Jun 122009
 

Übersichtsseite mit allen Posts zum Buch und den Kontemplativen Übungen

Am „zweiten Tag“ oder in „zweiten Zeit“ der Exerzitien (für mich der zweite Monat) geht es um das Achten auf den eigenen Atem. Bei mir war es ein Monat mit unerwarteten Überraschungsgeschenken: ich stieß auf Nebeneffekte, die so nicht angekündigt waren. Andererseits legte mich eine Erkältung/Grippe ziemlich lahm.

11. Februar
Heute war es meine Aufgabe, einen Teil der Pfarrkonferenz zu moderieren. Trotzdem habe ich morgens die Übungen gemacht, noch vor den Vorbereitungen auf den Vormittag. Ich merkte dann am Vormittag, dass ich dabei nicht aufgeregt war, sondern sehr konzentriert, und ohne Mühe die richtigen Gedanken fand. Ich glaube, dass das mit den Übungen zu tun hat.

14. Februar
Heute habe ich tatsächlich zum ersten Mal den Atem auch in der Lunge gespürt. Erstaunliche Erfahrung. Ich hoffe, ich bilde mir nichts ein. Ich finde die Unterscheidung zum autogenen Trennung gut: es geht bei den Übungen nicht darum, Wirklichkeit zu produzieren, sondern lediglich wahrzunehmen, was ist.
Konstant begleiten mich viele Gedanken, und ich ertappe mich dauernd dabei, dass ich mich von ihnen forttragen lasse. Dann kehre ich in die Atemwege zurück, um mich bald darauf wieder irgendwo anders zu finden. Aber das ist wohl ziemlich normal.
Einer der Gedanken war immerhin, wie ich in unserer Gemeinschaft einen Kurs zu diesen Exerzitien anbieten könnte.

17. Februar
Bin krank, heftige Erkältung. Die Übungen reizen den Hals. Abgebrochen. Stattdessen raus in die Natur gegangen. Das war aber zu anstrengend.

19. Februar
Immer noch erschöpft von der Grippe. Ich rutsche bei den Übungen weg und bin neben mir. Immerhin verstehe ich irgendwie, dass mein Körper nicht gegen mich ist, auch wenn mir seine Reaktionen nicht gefallen. Heute fahre ich auch noch auf Konfirmandenfreizeit.

24. Februar
Zu einer Fortbildung im Kloster Volkenroda. Bin immer noch nicht wieder gesund. Bei den Übungen merke ich, wie erschöpft ich innerlich bin. Das Programm der Fortbildung lässt mir wenig Spielraum. Normalerweise würde ich das schätzen, aber jetzt führt es dazu, dass ich mein Schlafdefizit nur langsam ausgleiche. Aber eigentlich ist es ja gut, wenn mir die Übungen helfen, den Stand meines Energie-Akkus nicht zu übersehen.

26. Februar
Heute fühle ich mich langsam besser.  In diesen Tagen habe ich immerhin den Spielraum gehabt, um ein Bild von der möglichen  Fortentwicklung unserer Gemeinschaft zu gewinnen.

27. Februar
Endlich gehen auch die Übungen wieder besser. Ich rutsche nicht dauernd in den Halbschlaf ab.  Fortbildung zu Ende, ich fahre wieder nach Hause.

5. März
Habe die letzten Tage die Übungen nicht gemacht. Dauernd nur gearbeitet, die ganze Woche durch. Nachholen, was in der Zeit meiner Abwesenheit liegengeblieben ist. Heute bin ich nicht mehr so erschöpft, aber sehr zerstreut. Tausend Sachen, die ich noch tun muss, bedrängen mich. Ich finde nur sporadisch zu mir und den Übungen.

Jun 102009
 

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Am „zweiten Tag“ der Exerzitien (für mich der zweite Monat) steht das Achten auf den eigenen Atem an. Im Sitzen verfolgt man den Weg der Luft durch die Luftwege bis in die Lunge.

