Nov 022012
 
einfach emergent Band 1

Der erste Band der neuen Reihe „einfach emergent“ ist in diesen Tagen erschienen und bietet einen ausgewogenen Zugang zur emergenten Bewegung. Er verzichtet auf dramatische Parolen oder Zuspitzungen und beschreibt stattdessen aus der Kenntnis von Beteiligten, weshalb sich in der ganzen Welt Christen aufgemacht haben, um das Christentum neu zu entdecken:

Tobias Künkler, Tobias Faix, Arne Bachmann:
Emerging Curch verstehen. Eine Einladung zum Dialog (Verlag der Francke-Buchhandlung)

Nach einer Einführung, die am Anfang einigen gern verbreiteten Verkürzungen vorbeugen soll, benennen die Autoren als Ausgangspunkt für das emergente Denken den gesellschaftlichen Wandel, der uns an den Übergang von der Moderne zur Postmoderne gebracht hat. In dieser Situation werden die Defizite der modernen Versionen des Christentums (seien sie liberal oder konservativ) sichtbar. Diese modernen Christentumsvarianten sind aber weltweit verbreitet, so dass auch weltweit spontan ähnliche Suchbewegungen nach einem neuen Verständnis von Evangelium, Glaube und Gemeinde eingesetzt haben. Die Autoren beschreiben, wie diese weltweite Bewegung (vor allem in den Industrie- und Schwellenländern) in Deutschland aufgenommen und weiterentwickelt wurde.

Einen Schwerpunkt bildet das fünfte Kapitel, in dem die Themen benannt werden, an denen es zu theologischen Verschiebungen, Diskussionen und Neuansätzen kommt. Dies ist ein gute Orientierung in den Fragen, um die es bei der aktuellen theologischen Arbeit im emergenten Umfeld geht. Das folgende, eher praxisorientierte Kapitel beschreibt einige Folgerungen aus diesen Neuansätzen und stellt ein Praxisbeispiel (die Mosaik-Gottesdienste) ausführlicher dar. Im Schlusskapitel deuten sich vorsichtig einige mögliche Antworten auf die Fragen an, die durch den emergenten Dialog aufgeworfen werden. Vor allem aber werden dort für alle, die sich an diesem Dialog beteiligen möchten, geeignete Schnittstellen und Andockmöglichkeiten benannt.

Durchgängig fällt die Ausgewogenheit auf, mit der hier einzelne steile, möglicherweise missverständliche Thesen aus der emergenten Diskussion in ihren Zusammenhang gestellt und so zumindest nachvollziehbar werden.  Wer sich in Zukunft an der Diskussion um Emergent Deutschland beteiligt, wird um dieses Buch nicht herumkommen, wenn er als seriös wahrgenommen werden will. Schrille Alarmrufe, die mit der Emerging Church ein weiteres Mal das Ende des christlichen Abendlandes heraufziehen sehen, bleiben deutlich unterhalb der hier erreichten Reflexionshöhe. Natürlich kann ein 90 Seiten – Büchlein nicht alle Themen erschöpfend behandeln. Die „einfach-emergent“-Reihe ist bewusst kurz gehalten, um einen schnellen (und preisgünstigen) Einstieg in das Thema zu ermöglichen. Für alle, die tiefer in die Thematik einsteigen wollen, endet das Buch mit einem ausführlichen Literaturverzeichnis.

Am Ende der Werbeblock:
empfehlenswert ist natürlich auch der  zweite Band der Reihe, „Evangelium. Gottes langer Marsch durch seine Welt„. Dazu habe ich hier schon etwas geschrieben.

Aug 162012
 

Heute kamen die Vorschau-Dateien für das neue Buch von Peter und mir in der Reihe „einfach emergent“ zum Korrekturlesen: „Evangelium. Gottes langer Marsch durch seine Welt“. Zum Glück gab es nur Kleinigkeiten zu beanstanden. Langsam kann man sich vorstellen, wie das Buch einmal aussehen wird. Und jetzt wird es schon irgendwie spannend.

