Dez 282014
 

Predigt am 24. Dezember 2014 (Heiliger Abend) zum Weihnachtsspiel der Konfirmandengruppe

In zwei Gottesdiensten am Heiligen Abend zeigte unsere Hauptkonfirmandengruppe ein 25 Minuten langes Stück zum Weihnachtsfrieden von 1914: deutsche und alliierte Soldaten an der Westfront stellten auf eigene Faust das Feuer ein und feierten zwischen den Gräben miteinander Weihnachten. Man wünschte sich frohe Weihnachten, sang Weihnachtslieder, tauschte Geschenke aus, zeigte sich Bilder der Familien, begrub gemeinsam die Gefallenen, feierte manchmal Gottesdienste zusammen oder spielte Fußball. Die überraschten Heeresleitungen zogen es vor, diesen selbstorganisierten Frieden zu ignorieren. Nur wo anschließend zu oft in die Luft geschossen wurde, verlegte man die Einheiten an andere Stellen der Front.

Zum Stück gehörte auch ein Gottesdienst mit Predigt, so konnte die folgende Predigt kurz sein.

Weihnachten-im-NiemandslandGigantische Militärmaschinen prallten im ersten Weltkrieg aufeinander. Millionen von Menschen gehörten dazu, und sie waren mit der modernsten Technik ausgerüstet. Die Soldaten waren nur Rädchen im Getriebe, ihr Leiden und Sterben wurde von den Planern einfach einkalkuliert. Um so bemerkenswerter ist es, dass heute vor genau 100 Jahren, ungefähr um diese Tageszeit, Tausende von Soldaten an der Westfront sich vorsichtig aus ihren Gräben wagten, weil sie auf die gemeinsame Tradition des Weihnachtsfestes vertrauten. Alle kannten die Weihnachtsgeschichte. Auf allen Seiten wussten sie, dass die Engel von Bethlehem verkündet hatten: »Friede auf Erden«. Auf allen Seiten wussten sie eigentlich, mindestens in einem Winkel ihres Herzens, dass es nicht richtig war, gegeneinander Krieg zu führen. Auch wenn ihnen dauernd erzählt wurde, dass Gott natürlich auf ihrer Seite stünde.

Aber mitten in diesem schrecklichen Krieg half ihnen die Erinnerung an die Geburt Jesu dazu, sich dem Griff der Militärmaschinen wenigstens für ein paar Stunden oder Tage zu entwinden. Vielleicht haben sie sogar für einen Augenblick verstanden, dass die eigentlichen Feinde nicht die Soldaten im anderen Schützengraben waren, sondern diese gewaltigen Machtzusammenballungen, die gnadenlos ihren Tod einkalkulierten. Auf jeden Fall erinnerte sie Weihnachten daran: Menschen sind nicht dazu geschaffen, einander zu Feinden zu werden. Es sind die großen und kleinen Mächte, die uns gegeneinander aufbringen. Aber Jesus ist gekommen, um uns aus ihrem Griff zu befreien, er ist gekommen, damit wir ihnen nicht mehr glauben, ihnen nicht mehr auf den Leim gehen. Der wahre König der Welt, Jesus, wird als einfacher Mensch geboren, er hetzt Menschen nicht gegeneinander auf, sondern verbindet sie. Hätten das damals noch viel mehr Menschen verstanden, dann wäre der Krieg zu Weihnachten 1914 zu Ende gewesen, und Millionen Menschen hätten ihr Leben behalten.

Heute leben wir zum Glück nicht mehr in einer so militarisierten Gesellschaft wie vor 100 Jahren. Heute sind es andere Mächte, die sich zu Herren unseres Lebens machen wollen: die Globalisierung macht Menschen auf der ganzen Welt zu Konkurrenten, und die Willkür der Finanzmärkte ruiniert ganze Länder und Völker. Und wir sind immer in Gefahr, uns dann in Feindschaft zu anderen Menschen hineintreiben zu lassen. Wir sind in Gefahr, die Fremden und Anderen als Feind anzusehen, die aus dem anderen Schützengraben sozusagen.

Aber in Wirklichkeit sind es diese Mächte, die heute viel weniger sichtbar sind als vor 100 Jahren, die versuchen, uns für ihre Zwecke einzuspannen. Und Jesus ist gekommen, uns so miteinander zu verbinden, dass wir uns ihrem Griff entwinden können, dass wir ihnen nicht mehr glauben.

Die Soldaten, die am Ende des Stücks nach dem Anschiss durch den General dennoch »Auld lang syne« singen, der Geistliche, der wenigstens sein Kreuz bei seinen Leuten im Graben zurücklässt – es sind alles Zeichen von Menschen, die den Mächten nicht mehr glauben. Ja, der Krieg ist weitergegangen und hat noch Millionen in den Tod gerissen, ja, wir leben bis heute in einer Welt voller Gewalt und Krieg. Aber solange das noch so ist, gründet Jesus Gemeinschaften des Friedens, Gemeinschaften von Menschen, die sich nicht zu Feinden machen lassen, und die den Versprechen und Drohungen der Mächte nicht mehr glauben. Gemeinschaften von freien Menschen, die solidarisch zusammen halten.

Seit der Geburt Jesu ist dieses Neue in der Welt. Das ist der Kern der Weihnachtsfreude. Gott macht die Welt neu. Und einfache Menschen wie du und ich und ihr, wir sind dazu berufen, dabei zu sein. Gott tut etwas unglaublich Gutes mitten unter uns. Aber er will es nicht ohne uns tun. Er will, dass wir Menschen des Friedens werden, er lebt unter freien Menschen, die sich zu niemandes Feind machen lassen.

Dez 252014
 

Predigt am 24. Dezember 2014 (Heiliger Abend) mit Titus 2,11-14

11 Denn ´in Christus` ist Gottes Gnade sichtbar geworden – die Gnade, die allen Menschen Rettung bringt. 12 Sie erzieht uns dazu, uns von aller Gottlosigkeit und von den Begierden dieser Welt abzuwenden und besonnen, gerecht und fromm in dieser Welt leben, 13 als Menschen, die voll Sehnsucht auf die Erfüllung der Hoffnung warten, die unser höchstes Glück bedeutet: das Erscheinen unseres großen Gottes und Retters Jesus Christus in seiner ganzen Herrlichkeit. 14 Er hat sein Leben für uns gegeben, um uns von einem Leben der Gesetzlosigkeit zu befreien und sich so ein reines Volk zu schaffen, das nur ihm gehört und alles daran setzt, das Gute zu tun.

