Jun 172012
 
Kirche Groß Ilsede

Predigt am 17. Juni 2012, am Tag der Einführung des neuen Kirchenvorstandes, zwei Tage nach dem Mord an vier Kindern in unserer Gemeinde, zu 1. Petrus 3,14c-16a

Lasst euch nicht erschrecken, 15 sondern haltet in eurem Herzen Christus, den Herrn, heilig! Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen, der nach der Hoffnung fragt, die euch erfüllt; 16 aber antwortet freundlich und mit Achtung für die anderen.

Das Wichtigste, was wir hier hören, ist, dass eine Gemeinde ein Ort gelebter Hoffnung ist. Nicht nur Einzelne sollen diese Hoffnung mit sich tragen, sondern es geht darum, dass eine ganze Gruppe von Hoffnung erfüllt und geleitet ist. Aber es ist keine Hoffnung, die sich auf die Zukunft konzentriert, sondern es ist eine sehr praktische Hoffnung, die das Leben im Großen und im Kleinen erfüllt.

Warum redet Petrus gerade von Hoffnung? Hoffnung ist ein elementares Lebensmittel. Ohne Hoffnung gedeiht nichts. Ohne Hoffnung wäre die Menschheit schon längst ausgestorben.

Ich muss mit Ihnen jetzt einen kleinen Umweg gehen, um zu erklären, warum das so ist. Vielleicht haben Sie irgendwann schon mal von den Marshmallows-Untersuchungen gehört, die amerikanische Sozialwissenschaftler angestellt haben. Man hat Kindern einen Marshmallow gegeben (Sie wissen, dieses klebrige, zuckersüße Zeug aus Amerika, das man zur Not auch grillen kann – bei uns wären das wahrscheinlich Schokoküsse), und hat ihnen gesagt: der ist für dich, du darfst ihn sofort essen, aber wenn du wartest und ihn jetzt nicht nimmst, kriegst du nachher zwei.

Und dann hat man die Kinder mit dem Zuckerklops allein gelassen und hat sie heimlich beobachtet. Und auf den Videos sieht man, wie es in den Kindern arbeitet, und die Finger zucken, und sie kämpfen mehr oder weniger heftig mit sich darum, was sie tun sollen. Und die einen greifen am Ende zu und stecken sich das Ding in den Mund, und die anderen entscheiden sich, durchzuhalten, es nicht anzurühren und am Ende zwei davon zu haben.

Und jetzt kommt es: man hat den weiteren Lebensweg dieser Kinder beobachtet. Und es ergab sich ein ganz deutlicher Zusammenhang: Die Kinder, die es geschafft haben, auf die zwei Marshmallows zu warten, die hatten später ein besseres Leben. Sie waren in der Schule besser, sie nahmen seltener Drogen, bekamen weniger ungewollte Kinder, wurden seltener kriminell usw.

Und jetzt ist die Frage: was bedeutet das? Müssen wir den Kindern mehr Disziplin eintrainieren, sie strenger reglementieren? Natürlich ist Disziplin nicht schlecht, aber ich glaube, dass uns dieser Versuch etwas anderes zeigt: nur Hoffnung lässt Leben gut werden.

Denn was ist es anderes als Hoffnung, wenn ein Kind den unmittelbaren Wunsch zurückstellt, damit es am Ende das Doppelte bekommt? Bei der Hoffnung geht es nicht so sehr um eine ferne Zukunft, sondern es ist das praktische Vertrauen, dass der, der sät, auch ernten wird. Hoffnung ist die Zuversicht, dass es sich lohnt, in diese Welt zu investieren. Hoffnung ist das Vertrauen, dass diese Welt nicht chaotisch und zufällig ist, sondern dass man sich trotz aller Verwerfungen auf sie verlassen kann.

Für Kinder kann das bedeuten: 10 Minuten die Finger vom Marshmallow lassen, im Vertrauen darauf, dass die Tante im weißen Kittel zu ihrem Wort steht und am Ende wirklich zwei davon rausrückt. Für Erwachsene kann es heißen: 20 Jahre und länger intensiv für einen heranwachsenden jungen Menschen verantwortlich zu sein, ganz viel vom eigenen Leben zu investieren, im Vertrauen darauf, dass sich das lohnt und Früchte trägt. Das ist praktische Hoffnung.

