche beschrieben. Ein ihr wesentliches Element ist die befreite ratio. Nun schreibt er: „Wir haben die Bedeutung des Vernünftigen und Gerechten auch im Geschichtsablauf immer wieder überschätzt.“ Er beschreibt die Unterschiede zwischen Amerika und Europa; und er weist (in der „Ethik“) auf die stärkere Verbindung zwischen Kirche und Moderne in Amerika hin: „Der Anspruch der Gemeinde der Gläubigen, mit christlichen Prinzipien die Welt aufzubauen, endet, wie ein Blick in den New Yorker Kirchenzettel zur Genüge zeigt, in dem völligen Verfall der Kirche an die Welt.“
    [allerdings würde Bonhoeffer als Gegenmittel sicher nicht „mehr Kerzen“ nennen]
  • Kulturbrüche, neue Unübersichtlichkeit: Bonhoeffer beschreibt verschiedene Traditionslinien/Milieus der europäischen christlichen Überlieferung und beendet diese Schilderung so: „Bis du groß bist, wird das alte Dorfpfarrhaus ebenso wie das alte Bürgerhaus eine versunkene Welt sein.“ Er redet von den kommenden Jahren der Umwälzungen und der Verstädterung des Landes und davon, dass „unser Leben im Unterschied zu dem unserer Eltern gestaltlos oder doch fragmentarisch geworden ist.“ Und trotzdem ist er sich sicher, dass er „nicht in einer anderen Zeit leben wollte als der unseren“.

So weit zu Bonhoeffers Gedanken über die Diagnose der Zeit. Hier finden sich schon Elemente, die viel später unter dem Stichwort des Postmodernen auftauchen. Und er fragt danach, wie man in dieser neuen (von ihm noch nicht postmodern genannten) Epoche wird leben und glauben können. Das Bewusstsein, an einem entscheidenden Wendepunkt der Geschichte zu stehen, verbindet sich mit der Hoffnung, dass sich hier eine Chance bietet, vieles besser zu machen.
Mit den Sackgassen der Vergangenheit setzt er sich vor allem unter dem Stichwort des „Religiösen“ auseinander. Deshalb wird der nächste Post über Bonhoeffers Sicht auf das, was er „religiös“ nennt, handeln.

Apr 172007
 

Am Wochenende war bei uns Konfirmation, deswegen hatte ich beim Bloggen eine längere Pause eingelegt. In diesem Jahr ist es gut gelaufen – wir hatten eine Gruppe, die im letzten Jahr richtig gut zusammengewachsen ist, mit den Eltern haben wir uns prima verstanden (bei uns arbeiten Eltern im Konfirmandenunterricht mit – ungefähr 30 % der Familien sind dabei vertreten) und jetzt die Konfirmation war auch sehr schön.
Trotzdem spüre ich – und zwar ganz besonders in den Momenten, wo es gut läuft! – sehr deutlich die Begrenzungen des gesellschaftlichen Musters, nach dem bei uns Christentum funktioniert. Ich versuche es zu formulieren: ihr Kirchenleute erledigt für uns die Sache mit Gott. Irgendwer muss es ja wohl machen. Wir freuen uns, wenn ihr es gut macht, wir schätzen euch dann, wir bezahlen euch, wir machen auch in Grenzen mit – aber bewahrt uns davor, allzu tief da hineingezogen zu werden.
So ist das wohl kaum von jemandem formuliert worden, aber so funktioniert es. Ganz selbstverständlich und ohne dass man da groß drüber nachdenken müsste. Auch relativ unabhängig von der Qualität kirchlicher Arbeit. Alle Gemeindearbeit steht unter diesem Vorzeichen – schön, wenn dann in der Klammer gute Dinge geschehen. Aber die Klammer bleibt.
Das ist der gesellschaftliche Kompromiss zwischen Gesellschaft und Kirche. Er kann von der Kirche nicht einseitig verändert werden, weil es ja ein Gegenüber gibt, das dabei mitspielen muss. Übrigens: auch eine Freikirche kommt da nicht einfach raus. Aber es ist natürlich die Frage, ob die Kirche diesen Status Quo auch selbst akzeptiert und richtig findet.
Wir wissen aus der Paartherapie: wenn von zwei Partnern einer sich ändert, dann kann der andere auf die Dauer auch nicht so bleiben, wie er ist. Also geht es zuerst darum, uns selbst zu verändern. Die Organisationsgeschichte neu zu erzählen. Mit ein bisschen Kosmetik und Modernisierung ist es da wirklich nicht getan.

Mrz 272007
 

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Kapitel 7
Die Hybridorganisation

Brafman/Beckstrom stellen in diesem Kapitel Firmen vor, die in einem zentralisierten Rahmen dezentralisierte Zonen schaffen. Sie nennen Organisationen, die „das Beste aus beiden Welten kombinieren“ Hybrid-Organisationen. Drei Beispiele:

  1. eBay
    Die Firma hat klare Strukturen, ein Hauptquartier und eine zentrale Leitung. Andererseits organisiert diese Firma aber ein dezentrales Einkaufserlebnis und lässt die Nutzer Anteil haben an Wissen und Macht – durch das community-gestützte System der Kundenbewertungen. Diese Kombination erklärt den Erfolg von eBay. Und nachdem eBay erst einmal das größte Auktionshaus im Netz war, kam niemand mehr dagegen an (der Netzwerk-Effekt: je größer das Netzwerk schon ist, um so mehr kann es den Benutzern bieten).
  2. Amazon
    Einerseits eine zentralisierte Firma, andererseits schafft sie Räume für dezentrale Aktionen (Verkauf von gebrauchten Büchern und Medien sowie das geniale Instrument der Kunden-Rezensionen). Amazon lebt bei den Kunden-Rezensionen vom menschlichen Verlangen, etwas beizutragen.
  3. Oprah Winfreys Book Club
    Ein TV-unterstütztes Netzwerk von Literaturzirkeln, ursprünglich ins Leben gerufen, um das Lesen von guten Büchern zu fördern. In der Kombination von dezentralen Clubs mit einer zentralen Redaktion für die Fernsehsendungen ist der Club inzwischen jedoch eine Marktmacht geworden.