Ich habe beim Schreiben ganz viel gelernt – z.B., dass man das Evangelium nicht einfach nur als theologische Formel verstehen sollte. Die Menschen, die sich davon in Bewegung bringen lassen, gehören dazu. Evangelium ist eine Bewegung von Menschen aus vielen verschiedenen Zeiten, manchmal in den offiziellen Kirchen, manchmal neben ihnen. Und diese Bewegung wird nicht nur durch den Heiligen Geist, sondern oft auch durch viele historische Einflüsse und Connections verbunden. Gerne hätte ich noch viel mehr darüber reingeschrieben. Das Weglassen war das Schwierigste (besonders, wenn einem manche Personen ans Herz gewachsen sind). Aber es sollte ganz bewusst ein gut und schnell zu lesendes Buch werden. Ich glaube jetzt, dass es das auch geworden ist.

Feb 162012
 

Mike Breen beschreibt in einem längeren Post, wie sich Missional Communities (MC’s) in der St. Thomas-Gemeinde in Sheffield entwickelt haben. Am Anfang stand das gelegentliche Treffen von 3-4 Kleingruppen, die sich für Projekte zu einem „Cluster“ zusammenschlossen. Dies stellte sich als eine sehr gute Größe heraus. Die Kleingruppen kamen gern und häufig als Cluster von 20-50 Personen zusammen. Gleichzeitig entwickelte die Gemeinde eine Kultur gegenseitiger persönlicher Verantwortlichkeit. Beides zusammen ergab heftiges Gemeindewachstum. Für die so gewachsene Gemeinde brauchten sie schließlich eine ehemalige Riesen-Disko als Versammlungsraum.

Und nun beschreibt Breen, wie er sich entscheiden musste, in welche Richtung es weitergehen sollte: eine Megachurch bauen oder ein Netzwerk von Gemeinschaften, die nicht mehr von Hauptamtlichen geleitet werden, sondern von den Mitgliedern der Gemeinschaften selbst. Er beschloss gemeinsam mit seinen Mitarbeitern, den Fokus auf die Entwicklung der mittelgroßen Gemeinschaften zu legen, die mittlerweile „Missional Communities“ hießen.

Das war eine unkonventionelle, aber weise Entscheidung.

Denn ein Jahr später stellte sich heraus, dass die ehemalige Disko gravierende Baumängel hatte und nicht mehr zu nutzen war. Von einem Sonntag zum anderen hatte die Gemeinde kein Gottesdienstgebäude mehr und überlebte in Form der MC’s, die sich an allen möglichen Orten in der Stadt trafen. Sie wurden von Gemeindegliedern geleitet; die Hauptamtlichen hatten eine Unterstützerrolle. Diese improvisierte Situation sorgte noch einmal für schnelles Wachstum. Später konnte die Gemeinde wieder ein zentrales Gebäude als Trainingszentrum und Gottesdienstraum nutzen, aber der Grundansatz hatte sich geändert: in St.Thomas wird die Größe der Gemeinde nicht mehr nach Gottesdienstteilnahmen, sondern nach MC-Mitgliedern gezählt.

Das ist ein anderes Modell von Gemeinde. Wir kennen es so, dass der Gottesdienst die zentrale Veranstaltung ist, und – je nach Engagement der Gemeinden – kommen dann noch Gruppen, Hauskreise usw. hinzu. In St. Thomas wurde dieses Muster anscheinend umgedreht: zentrale Veranstaltung sind die MC’s, und wer mag, geht auch (manchmal) zum Gottesdienst. Ein entscheidender Vorteil dieses Modells dürfte zunächst sein, dass es deutlich kostengünstiger ist, denn eine Gottesdienst-zentrierte Gemeinde braucht in der Regel Hauptamtliche, einen festen Raum, Musiker, Technik – und das alles kostet viel Geld. Gleichzeitig macht es die Gemeinde unflexibel: man braucht für das alles feste, verlässliche Strukturen.

Dass das kostengünstigere Modell auch theologisch vieles für sich hat, beschreibt Breen ausführlich. Ich empfehle, seinen Post zu lesen, den ich hier nur selektiv zusammengefasst habe.

Über unsere eigenen Erfahrungen mit Clustern, also Gemeinschaften mittlerer Größe, die in Untergruppen gegliedert sind, habe ich hier, hier, hier und hier etwas geschrieben (schon damals mit Hinweis auf St. Thomas Sheffield, obwohl mir damals die ganze Entwicklung nicht bekannt war).