Die ganze Welt funktioniert nach diesem Hoffnungsprinzip von Saat und Ernte. Du kriegst die wirklich guten Dinge fast immer nur so, dass du etwas investierst – also Lebenszeit einsetzt, Mühe einsetzst, dein Herz mit etwas verbindest, und dann musst du warten, und du weißt noch nicht, ob es so kommt, wie du es dir gedacht hast, aber am Ende sagst du: ja, es hat sich gelohnt. Gut, dass ich es gewagt habe und dabeigeblieben bin.

Deswegen stellen alle schrecklichen, dunklen Ereignisse, auch die in unserem Ort, unsere Hoffnung in Frage: lohnt es sich wirklich, in Menschen zu investieren, wenn sie uns auf einmal genommen werden können? Ist die Welt tatsächlich vertrauenswürdig? Deswegen sind jetzt so viele unter uns verstört und sagen: ich kann das nicht begreifen. Ich glaube, dieser Satz: »ich begreife das nicht«, den wir in diesen Tagen so oft hören, der heißt eigentlich: ich habe mich darauf verlassen, dass die Welt vertrauenswürdig ist – sollte das etwa in Wirklichkeit ein schrecklicher Irrtum sein? Passt das noch zusammen mit meinem täglichen Vertrauen, dass es richtig ist, meine Aufgaben zu erfüllen und den Menschen verbunden zu sein, zu denen ich gehöre? Wenn mitten unter uns solch eine Finsternis lauern kann – kann mir einer sagen, warum es dann trotz allem richtig ist, heute etwas zu investieren für Morgen, heute zu säen für das nächste Jahr, heute einen Bund für ein ganzes Leben zu schließen, heute Kinder zu erziehen für eine Welt, die wir uns noch gar nicht vorstellen können?

Deswegen sollen wir als Gemeinde ein Zeichen der Hoffnung sein, ein Zeichen dafür, dass es richtig ist, Tag für Tag in das Morgen zu investieren. Es soll zu spüren sein, dass man dieser Welt immer noch vertrauen kann, weil sie Gottes Welt ist und er an ihr festhält, und dass Saat und Ernte nicht aufhören werden.

Ein Mensch kann viel ertragen, so lange er Hoffnung hat. Solange er weiß, dass es noch etwas anderes gibt als die Dunkelheit, in die er geraten ist.

Und es ist ja nicht so, dass nur wir Vertrauen und Hoffnung hätten. Aber wenn die Hoffnung so herausgefordert ist wie in diesen Tagen unter uns, dann muss ihr tiefster Grund genannt werden, und das ist die Auferstehung Jesu. Dass selbst einer wie Jesus von den grausamen Mächten zerstört wurde, das war die dunkelste Stunde der Welt, da war alles konzentriert, was es an Bösem gibt. Aber genau in dieser dunkelsten Stunde griff Gott ein und erweckte ihn vom Tode und zeigte, dass er an seinen Geschöpfen festhält und seine Welt nie aufgeben wird. Wäre das nicht passiert, dann wäre mit Jesus auch alle Hoffnung gestorben. Aber jetzt ist seine Auferstehung der innerste Kern aller Hoffnung. Sie ist der Grund, weshalb es richtig ist, dieser Welt zu vertrauen, auch mitten in Wirrnis und Schrecken, wie es Gott sei Dank ja in diesen Tagen viele unter uns tun.

Liebe Freunde, ich bin in diesen traurigen Tagen so vielen Menschen begegnet, die es einfach gut und richtig gemacht haben und geholfen haben, das Chaos zu begrenzen, das da plötzlich unter uns aufgebrochen ist. Die Polizistinnen und Polizisten, die selbst erschüttert waren und dennoch an vorderster Front all dem Fürchterlichen gegenüberstanden. Die später mit viel Freundlichkeit und Feingefühl der Familie beigestanden haben. Die Menschen aus dem Gesundheitswesen, die sich um die Lebenden und die Toten kümmern. Und auch mit den Menschen von den Medien habe ich keine schlechten Erfahrungen gemacht. Ich habe auch andere Dinge aus dem Ort gehört, aber die Medienleute, denen ich begegnet bin, waren respektvoll und fair. Und mehr als einer hat mir hinterher, als die Kamera aus war, gesagt: glauben Sie nicht, dass mir das hier leicht fällt, ich habe auch kleine Kinder, und ich möchte hier niemanden beschädigen.