3. Februar
Ich kann tatsächlich etwas fühlen, was ich sonst nie beachtet habe: wie die kühle Luft durch Nase, Rachen, Hals und Bronchien in die Lunge strömt. Unterhalb des Halses wird es schwierig. Und merkwürdigerweise spüre ich da nur links etwas. Es ist schon heftig, zu merken, dass da schon mein Leben lang etwas passiert, was ich noch nie wirklich bemerkt habe. Obwohl es nicht schwer wahrzunehmen ist. Kann das wohl mit Gott auch so sein? Das Schöne ist: auch diese Erfahrung ist, entgegen meiner Befürchtung, nicht langweilig.

4. Februar
Heute kam ich auf dem Weg durch die Atemwege nicht voran. Es war wie ein Widerstand, weiterzugehen. Ich bekam Angst, es nicht zu schaffen und steckenzubleiben. Zum Glück erinnerte ich mich an den Rat, solche Empfindungen einfach gelassen wahrzunehmen. Trotzdem war ich heute wie blockiert.
Ich habe übrigens den Eindruck, dass man durch diese Übung lernt, seine Aufmerksamkeit willentlich hin und her zu bewegen – fast wie einen Körperteil, eine Hand z.B.

7. Februar
Heute geht es ganz leicht. Vielleicht hat mich das letzte Mal auch mein Schnupfen behindert. Ich merke aber, wie müde ich eigentlich bin – zu wenig geschlafen. Normalerweise würde ich das einfach ignorieren. Heute habe ich noch eine halbe Stunde nachgeschlafen. Ich merke, dass eins der Hauptprobleme bei diesen Übungen ist, sie zuverlässig in den Tagesablauf einzubauen. Das heißt für mich vor allem, konstant früher ins Bett zu gehen.
In der Nacht habe ich mich zwei Mal an Träume erinnert, recht klar sogar. Das ist ungewöhnlich, weil ich normalerweise gar keine Erinnerungen an meine Träume habe.

8. Februar
Heute ist Sonntag, und da stehe ich morgens immer früh auf und schreibe einen Großteil meiner Predigt. Trotzdem habe ich heute vorher noch die Übung gemacht. Hinterher hatte ich ganz unerwartet den Eindruck, dass das Schreiben besonders leicht und flüssig ging. Anscheinend öffnen mir die Übungen einen leichteren Zugang zu meinen kreativen Quellen. Und ich fand die Predigt, die dabei herauskam, gut. Bessere Predigten schneller schreiben – das würde bedeuten, dass sich der Zeitaufwand für die Übungen auch ganz äußerlich lohnt. Davon stand nichts bei Jalics, aber es ist ja nicht schlecht, wenn man ganz unvorbereitet auf so etwas stößt.

Jun 072009
 

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Seit Beginn dieses Jahres habe ich mich auf die kontemplativen Übungen nach Franz Jalics eingelassen und lasse euch hier an meinen Erfahrungen teilhaben:

10. Januar
Heute gehe ich morgens los, ich schaffe nur 1/2 Stunde. Wieder in die Wiesen. Ich merke, dass ich in dieser Situation einen Zugang zu einer tiefen Ideenschicht in mir bekommen. Es setzt Kreativität frei. Mir kamen viele gute Ideen, und ich fand es schwer, sie in dieser Situation nicht weiter zu verfolgen. Hinterher kann ich mich aber daran nicht mehr erinnern. Es ist wie in einem Traum, an den man sich nach dem Aufwachen nicht mehr erinnern kann, aber kreativer, klarer.

12. Januar
Herrlicher blauer Himmel mit kleinen Wölkchen, und mein Lieblingsbaum sieht toll aus gegen diesen Hintergrund. Wieder viele gute Ideen gehabt, die ich aber auch alle vergesse. Werden diese Übungen eines Tages dazu führen, dass ich einen leichteren Zugang finde zu meiner kreativen Tiefe? Davon stand nichts im Buch, aber es wäre ja trotzdem nicht schlecht. Mir fällt Jalics‘ Warnung ein, dass man die Übungen nicht machen soll, um zu … (ruhiger, kreativer usw. zu werden). Also werde ich weitermachen und abwarten.
Mein Lieblingsbaum und die Reihe der Bäume an der Fuhse bewegen mich heute ganz besonders, wie sie so schweigend und kahl im Sonnenlicht dastehen. Aber ich weiß nicht, was es ist. Für den Baum finde ich das Wort „majestätisch“, für die Baumreihe am Flüsschen finde ich keins. Manchmal möchte ich weinen, wenn ich sie da so stehen sehe, aber ich verstehe nicht warum.
Erstaunlich, wie viele Menschen mit Hund hier herumlaufen.