AgentDiese Passage beschreibt Weihnachten als den Anfang einer Art Unterwanderung: Gott hat sich getarnt unter die Menschen gemischt, und jetzt versucht er hier so etwas wie ein alternatives Netzwerk aufzubauen, um Menschen für sich zu gewinnen. Stellen Sie sich vor, Sie hätten den Auftrag bekommen, sagen wir: Nordkorea zu unterwandern, um dort die Menschen aus der Hörigkeit unter dem jeweils herrschenden Mitglied der Diktatoren-Familie zu befreien. Einen Krieg führen geht nicht, die Nordkoreaner sollen ja leben, Freiheit muss von innen heraus kommen. Stellen Sie sich vor, das wäre ihr Auftrag!

Alles ist fremd

Was wäre ihr erstes Problem? Sie können vermutlich nicht besonders gut koreanisch sprechen. Die koreanische Küche ist Ihnen nicht vertraut. Sie kennen die Kultur nicht, Sie sind nicht gewohnt, in einer Diktatur zu leben. Ihr ganzer Lebensstil ist anders.

Gut, das kann man alles lernen. Aber besonders attraktiv klingt das wahrlich nicht. Und die Gefahr, dass Sie auffliegen und in einem Umerziehungslager landen, macht die Sache nicht besser. Und auch ohne Umerziehungslager – wäre ich nicht am Ende, wenn ich das tatsächlich alles gelernt hätte, so an das System angepasst, dass ich es nicht mehr verändern könnte? Wissen Sie, was ich meinem Auftraggeber sagen würde? – Genau: Such dir jemand anders, der das besser kann!

Sehen Sie, genau das Problem hatte Gott auch. Er suchte jemanden, der die Welt unterwandert, der hier richtig reinpasst in unsere Kultur und unser Leben, der unsere Sprache spricht und unsere Gedanken kennt, und der trotzdem eine alternative Art zu leben verbreitet. Und man muss dazu sagen, dass Gott das Leben hier auf der Erde mindestens ebenso schrecklich findet, wie wir das Leben in Nordkorea. Glauben Sie das nicht? Sie brauchen nur mal an die ganzen Witze denken, die es über Außerirdische gibt, die in ihrem Raumschiff auf der Erde vorbeikommen und sich mit Grausen abwenden, wenn sie sehen, wie wir uns und die Erde behandeln. Manchmal sagen sie noch: wir kommen erst wieder, wenn sich die Menschen endgültig gegenseitig ausgerottet haben, lange kann es ja nicht mehr dauern.

Auf unmöglicher Mission

Das ist natürlich nicht 1:1 das, was Gott über uns denkt, aber es gibt uns vielleicht eine Ahnung davon, wie Gott auf die Erde schaut. Irgendwie so, wie wir auf Nordkorea gucken eben. Nur dass wir uns vom Schicksal der armen Nordkoreaner nicht wirklich unsere Laune verderben lassen, Gott aber intensiv am Schicksal der Menschen Anteil nimmt und Wege sucht, ihnen zu helfen. Und weil Gott niemanden findet, der freiwillig für ihn diesen Auftrag übernimmt, vertraut er die Mission seinem Sohn an, mit dem er völlig ein Herz und eine Seele ist.

Und der wird dann unauffällig eingeschleust in die Welt, nämlich als Mensch geboren, um von der Pike auf zu lernen, wie man unter Menschen lebt. Die erste Lektion, gleich zum Empfang, lautet: wer die Macht hat, nimmt keine Rücksicht auf schwangere Frauen und neugeborene Kinder. Die imperiale Volkszählung geht vor.

Immerhin streut Gott schon mal durch seine Engel das Gerücht, dass Befreiung unterwegs ist. So ein paar prekäre Gestalten vom Rand der Gesellschaft, Hirten aus der Gegend von Bethlehem, hören davon, kommen und wollen sich selbst überzeugen. Später kommen noch ein paar Besserverdiener auf der Suche nach Sinn vorbei, die Sterndeuter aus dem Osten, die auf verschlungenen Wegen nach Bethlehem gefunden haben. Das war es auch schon. Trotzdem wäre der himmlische Agent gleich am Anfang ausgeschaltet worden, wenn Gott nicht direkt eingegriffen und die Flucht nach Ägypten veranlasst hätte.

Und als Jesus das überlebt hat, muss er langsam seinen Auftrag ausführen. Er ist in unserem Abschnitt ziemlich konzentriert beschrieben. In Jesus …

… ist Gottes Gnade sichtbar geworden – die Gnade, die allen Menschen Rettung bringt. 12 Sie erzieht uns dazu, uns von aller Gottlosigkeit und von den Begierden dieser Welt abzuwenden und besonnen, gerecht und fromm in dieser Welt leben.

Ich muss zugeben, dass das beim ersten Hören nicht besonders nach einem Unterwanderungsauftrag klingt. Aber das liegt daran, dass wir gewohnt sind, solche Worte immer in einem religiösen Zusammenhang zu hören und zu verstehen, und die Übersetzungen verstärken das noch. Man kann es auch anders lesen, und das ist keineswegs irgendeine moderne Verkürzung, sondern dabei wird gerade der eigentliche Gehalt sichtbar, und zwar so:

In Christus ist sichtbar geworden, wie gut Gott ist. Da merkt man erst, wie brutal und ärmlich unser Leben ist, wenn wir Gott nicht kennen und uns vom herrschenden System sagen lassen, wie man leben soll: als ob man von Macht oder vom Immer-mehr-Haben-Wollen glücklich wird. Wenn wir an Jesus ablesen, wie gut Gott ist, dann bringt uns das Stück für Stück dazu, dass wir umfassend nachdenken, Gerechtigkeit an die erste Stelle setzen und mit Gott durchs Leben gehen.

Ein neuer Maßstab fürs Zusammenleben

Die erste Aufgabe von Jesus ist also, das Niveau unserer Erwartungen hochzuschrauben: gib dich nicht mit dem zufrieden, was hier als richtiges Leben gilt, sondern lass dir zeigen, wie dein Leben sein ganzes Potential erreicht. Voller Segen und Vertrauen. Nach einem anderen Muster. Und dann spürst du hoffentlich, dass das nur geht, wenn du dich abkoppelst von den Gedanken und Werten, die ringsum gelten. Wenn du dich abwendest von den trügerischen Hoffnungen und Sicherheiten, an die sich alle klammern.

Ich weiß nicht, wie das in Nordkorea aussehen würde. Ich weiß nur, dass es in jeder Gesellschaft ganz schwer vorstellbar ist: sich auszuklinken aus der gesellschaftlichen Mitte und eine Minderheitenposition irgendwo am Rand einzunehmen. Aber das wirklich gute Leben gibt es nur so. Deshalb hat Jesus Zellen aufgebaut, in denen anders gedacht wurde, wo andere Werte galten, wo man die Gnade leben und erleben konnte. Und wenn die anderen Leute davon etwas mitbekamen, dann sahen sie es mit einer Mischung aus Faszination, Empörung und Schaudern.