Mrz 232010
 

Seth Godin hat ein neues Buch geschrieben: Linchpin. Ein Linchpin ist die Radachse, im übertragenen Sinn: das, womit alles andere steht und fällt. Essentiell gehört zu einem Linchpin nicht nur, dass er Kunst (im weitesten Sinn – siehe meinen ersten Post zum Buch) produziert, sondern ebenso, dass diese Kunst als Geschenk abgegeben wird. Das heißt nicht, dass Linchpins nicht bezahlt werden sollten; aber Kunst, deren primäres Ziel das Geldverdienen ist, verliert ihren Kunst-Charakter. Kunst ist primär Geschenk, denn sie muss aus Begeisterung um ihrer selbst willen betrieben werden. Erst sekundär sorgt die Kunst vielleicht auch dafür, dass ihr Urheber zu Geld kommt – vielleicht zu viel Geld, vielleicht aber auch nicht.

Linchpins arbeiten mit einer neuen ökonomischen Logik: mit Geschenken. Aber in Wirklichkeit ist dieses Muster sehr alt. Über Zehntausende von Jahren produzierten und konsumierten Menschen vorwiegend auf Geschenk-Basis innerhalb einer kleinen Einheit – Stamm, Sippe, Großfamilie. Sinnbild dafür ist das Zinsverbot: Menschen deines Stammes sollst du umsonst unterstützen, einfach weil sie zu dir gehören. Du sollst von ihnen keine Gegenleistung erwarten – außer, dass sie selbst auch nötigenfalls diese Solidarität zeigen. Mit Fremden kannst du Geschäfte machen, an ihnen darfst du verdienen.

So konstituieren Geschenke einen Bund, eine Gemeinschaft. Jedes neue Geschenk stärkt diese Gemeinschaft, es entsteht mehr als ein ökonomischer Effekt. Geschenke (gerade wenn sie nicht mit der Erwartung von Kompensation gemacht werden) schaffen Bindung. Bei einer rein geschäftlichen Transaktion hingegen ist man hinterher quitt, es entsteht kein Überschuss, keine Bindung.

Um es an einem neutestamentlichen Beispiel zu sagen (und weil nächste Woche Gründonnerstag ist): als Jesus seinen Jüngern die Füße wusch, war das ein Geschenk ohne die Erwartung einer Gegenleistung. Aber er konstituierte/stärkte damit eine Gemeinschaft, deren innere Logik das gegenseitige Dienen war. Das Besondere dabei: diese Gemeinschaft war prinzipiell offen für Außenstehende. Und wie wurden Außenstehende da später mit einbezogen? Durch Geschenke.

Die Kunst des Linchpins, sein Geschenk an seine Umwelt ist das Schaffen von neuen Möglichkeiten, um die herum sich eine Gemeinschaft (Godin nennt es: ein „Tribe“) konstituiert. Dieses Thema wird jetzt wieder akut, weil durch das Internet die Geschenk-Ökonomie zurückkehrt. 500 Jahre lang wurde durch kapitalistische Gehirnwäsche diese andere ökonomische Logik tabuisiert; tendenziell jeder wurde zum Fremden, mit dem man Geschäfte machen konnte. Faktisch wird zwar immer noch ein großer Teil der gesellschaftlichen Arbeit (die ehrenamtliche und die Familienarbeit) auf Geschenkbasis geleistet, aber sie wird fast komplett ignoriert und geht nicht in die volkswirtschaftliche Gesamtrechnung ein.

In der neuen Internet-Ökonomie wird Kunst verschenkt: Lieder, Fotos, Videos, Gedichte. Aber auch Ideen, Computerprogramme (und ganze Betriebssysteme wie Linux, das ein Paradebeispiel für diese neue Ökonomie ist), Webdienste, theologische Sätze, Predigten, Lebensweisheiten, Bücher, Kundenservice sind nach Godin solche Kunst. Jedenfalls dann, wenn jemand damit das Wagnis eingeht, eine neue Weltsicht zu ermöglichen. Und diese Kunst ist heute auch ganz realwirtschaftlich unbezahlbar. Denn Bekanntes billiger nachmachen kann jeder. Das neue Geschäftsmodell ist stattdessen das Sammeln und Verbinden Gleichgesinnter. Und das läuft über Geschenke.

Nicht jeder Linchpin wird aber seine Kunst in eine Einkommensquelle verwandeln können. Viele werden sich eine benachbarte bezahlte Nische suchen, in der sie einiges von ihrer Kunst einbringen können und vielleicht nebenher im Internet einen Tribe aufbauen. Und je mehr sie dabei von ihrer Kunst statt vom Geld motiviert sind, um so größer ist die Chance, dass sie am Ende doch noch auch einen finanziellen Ausgleich bekommen. Wenn aber Firmen versuchen, Kunst in ihr Geschäftsmodell einzubauen und sie ihren Kundenbetreuern einzubimsen, werden sie scheitern. Menschen lassen sich auf die Dauer nicht täuschen und merken den Unterschied zwischen echtem Engagement und eintrainierten „was kann ich für Sie tun?“ – Sprüchen.