13. Januar
Heute an einem Post zu Jalics gearbeitet, deswegen hatte ich keine Zeit, loszugehen. Beides gleichzeitig kriege ich nicht hin.

14. Januar
Heute melden sich dauernd deprimierende Gedanken zur Situation von Kirche, Pastoren und ihren Begrenzungen. Und mir fallen die ästhetisch misshandelten Bäume auf, hässlich geworden durch willkürliche menschliche Eingriffe. Überhaupt, wie hässlich sind fast alle menschlichen Artefakte hier. Und über allem liegt trübes, feuchtes Wetter.
Ich versuche, die Dinge nicht zu Ende denken zu wollen, sondern sie mit der heilenden Präsenz in Verbindung zu bringen.

16. Januar
Es taut. Die Bäume sehen nicht mehr so tot aus. Ein ganz leichter Schimmer von Leben liegt über ihnen.

17. Januar
Immer wieder gute Ideen. Ich muss der Versuchung widerstehen, dieses Rohmaterial während meiner Gänge weiterzudenken, zu verarbeiten und festzuhalten. Manchmal kann ich mich jetzt schon hinterher wieder an eine Idee erinnern.

19. Januar
Heute auf der Rückfahrt zwischen Peine und Klein Ilsede angehalten und in die Natur gegangen. Aber die Gegend dort trägt so deutliche Spuren menschlichen Wirkens, so hässlich. Es ist deprimierend. Ich will zurück zu meinen Bäumen in den Wiesen.

25. Januar
Allmählich ist es Zeit für den Übergang zum 2. Tag (die Übungen sind in 10 Tage gegliedert, wenn man sie an einem Stück macht. Ich mache sie nach und nach, deswegen dauert ein Tag bei mir mehrere Wochen). Aber ich bin so mit Arbeit vollgepackt, ich komme nicht dazu, mich auf den zweiten Tag und die dann nötige Umstellung meines Tagesrhythmus einzustellen.

Jun 062009
 

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Seit Beginn dieses Jahres habe ich mich auf die kontemplativen Übungen nach Franz Jalics eingelassen und lasse euch hier an meinen Erfahrungen teilhaben:

4. Januar
Mein zweiter Tag in der Natur. Es liegt Schnee und es ist wieder sehr kalt. Die Beobachtungsmöglichkeiten sind eingeschränkt. Ich gehe an einer Baumreihe entlang und schaue die Baumrinde an. Ich habe nicht gewusst, wie vielfältig Baumrinde ist. Wie die gleiche Grundstruktur immer wieder variiert wird. Die Natur ist von einer Vielfalt, an die unsere Produktionen nicht heranreichen. Ältere menschliche Produkte (z. B. alte Häuser oder Möbel) spiegeln davon aber meist noch mehr wieder als moderne Produkte mit ihren glatten Plastikoberflächen. Oh, schon wieder ins Analysieren und Deuten geraten. Na gut, ich muss sowieso weitergehen, sonst frieren mir die Füße ein.
Die wichtigste Entdeckung heute: es ist nicht (wie ich vorher befürchtet hatte) langweilig. Schauen tut gut. Ich ahne, dass es da wirklich etwas geben könnte, was meine Aufmerksamkeit anzieht – und schön ist.

5. Januar
Heute ist es noch etwas kälter. Die Sicht ist sehr klar, der Himmel pastellfarben. Die geschwungene Reihe der Bäume an der Fuhse kenne ich nun schon. Ich schaue zu, wie es langsam dunkel wird, der Himmel stahlblau. Ich schweife mit den Gedanken weniger ab. Zwischendurch erkunde ich aber einen zugefrorenen Sumpf, der im Sommer unzugänglich ist. Das ist ein Rückfall in die Naturforscher-Mentalität.

6. Januar
Heute gehe ich mal auf das alte Hüttengelände, das inzwischen von der Natur teilweise zurückerobert ist. Das ist ein Fehler. Diese Mischung aus Verfall und traurigen Pflanzen wirkt niederdrückend. Außerdem sind da immer wieder Menschen, und mit denen kann man nicht nicht kommunizieren (Watzlawick). Dazu ist es (gefühlt) noch kälter geworden, und irgendwie scheuert der Schuh heute meine Ferse auf. Nach einer halben Stunde gehe ich nach Hause.