Das ist gemeint, wenn es heißt, dass Gott sich ein neues Volk schaffen will: eine Gruppe von Menschen, die zeigt, wie man auf einer anderen Basis zusammenleben kann. Im überwachten Nordkorea wäre vielleicht das Wichtigste, dass man in so einer Zelle nicht dauernd unter Beobachtung stehen würde, dass man da lernt, wie sich Vertrauen anfühlt. Aber das weiß ich nicht wirklich. Wir alle können uns wohl nicht wirklich vorstellen, wie man in so einem kontrollierten Land lebt.

Zellen des befreiten Lebens

Aber das ist der Kern von Weihnachten: dass Gott in unsere Welt eine neue Art zu leben hineingesandt hat, ganz unauffällig, aber für einige Menschen unübersehbar. Erst steigert er unsere Erwartungen und Hoffnungen – dazu haben schon Israels Propheten mit ihren Verheißungen beigetragen, von denen wir vorhin in der Lesung einige gehört haben. Und dann hat Jesus gezeigt, dass das wirklich geht, aus der verborgenen Kraft Gottes zu leben. Und er hat Zellen geschaffen, wo das angeschaut, ausprobiert und gelernt wird. Und wenn es gut geht, dann klinkt sich einer aus aus dem gesellschaftlichen Konsens und fühlt sich da irgendwann sogar richtig fremd und sagt sich: wie konnte ich nur so leben, ohne die beständige Begleitung durch Gott und ohne die Menschen, denen ich auf eine Art vertraue, wie ich es mir vorher nie hätte träumen lassen?

Wenn in Weihnachtslieder davon gesungen wird, dass Jesus ein besonders schönes oder niedliches Kind war, dann ist das eine schwache Erinnerung daran, dass von Jesus sein Leben lang die Faszination eines befreiten und liebevollen Lebens ausgegangen ist. Er hat den Charme der Gnade Gottes ausgestrahlt.

Und die Hoffnung ist, dass diese Gnade eines Tages die ganze Welt flutet, und man nicht mehr innerlich aussteigen und an die Ränder gehen muss, um das zu erleben. Eines Tages wird diese Mission Jesu nicht mehr nur im Verborgenen Kraft entfalten, sondern deutlich sichtbare Realität sein, die die ganze Welt erfüllt. Eines Tages wird für alle dieses neue Leben sichtbar, das mit Jesus in die Welt gekommen ist. Dann prägt es alles und ist nicht mehr vorläufig, versteckt und Missverständnissen ausgeliefert.

Aber in Bethlehem ist es in die Welt gekommen, und Jesus baut jetzt schon Gemeinde: Zellen, in denen bereits auf seine Art gelebt wird.

Jan 052012
 

Predigt zu Jesaja 11,1-9 am 26. Dezember 2011 (Weihnachten II)

1 Und es wird ein Reis hervorgehen aus dem Stamm Isais und ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht bringen. 2 Auf ihm wird ruhen der Geist des HERRN, der Geist der Weisheit und des Verstandes, der Geist des Rates und der Stärke, der Geist der Erkenntnis und der Furcht des HERRN. 3 Und Wohlgefallen wird er haben an der Furcht des HERRN. Er wird nicht richten nach dem, was seine Augen sehen, noch Urteil sprechen nach dem, was seine Ohren hören, 4 sondern wird mit Gerechtigkeit richten die Armen und rechtes Urteil sprechen den Elenden im Lande, und er wird mit dem Stabe seines Mundes den Gewalttätigen schlagen und mit dem Odem seiner Lippen den Gottlosen töten. 5 Gerechtigkeit wird der Gurt seiner Lenden sein und die Treue der Gurt seiner Hüften. 6 Da werden die Wölfe bei den Lämmern wohnen und die Panther bei den Böcken lagern. Ein kleiner Knabe wird Kälber und junge Löwen und Mastvieh miteinander treiben. 7 Kühe und Bären werden zusammen weiden, dass ihre Jungen beieinander liegen, und Löwen werden Stroh fressen wie die Rinder. 8 Und ein Säugling wird spielen am Loch der Otter, und ein entwöhntes Kind wird seine Hand stecken in die Höhle der Natter. 9 Man wird nirgends Sünde tun noch freveln auf meinem ganzen heiligen Berge; denn das Land wird voll Erkenntnis des HERRN sein, wie Wasser das Meer bedeckt.

In diesen Verse zeichnet Jesaja das Bild eines gerechten Königs, durch den das Land gedeiht und selbst in der Tierwelt Frieden herrscht. Die zentrale Aufgabe dieses Königs ist Gerechtigkeit. Und das bedeutet vor allem: dafür sorgen, dass Arme zu ihrem Recht kommen. Das ist die zentrale Aufgabe dessen, der die Macht im Land hat: dafür sorgen, dass keiner unter die Räder kommt, und denen zu ihrem Recht verhelfen, die von Stärkeren an die Seite gedrängt werden.

Der König war damals die oberste Berufungsinstanz, an die man sich wenden konnte, wenn man in Schwierigkeiten war. Man kann das gut an der Geschichte des salomonischen Urteils beobachten: zwei Frauen streiten sich darum, wem ein Kind gehört, beide beanspruchen es, und nun wenden sie sich an den König, damit er eine Entscheidung herbeiführt. Das heißt, auch in solchen Alltags- und Familienangelegenheiten konnte der König angerufen werden. Und der musste dann in dem Gewirr von Interessen eine sinnvolle Lösung finden, damit das Leben weitergehen kann.

Berühmt ist die Weisheit Salomos, der als Lösung vorschlug, man möge ihm ein Schwert bringen, damit das Kind in zwei Teile geteilt würde und jede Frau ein halbes Kind bekommt. Und als dann eine der Frauen lieber ganz auf das Kind verzichtet als das Kind töten zu lassen, da erkennt Salomo in ihr die wahre Mutter und spricht ihr das Kind zu.

Das ist Königsweisheit: den Menschen auch in verwickelten Verhältnissen gerecht zu werden, so dass den Unschuldigen zum Recht verholfen wird und die Rücksichtslosen es sich zweimal überlegen, ob sie andere um ihr Recht bringen wollen.

Dazu muss der König hinter die Oberfläche schauen und sich ein eigenes Urteil bilden. Er darf nicht für bare Münze nehmen, was ihm die Leute erzählen, sondern er muss es bewerten und gewichten.

Und das heißt, hier nützt es gar nichts, zu wissen was Sitte und Brauch ist, sondern hier muss einer eine höchstpersönliche Entscheidung treffen. Wir können uns gar nicht vorstellen, was für eine einmalige Aufgabe das war in einer Zeit, wo die meisten Menschen sich ganz selbstverständlich daran orientierten, was »man« tut und was nicht. Wir stehen heute vor einem Haufen Entscheidungssituationen und müssen immer wieder neu herausfinden, was für unsere ganz individuelle Situation richtig ist. Damals war das viel übersichtlicher. In einer traditionell geprägten Gesellschaft waren eigentlich fast alle Entscheidungen vorgegeben, deine Rolle war klar definiert, und wenn du aus der Reihe tanztest, bekamst du Ärger. Für alle offenen Fragen, die dann noch blieben, hatte man die Ältesten des Stammes, den Priester am Tempel und den König.