Und dann alle aus unserem Ort und darüber hinaus, die am Freitagabend hier in der Kirche waren, wo wir entdeckt haben, dass wir zusammengehören in so einem Moment, und doch wohl auch sonst. Und alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in vielen unterschiedlichen Zusammenhängen, die dafür sorgen, dass, wenn es nötig ist, die Kirche auch kurzfristig zu einem geschützten Ort der Hoffnung und des Trostes werden kann. Unsere Leute vom Kinder-Bibel-Morgen, die den Kindern gestern Morgen geholfen haben, wieder ein bisschen mehr mit all dem fertig zu werden.

Schlimmes ist unter uns passiert, aber angesichts dieses ganzen Schreckens ist auch ein großes Netzwerk der Hilfe und der Hoffnung sichtbar geworden. Das ist das Licht, das Gott angezündet hat und nicht verstecken wird – wir haben es vorhin im Evangelium (Lukas 8,16-17) gehört. Eine christliche Gemeinde ist ein Knotenpunkt in diesem Netzwerk, und wer im Kirchenvorstand ist, dessen wichtigste Aufgabe ist es, dieses Netzwerk der Hoffnung zu pflegen und wachsen zu lassen. Wir müssen auch über Malerarbeiten und Stühle reden, aber das Ziel von allem ist dieses Gewebe der Hoffnung, das die Welt und so auch unseren Ort durchziehen soll. Dafür sind wir da. Diese Dimension muss unter uns immer präsent sein.

Und das kommt nicht schon dadurch, dass wir »Kirche« heißen und im Turm die Glocken hängen, sondern das muss Stück für Stück gepflanzt, gepflegt und geübt werden. Tag für Tag, über viele Jahre, weil die Menschen schon viel zu oft von großen Sprüchen enttäuscht worden sind und es lange dauert, bis sie einem Laden wie unserem vertrauen. Und auch deswegen, weil wir selbst manches erst wieder entdecken und lernen müssen und das Gold des Evangeliums freilegen unter vielen Schichten von Traditionen und Missverständnissen.

Aber in all diesen vielen Tagen und Jahren muss einigen wenigstens immer klar bleiben, dass es hier um ernste, entscheidende Dinge geht, und manchmal um Leben und Tod. Das vergessen wir zu schnell in den unaufgeregten, scheinbar normalen Tagen. Aber wie in den normalen Tagen auch das Unglück ganz unauffällig in der Nachbarschaft heranwächst, so sollen wir in vielen normalen Tagen am Netzwerk der Hoffnung arbeiten, damit es da ist, wenn es gebraucht wird. Es geht auch in den unauffälligen Tagen immer um die ernsten, entscheidenden Dinge. Weil die Welt nämlich wirklich ein bedrohter und missbrauchter Ort ist.

Wir haben das beim Kirchenasyl 2002 – 2008 erlebt, und in diesen Tagen wird es wieder vielen unter uns deutlich. Hoffnung braucht man für die großen und die kleinen Dinge; man braucht sie schon angesichts eines Marshmallows, und man braucht sie noch viel mehr angesichts von vier toten Kindern und weit darüber hinaus. Es ist immer die gleiche Hoffnung, nur die Herausforderungen und die Tage sind unterschiedlich.

Und deshalb machen wir auch in Tagen des Erschreckens im Prinzip nichts anderes als das, was wir jeden Sonntag tun: uns neu festmachen in Gottes Treue zur Welt, die in Jesus konzentriert ist. Wir üben uns darin ein, uns mit Jesus zu verbinden. Wir erinnern uns an die große Geschichte, in die Gott uns hineingestellt hat.

Deswegen ist die Mitte des Netzwerkes der Hoffnung das Abendmahl. In ihm ist die Geschichte Jesu konzentriert zusammengefasst: sein Leben, sein Tod und Gottes Tat der Auferweckung. Wer im Kirchenvorstand ist, der muss verstehen, dass nichts so wichtig ist wie eine Gemeinschaft, die davon geprägt und belebt ist.