7. Januar
Es ist immer noch kalt und unsere Heizung fällt aus. Ich warte auf den Installateur und gehe nicht raus.

8. Januar
Heute fiel mir wieder auf, wie sehr die Spuren menschlicher Aktivitäten die Ästhetik stören. Selbst die Kondensstreifen der Flugzeuge, die am klaren Himmel haufenweise zu sehen sind, sind viel zu gerade. Das passt nicht. Von all dem Gerümpel in der Landschaft ganz zu schweigen. Ich bin verunsichert. Werde ich jetzt Ästhet? Dummerweise denke ich auch dauernd daran, was ich bloggen könnte. Das stört ebenso wie die Kälte, die immer noch ganz schön kalt ist.

9. Januar
Eine 3/4 Stunde in den Wiesen. Langsam geht mein Urlaub zu Ende. Ich merke, wie sich mehr und mehr die Arbeit, die auf mich wartet, wieder in meine Gedanken einschleicht. Werde ich die Übungen auch im „Normalbetrieb“ durchhalten können?
Immerhin ist es jetzt weniger kalt.

more coming soon

Jun 032009
 

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Ich habe seit Anfang des Jahres begonnen, den Weg der kontemplativen Übungen nach Franz Jalics selbst zu gehen. Das ist, nebenbei gesagt, einer der Gründe, warum auf diesem Blog so lange Sendepause war. Da war ein neues Element in meinem Tagesablauf, und es hat das Bloggen verdrängt. Im Moment arbeite ich daran, beides wieder in meinen Rhythmus zu integrieren. Aber im Zweifelsfall ist das Leben wichtiger als das Beschreiben des Lebens.

Ich habe jedoch in dieser Zeit halbwegs regelmäßig Tagebuch geführt und möchte jetzt, mit einigem zeitlichen Abstand, diese Erfahrungen hier teilen (übrigens habe ich Anfang Mai auch beim EmergentCamp in Bremen etwas dazu berichtet).

Das Wichtigste vorab: in diesen fünf Monaten habe ich mich auf eine Weise verändert, wie ich es vielleicht erhofft, aber mir vorher nicht hätte vorstellen können. Ich habe Dinge entdeckt, die ich nicht erwartet habe. Und ich merke, dass ich immer noch ganz am Anfang eines Weges bin. Wenn ich aber überschaue, was mir schon in dieser Anfangsphase zugekommen ist, dann ergibt das eine große Hoffnung und Erwartung für das, was auf diesem Weg noch folgen kann.

Jalics beschreibt zwei Wege, um die Übungen zu machen: entweder in zehntägigen Exerzitien, oder über eine längere Zeit alltagsbegleitend. Ich wähle die zweite Möglichkeit. Ich sehe das nicht als Notbehelf an, im Gegenteil. Zu oft habe ich schon den Effekt erlebt, mit vollem Herzen von einer Konferenz oder einem Seminar nach Hause zu kommen und das Erlebte dann nicht in meinen Alltag integrieren zu können. Diesmal möchte ich von vornherein unter Alltagsbedingungen etwas hoffnungsvoll Neues versuchen. Die gemeindetaugliche Spiritualität, nach der ich suche, muss alltagsfest sein. Immerhin, eine kleine Starterleichterung hatte ich: mein Nach-Weihnachtsurlaub ließ mir zuerst noch etwas mehr Spielraum.

Die Übungen beginnen mit der Wahrnehmung der Natur: täglich eine Stunde rausgehen ohne ein anderes Ziel, als die Natur wahrzunehmen. Das soll an die Grundhaltung der Wahrnehmung heranführen. Die Natur ist einerseits noch sehr vielfältig, so dass die Konzentration leichter fällt. Andererseits ist sie ein friedliches Gegenüber, mit dem wir keine Konflikte haben, das wir nicht missverstehen können, das nicht unser Begehren oder unseren Ärger weckt. Kurzum, die Beobachtung wird nicht so sehr durch unsere persönliche Verwicklung mit dem Gegenüber irritiert.