Die eigentliche Kompensation des Linchpins ist die Anerkennung, die er für sein großzügiges Geschenk bekommt – und das Bewusstsein, etwas Schöpferisches geleistet zu haben, das die Welt für immer verändert.

Vielleicht ist schon ein wenig deutlich geworden, warum diese Gedanken gerade auch im christlichen Rahmen sehr fruchtbar sind. Sich Gott versuchsweise als Linchpin vorzustellen, der mit der Welt auf der Basis einer Geschenkökonomie verkehrt – macht das Sinn?  Was würde das für die Gemeinde bedeuten: ein Geschenk an die Welt zu sein? Selbst als Linchpin der Welt neue Möglichkeiten zu eröffnen? Tribes zu konstituieren um das Geschenk neuer Lebensmöglichkeiten herum? Ich möchte das demnächst in einem weiteren Post durchdenken.

Sep 222008
 

Von Holm Friebe und Thomas Ramge ist vergangene Woche ein neues Buch erschienen: „Marke Eigenbau. Der Aufstand der Massen gegen die Massenproduktion“ (hier findest du eine weitere Rezension). Die Autoren schreiben über eine Entwicklung, die aus ihrer Sicht ein großes Zukunftspotential hat: Menschen sind nicht mehr von Firmen- und Konzernstrukturen abhängig, um Güter jeder Art zu produzieren. Durch die Entwicklung der Kommunikationstechniken (also Internet) und den leichten Zugriff auf professionelle Kleinproduktion können auch Einzelne und kleine Gruppen Nischen aufspüren und für sie produzieren. Bei lokaler Produktion für einen potentiell globalen Markt können auch Ein-Personen Unternehmen ökonomisch erfolgreich sein. Und wenn sie ihren Platz in einem Netzwerk von ähnlichen Firmen haben, dann können sie gemeinsam auch komplexere Güter herstellen.

Die Ursachen sehen die Autoren zunächst darin, dass die Transaktionskosten/Koordinationskosten durch das Internet enorm gesunken sind. Wo es früher einer professionellen Konzernstruktur bedurfte, um die verschiedenen Produktionsstufen und das Marketing zu koordinieren, regelt sich heute vieles über ein elektronisch gestütztes Beziehungsnetz. Darüber hinaus sind die Verbraucher inzwischen die seelenlosen Massenprodukte leid und bereit, für hochwertige, auf ihren persönlichen Bedarf und Geschmack zugeschnittene Produkte auch zu bezahlen. Daraus kann sogar unter günstigen Bedingungen eine Marke entstehen, die die traditionellen Marktführer ernsthaft bedroht (Bionade!).

Man könnte sagen: was sich im Bereich des Webworking entwickelt hat (ein Beziehungsnetz von Freelancern und Agenturen, die nicht primär konkurrieren, sondern in wechselnden Konstellationen kooperieren), übertragen Friebe/Ramge auch auf die materielle Produktion bzw. entdecken es dort.

Ich habe das Buch natürlich immer mit der Frage gelesen, was das für Gemeinden bedeutet. Zunächst einmal sieht man, dass diese Mechanismen auch beim Gründen von Gemeinden gelten: heute kann jeder eine Gemeinde gründen, ohne eine Kirche oder einen Gemeindebund im Hintergrund zu haben. Eine Hausgemeinde ist ähnlich low-cost wie ein Unternehmen, das als Kapital nur einen Laptop braucht. Keine teuren Kirchengebäude sind nötig, und während man früher leicht in die Sektenschublade getan werden konnte, wenn man nicht das offizielle Label einer Kirchenorganisation trug, ist „free“ heute in vielen Milieus eher eine Empfehlung. Die Flexibilität eines Start-ups hat eine Hausgemeinde sowieso, und auch das Know-How kann man sich relativ einfach außerhalb traditioneller Ausbildungsstätten aneignen.