Es liegt eine tiefe Bedeutung darin, dass wir gerade jetzt, in diesen wahrlich nicht normalen Tagen, euch als neuen Kirchenvorstand einführen. Das erinnert uns daran: Es müssen Menschen da sein, die auch in den normalen Tagen schon arbeiten für die anderen Tage, die nicht ausbleiben werden.

Das tun wir nicht nur im Kirchenvorstand. Das tut de facto auch jeder, der zum Gottesdienst und in eine Gruppe kommt. Das tut de facto jeder, der mitdenkt, mit hilft, wer spendet, wer sein Kind zum Konfirmandenunterricht bringt, wer mit betet und sich mit verantwortlich macht. Aber dass dieses ganze Netzwerk lebendig bleibt und wächst und unter Bedrohungen standhalten kann, daran wollen wir auf jeden Fall im Kirchenvorstand in den nächsten sechs Jahre arbeiten.

Möge Gott uns dafür Einsicht und Solidarität geben.

Jun 162012
 

Wir sind erschüttert und tief betroffen von den schrecklichen Geschehnissen in unserer Gemeinde. Wir trauern um vier Kinder, die zum Leben geschaffen waren und nicht zum Sterben.
Wir haben sie gekannt aus der Kinderarbeit und dem Konfirmandenunterricht. Wir können es noch kaum glauben, dass sie uns in Zukunft fehlen werden.
Wir beten für ihre Familie und unterstützen sie mit unseren Möglichkeiten.
Wir danken der Polizei und den Rettungskräften für ihre Unterstützung und Hilfe in der gegenwärtigen Situation.
Wir teilen die Trauer in unserem Ort; wir beten für Groß Ilsede und bieten bei Gottesdiensten und Andachten die Kirche an als einen sicheren Ort, wo Trauer zum Ausdruck kommen und von der Liebe Gottes berührt werden kann.

Mai 062008
 

Es ist schon einige Zeit her, dass Tobias auf seinem Blog mehrere Beiträge (hier, hier, hier und hier) (und jetzt auch hier) zur religiös-geistigen Situation der Gegenwart veröffentlicht hat. Er macht dabei keine Schnellschüsse, sondern versucht ausdrücklich, unser Heute im Rahmen einer längeren Entwicklungsgeschichte zu verstehen. Also keine kurzfristigen Handlungsrezepte, sondern zuerst einmal verstehen, was eigentlich vorgeht: in welchem Prozess wir uns im Augenblick befinden.

Dazu stellt er verschiedene Theorieansätze vor, mit denen die Situation der Religion – vor allem in Europa – beschrieben worden ist:

  • Der bisher wirkungskräftigste Ansatz war die Säkularisierungsthese: Religion ist eine vorwissenschaftliche Denkweise, die durch rationalere Denkmuster ersetzt werden wird und auf ihr Aussterben zugeht.
  • Diese These wird jedoch inzwischen einfach durch das faktische und vitale Überleben der Religion im Weltmaßstab widerlegt. Sie ist auch nicht mehr das herrschende Denkmuster in der Religionssoziolgie.
  • Vielmehr gerät die Säkularisierungsthese selbst in Ideologieverdacht: sie hat zum Teil erst die Wirklichkeit hervorgebracht, die sie zu beschreiben vorgibt; sie war selbst ein Kampfbegriff. Aber sogar im stark säkularisierten Europa, das im Weltmaßstab eine Ausnahme ist, greift sie nicht: die länderspezifischen Unterschiede (etwa das katholische Polen neben dem gottlosen Ostdeutschland, dem ebensolchen Tschechien und dem gemischten Westdeutschland …) sind nicht nach dem Muster Fortschritt/Rückständigkeit zu erklären.
  • Der Religionspädagoge Dressler schlägt einen anderen Erklärungsrahmen vor: die funktionale Ausdifferenzierung der Gesellschaft lässt es nicht zu, dass ein Subsystem (die Religion) die ideologische Kontrolle über die ganze Gesellschaft übernimmt.