Und los geht’s:

3. Januar:
Entschlossen losgegangen. Über die Bahn, und schon bin ich in den Fuhsewiesen. Erster Eindruck: es ist scheußlich kalt. Warum musste ich nur gerade im Winter damit anfangen! Mit Schal vor dem Gesicht ist das Ganze kein Vergnügen! Alles ist verschneit – das schränkt auch die Wahrnehmungsmöglichkeiten ein.
Zweiter Eindruck: ich denke ja die ganze Zeit! Immer!! Die Übung sorgt vor allem dafür, dass ich jetzt Dinge wahrnehme, die mir so vertraut sind, dass sie mir sonst nicht auffallen. Also fällt mir auf: Die ganze Zeit bin ich in einem inneren Dialog, interpretiere, bewerte, analysiere, denke weiter. Die Außenwelt ist nur ein Anstoß für meine Gedanken. Danach läuft alles in meinem Kopf ganz von allein weiter. So krass hatte ich mir das nicht vorgestellt. Wie soll ich das je abschalten? Aber ich erinnere mich: Jalics empfiehlt, nicht dagegen anzukämpfen, sondern es einfach stehen zu lassen. So ist es eben. Zum Glück neige ich sowieso nicht dazu, mich wegen Versagens o.ä. selbst fertig zu machen. Also einfach weiter machen.
Ich komme durchgefroren nach Hause. Und bin sehr gespannt, wie das morgen weitergeht.

Jun 022009
 

Dritter Teil einer Reihe über die Exerzitien von Franz Jalics Teil 1 | Teil 2

Es ist nicht unwichtig, dass Jalics Mitglied des Jesuitenordens ist. Die Jesuiten sind gegenüber den klassischen Orden eine vergleichsweise junge Gründung (1540). Jesuiten tragen keine Ordenskleidung, sie leben nicht in klassischen Klöstern. Sie üben kein gemeinsames Chorgebet. Der Schwerpunkt ihrer Tätigkeit liegt auf Bildung und Seelsorge. Die Grundbewegung ist nicht Abkehr von der Welt, sondern Hinwendung zu ihr. Damit sind die Jesuiten eine deutlich neuzeitlich geprägte Gründung, im Unterschied zu den eher mittelalterlich zu verortenden älteren Orden.

Auch die Tradition der von Ignatius, dem Ordensgründer, erfundenen Exerzitien ist ein neuer Weg. Sie ist stärker intellektuell als liturgisch geprägt. Jedoch ist das Ziel eine ganzheitliche Prägung des Lebens. Exerzitien sind ein Weg vom Kopf ins Herz, mit Hilfe durchdachter Methodologie. Sie sind gleichzeitig ein individueller Weg: es geht um das Potential und die geistliche Reife des Einzelnen – aber dieser Weg macht ihn in höherem Maß gemeinschaftsfähig.

Wenn wir in der monastischen Tradition des Volkes Gottes nach Impulsen für die Gegenwart suchen, dann sind diese Unterscheidungen nicht unwichtig. Die jesuitische Tradition steht uns näher, weil sie von ihrer Entstehung her neuzeitlich ist. Da ist die Zuwendung zur Welt von Anfang an angelegt, nicht nachträglich hinzugefügt. Genauso ist der neuzeitliche Individualismus schon aufgenommen – und den möchte doch eigentlich keiner im Ernst aufgeben (auch nicht in der Postmoderne). Ebenso die denkerische Durchdringung der Welt, die Aufnahme anderer Kulturen. Die Zuwendung zu neuen Medien (die Jesuiten bedienten sich z.B. des damals fortgeschrittensten Mediums: Theateraufführungen).

Meine Überlegung dabei ist: ob nicht diese neuzeitlichen Prägungen auch näher am Neuen Testament sind als die eher mittelalterlichen Traditionen? Paulus mit seiner strategischen Mission in Schlüsselmetropolen der Antike – steht der nicht einem Jesuiten näher als dem ortsfesten Mitglied eines benediktinischen Konvents mit einem geregelten, spirituell geprägten Tagesablauf?