Deswegen ist der König so wichtig: der entscheidet die Fragen, die überbleiben, wenn die normalen Antworten von Sitte und Brauch das Problem nicht gelöst haben. Der König steht also an der Stelle in der Gesellschaft, wo Spielraum ist, wo echte Entscheidungen gefällt werden. Wenn der es gut macht, dann geht die ganze Gesellschaft in eine gute Richtung. Wenn der aber dumm oder korrupt ist, dann schadet das allen. Nur die Rücksichtslosen und Starken auf allen Ebenen freuen sich, die Mafiabosse, Baulöwen und Abzocker jeder Art, weil ihnen niemand mehr in den Weg tritt.

Und Jesaja beschreibt hier die Hoffnung, dass es einmal einen einen König geben wird, der von Gott inspiriert ist und mit göttlicher Weisheit all die menschlichen Irrungen und Wirrungen entwirren kann, und zwar deshalb, weil es ihm tatsächlich vor allem darum geht, mit Gott in Übereinstimmung zu leben.

Das heißt, Jesaja schaut vor allem auf die persönlichen Qualitäten des Königs, nicht so sehr auf seine institutionelle Macht. Er wird den Bösen mit dem Stab seines Mundes besiegen und mit dem Hauch seiner Lippen töten, heißt es. Das bedeutet die Entscheidung fällt nicht durch Machtmittel, sondern durch Worte, durch die Wahrheit.

Das klingt jetzt vielleicht etwas blauäugig, aber das wünschen wir uns eigentlich ja bis heute von Politikern, dass sie Autorität nicht nur durch ihr Amt und ihre Macht haben, sondern dass sie eine Klarheit und Integrität aufbringen, die ihnen auch ganz persönlich Autorität gibt. Und genauso wünschen wir uns das von Chefs und Lehrern und Leitern jeder Art, dass sie eine menschliche Qualität mitbringen, die möglichst überzeugend ist, und dann brauchen sie ihre Macht gar nicht mehr immer, um Entscheidungen durchzusetzen.

Und nun muss man ja solche alttestamentlichen Verheißungen immer lesen mit Blick auf Jesus. Die Propheten haben vieles nur von fern und in Bildern gesehen, Jesaja hat sich wahrscheinlich selbst gar nicht genau vorstellen können, wie so ein gerechter und weiser König aussehen würde. Aber wenn man Jesus dazu nimmt, dann bekommt das Ganze viel klarere Konturen.

Denn genau so hat das ja Jesus gemacht: er hat nie irgendeine formelle Machtposition bekleidet, kein Amt ausgeübt, keine Armee kommandiert, und trotzdem war sein Einfluss auf das Land und die Menschen unglaublich groß. Gerade weil er so überzeugend die Wahrheit ausgesprochen hat, sind die Menschen von überall her gekommen, um ihn zu hören. Wenn man es mit einem kitschigen Begriff sagen will: er war der König der Herzen. Jesus regiert das Land nicht von oben her, sondern quasi von der Seite, indem er die Wahrheit ausspricht. Und die Wahrheit bewegt Menschen, tatsächlich, sie weckt das Beste in den Menschen. Allen negativen Prognosen zum Trotz reagieren die Menschen auf die Wahrheit, wenn sie ihnen klar und umgesetzt in ein Leben begegnet. Wie oft haben wir das im letzten Jahr und auch schon in den Jahren und Jahrzehnten davor erlebt, dass Menschen mit großem Mut für die Wahrheit auf die Straße gegangen sind und gegen Wahlfälschungen demonstriert haben oder gegen die Korruption der Machthaber. Sogar wenn solche Bewegungen am Ende zerstritten oder korrumpiert enden und die Menschen enttäuschen, man sieht an ihnen, wie groß die Sehnsucht nach Wahrheit und Gerechtigkeit ist, und wie Menschen bereit sind, sich dafür einzusetzen.

Jesus, der in seinen Worten und in seinem Leben die Wahrheit verkörperte, der trifft kurz vor seinem Tod auf seinen wahren Gegner, nämlich Pilatus, den Vertreter des römischen Imperiums, und was fragt ihn der? Genau: »Was ist schon Wahrheit?« Pilatus, der Mann des Apparats, der kann sich überhaupt nicht vorstellen, dass es so etwas wie Wahrheit gibt – in seinem Kopf geht es nur um militärische Macht, um Legionen und Schwerter und Vorschriften. Er hat sich nie vorstellen können, dass mit dem ganzen Gerede von Wahrheit und Gerechtigkeit etwas anzufangen wäre. Dieses Gedöns interessiert doch nur ein paar verrückte Spinner. Er versteht nicht, dass er hier einer Art der Machtausübung begegnet, die ihm überlegen ist.

Denn Pilatus hat Jesus wohl kreuzigen können, aber er konnte nicht verhindern, dass die Jesusbewegung einen Siegeszug durch das ganze Imperium antrat. 300 Jahre später gab das Imperium seine Versuche auf, diese Bewegung auf die brutale Art auszuradieren, weil es einfach nicht funktionierte.

Das heißt, was Jesaja zu seiner Zeit nur in Bildern vom zentralen Königtum beschreiben konnte, das entpuppt sich bei Jesus und seinen Nachfolgern als eine ganz dezentrale und neue Art der Ausübung von Macht. Leiten durch Wahrheit, leiten nicht von einer zentralen Stelle aus, sondern durch viele Menschen, die vom Heiligen Geist bewegt sind. Jesus lebt durch den Heiligen Geist in seinen Nachfolgern, und die durchdringen die Gesellschaft wie Sauerteig das Mehl. So kommt Jesus überall hin. Das kommt dem letzten Vers in unserem Jesaja-Abschnitt schon ziemlich nahe: das Land wird voll Erkenntnis des HERRN sein, wie Wasser das Meer bedeckt. Die Weisheit und Gerechtigkeit ist nicht mehr nur an einer Stelle in der Gesellschaft konzentriert, nämlich beim König, sondern sie breitet sich durch das ganze Land aus.