Vor allem aber bin ich interessiert an der Frage, ob nicht Gemeinden noch einmal neu über den Aufbau von Produktion nachdenken sollten. Mindestens dann, wenn sie Gemeinschaften (und nicht Veranstaltungsbesuchergruppen) sein wollen. Viele Klöster haben schon immer mindestens für ihren Eigenbedarf produziert (ja, hier kommt der obligatorische Hinweis aufs Bierbrauen). Darüber hinaus haben sie damit aber auch die Relevanz des Evangeliums für die Gestaltung der Welt anschaulich praktiziert. Man denke nur an die Zisterzienser, die aus Sümpfen und Wäldern Kulturlandschaften geschaffen haben. Oder die Kunst-, Wissens- und Kulturproduktion, die in den Klöstern blühte.

Die Produktion wurde aber in den Klöstern eingebettet in den gemeinsamen Rhythmus geistlichen Lebens und damit vor einer Verabsolutierung geschützt.

Warum sollten in in einer sich entwickelnden Beziehungsökonomie nicht christliche Gemeinschaften ganz vornedran mit dabei sein? Und dabei gleichzeitig ihre eigene Finanzierung sicherstellen, Beziehungen zu vielen nichtchristlichen Geschäftspartnern und Kunden aufbauen, Arbeitsplätze schaffen und einen Bereich harter Realität geistlich prägen? Ich meine damit aber nicht Büchertische oder Kassettendienste!

Für alle, denen ein biblischer Beleg wichtig ist: Paulus, Aquila und Priszilla waren nicht nur ein Evangelisationsteam, sondern auch ein Produktionskollektiv. Wie ja überhaupt die im NT immer wieder genannten „Häuser“ selbstverständlich auch Orte der Produktion waren (bei Christen und Heiden). Anscheinend war das ein Ökosystem, in dem das Evangelium gut gedieh.

Hat jemand schon Erfahrungen damit? Gibt es Gemeinden oder Gemeinschaften, die ökonomisch relevante Produktion in ihr Leben integriert haben oder das planen? Ich wäre sehr interessiert daran, davon zu erfahren.

Sep 092008
 

Über das EmergentCamp am vergangenen Wochenende haben schon andere hier und hier und hier geschrieben – ich hoffe, ich habe jetzt niemanden übersehen. Demnächst wird es auch auf Emergent Deutschland die Präsentationen und Podcasts von den sechs Beiträgen geben. Man kann sie auch schon hier hören.

Eins will ich hier noch mal besonders erwähnen: Mir hat die Selbstorganisation des Treffens wirklich gut gefallen. Keine Tagungsstätte, keine Arbeitsstelle oder andere entscheiden über den Verlauf, sondern er entsteht aus dem, was die Teilnehmer mitbringen. Und das war wirklich anregend, brachte neue Perspektiven und überraschende Blicke auf neue Zusammenhänge. Wir haben alle viel mehr einzubringen, als wir denken, und wenn wir es zusammenschmeißen, wird richtig was Gutes draus.

Jun 252008
 

Seit dem Emerging Studientag in Hamburg im letzten Jahr ist hier im Norden eine Zusammenarbeit unter Leuten gewachsen, die sich vor allem über ihre Blogs kennengelernt haben. Und jetzt laden wir alle Interessierten zum EmergentCamp ein, um die Vernetzung voranzubringen:

EmergentCamp:
Evangelium und Gemeinschaft im Kontext der Postmoderne

am 06. September 2008 von 10.00 Uhr bis 18.00 Uhr in den Räumen der Christusgemeinde Bremen-Blumenthal.

EmergentNord lädt ein zu einem ersten EmergentCamp. Im Barcamp-Stil wollen wir miteinander über folgende Themen sprechen:

I. Wer sind wir heute?
Nach fast zwei Jahrtausenden Christentum befindet sich Europa in einem Zeitenbruch. Die Moderne geht ihrem Ende entgegen. Die Bedingungen, in denen das Evangelium kommuniziert wird, ändern sich. In einer unübersichtlichen Gemengelage mischen sich vormodernes, modernes und postmodernes Denken. Wer also sind wir heute? Ein Versuch Spuren zu erkennen.

II. Was ist das Evangelium?
Ein erster Versuch einer Rekonstruktion: welches Evangelium verkünden wir eigentlich in der unübersichtlichen Situation zwischen Moderne und Postmoderne?

III. Was ist christliche Gemeinschaft?
Die neuen Bedingungen sind auch Resonanzboden für Klänge des Evangeliums, die lange überhört worden sind. Wie können sie in Gemeinschaften Gestalt gewinnen? Wir wollen viele Impulse und Fragmente sammeln, die zu einer neuen Praxis christlicher Gemeinschaft anstiften.