Tobias hat ausdrücklich zum Mit- und Weiterdenken eingeladen. Das will ich mit einiger zeitlicher Verzögerung hier tun.

Ich empfinde es als zentrales Defizit all dieser Theorien, dass sie von einem allgemeinen Religionsbegriff ausgehen und die christliche Religion darunter subsummieren. Wenn die Religionssoziologie inzwischen feststellt, dass es Säkularisierung eigentlich nur in Europa und bei den weltweiten europäisch geprägten Eliten gibt, dann stellt sich ja die Frage nach dem Grund dieser Sonderstellung.

Die naheliegende Hypothese wäre dann doch, dass die Säkularisierung kein allgemeines Gesetz ist, sondern eine Frucht der besonderen Religion, die Europa geprägt hat: des Christentums. Wieso ist gerade auf dem Boden des Christentums eine mindestens teilweise religionslose Gesellschaft entstanden? Ist das historischer Zufall, oder hängt das mit den spezifischen Inhalten des Christentums zusammen?

Die Frage so zu stellen bedeutet natürlich, dass man das Zweite vermutet. Genauso kann man dann aber auch unterstellen, dass es ein blinder Fleck der Religionssoziologie ist, wenn sie diesen spezifisch christlichen Sonderweg der Religion in Europa nicht angemessen wahrnimmt (ich kenne mich allerdings nicht gut genug auf diesem Felde aus, um sagen zu können, ob das durchgehend so ist. Das weißt du sicher besser, Tobias!).

Ich denke, dass eine angemessene Theorie der christlichen Religion in Europa mindestens die folgenden Besonderheiten berücksichtigen müsste:

  1. Den besonderen inhaltlichen Impuls des Christentums (Max Weber hat gezeigt, welche revolutionären gesellschaftlichen Entwicklungen der angestoßen hat)
  2. Die konkurrenzlose Monopolstellung des Christentums in Europa („Religion“ bedeutete hier über Jahrhunderte „Christentum“ – in anderen Gegenden der Welt erlebt man durchaus mehrere Religionen nebeneinander)
  3. Die staatsgestützte ideologische Dominierung der Gesellschaft durch die Kirche(n)
  4. Die Verformung des christlichen Impulses durch diese dominierende Stellung
  5. Der besondere Charakter des Widerstandes gegen die kirchliche Dominanz in der Aufklärung und der weitere Verlauf dieser Auseinandersetzung.

Meine Vermutung dazu ist, kurz gesagt: die europäische Säkularisierung ist gewachsen aus dem gesellschaftlichen Widerstand gegen die kirchliche Dominanz. Weil die so umfassend war (faktisch und ideologisch – Stichwort Monotheismus, Absolutheitsanspruch des Christentums), konnte es keinen religiösen Widerstand geben, sondern nur einen anti-religiösen, der sich nominell gegen „die Religion“, faktisch aber gegen das Christentum richtete. Eine Spätfolge davon ist das Phänomen, dass die Menschen im Augenblick zu unser aller Erstaunen wieder religiös werden, aber nicht christlich.

Dieser Widerstand gegen kirchliche Dominanz speiste sich aber – jedenfalls teilweise – aus dem christlich-jüdischen Impuls selbst (aber auch antik-heidnische und asiatische Impulse spielen eine Rolle). Nicht umsonst kamen/kommen viele Religionskritiker aus einem christlichen oder jüdischen Umfeld (Pfarrhäuser sind da recht beliebt). Die religionskritischen Impulse der Bibel sind hier auf fruchtbaren Boden gefallen, wenn auch in anderem Kontext. Das führt zu einer sehr undurchsichtigen Gemengelage.

Schließlich müsste man das Ganze auch auf der viel weniger theoretischen Ebene des Alltags, aus der Perspektive des „Volkes“ durchspielen: die zwiespältigen Erfahrungen mit Kirchen (bzw. Pastoren), die einerseits Organe gesellschaftlicher Kontrolle und andererseits auch Repräsentanten von Menschlichkeit und Menschenwürde waren. Diese beiden Ebenen (Theorie und Alltag) sind aber – vor allem durch die Arbeiterbewegung – auch miteinander verbunden.