In den alten Zeiten war der König derjenige, der den Entscheidungsspielraum hatte, und alle anderen waren darauf angewiesen, dass er es gut machte. In der Christenheit kam dann zuerst die Vorstellung auf, dass jeder Anteil hat an dieser Aufgabe. Jesus ist König, Priester und Prophet zugleich, er ist es auf eine bisher ungeahnte Weise, und in all diesen Rollen sollen ihm die Christen nachfolgen. Das hat zur Folge gehabt, dass tatsächlich das Machtgefälle in den Gesellschaften immer flacher geworden ist, weil die Kompetenz der Menschen gewachsen ist. Auf dem Boden des christlichen Abendlandes hat es einen enormen Kompetenzschub für die einzelen Menschen gegeben, weil hier die Pilatus-Macht relativiert wird und die Einelnen mehr Spielraum bekommen, um ihre Fähigkeiten in Freiheit zu entwickeln. Immer weniger können Regierungen an den Menschen vorbei entscheiden, sie müssen sich schon was einfallen lassen, um ihre Leute hinter sich zu kriegen.

Und nun ist es die Aufgabe der Christen, auch weiterhin in den Gesellschaften durch die Wahrheit Einfluss auszuüben. Dass die Kirchen lange ein enges Bündnis mit der Macht eingegangen sind, hat der Sache Jesu sehr geschadet, gerade in unserem Land. Dadurch haben sich die Unterschiede zwischen der institutionellen Macht und der Macht der Wahrheit ganz schrecklich verwischt. Die Leute können sich Macht nur noch als politische Macht vorstellen, als Pilatus-Macht. Und wenn einer tatsächlich mal durch seine Integrität und Klarheit überzeugt (was leider selten genug vorkommt), dann warten alle nur auf die Enthüllung, dass auch der irgendwann mal getrickst und geschummelt hat.

Aber es ist gut, dass viele Menschen inzwischen ein Gespür für Echtheit bekommen haben und sich nicht so leicht täuschen lassen. Wir wollen wir doch auch gar keinen manipulativen Einfluss in der Gesellschaft ausüben. Aber wenn wir zukunftsfähige Lösungen zeigen können für die Probleme, an denen die ganze Gesellschaft leidet, dann werden wir tatsächlich Autorität haben, und zwar eine verdiente.

Es gibt so viele Probleme, an die im Augenblick niemand rangeht. Ich mag das gar nicht alles aufzählen. Unsere ganzen Lebensgrundlagen stehen doch im Augenblick auf dem Spiel. Wir werden schon bald sehr deutlich an unsere Grenzen stoßen. Wie werden wir in Zukunft zusammen leben, mit vielen unterschiedlichen Kulturen, mit einem Klima, das immer mehr aus dem Ruder läuft, mit Kranken- und Rentenversicherungen, die immer weniger Schutz bieten, mit einem Staat, der kaputtgespart wird, mit allen möglichen Verschiebungen und Erschütterungen, die wir heute noch kaum ahnen können? Wer sich dafür etwas Tragfähiges einfallen lässt (und es dann natürlich auch umsetzt!), der wird unsere Gesellschaft in die Zukunft leiten. Das ist die wirkliche königliche Aufgabe. Und das Gute ist, dass das heute jeder kann. Man muss sich dazu mit ein paar anderen zusammenschließen, aber man braucht dazu gar nicht mehr viel Geld oder Macht. Viel wichtiger sind gute Gedanken, Weisheit, Gerechtigkeit, Integrität, Mut und der Glaube an die eigene Berufung. Jeder kann damit beginnen. Lebenswerte Zukunft wird nicht von Mafiabossen und Lobbyisten gebaut, sondern von Menschen wie du und ich, die in der Wahrheit verankert sind.

Ich finde das kommt dem alten Bild von Jesaja schon ziemlich nahe, und es ist die konsequente Fortsetzung des Weges, den Jesus und die ersten Christen eingeschlagen haben.

Jan 052012
 

Predigt am 25. Dezember 2011 (Weihnachten I) zu Johannes 3,31-36

31 Der, der von oben kommt, steht über allen. Wer von der Erde ist, gehört zur Erde und redet aus irdischer Sicht. Der, der vom Himmel kommt, steht über allen. 32 Er verkündet das, was er gesehen und gehört hat, aber keiner nimmt seine Botschaft an. 33 Doch wer seine Botschaft angenommen hat, hat damit bestätigt, dass das, was Gott sagt, wahr ist. 34 Denn der, den Gott gesandt hat, verkündet Gottes eigene Worte; Gott gibt den Geist in unbegrenzter Fülle. 35 Der Vater liebt den Sohn und hat alles in seine Hand gelegt. 36 Wer an den Sohn glaubt, hat das ewige Leben. Wer dem Sohn nicht gehorcht, wird das Leben nicht sehen; der Zorn Gottes bleibt auf ihm.«

Normalerweise liegt bei uns das Schwergewicht zu Weihnachten auf Gottes Nähe und Liebe: dass er in Jesus zu uns gekommen ist. Hier in diesem Abschnitt aus dem Johannesevangelium wird stärker der Abstand betont, die Differenz: trotz allem ist Jesus hier unter uns ein Fremder. Er repräsentiert Gottes Welt, den Himmel, und der ist so ganz anders als unsere Lebenswelt. Der Himmel ist – ja, eben, wie ist er? Es gibt da kein Misstrauen, und es gibt nicht die Feindschaft, die aus dem Misstrauen erwächst, es gibt nicht die Barrieren, die Sicherheitsmaßnahmen, die Abwehrmechanismen, mit denen wir uns umgeben, weil wir die nicht unberechtigte Angst haben, dass uns sonst übel mitgespielt würde.

Es ist für uns beinahe unmöglich, uns so ein Leben vorzustellen, weil wir es fast immer anders erleben. Wir können vielleicht sagen: so ist es nicht – aber wie ist es denn? Und selbst dieses »so ist es nicht« – können wir das tatsächlich begreifen? Uns vorstellen, wie ein Leben aussehen würde, ohne Misstrauen, ohne Angst, ohne Sorgen, ohne den Gedanken: »hoffentlich reicht es auch für mich! Hoffentlich ist da auch für mich ein Platz!«

Dieses Grundgefühl, dass es für uns nicht reichen könnte, dass wir in Gefahr sind, wenn wir uns nicht kümmern, dass wir bedroht sind, wenn wir uns nicht wehren können – das steckt so tief in uns drin und prägt unser ganzes Denken auf einer sehr tiefen Ebene, aber es fällt uns höchstens auf, wenn jemand es ein bisschen übertreibt. Dieses Grundgefühl, dass die Welt ein bedrohlicher Ort ist und dass wir uns wappnen müssen, das ist für uns so grundlegend, dass es uns genauso wenig auffällt, wie einem Fisch das Wasser auffällt.

Ich habe mal die Theorie von einem Historiker gelesen, dass hier in Europa die große Pest von 1350 das Lebensgefühl der Menschen für Jahrhunderte geprägt hat. Europa hat damals wahrscheinlich ein Drittel seiner Menschen verloren, manche Landstriche wurden fast völlig entvölkert. Und das, so schrieb er, hätte dazu geführt, dass die Menschen das Vertrauen in die Welt verloren hätten und von da an alles getan hätten, dass ihnen so etwas nie wieder passiert, und er führt sogar die ganze Entwicklung der Neuzeit mit Technik und Wissenschaft auf diesen Schock des massenhaften Sterbens zurück.