Klar, die Jesuiten waren auch Träger der Gegenreformation. Aber kann man es nicht auch so sehen: erst in der Bedrohung durch die Reformation öffnete sich die katholische Kirche einem Mann wie dem Ordensgründer Ignatius, der sonst vielleicht eher der Inquisition zum Opfer gefallen wäre. Und nur durch das Gegeneinander der Konfessionen hatten Reformer wie Luther und Ignatius überhaupt eine Chance.

Ich verstehe jetzt, warum ich zu den Anleitungen von Franz Jalics einen besseren Zugang habe als zu den älteren Mystikern. Vielleicht hilft mir Jalics, eines Tages auch sie besser zu verstehen. Vielleicht aber auch nicht.

Jan 192009
 

Hier findest du den ersten Teil meiner Überlegungen zum geistlichen Weg nach Franz Jalics.

Heute möchte ich versuchen, die „Kontemplativen Exerzitien“ theologisch einzuordnen. Das wird, ich sage es gleich, theologisch im engeren Sinn werden – Theologie ist nun mal mein Job. In den nächsten Posts wird es dann wieder erfahrungsorientierter.

In seiner Anleitung „Kontemplative Exerzitien“ schreibt Franz Jalics relativ wenig zur Theologie, die hinter den Übungen steht. Ausführlichere theologische Überlegungen finden sich in dem kleinen Band „Der kontemplative Weg„. Ich muss sagen, dass mich dieses Buch weniger überzeugt hat als die Anleitungen zu den Exerzitien selbst. Vielleicht liegt es daran, dass Jalics natürlich im Bezugssystem katholischer Theologie spricht, mit dem ich nicht vertraut bin. Nicht, dass es keinen Sinn machen würde oder falsch wäre. Vielleicht ist es das Denken in einer Kontinuität zwischen verschiedenen Stufen (Philosophie und Theologie, verschiedene aufeinander folgende Gnaden), das mich befremdet, weil ich eher von einer Theologie des Bruchs zwischen Wort Gottes und Welt herkomme. Die Verbindung würde ich dann eher als Beziehung, als Dialog und Begegnung sehen, nicht als Übergang zwischen verschiedenen Stufen.

Jedenfalls hatte ich den Eindruck: von meiner theologischen Herkunft her müsste man anders ansetzen. Ich will nicht sagen „das müsste man besser machen“, aber mit meinem Hintergrund muss ich da anders rangehen. Und ich war im Nachhinein froh, dass ich zuerst die praktischen Anleitungen in den „Kontemplativen Exerzitien“ gelesen habe und erst dann die theologischen Hintergründe. So hatte ich schon ganz unbefangen überlegt, wie ich diese Übungen verorten kann.

Mir drängte sich nämlich beim Lesen sofort die Verbindung zum „In Christus – Sein“ auf, zur „Unio cum Christo“, die ich als zentralen Begriff zuerst bei Karl Barth (Kirchliche Dogmatik IV/3, § 71.3) und zuletzt wieder bei Scot McKnight kennen gelernt habe. Dieses „In Christus – Sein“ ist, recht verstanden, die Quelle aller christlichen Güter und Segnungen. Aus einer unauflöslichen Verbindung mit Christus (Luther in der Auslegung zu Johannes 17,11 von 1528: „eins“ bedeutet nicht nur: concors, einträchtig, sondern una res, ein Ding, Kuchen, Leib) fließen alle anderen Gaben des christlichen Lebens: Rechtfertigung, Vergebung, Heiligung, Gehorsam usw.

Karl Barth beschreibt dieses Verhältnis der Christen zu Christus allgemein als Leben durch Glauben, nämlich

ihr sie zugleich befreiendes und bindendes tätiges Wissen darum, dass alle Menschen und so auch sie zu ihm [Jesus Christus] gehören. In dem tätigen Wissen dieses ihres Glaubens antizipieren die Christen die Existenzform, die einst und dort die aller Menschen sein soll. (KD IV/3, 605)

Dass alle Menschen zu Jesus Christus gehören, wissen also vorerst nur
einige. Trotzdem ist die Beziehung auf Jesus Christus der zentrale,
wenn auch unbekannte, Faktor in jedem Menschenleben. Von hier aus ist
jeder Mensch zu verstehen und zu beschreiben. Diese Beziehung auf Christus ist die Mitte jedes Menschen.