Spannende Fragen sind für mich in diesem Zusammenhang:

  • War das Bündnis von christlichem Impuls und Religion eigentlich ein Missverständnis, oder gibt es da eine Schnittmenge (und welche)?
  • Aktuell gewendet bedeutet das: ist Religion nur eine vorübergehende Gestalt des christlichen Impulses? vielleicht noch nicht einmal eine gute? Pointiert gesprochen: wieviel Religion braucht eigentlich das Evangelium? Sollten wir uns der gegenwärtigen Renaissance der Religion anschließen oder nicht? Oder wie?
    Das ist für mich keine rhetorische, sondern eine echte und praktische Frage!
  • Hier wäre auch nach der bleibenden Bedeutung von Bonhoeffers Prophezeiung einer kommenden „religionslosen“ Zeit zu fragen. Wenn man sie als die Prophezeiung einer „christentumslosen“ Zeit verstehen würde, dann wäre diese These jedenfalls nicht einfach durch die Entwicklung widerlegt.
  • Muss sich christlicher Glaube eigentlich immer in Form einer Religion organisieren? Die frühen Christen jedenfalls wurde eher als Anti-Religion wahrgenommen.
  • Ist es möglich, relgionskritische Impulse der Aufklärung wieder mit ihren biblischen Wurzeln zu versöhnen?
  • Auffällig ist schließlich, dass sich der Katholizismus in den Ländern bis heute hält, in denen er sich über lange Zeit mit einer unterdrückten Nation verbunden hat (Polen, Irland), während er in Frankreich mit dem Ancien Regime verbunden war und sich von der Revolution nicht wieder erholt hat. Ist also für das Überleben einer Religion (oder wenigstens des Christentums) die Positionierung in gesellschaftlichen Konflikten entscheidend?

Tobias hat zur Diskussion eingeladen. Ich möchte das unterstreichen. Die Verhältnisse sind eine so unübersichtliche Gemengelage. Da muss einfach mehr Klarheit rein. Lasst uns hier Nachdenken investieren! Wer macht mit?

Apr 172007
 

Am Wochenende war bei uns Konfirmation, deswegen hatte ich beim Bloggen eine längere Pause eingelegt. In diesem Jahr ist es gut gelaufen – wir hatten eine Gruppe, die im letzten Jahr richtig gut zusammengewachsen ist, mit den Eltern haben wir uns prima verstanden (bei uns arbeiten Eltern im Konfirmandenunterricht mit – ungefähr 30 % der Familien sind dabei vertreten) und jetzt die Konfirmation war auch sehr schön.
Trotzdem spüre ich – und zwar ganz besonders in den Momenten, wo es gut läuft! – sehr deutlich die Begrenzungen des gesellschaftlichen Musters, nach dem bei uns Christentum funktioniert. Ich versuche es zu formulieren: ihr Kirchenleute erledigt für uns die Sache mit Gott. Irgendwer muss es ja wohl machen. Wir freuen uns, wenn ihr es gut macht, wir schätzen euch dann, wir bezahlen euch, wir machen auch in Grenzen mit – aber bewahrt uns davor, allzu tief da hineingezogen zu werden.
So ist das wohl kaum von jemandem formuliert worden, aber so funktioniert es. Ganz selbstverständlich und ohne dass man da groß drüber nachdenken müsste. Auch relativ unabhängig von der Qualität kirchlicher Arbeit. Alle Gemeindearbeit steht unter diesem Vorzeichen – schön, wenn dann in der Klammer gute Dinge geschehen. Aber die Klammer bleibt.
Das ist der gesellschaftliche Kompromiss zwischen Gesellschaft und Kirche. Er kann von der Kirche nicht einseitig verändert werden, weil es ja ein Gegenüber gibt, das dabei mitspielen muss. Übrigens: auch eine Freikirche kommt da nicht einfach raus. Aber es ist natürlich die Frage, ob die Kirche diesen Status Quo auch selbst akzeptiert und richtig findet.
Wir wissen aus der Paartherapie: wenn von zwei Partnern einer sich ändert, dann kann der andere auf die Dauer auch nicht so bleiben, wie er ist. Also geht es zuerst darum, uns selbst zu verändern. Die Organisationsgeschichte neu zu erzählen. Mit ein bisschen Kosmetik und Modernisierung ist es da wirklich nicht getan.