Ich weiß nicht, ob die Theorie stimmt, aber es könnte ja sein, und dann wäre das ein Beispiel dafür, wie das Denken ganzer Generationen von so einem Erlebnis in eine ganz neue Richtung gelenkt worden ist, und auch unser Lebensgefühl heute wäre noch davon beeinflusst, aber wir wüssten gar nichts mehr davon, für uns wäre es das Normale, das Selbstverständlich und Vertraute, wir können uns gar nicht vorstellen, dass es anders sein könnte, aber in Wirklichkeit ist es nicht selbstverständlich, es hätte auch ganz anders kommen können.

Und wenn Jesus ein Mensch wird und zu uns kommt, dann ist es, als ob er einer wäre, der diese Vorgeschichte nicht mitgemacht hat und sich jetzt wundert, wie sie hier alle denken. Nur in solchen Vdass wir ergleichen und Gedankenexperimenten kann man eine Ahnung davon bekommen, wie es für Jesus gewesen sein muss, hier unter Menschen zu leben. Wie er sich fremd gefühlt haben muss unter uns, aber nicht in dem Sinn, dass er sich einsam und allein gefühlt hat. Er hatte ja seinen Vater im Himmel, mit dem er immer verbunden war. Aber er hat die ganze Zeit über gesehen, wie wir töricht und ungeschickt und zerstörerisch durch die Welt gehen. So als ob du jemanden mit verbundenen Augen durch einen Porzellanladen gehen siehst, und du kannst die Katastrophen alle kommen sehen. Aber du kannst sie nicht stoppen, weil er denkt, das müsste so sein.

Oder du hörst einen reden, und er erzählt immer wieder die gleiche alte Geschichte, mit größter Inbrunst und Überzeugung, und für ihn macht das Sinn, er hat das Gefühl, er müsste diese Erfahrung mit jedem teilen. Aber du siehst, dass er in Wirklichkeit einfach nicht loskommt von seiner Enttäuschung, dass er gefangen ist in seinen traurigen Erinnerungen und sich immer tiefer da rein wühlt. Und trotzdem kannst du es nicht ändern, du kannst ihm nicht begreiflich machen, dass es besser wäre, sich nicht von der traurigen Vergangenheit auch noch die Gegenwart verdunkeln zu lassen. Du kriegst ihn nicht heraus aus der Gefangenschaft in seinen alten Enttäuschungen.

So ist Jesus mit diesem größeren, weiteren Blick zu uns gekommen. Er weiß, wie die Welt wirklich zusammenhängt. Er weiß, wie Menschen funktionieren. Er weiß, wie das Leben gelingt. Er weiß es besser als jeder andere. Er hat die Perspektive vom Himmel her. Aber keiner hört auf ihn, weil das alles so unwahrscheinlich und ungewohnt klingt. Selig sind die Armen, liebe deine Feinde, wenn du glaubst, ist dir alles möglich – das klingt alles so fremd, so unmöglich, so unrealistisch. Aber es klingt nur deshalb so fremd, weil unser Blick eingeschränkt ist und wir die große Welt nicht so sehen, wie Jesus sie sieht.

Deswegen stößt Jesus auf Ablehnung, weil es für viele völlig verrückt klingt, was er sagt. Es steht quer zu ihren Erfahrungen, es klingt utopisch, weltfremd und unrealistisch. Und in Wirklichkeit ist Jesus der einzige Realist unter lauter Traumtänzern.

Und wir kennen von ihm einige Aussprüche, die zeigen, wie traurig und enttäuscht ihn das manchmal gemacht hat: wenn seine Jünger wieder und wieder in ihren alten Denkvoraussetzungen gefangen blieben, wenn die Elite seines Volkes ihn hartnäckig ablehnte, wenn er sah, dass sie alle miteinander ins Verderben liefen.

Aber irgendwie ist es ihm doch gelungen, einigen die Augen zu öffnen. Irgendwie ist es ihm doch immer wieder gelungen, Menschen aus ihrer engen Weltsicht zu befreien. Und dann änderten sie ihre Richtung und sahen die Welt neu, sie hörten auf, immer wieder ihre alten Stories vor sich hin zu murmeln, sie gingen auf einem neuen Weg, und mit jedem Schritt, den sie taten, wurden sie freier und sahen die Welt immer klarer aus der Perspektive Jesu. Irgendwie waren dann doch Menschen da, die es bestätigten: ja, so passt es alles viel besser zusammen, so fühlt sich das Leben besser an, sinnvoller, freier, und wir verstehen gar nicht, wie wir das früher aushalten konnten, als wir noch auf die alte Weise gelebt haben.

Es ist ganz schwer, das Menschen zu erklären, die so etwas nie erlebt haben. Und noch viel schwerer ist es, andere nicht nur verstandesmäßig zu erreichen, sondern es so zu tun, dass sie sich davon auch noch etwas für sich selbst versprechen. Deswegen fehlt in unserem Abschnitt aus dem Johannesevangelium nicht der Hinweis auf den Heiligen Geist. Der Heilige Geist ist sozusagen verantwortlich für den Schubs, den einer bekommen muss, damit er seine alte Weltsicht loslässt und sich auf eine neue einlässt.

Natürlich wird das durch alles Mögliche vorbereitet: man ist unzufrieden mit dem Alten und spürt die Begrenzungen, man merkt, dass da etwas nicht mehr passt. Aber dass einer schließlich den Schalter umlegt und sich auf eine ganz neue Sichtweise einlässt, das kann man nicht erzwingen, dafür braucht er doch irgendwie eine Schubs, und dafür sendet Gott den Heiligen Geist, der innen in den Menschen arbeitet und sie umdreht.

So kommt Jesus uns ganz nahe und bleibt zum Glück doch ein Fremder in der Welt, die wir uns hier eingerichtet haben. Der Druck, sich an unsere Regeln anzupassen, war gewaltig. Alle, die versuchten, ihn mit Fangfragen in eine Falle locken, wollten eigentlich nur eins: ihn so durcheinanderbringen, dass er an seinem Weg irre würde. Ihn irgendwie zurückholen in unseren begrenzten Horizont. Und seine Kreuzigung war der Versuch, ihn mit der allerschlimmsten Gewalt davon zu überzeugen, dass sein Weg falsch ist und dass er das bitteschön endlich einsehen möge. Sie wollten die Alöternative zerstören, seinen Blick auf die Welt. Aber Jesus starb so, wie er gelebt hatte, und Gott erweckte ihn von den Toten und bestätigte seinen Weg und seine Sicht der Welt.