Call-for-papers:
Jeder, der auch an diesen Fragestellungen arbeitet, ist eingeladen, Beiträge zu diesen Themen mitzubringen. Das dürfen auch Praxisberichte, Fragmente, Literaturberichte oder Diskussionsanstöße sein. Beiträge sollten 10 min Länge nicht überschreiten.

Anmeldung:
Wir bitten um eine Anmeldung bis zum 15. August 2008 an: info@zellgemeinde-bremen.de

Adresse des Veranstaltungsorts:
Christusgemeinde Bremen Blumenthal (ev.-freikl./Baptisten)
Cranzer Straße 22
28777 Bremen

Eine Wegbeschreibung
gibt es auf der Webseite der Christusgemeinde unter:
http://www.christusgemeinde-blumenthal.de/index.php/kontakt/

Apr 222008
 

Kay Pollak ist der Regisseur des wunderbaren Films „Wie im Himmel„, der für den Oscar nominiert war und auch in vielen deutschen Städten wochenlang lief. Es ist der beste Film über Gemeindegründung, den ich je gesehen habe. Auch „Chocolat“ kommt da nicht mit, aber die Geschichte ist ähnlich: ein Dirigent formt (nicht aus den Kunden einer Chocolaterie, sondern) aus einem mittelmäßigen Kirchenchor eine befreiende und heilende Gemeinschaft. Zwischendrin gibt es so etwas wie eine Kreuzabnahme und am Ende einen großen Saal mit Menschen, die in Zungen reden. Hufi hat neulich darüber gepostet.

Das Verrückte dabei ist wieder mal: Gott kommt in dem Film eigentlich nicht vor. Religion wird nur durch den strengen staatskirchlichen Pfarrer repräsentiert, der sich von der Gemeinschaft des Chores bedroht fühlt, weil die seine auf Angst und Gewissensdruck gegründete Herrschaft über die Gemeinde gefährdet.

Kay Pollak schreibt auch Bücher über persönliches Wachstum und Freiheit. Das Grundmotiv dabei ist: trenn dich von der Illusion, dass das Problem da draußen bei den anderen liegt. Verändere dein Denken, das ist der Schlüssel. Man merkt, dass das sein Weg war und dass der für ihn eine große Befreiung bedeutet hat: sich nicht mehr als Opfer zu fühlen, sondern sich als verantwortlich zu verstehen.

Ich habe gerade „Für die Freude entscheiden“ gelesen. Darin beschreibt Pollak gegen Ende (ab Seite 210 – wer es nachlesen will, kann bei amazon  in der Volltextsuche die Zahl „210“ eingeben und dann auf die nächsten Seiten weiterklicken. Interessant könnten auch die Suchbegriffe „Sonntagsschule“ und „Kirche“ sein) einen inneren Weg der Umkehr und Vergebung, der eigentlich eine sehr zeitgemäße Form dessen ist, was man sonst Beichte und Vergebungszuspruch nennen würde. Das ist in vielem so gut formuliert und gedacht, dass man sich da manches für die Seelsorge abgucken kann.

Aber auch hier ist das Verrückte: obwohl sogar die Zusage „ich vergebe dir“ wörtlich vorkommt, wird Gott nirgendwo genannt. Wer vergibt also an dieser Stelle? Das von Pollak so genannte „höhere Ich“ – der Mensch, der wir auch sind: sicher, präsent, angstfrei, liebevoll. Die Utopie des Menschen, der wir sein könnten, sollen und manchmal auch sind. Das finde ich einen sehr wichtigen Gedanken: mit jeder Sünde (Pollak benutzt das Wort natürlich nicht) versündigen wir uns an dieser Utopie.

Nur – dass Gott es sein könnte, der diese Utopie von uns hat und diesen Traum auch in Kay Pollak träumt, das ist ein Gedanke, an den Pollak sich nicht heranwagt. Er beschreibt bis ins Detail geistliche Prozesse, ohne den Namen Gottes oder Jesu zu erwähnen. Warum?