Apr 022007
 

Wenn ich es recht sehe, dann gehören die meisten in der „emergent“-Blogosphäre entweder in selbständige christliche Gemeinschaften, Freikirchen oder landeskirchliche Gemeinden besonderen Typs. Ein bisschen exotisch komme ich mir da schon vor als Pastor einer ländlichen landeskirchlichen Ortsgemeinde. Deswegen schreibe ich heute etwas darüber, was ich als unterschiedliche Perspektive von Landes- und Freikirchen wahrnehme.

  • Zunächst einmal: der Unterschied liegt eigentlich nicht in der Theologie. In all den Diskussionen über das Ende der „Christendom“-Ära wird deutlich, dass aus dieser Perspektive gar kein großer Unterschied zwischen Landes- und Freikirchen ist. Oder, anders gesagt: die Freikirchen haben sich organisatorisch von der Staatskirche getrennt, sind ihr aber theologisch an den entscheidenden Punkten treu geblieben. Aus der Post-Christendom-Sicht rücken Gegensätze wie Kinder/Glaubenstaufe, Mitgliedschafts- oder Entscheidungschristentum, ja sogar die Frage nach den Charismen in die zweite bis dritte Reihe. Und ich habe erlebt, dass freikirchliche church plants dem Pfarramt die starke Stellung einräumen, die es sonst nur in der Landeskirche hat – und das als Schritt nach vorn beschreiben (wegen der Innovationschancen). Und die These, dass die Ära des „Christendom“ zu Ende geht, kommt ja u.a. aus den USA, die nie unsere landeskirchlichen Strukturen hatten.
  • Es gibt hier eine sehr grundlegende gemeinsame Basis, die die allermeisten Christen in unserem Land, aber auch in vielen anderen Ländern verbindet, eine gemeinsame Systemgeschichte. Die ist das Problem, und wie wir die neu erzählen können, wissen wir alle noch nicht so genau.
  • Aber im Bereich freier Gemeinden und Gemeinschaften gibt es offensichtlich mehr Nischen, in denen über neue Dinge nachgedacht werden kann. Man hat da nicht so viele Vorschriften, die man beachten muss. Und man hat mehr Leute, die sich auch ganz persönlich mehr von Jesus erwarten.
    Obwohl, da würde ich gern mal was von den Brüdern und Schwestern aus den entsprechenden Gruppierungen hören: wie groß ist eigentlich bei euch der Druck zur Konformität? Kann die stärkere persönliche Verbundenheit eigentlich auch eine Blockade sein, die einen bei neuen Gedanken ausbremst? Das ist keine Behauptung, sondern eine echte Frage. Ich hab da zu wenig Übersicht. Aber wenn dann einer auf neue Gedanken kommt, dann findet er in freien Gemeinden auch schneller eine interessierte Umgebung – stimmt das?
  • Ich selbst schätze an meiner Arbeit in einer landeskirchlichen Gemeinde, dass man als Pastor immer wieder mit einem repräsentativen Querschnitt durch die Gesellschaft zu tun bekommt. Ich habe Konfirmanden von Sonderschule bis Gymnasium (und die Eltern dazu), ich beerdige Leute aus jeder sozialen Schicht, höre ihre Lebensgeschichten und denke mich in ihre Lebenswelt hinein. Ich kann mich in keine fromme Sonderwelt zurückziehen. Die Kultur der normalen Leute holt mich immer wieder ein. Nicht, dass ich es dann immer richtig mache, aber ich werde die Aufgabe nicht los.
  • Was ich theologisch überlege, muss ich auch Viertklässlern erklären können; oder ich muss herausfinden, was das für Hochzeiten und Traueransprachen bedeutet. Wenn ich kulturell irrelevant werde, bekomme ich schnell und manchmal auch heftig Reaktionen. Andererseits: wenn Konfirmanden bei irgendetwas tatsächlich zuhören und verstehen, kann es nicht ganz falsch sein.
  • Dieser Vorteil gleicht für mich die natürlich auch vorhandenen Schattenseiten der Landeskirche entscheidend aus. Als solche würde ich sehen:
    – das chronische Misstrauen gegenüber den Gemeinden und Pastoren, kurz: gegenüber der Basis;
    – die Kontrolle, die damit verbunden ist und unheimlich viel Reibungsverluste bedeutet, die Energie und Zeit rauben;
    – das Denken in Strukturen, Ordnungen, Vorschriften, Institutionen. Dass es dabei eigentlich doch um die Menschen gehen sollte, verschwindet faktisch dahinter (auch wenn es natürlich immer wieder verkündet wird);
    – die organisatorische Schwerfälligkeit und die denkerische Horizontbegrenzung, die solch feste Strukturen fast immer mit sich bringen;
    – die zentrale Finanzierung bedeutet, dass die Ortsgemeinden die Finanzen bekommen, die übrig bleiben, nachdem alle anderen kirchlichen Ebenen versorgt sind. Hätten wir das Geld, das unsere Mitglieder als Kirchensteuer bezahlen, dann hätten wir keine finanziellen Probleme und könnten trotzdem noch eine ganze Menge für übergemeindliche Zwecke abgeben!