Zu unserem Glück hat er sich nicht an uns angepasst. Zu unserem Glück ist er ein Fremder geblieben, obwohl er sich mit Haut und Haar auf unsere Welt eingelassen hat. Die ganze Weihnachtsfolklore, die Jesus auf ein niedliches Baby reduziert, ist ein Versuch, diese Andersheit zu überdecken und ihn nachträglich in unsere Denkweise einzupassen. Aber das macht uns nur zu desillusionierten Leuten, die immer wieder ihre alten Geschichten erzählen, die keiner mehr hören kann. Die ewig ihr altes Mantra vor sich hin murmeln und darüber immer begrenzter und starrsinniger werden.

Vielleicht hat es Sie vorhin gewundert, dass ausgerechnet ein Bibeltext für einen Weihnachtsgottesdienst damit endet, dass er vom Zorn Gottes spricht. »Wer dem Sohn nicht gehorcht, wird das Leben nicht sehen; der Zorn Gottes bleibt auf ihm.« Aber denken Sie sich jemanden, der immer wieder die alten Geschichten von Enttäuschung und Verbitterung erzählt, von dem Unrecht, das ihm angetan worden ist, von der Welt, die eigentlich ganz anders sein müsste, und mit dem keiner gerne reden mag außer denen, die genauso enttäuscht sind. Das ist ein Bild dafür, was damit gemeint ist, dass einer »unter dem Zorn Gottes bleibt«. Er bleibt in seiner Gefangenschaft, obwohl gleich neben ihm die Freiheit auf ihn wartet.

Aber wer auf Jesus hört und sich von ihm die Augen öffnen lässt für das neue Leben, das er bringt, der hat das ewige Leben: starkes, freies, unzerstörbares Leben, das vom Tod nicht mehr erreicht wird, weil es den Geist Gottes atmet. Jesus hat sich so weit, wie es irgend ging, auf uns eingelassen, ist uns so nahe gekommen, wie nur irgend möglich: damit er diese Perspektive des Himmels zu uns bringen kann, die uns rettet.

Und deshalb können wir zurückblicken auf zerrissene Ketten, können uns freuen, dass unser begrenzter Blick geweitet wurde, wir danken dafür, dass für uns Jesus nicht der Spinner und Traumtänzer ist, sondern der Gesandte seines Vaters, der uns zeigt, wie die Welt wirklich ist, der Fremde, der aus der Ferne zu uns kommt und uns die Wahrheit bringt, auf die wir von uns aus nie kommen würden. Der Fremde, der auch uns zu Fremden macht in einer Welt voller Gewalt und Lüge.

Der Himmel kommt zu uns, das ist die eine Hälfte der Botschaft von Weihnachten. Aber er passt sich nicht an uns an, er bleibt der Himmel. Das ist die andere Hälfte, und beides zusammen ist das Evangelium.

Dez 202011
 

Zu Weihnachten habe ich einen Text von N.T. Wright übersetzt:

Als Jesus geboren wurde, war Augustus schon ein Vierteljahrhundert römischer Herrscher. Als Kaiser regierte er zwischen Gibraltar und Jerusalem und von Britannien bis zum Schwarzen Meer. Er hatte erreicht, was in den letzten zwei Jahrhunderten zuvor keinem gelungen war: er brachte der großen römischen Welt Frieden. Aber es war Frieden, für den ein Preis bezahlt werden musste. Die Kosten dafür übernahmen Menschen in weit entfernten Ländern.

Augustus »brachte Frieden, soweit er im Interesse des Imperiums und seines persönlichen Ruhmes lag« schrieb Arnaldo Momigliano. Da haben wir es in einem Satz: die ganze zwiespältige Struktur menschlicher Macht. Ein Reich mit absoluter Macht, das seinem ober­sten Repräsentanten Ruhm bringt und Frieden denen, denen er seine Gunst gewährt.

Ja, sagt Lukas, und nun achte darauf, was passiert! Dieser Mann, der Kaiser, der absolute Monarch winkt in Rom mit dem kleinen Finger, und in einer Entfernung von 1500 Meilen, in einer merkwürdigen Provinz geht ein junges Paar auf eine gefährliche Reise. Das Ergebnis ist die Geburt eines Kindes in einer kleinen Stadt, die zufällig genau die ist, die in den alten jüdischen Weissagungen über den kommenden Messias erwähnt worden ist. Und ausgerechnet bei dieser Geburt singen die Engel von Ruhm und Frieden. Was ist hier das Original, und was ist die Parodie?

Hier müssen wir einen Augenblick innehalten, denn die Passage in Micha 5, die Lukas in unserer Erinnerung aufrufen will, ist wohl bekannt, aber wenig beachtet: »Aber du, Betlehem-Efrata, so klein unter den Gauen Judas, aus dir wird mir einer hervorgehen, der über Israel herrschen soll.« Leider wird häufig die Fortsetzung dieses Satzes weggelassen, wenn die Passage öffentlich vorgelesen wird. Dabei wird hier ein Projekt begonnen, das Augustus erschrecken müsste: »Er wird auftreten und ihr Hirt sein in der Kraft des Herrn, im hohen Namen Jahwes, seines Gottes. Sie werden in Sicherheit leben; denn nun reicht seine Macht bis an die Grenzen der Erde.« Und dann geht es weiter (v. 4): »Und er wird der Friede sein.«

Wie soll dieser Friede gesichert werden? Dieser zukünftige König, geboren im Bethlehem in Judäa, wird sein Volk retten aus der Hand fremder Eroberer. In Michas Tagen waren das die Assyrer; aber die Leser des Lukas werden an Rom gedacht haben. Und Lukas wird gehofft haben, dass zukünftige Generationen es genauso auf ihre aktuellen Herausforderungen übertragen würden. Herodes war beunruhigt von der Botschaft der Weisen. Hätte jemand Augustus erzählt, was die Engel den Hirten verkündigten, dann wäre er ebenfalls unruhig geworden.

Auf einmal ist die Geschichte des Lukas gar keine romantische Schäferszene mehr. Keine rustikalen Hirten, die dem kindlichen König Tribut zollen. Stattdessen wird daraus eine programmatische Beschreibung zweier Reiche, die im Kampf miteinander liegen werden. Zwei Reiche, die eine fundamental unterschiedliche Auffassung davon haben, was mit Frieden und Macht und Herrlichkeit gemeint ist.

Da ist der alte Kaiser in Rom. 60 Jahre alt wird er zur Zeit der Geburt Jesu. Er repräsentiert vielleicht das Beste, was heidnische Reiche tun können. Wenigstens weiß er, dass Frieden und Stabilität etwas Gutes sind. Unglücklicherweise musste er viele Menschen töten, um beides zu erreichen. Und noch mehr musste er töten, um beides zu erhalten – immer wieder. Unglücklicherweise geht es ihm in erster Linie um seinen Ruhm. Schon zu seinen Lebzeiten begannen viele seiner Untertanen ihn zu vergöttlichen.