An einigen Stellen wird deutlich, dass Pollak aus einem christlich geprägten Elternhaus kommt (woher sollte er auch sonst diese intime Kenntnis geistlicher Strukturen haben …), aber es war offenbar auch ein Elternhaus (oder eine Gemeindekultur), in dem er zum Unglück erzogen wurde. Er lernte, auf Probleme und Ängste mit Irritation, Ärger und Zorn zu reagieren. Vor allem aber war in ihm eine Stimme, die beständig zu ihm sprach: Du bist ein armer sündiger Mensch … geboren in Sünde!

„Wenn ich es für einen Moment wagte, meine einzigartige und wunderbare Größe zu bejahen, dann war es der verurteilende und strafende Gott, der mich in die Knie zwingen wollte.“

Pollak steht für viele andere. Viele wissen oder ahnen, dass sie einen geistlichen Prozess dringend brauchen. Sie sehnen sich danach, und es ist der Sache nach nicht die buddhistische (oder esoterische o.ä.) Grunderfahrung, die sie ersehnen, sondern eine genuin christliche. Aber entweder ahnen sie gar nicht, dass es so etwas unter dem Label „christlich“ geben könnte, oder sie bekommen den christlichen Gott und ihre Kirchenerfahrungen (oder ihr Kirchenbild) nicht auseinander. Sie fürchten viel zu sehr (und nicht zu Unrecht!), dass sie am Ende doch wieder bei der ganzen alten unterdrückerischen Scheiße landen, wenn sie sich auf ausdrücklich christliches Vokabular einlassen. Das gebrannte Kind scheut das Feuer.

Stattdessen konstruiert sich Pollak einen Gott, der nur Liebe ist und nie verurteilt, und man möchte ihn fragen: brauchen denn die Unterdrückten dieser Erde das nicht, dass Gott Recht spricht und ihre Unterdrücker verurteilt? Ist das nur ein Problem im Kopf der Armen, das durch Umdenken zu lösen ist?

Aber man sollte wohl mit verletzten Menschen nicht so reden. Schon gar nicht, wenn aus dieser Verletzung so viel Heiles und Positives wächst. Vielleicht müssen Pollak und andere einen ganz eigenen Weg gehen, bis sie sich an die Erkenntnis herantrauen, dass sie in ihrer Sehnsucht dem wirklichen Gott ganz nahe auf den Spuren sind.

Wir – Vertreter einer christlichen Kultur, die noch längst nicht frei ist von dem, was Pollak zu Recht beklagt – helfen ihm und anderen wahrscheinlich am besten dadurch, dass wir mit dem arbeiten, was sie uns zu geben haben. Pollaks Buch ist eine wunderbare Hilfe für die Seelsorge (in manchem ja auch nicht neu). Aber es braucht so etwas wie ein Re-engeneering: wir müssen lernen, ihre Weisheit zu nutzen, aber den Namen Gottes, den Namen Jesu auch ausdrücklich auszusprechen und dabei trotzdem (!) so befreiend zu bleiben, wie Pollak und andere es uns vormachen.

Wenn der ausgesprochene Name und die Sache, die damit gemeint ist, wieder zusammenkommen, was wird das anderes bedeuten als Leben aus dem Tod (Römer 11,15)? Vielleicht erleben wir es ja noch, in geringerem oder größerem Maß.

Und: wer sich „Wie im Himmel“ noch nicht angeschaut hat – ab ins Kino! Oder die DVD bestellen. Der Film sollte Pflichtprogramm bei allen Schulungen für Gemeindegründung sein. Denn vom Singen werden Menschen immer noch schneller heil als vom Schokoladefuttern.

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Mrz 132008
 

Ryan Bell hat auf dem Allelon-Blog „The Missional Journey“ die Probleme der traditionellen Bibelstudien-Gruppen beschrieben und überlegt, was in seiner Gemeinschaft an deren Stelle treten könnte.

Er geht von der Beobachtung aus, dass man in solchen Gruppen normalerweise austauscht, was man so denkt, „was der Text bedeutet“. Die Frage, was der Text eigentlich erreichen sollte (bei Jesus oder gar bei den Evangelisten), taucht kaum auf. Und was er aktuell bei seinen Lesern erreichen soll, diese Frage stellt sich auch nicht. Es geht nur um Information, aber nicht um Formation. Die Folge: Langeweile und Frustration.