Wenn Jalics nun schreibt

Haben wir in uns irgendwo einen Ort, eine Mitte oder einen Grund, in dem wir nur Geist sind (…) ?
(…) In diesem Zentrum trennt uns nur ein hauchdünner Vorhang von der Gegenwart Gottes. Von der Erfahrung dieses reinen Geistes her ordnet sich alles von innen her (…) .
Der kontemplative Weg 27-29 (pass.)

dann würde ich diese Mitte nicht so sehr als vorhandene Instanz im Menschen, sondern von der Beziehung zu Christus her beschreiben. Aber das sind (notwendige) Feinheiten, die vielleicht nur Theologen schätzen.

Wichtiger ist, dass diese Beziehung auf Christus als intensives, enges Miteinander zu denken ist (Luther: nicht nur „einträchtig“, sondern „ein Ding, Kuchen, Leib“). Trotzdem bleibt dabei die Eigenständigkeit jeder Person bewahrt (an diesem Punkt stellt Karl Barth in KD IV/3, 620 Anfragen an die Mystik, die aber Jalics nicht unbedingt treffen). Als Vorbild für dieses enge Miteinander in Eigenständigkeit müsste man wahrscheinlich die Trinität sehen.

Für mich stellen nun die kontemplativen Übungen nach Jalics einen Weg dar, dieses Verhältnis zunächst einmal wahrzunehmen, ohne es sofort wieder zu instrumentalisieren (für Vergebung, Heiligung, Gehorsam, Wachstum etc.).

In meinen Augen ist nämlich das Problem der reformatorischen Theologie, dass sie – obwohl von Luther her eigentlich die „Einheit mit Christus“ als Quelle alles Weiteren klar sein müsste – stärker an den Gaben Christi orientiert war als am Geber selbst. Der Herr selbst wurde weniger wichtig als seine Vergebung und Rechtfertigung. Und daher kommt dann ein nachträgliches Zusammenflicken von Gnade und Ethik, Zuspruch und Anspruch, Sein und Sollen, Indikativ und Imperativ, das nie wirklich funktioniert (vgl. hierzu auch KD IV/3, 631f, wo das alles noch reicher gesagt ist).

Die Ursache unserer gegenwärtigen Schwäche liegt deshalb meines Erachtens nicht im Bereich der Konsequenzen des Glaubens, sondern unsere häufige Inkonsequenz in der Umsetzung hängt mit der Schwächung der Quelle zusammen, aus der eigentlich alles fließen müsste.

Diese Instrumentalisierung der Beziehung zu Christus auf praktische Konsequenzen (vor allem: auf die Sündenvergebung) hin ist vielleicht schon ein spezifisch moderner Zug in der reformatorischen Theologie. Erst jetzt fangen wir langsam an, ihn zu problematisieren. Dann stellt sich aber dringend die Frage, wie diese Beziehung zu Christus selbst (nicht ihre Konsequenzen!) zu praktizieren – wahrzunehmen, zu gestalten, zu feiern – ist.

Darüber mehr im nächsten Post.

Nachtrag: ich sehe gerade, dass francis schon Ende letzten Jahres über den „Kontemplativen Weg“ geschrieben hat. Ich entnehme der folgenden Diskussion, dass es nicht für alle ok ist, sich auf die Brüder von der anderen Fraktion einzulassen …

Jan 132009
 

Über den Elia-Blog bin ich auf das Buch „Kontemplative Exerzitien“ von Franz Jalics gestoßen. Wie der Titel vermuten lässt, ist Jalics Jesuit und steht in der Tradition des Ignatius v. Loyola. Aber man soll ja ruhig mal auch Unvertrautes anschauen.

Franz Jalics ist Ungar. Weichenstellungen in seinem Leben waren die Zeit des 2. Weltkrieges (in der er ungarischer Offiziersanwärter war und dadurch kurz vor Kriegsende zur Ausbildung nach Deutschland kam) einschließlich der Nachkriegszeit (in der er zunächst einfach nur auf die Rückkehr nach Ungarn warten musste, um anschließend dort unter großen Druck durch die kommunistische Regierung zu kommen) und eine fünfmonatige Entführung durch eine argentinische Todesschwadron 1976.