So weit erst einmal meine Eindrücke. Ich würde mich freuen, wenn du aus deiner speziellen Sicht etwas dazu schreiben würdest!

Mrz 202007
 

Eine gut verständliche Übersicht über die Situation am Ende der Konstantinischen Ära findet man in einer Zusammenfassung des Buches von Stuart Murray: „Post-Christendom: Church and Mission in a Strange New World“ auf dem Coachnet-Blog „Mehr-und-bessere-Gemeinden„. Vor allem sind hier auch zunächst bescheidene, aber realistische Perspektiven aufgezeigt, wie man in dieser Situation weitermachen sollte. Insbesondere die deutliche Absage an die rückwärtsgewandten schnellen Erweckungs-Prophetien überzeugt mich.

Einige Zitate:

„Gemeinde ist eigentlich recht einfach“, meint Murray. „Sie besteht im wesentlichen aus Freundschaft als beziehungsmäßigem Paradigma, aus gemeinsamem Essen und Lachen.“

Gerade in unserem Land wird „Erweckung“ regelmäßig angesagt. In der Regel erwartet man – neben vielen Bekehrungen – eine Wiederherstellung flächendeckender christlicher Kultur und ganze gesellschaftliche Bereiche, die „wieder“ vom Evangelium geprägt werden. Angesichts der Tatsache, dass die christlich geprägte Kultur in Westeuropa an ihr Ende kommt, ist immer mehr denkenden Christen bei dieser Perspektive nicht wohl.

Akzeptiert euren Status als Gemeinschaften am Rande der Gesellschaft.

Meidet kurzfristige Perspektiven, strebt nachhaltige Transformation an.

Der Umzug von der Mitte der Gesellschaft an die Ränder, von privilegierter Religion zu einer Stimme unter vielen und von aufgezwungenem Glauben zu radikaler Freiwilligkeit wird dem Christentum gut tun. Immerhin hat es ja auch so angefangen.

Feb 152007
 

Mit dem Titel seines zweiten Posts zur Systemlogik des „Christentums“ vom 10.2.2007 erinnert Alan Hirsch an die Szene aus dem Film „Matrix“, in der die Hauptfigur Neo das Versprechen hört: „wenn du die rote Kapsel nimmst, führe ich dich in die Tiefen des Kaninchenbaus“. Dies wiederum ist eine Erinnerung an „Alice im Wunderland“. Es geht um die tiefen Grundmuster, um die Geheimnisse unter der Oberfläche, wo die Dinge anders sind, als sie zunächst scheinen.

Wir haben hier bisher den Begriff der kulturellen Distanz sowie der Systemgeschichte/Systemparadigma diskutiert, und nun wollen wir uns näher mit dem Grundmuster beschäftigen, das das „Christentum“ seinem Kirchenbegriff zugrunde legt (die „Patrix„??). Also, wie passen diese Begriffe zum „Christentum“ und unserer gegenwärtigen Situation?

Die Transformation der Kirche von einer am Rande der Gesellschaft angesiedelten Bewegung zu einer zentralen Organisation wurde eingeleitet mit dem Edikt von Mailand (313 n. Chr.)
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