Jede dieser vorgestellten Organisationen hat in ihre zentralisierte Struktur dezentralisierte Elemente eingebaut und so ihren Kunden eine Rolle gegeben. Ähnlich organisieren Firmen Wissensdatenbanken, zu denen ihre Kunden etwas beitragen können oder lassen ihre Kunden die Produkte weiterentwickeln (z.B. Google, IBM und Sun). In vielen Fällen ist es inzwischen eine Überlebensnotwendigkeit, die Kunden mit einzubeziehen.

Ein anderer Typ von Hybrid-Organisation sorgt für eine unternehmensinterne Dezentralisierung, etwa durch Gründung von selbständigen Tochtergesellschaften, die selbst für ihre Entscheidungen und ihre Profite verantwortlich sind. Wie auch immer, Unternehmen kommen zwar nicht mehr gegen die Kraft der Dezentralisation an, haben aber durchaus Möglichkeiten, sich damit zu arrangieren, indem sie dezentrale Elemente einbauen, wo es erfolgversprechend scheint.

Kommentar:
Auch dieses Kapitel lässt mich zwiespältig zurück. Kontrollierte Dezentralisation kann also auch eine Methode sein, um die Initiative und die Kreativität von Menschen effektiver abzugreifen. Wir sind weit weg vom Ausgangspunkt, den unkontrollierbaren Apachen (Kap. 1).
Auf der anderen Seite zeigt es, dass man an die mentalen Ressourcen von Menschen eben nur herankommt, wenn man ihnen Freiräume gibt. Die große Herausforderung für jede zentralisierte Organisation ist daher heute, wie man diese Freiräume organisieren kann und trotzdem letztendlich die Kontrolle behält. Das ist sicher besser als es lernunfähige sture Organisationen wären. Aber das freigesetzte menschliche Potential soll eben doch unter Kontrolle bleiben (und damit wird es auch begrenzt). Karl Marx hätte hier vom Konflikt zwischen den Produktivkräften (dem menschlichen Potential) und den Produktionsverhältnissen (den Begrenzungen, die entstehen, wenn ein Machtgefälle mit im Spiel ist) gesprochen.

Die Kirche ist in ihrer Geschichte meistens so eine Hybrid-Organisation gewesen: ein Gegenüber von zentraler Leitung und dezentralen Gemeinden. Deswegen war sie auch recht erfolgreich. Dabei hat sich im Zweifelsfall immer die Zentrale durchgesetzt (mal abgesehen von kleinen Unfällen wie der Reformation 😉 ). Das ist dem Evangelium nicht gut bekommen. Es waren eher die chaotischen Zeiten und Strukturen, in denen es zum Blühen kam. Geistliche Aufbrüche (z.B. die Bewegung des Franziskus) verloren ihre Dynamik, weil sie die kirchliche Approbation mit einem mehr oder weniger großen Maß an Kontrolle erkauften.
Mich lehrt diese Überlegung: auch der gegenwärtige Umbruch und die Bedingungen der Postmoderne müssen nicht notwendig zu einer anderen, besseren Kirche führen. Es ist auch denkbar, dass die Organisation lernt, ihre alte Systemgeschichte von Kontrolle und Misstrauen gegenüber der Basis auch unter neuen Bedingungen weiterzuschreiben. Der Ausgang ist offen.

Mrz 202007
 

Eine gut verständliche Übersicht über die Situation am Ende der Konstantinischen Ära findet man in einer Zusammenfassung des Buches von Stuart Murray: „Post-Christendom: Church and Mission in a Strange New World“ auf dem Coachnet-Blog „Mehr-und-bessere-Gemeinden„. Vor allem sind hier auch zunächst bescheidene, aber realistische Perspektiven aufgezeigt, wie man in dieser Situation weitermachen sollte. Insbesondere die deutliche Absage an die rückwärtsgewandten schnellen Erweckungs-Prophetien überzeugt mich.

Einige Zitate:

„Gemeinde ist eigentlich recht einfach“, meint Murray. „Sie besteht im wesentlichen aus Freundschaft als beziehungsmäßigem Paradigma, aus gemeinsamem Essen und Lachen.“

Gerade in unserem Land wird „Erweckung“ regelmäßig angesagt. In der Regel erwartet man – neben vielen Bekehrungen – eine Wiederherstellung flächendeckender christlicher Kultur und ganze gesellschaftliche Bereiche, die „wieder“ vom Evangelium geprägt werden. Angesichts der Tatsache, dass die christlich geprägte Kultur in Westeuropa an ihr Ende kommt, ist immer mehr denkenden Christen bei dieser Perspektive nicht wohl.

Akzeptiert euren Status als Gemeinschaften am Rande der Gesellschaft.

Meidet kurzfristige Perspektiven, strebt nachhaltige Transformation an.

Der Umzug von der Mitte der Gesellschaft an die Ränder, von privilegierter Religion zu einer Stimme unter vielen und von aufgezwungenem Glauben zu radikaler Freiwilligkeit wird dem Christentum gut tun. Immerhin hat es ja auch so angefangen.