Da ist auf der anderen Seite der junge König in Bethlehem, auf dessen Kopf von Anfang an ein Preis ausgesetzt ist. Er verkörpert die gefährliche Alternative, die Möglichkeit eines anderen Reiches, eine andere Macht, eine andere Herrlichkeit, einen anderen Frieden. Beide stehen einander gegenüber.

Das Imperium des Augustus ist wie ein hell beleuchtetes nächtliches Gemach mit wundervoll arrangierten Lampen. Sie zeichnen schöne Muster, aber sie können die Finsternis außerhalb des Raums nicht vertreiben. Das Reich Jesu ist wie der Morgenstern, der aufgeht und verkündet, dass es nun Zeit ist, die Kerzen zu löschen, die Vorhänge zur Seite zu ziehen und den kommenden neuen Tag zu begrüßen. Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden unter allen, auf denen sein Wohlgefallen ruht!

Diese Konfrontation der beiden Reiche ist sichtbar am Ende des Johannesevangeliums, wenn Pilatus zwei Fragen an Jesus richtet: weißt du nicht, dass ich die Macht habe, dich zu töten? Und: was ist Wahrheit? Das ist die Sprache von Königsmacht und Herrlichkeit, wie die Welt sie kennt. Beachte, wie die beiden Fragen zusammen passen: damit das heidnische Imperium sagen kann »unterstütze mich, oder ich töte dich!«, muss es gleichzeitig behaupten, so etwas wie Wahrheit gäbe es nicht. Und falls jemand nicht nur von der Wahrheit spricht, sondern sie lebt, hat die heidnische Herrschaft keine andere Wahl als ihn zu töten.

Jesus antwortet darauf, indem er Pilatus ruhig daran erinnert, dass alle Macht nur von oben verliehen ist, und indem er einfach weitermacht mit seiner Aufgabe, die Wahrheit zu sein – indem er weiterhin die Liebe Gottes zur Rettung der Welt verkörpert. Die lukanische Botschaft vom Krippenkind übertrifft auch die besten heidnischen Imperien. Sie führt uns zu einer völligen, radikalen Neudefinition von Wahrheit, Frieden und vor allem von Herrschaft, Macht und Herrlichkeit.

Jesus kam als das Kind von Bethlehem, als der Friedefürst. Aber Jerusalem verweigerte sich seinem Weg des Friedens und wählte stattdessen den Weg des Schwertes, der – wie Jesus zu Petrus sagte – nur zu einem Ergebnis führen konnte. Der erwachsene Jesus verkörperte die Botschaft, die die Engel zu seiner Geburt sangen; aber als er zu seinen Leuten kam, nahmen sie ihn nicht auf.

Noch einmal ging ein Gebot vom Kaiser aus, das einen entscheidenden Effekt in 1500 Meilen Entfernuing haben sollte: Rebellenkönige sind zu kreuzigen. „Wenn du den laufen lässt,“ sagte der Hohepriester zu Pilatus, „dann bist du kein Freund des Kaisers.“ Und das war dann der Weg, wie die alten Verheißungen Wirklichkeit wurden, wie die Herrlichkeit des Herrn für alles Fleisch offenbart wurde: ein junger Jude, der mit Tränen in den Augen über den Ölberg ritt, die Händler aus dem Tempel trieb und auf Geheiß der kaiserlichen Macht starb. Und wieder will Lukas, dass wir verstehen, wie die Engel Gottes Herrlichkeit preisen, weil nun endlich der Weg des Friedens offen steht. Das ist die endgültige Neudefinition von Herrschaft, Macht und Herrlichkeit. Die kaiserlichen Planungen im Interesse seiner Herrlichkeit wurden von Gott verwandelt: durch sie wurde das wahre Reich errichtet.

Wenn Jesus der wahre König der Welt ist, dessen Herrschaft Macht und Ruhm neu definiert, so dass sie nun in der Krippe, am Kreuz und im Garten Gethsemane zu sehen sind, was bedeutet dann die Vaterunserbitte »Dein Reich komme«? Es ist die Bitte, dass dieses Reich, diese Macht und dieser Ruhm in der ganzen Welt erkennbar sein möge. Es reicht nicht aus (obwohl es der entscheidenden Einstieg ist), dass wir uns in unserem eigenen Leben Gottes alternativer Reichs-Vision verschreiben. Wir müssen beten und arbeiten, dass diese Vision Wirklichkeit wird und die Herren dieser Welt mit dem Anspruch ihres rechtmäßigen Königs konfrontiert werden. Wir können nicht das Vaterunser beten und uns gleichzeitig mit der Macht und dem Ruhm Caesars arrangieren. Wenn die Kirche nicht bereit ist, die Reiche der Welt mit dem Reich Gottes zu unterwandern, sollte sie lieber aufhören, das Vaterunser zu beten.

Ein Auszug aus N.T. Wrights Buch „The Lord and His Prayer“ (1997)

Dez 072010
 

Christmas starts with ChristChristmas starts with ChristIn England gibt Churchads seit einigen Jahren sehr pfiffige, massentaugliche Weihnachtsposter heraus. Jenseits der üblichen Weihnachtsmotive entwickelt man dort Bilder, die neue Zugänge zur Weihnachtsgeschichte erlauben.

Das diesjährige Poster fand ich besonders eindrucksvoll: ein Jesus-Embryo mit Heiligenschein als Ultraschall-Foto, wie es seit ein paar Jahrzehnten so ziemlich alle werdenden Eltern irgendwann in den Händen halten. Das Poster will bewusst an diese berührenden Momente anknüpfen. Gleichzeitig macht es drastisch deutlich, wie verletzlich sich Gott gemacht hat, als er Mensch wurde. Und so heiligt er ein wachsendes Stück Welt.

Dazu gibt es noch kurze Audio-Clips: Josefs Anrufbeantworter und eine Flughafendurchsage (natürlich auf Englisch).

Ich fand das Bild so gut, dass ich es gleich übersetzt habe. Auf eine Mail nach England kam binnen weniger Stunden die Antwort, dass das ok ist und das Bild unbeschränkt weitergegeben werden kann. Ich habe die Bilder deshalb in mehreren Größen zum Download ins Netz gestellt. Sie können ohne Beschränkung verwendet werden. Ich werde das Poster wahrscheinlich in einem Weihnachtsgottesdienst verwenden.

Das Original kann man hier oder hier herunterladen.

Die deutsche Version ist hier zu finden.

Leider ist die große Größe, mit der man auch größere Ausdrucke machen kann, dort nur mit einem Pro-Account herunterzuladen. Wer sie braucht, kann mir mailen oder einen Kommentar hinterlassen, dann schicke ich sie direkt. Für Projektion über Beamer reichen aber auch die kleineren Versionen völlig aus.

Auch ein Blick auf die älteren Weihnachtsbilder bei Churchads lohnt sich allemal.