Jalics bietet den Lesern seines Buches an, entweder nur Leser zu sein oder anhand der Anleitungen im Buch für sich selbst Exerzitien zu halten. Diese Anleitungen sind sozusagen die Quintessenz aus über 700 Kursen, die Jalics bisher gegeben hat. Ich habe mich zunächst für das Lesen entschieden. Dabei bin ich seinen Gedanken mit großem Interesse und vielen Aha-Erlebnissen nachgegangen. Ich gebe hier einige Grundlinien wieder, wobei es sich nicht nur um ein Referat, sondern auch schon um meine Interpretation und Deutung handelt:

  • Grundgedanke ist, die Aufmerksamkeit zu stärken. Dahinter steht die Überlegung, dass sich im Prozess der Zivilisation das Schwergewicht der Geistestätigkeiten zunehmend auf Kosten der Wahrnehmung zum Denken und Tun verlagert hat. Das menschliche Gehirn, das sowieso von seiner Konstruktion her vor allem mit sich selbst spricht, reduziert den Anteil der von außen kommenden Impulse im Gefolge der Moderne immer mehr. Dieser Entwicklung wirken die Übungen entgegen, indem sie den Schwerpunkt auf die Wahrnehmung legen, das Denken aber nicht bekämpfen (das würde ja wieder Denken bedeuten), sondern sozusagen ignorieren.
  • Weil es sich hierbei um Verarbeitungsgewohnheiten handelt, die uns als die einzig möglichen erscheinen, braucht es Übungen und eine längere Zeitspanne, um diese Selbstverständlichkeiten in Frage zu stellen und andere Zugänge zur Wirklichkeit zu stärken.
  • Die Erwartung dabei ist, dass diese Stärkung der Wahrnehmung auch ein größeres Fenster öffnet für die Wahrnehmung Gottes. Es geht aber nicht um die Produktion von Vorstellungen und Gedanken, die religiöse Gefühle auslösen (diesen Eindruck habe ich oft im charismatischen Bereich gehabt), sondern gerade um eine Befreiung vom sofortigen Etikettieren und Vernutzen des Wahrnehmungs-Rohstoffs.
  • Die Exerzitien beginnen mit Übungen zur Wahrnehmung der äußeren Natur, wo diese Grundhaltung am leichtesten eingeübt werden kann. Sie setzen sich fort mit Wahrnehmungsübungen am Atem und im Körper, bis sie sich in der zweiten Hälfte des Kurses endgültig auf die Wahrnehmung der Handflächen fokussieren. Parallel dazu gibt es Einführungsvorträge, Anweisungen zur Meditation und Einzelgespräche, von denen eine große Zahl abgedruckt sind. Diese Gespräche beschreiben typische Probleme und Anfragen sowie Jalics Hilfestellung dazu.
  • Im Verlauf dieses Weges kommt es immer wieder zur Wahrnehmung eigener psychischer Engpässe und Verwundungen. Sie werden jedoch nicht analysiert oder aufgearbeitet, sondern nur kurz wahrgenommen und dann mit dem heilenden Zentrum der Person in Verbindung gebracht.
  • Es ist Jalics‘ Überzeugung, dass im Zentrum der Person eine Begegnung mit Gott möglich ist. Dies gelingt aber nur, wenn der Panzer geöffnet wird, den wir uns im Laufe unseres Lebens zugelegt haben, und der uns vor Schmerzen und Ängsten schützen soll. Weil dort im Zentrum der Person auch diese Schmerzen warten, suchen wir das Zentrum nicht auf und gelangen so auch nicht zur Begegnung mit Gott. Werden die Schmerzen jedoch wahrgenommen, dann können sie durch die Begegnung mit dem Personzentrum nach und nach geheilt werden.
  • Die Exerzitien helfen, sich langsam diesem inneren Raum anzunähern. Jalics nennt ihn auch „die Gegenwart“. Nur die Gegenwart können wir unmittelbar erleben, Zukunft und Vergangenheit dagegen lediglich als Konstrukte unseres Hirns. Nur in der Gegenwart können wir auch Gott als echtem lebendigen Gegenüber begegnen.

So weit erst einmal zur Einführung, im nächsten Post mache ich mir Gedanken zur theologischen Einordnung.