Was tritt in Bells Gemeinschaft an die Stelle von Bibelstudiengruppen? Sie arbeiten dort mit „missional action teams“, die danach fragen, was Gott für ihre Nachbarschaft bedeutet. In diesem Zusammenhang wird es lebensnotwendig, in der Bibel zu leben. Solche Teams entwickeln eine „missionale Hermeneutik“. Dazu gehört etwas, was sie „dwelling in scripture“ nennen, also ein „Bewohnen“, ein In-der-Bibel-leben. Manche Gruppen haben zwei Jahre lang mit einer bestimmten Passage gelebt und sich immer wieder gefragt: „wie formt dieser Text uns als Volk Gottes, damit wir in unserem Ort seine Zeugen sein können?“ Damit bekommt der Text eine ganz andere Verbindlichkeit. Und genauso entsteht eine Verbindlichkeit unter denen, die sich entschlossen haben, gemeinsam Volk Gottes vor Ort zu sein.

Wenn die Bibel so gebraucht wird, dann – so haben sie es jedenfalls erfahren – rücken sehr elementare Texte wie die Bergpredigt, die Aussendung der Jünger oder die Begegnung Jesu mit der Samariterin am Brunnen in den Vordergrund.

Es bleiben Fragen: wie geht man mit der Bibel um in einem Kontext von biblischen Analphabetentum? Wie öffnet man denen einen neuen Weg zur Bibel, die aus ihrem christlichen Hintergrund schon jede Menge Bibelinformationen mitbringen, aber ein ganzes Christenleben lang nur die „informative“ Art des Bibelstudiums kennengelernt haben? Und wie hilft man Neubekehrten, erst gar nicht damit anzufangen?

Ich finde das sehr wichtige Fragen und Anstöße. Auch für uns muss es eine missionale Hermeneutik geben. Erst im Zusammenhang von Praxis wird die Bibel ihre wirklichen Qualitäten entfalten.

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Nov 042007
 

Im 8. Kapitel von „The shaping of things to come“ schreiben Frost/Hirsch über „Action as Sacrament“. Für mich eines der wichtigsten Kapitel in dem mit guten Einsichten gespickten Buch. Dass Spiritualität/geistliches Leben/Kontemplation ihr bestes Umfeld dort haben, wo man sich an der Wirklichkeit abarbeitet, ist eine wirklich hilfreiche These. Ebenso hilfreich und nötig die Kritik an westlicher Spiritualität, die tendenziell individualisiert und vor allem passiv-rezeptiv angelegt ist.
Ob man der These zustimmen mag, dass Aktion/Praxis ein Sakrament ist, hängt letztlich vom jeweiligen Sakramentsbegriff ab und ist deshalb keine so interessante Frage. Aber die Einsicht „the missional action is a supreme source of spiritual insight and experience“ beseitigt doch viele falsche Gegensätze. Ebenso hilfreich der Gedanke, dass es uns die Tat erlaubt, Gott überall zu finden (das ist der Hintergrund der These „Action as Sacrament“).
Schließlich auch die Beschreibung, dass es viele Bücher mit Anleitungen gibt, wie man es machen sollte, aber wenig real funktionierende Modelle. Und dann der entschlossen angefügte Satz „This must change. There needs to be a whole lot more action, and we believe that only in actually doing it will the church discover God in a new way.“
Ich glaube, dass wir zu einer Ehrenrettung der Tat, der Aktivitäten (ja, ja) und überhaupt der missionalen Praxis kommen müssen. Irgendwann vor langer Zeit habe ich mal gehört, wie in einer Diskussion einer (ich glaube, es war Helmut Gollwitzer) ungefähr sagte: „warum habt ihr uns das Tun madig gemacht?“
Irgendwie haftet der Tat doch immer dieser Hauch von Selbstrechtfertigung oder von „arbeiten für Gott, statt mit ihm zusammenzusein“ an. Ok, zu viele Leute arbeiten sich an den falschen Sachen ab, versuchen oft nur, es anderen recht zu machen, und vielleicht gibt es ja wirklich die Leute, die sich damit bloß profilieren wollen. Aber eigentlich denke ich, dass Aktion fürs geistliche Leben sehr wichtig ist und oft die Massstäbe zurechtrücken kann (solange man auch noch hinterher sich ausruhen, beten und nachdenken kann). Vor allem aber: dass man mitten in einem sinnvollen Einsatz Gott oft sehr nahe kommt, das könnte ich bestätigen. Wie geht es euch damit?

Ich habe das Kapitel für unsere Gemeinschaft übersetzt. Wahrscheinlich ist es aus Urheberrechtsgründen nicht erlaubt, das hier ins Netz zu stellen, aber wer die Übersetzung haben möchte, kann mir mailen.